Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Zwischen Dünwald und Pleiße

Ich wollte, daß der Anger sprechen sollte,
Wie der Sittich spricht im Glas,
Und mir getreulich eingestehen wollte,
Wie frohen Muth er da besaß,
Als die Herrin Blumen las
Jüngst auf ihm und ihre zarten Füße
Rührten an sein grünes Gras.

– Heinrich von Morungen

Vers 23322 bis 23361:

Farnroda

Hier im Rennsteiglied versungen,
Standst du schon im dritten Buch,
Wer vom Geist des Lands durchdrungen,
Startet auch den Viertversuch,
Weil die Wege sich verzweigen,
Willst du diesmal anders gehn,
West und Norden fehln im Reigen,
Um die Wunder Tanns zu sehn.

Doch bevor du weiterschreitest,
Tu am Hörsel dir genug,
Daß du nicht vorübergleitest,
Sieh im Fernen stets den Trug,
Acht des Turms verlornen Posten,
Wo die Wasserburg verfalln,
Und denk niemals an die Kosten,
Geht es um den Schatz von alln.

Stillgelegt die Rühler Bimmel
Und der Bahnhof ohne Mut,
Aber drüber blaut der Himmel,
Der gewiß noch manches tut,
Du bist frei auf Schusters Rappen,
Und die Zukunft steht im Lied,
Wachsen Ritter, stehn auch Knappen,
Weil kein Glück allein geschieht.

Als der Burggraf hier noch hauste,
Wuchs im Umkreis mancher Ort,
Dann kam Wagner nach dem Fauste
Und so ging der Erdgeist fort,
Daß die Mölmer Plattenbauten
Mählich alles Leben flieht,
Sag dem letzten Argonauten,
Daß dem Frevel recht geschieht.

Deutscher Traum hat hier gehorstet,
Traum und Sage, Lied und Mär,
Wer den Hörselberg durchforstet,
Ruft wohl tausend Jahre her,
Aber Heinrich, der ein Dichter,
Blieb so jung, wie als er kam,
Weil der Spuk der tausend Lichter
Seins nicht in den Abgrund nahm.

Vers 23362 bis 23425:

Legenden von Rübezahl

Manchen mag es arg verstören,
Daß der Schlesier Schrat und Schelm,
Ist mit Vers und Stroph zu hören,
Wo der Landgraf trägt den Helm,
Doch die Mären von dem Geiste,
Brachte einer zu Papier,
Der hier oft vorüberreiste
Und nicht Pfarrer wurde hier.

Erst hat man ihms angeboten,
Meinte dann, er ginge fehl,
Nicht nur spätre, wie die Roten
Schauten auf den Dichter scheel,
Also ist der Gnom geraten,
Kindlich ungezähmt und frei,
Und im Buch der Schelmentaten
Ist der Autor stets dabei.

Von der Frauen List und Tücke
Ist im ersten Band die Red,
Sie befehlen Wagestücke,
Töricht, wer das nicht versteht,
Also kam der Gnom zum Nicke,
Schwitzt beim Zählen Wams und Hemd,
Nur daß er nicht dorthin blicke,
Wo die Lieb geht fröhlich fremd.

Der Gehörnte läßt die Erde,
Kehrt zurück nach langen Jahrn,
Hinter einer Ziegenherde
Hört er die Gesellen fahrn,
Einer wagts den Gnom zu pönen,
Dieser sinnt, was jenen töt,
Ohne daß da Schreie tönen
Und die Gegend dann veröd.

Also seiner Larve gleichen
Und den frechsten Raub vollführn,
Dann noch das Beweisstück reichen,
Geister hindern niemals Türn,
Da hier Provision zu holen
Sind die Herrn von Hirschberg schnell,
Daß Prozeß und Haft befohlen
Und gehenkt sei der Gesell.

Nur weil seine Bibelkunde
Trostlos, kämpft der Pfaff um Zeit,
Droht mit Kirchenbann zur Stunde,
Wenn die Seel er nicht befreit,
Während übt der arme Schächer,
Irrt sein Lieb mit Reu und Gram,
Bis ihr gradenwegs der Rächer
Rübzahl in die Quere kam.

Ihrer Schönheit wohl gewogen,
Hört er sich den Kummer an,
Und erkennt, daß ungelogen
Er das ganze Leid ersann,

Er läßt sie mit Hoffnung warten
Und trägt selbst der Folgen Teil,
Und noch einmal mischt er Karten,
Daß der andre froh enteil.

Fünf Legenden stehn geschrieben
Deren zweie ich zitiert,
Wären es auch dreimal sieben,
Jeder gern die Zeit verliert,
Denn des Rübelzahls Legenden,
Sind so lebensklug und frisch,
Daß damit ein Fest zu enden
Scheint mit einem leeren Tisch.

Vers 23426 bis 23445:

Schönau

Schönau unterm Hörselsporne
Zeigt Besuchern manchen Fund,
Die Fossile prunken vorne
Und Gesteine ruhn im Grund.

Hörsels Fauna reiche Arten
Und spezielle Orchideen,
Auf das Aug des Kenners warten,
Der berufen, dies zu sehn.

Auch des großen Musikusses,
Der uns zeigt den Sängerstreit,
Gilt ein Teil des Überflusses,
Der die Exponate reiht.

Nicht zuletzt ist zu berichten,
Daß auch Bechsteins Märchenschatz
Einen Hintergrund zu schichten,
Nicht gescheut ward Müh und Hatz.

Da von Eisenach Minuten
Braucht der Zug in diesen Ort,
Ist dies Ziel wohl zuzumuten
Und man kommt auch rasch hier fort.

Vers 23446 bis 23469:

Tüngeda

Gehst vom Hörsel Polstern-grade
Um den Hainich anzuschaun,
Sei dir keinesfalls zu schade,
Dich nach Tüngeda zu traun.

Elfmal fünfzig Seelen hausen
Nah dem Märchenschloß mit Park,
Laß die andern Dörfer sausen
Und mach dich für dieses stark.

Schon im Jahr, da Karl der Große
Rom erneut Pippins Geschenk,
Zeigt die Urkund, daß im Moose
Nun ein Ort den Bauern lenk.

Als Papst Gregor korrigierte
Julius mit elf Tagen Sprung,
Wangenheim das Gut verzierte
Mit dem Schloß auf altem jung.

Auch erneute Bockwindmühle,
Die der Vormärz setzte drein,
Sollte auf dem nahen Bühle
Der Begehung wertvoll sein.

Jeder schätzt die Heimatkunde
Und trägt seinen Groschen bei,
Daß die Chronik als profunde
Sache wohl gesetzet sei.

Vers 23470 bis 23509:

Hainich

Für Joachim Werneburg

Sprich das Wort geheimnisreich,
Vaters Vater sprach dir so,
Denn die Glut im Minneleich
Ist des Ahorns Herbstgeloh,
Esche, Linde, Elsbeerbaum,
Buche, Urahn allen Walds,
Finden hier noch Licht und Raum,
Wie die Katze Jagd und Balz.

Kronen, die kein Fürst mehr trägt,
Wiegen sich im sanften Fön,
Specht, der seine Hohle schlägt,
Leberblümchen, Tausendschön --
Hier verläuft sich jedes Kind
Träumerisch in Grün und Blau,
Wo Arachne silbern spinnt,
Glüht der Tropfen Morgentau.

Nacht verschlingt die Farbenpracht,
Nur der Pilz zeigt Schimmer Blaus
Von Uranus überdacht,
Grüßen Dachs und Fledermaus,
Wer sich in das Laubicht rollt,
Bis ihn früh das Eichhorn weckt,
Träumt von einem Schatz von Gold,
Den ein Echsentier bedeckt.

Doch wer weiter sucht und geht
Hört hier Stimmen herb und hell
Aus Geschlechtern, längst verweht,
Daß der Reim zum Chore schwell,
Fabelland wächst knapp am Weg,
Vorwelt mischt sich ins Gerausch,
Wer da durch die Buchen feg,
Still und ohne Grausen lausch.

Bist Gesell du Lerchensohn,
Wird dir klar, daß Vaters Ahn,
Senkte Stimme, Hand und Ton,
Denn du siedelst nah am Wahn,
Wer hier nicht die Losung weiß,
Flattert als Dämonenkost,
Da du sprichst vom Hainich leis,
Zeigt die Sonne sich im Ost.

