Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Fliederblüten

Ein blühender Erguß verrinnt sehr sacht…

– Trakl

Vers 1 bis 24:

Am Buchnußberg

Gespenstisch greller Blitz verzuckt
Im Heiligtum der Nacht,
Und weiche Schatten stehn geduckt
In alter Buchen Pracht,
Der Bach, der kein Vergessen bringt,
Wenn er vom Neubeginnen singt,
Hat wie der Traum, den er durchdringt,
Das alte Leid entfacht.

Gelassen steht die Felsenwand,
Auf ihrer Linien Bild
Liegt die verliebt verspielte Hand,
Doch durch der Wipfel Schild
Bricht Tag, der sie nicht duldet, an,
Ich hob den Blick, zerbrach daran,
Daß nichts, was nachts bedeuten kann,
Am hellen Tage gilt.

Sie kam und ging im Buchenwald
Mit ihrem leisen Schuh,
Die Liebesnacht, mein Rufen hallt
Nach dem verlornen Du.
Ich tauschte sanfte arger Not,
Ach ließe ich, wenn Morgen droht,
Der mir ihr süßes Weh verbot,
Nur beide Augen zu!

Vers 25 bis 44:

Bei Meusebach

Um Augen, die verwunschen blau,
In Wehmut blind erschlafft,
Wirbt goldner Dolden Blüten-Au
Verspielt am schlanken Schaft.

Und Tau, von einem Blatt geschenkt,
Den ich getrunken hab,
Eröffnet mir, in Schau versenkt,
Entschwundner Jahre Grab.

Ein Traum, der süß verwegnes Weh
Im Atem, schwer, verheißt,
Verströmt in Bildern, die ich seh,
Bis mir der Film zerreißt.

Vielleicht, daß die erwachte Gier
Die Bilder überkam,
Da schwaches Blut, zu lange hier,
Die frühe Unschuld nahm.

So hör ich, was die Blüte spricht,
Nicht mehr und laufe bang
Aus ihrem Reich, doch mein Gedicht
Trägt ihren Duft noch lang.

Vers 45 bis 68:

Lindenbaum

In einer Nacht, vom Winde
Gezaust und jäh durchblitzt,
Hab ich in eine Linde
Ein kleines Kreuz geritzt.

Um meiner Hand zu reichen
Und meiner Tränen Salz,
Trägt sie das Leidenszeichen
Wie du am schlanken Hals.

Hier hab ich oft zu hoffen
Gewagt, ein Engel käm,
Der uns in Himmel, offen,
Zusammen mit sich nähm.

Und manchmal war im Rauschen
Zu hörn, von Mörderhand
Seist du schon fort, zu tauschen
Den Tag im Dunkelland.

Und weiter sprach die Krone:
Ich ging zum Richter hin,
Daß er mich nicht verschone,
Bis ich verwandelt bin.

Doch Sturm hat mich betrogen,
Der sie entwurzelt hat,
Und du bist fortgezogen
In eine andre Stadt.

Vers 69 bis 92:

Die Quelle

Den Fels, der Trost und Helle,
Des Wandrers Himmel deckt,
Hat die versteckte Quelle
Mit erstem Grün befleckt.

Ich wußte, vierzehn Tage
Muß durch Gebirge, schroff,
Mein Weg in deine Frage,
Der ich entgegenhoff.

Sie wußte nichts vom Leben,
Das ihre Wasser trank,
Und ihr verschenktes Geben
Begehrte keinen Dank.

Ich hoffte, vierzehn Nächte
Mit Traum und Fels allein,
Das Flüstern tiefer Schächte
Mög bald das deine sein.

Sie hoffte keine Liebe
Und keinen Lustgewinn
Und war für dürre Triebe
Die große Trösterin.

Ich hab geschaut nach deinen
Gelockten Haarn, verkürzt
Die Wanderung, mit Steinen
Bin ich zu Tal gestürzt.

Vers 93 bis 104:

Geheimnis

Ich hege im Geheimen
Ein fest verschloßnes Glas,
Wenn auch der Trost in Reimen
Den Weg zu mir vergaß.

Ich hab, wenn ich allein war,
Das Glas so oft entblößt,
Den kleinen Gott, der scheinbar
Die ganze Welt erlöst.

Und weiß: Du bleibst für immer
In leichter Abendluft,
Und schwer betäubt im Zimmer
Der Bittermandelduft.

Vers 105 bis 118:

Mein Zeichen

So wie der Samen, der stirbt für die Erde,
Trägt es die Quelle, die Wasser verschenkt,
Hebt es die Sonne, die abends sich senkt,
Fröhlich, daß Morgen am nächsten Tag werde,

Stickt es der Wind aller Zeit in den Saum,
Wie auch dem Baum, den die Axt tödlich schlug,
Kraftlosem Stroh, das doch Ähren einst trug,
Einmal sich gebend, doch einsam im Traum,

Lebt es im Bache, der mündet im Fluß,
Weiß es sich mündig in allem, was treibt,
Rechtfertigt es auch den kühnsten Entschluß

Dessen, der reuelos stürzend es schreibt
Über das tötend gebärende Muß:
Es ist mein Zeichen, das Zeichen, das bleibt.

Vers 119 bis 142:

Erster Frost

Der Sandale
Sanfte Spur
Brach in kahle
Herbstnatur.

Was die Ernte
Galt im Licht,
Der Besternte
Achtets nicht.

Hölzer faulen
Vor dem Dach,
Hunde jaulen
Ungemach.

Was den Tieren
Längst geschah:
Zu verlieren
Sind wir da.

Eine Mauer,
Dornbespickt,
Hat die Trauer
Heimgeschickt

In die Zimmer,
Da sie schmilzt,
Wenn du nimmer
Wachen willst.

Vers 143 bis 154:

Blaue Blume

Wenn ich, umspielt vom Traum, der Kummer
Und Freude war, am Fenster steh,
Dann bricht aus ihrem tiefen Schlummer
Die blaue Blume durch den Schnee.

Dann hoff ich, daß in deiner Nähe,
Wo gleichen Winters Stille währt,
Dies Wunder ebenso geschähe,
So daß dein Blick von mir erfährt.

Vielleicht bist du im Sturm der Nächte,
Der mich umtobt, als riefe wer,
Vielleicht, daß er dich wiederbrächte,
Doch diese Blume niemals mehr.

Vers 155 bis 170:

November

Wo die kahlen Bäume
Ihre Äste strecken,
Werden meine Träume
Keinen Trost erwecken.

Und die Fröste kratzen
An gebrochner Stütze,
Und, begrenzt von Spatzen,
Schwappt die volle Pfütze.

In gedrängtem Lärmen
Hocken sie, die längste
Nacht ist nah, sie wärmen
Alle dumpfen Ängste.

Doch der Blätter letztes
Schwebt in Nebelschleiern,
Und ein Zeichen setzt es
In die Schwermut, bleiern.

