Die Pilze in den Wäldern
Erglommen grün vor Gift,
So leuchtete den bäldern
Gezeiten aufgeschriebne Schrift:
Auf Holz, auf Stein, auf Rinde
Von glühnder Hand, kaum leserlich,
Stand aller Kreaturen Sünde,
Daß ich, die Tröstung missend, fast
vor Angst und Scham verblich.
– Horst Lange
Vers 24822 bis 24869:
Gewittrig war der Tag und heiß,
Ein Regen fiel, jedoch nicht lang,
Die Wiese dampfte nebelweiß,
Die Buchen schwiegen schwarz und bang.
Wir traten in den feuchten Hag,
Der Dämmer gab uns gänzlich frei,
Viel Totholz auf dem Pfade lag
Und schien als obs kristallen sei.
Und wie die Schwärze tiefer sank
Und sog des Wandrers Tageshast,
Ein Holzstoß ward zur Marmorbank,
Ein Kreuzweg gar zum Eispalast.
Ich nahm ein Stück das glühte hell,
Auf dutzend Schritte klar zu sehn,
Am Rucksack trugs der Weggesell,
So war es leicht ihm nachzugehn.
Was war das für ein stummer Spuk?
Wie konnt solch kaltes Leuchten sein?
Der feuchte Stecken glomm und trug
Ein Kleid so unbeschreiblich rein.
Nicht nur die Helligkeit bezwang,
Die Linien strahlten fest und klar,
Grad so als ob im Untergang
Etwas erglömm, was niemals war.
Dies ist der Elben Hochzeitsstaat,
So feierlich, daß keiner spricht,
Das Aug, das ins Geheimnis trat,
Wird satt an diesem Zauber nicht.
Wer nicht Magie als Grund bemüht,
Der weiß am Holz das Pilzgeflecht,
Doch wenn das Wunder prunkend glüht,
Gibt der Verstand dem Glauben recht.
Es zeigt sich, daß der Märchentraum
In jede Götterferne ragt,
Drei Schritt vom Tag im Haine kaum
Wir dir vom Vorzeit-Glanz gesagt.
Wenn Pilzen eignet solche Macht,
Dann wundert dich in diesem Dom,
Daß Dichters Wort nicht oft gedacht
Dem blütenlosen Erdengnom.
Das Volk, dem Dichter stets voraus,
Namt traulich und recht oft mir Graun,
Und teilt wie selten Schätze aus –
Wer wagte da nicht hinzuschaun?
Doch eh ich in die Wälder tret,
Die orchestriert wie niemand sunst,
Geh von der Wiese mein Gered,
Damit sich üb die hohe Kunst.
Vers 24870 bis 24909:
Brachpilz mit beringtem Stiele,
Samtne Kappe, hell und stramm,
In der Aue fand ich viele,
Die da gleich dem Himmelslamm,
Hilfreich dient er stärkren Reizen,
Lob ich dem Bescheidnen sing,
Auch der Schlemmer muß nicht geizen,
Setzt er auf den Angerling.
Viele seines Ordens Treue
Sind uns angenehm und recht,
Daß nicht Peinigung und Reue
Folgen, wo man herzig zecht,
Ob am Fuß die Scheide schiller
Und Lamellen ungebräunt,
Prüf, sonst gilt der Wulstling-Killer
Eßbar für der Einfalt Freund.
Auch die Dünste vom Karbole
Sind ein Fingerzeig für Pein,
Leuchtet aus zerschnittner Sohle
Chromgelb, laß die Beute sein,
Auch im Reiben der Lamellen,
Spürt die Nas das Giftgebräu,
Drein die Forscher Totes stellen,
Daß es nicht die Fliegen freu.
Hast du dies Geheiß studieret,
Das dem Pilzfreund Einmaleins,
Nimm, was deine Wiesen zieret,
Rosig, froh des Sonnenscheins,
Hier gilt kein Gebot zu sparen,
Keiner Schonung Sorg und Muß,
Denn im Reich der Erdgeist-Scharen
Herrscht noch immer Überfluß.
Dick und fleischig dem Entdecker,
Kuglig jung und reifer Schild,
Wie er folgt dem Sonnen-Wecker
Sei für dich des Geistes Bild,
Der in Schüben schafft und Ringe
Bildet, die die Hexe mag,
Wo er prunkt, sei guter Dinge,
Denn gesegnet ist der Tag.