Vers 23510 bis 23525:

Wildkatze

Jägerin im Groß-Revier,
Sehne straff und Kralle scharf,
Glücklich, wer ein solches Tier
Noch im Hain betrachten darf.

Buschig Schwanz mit dunklem Ring
Und die Größe zeigen klar,
Daß dich nicht der Häußler fing,
Und kein Fräulein herzt das Haar.

Unzerschnittne Wälder schätzt
Totholz, Fuchs- und Dachsgehöhl,
Wer da späht und springt zuletzt,
Weich wie Sonnenblumenöl.

Reisighaufen und Gekräut
Taugen dir zu Wurf und Ruh,
Wer die Menschenhybris scheut,
Flieht auch meinem Blick im Nu.

Vers 23526 bis 23545:

Grauwürger

Starengroß und hakenschnäblig,
Zeichenträger in schwarz-weiß,
Herr in Sümpfen, klamm und neblig,
Steppengelb und Gletschereis.

Endlos darf dein Reich sich dehnen,
Nur die Inseln magst du nicht,
Irland, Island, Rom, Hellenen
Kommst du niemals zu Gesicht.

Posten auf der Ansitzwarte,
Der die Beute schlägt im Sturz,
Falknern die Eröffnungskarte,
Schwarz maskiert mit weißem Schurz.

Elsterle am Rain der Felder
Heißt dem Bauern harter Schrei,
Droht da Angriff, bist du Melder,
Wächter und ein Schelm dabei.

Denn du hast im Imitieren
Große Lust und auch Talent,
Daß den Ausblick nicht verlieren
Wird, wer deine Laute kennt.

Vers 23546 bis 23561:

Dasselfliege

Flinker und gewitzter Flieger,
Der beim Eier-Abschuß lenkt,
Daß nicht eins der Larven-Krieger
Tödlich seine Mutter fängt.

Da die Maden Parasiten,
Mag sie nur der Forscher gern,
Was da Pferd und Ziege litten,
Sei der Gnade unsers Herrn.

Bräutlich nach der höchsten Höhe
Fliegend, sind sie schwer zu sehn,
Wer den Schimmel liebt und Flöhe,
Wird auch dies Geschöpf verstehn.

Hainichs Baumturm gibt profundre
Aussicht als das Krongeäst,
So den Höhenflug bewundre
Dieses Tiers beim Hochzeitsfest.

Vers 23562 bis 23581:

Schillerfalter

Auf der Eiche ist ihm wohl,
Wies in Weimar Schiller war,
Nicht auf Kressen oder Kohl
Naschen Jünger dieser Schar.

Ihrem blauen Leuchthabit,
Dem Diskalband, dem Geflock
Weiß gestreut im feschen Schnitt,
Und orangem Aug am Rock,

Muß die Nahrung seltsam sein,
Denn er mag da Kot und Aas,
Schweiß und Tränen im Verein
Er selbst Mineralöl fraß.

Soll des Teufels Teer und Ruß
Uns beschwern mit holdem Traum?
Daß sie in Verwesung fuß,
Denkst auch bei der Seeros kaum.

Also hat die Welt gemacht,
Der nicht Nacht und Dunkel scheut,
Und eh Tod dein Herz bedacht,
Sich das Aug im Sumpfe freut.

Vers 23582 bis 23601:

Reitters Strunk-Saftkäfer

Seltner Ritter Urwald-her,
Der sich labt im faulen Strunk,
Der im Holz, von Sommern schwer,
Eiweiß fand und Lebens-Trunk.

Kauer, drin die Kiefer spricht,
Sendling einer Groß-Armee,
Die in allen Landen ficht,
Die nicht deckt die Weltensee.

Übers Drittel der Million
Zahl der Käferarten reicht,
Daß es Sammlern trefflich lohn,
Weil man nie das Ziel erreicht.

Denn in jedem Pillendreh
Formt sich die Magie des Dung,
Daß ein Zirperleib entsteh
Bis zur Götterdämmerung.

Jedem frommt da Eigenheit,
Daß das Reich fast alles nähr,
Drum sieh im Elytren-Kleid
Der Unsterblichkeit Gewähr.

Vers 23602 bis 23621:

Pfafferode

Mancher suchte Freund zu reimen
Und erreimte sich den Feind,
Such nicht aus dem Kern zu keimen,
Wenn dich Hornungsfrost versteint.

Blenden dich die Eispaläste,
Träum nicht Pfirsich und Vanill!
Besser taugen morsche Äste,
Daß der Nordwind minder schrill.

Wer da siegen will, muß dauern,
Bis erschallt das Hornsignal,
Nicht den Geist an Zaun und Mauern
Schwächen mit vertaner Qual.

Einst im Tollhaus Pfafferode
Saß ich zwischen Schmerz und Zorn,
Doch es wechseln Maß und Mode
Und des Herolds Pferd und Horn.

Hätt mir einst nicht Trost gespendet,
Daß ich unter Sternen krauch,
Wüßt ich nicht, daß alles endet,
Und der größte Kerker auch.

Vers 23622 bis 23641:

Thomas Müntzer

Thomas Müntzer hat Mühlhausen
Nicht geliebt als Stadtpatron,
Ahnherr der Parteibanausen,
Pfiff ihm nach der Gassenhohn.

Da er gram dem Eigennutze,
Was nicht paßt zum Aufschwung Ost,
Kam er mit dem Ährenputze
In die Akte Reichsbahn-Rost.

Luther ließ von ihm in Sorge,
Daß sein Ummaß ihn vernicht,
Daß er Himmelsfeuer borge,
Bis das deutsche Werk zerbricht.

Gleichwohl sollt ihn keiner richten,
Der nicht Taulers Süße kennt,
Gottes Stimmen zu gewichten,
Sei dem Herz, das drin verbrennt.

Daß das Haupt ihm abgeschlagen,
War gewiß vom Herrn bestimmt,
Doch es dreht sich mir der Magen,
Wenn man ihm die Würde nimmt.

Vers 23642 bis 23657:

Gott ist mein König

Mühlhausen sah in jungen Jahren
Den Großen Mittag der Musik,
Aus Sphären, drin die Engelscharen,
Zu haschen einen Augenblick.

Da sich die Reichsstadt neuem Rate
Empfahl und ihm den Beistand Christs,
Ersann uns Bach die Festkantate,
Weil dies das Amt des Organists.

Die Genesis und Psalmenworte
Umkreisen Dienens Staffellauf,
Was gilt dem Regiment am Orte,
Gibt diese Kunst dem Erdkreis auf.

Drum sei, daß jeder Herr Vertreter
Und Gott allein die Herrschaft mach,
Refrain für jeden Segensbeter,
Und Vorbild jedem Sänger Bach.

Vers 23658 bis 23697:

Opfermoor

Nahe Niederdorla wacht
Manches dunkle Holzidol,
Wo in Tann und Buchennacht
Grüßt Alraun den Parasol.

Heiden haben hier gebangt,
Ihren Göttern sog das Moor,
Was im Herzraum angelangt,
Holt der Gräber spät hervor.

Rinder, Hunde, Schwein und Pferd,
Ziegen, Schafe sanken tief,
Auch den Mensch hat nichts gewehrt,
Wenn die dunkle Stimme rief.

Schädel, Knochen, Reuse, Rad
Zwischen Keule, Hammer, Beil
Schaurig schweigt der Opferpfad,
Der so fern von Christi Heil.

Düstre Wolken stehn geballt
Um die Kindheit unsres Stamms,
Was schon unvorstellbar alt,
Hat verjüngt der Tod des Lamms.

Nicht gering denk ihres Schrecks,
Den Geburt noch jedem sagt,
Und der Bann Erfolgs und Zwecks
Immer wieder nur vertagt.

Zwar gebiert das Kreuz uns neu,
Doch der Schnitter bleibt uns wach,
Eh uns Heilands Ziel erfreu,
Bleibt ein Pfad voll Ungemach.

Diesen sollst du heiter gehn,
Doch die Träne bleibt erlaubt,
Denn in Nords und Westwinds Wehn,
Fällt auch deiner Liebe Haupt.

Trennung ist des Menschen Los,
Und sein Fleisch ein dürrer Halm,
Was da winzig oder groß,
Fährt dahin in Schlick und Qualm.

Ob ich einst dich wiederfind,
Wenn der Brand die Masken schält?
Viele zwar berufen sind,
Wenige nur auserwählt.

