Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Das Jahr des Heils

Schwer ist das deutsche Szepter, – nur ein Gott
Vermocht es frei zu schwingen, wie's sich ziemt.
Neapels Herrscherstab, den ich zu tragen
Gewohnt bin, ist dagegen nur ein Spielzeug.

– Grabbe

Vers 15660 bis 15683:

Sylvester

Wir feiern nicht den Papst des Altertumes,
Sein Name weiht nicht das Kalenderblatt,
Uns ist der Wald, der Wahrer allen Ruhmes,
Der Hirt, der uns das Jahr zu sagen hat.

Das alte soll versinken ohne Gnade,
Und offen lockt, was lenzen uns erführ,
Dem ist um das Vergangene nicht schade,
Wer weit die Tore macht und hoch die Tür.

Die Böller schrein, die Tenne lockt die Trester
Zum Dreschen und zur Jause zwischendrein,
Wir gießen Blei und dann erlabt uns bester
Sylvaner, und ich schenk nicht mäßig ein.

Das Feuerwerk vertreibt die bösen Geister,
Und Hilke schenkt Oxalis ihrem Bärn,
Im Jahreswerk erkennt er sich als Meister,
Und braucht sich keinem anderen erklärn.

Mit Roßhaar und mit einer Fetzenlarve,
Besucht der Percht uns noch vor Mitternacht,
Und wenn hier alles sauber, spielt er Harfe
Und glockt dem Winter, das sein Teil vollbracht.

Das Jahr beginnt für Christen mit der Mette,
Zwar manchmal stört ein Knall den Orgelklang,
Dann weißt du, daß der Drache an der Kette
Wohl rüttelt, doch sich nimmer hebt zum Fang.

Vers 15684 bis 15747:

Dreikönig

I

Dreikönigsfeier: Rauhnachtend,
Die ungewisse Zeit verbrennt
Mit Butterkuchen für den Brauch
Und Liedern aus dem Heischebrauch.

Eisblumen ziern die Fensterfront,
Noch wird der Hügel karg besonnt,
Der Ostwind kratzt an Tor und Luk,
Jedoch der Herd hat guten Zug.

Die Weisen aus dem Morgenland,
Seit Kindheit halten sie gebannt
Spekulation und Phantasie,
Und Einigung gibt es hier nie.

Der eine schleppt Atlanten her,
Propheten weist ein andrer Ehr,
Ob Priester, König, Astrolog,
Bald fehlt nichts mehr im Wortgewog.

Weiß ist die Landschaft nah und fern,
Da liest man Abenteuer gern
Und weiß, solang uns dies gefällt
Ist groß genug für uns die Welt.

II

Caspar, Melchior, Balthasar,
Nennt die Weisen die Legend,
Zwei bis acht gehörn zur Schar,
Die man auf den Bildern kennt.

Wie auch immer, sterngelenkt
Haben Männer, die nicht arm,
Königlich das Kind beschenkt,
Daß es ihrer sich erbarm.

Ob von Saba sie gereist,
Ob von Zarathustras Berg,
Ob die Heimat Indien heißt,
Sicher ist ihr Gabenwerk.

Gold und Myrrhe, Räucherharz,
Stehn für König, Priester, Heil,
Und am Wildwuchs ihres Barts
Siehst du, daß sie sehr in Eil.

Ach schon wieder ein Gedicht,
Wer sie nennt, der fabuliert,
Groß macht eines Buchs Geschicht,
Wer sie immer neu kapiert.

Darum dichte frisch und dreist,
Denn der Herr gab uns Verstand,
Daß beweglich sei der Geist,
Schöpferisch die rechte Hand.

III

Sternsinger trällern vor der Tür,
In Milde unserm Heiland gleich
Nicht Kantors Strenge richt und führ
Die Hand, daß sie vom Kuchen reich.

Auch wer das Betteln sonst nicht schätzt,
Weil es das Arbeitsleben schmäht,
Die Regel heute froh verletzt,
Am Großmutstag von früh bis spät.

Denn jede Regel, die kein Loch
Erlaubt und unerbittlich heißt,
Verpaßt dem Geist ein Schweigejoch
Und wundert sich, wenn er vergreist.

Drum hat der Kirche Jahreskreis
Für Schlemmen Platz und Fastenzeit,
Was einer heut als Freunde weiß,
Das schafft ihm morgen Gram und Leid.

Drum gibt der Herr auch kein Rezept
Für jedermann und jeden Tag,
Und jeder Mensch ist sein Adept,
Der ihm vertraut, ihn herzlich mag.

Vers 15748 bis 15819:

Angelos

I

Unter den Himmeln der Jugend, von Efeu umlaubten,
Wähnst du gewiß, daß die Schlange dir zieme als Stock,
Dunkel erscheinen dir Mären, die Ältere glaubten,
Heldisch dein Stolz, die Engel sind neckisch barock.

So du dich sonnst in Verheißungen, die nichts bedeuten,
Bist du ein Wartender, Eiche, die Blitze nicht kennt,
Aber der Tag, der dir Formen verleiht, wird dich häuten,
Ehe sein Licht dir die Füße und Flügel verbrennt.

Keiner vermutet das Heer in den schlafenden Zelten,
Ehe es auffährt in Flammen und ehern behuft,
Schrecklicher als die Verzweiflung entzauberter Welten
Ist nur der Seraph, der herrisch und jäh dich beruft.

Daß er dich blendet, enthält keinen Freibrief zu weichen,
Bei seinen Schlägen ist Dreinfügen niemals dein Amt,
Jegliche Fristen von Rufen und Heil stehn im Zeichen
Schwertes, mit Macht in den tobenden Eber gerammt.

Du bist Orion und bist auch der sterbende Eber,
Du bist die Flamme, die frißt, was sie hegt und erhält,
Du bist der Adler und auch des Geschundenen Leber,
Die sich erneuert wie Tag die verschlafene Welt.

Immer zu wachen ist erster Befehl des Gefechtes,
Wachen, wo müde, was alles du liebst und verlangst,
Jenseits der finsteren Feigheit des Menschengeschlechtes
Bist du erreichbar nicht weiter für Sorge und Angst.

Glaube ist keiner geringeren Kraft zu vergleichen,
Wer sich besiegt und als Meister die Prüfung bestand,
Braucht nicht das Feuer, um Eden für sich zu erreichen,
Weil er gereift es im eigenen Herzen erkannt.

Dort ist das Heil, das du annimmst wie Atem und Erde,
Weil dir gewiß ist, daß alles, was jemals gescheh,
Aus dem Vollendeten quillt, und das Gotteswort: Werde
Allem enttaucht wie die Seele der schäumenden See.

II

Schaue den Himmel, den seine Geschöpfe nicht wählten,
An seinen Rändern berührt er das Meer, das uns sagt,
Daß wir die Tiefe und goldene Schätze verfehlten
Jener, die tiefer und reicher gewappnet gewagt.

Alle Begierde, mit der wir ins Märenreich tauchen,
Macht uns nur toller und fremder der Kleinheit der Zeit,
Einzig das Kind darf im Spiel seine Kräfte verbrauchen,
Uns steht ein grimmeres Los zur Entdeckung bereit.

Bist du gewachsen, zu lassen den Herd und die Amme,
Trifft dich der Engel im Weh, das du taumelnd besingst,
Daß dich der Mut nicht verlaß in der sengenden Flamme,
Da du dem Schwanenkleid endlich den Segen entringst.

Segen muß ruhn auf dem Tage und auf seiner Stimme,
Daß etwas sei, daß das Wasser zu Formen sich ball,
Daß deines Herzens gewaltige Glut nicht verglimme,
Rauschen die Boten mit mächtigen Flügeln durchs All.

Einzig der Segen setzt jegliche Mühe ins Rechte,
Die eine Grille bleibt, wenn sie des Beistands nicht froh,
Denn was der Wille vermag und die irdischen Mächte
Bleibt nur ein Stückwerk, Geflacker und kurzes Geloh,

Wird nicht geleitet der Samen von göttlichem Segen,
Wenn nicht die Liebe sich schmiegt an das harte Gesetz.
Wäre August ohne Glut und April ohne Regen,
Träte kein Glück dir zutag und dem Fischer ins Netz.

Hat dich der Engel gesegnet, so bist du verloren,
Für allen Kleinmut, Versuchung, die wohlfeil und leicht
Viele, mit Gaben und Hoffnung des Himmels geboren,
Trügt und besticht und am Ende zur Feigheit erweicht.

Wenn sie dich hassen, so sieh den Gefallenen hetzen,
Der alles Reine, das Starke und Feste verlacht,
Er will die Deutungsmacht über die Schöpfung besetzen,
Wertlos sie nennend und einzig vom Zufall gemacht.

Er ist erfinderisch und sehr vertraut mit den Schwächen
Aller, die über der Mühe den Segen sich sehn,
Aber du weißt, daß die Werbegeschenke sich rächen
Und meist verleiten, in weitere Fallen zu gehn.

Pöne den Tag nicht, der blutig der Welt dich vermachte,
Für die Gestalt und das Werk ist er heilig und frei,
Wer aus dem Joche Verzagtheit zur Mannheit erwachte,
Findet Vertrauen und segnet nun selber: Es sei.

Vers 15820 bis 15847:

Palmarum

I

Durchs Löwentor auf einem Esel reiten
Auf Palmenblättern, die gebührn dem Siege,
Daß darin unser ganzer Glaube liege,
Wird niemand, der das Bild versteht, bestreiten.