Vers 171 bis 186:

Park Sanssouci

Wir liefen blind und selbstvergessen,
Verfolgt von einer Rätselspur,
Die wir gezeichnet, auszumessen,
Wo Kunst beginnt und wo Natur.

Wir stilisierten unsre Schritte:
Wenn einzig die Verwandlung gilt,
So sei uns im Symbol der Mitte,
Die unsichtbar, ein Ebenbild.

Uns trieb ein Nachhall von verlornen
Gefühlen, die im späten Herbst
Sich tummeln, doch die traumgebornen
Verschwiegen, was du mir vererbst.

Und Fliegen, die schon bald verenden,
Umschwärmten unsern Unverstand,
Und manchmal schien auf unsern Händen
Ihr schwarzer Schatten eingebrannt.

Vers 187 bis 196:

Die Katze

Sie kannte keinen Traum und keine Trauer
Und keinen Herrn. Wie tiefgeschwärzte Nächte,
So war sie ganz und überwand die Mauer.

Sie war im Einklang mit sich selbst, die Rechte,
Die sie nicht nahm mit angespannter Hüfte,
Umschlossen sie wie tiefen Abgrunds Schächte.

Sie glitt in stolzer Anmut über Klüfte,
Dort sehn sie Sklaven, froh der Freiheit, traben,
Die Uhr schlägt, und es zittern leicht die Lüfte --

Am Morgen liegt die Katze tot im Graben.

Vers 197 bis 210:

Einmal fliegen

Ungestillt zeitlos verharrte mein Lieben,
Begehrend lag ich oft nächtelang wach,
Im Winterwind traurig, verzweifelt und schwach,
Sah ich verwundert ein Vögelein fliegen.

Es nahm meine Liebe aus grauen Intrigen,
Hoch in den Himmel, es schwang sich vom Dach,
Aber das Herz, ob das Auge auch lach,
Gewahrte das Meer, wo die Kräfte versiegen.

Liebe gebar sie, doch nichts ist geblieben,
Das Vögelein flog mir nicht lange umher,
Die Wolken erdrückten es eiskalt und schwer.

So wertlos und tot am Erdboden liegen --
Bläulich zerfrorn seh den Vogel ich leer.
Ach, wenn gleich ihm ich geflogen doch wär!

Vers 211 bis 252:

Verfall

Sehnsuchtsvoll vor den Ruinen
Frühgeliebter Träume stehn,
Toten Sonnen, die einst schienen,
Huldigen, doch weitergehn,
Meinte Sommer, frühlingsfroh,
Und es schien, ich ebenso.

Und ich schwenkte meine Grüße
Manchem goldnen Falter hin,
Schmeckte Reifens Honigsüße,
Sah im neuen Tag Gewinn
Und im Wechsel Wiederkehr
Einer Kraft, vor allen hehr.

Doch mein Schauen mußte zeigen,
Was ich besser nicht gesehn:
Blasser Kinder Totenreigen,
Geier, die nach Beute spähn,
Trauer, Traum und nie ein Ziel,
Nur Betrunkner Würfelspiel.

Wo die Brunnen lüstern locken
Aus verwittertem Gestein,
Brachen Götter ganze Brocken
Unverdautes, Rotz und Schleim,
Und ihr Todesröcheln ward
Die Musik auf meiner Fahrt.

Und der Götter Spielgefährten:
Blume, Baum, kristallner Quell,
Schwanden mit verbrannten Gärten,
Und ihr Schreien, kurz und grell,
Schlang ein Feuer, ausgesandt,
Drin ich mein Gesicht erkannt.

Ich verkroch mich in die Sümpfe,
Sah die Sterne blaß und blank,
Und ich sah die Flucht der Nymphe,
Dorn entriß ihr Nachtgewand,
Was die Seide mir vergieß,
War ein Wort, das Wind zerblies.

Und ich suchte es zu fassen,
Und ich spann so manchen Reim,
Und ich konnte dies nicht lassen,
Doch ich holte sie nicht heim.
Und so fahr ich leblang fort,
Doch ich finde nie das Wort.

Vers 253 bis 268:

Dunkle Wälder

Dies vertraue keinem andern:
Dunkler Wälder Namentausch,
Wiese, Wind und Weiterwandern
Waren Tod und Todesrausch.

Stille Lieder und Gedichte,
Liebe, angstvoll, schnell und stark,
Waren Tod und Todgesichte,
Die ich im Geheimen barg.

Gott, verraten und geschunden,
Seine Worte, sternenher,
Waren Tod und Todeswunden,
Liebesbürde, doppelt schwer.

Wandre weiter und versäume,
Wo das Mohnfeld Tag verschlingt,
Dunklen Tod und Todesträume,
Drin dein Lied sich weitersingt...

Vers 269 bis 304:

Der Bilsengott

Verwandler, der Verlangen
Und holdes Fieber schürt,
Der Leib, im Licht gefangen,
Von Kleidern eingeschnürt,
Blüht unter deinen Zangen
Und bäumt sich, lustberührt.

O Lust von Todes Gnaden,
Die tief im Kräuticht reift,
Laß mich im Wahnsinn baden
Und sei, in Brunst gesteift,
Ein Gott, der zornbeladen
Durch tiefe Schwärze schweift.

Weck Larven auf, Lemuren
Mit Schleim von Lurch und Molch,
Zerschlag das Herz in Fluren
Von Stein, beschäm mit solch
Gebieterischen Spuren
Der Assassinen Dolch.

So fach die schwarze Flamme
Und lösch dem Tag Gesicht,
Wenn einer Lust verdamme,
Entkomm er Ketten nicht,
Und bis zum Grund zerschramme
Dein Stoß, bis er zerbricht.

Das Buch vertrau dem Feuer,
Denn einem, sagts, gelangs,
Ihm war sein Antlitz teuer
Bei Strafe Untergangs,
Er trägt zerbrochnes Steuer,
Am Hals das Mal des Strangs.

Dem Rauch, verdunkelnd, weihe
Dies allerletzte Bild,
Daß niemand mehr verzeihe
Und keine Gnade gilt
Und die Musik der Schreie
Zu Orgeltönen schwillt.

Vers 305 bis 352:

Elegie

Die großen Vögel kehren aus den Schwärzen,
Aus nackten Himmeln, sternenlosen, blinden,
Im Sturm der Schwingen loschen Herd und Kerzen,
Und niemand wird die Sonne wiederfinden.
Ein Schrei, erstickt, die Worte auszumerzen,
Die Echsen, die sich todwund weiterwinden,
Die Blitze und die Horizonte blauer
Erleuchtung leiten meinen Gott der Trauer.

Ich lag im Hain, verspielten Rufgeräuschen
Der Lauscher, der auf seine große Stunde
Die Muster träumt und, Fliegen fortzuscheuchen,
Die Hand nicht hebt und im geschloßnen Munde
Melancholie, die niederfiel zu täuschen,
Begehrt und heimführt, wenn vergeßner Kunde
Die Bilder dichten, vor der Zeit gewußte,
Ein Träumer, der den Traum vergessen mußte.