Vers 23698 bis 23761:

Dünwald

Wo das Land der Klingsorschlingen
Sich nach Westen schroff begrenzt,
Durftest du ein Riff besingen,
Das du aus den Träumen kennst,
An der Wipper, an der Leine
Wird dir blau Viola blühn,
Denn so wie der Reim der deine,
Liebt das Blümelein den Dün.

Muschelkalk und Mergel steilen
Ebra, Heilberg, Hockelrain,
Rötelblock und Stufen teilen
Holz und Rode, Feld und Hain,
Von der Geisled bis zur Helbe
Wechselt späte Schicht mit frühn,
Daß seit tausend Jahrn derselbe
Wind umwerb den Forst des Dün.

Tiefer ruht die Pflanzenasche,
Aus Arabia einst begehrt,
Wie Sylvin dein Feld erhasche,
Hat der Bergmann erst gelehrt,
Denn zur Solung mags nicht taugen,
Und will nicht wie Steinsalz sprühn,
Darum senk mit Furcht die Augen
Auf die Schätze unterm Dün.

Dieses Salz läßt Pflanzen quellen,
Wehrt der Dürre und dem Frost,
Daß die Stengel fest sich stellen,
Brauchts den rechten Druck im Most,
Welketracht bringt sein Entbehren,
Daß die Blätter fahl verglühn,
Drum sollst du das Körnchen ehren,
Das vergraben ward im Dün.

Wandrers Einkehr liegt bei Beuren
Als die Fluchtburg Scharfenstein,
Seit die Mauern sich verteuren,
Ruht sich billiger im Hain,
Mancher schätzt das morsche Erbe,
Der Erhaltung gilt sein Mühn,
Daß das Mittelalter sterbe,
Droht noch immer auch im Dün.

Letztlich kann den Bau nicht retten,
Daß man um die Schaulust wirbt,
Den Gelagen folgen Ketten,
Wenn die Selbstverwaltung stirbt,
Ist die Macht nur noch ein Mittel,
Daß man das Verbrechen sühn,
Steht schon bald im weißen Kittel
Der Verweser auf dem Dün.

Einst war sie der Schirm der Flüsse
Für die Herrschaft wie den Knecht,
Als man Eicheln noch und Nüsse
Schätzte, gab sie Schutz und Recht,

Wenn der Gau sich selber freite,
Läg sie wieder androgyn
Seinem Tageswerk zur Seite
Unterm Himmelsblau des Dün.

Also ist der Schmerz der Mauern
Nur ein Hinweis auf den Tod,
Der Geschlechtern, die nicht dauern
Wollen, aus dem Herzen droht,
Die Gemeinschaft neu zu denken,
Dich in Lied und Spruch erkühn,
Daß der Herr die Dinge lenken
Möge uns im Lande Dün.

Vers 23762 bis 23797:

Viola

Für Viola Schühly

Duftspenderin, von der man sagt,
Sie träume leis vom Sonnenschein,
Wird Brautschau ganz mit dir gewagt,
Läßt Venus selbst Vulcanus ein.

Saturn und Pan, Persephone,
Erkennen dich als holde Gift,
Daß uns entließ der Winterschnee,
Das weiß, wer deine Blüte trifft.

Zwei Blätter aufrecht in der Kron,
Sie sind von aller Zeichnung frei,
Vier ebnen mählt sich solcher Lohn,
Doch wer allhier das Stiefkind sei,

Das konnt ich nie so recht verstehn,
Weil eine Krone nicht nur Reif,
Sie ist mit einem Helm versehn,
Wenn ich die Sache recht begreif.

Im Mittelalter ward das Kraut
Gefeiert als ein Segenspfand,
Wenn man dem Perger drob vertraut,
Der solches meint im Sagenband.

Daß man als Demut rühmt den Blust,
Kam wohl von keinem Gärtner her,
Denn kaum ein Kraut rankt so robust
Und machts dem Feind mit Polstern schwer.

Bei Lochner trägt dein Blau Marie,
Auch Dürer malt den Veilchenstrauß,
Den Troubadouren Rhapsodie,
Und Goethe war bei dir zuhaus.

Da Storm dich schaut am Mühlenbach,
Bist du in Kinderfäusten froh,
Vergessen ist das Weh und Ach,
Da Frost durchbohrte Stein und Stroh.

Mög auch, wer solchen Namen trägt,
Gesegnet sein mit Himmelblau,
Daß man, eh man die Fremde frägt,
Das Heil in ihren Augen schau.

Vers 23798 bis 23837:

Auf dem Eichsfeld

Tyr, der Kriegsgott, der im Thüring weiter
Lebt, hat sich an diesem Land gemästet,
Wer da proviantiere, sieg und scheiter,
Mit Kanonen Feld und Stall verpestet,
Braucht sich um den Wechsel nicht zu scheren,
Der das Land zerschneidet und zerspellt,
Doch wenn die Bescheidnen aufbegehren,
Flaggt in schwarz das ganze Eichenfeld.

Wo die Jesuiten warn den Bauern
Näher als der sieche Lutheraner,
Wuchs im Gau die Kraft zu überdauern
Das Geschmeiß der Krittler und der Mahner,
Wo der Glaube sich verschloß den Bonzen,
Jeden Sonntag noch die Glocke schellt
Zwischen Lerchen ahndungsreich und bronzen,
Die erhört wird auf dem Eichenfeld.

Hier ist unser Heiland nicht Folklore,
Und der Weihrauch wirkt nicht abgestanden,
Einer Kanzel, nah am offnen Ohre,
Kam die Seele nicht wie sonst abhanden,
Hier ist noch die Botschaft froh und stimmig,
Und man weiß noch, wer der Herr der Welt,
Darum ist der Witz auch hintersinnig
Und gefährlich wie das Eichenfeld.

Mit der Stracke, Schmand und Martin selig,
Weiß das Volk, wer lebt nach seinem Wesen,
Ob Kartoffeln fest sind oder mehlig,
Brauchts den Brocken nicht und keine Besen,
Was von Hainich, Leine, Dün dem Ohme
Eignet, ist nicht feil für Silbergeld,
Darum braucht der Bauer keine Dome,
Denn der wölbt sich überm Eichenfeld.

Reich an Burgen ist das Land geblieben,
Wo auch Platz für Ase, Greif und Rhume,
Hier sind Plagen und die Weisen sieben,
Und der Dichter trägt die blaue Blume,
Hier besteht Vertraun, wenn alle zagen,
Und Gewißheit, daß uns Gott erhält,
Darum tönt das Lied vom gelben Wagen
Hell und heilig auf dem Eichenfeld.

Vers 23838 bis 23861:

Werther

Lieblich liegt im Helmegrunde
Eine Au des Sonnenscheins,
Von dem Flecken erste Kunde
Gibt der Erzbischof von Mainz.

Kaum wem hat dies Wort bedeutet,
Eh uns Goethes Sturm und Drang
Weit im Land die Glocken läutet
Für der Jugend Untergang.

Sein Roman, der so betitelt,
Ließ nicht einen Leser kühl:
Was auch immer Ratio krittelt,
Der Despot ist das Gefühl.

Und so sagt das Provokante:
Folg der Liebe, laß den Rest!
Wer da Goethen noch nicht kannte,
Schaut als Fluch die Werther-Pest.

Werther-Mode, Werther-Süchte,
Briefroman und Suizid,
Unbekömmlich sind die Früchte,
Drein der Musenkuß geschieht.

Rings entfesseln sich die Bande,
Und die Fragen rasseln scharf
Um des Dichters Ehr und Schande,
Der dem nicht entweichen darf.

Vers 23862 bis 23881:

Immergrün

Halbstrauch, der am Boden kriecht,
Trichterblume, lila-blau,
Wo ein Menschenwerk versiecht,
Kündest du in Hain und Au.

Im Barock bist du bezeugt,
Wie der Name sagt uns klar,
Wurdst du immer gern beäugt,
Weil du grün das ganze Jahr.

Also breitet dich der Knecht,
Der die Pflanzen mag und hegt,
Und du hältst das Heimatrecht,
Wenn der Mensch sich fortbewegt.

Stengel, die davongerankt,
Mehren dich, als Wurzel gut,
Wer nicht oft dem Fremden dankt,
Hält sich rein das grüne Blut.

Gleichmut, der nicht Sorten kennt,
Nur das äußerst seltne Weiß,
Weiß dich, bis der Himmel brennt,
Immer treu dem ersten Reis.

Vers 23882 bis 23905:

Zwischendurch

Zwischendurch sei eine kurze Glosse
Eingestreut in wuchernde Aspekte,
Denn es frug den Wandrer ein Genosse,
Welches Ziel er seinem Auge steckte.