Triumph und Demut teilen sich die Riege,
Der Weg wird nicht allein zu Schmerzen leiten,
Zuletzt darf nicht der Tod den Mantel breiten,
Denn der da kommt, tut, daß die Nacht verfliege.

Der Esel ist ein guter Freund des Armen,
Und herrisch ist er nicht zu rührn und lenken,
Er neigt sich nur dem Wort, dem herzenswarmen.

Wer Feuer liebt, wird von ihm schäbig denken,
Doch deiner Last weiß der sich zu erbarmen
Und wenig mußt du seinen Wünschen schenken.

II

Im deutschen Brauch die Palme ist die Weide,
Die Wedel aus den Kätzchen sind uns feiler,
Im ganzen Reich bis in den letzten Weiler
Des Anfangs wird gedacht vom großen Leide.

Nicht gut tun uns exotische Verteiler,
Denn unser Herr geht uns in unserm Kleide,
Palmwedel sind uns grad wie echte Seide,
Dies ist so wie ein Löwenschwanz am Keiler.

Nicht Jordan-Fischer, sondern Saal und Elbe
Gehn dem zur Hand, der nicht von fremdem Stamme,
In jedem Volk sieht anders aus dasselbe.

Wir sind vertraut dem Esel und dem Lamme,
Uns scheint die rote Sonne wie die gelbe,
Doch Nebel macht uns knisternder die Flamme.

Vers 15848 bis 15883:

Antlaßtag

Der Menschensohn, dem sein Geschick
Im Ohre west und auch im Blick,
Erspürt im Garten seine Stund
Und betend blutet ihm der Mund,
Daß Vater ihm den Krug erspart,
Die Nacht, da Er verraten ward.

Die Jünger ziehen mit ihm aus,
Ein jeder läßt ihm Hof und Haus,
Sie sorgen sein mit Wein und Brot,
Sie wachen, wenn der Tag verloht,
Und ahnen kaum das Ziel der Fahrt:
Die Nacht, da Er verraten ward.

Die Armen preisen seine Hand,
Der Krüppel findet Lauf und Stand,
Wird Wasser Wein, so wird der Braut
Ein Heim der Fruchtbarkeit gebaut,
Doch seinen Taten bleibt gepaart
Die Nacht da Er verraten ward.

Dem Zöllner, dem die Juden feind,
Zum ersten Mal ein Wohl erscheint,
Und Magdalena, rings verpönt,
Sie hat gesalbt, den endlich krönt,
Da Sperberflug die Schatten schart,
Die Nacht, da Er verraten ward.

Groß Jubel aus dem Volke klang,
Da er gelehrt den Vogelsang,
Und da er die fünftausend speist,
Ist man von weit nach ihm gereist,
Doch seine Krone offenbart
Die Nacht da Er verraten ward.

Da die Apostel zeugend gehn,
Vom Sterben und vom Auferstehn,
Schuf sich das Gleichnis Maß und Stil,
In jeder Zeile klagt das Ziel,
Das Evangelium zeichnet zart
Die Nacht da Er verraten ward.

Vers 15884 bis 16035:

Pilatus

Schön früh die Sonne sticht und glüht,
Ein Tag für Wasser, nicht für Wein,
Mein Kandelaber-Kaktus blüht,
Das mag ein gutes Omen sein,
Ich freilich weiß hier nichts von Blust,
Wos nur Banausen gibt und Sand,
Dies Volk schafft keinem Römer Lust,
Kulturlos, frech und arrogant.

Das Passahfest steht vor der Tür,
Begreif wer diese Religion,
Dies ist in keinem Jahr die Kür,
Oft gibts Rabatz und Rebellion,
Und immer diese Streiterein,
Wie man ein Nichts im Nichten schar,
Eh sie sich schönen Dingen weihn,
Zerspalten sie ein Weiberhaar.

Eins nur vereint die Sekten hier
Sie hassen Rom wie die Vernunft,
Sie schwitzen wie ein wildes Tier,
Das geifernd rast in Maienbrunft,
Nun ists an mir, den Pöbel still
Zu halten und die Geistlichkeit
Und das Geschmeiß, das laut und schrill
Von Weltenuntergängen schreit.

Noch ist hier alles ruhig -- gut,
Ich will mal auf die Zinnen schaun,
Es dient der Galle und dem Blut,
Zunächst dem eignen Aug zu traun,
Die lautesten der Lästerer,
Die stetig sprühn mit Gift und Haß,
Zog ich zum Glück aus dem Verkehr,
Und auch die Raufbold Barabbas.

Die Wache meldet. Ob ich noch
Ein Weilchen ruh, es ist so heiß,
Doch dann ein häßliches Gepoch,
Vielleicht bin ich nicht da, wer weiß,
Doch nein, der Hohepriester steht,
Mit seinen Leuten vor dem Tor,
Er will nicht wissen, wies mir geht,
Mir steht ein arges Ding bevor.

Nur Klagen, Klagen früh und spät,
Ein Volk, das dauernd prozessiert,
Was man auf meine Schultern lädt,
Trüg selbst ein Atlas nur zu viert,
Nun, ich will hören, was er klagt,
Und ihn bestimmt und selbstbewußt
Bescheiden, daß Rom gar nichts sagt
Zur Sach, und ich hab keine Lust.

In ihrer Haft tut mir schon leid
Der junge Mann, der einzig schweigt,
Geschnatter und Geschwätzigkeit,
Ich bin dem Schelmen wohl geneigt,

Zwar übernächtig, doch gefaßt,
Ich glaub gar Anmut zu gewahrn,
Der Ehebruch ist hier verhaßt,
Ich hoff, ich werde mehr erfahrn.

Nun spricht der Hohe, schlimmer kann,
Ein Pfeilgehagel kaum noch sein,
Von Jesus spricht der fromme Mann,
Dann geht er auf die Klage ein,
Die Missetat des Buben dort
Sei, daß er sich als Gottessohn
Ausgeb und weiter und so fort,
Das weitere, das kennt man schon.

Ich habs von Anfang an geahnt,
Schon wieder religiöser Zwist,
Und salbungsvoll mein Dulden mahnt,
Daß solches nicht Roms Sache ist,
Da sagt man mir, zum König hab
Er sich erklärt im Judenstaat,
Und hofft, daß man den Zorn in Trab
Wohl bringen kann mit Hochverrat.

Ein König ohne Schwertgeklirr!
Ein Souverän, der barfuß gehrt,
Vielleicht macht ihn die Hitze irr,
Vielleicht ist bildhaft sein Gered.
Welch Schwachsinn mir das Schläfchen wehrt!
Ich schaue nach der Sonnenuhr,
Jedoch der Priester macht nicht kehrt,
Und klagt und redet steif und stur.

Ich halt es schließlich nicht mehr aus,
Ich will den Kerl verhörn und sehn,
Solang schmeiß ich die Bande raus,
Endgültig wird sie wohl nicht gehn,
Doch wie ich den Beklagten frag,
Werd ich nicht froh und werd nicht schlau,
Er wiederholt verschärft die Klag,
Spricht wirr wie sonst nur Joves Frau.

Was trieb man mich in diesen Pfuhl!
Ich nehm den Spinner jetzt in Haft
Und lad ihn später vor den Stahl,
Wenn ich die Priester fortgeschafft,
Und kaum, daß ich mit Gong erklärt,
Rom hab den Lästrer in Verdacht,
Die Störerschar von dannen fährt,
Und ich erhalt das Recht der Nacht.

Doch jetzt bin ich so aufgeregt,
Als peitschte mich ein böser Arm,
Es ist zu heiß, daß man sich legt,
Es ist auch was zu tun zu warm,
Ich bin Soldat, Befehle braucht
Mein Blut, daß ich das Rechte weiß,
Doch was hier heute aufgetaucht,
Das juckt und nervt, es ist so heiß.

Da fällt mir ein, die Sitte spricht,
Zum Passah ich den Juden schenk
Den Schelm, der meinem Blutgericht
Verfalln, daß ich sie milde lenk,

So sei das Volk nun rasch befragt,
Ob Jesus oder Barabbas,
Es wünscht, daß ihm die Freiheit tagt,
So kommt der König mir zupaß.

Ich ruf die Wache scharf und streng,
Die beiden Todgeweihten schaff,
Daß sich entscheide, welcher häng,
Zum Markt in diesem Wüstenkaff,
Dort mag das Volk mir mit Gebrüll,
Verkünden, welcher froh und frei,
Und wem das Urteil sich erfüll,
Daß er noch heut gekreuzigt sei.

Dies war gewiß kein guter Plan,
Die Priesterschaft das Volk verhetzt,
In einer Stimme keift der Wahn
Nach Barabbas zuerst, zuletzt,
Nun steht das Urteil mir nicht frei,
Ich hab schon lang die Nase voll,
Ich geh ins Bad, geschehen sei,
Was offenbar geschehen soll.

Ich finde keinen Frieden dort,
Oft gab ich blutigen Befehl,
Ich hoffe bloß, ich komm bald fort,
In diesem Land verdorrt die Seel.
Noch da die Sonne sinkt so rot,
Ich schaus und mein, daß ich vergreis,
Man meldet mir des Schelmen Tod,
Und endlich ists nicht mehr so heiß.