Vers 24910 bis 24949:
Ritterling im Scharlachhut,
Trocken und mit tiefem Ton,
Bauchlamellig, gelb beschuht,
Stehst als Magerwiesensohn,
Leuchtend auf der kargen Trift,
Keglig oder rund gesandt,
Scheinst du mir das Horn der Hift
Und der Rutschhang-Olifant.
Sauer ist dein Tummelfeld,
Wo die Wanderschäferei
Sich dem gelben Gras gesellt
Und der Weißklee kaum dabei,
Horstend auf orangem Stiel,
Zeigt die Tama ihre Pracht,
Büschelig mit manch Gespiel
Heimelt uns die Königstracht.
Dies ist der Gesang der Weid,
Wie der Heiland kam im Stall,
Wächst in ausgezehrter Breit
Mancher hoffnungsfrohe Fall,
Darum ist ein Narr, wer stets
Ruft nach Dung und Mineral,
Denn im Reich der Nöte gehts
Kürzer oft zu Heil und Gral.
Besenheid und Borstgras stehn,
Roten Stengelmoosen froh,
Oft als kündende Ideen
Vor dem Leuchter von Bordeaux,
Wer den Pilz getrocknet hat,
Nennt ein Wunderstück die Luft,
Denn im Kreis der Sporenstatt
Streichelt uns der Honigduft.
Solchen Saft und solchen Prunk
Bringt kein Alchymist zustand,
Keiner Blüte Nektar-Trunk
Je zu solcher Würde fand,
Also sollst die Sporen sehn,
Die Verwandler höchster Klaß,
Immer nach dem Pilz zu gehn
Aug und Mut zur Wiese laß.
Vers 24950 bis 24965:
Auf der Weide und am Rain
Leuchtest du in reinem Weiß,
Manchmal reißt die Deckhaut ein,
Ist die Sonne gar zu heiß.
Die Lamellen grau bis braun,
Manchmal auch mit lila Stich,
Mild und würzig um Vertraun
Werbend seh ich freudig dich.
Zwar bist du nicht so geschätzt
Wie Verwandtschaft der Provence,
Aber wer dich hingesetzt,
Habe Dank ob dieses Fangs.
Pulvre ich den Sporenstand
Grüßt ein tabakfarbnes Mehl,
Dem ich herb und urverwandt
Meine Neigung nicht verhehl.
Vers 24966 bis 24981:
Mitten auf der dichten Wies,
Da so manchen Tieres Grütz,
Buckelst du zur Zipfelmütz
Pickelfreies Knabenvlies.
Manchmal cremig, ockernd auch,
Gar bisweilen faltig streng,
Schmiegen sich Gefährten eng
An den hutbestülpten Schlauch.
Unten knollig, schwach vernarbt
Mit der Krume schwarzem Schmand,
Scheint die Schar so eng verwandt,
Und nicht so, als ob sie darbt.
Nicht beschädigt sei der Stab,
Den allein ein Grobian rupft,
Der mit Milch die Flur betupft,
Träumt die Welt in diesem Knab.
Vers 24982 bis 25005:
Leuchtorange im Grün der Wiese,
Zwerg mit tödlicher Magie,
Auf dem Weg zum Paradiese,
Fehlts an Fallenstellern nie.
Einer Raupe Eiweißschätze,
Die für Falterschwingen Maß,
Fingen sich im kleinsten Netze,
Da sie eine Spore fraß.
Fäden schlängeln aus der Puppe,
Die der Weidner jung gehetzt,
Den versorgt die Fesselgruppe,
Der Millionen Klingen wetzt.
Keule von Gestalt und Wesen,
Mumienfresser, Töterschwamm,
Sind die Flügler Plag gewesen,
Wächst der Schmetterlinge-Damm.
Also ist dem Überflusse
Stets ein Bremser hart gesellt,
Denn den Jäger reizts zum Schusse,
Übervölkert sich die Welt.
Solche Kraft war den Chinesen
Medizin und grade recht
Als ein kräftespendend Wesen
Muskeln, Blut und Mannsgeschlecht.
Vers 25006 bis 25029:
Kardinalrot, Blendweiß, Ocker,
Mischt das Pilzreich frech ins Grün,
Aber auch als Farbenblocker
Dürfen Pilze sich bemühn.
Zügle wer den dreisten Freier,
Der umwallte dichten Schocks
Das Geblüm, das unterm Schleier
Niemand mehr erkennt als Phlox.