Dichter sind gar seltne Topographen,
Kein Zementwerk steht auf ihrer Karte,
Der Geliebten, die sie gern beschlafen,
Wird ambrosisch selbst die Hasenscharte.

Manchmal sind es Namen nur und Sagen,
Daß sie ohne Sorg den Holzweg nehmen,
Manchmal läßt sie Daunenglück verzagen,
Und sie suchen nach dem Unbequemen.

Hölderlin vergleicht sie mit den Schwalben,
Denn sie achten auf die Vogelzüge,
Schwätzen sie mit selbstverliebten Alben,
Kümmert sie nicht des Pedanten Rüge.

Aichelburg gar sprach von Maulwurfshügeln,
Die sie in gepflegte Gärten setzen,
Daß sie ihre Reimlust niemals zügeln,
Wird nicht jeder Zeitgenosse schätzen.

Darum frag dich stets: was könnte reimen,
Ist die Rede auch ein Rätselgarten,
Denn der Dichter wählt sie stets zu Heimen,
Und die andern Orte können warten.

Vers 23906 bis 23925:

Illfelder Klosterschule

Seit Neander folgte ihrem Rufe,
Ist die Klosterschule hochgeschätzt,
Grad vier Jahr nachdem in erster Stufe
Letzter Abt den Ordensbrauch ersetzt.

Aus dem Aufbruchsgeist der Protestanten
Wuchs ein stolzes Bildungsideal,
Fächer, die die Älteren nicht kannten,
Wurden Pflicht und manches andre Wahl.

Band von Sprache, von Natur und Sitte,
Blieb das Evangelium im Verein
Mit den Bräuchen und der Beistandsbitte,
Die uns Luther grub ins Deutsche ein.

Halb Europa schickte seine Knaben
Froh in die gelehrte Frömmigkeit,
Daß der Weisheit honiggoldne Waben
Rüste seien für die Lebenszeit.

Vielen hat es wundersam gefrommet,
Größter Zögling war Johannes Thal,
Der hier seinen eignen Reim bekommet,
Denn dem Werk gebührt die erste Wahl.

Vers 23926 bis 23945:

Johannes Thal

Schon als Schüler ein Herbarium klebend,
Pflanzensammler in Neanders Heim,
Dann in Jena und in Stendal webend,
Zog es ihn zu Blüte, Blatt und Keim.

Physikus in Stolberg und Nordhausen,
Dienst am Frühtag und in später Nacht,
Gibt die Müh um Menschendinge Pausen,
Gilts, daß ihm ein Wegrandkräutlein lacht.

Acker-Schmalwand oder Brillenschote,
Erden-Segge, Alpen-Lattich finden
Erst mit ihm Attest und Standort-Bote,
Was die Erben zum Folianten binden.

Seine Reiche aller Harzer Pflanzen
Jed Geschöpf mit gleicher Lieb vermerken,
Daß nicht nur Arznein in seinem Ranzen,
Scheidet ihn von frühern Kräuterwerken.

Da sein Fuhrwerk auf dem Weg zum Kranken
Kam vom Weg, verschied er, vierzig grad,
Vater der Floristik nennt das Danken
Das Vermächtnis, das die Liebe tat.

Vers 23946 bis 23993:

Merwigslinde

Von dem Merowingerblute,
Herrschern, die ein langes Haar
Hielten ihrem Rang zugute,
Da der Knecht geschoren war,
Sind verzerrt und ausgestrichen,
Ob der Furcht vor Wiederkehr,
Alle Quellen, und gewichen
Sind sie heim, das heißt ins Meer.

Eine Sage weiß zu raunen,
Daß ein Proteus einst gegrüßt
Merwigs Mutter, deren Staunen
Hat noch Troias Glanz versüßt,
Aus dem Urquell der Legenden
Stiegen sie ins deutsche Herz,
Und daß sich ihr Unglück wenden
Mög, hofft immernoch ein Schmerz.

Meergeborne sie zu namen,
Ist ein Titel, den kein Stuhl
Könnte stiften, als sie kamen
Grünte noch die Irminsul,
Und Byzanz zählt die Geschichte
Mit Aeneas seit Achill,
Und der Born im Idalichte
Lag noch nicht verwaist und still.

Menschen können nicht ermessen,
Was da groß und fruchtbar gor,
Doch der Baum hat nichts vergessen,
Weil er nie den Ring verlor,
Darum ziehts das Volk zu Linde,
Die zwei Dutzend Ellen Stamm
Ziert als Schreiberling-Gesinde
Der der Mensch ein blökend Lamm.

Gehst du aus vom Töpfertore
Aus Nordhausen Kirschberg-hin,
Rauscht auch dir die Traum-sonore
Stimme von dem Helden Finn,
Der zur See mit weißem Haare
Schaute der Atlanter Glück,
Davon Tod auf jeder Bahre
Gnädig schenkt ein kleines Stück.

Merwigslinde wird geheißen
Weise Frau, im Brauch geehrt,
Ihre Ringe zu zerreißen,
Nur ein tumber Narr begehrt,
Nichts wird ihre Schrift verraten,
Was dir nicht die Krone schenkt,
Denn sie wird nur dem zum Paten,
Der mit hohem Herzen denkt.

Vers 23994 bis 24005:

Bielen

Fürstlich flammen Königskerzen,
Gabelweihe schreit im Sturz,
Dieses Bild geht dir zu Herzen,
Und du denkst an früher kurz.

An der Zorge schreiten Reiher,
Auch zur Helme ists nicht weit,
Eine Stimmung von Tokayer
Klebt im Mund die ganze Zeit.

Wo die Schwalben dich umschwärmen,
Klafft im Text ein schwarzes Loch,
Doch du sollst dich drob nicht härmen,
Denn die Au ist golden doch.

Vers 24006 bis 24045:

Heringen

Als die Straße Karlschem Heere
Von der Zorge fuhr zur Saal,
Profitieren vom Verkehre
Siedler früh im Helmetal,
Aus dem Nebel klammer Sagen
Treibt auch Heringen hervor
Und in Bälde rollen Wagen
Ballenreich durchs Obertor.

Von Sundhausen gehts graniten
Nach der Burg von Querfurt her,
Daß sich Merseburg erstritten
Hat des Ostens Wotansspeer,
Im Vertraun auf Gottes Wege
Festigt Heringen ein Wall,
Daß der Thüring kein Gehege
Kennt, das so getrotzt Verfall.

Wehrhaft und massiv gedrungen
Stammt das Schloß aus dieser Zeit,
Ehe noch das Lied erklungen,
Daß uns Burg die Herrlichkeit,
Wo die Fenster schroffe Scharten
Und die Dächer Helm und Kamm,
Solls der Räuber gern erwarten,
Daß ihn Bürgermacht zerschramm.

Hier ist alles so belassen,
Wies dem Traum der Mannen gut,
Und im Labyrinth der Gassen
Spürst du noch das Ritterblut,
Zwar das Herrenhaus sucht Sonne,
Wo sich Fachwerk freier zweigt,
Doch auch jenes Friedens Wonne
Ist ein Alter, das uns schweigt.

Wohler fühlst du dich bei Linden,
Die Historie nicht bedroht,
Wo sie Tag und Traum verbinden,
Ist ein Musikus der Tod,
Wo ein Bärchen steht im Parke
Ists zum Bahnhof nicht mehr weit,
Doch den Beinen traut der Starke
Und er findet immer Zeit.

Vers 24046 bis 24061:

Abendlicht

Wohin gehn, Novalis fragt,
Wir? -- nun zieh die Stirne kraus,
Eh er selbst die Antwort sagt,
Wir gehn immer nur nach Haus.

Dies meint uns das Abendlicht,
Das den Weg zum Heimweg macht,
Golden strahlt dein Taggesicht,
Wenn im Osten steigt die Nacht.

Auch Getreide, Busch und Gras
Sind in dieses Licht getaucht,
Draus ich oft die Ahndung las,
Was der Herr ins Traumreich haucht.

Also sei von gutem Mut,
Sag dem Tag ein Rechtgetan,
Der den Tag so hold vertut,
Rollt den nächsten auf den Plan.

Vers 24062 bis 24094:

Goldene Aue

I

Die Goldne Aue heißt die Sonnenheide,
Die Rotbart deckt auf seinem Schattenbaue,
Im tränenreichen Grund entwuchs dem Leide
Die Goldne Aue.