Ich hab schon manchen aufgehängt
Und wenig nach der Schuld gefragt,
Und manches Leben wem geschenkt,
Der später Ärgeres gewagt,
Da ich betret mein Schlafgemach,
Der Kaktus blüht wie nie zuvor,
Ich fühl mich wie ein Sklave brach,
Als ob man mir das Haupthaar schor.

Werd ich von fremder Macht gelenkt,
Führt all mein Tun zu bösem Ziel?
Ich halt für krank, wer zu viel denkt
Zur Nacht ein Flötenbläser spiel,
Der Kaktus brachte mir kein Glück,
Ich fand die Stacheln immer doof,
Ich zieh den Vorhang leicht zurück
Und werf den Blüher in den Hof.

Vers 16036 bis 16055:

Magnificat

Die Seele meinen Herrn erhebt,
Sie freut sich, daß der Heiland lebt.
Er höht die Niedrigkeit der Magd,
Daß Kindeskind ihr Jubel sagt.

Er hat ihr große Ehr gebracht,
Da heilig seines Namens Macht,
Und ewig er barmherzig ist
Bei dem, der seinen Namen hißt.

Gewalt in seinem Arm zerstreut
Die Herzen, welche Hoffart freut,
Er stößt die Könige vom Stuhl
Und hebt die Niedern aus dem Pfuhl.

Er gibt dem Hunger jedes Gut,
Weil er den Reichen gar nichts tut,
Er reicht sein Herz als frisches Brot
Und hilft dem Diener aus der Not.

Was er den Vätern redend weiht
Gilt immerdar vor aller Zeit,
Drum alle Ehr dem Vater gleißt,
Dem Sohne und dem Heilgen Geist.

Vers 16056 bis 16153:

Ostern

I

Im Osterfeuer brennt die Zeit der Nächte,
Wir schichten Reisig auf und trocknes Moos,
Die Freude ist sehr jung und ist sehr groß,
Die Kränze lind und gelb wie Farn und Flechte.

Am Osterfeuer wird man Bürde los,
Geheimstes mit den Schuppen dunkler Schächte,
Hier stellt die Jugend Kanzel, Amt und Rechte
Und stellt verjährte Eitelkeiten bloß.

Ob auch der alte Winter sich erfrechte
Zu kehren in der Nacht mit Frostgetos,
Wird ihm doch Achtung nicht bei dem Gefechte.

Man träumt im warmen Wind am Feuerstoß,
Hat keinen Blick, der weinend sein gedächte,
Und einer sagt: Jetzt macht er in die Hos.

II

Am Ostermorgen ist das Grab gebrochen,
Der Heiland hat sich aufgemacht zur Schar
Der Jünger, die gebannt und traurig war
Und Tage nahm, als wärens viele Wochen.

Im Ostermorgen wird uns offenbar,
Die wir aus Schmerz und Blut zum Licht gekrochen,
Daß Kämpfe, die in unsern Adern pochen,
Er führte als der ersten Sonne Aar.

Zwar hat der dunkle Fürst ein Heer bestochen,
Das sieggewohnt nicht Feind scheut noch Gefahr,
Doch uns in sein Verließ hineinzulochen,

Ist er nicht frei, solang im Wind das Haar
Uns weht und wir dem Herrn das Festmahl kochen,
Der brachte sich für unser Leben dar.

III

Der Osterhase liebt Versteckens-Spiele,
Er ist der Schalk, der uns nicht ruhen läßt,
Wo Hag und Hecke grünen, ist das Fest
Kein Ruhplatz, der dem Winterschlaf verfiele.

Was er versteckt im Wildwuchs-Palimpsest,
Es ruft hinaus von Speicher, Herd und Diele,
Wer noch studiert mit schlankem Pfauenkiele,
Der kommt zu spät und findet nur den Rest.

Ein Fund, der langes Suchbemühn zum Ziele
Gebracht, Triumph, der atemlos gepreßt,
Ein Gleichnis birgt für unsere Lebensstile.

Es kommt ein Wind von Ost, einer von West,
Doch einer, der sich sonnt am Roten Hiele,
Ist froh, daß ihr die meisten rasch vergeßt.

IV

Im Osterei, wo Schale, Weiß und Dotter
Die Dreiheit zeugen und die Welt in nuce,
Ruht alle Weisheit, eh der Kükenfuß
Die Wand zerstemmt, als Vogelwesen flotter.

Im Dreiklang fand der Sphärenhall den Gruß,
Und Gestern, Heut und Morgen schicken Trotter
Auf den vom dritten Stand gehäuften Schotter,
Wo Waffen gehn und Geister Flügelschuhs.

Wenn wir uns wiedersehn im Spiel der Otter
Und uns verwirrn im Spiel der Ichs und Dus,
Sei Ostern auch für unsern Geist Entmotter.

Denn Kalkstein, Frucht-Gelee und Götter-Mus,
Sind auf getrennten Wegen nur Vergotter,
Und was dem einen Glück, ist andern Buß.

V

Der Osterfrieden sammelt die Gemeinen
Zur Kirche, die von Haß und Hader trennt,
Und wenn das Licht der Auferstehung brennt,
So dürfen auch die harten Herzen weinen.

Im Osterfrieden wird das Element
Zur Heimat, Land und Meer und Luft zu einen,
Und vor dem Grab, befreit von schweren Steinen,
Ein Engel steht, der nur noch Freie kennt.

Von Parsifal, dem törigen und reinen,
Der auszog, daß er einst die Lanze send,
Verlorn im Frevel und in Zauberhainen,

Geführt, wird uns ein reiferer Advent,
Der Reichtum sammelt in geweihten Schreinen,
Im Heil, das uns bei unserm Namen nennt.

VI

Der Ostersegen regnet auf die Auen
Und macht die Weide fruchtbar und das Feld,
Er schafft Gedeihn und Wuchs, solang die Welt
Nicht einst beschließt, auf andres zu vertrauen.

Der Ostersegen unser Land bestellt,
Er weicht die Krume und verwöhnt mit lauen
Berührungen den Keimling, wenn im Blauen
Der Storch sich wieder unserm Heim gesellt.

Die Schwalben siehst du ihre Nester bauen,
Die Osterglocke prunkt vor deinem Zelt,
Und alles in dir ist nur Stehn und Schauen.

Manch einer aber kennt nur Geiz und Geld,
Manch andrer ahmt die Putzsucht nach des Pfauen,
Und wieder einer geifert nur und bellt.

VII

Die Osterliebe ist allein von Dauer,
Weil sie uns zeigt, daß wir erstanden sind
Aus Grabesdunkel, das den Geist umspinnt,
Bis aufbricht, die von Furcht gefügte Mauer.

Die Osterliebe reinigt Truhn und Spind
Von Abgelebtem, das dort auf der Lauer,
Den Gram und der Verzweiflung Eberhauer
Ins Herz zu stoßen jedem Gotteskind.

Drum sei bereit und trage keine Trauer,
Denn Gott hat längst geschaffen, was dich minnt,
Und heute wird dein Augenlicht genauer.

Was heut dir widerfährt, was heut beginnt,
Es ist kein Fön und ist kein Regenschauer,
Es ist das große Glück, das dich gewinnt.

Vers 16154 bis 16217:

Zwilling im Traum

Der leichthin am Tage
Und tief in der Nacht
Uns anrührt, in Frage
Stehn dem, der erwacht,
Seit je die Gesetze,
Die traumdunkel gehn,
Wenn all ihre Schätze
Im Morgen verwehn.

Emphasis der Preiser
Und Spott -- diesem Nest
Auch Plato nicht weiser
Den Leser entläßt:
Ob Klarheit er spende,
Gesicht, Prophetie,
Stritt bis an ihr Ende
Die Akademie.

Doch da die Mithräen
Die Sichtbarkeit fliehn,
Da Ernten und Säen
Zur Fron wurden, schien
Vom Drachen zu kommen,
Den Georg bezwingt,
Was Knaben und Frommen
Die Lenden beschwingt.

Auch hat uns Alraune
Vom Goldhort geklagt,
Ob Sehnsucht, ob Laune --
Wer weiß, was da tagt?
Der Gott mit der Rebe,
Steift steil sein Gelüst,
Bevor der Ephebe
Den Schmerzensmann küßt.

Verlöschst du die Lichter,
So flieht dich die Zeit,
Und bist du der Dichter
So halt dich bereit,
Daß man dir erschlage,
Das Kind, das du warst,
Weil du noch im Tage
Den Traum offenbarst.

Der Blitz, dich zu spalten,
Der Tau, der dich heilt,
Sind nur als Gestalten
Des Tages geteilt,
Der Traum doch ist beides,
Ist Knabe und Mann,
Des Glückes, des Leides
Erwecker und Bann.

Zu stehn und zu fallen --
Was gilt dies noch, sag,
Dem, der sich in allen
Zu schauen vermag,

Die drüber verlodern,
Die drinnen verglühn,
Die drunter vermodern,
Die draußen sich mühn?

Das Logbuch der Reise,
Der Wind fegt es weiß,
Der Vorhang fällt leise --
Auf wessen Geheiß?
Was gelten die Fragen?
Du hörst sie doch kaum --
Es wird nicht mehr tagen.
Total ist der Traum.

Vers 16218 bis 16315:

Pfingsthymnus

I

Im Pfingstbaum ehren wir den frühsten Hirten,
Den Baum, der Wurzel, Stamm und Krone wagt,
Solang der Baum belaubt in Himmel ragt,
Wird Gott auch uns erhalten und bewirten.