Ein Land, von Bergen, wild gezackt, umrandet,
Die pfadlos sind, und nur dem Flügel offen,
Verhießen Klippen, manches Wrack, gestrandet,
Und Jahre, die auf hohe Einsicht hoffen.
Ein Adler, der im Innersten gelandet,
Verriet nichts als die unbegehbar schroffen
Begrenzungen, die er zu überfliegen
Die Sonne focht, nach höherm Glanz verstiegen.

Mir wird das Haupt kein Rat, kein Weckruf heben,
Und auch die Sanduhr wird kein Heros drehen,
Nur manchmal spricht die Glocke, daß das Leben
Verrinnt bei dem Versuch, es zu verstehen.
Jedoch die Ahndung zittert im Epheben --
Und was verschwommen mag mir ganz verwehen
Die Hütten wie die falternden Paläste
Im Wind, der von der Linde reißt die Äste.

Kein Sturm, doch Stimmen, bohrend und verstiegen --
Sie suchen wohl, daß ich mich noch ermanne?
Was gilt die Zeit vor hoffnungslosen Kriegen
Dem Traurigen, der leise seufzt im Tanne?
Zum Bogen werd die Esche ich nicht biegen,
Kein Luchs wird sehn, daß ich die Sehne spanne.
Was für ein Los geworfen ist dem Müden?
Weiß es der Zug, der herkommt aus dem Süden?

Die großen Vögel kehren aus Gefahren,
Verborgenen, solang uns Tag behütet.
Sie sind der Himmel, Flur und Flut zu paaren,
Wenn Erde bebt und das Gewitter wütet.
Doch wer, wenn sie sich diesmal offenbaren,
Hebt blitzgezeugt und irden ausgebrütet
Das Horn um Stoß und überwölbt mit Dauer
Die große Stunde für den Gott der Trauer?

Vers 353 bis 400:

Am Ufer der Elbe

Vergiß die Farben dieser Stadt, die Klänge
Und alle, die die Adern ihr durchwimmeln,
Den Tag und laß der Sommernacht Gesänge
Von Sorge nicht und Vorbericht verstümmeln,
Glaub nicht, daß eine Deutung uns gelänge,
Wenn wir den Rausch verwürfen, milden Himmeln,
Vom Strom, der unsern Atem netzt, befeuchtet,
Entflöhn und seinem Glanz, der uns durchleuchtet.

Und laß uns, eh wir weitergehn, verneigen
Das müde Haupt, gebannt von Schlangenwegen,
Und einmal in die schwarzen Wasser schweigen,
Die Tode heiter und geheim erleben,
Denn was wir sonst in bunter Flut verzweigen,
Darf tief geeint an diesen Ufern schweben,
Vermutend, daß der kalte Strom uns riefe
Zur Neugeburt im Innersten der Tiefe.

Was hier verfloß, verlangt nicht nach Gestaltung,
Im Stamm verloren Zweige sich und Blüten
Des Baumes, dessen Keime um Entfaltung
Nicht Licht und seine Leichtigkeit bemühten.
Sie kennen nur die abgewandte Haltung,
Sie werden und verstreuen nichts, sie hüten
Den Traum der Heimkehr, den Gebildern flüchtig,
Ist schon der Quell nach Untergängen süchtig.

Dies Bild soll uns in eigner Weis berühren
Und sagen, daß wir diesem Strome gleichen,
Wir fallen, um uns inniger zu spüren,
Und suchen unsre Gründe zu erreichen.
Wir sind gewiß, was wir auch je erführen,
Es bliebe wie Endymion ein Zeichen,
Das Jahr und Tag vertut, als ob man schliefe
Zur Neugeburt im Innersten der Tiefe.

Es steht im Anfang immer schon das Ende,
Und weil wir jung, sind wir in Wahrheit Greise,
Wir ziehn zu Tal und reichen uns die Hände,
Derweil der Weg gemächlich wird und leise.
Daß einer bang, daß er die Heimat fände,
Es macht uns lachen auf der ganzen Reise,
Der silbernen, auf der wir mürb und schmächtig
Die Augen reiben, kalt und übernächtig.

So bleibt uns, daß der krumme Pfad schon immer
Zur Mündung schritt im Zeichenkreis der Fische,
Und was uns sang, verriet den Saitenstimmer,
Sein Abendmahl und die gedeckten Tische
Des großen Stroms und seine weiten Zimmer,
Drin Psyche schwimmt und uns befiehlt: vermische
Der Flut, dich träumend, deine Traumarchive
Zur Neugeburt im Innersten der Tiefe.

Vers 401 bis 418:

Dem Selbstlosen

Ich ging spazieren, hochgemut,
Und fand die Wege, zahllos, gut,
Wie ein Gebirgsbach niederschäumt,
Doch er, ich sah, von Müh gebeugt,
Die Sonne nur als Schweiß bezeugt,
Als Knechtschaft, die Erlösung träumt.

Ein Notschrei fleckt die weite Flur,
Ein stummer Blick der Kreatur,
Die unterm Joch nach Beistand fleht,
Kein Gott, der diese Einfalt stört,
Und wie das Amen selbst gehört
Vergeblichkeit zum Bittgebet.

Ob ich mich rasch vorüberschleich,
Für ein Almosen viel zu reich,
Dem Tag zu froh für Selbstbetrug?
Gott schweigt auf weiter, weiter Fahrt,
Doch seine Schatten, dicht geschart,
Versehn sein Amt gerecht genug.

Vers 419 bis 468:

Weidengesang

I

Du, auf den dunkelnden Wassern,
Bist du mir gütig gesonnen?
Des Abends Verwandlung wird kommen.

Sonne, uralter, versinkst du,
Willst du nicht sehn, ob ich schlafe?
Der Abend deckt Wölfe und Schafe.

Weide, geschmeidige, weiche,
Wirst du mir beistehen, wenn ich
Den Abend allein nicht erreiche?

II

Nur wo die blinden Farben
Die Farbenschwere fliehn,
Solln unsre gleichen Narben
Noch einmal weiterziehn.

Denn eine Frau, verschleiert,
Sie trägt den Mond allein,
Die Nacht, dahin sie feiert,
Muß unermeßlich sein.

Wo Schweigen, angesammelt,
An ihren Fingern klebt,
Ein Lied, im Wahn gestammelt,
Den Weidenbaum umschwebt.

III

O du Weide, verhaltenes Wiegen
Der vergangenen Lichter, sag, schlüge
Deinen Wurzeln das Winterglas Wunden
Ohne Anwort im Echo der Nächte?

Sind die hauchdünnen Zeichen, die Silben,
Was verquollenen Schlünden entronnen,
Auf dem Schrei viele Wasser, wo keinem
Je gereicht ward das Letzte, nur einmal,
Wo ich eintauch ins Alles-Begehren.

Wo das Scherbenblut, kupfernes, schillert,
Auch die Schatten am Ufer zerbrechen,
Und ein Wetterbaum wuchert in Himmel,
Wenn das Ganz-Haben-Wollen umhergeht,
Daß die Nacht, die gestürzte, sich zwinge
Durch verknotete Zweige, die zittern.