So wandre frohen Lieds im Helme-Gaue
Das Knabenkraut von Fliegen-Ragwurz scheide,
Dem Bergsteinkraut und Karst-Gestalten traue.

Und streichelt Wind wie ein Gewand von Seide
So führt dich stets das Blümelein, das blaue,
Es loben Greife und die Maus in Kreide
Die Goldne Aue.

II

Im Abendgolde scharen sich die Weisen,
Sphingiden, die verdünnt begehrn das Holde,
Und alle ihre Traumentwürfe reisen
Im Abendgolde.

Sie stehen nicht bei hohen Herrn im Solde,
Denn dies ist eine Zeit von Blut und Eisen,
Und nicht der Ostertag für Blust und Dolde.

Im Lärm des Sturms und im bedächtig leisen
Aquarelliert der Friese Emil Nolde,
Da lag schon was germanisch Kunst geheißen
Im Abendgolde.

III

Vergoldet wird der Weg im Abendlichte,
Wo Mücken schrillen und das Heimchen sirrt,
So wie zur Weihnacht Zapfenfrucht der Fichte
Vergoldet wird.

Du bist durch manchen Grottengang geirrt,
Doch dies ist eine andere Geschichte,
Die weiß, das der Kristall am hellsten klirrt.

Das Gold ist Maß für Glanz und für Gewichte,
Im Tropfen Taus schaut es der greise Hirt,
Bevor sein Leben, wenn der Leib zunichte,
Vergoldet wird.

Vers 24095 bis 24118:

Auleben

Die Karte des botanicus
Gleicht der von einem Feldherrn kaum,
Denn Stein und Wind und Himmelsfluß
Sind andrer Weis verteilt im Raum.

Du weißt noch wie du durstig warst,
Im Juni-Glast verbrannter Haut,
In Einfalt hast im Kreidekarst
Dem Bittersprudel blind vertraut.

Du siehst den Rost am Marmelstein --
Hättst du ihn früher bloß gesehn!
Die Sole spricht vom Grottenschrein,
Dort kann man gut im Schatten gehn.

Doch weil hier Salz in Felder würzt,
Stehn Queller hier und Strand-Milchkraut,
Salz-Melde sagt dir unverkürzt,
Was du in Friesland angeschaut.

Am Kyff nicht weit das Land versteppt,
Kuhschelle sagts und Federgras,
Hier hat sich Diptam eingeschleppt,
Den dir der Idaberg besaß.

Die Flora sagt in Dichters Art,
Und wer ihr feind, wird auch genutzt,
Was sich verstreut und was sich schart
Lobt Gott, der seinen Garten putzt.

Vers 24119 bis 24151:

Am Kyffhäusermeer

I

Im Kyffhäusermeer kennt der Hecht keine Not,
Er trägt nicht nach Würmern und Egeln Begehr,
Der Überfluß schafft auch dem Räuber das Brot
Im Kyffhäusermeer.

Du liebst sie, die klatschenden Wogen so schwer,
Im Blauhimmel grüßt dich der Milan so rot,
Als rufe das Ufer die Traumarche her.

Dies ist eine Stunde, wo zärtlich der Tod,
Und fänd man am Morgen den Schlafmantel leer,
So schaute Atlantis dein leibloses Boot
Im Kyffhäusermeer.

II

Am Ufer des Sees ruhn die Molche besonnt,
Dir klimmt eine Ameis am Nagel des Zehs,
Und klein scheint im West die gewittrige Front
Am Ufer des Sees.

Du labst dich am Rotwein aus spätester Les,
Entkorkst eine Flasche, der Freund nennts gekonnt,
Da hier ist nicht Durst nach dem Heimeln des Tees.

Der Wind, der sich stärkt, ist dir Segel und Pont,
Drum sei um den Dämmer nicht Furcht und Gewes,
Es zählt nur das Blut, das den Herzraum durchwonnt
Am Ufer des Sees.

III

Im innersten Kreis wird geschwelgt und gelacht,
Und gälts ein Vermögen, begossen nun seis,
Denn nichts wird als halbes und dürftig gemacht
Im innersten Kreis.

Der Wein ruft die Weisheit, auch wenn er nicht weiß,
Der Trinker wird sanft von den Engeln bedacht,
Und was da die Welt war, ist längst nicht mehr heiß.

Vom Schatten des Kyffes entblaut sich die Nacht,
Die goldene Flamme entschlägt sich dem Reis,
Daß weithin loh deutlich, hier werde gewacht
Im innersten Kreis.

Vers 24152 bis 24193:

Periodischer See

I

Wer auszog, um das Questenfest zu schauen,
Der prüfe stets zuvor an dieser Stelle,
Ob das Gewässer sinke oder schwelle,
Denn diesem See ist alles zuzutrauen.

Man nennt periodisch seines Saums Gefälle,
Wo hier der Grund, bleibt stets im Ungenauen,
Er ist bekannt in allen Nachbargauen,
Daß er das Antlitz wirft wie andre Bälle.

Zwar diesmal scheint er gänzlich ohne Makel,
Ein andres Mal stehn hier Morast und Risse
Wie Runen oder Pflanzenblatt-Tentakel.

So bleibt für den Besuch das Ungewisse,
Doch nimm als gutes Omen und Orakel,
Daß heute er anscheinend nichts vermisse.

II

Die Wasser steigen und die Wasser schwinden,
So wie die Götter gehn und wiederkommen,
Ob dir die Fluten oder Wüsten frommen,
Das gilts in diesem Leben rauszufinden.

Schon manchem hat ein Irrstern hell erglommen
Und machte ihn zum Narren und zum Blinden,
Es gibt kein Muster, sich herauszuwinden
Aus Schemen, die uns immer höchst verschwommen.

Doch habe Mut, die Feste aufzusuchen,
Wo hohle Eichen stehn als Pilgerkaten,
Denn hinter einem Bannwald roter Buchen

Hat die Instanz, die prüft in deinen Taten,
Vielleicht die Laune, deiner Furcht zu fluchen,
Doch ganz gewiß wird sie dem Wandrer raten.

III

Es ist ein Vorhang zu der hohen Pforte
Der Weiher, nicht zu zwingen und berechnen,
Er möge dich beglücken und bepechnen,
Doch dies wird dir erklärt mit keinem Worte.

Wer unterwegs ist, klebt an keinem Horte,
Er liebt die Schichten, schiefrigen und zechnen
Hat er vermählt den hellen sprudelbächnen
Gebirgsgeist, den er spürt an jedem Orte.

So ist es auch, wenn dich Gefährten ließen,
Die einst mit dir die gleichen Pfade wagten,
Dir soll die Trauer nicht den Tag vermiesen.

Denn alles, was sie sich und dir versagten,
Kann nur was immer strömte wiederkiesen,
Solang dich nicht die Angler fest verhakten.

Vers 24194 bis 24353:

Questenberg

I

Eichenstamm und Questenkranz,
Reisgezott und Laubgefrans,
Sonnenrad auf weißem Riff,
Hymne, die der Nordwind pfiff,
Grottennacht, kristallner See,
Doppelstirn von Lust und Weh,
Berggeflamm und Herbstfanal,
Osterlicht nach Winterqual,
Nirgends sah ich ein Gedicht,
Das so sehr mein Angesicht
Hat berührt und bloßgestellt,
Daß es fremd ward in der Welt.

II

Wir stehen am Fuße
Des fürstlichen Riffs,
Wir sinnen auf Buße,
Kein Weiser begriffs.

Wir lagern am Rande
Des Heiltums beschämt
Und suchen die Schande,
Die abhält und lähmt.

Wir sinnen und säumen,
Im Hahnenschrei scharf,
Er weckt uns aus Träumen
Wie er es nur darf.

Wir müssen es wagen
Mit kargester Kost,
Denn bald wird es tagen
Aus blutigem Ost.

III

Der Schlafsack wurde eingerollt
Und auch das Eßgeschirr verstaut,
Mit feuchter Hand die Nacht sich trollt,
Indes der erste Schimmer graut.

Heut sitzt nicht jeder Griff, die Zeit
Wird knapp, wir wolln gemessen gehn,
Zum dritten Mal der Gockel schreit,
Dreh dich nicht um und bleib nicht stehn.

Der Hang ist steil doch gehts nicht lang,
Nur wenig Gras wächst im Geklüft,
Man kommt zu Schweiß bei diesem Gang,
Daß ich den Kranz der Freunde lüft.