Weltesche, dran im Neid der Drache nagt,
Die Feige, drum die Liebespfeile sirrten,
Wo Eva sich und Adam einst verirrten,
Lud sie der Baum, darauf die Schlange klagt.

Mann, Frau und Kind erkennen ihn als vierten,
Der unter Wind und Wettern nicht verzagt,
Wenn panisch Glocken und Geschirre klirrten.

Er wacht zur Nacht und raschelt, wenn es tagt,
An Schwalben reich, die sein Gezweig durchschwirrten,
Und heute sei ihm Dank und Heil gesagt.

II

Im Pfingstkranz wird das Laubicht uns zum Reigen,
Zum Bund, der Schöpfer und Geschöpfe eint,
Was fest und dabei vielgestaltig scheint,
Es ist ein Gruß, das Weltgesicht zu zeigen.

Hier schweigt der Einwand, der sonst krittelnd meint,
Er wüßte einen reichren Weg zu zeigen,
Was lebt, muß sich dem großen Wunder neigen,
Daß sich beschämt verzieht der alte Feind.

So hängt der Himmel nicht nur voller Geigen
Für die Apostel, wenn der Geist erscheint,
In keinem Auge kann der Maitag schweigen.

Und wer noch abseits steht, verstockt verneint
Die Lieder, die aus Hamm und Rode steigen,
Der faßt den Kranz aus Birkengrün und weint.

III

Als Pfingstochs trabt das Kräftigste der Tiere
Geschmückt mit Blumen, Stroh und buntem Band
Zur Weid, derweil sich Volk zusammenfand
Bei Laugenbrot und Wurst und starkem Biere.

Dem Kundigen scheint dieser Brauch verwandt
Den Boten aus dem Weltenjahr der Stiere,
Das Dolmen und die mächtigen Menhire
So üppig streute in das flache Land.

Die Kraft den Geist wie keine Tugend ziere,
Er baut das Haus und hält das Recht instand,
Daß auch kein Turm den Wetterhahn verliere.

Und wider Vorurteil und Ignorant
Entwickelt er die Stoßkraft der Geysire
Für jedes Alter und für jeden Stand.

IV

Die Pfingstnacht steht bereit für Dorfkrawalle,
Hier dürfen Unfug, Lärm, Versteckensspaß
Die Ordnung höhnen und das fromme Maß
In Flur und Feld, in Stuben und im Stalle.

Manch einer füllt dein Brett mit Ziegenfraß,
Manch andrer sorgt, daß dir der Boden knalle,
Die Stiege ist verstellt und wem sie Falle,
Bemerkt, daß er das Datum wohl vergaß.

So mancher neckt mit Schnecke, Krebs und Qualle,
Doch du streust Kreidespuren in das Gras
Vom Baum, gepflanzt, zu deiner Liebe Halle.

Die Rätsel rings sind dir wie blankes Glas,
Sie kehren und nach Jahren kennst du alle,
Denn du bist hier im Dorf ein alter Has.

V

Im Pfingstzelt sind die Wandervögel draußen
Im Heideland, die Klampfe trägt das Lied,
Nur Gottes Dom mit Fels und Forst und Ried
Ist groß genug, daß drin die Wilden hausen.

Gesang und Wanderschaft sind ein Gebiet,
Wo Ernst und Andacht sich vermähln mit Flausen,
Doch läßt der Schulmann Stock und Fibel sausen,
Erkennt er rasch, wie pfingstlich es erzieht.

Hier teilt sich Leben nicht in Müh und Pausen.
Die Freiheit, die der Stubenhocker flieht,
Nicht die Franzosen noch der Teufel grausen.

Die Königskerzen stehn in Reih und Glied,
Doch wenn die Jungen rings die Kirschen mausen,
Weiß nur der liebe Gott, wie ihm geschieht.

VI

Im Pfingstbrauch dürfen alte Götter wachen,
Der Herr lädt alle ein zu Wein und Brot,
Die Menge hat genug von Wintersnot,
Und treibt es toll und läßt es richtig krachen.

Der Geist bringt Lust und wilde Kraft ins Lot,
Und übern Rhein fahrn wir im schwanken Nachen
Am Ufer Reisigstöße zu entfachen,
Bis in der Nacht der alte Vater rot.

Die Kirche braucht das Reich, wie Trutz die Schwachen,
Denn über Weid und Acker reitet Tod,
Entreißt nicht Pfingstgeists Zwiehand uns dem Rachen

Der Hölle, die nicht Milde und Gebot
Alleine bannen, denn getrennte Sachen
Sind niemals Heil und Reich und Rom und God.

VII

Im Pfingstfest wird die Hochzeit auf dem Lande
Wer Ostern sich verlobt, hat pfingstens recht,
Der Pfingstgeist eint die Gnade dem Gefecht
Und bringt nur so des Deutschen Reich zustande.

Versöhnt sind Krone, Gilde und Geschlecht,
Der Herr vergibt die Schwachheit und die Schande,
Denn Haß und Neid verliefen sich im Sande,
Und auf dem Fest da schweigt sogar der Specht.

Der Pfingstgeist weiht die festgeschloßnen Bande,
Und schützt was stark ist, gottgewollt und echt,
Und niemand steht in seiner Huld am Rande.

Das Wunder, das kein Philosoph erdächt,
Du küßt das Schwert und kniest im Brautgewande,
Da lilienweiß dich krönt das Kranzgeflecht.

Vers 16316 bis 16363:

Lutherisch

Die Pfauen der Zeit,
Den güldenen Glast,
Was droht oder schreit,
Die Sucht und die Hast,
Den Kaufmannsverstand,
Die Gier nach Gewinn,
Den Wucher, das Pfand --
Laß fahren dahin.

Das Seidengewand,
Die Inschrift am Haus,
Die Uhren voll Sand,
Das Korn und die Maus,
Das Haupthaar benetzt,
Den Mannsschmuck am Kinn,
Was hier gilt und jetzt --
Laß fahren dahin.

Die Bulle, die Schrift,
Das Feinpergament,
Die Stimme, den Stift,
Das Wort, das benennt,
Die Predigt, die Kunst,
Das Grübeln nach Sinn,
Des Publikums Gunst --
Laß fahren dahin.

Was da ist und scheint
Von Aleph bis O
Verdingt sich dem Feind,
Beherrscht es dich so,
Daß es dich dem Herrn
Mit feinem Gespinn
Unmerklich entfern --
Laß fahren dahin.

Der Seraph, der weiß
Den Weg dir erhellt --
Euch eint das Geheiß
Des Herrn vor der Welt,
Und wenn man dich jagt
Auf Mauer und Zinn,
Was schmäht und was klagt --
Laß fahren dahin.

Was Leiden, was Tat
Erfindet und spürt --
Ein einziger Pfad
Ins Paradies führt.
Die Glauben beseelt,
Die leben schon drin,
Was abseitig fehlt,
Laß fahren dahin.

Vers 16364 bis 16403:

Die Zahl der Engel

Die Zahl der Engel, sag, wer kann sie nennen
Im Lauf der Welt, im Himmel einst und je,
Wenn Bilder unsern Geist mit Macht berennen,
Wer mag noch Ordnung und System erkennen
Vom Fischerboot mit Blick zum Gipfelschnee?

Wir zählen nur, was wir so überblicken,
Den Staubgefäßen einer Blüte gleich,
Doch nichts vermag den Fleck im Aug zu flicken,
Die Schrift kann auch nur Näherungen schicken
Für jene zwischen Licht und Totenreich.

Wer je dem Schlag der Schwinge unterlegen,
Der fragt nicht mehr, wie oft dies möglich sei,
Was einmal sehrte, wird ihn stets bewegen,
Und keiner fragt, ob ihn derselbe Regen
Durchnäßt und ob ein andrer Kranich schrei.

Die Frage zeigt allein, daß unser Denken
Nie absieht vom Gefängnis: Schritt und Uhr.
Es mag sie krümmen und sich selbst verrenken,
Und listig jeden Sinn nach innen schwenken,
Es west im Takt und schaut in der Figur.

Der Glaube soll die düstre Grotte brechen,
Nicht dergestalt, wie Kraut und Pilze tun,
Wie Wasser das Gebälk und Pfeiler schwächen,
Auch nicht als Labyrinth verlaßner Zechen,
Er flügelt uns im Herzen und an Schuhn,

Daß wir, was je wir tun, wir froher, freier
Beginnen, weil die Gnade offenbar,
Daß wir nicht abseits stehn der Erntefeier
Der Schöpfung, die entsteigt dem Nebelschleier,
Der einst in Eden eine Baumfrucht war.

Der Bote, der uns hilft, das Offenbare
Geheim und alles Dunkel hell zu sehn,
Er nimmt die Dinge aus Funktion und Ware,
Daß schon der Kiesel den Beruf erfahre
Und wir mit Acht und Dank darübergehn.

In ihm sieh stets den Herrn und ob uns viele
Von seiner Art umschweben, zähl gering,
Wie auch ob Einfalt oder Macht im Spiele,
Wenn einer bürgt für Anfänge und Ziele,
Darin erlöst das Leiden, Tat und Ding.

Vers 16404 bis 16473:

Das Jahr des Heils

I

Das Jahr des Heils ist keins aus dem Kalender,
Der tausend Jahre schreibt und tausend mehr,
Und keine Kirche dieser Welt ist hehr
Genug, zu küssen seine Gold-Gewänder.