IV

Weites Gäst im Schimmer
Sternheller Nacht,
Selbst sich betörend, versucht es mich immer
Sacht.

Keiner der Lieben verstünde
Antwort zu geben dem werbenden Baum,
Trauer und Traum
Sind seine Gründe.

Er übergibt sich den Zweigen,
Reifend
Zwischen noch dunkleren Gästen.

Keiner bewacht ihn begreifend,
Unter den Ästen
Wanderer, hast du zu schweigen.

Vers 469 bis 480:

Wolken

Wolken bewachen die schweigende Erde,
Lieben aus Wasser, das leichter als Luft,
Alles Vermuten wird Gunst und Gebärde,
Atmet Musik und verschwendeten Duft.

Wolken versprechen die Heimkehr im Hafen,
Täuschen die Fahrt, die im Nebel versinkt,
Alles Vermuten und alles Verschlafen
Hütet ihr Meer, das der Einsame trinkt.

Wolken, auch sagt mir mit trunkener Geige,
Waltet die Lust, davon Leichtigkeit spricht,
Unter Verborgenem, das ich verschweige,
Oder verrät sich der Glanz im Gedicht?

Vers 481 bis 496:

Fliederblüten

Wiedergeborn ist der Seele
Fisch, unter lächelnden Geiern
Teilen die Flocken, zerstäubt,
Schamhaarbewachsene Teiche.

Bittersüß ist die gefundne
Hand die Versuchung geworden,
Denn das Verfloßne verschenkt
Nur für die Nacht seinen Namen.

Tonlos aus torfig verwachsnem
Grund greift uns an das Zerträumte,
Und unsre Treue versucht
Weit in die Weichen zu treiben.

Schal tropft das Wasser aus deinen
Haarn, wenn die Angler ergrauen,
Einzig der Flieder bestreut
Treulos die fliehenden Fische.

Vers 497 bis 516:

Hermannswerder

Triff mich nur im Abgelegnen,
Wo die leisen Worte schwimmen
Und die Halme, uns zu segnen,
Spielerisch den Tag erklimmen.

Fremd vertraut sind es die seichten
Wasser, die uns schmiegsam fließen,
Wenn wir laufen und mit leichten
Füßen dunkle Münder schließen.

Wenn aus uns die Glocken läuten,
Was Geburt uns aufgetragen,
Schweig, denn ungewollt erbeuten
Wir den Weg in unsre Sagen.

Ins Gesprüh der kleinen Wellen
Die vernarbten Ohren tunke,
Denn sie wollen mehr erhellen
Als der Kiebitz und die Unke.

Aufschub sollst du nicht erhoffen,
Wenn der Herbst in sanfter Schwebe.
Hier sind alle Türen offen,
Darum geh, vergiß -- und lebe!

Vers 517 bis 526:

Metamorphose

Schau im Hinterhof der Städte,
Wo der Hall Konturen schlingt
Und, von Zweck verschont und Wette,
Stein, als ob er Zungen hätte,
Den vertriebnen Geistern singt.

Wo, was übrig blieb, den glatten
Boden deckt, aus mancher Zeit,
Schimmert wie ein Riß der Schatten
Fahlem Licht im Spiel der Ratten
Der Ruin zur Heimlichkeit.

Vers 527 bis 542:

Die Türen

Kein Heim auf der trostlosen Halde,
Kein Herd oder Dach, nur die Pforte
Steht noch wie ein Engel im Walde
Allein am verlassenen Orte.

Sie kündet vom Heimkehr und Wandel
Und sie wiederholt meine Frage:
Was suchst du zu finden im Handel
Mit Träumen vergangener Tage?

Sie weist auf die Seiten der Schwelle,
Wo Austritt und Eintritt sich gleichen,
Ragt sie, da sich sämtliche Fälle
Erübrigen, einsam als Zeichen.

Das gleiche davor und dahinter:
Die Straßen, die nirgendwen führen,
Der Herbst und der drohende Winter
Und zwischendrin: stehende Türen.

Vers 543 bis 566:

Der Hohlweg

Aus einem Hohlweg erreichen
Ziellose Stimmen die Flur,
Über dem Boden, dem weichen,
Zittern und kriechen sie nur.

Aber sie wissen von Träumen,
Da ich gelebt habe einst,
Und sie erzählen von Räumen,
Darin du niemals erscheinst.

Wissen die magischen Orte,
Daß unsre Tage gezählt?
Jenseits der hölzernen Pforte
Hätt ich dich niemals erwählt.

Und meine liebende Klage
Wüßte nicht länger, warum,
Was ich im Herzen ertrage,
Bliebe mir namenlos stumm.

Doch eine innige Trauer,
Der ich den Namen nicht spür,
Mischt sich dem seligen Schauer,
Wenn ich dich liebend berühr.

Darum sei möglich, daß dorten
Tiefere Liebe verlor,
Und an den magischen Orten
Findet ihr Kummer mein Ohr.

Vers 567 bis 590:

Die einsame Gasse

Lange nicht als meine Schritte,
Endlos mit mir voller Streit,
Bis sie uns gab als die Dritte
Schweigend ihr zartes Geleit.

Dorthin, wo Schatten verschwimmen,
Wie sie das Gassenlicht schenkt,
Haben die inneren Stimmen
All mein Begehren gelenkt.

Pausenlos tropft eine Rinne,
Kündet die nahende Schlucht,
Deren Geruch meine Sinne
Ruhelos schweifend gesucht.

Tagsüber laufen so viele
Durch sie, als wären sie taub,
Abends dann spieln wir die Spiele
Heimlich und träumen von Raub.

Unter den bröckelnden Mauern
Hat mir ein Genius vertraut,
Daß ich verlasse mein Trauern
Wie eine Schlange die Haut.

Daß ich das Heitre verpasse,
Kümmert mich freilich nur kaum,
Weil diese einsame Gasse
Allem Erträumten der Traum.

Vers 591 bis 604:

Tonio Kröger

Die blauen Augen und die festen Schritte,
Die selbstbewußte Wohlanständigkeit
Der Blindheit für die trauerreiche Mitte
Der Dinge weckt dir wehmutvollen Neid.

Du willst den Neid mit Liebe überspielen
Und bietest deine schmale Hand vergebens,
Doch auch der Rausch des liederlichen Lebens
Befriedigt nicht dein unbestimmtes Zielen.

So läufst du voller Zweifel durch die Städte
Italiens, die den Spätern glauben machen,
Hier einte sich der Traum mit Erdenglück.

Du aber, letztes Glied in einer Kette,
Vermagst mit Toten nicht allein zu wachen
Und fällst mit Wucht ins Bürgertum zurück.

Vers 605 bis 618:

Das Erbe

Den Bürgerfleiß der väterlichen Tage
Verriet die Liebsnacht und warf die Bürde,
Vertrauend, daß es recht geraten würde,
Der Nachwelt in die Schalen ihrer Waage.