Doch dann ist aller Schmerz verweht,
Die Majestät lädt zur Audienz,
Wenn man vor diesem Zeichen steht,
Paßt keines Meisters Reim-Sentenz.

Sie ist so schön, wie die aus Schaum
Entstiegne Aphrodite schien,
O kneif mich, denn dies ist ein Traum
Von Haschisch oder Meskalin.

Im Winde flattert gelbes Laub,
Da steigt die Sonne aus dem Grab,
Und wenn ich auch zu träumen glaub,
Bleibt groß, was ich gewonnen hab.

IV

Die Bauern ehrn
Jahraus jahrein
Vor dem Verzehrn
Den Sonnenschein,
Der Questenbaum
In Lieb gepflanzt
Beschirmt den Raum,
Darin man tanzt.

Was gilt da schon,
Ob Heid ob Christ
Dem Sonnenlohn
Gilt diese Frist,
Und das Idol
Den Berg beflaggt,
Der innen hohl
Und außen nackt.

Wer weiß genau,
Was ihn bewog,
Es hält die Sau
Kein Theolog,
Verklärt und ganz
Ist dies wie keins,
Denn Kreuz und Kranz
Falln hier in eins.

Dies sagt dir mehr
Als jede Schrift,
Du fragst nicht, wer
Dein Herz so trifft,
Es ist gewiß
Und wunderbar,
Kein Streit, kein Riß,
Nur hell und klar.

Manch einer schleppt
Folianten viel,
Daß der Adept
Sofort am Ziel,
Sorgt diese Maid
Am Gipfel stramm,
Für Lieb und Leid
Wie Wolf und Lamm.

Du wirst sie oft
Erinnern hell,
Weil sie verstofft
Geheime Schwell
Von Zeit und Raum,
Wo sonst dir nur
Der Flug im Traum
Ein Dielenflur.

V

Ein Holdener vom Questenberg
Ward einst gerichtet und gehenkt,
Wer staunt auf dieses große Werk
Gewißlich auch des Opfers denkt.

Uns gibt die Chronik keine Spur,
Wie er beklagt der Häresie,
Und sicher scheint mir heute nur,
Der Richter sah die Queste nie.

Doch fehlt dem Irrtum nicht der Sinn,
Denn dieses ist der Gang der Welt,
Daß schuldlos Blut zur Erde rinn,
Ist Kraft, die auch den Baum erhält.

So darf uns diese Schönheit freun,
Weil unser Herr auch nach dem Tod
Wird die Gerechtigkeit nicht scheun,
Die Mond und Sonne hält im Lot.

VI

Manch einer meint, der Questenkranz
Gehör ihm höchst privat und ganz,
Doch sagt, wer selbem Wahn nicht front,
Er mach es wie der Hund dem Mond.

Da soll nun zwiefach Tadel sein,
Man schließt ein Heiligtum nicht ein,
Und daß dies jemand närrisch liebt,
Heißt nicht, daß es nur Narren gibt.

In Büchern nach der Queste spähn,
Wird nur die Vorurteile blähn,
Drum steig hinauf mit wachem Aug,
Dann siehst, ob dir das Zeichen taug.

VII

Der Kammwind gerbt das dürre Laub,
Macht Braun und Ocker fadenschein,
Der Kranz verweht wie Elbenstaub,
Drum will das Werk erneuert sein.

Die Dörfler rings mit Kind und Greis
Gehn hoch, daß man die Maid verarz,
Zum Liebesdienen büschelweis
Die Au der Helme trifft den Harz.

In Eichenfaß und Gerstensaft
Die Questenfarben wiederkehrn,
Die Bauern wollen Rad und Schaft
Noch tausend weitre Jahre ehrn.

An mancher Felsenspitze klebt,
Was vorjahrs riß der Hagelschlag,
Doch was verlorn und abgelebt,
Gibt Hintergrund dem Ostertag.

Denn dies ist jeden Zeichens Kern,
Es bringt der Zeit, was sie bedingt,
So ist gesandt vom Questenstern,
Wer ihn in jeder Weis besingt.

VIII

Abschiedsstunde in der Mitte
Eines Tags, der nie vergeht,
Weil das Bild der Questenbitte
Unzerstörbar in dir steht.

Mag den Kranz der Sturmwind lösen,
Mag das Laub im Karst verfalln,
Eine Waffe droht dem Bösen,
Die vorangeht, hell vor alln.

Daß dein Herz sie herrlich zäume,
Bis sie jede Kuppe trag,
Stieg sie tief in deine Träume
Wo sie leuchtet jeden Tag.

Vers 24354 bis 24433:

Tilleda

I

Als ich Kind war, Onkel, Tanten
Hatte, deren meiste blöd,
Kamen auch die Westverwandten,
Denens Orlagau zu schnöd.

Also gabs Kulturprogramme,
Die ansonsten nicht geschahn,
Daß sogar vom Rennsteigkamme
Etwas meine Augen sahn.

Zwei der Reisen zu entsinnen,
Weiß ich mich ein Leben gut,
Dieses warn der Wartburg Zinnen
Und der Kyff, drin Rotbart ruht.

Auf der Wartburg durft ich reiten
Eselhoch zur Matinee,
Hab gebettelt Jahr und Zeiten,
Daß ich dies noch einmal seh.

Als ich sechzehn, fuhr alleine
Ich im Zug ins Hörselland,
Nicht bei Wessis an der Leine,
Hab ich dort mein Herz erkannt.

Dieses steh auf anderm Blatte,
Denn der Kyff ist heute dran,
Daß ich erstmals Höhnangst hatte,
Haftet diesem Denkmal an.

Sonst hab ich nur ein paar Bilder,
Von der Grotte sah ich nix,
Auf der Reichsburg sperrten Schilder,
Was ich nahm als böse Tricks.

Daß das Beste mir verborgen,
Hab ich damals schon gedacht,
Und so wirds auch heut und morgen
Bleiben, wenn die Sonne lacht.

II

Als ich Firmling der Gemeinde
Und die Lehrer sagten Sie,
Hatt ich Muttersorg zum Feinde,
Weil ich nach der Ferne schrie,
Eines Sommers hoch zu Rade
Fuhr ich mit dem Freund vom Dorf,
Daß im Straßen-Sonnenbade
Stirne mir und Arm verschorf.

Rasch gewann das Thüring-Becken
Unsrer Räder frühe Fahrt,
Was man mühelos an Strecken,
Wenn die Kräfte aufgespart,
Schafft, hab ich nicht ahnen mögen,
Denn es hieß nur einfach: weg!
Als es Abend, sahn uns Bögen,
Denn am Kyffberg schob der Treck.

Schlaf ward uns in einem Schober,
Und die Liebe nebenbei
Fand hier ihren ersten Lober:
Ob dies was vom Kyffe sei?
Später wars mir lange peinlich,
Zu dem neuen Glück zu stehn,
Meine Kinderstube reinlich,
Hatte andres vorgesehn.

Was an Freiheit ich erworben,
Blieb zuletzt ein schmaler Grat,
Denn zuhause war gestorben
Meiner Kindheit Kamerad,
Zur Beerdigung zu kehren,
Ließ ich rasch die Radtour stehn,
Immerhin: die Kyffe lehren,
Kannst sie ohne Wessis sehn.

Lange kam ich hier nicht wieder,
Denn nach Bayern ging ich fort,
Und von Stacheldraht ein Mieder
Schirmte jeden Heimatort,
Erst im Pulk der Questengänger
Ward der Kyff erneut bereist,
Und ich wurde deutscher Sänger
Gänzlich mit Kyffhäusergeist.

Nun sind wir schon längst Vertraute,
Rotbart hat recht viel Humor,
Ob da Raben an der Raute,
Noch ist nicht die Zeit fürs Tor,
Aber es ist keine Frage,
Daß sie kommen wird und bald,
Mancher freilich hälts für Sage,
Wenn im Berg Gelächter hallt.

Vers 24434 bis 24473:

Tübkichon

Auf dem Schlachtberg Frankenhausen
Ward Herr Honecker Mäzen,
Lang erinnert nur mit Grausen,
Wollt sein Staat zu Müntzer stehn,
Daß man nicht nur Armut kenne
Und gar stets der zweite sei,
Ward gebucht die größte Tenne,
Die je Neuzeitmalern frei.