Das Jahr des Heils trägt keinerlei Begehr
Nach Seiendem, für Büßer und Verschwender
Kann es die Mitte sein und als Vollender
Erkennbar werden, doch der Weg bleibt leer.

Glaub mir, das Einhorn würde nicht behender
Den Jäger fliehn als ein ins Spiel der Pfänder
Verirrtes, dem entscheidbar nicht wie schwer.

Das Jahr der Welt vertraut dem großen Blender,
Es sinkt als Schoß und reckt sich auf als Spender.
Das Jahr des Heils weiß nichts von Wiederkehr.

II

Der Schmerz ist reich an Flitter und Pomade,
Er geht in grau, in weiß und in Karmin
Er peilt ins Blau, um seinen Kreis zu ziehn,
Und löst den Puls ins Offne, Ungerade.

Die Lust, gehüllt in schwanke Harmonien,
Trägt ihn als Amulett, gefaßt in Jade.
Als Pfeil der Göttin, die belauscht im Bade,
Darf sie zurück in seine Obhut fliehn.

Er leiht der Schwester manchmal die Fassade
Und ist sich für den Gaukler nicht zu schade,
Als Narr gepönt und als Tyrann verschrien.

Doch er bezeugt, was er verneint, drum lade
Nicht leichthin aus die Größe und die Gnade:
Das Jahr des Heils ist auch ein Jahr für ihn.

III

Das Jahr des Heils hat Rätsel zu verschenken
Und ist, ein Kind, aus Rätseln ganz gemacht,
Es hält uns mit dem gleichen Stoff in Acht,
Der uns befähigt, es uns auszudenken.

Der Tagmensch sieht, was Traumgesicht und Nacht
An Rede tauschen, nur auf Hinterbänken,
Es ist sein Teil, ein morsches Schiff zu lenken,
Und ist der Zins nicht sein, so ists die Fracht.

Was drunten west, wird seinen Stolz nicht kränken,
Und welcher Wind Isoldes Zaubertränken
Entweht, ist ihm ein Trug, den er verlacht.

Von Göttern weiß er nichts und von Geschenken
Und im Beschluß, sein Tagwerk zu versenken,
Vermißt er nur das Glück in einer Schlacht.

IV

Kein Jubel wird im Jahr des Heils erschallen,
Selbst wenn die Kunst, das Gnadenreich zu schaun,
Noch unverlernt wär und das Gottvertraun,
Die Tugend Freude ging zuerst von allen.

Doch nur der Mensch stieg jählings ab, der Faun
Trumpft immer noch, den Nymphen zu gefallen,
Mit Mannheit, im Gorgonengift der Quallen
Trifft dich noch heut die Sterbliche der Fraun.

Noch schlägt der Sperber ungezähmt die Krallen
Ins rote Fleisch, du spürst das Kornfeld wallen
Am Himmel Thor den Wetterzauber braun,

Und Orpheus darf dich süß wie je bestallen,
Und der dir sang, das Wasser wird sich ballen,
Wird auch die Regenbogen-Brücke baun.

V

Das Jahr des Heils ist aus Musik und Chören,
Der Mensch versucht sich nach der Engel Art,
Wenn die Begabung sich mit Ehrfurcht paart,
So spürn wir, daß wir Ewigkeit gehören.

Hier wird der Schrecken federleicht und zart,
Des Pöbels Zorn darf Baß sein und betören,
Die reine Zeit kann Außerzeit beschwören,
Daß uns das Warten leicht wird und die Fahrt.

Auch fällt die Furcht, das wir uns selbst verlören
Im Hingegebensein wird hold gewahrt,
Was sonst die Dinge, die uns treffen, stören.

Und ohne Müh und Mißton offenbart
Musik uns Weisheit, die uns sonst empören
Nur würde, weil der ganze Himmel klart.

Vers 16474 bis 16521:

Salomoniden

Da einst Yekundo Amlak neu belebte
Im Aufstand die antike Dynastie,
Ein Band für Stämme und Gemeinden webte
Der tiefe Grundbaß seiner Rhapsodie.

Als Ahn darf ihm ein stolzer Bastard gelten
Von Sabas Königin und Salomo,
Da Salomo auch Ahn des Herrn der Welten,
Ist sein Geschlecht des höchsten Beistands froh.

Im Kerker von Malot hat er gebrütet
Im Rat, den Tekle Haymanot ihm gab,
Als Flucht und Sieg geglückt, hat ers vergütet
Dem Kirchenbau und auch dem Bischofsstab.

Zur Hauptstadt ward dem neuen Reiche Gonder,
Doch Aksum blieb als Heiligtum geehrt,
Daß er die Macht vom alten Zentrum sonder,
Hat klug die Zagwe-Rebellion gewehrt.

Er war ein guter Freund der Byzantiner,
Er schickt Giraffen an den Bosporus,
Er hütet Recht als unsers Heilands Diener
Und schafft den Erben Mohammeds Verdruß.

Zum Negus durch den Kopten-Patriarchen
Zog Davids Jugend wieder Mameluk,
Der Küstenzugang hob der Händler Margen,
Und auch der Sultan beugte sich dem Druck.

Er wallfuhr nach Jerusalem zum Grabe,
Es bürgen für ägyptischen Transit,
Die Kaufleute mit Leben und mit Habe,
Die er zu Gast in seinem Reiche litt.

Bald standen in Venedig die Gesandten,
Und auch von London kommt ein Siegelbrief,
In seinen Diensten Italiener standen,
Es wuchsen Bibliotheken und Archiv.

Da Mönchesorden um den Einfluß streiten,
So bahnt sich mit der Geistlichkeit Konflikt
Schon an, doch bannt er Schlimmeres beizeiten,
Weil er sich in die Wege Gottes schickt.

Die Eremiten von der Grotteninsel
Versprechen ihm wie Klöster wenig Glück,
Die Prophezeiung hört kein Einfaltspinsel
Und tritt, schon alt, für seinen Sohn zurück.

Der Hufschlag eines Pferdes ruft das Ende,
Im Kloster Daga auf dem Tanasee
Ward ihm der Menschen allerletzte Spende,
Verlassen nun von Willensmacht und Weh.

Sein Reich doch trotzte allerlängst Gewittern,
Drin in Europa jedes unterging,
Drum mischt sich eine fröhliche den bittern
Historien ein, wenn ich Äthiopien sing.

Vers 16522 bis 16593:

Notburga von Hochhausen

Im Sagenborn der Grimmschen Brüder
Liegt mancher Schatz von deutscher Art,
Mal ist die Weise frech und rüder,
Mal ist sie wundersam und zart,
Man hört von Recken und von Dirnen,
Von Furchtsamkeit und Glaubensmut,
Was deutsch geglüht in Ahnenstirnen,
Rauscht Erb und Enkeln frisch im Blut.

Von Treu und Trutz ist hier die Rede,
Den Schriftgelehrten innerst fremd,
Der wer nichts weiß von Feind und Fehde,
Wie ein Gebot das andre stemmt,
Der soll des Volkes Reim studieren,
Daß er den Finger Gottes schau
In Tränen, die die Raine zieren
Als Perlenschnur im Heimatgau.

Manch Hoffahrt will das Volk verehren
Und dichtet ihr den Engelsglast,
Auch manchen, die das Land verheeren,
Wird ehrfuchtsvoll ein Schein verpaßt,
Das Volk hat seine eignen Pfade,
Hie Feind zu schaun und da den Christ,
Ihm ist kein Widerspruch zu schade,
Und ob die Rede glaubhaft ist.

Es dichtet Fremdes und Erlebtes
Und liebt die Demut wie den Witz,
Und wie ein ohne Saum Gewebtes,
Macht geltend die Gestalt Besitz
Am Lied, das zwischen Hall und Hader
Nicht Ausgang weiß im Labyrinth,
Wir folgen einer Silberader,
Nicht Garn, zu dem man Flachs verspinnt.

Notburga hieß die stolze Göre,
Die Vater schreckt mit Weibsgeheul,
Daß sie dem Wendenfürst gehöre,
Ist ihr ein Ekel und ein Greul,
Wir wissen nichts von seinen Pickeln,
Noch was die Maid ansonsten stört,
Er zählt zu Kobolden und Nickeln
Und was dem Teufel angehört.

Sie wird ins Recht gesetzt, da Heiden
Unmöglich gut zu Lieb und Eh,
Daß Freiheit im Gefolg der Leiden,
Und daß sich lohn gewähltes Weh,
Das lehrt die Flucht in eine Höhle,
Wo eine Hirschkuh hegt und nährt,
Es hilft kein Prahln und kein Gegröle,
Wenn wer sich von der Ordnung kehrt.

Es soll der Leichtsinn nicht vermuten,
Der Ausstieg sei ein feiles Ding,
Undeutbar sind des Volkes Gluten,
Wer weiß, welch Urteil schließ den Ring,

Doch ists Notburga wohl gelungen,
Daß man ihr Weigern heilig sprech,
Wird hier ein Schicksal hoch besungen,
Nennt man ein andres nichts als frech.

Daß Vater ihr den Arm entrissen,
Kennt man als Schrecken seiner Macht,
Man will von heilen Kräutern wissen,
Die eine Schlange hergebracht,
Da sie verstirbt, ziehn weiße Stiere
Den Wagen mit dem Sarg zur Stadt,
Daß sie die junge Kirche ziere,
Die ihre Not begründet hat.