Jedoch die Zeiten, unheilvoll, erkoren,
Im Urteil schwankend, ungewohnte Bahnen.
Im Sohn, der ihre Träume litt, verloren
Verdienste sich und Segnungen der Ahnen.

Die ihn erhielten, ihren Bräuchen treulich,
Erfuhren nicht, was nur dem Vater greulich
Enthüllte, wie sein stolzer Stamm verdorrte.

Da reute ihn, was er aus sich gegeben,
Er sah den Glanz verrinnen wie sein Leben,
Verfluchte sich und Gott im letzten Worte.

Vers 619 bis 632:

Gesellschaftsspiel

Tyrannen walten. Selbsternannte Weise
Begegnen sich zu nächtlichen Disputen,
Sie nennen die Gerechten sich, die Guten
Und mutig die Gedanken ihrer Kreise.

Sie glauben an die Freiheit ihrer Thesen,
Das Volk ist ihnen stets der wohlvertraute
Gewährsmann, wer verworren spricht und laute
Ideen predigt, gilt als recht belesen.

Wie gleichen die Gesichter ihren Feinden,
Die könnten solche Szenen eingemeinden
In ihr Theater, Mittelmaß und fad.

Doch ihr Geschäft, von greisenhaften Schemen
Beschwert, vermag sich nimmer zu bequemen,
Bis andre Dummheit kommt und Meucheltat.

Vers 633 bis 646:

Dichterlos

Gedankenspiel, o Spiel der Dissonanzen,
Von Süchten prall und linden Traurigkeiten,
Wir müssen durch verfallne Gassen schreiten,
Uns vor dem Pöbel dieser Stadt verschanzen.

Mein Lied, dies werden keine guten Zeiten,
Ob andre besser warn? -- In meinem Ranzen
Liegt mancher Gold, doch um zurück zum Ganzen
Zu gehn, genügen auch die sturzgeweihten.

Sie bringen meinen Leib und Geist zur Strecke,
Versteigern, was ich hab, für niedre Zwecke
Und zwingen deinen hohen Mut ins Joch.

Doch sag, was geht mich noch in Sommerwärme,
Wenn ich als Falter über Wiesen schwärme,
Die Raupe an, als die ich schutzlos kroch.

Vers 647 bis 660:

Namenloses

Ein Festsaal von erlauchten Prädikaten
Palavert drum, welch Tun in dieser Runde
Den Lorbeerkranz verdien, und manche Stunde
Entflieht, indes sie eingesperrt beraten.

Erst als die Langeweile läßt entschlafen
Die letzten auch der flügellosen Larven,
Betritt der Gast, den sie gebläht verwarfen,
Das Hirn, wo sich die großen Taten trafen.

Er hält an ihren Rändern, grundlos, Wacht,
Er breitet seiner Wirklichkeiten Macht,
Erhält sie, wie der Hirt die Herde hegt.

Im Möglichen, wo Sein Vergessen schenkt,
Spannt er das Netz, das ihren Absturz fängt,
Und flieht, wenn dort sich ein Gedanke regt.

Vers 661 bis 730:

Stunde vor Tag

I

Du segeltest im Land, wo sandverschneit
Maßloser Götter Tempel ausgestreckt,
Zu hoch, als daß dich meine Stimme schreckt,
Die letzte Lust aus dem Vergessen schreit.

Den Fittich und dein Traumgesicht versteckt
Kein Wolkenschlaf, in Nebelländern weit,
Du sahst die Schatten deiner Einsamkeit,
Ich deinen, der den Wüstensand befleckt.

Und alles, was mir, dir zu sagen, war,
Erreichte dich im Traum und wunderbar
Erschien es dir, wie Leben, einst gelebt.

Und meine Glieder wurden leicht, Gefahr
Vergaß ich, und ein Strom, der blau und klar,
Schwoll an, bis er den toten Körper hebt.

II

Im Hochgebirg steht Wasser frühlingsfarben,
Ein Spiegel, der geritzt von Felsenbrocken,
Ich wandelte, verführt von blonden Locken,
Auf schmalem Sims, wo Traurigkeiten starben.

Das Wasser zeigt sich grünlich und berandet
Von geisterhaft geformtem, scharfem Strich,
Daran es dauernd, weiß und fürchterlich
Verschweigend in die tiefern Nebel brandet.

Hier ist der Stunden schwerer Gang entmachtet,
Die Träumer fliegen lautlos aus und ein,
Und keiner, der Erinnern draußen spürt.

Doch einmal bleibt vom hohen Grat, umnachtet,
Im Schuh, der dich am Morgen drückt, ein Stein,
Der dich zurück ins das Geheimnis führt.

III

Was ist das für ein Morgen, der den Schönen
So glanzlos macht, so grau und ohne Wesen,
Doch mehr als Gram ist Müdigkeit zu lesen
In Augen, die den wachen Tag verhöhnen.

Er konnte nicht zur Hirtenflöte werden,
Sich nymphenhaft in ein Getön verzaubern,
Es blieben ihm ein Schreien nur und Schaudern,
Bis ausdruckslos verging auch dies Gebärden.

So schmolz er hin zu einem Wüstenflusse
Und wälzt sich ölig weiter noch zur Mulde,
Vergißt, daß er den großen Schmerz erdulde

Dem Gott zur Freude, der im Überdrusse
Sein Herz entließ, und nur wie eine Sage
Vernimmt man seine unerhörte Klage.

IV

Erhoben hab ich mich auf schroffen Steinen,
In die der Fluß die Heimat sich geschürft,
Als kurz er aus Jahrhunderten mir seinen
Vertrauensvollen Gruß entgegenwirft.

Ein Wind verfolgt durch diese Landschaftskerbe,
Die bald sich etwas lichtet, bald sich drängt,
In ihm liegt Gift, ich sehne, daß ich sterbe,
Als Opfertier von ihm im Fluß versenkt.

Doch hör ich leise sprechen den des breiten
Gewässers Jäger, der schon ewig jagt
Und flüstert einen Bruchteil der Sekunde:

Ich werde, was du vorhast, nicht bestreiten,
Doch vordem sei ein Wunsch mir zugesagt,
Die Wasser dir zu Füßen hier umrunde!

V

Der Engel träumt. Sein Fliederblütenkranz
Bewahrt den Duft der Hand, die weinend flocht.
Und Blut in seiner weißen Schläfe pocht,
Die Geigen spielen auf zum letzten Tanz.

Und Brunnen randbeschneit in Stille warten,
Mit patriarchisch weißem Haar bekrönt.
Der Engel seiner tiefsten Neigung frönt:
Er träumt von Flieder, weiß wie Schnee im Garten.

Kein Wind stößt müde Luft aus ihrem Harren,
Die sich der Grubendunkelheit entwöhnt:
In Träume fallen Engel, fallen Narren.

Die Schwalbenbotschaft durch die Gärten tönt,
Und Augen, die nun aus den Dingen starren,
Sind kurz mit Gott und seiner Welt versöhnt.