Wie einst Breker andre Herren,
Nutzte Tübke seinem Spleen
Jene, die sich wenig sperren,
Und so manchen Spaß verziehn,
Wo des Westens Mut erschlaffte,
Weil sein Sinn das Kapital,
Schien ein Schwert mit festem Schafte
Dieses Musenhofs Fanal.

Zahllos warn die Mitarbeiter
Und des Meisters Helferschar,
Als der nicht mehr Vorbereiter
Wie davor für sieben Jahr,
Fürs Panoptikum des Lebens
Jener Zeit, da Cranach schuf,
Gab der Meister allen Strebens
Herzblut und den Brotberuf.

Als elf Jahre auf Gerüsten
Warn geviecht, da stand rundum
Als ein Kosmos Schmerz und Lüsten
Gott und seine Wege krumm,
Selbst als Harlekin im Bilde
Trumpft Figürlich vor Abstrakt,
Und nun fürchtet mancher Wilde,
Daß man seh den Kaiser nackt.

Für Kritik bleibts Singuläres,
Denn ansonsten bleibt der Trott,
Aber naheliegend wär es,
Daß man seh, daß andres Schrott,
Wenn man einst die Zeit verwindet,
Wo man Kunst zur Unzucht trieb,
Man doch manche Perle findet,
Und auch Tübke bleibt im Sieb.

Vers 24474 bis 24497:

Hirschzunge

Zum Molkenbachtal
Bestellt dich der Weg,
Doch schlafe noch mal
In Floras Geheg,
Bevor du erneut
Ins Menschenwerk starrst,
Sei lieblich erfreut
Im Mooskammerkarst.

Der Hirschzungenfarn,
Ein Wurzler im Spalt,
Ariadnes Garn
Für manche Gestalt,
Mag Humus und Kalk
An Nordhängen steil,
Dort sucht dieser Balg
Sein Sickerschlucht-Heil.

Wo Ahorn enthext,
Und Freya du lind
Im askischen Text
Das Eschenlaubkind,
Die Wedel gestreckt
Im Waldgeschatt harrn,
Und du hast entdeckt
Der Hirschzungenfarn.

Vers 24498 bis 24537:

Morungen

Das alte Schloß ein Händler kaufte
Nun sitzen Manager im Saal,
Ob jemand sich das Haar ausraufte,
Frag nicht erneut zum x-ten Mal,
Nur Splitter können wir erhaschen,
Eh sich das Weltendunkel neigt,
Der ganze Rest gehört den Flaschen,
Den gern der Flimmerkasten zeigt.

Ob uns der Dichter hier gewandelt,
Weiß niemand, wie die Melodien
Die uns die Zeit nicht mehr verhandelt,
Und schwer ists, die Bilanz zu ziehn,
Doch wirds uns anders nicht ergehen,
Auch unser Lied wird Zeit zerstörn,
Wenn wir die Wege nicht mehr sehen,
Die immer nur dem Wind gehörn.

Das Tagelied ist seine Marke,
Dies ist fürwahr das Lied der Welt,
Durch Nebel gleitet unsre Barke,
Die das Gefühl zusammenhält,
Der Abschied ist der große Meister,
Dem alle Lust nur Schmerz verleiht,
Drum wußten stets die feinren Geister,
Das er der wahre Herr der Zeit.

Die Lerche ist nur dem die frohe,
Der nicht zur Nacht das Herz verschenkt,
Daß blutig rot der Osten drohe,
Der Liebende mit Grausen denkt,
Hier ist Novalis schon getroffen,
Denn aller Klage düstre Pracht
Läßt immer nur die Umkehr hoffen,
Daß ewiglich die Liebesnacht.

Wer Sehnsucht kennt, muß immer weiter
Und immer fort, waldaus, waldein,
Und findst du keine Jakobsleiter,
So mag es wohl der Indus sein,
Schon Alexander ist gegangen
Getrieben bis zum Weltenrand,
Denn wer zu wandern angefangen,
Der kommt im Leben nie zu Stand.

Vers 24538 bis 24561:

Querfurt

Die Gottesmutter mit dem Kinde
Mit Gold im blauen Wappen lacht,
Daß dich die Heeresstaße finde,
Ist heute nicht mehr ausgemacht.

Längst ist die Saale tonangebend
Und du das Schmuddelkind im Stall,
Sei froh darob, im Schatten webend,
Bleibst du verschont vom Stadtverfall.

Uralt, romanisch, sieben Größen
Der Wartburg faßt der Burgkomplex,
Wer kann die Namensfrage lösen?
Ein zages Schweigen: setzen, sechs!

Auf alter Wallung grüßt in harter
Bewehrung uns der Heinrich dick
Auch Korn und Rüste, Amt und Marter
Verbinden sich mit Baugeschick.

Gewaltig steht darum die Feste,
Bastionen, Doppelring, selbdritt
Bergfriede und das allerbeste:
Die Kreuzbau-Kirche in der Mitt.

Hier wird die Kreuzzug-Zeit lebendig,
Die Orient in Sujet und Geist,
So sieh, es ist so viel beständig,
Und längst nicht alles wird bereist.

Vers 24562 bis 24601:

Ofterdingen

Weißer Felsen, Saalebrücke,
Knoten, den das Schicksal zurrt,
Traumesfetzen, Jugendstücke
Wirbeln durch den Geist, der murrt.

Hier traf ich im ersten Buche
Des Novalis schlichtes Grab,
Der als Dichter mir die Suche
In die frühen Träume gab.

Ofterdingen, der im Korne
Selig singt von blauer Blüt,
Weiß und rot im Rosendorne
Weiß die Sehnsucht das Gemüt.

Hier hab ich den Freund getroffen,
Der mir Hölderlin geschenkt,
Und ich bleib auch heute offen,
Wer hierher die Schritte lenkt.

Später hat er Ofterdingen
Einen Briefroman gefühlt,
Meine Stimme möchte singen,
Doch der Geist ist zu zerwühlt.

Auch der Sohn der Goldnen Aue,
Dem der Vers palettenweis,
Trat, daß ich ihn erstmals schaue
Hier am Markt im kleinsten Kreis.

Und wir dachten an den Dichter,
Der in Hymnen an die Nacht
Alles Licht als harten Richter
Hat verflucht und ausgemacht.

Wagnern wars ein Lob des Dunkels,
Das er hold zum Tristan wob,
Wo Isold, des Licht-Gefunkels
Leid, die Fackel grob zerstob.

Später schritten wir nach Röcken,
Wer als Knabe Hölderlin
Preist, der bleibt den Wanderstöcken
Treu, bis ihn die Sinne fliehn.

Also läßt die Saalebrücke
Immer Ofterdingen spürn,
Mehr als die Romanzen-Stücke,
Die doch nie ins Zentrum führn.

Vers 24602 bis 24625:

Pleißenland

Nach dem Strom ist hingewachsen,
Volk, das nach der Strömung sieht,
Diese Leute wollten Sachsen,
Die Historie dann entschied.

Nun ein Horn am Tannenlande,
Wie der Skat den Alten streckt,
Doch ich streichle gern die Bande,
Weil drin sehr viel Herzblut steckt.

Pleißenwort ist Markt und Messe,
Wirtschaft, Industrie und Geld,
Das da sorgt, daß man vergesse,
Was den Himmel offen hält.

Schaut man fern vom Warenstrome
Was die Träume hellt und fleckt,
Sind die Pleißner Hörselgnome,
Wie sie Klingsor gerne neckt.

Altenburg, einst Pfalz des Kaisers,
Bot für Luther oft ein Dach,
Darum nimm anstatt des Weisers
Blaue Flut und Deutschen Bach.

Diese Stadt gehört zur Mitte,
Finkenschlag und Lindengrün,
Außen harsch wie eine Quitte,
Muß das Herz romantisch glühn.

Vers 24626 bis 24641:

Mutzbraten

Bist du zu Fuß in diesem Land,
Auch unbedingt die Kochkunst nutz,
Es ist als Köstlichkeit bekannt
Im Osterland gebratner Mutz.

Die Mundart meint damit ein Tier
Das ohne Schwanz, der Speiseplan
Spießt faustgroß Schweinskamm aufs Panier
Mit Pfeffer, Salz und Majoran.

Das wird im Rauch von Birkenholz
Gegart, dazu gibts Brot und Kraut,
Der Landsmann mags in seinem Stolz,
Wenn man beim Brutzeln staunt und schaut.

Doch glaub mir, daß sich dieses lohnt,
Das Fleisch ist mariniert und zart,
Wer Knie und Haxen wenig schont,
Schmeckt wie sich hold der Himmel klart.