Dort ehrt man sie in der Kapelle
Und mancher wallfährt nach dem Ort,
Er trägt aus ihrer Krypta Helle
Und eine große Hoffnung fort,
Da bleibt Chronisten nichts zu deuteln,
Noch Philosophen Grund und Satz,
Das Volk zahlt stets aus kleinen Beuteln,
Doch grundlos bleibt sein Märenschatz.

Vers 16594 bis 16677:

Bernhard von Clairvaux

I

Da jung mit dreißig Streitern die Zisterze
Er stärkte, war die Bruderschaft noch neu,
Daß Clunys Mönche Benedikt untreu,
Sprach man mit Tat und nicht etwa im Scherze.

Daß ihn kein weltlich Sinn und Prunk erfreu,
Daß nur den Herrn ein hartes Leben herze,
Und alle Hoffart Christi Milde merze,
Ließ er den Hof und den Burgunder Leu.

Der glänzenden Begabung, strengem Denken
Gepaart, verneigten sich die Herrn der Zeit
Und ließen ihn durch Rat die Reiche lenken.

Er blieb zu keinem Würdenstab bereit,
Des Namens Größe soll kein Amt beschränken,
Sein Wirken, über manch Jahrhundert weit.

II

Kein Herr, kein Priester stritt mit eingeflößter
Ermahnung, die als Christi Flammenstroh
Der Diener gab, zum Abte nach Clairvaux
Entsandt als aller Glaubensmehrer Größter.

Sein Wort, sein Schreiben, gilt in A und O
Dem Hirten, der uns aller Bürden Tröster,
Daß ganz Europa freun die Ordensklöster,
Macht er die Botschaft stimmgewaltig froh.

Allein die Häresie, die Sarazenen
Sind ihm ein Dorn und nach des Heilands Grab
Möcht er so gern die Christenreiche dehnen.

Doch ob man auch die hehrsten Ritter gab
Des Abendlands, Jerusalem belehnen
Vermocht kein Kaiser und kein Bischofsstab.

III

Zisterzen wachsen fern vom Lärm der Städte,
Der nur die Bettelorden-Mönche nährt,
Wer aber in der eignen Leistung fährt,
Pflegt fern vom Teufel Lobgesang und Mette.

Dreifaltigkeit in ihrer Baukunst kehrt
In Fenstern, daß kein Heidenprunk sie kette,
Gebrichts an Farben, Höhenlust und Wette,
In Schlichtheit wird des Heilands Wort geehrt.

Die Glocke trägt ein Reiter auf dem Dache
In einer Au, da sonst kein Bauer wohnt,
Denn Türme sind nicht dieser Brüder Sache.

Da Pioniergeist Kraft und Müh nicht schont,
Ward es ihr Werk, daß manche Ödnis lache,
Im Osten gar, der weiter keinem lohnt.

IV

Noch Luther rühmt Bernhard als reinen Christen,
Hoch über dem Gezänk und dem Geschmeis,
Die Stadt, die seinen Mut im Wappen weiß,
Trutzt sicher Teufels ungezählten Listen.

Zwar gab der Protestant die Klöster preis,
Doch Bernhards Werk die Römerfeinde hißten
Als wahrenswert, im Seminar beflißten
Sich die Konvente um ihr frühes Reis.

Noch heute sucht die Bruderschaft zu mehren
Den Geist, daß er die Offenbarung faß,
Und hält die Bildungstradition in Ehren.

Die Schule und das Buch verbannt den Haß,
Denn reifen Geists bedürftig sind die Lehren,
Die aller Missionare Alpenpaß.

V

Bekannt sind auch die schlanken Bernhardshunde,
Die Mönchen halfen zwischen Eis und Schnee,
Bedrängte von Lawinenlast und Weh
Zu retten durch die rasch gemachten Funde.

Doch heute wär ein schlechter Scherz der Dreh,
Zu suchen noch mit diesem Tier im Bunde,
Im Zuchtwahn ging der Mythos längst zugrunde,
Zu schwer ist nun der Hund der Charité.

Dabei wär heute, wo so viel verschüttet,
Ein Diener not mit Nase und Instinkt,
Denn selbst die Fundamente sind zerrüttet,

Darauf Europa Heil und Frieden winkt,
Doch was noch Erz birgt, wird sofort verhüttet,
Bis nur noch Schwefelkies zum Himmel stinkt.

VI

Bei Bernhard lern, es zählt allein der Glaube,
Die Liebe reift aus ihm und alles Werk,
Daß er den Glauben täglich rüst und stärk,
Den Heiland bitt und nicht des Weinbergs Traube.

Dich schrecke weder schlechter Weg noch Berg,
Nicht Urlaub träum und nicht die Sommerlaube
Und denk nicht, daß die Müh dir Würde raube,
Im leichten Spiel den Teufel stets bemerk.

Denn wahre Freude ist allein im Bilde
Erlösers, das Gemeinschaft dir erschließt,
Drum suche nicht exotische Gefilde.

Wenn dich der Regel strenge Uhr verdrießt,
Vergleich die Freiheit mit dem Tod im Schilde
Der Freiheit, welche Saat mit Liebe gießt.

Vers 16678 bis 16731:

Der Fall von Malta

Von Hompesch, Freiherr, auf dem Schloß
Bollheim bei Oberelvenich
Geborn, war einzger deutscher Sproß,
Der je im Mannesalter sich
Großmeister aller Zungen nannt
Im Johanniter Ritterstand.

Zweihundert Jahre nach dem Tod
Wird sein Gedächtnis hoch geehrt,
Doch was er tat in hoher Not,
Hat uns das Christsein nicht gelehrt,
Drum sei um unsers Herren Ehr,
Berichtigt eine fromme Mär.

Der Fall von Malta war ein Schlag
Für das gesamte Abendland,
Es hielt an diesem Schicksalstag
Die res catholica nicht stand,
Drei Ritterorden Treue schworn,
Jetzt ging die letzte Burg verlorn.

Es heißt, es fehlte Widerstand,
Weil Brüder nicht auf Christen haun,
Doch was gedroht mit Frevlerhand,
Ist nirgends christlich anzuschaun,
Der Erb des Guillotinenclans
Die Kirche haßt am Rand des Wahns.

Wie kein Tyrann seit den Cäsarn
Als Vorbild für den Bolschewist,

Napoleon, der mit Haut und Haarn
Als Feldherr steht des Antichrist,
Drum war hier List und Mut Gebot
Und nicht die Furcht vor Brand und Tod.

Er kam mit großer Übermacht,
Drum fände nur Verhandlung Ruhm,
Doch hat von Hompesch nicht bedacht,
Daß er als weltlich Fürstentum
Hätt dauern können bis in Wien
Tagt der Kongreß, statt blind zu fliehn.

Dem Plündern hätt es nicht gewehrt,
Doch tote Dinge heilt der Fleiß,
Und blieb der Staat uns unversehrt,
Die Zeit oft Rat und Beßrung weiß,
Doch wich hier vor dem Höllenpfuhl
Mit Rittern auch der Heilge Stuhl.

Wenn fällt des Ritterstands Bastion,
So steht Europa bald beflaggt
In Rot, und Zähne fletscht auch schon
Der Drache, der das Kreuz zerhackt,
Der Heiland ist Geschöpfen gut,
Doch vor dem Teufel zeigt er Mut.

Drum bleibt am Ende festzustelln,
Am Glauben es den Herrn gebricht,
Daß meist Franzosen in den Zelln,
Verringert hier das Urteil nicht.
Wenn einer mehr als Christ Franzos,
Sagt er sich von der Kirche los.

Vers 16732 bis 16775:

Ecclesia militans

Bei Michael, der herrlich mit der Drachen
Des Hochmuts und der Widerschöpfung ficht,
Sollt jeder Christ ein Streitexamen machen,
Auf Erden endet uns das Böse nicht.

Es wandelt oft Gestalt, oft Weg und Weise,
Wer treu ist, hat es freilich leicht enttarnt,
Es mag gar lieblich sprechen klug und leise,
Bevor es tückisch vor der Kirche warnt.

Will einer dich zu Christi Werk belehren,
So prüfe, ob er bloß die Namen tauscht,
Denn mancher scheint den Heiland zu verehren,
Obwohl er sich am eignen Wort berauscht.

Die Kirche hat jahrtausendlang gerungen
Um Wahrheit, gab sie keinem Vorteil preis,
Der Neunmalkluge, Eitelkeit-durchdrungen,
Braucht wenig Wissen, weil er alles weiß.

Wer meint, er könne auf das Heil verzichten,
Das Denker, Beter, Heilige erbracht,
Den kann der Böse fingerleicht vernichten,
Weil er als Tor die Tradition verlacht.

Nicht nur die Engel solln dem Drachen wehren,
Ein jeder Christ führ ihre Werke fort,
Den Drachen stößt man in den Grund mit Speeren,
Gewöhnlich reicht schon oft ein klares Wort.

Von Sachzwang spricht, von Management der Böse
Aus seinen Hülsen stinkt der Eigennutz.
Aus der Gewohnheit, die er mästet, löse
Dein Herz und hüte dich vor Neid und Putz.

Es sind in dieser Zeit der Angebote
Die Nihilisten in der Überzahl,
Und nie zuvor und nirgends noch bedrohte
Die Alltagswege solche Höllenqual.