Vers 731 bis 766:

Inkarnation

Ich trottete, von Sonnenlicht geblendet,
Auf zähem, aromatischem Asphalt,
Die Wärme, arg im Lichtertanz verschwendet,
Lag wie Musik im grünen Hinterhalt.

Und ozeanisch weit, wie Moos weich-eben
Gedieh die Zeit und harrte dem Vertreib,
Die Müdigkeit, die Müdigkeit am Leben
Umrankte wie ein Trauerflor den Leib.

Die Nacht lag in der Sonne, sie besamte
Die Erde mit Verrat und dunkler Gier,
Gestaltloser Unendlichkeit umrahmte
In Wandlungen den Himmelshof der Stier.

Doch bald zerfiel das Bild aus Unterpfänden,
Zertrieb ein zwingendes Gefühl den Deich,
Fuhr wie ein Blitz aus grauen Wolkenwänden
Die Schönheit, blaß und sommerwarm zugleich.

Ein Engel schritt mit Leichtigkeit, die Füße
Berührten nicht den aufgeweichten Teer,
Ich war zu wach, so daß ich meine Grüße
Nicht wiederfand und schrecklich schwieg wie er.

Doch Sturmwind, den sein Atem jäh entfachte,
Trieb Feuer, das aus dunklem Auge loht,
Und auch der Skarabäus, den er brachte,
Wies mir den Weg in den erwählten Tod.

Oh -- rief ich aus -- die deine Art zu lieben:
Im Blütenkelch der Welt entrückt zu sein,
Im Löwenmaul des Eros gleich den Dieben
Des Himmels stehn. Du kennst die Antwort: Nein!

So rief ich, und für die verbrannte Kehle
War nirgends eine Linderung bereit,
Ich blieb allein und nackt an Leib und Seele,
Gefallen in den Ozean der Zeit.

Ich trottete, von Sonnenlicht geblendet,
Auf zähem, aromatischem Asphalt,
Die Wärme, arg im Lichtertanz verschwendet,
Lag wie Musik im grünen Hinterhalt.

Vers 767 bis 780:

Noah

Nur Meer umgibt ihn. Seine Tauben bringen
Ihm kein Gezweig, kein staubbedecktes Grün.
Er sieht den Sommer welken und verblühn
Im letzten Lied, in warmen Taubenschwingen.

Das Vogelherz, gut hörbar, scheint zu hämmern
Im Rhythmus seiner Schläfen, hell und hart.
Der Trost prallt ab, und den Gefangnen narrt
Die Hoffnung nur. O würd es endlich dämmern!

Die Nacht zerrinnt. Ein lauter Jubelschrei
Reißt ihn an Land, daß er das Meer verflucht
Und Erde küßt. Doch welch ein feines Weh

Bedrängt ihn immer stärker so, als sei
Die Tapferkeit zerschellt und er versucht?
Er weicht zurück, sticht traumlos in die See.

Vers 781 bis 794:

Moses am Sinai

Die Gletscher waren wie sein Herz geartet,
So still, daß Gott mit Menschenzungen redet.
Er stieg herab, jedoch, von Furcht befehdet,
Das Volk ein Wort, das seine nicht, erwartet.

Er sah die Gier im Unverstand der Meute,
Zerschlug die Tafeln, Tand in solchen Ohren,
Doch stand er nackter noch, als ihn gereute
Die Tat, ihr Sieg, für seinen Gott verloren.

Sie stießen ihn zurück in Einsamkeiten,
Nicht mehr die seinen, und das Herz zu weiten,
Gelang nicht dem Gehetzten, und die schlimme

Verfolgung war der Groll in seinen Sinnen.
Sag: welche Macht wird ihr Gebot beginnen?
Sie sprach, doch war es nicht die erste Stimme.

Vers 795 bis 834:

Judas Ischarioth

O fahr, mein Leben, rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.

Was muß, o Herr, das Menschenherz erdulden,
Von allen Teufeln stets zugleich verwirrt?
Doch nein, die meine Liebestat entschulden,
Sind schlimmer als der Liebende, der irrt.

Sie werden sagen, um das Volk zu retten
Geriet der Plan, der meinen Herrn versucht,
Und andre, geistig ärmere noch, wetten,
Ich sei von allem Anbeginn verflucht.

Ich habe nur geliebt, wie Menschen lieben,
Mag sein, mich selbst in ihm, und möglich sei,
Daß uns gerade dort Dämonen schieben,
Wo Wollen wählt und, wie wir glauben, frei.

Ich laufe und ich höre die Trompeten
Des Irrsinns: handle rasch, solang du denkst!
Verbrauche zu Visionen und Gebeten
Die wilden Kräfte nicht, bevor du hängst!

Ich ließ die Stadt, die ekelhaft verdreckte,
Ein Spinnennetz von Götzendienst und Geld,
Und hör die Stimme, die mich oft erschreckte,
Liebkosen noch auf gottverlaßnem Feld.

Wir zogen lang zum Garten, wo entscheiden
Du solltest, und mein letzter Kuß gebot
Gewißheit, was geschrieben steht und beiden,
Doch nun erkenn ich dich als meinen Tod.

Und meine Jugend wird am Strick verkommen,
Und keine Macht dir, mich zu strafen, blieb,
Denn da du das Gericht auf dich genommen,
Verrietst du, was mir heilig war und lieb.

Ich weiß, daß ich der Teufel bin und läster,
Doch dies verschlimmert kaum, was längst zuschand,
Und dieser Ast, dies glaube wohl, ist fester
Als Jüngerschaft, die mich im Leben band.

So fahr mein Leben rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.

Vers 835 bis 918:

Amor intellectualis

I

Einst zogen wir vertrauend los und hielten
Im Meer, das in der Musen Herrschaft stand,
Auf kühner Fahrt, die kein Genügen fand,
Auf Sterne Kurs, die auf dem Wasser spielten.

Wir überließens bürgerlicher Enge,
Zu messen, was der Fang an Reichtum barg,
Jedoch am Ende war die Ernte karg,
Nur wenige erreichten schöne Strenge.

Die schlugen ihre Lager an den Quellen
Und in Gebirgen auf. Die Lebenswaage
Sprach Tod in Nächten, Tod am nächsten Tage.

Das Grabmal aber, so gelebt, den Zeiten
Unsterblichkeit, bezwang den Tod in hellen,
Saphirenen und stolzen Einsamkeiten.

II

Wir fanden uns am Nabel des Modernen
Zu viert, ein Kreis verschwenderischer Hirne,
Durchforsteten Geschichte und Gestirne
Nach Träumen, uns verwandten, in Tavernen.

Aus kahlen Schluchten schlugen Kaktusblüten,
Und Götter traten ein und ungeschlachte
Gestalten, die, solang uns Bacchus lachte,
Erbaten, daß wir deuteten die Mythen.