Vers 24642 bis 24661:

Frauenschuh

Frauenschuh und Schuh Marien
Wird genannt die Orchidee,
Der es ungefährlich schien,
Wenn ich sie bei Zechau seh.

Grab die Holde niemals aus,
Denn du tötst gewiß die Magd,
Niemand weiß und sagt voraus,
Welcher Standort ihr behagt.

Schühchen-Blüten leuchten hell,
Goldig aus behaartem Kraut,
Ausgezeichnet ist die Stell,
Wo ein solches Wunder schaut.

Hier sind Tümpel, Weiher, Moor
Kippe, Böschung unbemannt,
Wo sich Menschenwerk verlor,
Wächst und nistet allerhand.

Lang braucht diese Maid zu blühn,
Darum schau geduldig zu,
Denn die Gnade zwingt kein Mühn,
Daß du findest Frauenschuh.

Vers 24662 bis 24685:

Wespenspinne

Hinter Lödla sollst du pirschen,
Bruchwald-Buchen, Eichen, Linden,
Erlen, Eschen, Traubenkirschen
Lassen hoffen, Pan zu finden.

Im Morast Insekten schwärmen,
Und ihr Feind hats wohl im Sinne,
Sehr geschäftig ohne Lärmen
Radnetz webt die Wespenspinne.

Einst war sie in unsern Tannen
Rar, nun mehren sich die Pfründe,
Groß ihr Radnetz auszuspannen
Ist sie rasch wie nur die Sünde.

Goldene und schwarze Ringe
Streifen sie am Hinterleibe,
Nicht daß Ähnlichkeit sie zwinge,
Daß die Wespe glücklich bleibe:

Alles was da fliegt und fächelt,
Heuschreck, Biene, Schmetterlinge,
Wird umgarnt und Gift-zerhechelt,
Wer viel fängt schläft guter Dinge.

Amazonisch sind die Sitten,
Männchen dürfen fliehn und sterben,
Dennoch ist ihr Teil, zu bitten
Um ihr einzigstes: den Erben.

Vers 24686 bis 24705:

Siebenschläfer

In Bachaun an dem Modelwitzer Bache
Stehn Erln und Eschen im Mäanderrohr,
Dort rühr dich nicht und leisen Atems wache,
Denn hier kommt auch der Siebenschläfer vor.

Er schläft am Tage, um zur Nacht zu jagen,
Er ähnelt einem Eichhorn, freilich klein,
Großäugig siehst du ihn bedächtig nagen
Kastanien und die fetten Sämerein.

Er schnellt ins Baumloch, da wir ihn entdeckten,
Die feuchten Pforten haften wie ein Filz,
Zu Eicheln, Eckern, Nüssen gibts Insekten,
Und sommers Knospen, Rinden, Frucht und Pilz.

Er muß sich für die Schlafenszeiten rüsten
Und nimmt auch mal ein Vöglein und ein Ei,
Wenn solche Bilche nicht um Feinde wüßten,
Dann wären sie in Gottes Garten frei.

Doch Katzen, Marder und die Eulen dunkel
Zerhaun dem Tier den buschig grauen Pelz,
Der Aberglaube kennt gar viel Gemunkel,
Doch mir, so sag ich jedermann, gefällts.

Vers 24706 bis 24721:

Brand-Knabenkraut

Brandrübler Moor, wos brandig gärt,
Hier wird manch seltnes Volk genährt.

Hier wahrt gar zierlich Blust und Stand
Der Knab, dems Mannsein angebrannt.

Mit zweien eigestaltnen Knolln,
Scheints Können überdeckt vom Wolln.

Sein Sam hat kein Geweb zum Schmaus,
Er braucht den Pilz, sonst wird nichts draus.

Doch seine Blüte, zart gescheckt,
Erfreut das Aug, das ihn entdeckt.

Das Laub ist bläulich als Lanzett,
Als Büschel teiln sich fünf das Bett.

Wer meint, daß groß die Orchideen,
Der wird an ihm vorübergehn,

Doch wers zum rechten Schauen schafft,
Sieht auch im Zwerg des Himmels Kraft.

Vers 24722 bis 24761:

Nöbdenitzer Eiche

Von der Erler Feme-Eiche
Meint man, daß am Rang nichts rüttel,
Auch der Ivenacker gleiche
Allenfalls noch Egenbüttel,
Nahe Nagel steht in Franken
Wie als Gahrenbergs Gericht,
Je ein Koloß, sich zu zanken
Um das deutsche Schwerstgewicht.

Ob da Nöbdenitz die Krone
Sei vor allen, die da rauschen,
Glaub nicht, daß es wirklich lohne
Zahln und Maße auszutauschen,
Jed Geschöpf hat seine Weise,
Allem frommt geheimer Rang,
Darum sei vor allem leise,
Denn im Lärm reift Untergang.

Zwar ist sie gehöhlt im Kerne
Und umfaßt von Eisenreifen,
Doch sie mag das Licht so gerne,
Daß da alljahrs Triebe greifen,
Und so ruhn im Sprottentale
Bahnhof, Schule, Gut, Pfarrei,
Und es knackt die Eichelnschale
Keine Sau und grunzt dabei.

Lang schon ist die Eich ein Wesen,
Das gehegt wird und gestreichelt,
Auserwählt und auserlesen
Sie im Herbst den Weg beeichelt,
Uralt, hohl und voller Narben
Ragt sie in gemeßner Ruh,
Wo die Schwestern längst verdarben,
Setzt ihr Schwefelporling zu.

Daß die Leich am schönsten lümmel,
Wenn sie dort ein Plätzchen leiht sich,
Dacht zur Goethezeit sich Thümmel,
Der Minister und nicht geizig,
Also hat die Eich erworben
Jener und ihr ganz vertraut
Und ist tief im Holz verdorben
Und präsent im Wipfellaut.

Vers 24762 bis 24781:

Vergißmeinnicht

Blüten in gepaarten Wickeln
Glockenkelch mit Zipfeln fünf,
Ist man sonst gemein mit Nickeln,
Wünscht dich keiner in die Sümpf.

Denn dein Blau berührt uns heilig
Und die Treu, daß du da bleibst,
Wo du trotzig-doppelzeilig
Einmal deinen Namen schreibst.

In dem Gleichnisschatz der Blüher
Ist von Lieb und Treu die Red,
Mit dem Hornkraut eines früher,
Seit Linné das Wappen steht.

Höchst verehrt hat dich der Angeln
König Heinrich Nummer vier,
Mags an Dichtern dir nicht mangeln,
Kommt auch noch ein Spruch von mir.

Denn der Minne Herzverschenken
Legt uns auf als höchste Pflicht,
Immerfort das Aug zu senken,
Murmelnd leis: Vergißmeinnicht!

Vers 24782 bis 24821:

Osterland

Einst von Weida ausgegangen
Bist du frisch im Osterland,
Von der Burg, der festen, sangen
Lieder, froh auf Riff und Sand,
Nun soll wieder Ostern werden,
Daß der Herr im Fleisch ersteh,
Und der Himmel wird zur Erden,
Und zur Lust das Winterweh.

Leichte Hügel, Südens Boten,
Sind hier überall verstreut,
Wo die Osterfeuer lohten,
Sich der Lenz im Herz erneut,
Dieses Land ist ganz am Wege,
Denn nach Osten geht es weit,
Darum brauchts besondre Hege,
Denn begrenzt ist unsre Zeit.

Dieses Land ist Pfeil und Sehne,
Vorhut, Horn und Halali,
Daß sich aus dem Fenster lehne
Stets der Punkt auf unserm I,
Selbst die Elster heißt die Weiße,
Diebin nicht noch scharf auf Putz,
Und so wahr ich Lammla heiße,
Braucht die Orla solchen Schutz.

Wo von Reuß die ältre Linie,
Greiz, so oft schon abgebrannt,
Hartholz wie vom Stamm der Pinie
Liebt der Mann in diesem Land,
Auch die Dichter müssen werken,
Das es nicht den Brauch verletzt,
Denn man wird nur Verse merken,
Die mit Müh und Tat gesetzt.

Härter muß das Vogtland fechten
Als das süße Oster-O,
Doch die Warte sind im echten
Auf der Höh und herzensfroh,
Soll dir lang die Aue frommen,
Wo du der Arnshaugker bist,
Mußt du immer wiederkommen,
Weil der Schirm im Osten ist.

Impressum Datenschutzerklärung