Der Mode und der Technik zu entsprechen
Ist kindisch und schon oft ein kurzer Pfad,
Der frohen Botschaft vorzuziehn die frechen
Reklamebilder, denen nichts zu schad.

Der Herr hat nie verlangt dich anzupassen,
Er spricht: dein Herz sei rein und ohne Arg,
Und wagst du den modernen Spuk zu lassen,
So spürst du ihn und deine Fäuste stark.

Und wer in Würden dient der Christgemeinde,
Der habe acht und hege Sorg und Müh,
Daß jedes Glied des Kirchenleibs befeinde
Das Böse und des Heilands Wunder blüh.

Vers 16776 bis 16836:

Actio spes unica

In memoriam Pfarrer Milch

Im Hundertjahr der Ingenieure
Fand Gut und Bös manch Wechselbad,
Konstant blieb nur, daß Knab und Göre
Heißt lästern man den Priesterstab.

Und die Partein und die Programme
So kunterbunt hat nur geeint,
Daß man die Tradition verdamme
Und daß die Kirche ist der Feind.

Da wird so manchem Glaubensdiener
Die Brust zu eng, das Los zu schwer,
Und neunmalklug spricht ein Schlawiner,
Es muß ein neuer Konsens her.

Bald trifft man sich zu Kuschelrunden
Im guten Willen selig blind.
Man spricht nicht mehr von Christi Wunden,
Man preist Reform und frischen Wind.

Auf Kanzeln und in Seminaren
Sind Fortschritt und das Mehrheitswort
Zu scheiden nicht den Engelsscharen,
Und Diskussion wird Spaß und Sport.

Ob bösem Spiel die gute Miene
Die Spur in beßre Tage führ?

Hier nutzt der Teufel nicht Kamine,
Denn weit weit offen steht die Tür.

Wenn Wahrheit nicht mehr Wahrheit heißen,
Und jede Meinung prunken soll,
Wird Satan jeden Zaum zerreißen,
Verdummte Menge findets toll.

Statt festzustehn in dem Gefechte,
Wird Pfarrer Milch gar suspendiert,
Weil er beharrt auf alte Rechte
Und vor dem Zeitgeist nicht pariert.

Die Schar ist klein, die sich das Erbe
Bewahrt im Jacobinerreich,
Sie lobsingt, ob auch draußen werbe
Die Bruderschaft von frei und gleich.

Wenn alles fällt und sich verflüchtigt,
Darf dies die Lehre nicht berührn,
Denn wenn der Feind das Denken züchtigt,
Wird er zu jedem Tun verführn.

Es gilts die Worte reinzuhalten,
Sonst bricht der allerletzte Damm,
Und trennt die Kirche sich vom Alten,
Dann wie ein Blatt von Ast und Stamm.

Respekt gebieten Mut und Treue,
Doch bannt die actio konsequent
Als Ketzerei die Neuzeit-neue
Kultur, die sich nach Luther nennt.

Doch wer Paul Gerhard hört und Fugen
Von Bach, der ist den Tränen nah
Und ahnt, daß Engelsflügel trugen
Den Traum, den der Gebannte sah.

So hofft mein Herz, die Glaubensstreiter
Wärn in der Frag, ob Rom allein
Zum Heile führ, ein wenig heiter
Und ließens Gottes Urteil sein.

Dann könnte ich mit ihnen fechten,
Denn der uns spaltet, will das Nichts,
Und ging der letzte der Gerechten,
Schallt die Posaune des Gerichts.

Vers 16837 bis 16888:

Bis hierhin hat mich Gott gebracht

Dem Gedächtnis der Gräfin
von Schwarzburg-Rudolstadt


Bis hierhin hat mich Gott gebracht,
Mit Mut und Tatendrang bedacht,
Bis hierhin fehlt es nicht an Kraft,
Daß grimmem Feind die Hand erschlafft.
Mag auch die Zeit den Herrn nicht sehn,
Ein Fön wird ihren Trug zerwehn,
Und die Versuchung, drin sie gleißt,
Zerbricht ein jugendlicher Geist,
Denn sie ist aller Macht beraubt,
Wenn niemand mehr die Lügen glaubt.

Bis hierhin hat mich Gott gehegt,
Den Pfeil in meine Hand gelegt,
Die Sehnsucht, die Gedanken weiß,
Die maienlind und falterleis
In Keim und Reife, Wuchs und Blust
Versprechen Heil und Himmelslust.
Sie sind ein Leuchten in der Nacht
Und brechen schließlich Wehr und Macht
Des großen Schwindels, der uns bringt
Um alles, was da liebt und singt.

Bis hierhin hat mich Gott gestählt,
Daß mein Gesicht das rechte wählt,
In jedem Kleid den Feind erkennt,
Der uns auch von uns selber trennt.

Wer feig und faul, den braucht er gern,
Dem Eitlen gibt er goldnen Stern,
Mit Zorn und Neid ist er im Bund,
Er findet gar den Geiz gesund,
Mit Wollust und mit Völlerei
Schafft er ein großes Heer herbei.

Bis hierhin hat mich Gott geführt,
Die Glut des Herzens angeschürt,
Denn nur wer seine Süße schmeckt,
Beim Leugner gleich den Trug entdeckt,
Nur wen die Schöpfungswunde schmerzt,
Bleibt in der Kesselschlacht beherzt,
Wo hundert Heere ihn bedräun,
Und darf sich am Gebet erfreun,
Das ihn das Gottvertrauen lehrt,
Dem keine Macht den Sieg verwehrt.

Und brechen letztlich Schwert und Hand,
Sind Buß und Demut Bringers Pfand,
Doch solche Bürd hat minder Schmerz
Für den, der trägt ein hohes Herz
Und eine scharfe Klinge führt,
Für alles Recht, das Gott gebührt.
Und selbst die Armut heißt Gewinn
Mit hellem Aug und reinem Sinn
Für den, der auch im Tode weiß:
Er wandelt auf des Herrn Geheiß.

Vers 16889 bis 16962:

Ein deutsches Requiem

In memoriam Johannes Brahms

Die Toten lechzen nicht nach Trost,
Sie sind bewahrt von Fehl und Fall,
Es wird kein zweites Mühn erlost,
Und dauernd ist des Reiches Wall,
Sie ruhen ganz in dessen Kür,
Der gnadenreicher nicht gedacht
Sein kann, und tuen nichts dafür,
Daß er sie frei und eigen macht.

Doch was da lebt und hinterbleibt,
Weint Sturz und Bürden, Lob und Last,
Daran er sich erhebt und reibt,
Tieftraurig nach, es scheint verpaßt,
So vieles, wenn das Herz entweibt,
Entpflichtet und vom Schoß geschaßt,
Sich schaut als Blatt, das Herbstwind treibt,
Wo durch Alleen in blinder Hast
Die Tage ziehn, die Leben schreibt.

Wer Liebe litt, die Tröster kennt
In unsers Hoffens Tradition
Im neun, im alten Testament,
Auch daß ihm Apokryphes lohn,
Ist ihm vertraut, die Scheu verbrennt
Das Eins von Schau und reifem Mohn,
Und deutscher Laut ist ihm Allmend
Für das Gemüt und die Passion.

Wer in bescheidnem Hause reift,
Wo deutsche Tugend eng und zag,
Vergißt nicht, wie der Engel streift
Und wie die Stimme spricht im Hag,
Er weiß, daß die Berufung greift,
Daß sie verlangt, daß er es wag,
Drum kündet er, wenn Schmerz ihn schleift,
Daß selig ist der Leidenstag.

Der Leib ist ein vergänglich Ding,
Doch oft verleugnens Aug und Mund,
Wer werdend in Geschichte ging,
Hat oft zu Klag und Stöhnen Grund,
Wir hegen ihn, daß er uns bring
Zum Grab, und ist er mal gesund,
So mahnt die Zeit, daß uns verschling
Vertanen Tags Gewissenswund.

Allein der Herr kann uns befrein
Und lehren, was uns gut und not,
Er will uns jede Stunde weihn
Und treulich nährn mit Wein und Brot,
Drum muß nach ihm die Seele schrein
Und wahrhaft wolln, was er uns bot,
Denn schließt das Herz der Starrsinn ein,
Ist es von Teufelsmacht bedroht.

Allein bei ihm ist Horst und Heim,
Wer wandern muß, bleibt unbehaust,
Dem Feind geht mancher auf den Leim,
Weil ihm vor so viel Freiheit graust,

Wir kommen her aus Schmerz und Schleim
Ins Licht, wo herrschen Schwert und Faust,
Und hilflos ist der Seelenkeim,
Wenn du nicht auf den Heiland baust.

Die Trauer macht uns groß und reif,
Doch ist auch sie nicht Bleibens Statt,
Ein Tal von Jammer und Gekeif
Versteht das Frohwort klamm und platt,
Der lag im Grabe kalt und steif,
Erhob sich und macht tausend satt,
Die Schlange beißt sich in den Schweif,
Weil er die Zeit verwunden hat.

Daß Tote selig sind, beschließt
Den Kreis, denn dies ist uns gewollt,
Wen da des Lebens Pein verdrießt,
Der weide sich an diesem Gold,
Doch hat das Leben nicht vermiest
Der Herr, der es so hoch verzollt,
Wir sollen preisen, was da fließt,
Und alle Schöpfung bleibt uns hold.