Auf Bergen sahn wir Adler Schlangen tragen,
Die Wehmut trieb das blaue Meer zur Nacht,
Diotima der Zärtlichgroßen dacht...

Doch Bacchus ging so bald, und auch die Schar
Verstreute sich in bunten Tagesfragen,
Bis ich allein mit meinen Träumen war.

III

Wir sahn die Stadt. In fliehend aufgereckten
Gebäuden, wo in glasbedeckten Schotten
Blutsauger ihre Brut zusammenrotten,
Erahnten wir Büros von Architekten.

Hier wachte Macht in unbedachten Schritten,
Daß, was der Mensch dem Menschen schuf, versage,
Wir staunten, etwas abseits nur am Tage,
Auf Sicherheiten, die uns jäh entglitten.

Die Straße wurde breiter, und die Türen,
Die in Gespinste, undurchdringlich, führen,
Versprachen Schmerz dem Schauenden und Schrecken.

Wir durften Sonne, staubvermischte, spüren
Als Schinderin und Schmach, das Blut zu schmecken
Der Opfer, die in dieser Stadt verrecken.

IV

Die Morgennebel durften uns behagen
In Merlins Reich, und wie die Jahreszeiten
Im Tagesablauf ihren Abglanz breiten,
Fand Tollheit, die erwachte Herzen tragen,

Verwandelt, was die Wege fleckt und flutet
Mit Mustern mancher Gegend, die wir rüsten.
Oasen sahn wir, Sphinxe, goldne Küsten,
Wenn in Pergolen Herbstbefallenes blutet.

Wie wußten nicht, daß unsre Quelle speiste
Ein Wort, das auszusprechen uns verboten,
Und nahmen als gegeben das Bereiste.

So wehrte uns kein Taschentuch mit Knoten,
Daß spurlos uns verließ das Allermeiste,
Kaum daß die Flammen dieses Tags verlohten.

V

Der Bahnhof lag verstört wie ein Orakel,
Das immer sagt: Wie sinnlos -- euer Tun!
Wir trotzten ohne Hoffnung, denn zu ruhn,
Schien schlimmer als das blödeste Spektakel.

Die Güterzüge quietschten auf den Weichen
Und standen mit der lauen Nacht im Zank,
Da lehnte am zerrißnen Fahrplan schlank
Der Freund, den wir begehrten zu erreichen.

Er nannte seinen Namen und verneinte
Vergeblich, der Gesuchte uns zu sein,
Und dachte wohl, bei ihm läg solches Glück.

Wir konnten nicht begreifen, was er meinte,
Doch da fuhr schon mit Lärm der Nachtzug ein.
Wir stiegen ein und kehrten nicht zurück.

VI

Der Morgen kam, und seine erste Röte
Schlich wie ein Katzentier in unser Zimmer.
Wir saßen stumm und bettelten den Schimmer
Der Sonne, daß sie letzten Aufschub böte.

Wir glaubten nicht, daß die verlorne Stunde
Zurückkehr und ein letztes zu erklären
Uns bliebe, doch wir harrten aus, als wären
Wir steinalt, und das Wort erstarb im Munde.

Die Hände, blutlos und verwelkt, umwanden
Relikte eines Sommers, dem ein zweiter
Wie er sich selbst, an diesem Tag abhanden.

Und Schwalben, suchend reingeschneit, um weiter
Zu fliegen, flohn. Wir schauten sie, verstanden,
Und sahn uns an, noch einmal, fest und heiter.

Vers 919 bis 960:

Apollon

I

Von Brand und Beben traumschwer bleich,
Schweigt seine Stadt, ein düstres Los
Ist ihr bestimmt, es künden bloß
Noch Lieder aus dem toten Reich.

Der Nabelstein, den sein Erscheinen
Dem Python neidet, höchst begehrt,
Verlor die Kraft, das Liebesschwert
Verfiel in marmornes Verneinen.

Und Lorbeerblättern fern zerschliefen
Versuchungen, die er versenkt
In Wassern ohne Grund und Licht.

Sie stürzten schnell aus seiner Sicht
Und fallen ewig in den Tiefen,
Mit seinem schweren Herz behängt.

II

Ich liebte ihn, und meine Neigung
Gestand mit knabenhafter Scham
Ich seiner Reinheit und vernahm
Betroffen wirreste Verschweigung.

Ich Frevler hatte ihm zu nahn
Gewagt. Welch dreistes Unterfangen!
Doch sah ich mehr als mich in bangen
Verwundungen ihn angetan.

Er sprach viel mehr, als seinesgleichen
Für ihre Spielgefährten finden,
Und wirkte kindlich ungewiß,

Um dann im Schatten alter Eichen
Zu spieln mit welken Hyazinthen
Und mit der Blume des Narziß.

III

Das Spiel von Liebe, wilder Gärung
Mißlingt, denn seine Gottgestalt
Verfehlt die kühnste Mordgewalt
Und die romantische Verklärung.

So ward sein schöner Leib beleckt
Von Wolken, die umarmend ließen
Das Irdische in Dunst zerfließen,
Hätt ihn nicht Vogelschrein geweckt.

Er wankt, denn aller Geist verwehrt
Den Blick auf seinen blauen Sand,
Das Aug dagegen zeugt Verfall --

Und wie der Sand, der Sein begehrt,
Irrt nachtumspielt Apollons Hand,
Den Styx vermutend, durch das All.

Vers 961 bis 992:

Luzifers Stein

Gebieterisch und süß aus tiefem Schlafe
Trieb mich ein Ruf von unbekannter Seite,
Und durstig nach Gefolgschaft und nach Weite,
Erhob ich mich als dienstbeflißner Sklave.

Der Rufer schritt voran. Welch hoher Stil,
In Glanz und Gnade seiner selbst entrückt!
Und lustvoll, wie ein kleines Kind erschrickt,
Durchquoll mich Dunst, romantisch und febril.

Am Wegrand sahn in höfischen Manieren
Uns Engel zu, die Wege uns zu zeigen,
In Frömmigkeit und sinnlichem Verschweigen
Der Führer zog durch blaue Ouvertüren.

Im Morgenrot die Gralsburg schimmernd lag.
Die Engel flohn. Ein goldener Pokal
Stand halbgefüllt, verwaist im großen Saal.
Mit staubig strammer Geste kam der Tag.

Das hektische Getu in Hinterzimmern
Drang kurz nach vorn mit nächtlichem Geflüster.
Kalt wie ein Fluch und unermeßlich düster
Lag in der Luft ein gottverlaßnes Wimmern.

Und zärtlich traurig keimte Liebesraub
In meiner Seele wehem Vogelflug,
Und meine Hand, ihn sanft berührend, trug
Die Wollust, und sein Leib zerfiel zu Staub.

Ich wurde blaß, mein Antlitz zu verfemen
Und alle Liebe, die mit seidnen Stricken,
Mit Wollust, goldnen Händen, kalten Blicken
Ermordet, schrien im Saal die Chrysanthemen.