Vers 16963 bis 17035:

Höllriegelskreuth

In memoriam K. W. Diefenbach

Wenn kurz vor dem Schlage
Die Glocke verharrt,
Wenn, neigend die Waage,
Ein Windhauch uns narrt,
Versteint von Gorgonen,
Die mitleidlos kalt
Im Weltalter wohnen,
Das jegliches krallt,

Dann keimt aus dem Dünger,
Drin alles verfällt,
Der einsamste Jünger
Der sonnigen Welt
Und spürt im Verzichten,
Von Feinden gewürgt,
Die Reinheit des Schlichten,
Das Gott uns verbürgt.

Er leitet die seinen
Durch Gletscher und Klamm,
Entdeckt im gemeinen
Uns Heimat und Hamm,
Ob Sturmwind ihr zause
Den Bart, bleibt die Freud
Im Steinbruch zuhause
Von Höllriegelskreuth.

Was Kunstsinn, verwöhnter,
Als Meisterschaft schätzt,
Als Teil ungeschönter
Natur ihn entsetzt,
Die Freunde des Schroffen,
Das Leinwand bespie,
Sind einig im Hoffen,
Es träfe sie nie.

Der Meister, mit Fönen
Und Rauhnacht auf du,
Winkt sphärischen Tönen
Im Sonnaufgang zu,
Er weiß, nur der erste,
Der frühtags hier steigt,
Sieht Weizen statt Gerste,
Wenn Helios sich zeigt.

Er weiß sich als Bringer
Des Lichts, Heliodrom,
Des Nachtmahrs Bezwinger
Im sternklaren Dom,
Ihm rauscht noch die Quelle
Des Herrn, der mit Mut
Schuf Dunkel und Helle,
Und alles war gut.

Und Andacht und Feier
Ist ihm das Gestirn,
Das heller und freier
Sich zeigt auf dem Firn,

Wo niemals ihn frecher
Lemurenkot fleckt,
Hält er seinen Becher
Ins Lichtmeer gereckt.

Wer solch einer Gnade
Je teilhaftig ward,
Wird, wo alles Fade
Verdächtigend starrt,
Zum bleichen Verletzer
Von Ordnung und Pflicht,
Das Zeichen der Ketzer
Steht ihm im Gesicht.

So ist in den Tagen,
Da Rausch ihn nicht hebt,
Kein Frohwort zu sagen,
Von Fremdheit umlebt,
Doch herrsche auch Wüste
Nach kurzem Geläut,
Der Herrgott ihn grüßte
In Höllriegelskreuth.

Vers 17036 bis 17077:

Der Unbekannte Gott

Als Paulus den Athenern sprach,
Ließ er sich auf Rhetorik ein
Und ahmte die Methode nach,
Voll Anteil und Gehör zu sein,
Denn wie er so den Hochmut brach,
War die Verwundrung echt und rein.

Manch Prediger hat hier erprobt,
Daß sich der Einstieg nur gewährt
Mit Worten: Was ihr selber hobt,
Noch meinen Lorbeerkranz entbehrt.
Er geht umher und schaut und lobt
Den Weisen, der das Gastrecht ehrt.

Dies sei ein Taschenspielertrick
Meint mancher, denn die freie Stel
War nicht gedacht für einen Blick,
Der alles was da sonst entseel,
Drum sei des Paulus Red-Geschick
Die Rachsucht und die Wüstenkehl.

Des Unbekannten Gotts Altar
Dem Eitlen jeder Zeit gefällt
Gern nimmt den Stein, des Eigners bar,
Wer seinen Senf für Myrrhe hält,
Doch nehme uns, was wirklich war,
Nicht all der Lärm, der schleimt und bellt.

Wer sich die Grille, das Phantom
Nicht gönnt, die Weisheit sei total
Und Gott sei ganz in seinem Dom,
Bezwingt den Eifrer allemal,
Er weiß, uns frommt nur ein Arom
Und Gottes Ganzheit wird uns Qual.

Der will auch andren Wegen traun,
Ihm ist die Welt so jung wie alt,
Manch kluger Kopf wird nach ihm schaun
Des Wesens Kern, die Weltgestalt,
Und wird sein Antlitz falb und braun,
So läßt ihn dies aus Einsicht kalt.

So mag die Griechen Paulus lehrn,
Doch wird des Unbekannten Weih
Nicht ledig Sinns und seiner Ehrn,
Da Christus macht die Toten frei,
Denn mag der Feind auch manches kehrn,
Gilt doch das Schöpfungswort: Es sei.

Vers 17078 bis 17150:

Christos Apollon

Fritz Usinger zugeeignet

Augustus zerschlug die Parteien,
Und fügte zum Weltkreis das Reich,
Doch in seinen blühenden Reihen
Erwachte der Zweifel zugleich,
Ob nicht in den weltlichen Trümpfen
Die Seele verkümmre wie Traum,
Das Chaos mit Mücken und Sümpfen
Uns gleichstell den Affen am Baum.

Schon oft wich das Heil dem Gewinsel,
War Hoffnung im Sorgenpfuhl fern,
Einst brachte die schwimmende Insel
Von Hyperboräa den Herrn,
Der brachte das Maß allem Leuchten
Und strengere Formen dem Geist,
Er führte die Dorer aus feuchten
Gefilden in Berge, vereist.

Die Schönheit entstand dieser Härte,
Choräle von Waffen und Wehr,
Die Kette des Höllenhunds zerrte
Die Freien im Traume nicht mehr,
Kykladen von Männern und Frauen
Besangen das delische Glück,
Und meinten, das Wimmern und Grauen
Kehr niemals ins Leben zurück.

Da sah in der syrischen Wüste
Ein Seher den Drachen der Nacht,
Und in den Mysterien begrüßte
Die Jünger ein Nahn fremder Macht,
Der Kampf zwischen Unheil und Gnade
Ist niemals entschieden und feil,
Der Kämpfer verwaltet die Pfade
Für jegliches Suchen nach Heil.

Er schart einen Kreis der Gefährten
Und kommt in die Stadt, wo die Schrift,
Jahrtausende weiß, sie zu werten
Uraltes der Hohpriester trifft,
Die Botschaft, das Herzblut sei näher
Als Heilsriten, trickreich, formal,
Bei Gott, ruft die Wächter und Späher
Und Neider in größerer Zahl.

Man schlägt ihn ans Kreuz, von der Meute
Bespieen, geschlagen, geschmäht,
Sein Leiden, sein Bluten erneute
Den Äon, der mürb war und spät,
Er zeugt, daß uns Erde und Sonne
Geliehn aus der Schöpfungsgewalt,
Nicht feststehn aus Reichtum und Wonne,
Das Opfer sorgt für den Erhalt.

Die Glaubenden, die er beseelte,
Zerschlugen den älteren Gott,
Was einig sie bindet, verhehlte
Bekehrung mit Schwert und Schafott,

Er hat nicht Pilatus erlitten,
Die Eiche des Donar zu fälln,
Er wollte nicht büßen und bitten,
Der Rachsucht die Waffen zu stelln.

So stritt wider geistferne Täufer
Aus Liebe und Mut die Allianz,
Die rastlosen Seelenverkäufer
Verfehlten die Heilsbotschaft ganz,
Wie in Talismanen von Jade
Gemengt sind Struktur und Gewicht,
So sei uns die christliche Gnade
Vereint mit dem griechischen Licht.

Das doppelte Erbe zu formen,
Blieb Platon in Mönchszellen wach,
Schuf Dürer die Heilsgestalt-Normen,
Erklangen die Fugen von Bach,
Erfuhren wir Luther als Leuen
Und reimte Silesius so gern,
Daß delische Schöpfungen freuen
Die Welt und den himmlischen Herrn.

Vers 17151 bis 17214:

Friesisches Glück

Flatterndem Falter
Gleicht unsre Spur,
Erst wenn im Alter
Leiser die Uhr,
Ordnen sich Zeichen,
Reimt sich das Stück:
Hinter den Deichen
Fand ich mein Glück.

Rat und Bemühen
Waren verfehlt,
Nicht was die frühen
Träume beseelt,
Nicht als der Löwe,
Fuchs voller Tück,
Unter der Möwe
Fand ich mein Glück.

Als mir ein Engel
Reife verhieß,
Schmeichler-Geschlängel
Im Paradies
Schwante, es wüßte,
Was mich bedrück.
Erst an der Küste
Fand ich mein Glück.

Was unsern Tagen
Vorgesehn ist,
Warten und wagen,
Leiden und List?
Ob unsre Wiesen
Morgentau schmück?
Unter den Friesen
Fand ich mein Glück.

Preiser und Diebe
Fand mein Gedicht,
Aber die Liebe
Zeigte sich nicht.
Schlugst du den Funken
Erst und zurück,
Kluntjesüß trunken
Fand ich mein Glück.

Fällt mir der Schleier
Irgendwann, sag,
Wie wird zur Feier
Je mir der Tag,
Jauchzend im Kühnen,
Still auf der Krück?
Zwischen den Dünen
Fand ich mein Glück.

Suchen und Finden
Schlösse sich aus,
Meinen die Linden
Vor meinem Haus

Bis mich verloren
Greisentag bück.
Über den Mooren
Fand ich mein Glück.

Ostertags Wunder
Fastenzeit bricht,
Wenn der Holunder
Duftet im Licht,
Daß er die harschen
Schwertlilien pflück --
Tanzend auf Marschen
Fand ich mein Glück.

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