Da sann ich zag, indes sie weiterschrien:
Was war er meiner Trauer hold und schlicht?
Als hätte ich versucht, für mein Gedicht
Die linnenweiße Haut ihm abzuziehn.

Vers 993 bis 1006:

Ertrunkener Jüngling

Wie Mondschein lehnt er bleich an einer Weide
Und müht sich seine Fremdheit auszumessen,
Die weiße Haut und Glieder, schlank, vergessen
Vom Fährmann, der ihn traf in schwarzer Seide.

Er horcht in sich, und seine eigne Nähe
Gemahnt ihn an den Trauerlaut der Taube,
Und zweifelnd, ob er schwach genug erlaube
Den Beutezug, umkreist ihn eine Krähe.

Er träumt dem Boten nach, ein Gurren schreitet
Gemeßnen Schrittes, unter ihm ein Beben
Sich langsam zu Unendlichkeiten weitet.

In blutlos grauer Selbstentwandtheit geben
Sich leise über goldbedeckten Rasen
Der blassen Nonnen geistliche Ekstasen.

Vers 1007 bis 1020:

Franz Pander

In stolzen Häusern, hell und marmorn, spuren
Die Diener dem Vergnügen reicher Leute,
Doch er gehörte, fremd im Hier und Heute,
Zu unerlaubt empfindenden Naturen.

Er schrie nach Schönheit, pflegte sich und bleute
Dem Herzen ein, die täglichen Blessuren
Bewahrten, wer bei Mägden lag und Huren,
Beschied die Triebe mit verdorbner Beute.

Denn sein Empfinden, wach und übersteigert
Von so viel Anschaun, ausgelegten Schlingen
Bizarrer Reize, ihrem Kult ergeben,

Erkannte, daß die Zärtlichkeit, verweigert,
Vergeblich war wie er und all sein Ringen
Um Glück, und er vernichtete sein Leben.

Vers 1021 bis 1034:

Ganymedes

Er schwieg sich nackt in seinen Knabentraum,
Sandalenleicht -- sein Schlaf und veilchenblau,
Doch ehrsuchtbleich umwand ein kühles Grau
Bereits den Hain und seiner Kleider Saum.

Der Flammenschein des Feuers am Verlöschen
Schlug gegen eine unsichtbare Wand,
Doch nichts erhob die schöne weiße Hand,
Ein Loch in den erwachten Wall zu brechen.

Der Himmel lag mit leicht verkrampftem Schauen
Und phallischer Begier in dunklem Rot
Und übergoß ihn zart mit Rosenduft.

Die Wimpern fielen leicht, und seine Luft
Ging ruhig. Nichts verriet die schweren Klauen
Und nichts die leise, rauschzerklirrte Not.

Vers 1035 bis 1048:

Eisenach

Zu Tal gelangt, wo schwere Nebelschwaden
Allmählich rissen in erwachter Helle,
Fand ich mein Herz von gotischer Kapelle,
Einst frevler Liebe Zeugin, eingeladen.

Einsiedlerisch jedoch in strenger Zelle,
Sang einstger Faun geläutert Gottes Gnaden,
An seiner Nahrung wimmelten die Maden,
Ich brachte Brot und aus der Felsenquelle

Erinnerung der Stirn, dem Sichelzeichen,
Er flüsterte: Komm, daß ich mich vergesse!
Und im Gebälk ermutigten die Eichen,

Gefällte einst, durch blutige Exzesse
Die Tempel des Gekreuzigten zu streichen.
Nur Ganymed verschlief die schwarze Messe.

Vers 1049 bis 1062:

Chrysanthemen

Die Sonne schien am Horizont zu wippen,
Unschlüssig, ob sie ihren Weg beschlossen,
Jedoch die Wolken, milchig prall, begossen
Ihr Taumeln noch mit schlampig süßen Lippen.

Das Schwanenweiß erglomm im Licht der Moore
Und warb um meine unentschiedne Schwebe,
Geschmückt erschien der Hirt von Rausch und Rebe,
Sein Stab schwoll an und öffnete die Tore.

Ich schritt durch seltner Räusche Sakristeien,
Wo Lust und Qual die gleichen Gifte nehmen,
Und ließ mich keiner Kostverachtung zeihen

Und litt der Lilie Finsternis und Femen
Des Löwen und wie das Gebiß von Haien
Die brüllend reife Pracht der Chrysanthemen.

Vers 1063 bis 1110:

Endymion

Die Sonne sinkt in goldigem Verneigen,
Die Luft bewegen blütenschwere Winde
Voll Wein und voller Abgesang im Schweigen
Des Tags und seiner sprödgewordnen Rinde.
Ich bin ein Schwärmer und vertrau dem Reigen
Des Dämmers, daß ich Hain und Holder finde.
Am Felsvorsprung die Inschrift dunkler Worte,
Ein sanfter Schauder hütet diese Pforte.

Ich trete ein. Die weit gewölbten Hallen
Verräterischer Blicke mir entstreben.
Ich ahne ihn. Ein seltsames Gefallen
Läßt Unberührtes deutlicher erleben:
Sein elfenbeiner Leib, die sanften Krallen
Der Kräuter, die aus den Essenzen schweben,
Und was gereift, im Äther sich zu mischen,
Der Schlange schmeichelt auf gedeckten Tischen.

Die alterslose Jugend, die im Schlummer
Sich breitet, muß dem Monde wohl behagen.
Dem Kommenden entsag und seinem Kummer,
Dem klammen Bangen und dem bittren Klagen!
Im Dämmer ist der Duldende kein Dummer
Wie jene, die dem Trug des Lichts erlagen.
Drum lausch dem Tropfenfall im Salzgefunkel
Und singe Hymnen über Nacht und Dunkel.

Den reinen Traum soll niemals Licht verstören,
Wer reich ist, kann im Tausche bloß verlieren,
Wo alles unscharf schwebt, dir zu gehören,
Wird selbst die Wunde Weiß und Unschuld zieren.
Ich zweifle, ob die Küsse mich betören,
Ob diese Welt von ausgestorbnen Tieren,
Ein Reich sei, drein ich mich am Ziele bette?
Ob ichs nicht grad herbeigerufen hätte?

Der Schläfer ist ein Spiegel für den Wachen,
Ein Bronnen, der den Badenden als Quelle
Sich läßt erfahrn. Was schenken will und fachen
Verwandelt sich an des Beschenkten Stelle,
Und also heißt der Traum mich Träume machen
Vom Stoffe, der besiegt das lieblos Helle,
Weil ihm gewiß, daß Wunder, zu begehren,
Nur aus dem nächtlich Willenlosen kehren.

Und doch! der Morgen sticht durch Zweig und Spalte,
Ein Degen, alles Heimelnde zu morden!
Kein Aufschub, der den Sonnenwagen halte!
Kein Trug, daß es im Hain nicht hell geworden!
O Jugendglück! ich bin der schartig Alte,
Der schrullig wirkt in seinem Überborden.
Die Götter meiden Müh und Tags Gewimmel,
Allein die Nacht macht günstig uns den Himmel.

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