Eifersüchtig hat der Sieger
Seine Braut dem Aug getarnt,
Daß das Volk der Blütenflieger
Werd von Buntheit nicht umgarnt.
Doch auch er, der Farbenhenker,
West allein zu Gottes Lob,
Unvermittelt wird zum Schenker,
Wer sich übers Rot erhob.
Manchem der Marienkäfer
Sind des Mehltaus Schätze gut,
Und wie gerne singt der Schäfer
Vom belebtem Tropfe Blut.
So stellt Judas sich dem Heile
Wie die Engel vor dem Thron,
Drum trau nicht dem Spiegelteile,
Denn du ahnst nicht Preis und Lohn.
Vers 25030 bis 25049:
Jung begehrt, die Kappe rötlich,
Wer dich erntet, eilt zum Mahl,
Warten ist der Freude tödlich --
Denn wie bald schon wirst du schal!
Tintig wirst du dich verbluten,
Denn was uns ergötzt, ist dir
Ein entbehrliches Vermuten
Und die lächerlichste Zier.
Deine Sporen zu verbreiten
Stehst du auf und blickst dich um,
Keine Jugendeitelkeiten
Machen deinen Auftrag dumm.
Fadenwurm, der den Extremen
Trotzt, selbst kosmisch kaltem Sud,
Muß sich deiner Macht bequemen
Und du tust dich an ihm gut.
So bist du dem Starken Falle,
Weil verwundbar jede Haut,
Bis uns im Posaunenschalle
Einst der Herr in Nacktheit schaut.
Vers 25050 bis 25069:
Ob dus bist, ist niemals strittig,
Denn dir gleicht kein andres Ding,
Und am liebsten steh ich mittig,
Wo dein Volk mich grüßt im Ring.
Hexenhaft sei diese Freude,
Meint man und ein bös Gespreiz,
Daß der Teufel so vergeude,
Paßt mir nicht zu seinem Geiz.
Riese, der drei Fingerspannen
Füllt mit Sporen ohne Maß,
Jung trug ich dich gern von dannen,
Daß ich dich gebraten aß.
Calvacin, das lederhäutig
Wird bewahrt ganz ohne Stiel,
Sagt mir, Lebenskraft erbeut ich,
Und der Krebs verliert das Spiel.
Majestätisch und voll Segen,
Obzwar älter nach Urin
Riechend, mögst du meinen Wegen
Treu sein, die durchs Offne ziehn.
Vers 25070 bis 25089:
Iglu, Kohte, Jurte, dann
Wird das Zelt zum flachen Kreis,
Wer die schlichte Form ersann,
Kennt die Sonne hart und heiß.
Eh der Schirm sich aufgespannt,
Sagt sich jedes Maß der Hut,
Daß sich öffnen Brust und Hand,
Heißt das Augengold dem Blut.
Wer den Buckel schenkt dem Wind
Und das Halstuch flattern läßt,
Zeigt ein Herz, das schutzlos minnt,
Nur im Ständer keulig fest.
Herbstlich ist gestimmt und mürb
Haselnußne Haut, die reißt,
Hohler Stiel, der, daß er stürb,
Alle Sorge von sich weist.
Sonnig sein ist Altersglück,
Ernte in der Scheuer liegt,
Denn wer jung, der hält zurück,
Wer gereift, der fließt und fliegt.
Vers 25090 bis 25161:
Was die Wanen mit den Asen
Rangen, gilt uns meist Kultur,
Ackerbau und Kämpferrasen,
Blütenkranz und Schützenschnur,
Doch der Weltenkreis ist größer
Als des Menschen Glück und Leid,
Und die Maus erfährt vom Stößer
Erst, wenn sie dem Tod geweiht.
Mit dem Königtum des Leuen
Sei dem Heros, was da kreucht,
Aber die Verschwendung scheuen,
Sammeln sich im Mondgeleucht,
Was wie Schilf und Heidelbeere
Braucht nicht Trennung sich zu mehrn,
Neidet keinem Tier die Ehre,
Andre Tiere zu verzehrn.
Alt dreitausend Menschenalter
Ebenviele Morgen weit,
Ist der Eich für ihn ein Falter
Und ein Knopf am Wadenkleid,
Der verachtet Zahn und Krone,
Ohr und Auges Lichtgehasch,
Sagt sich landesweit im Klone
Mit dem Namen Hallimasch.
Daß der Mensch dem Hinterteile
Gab die Patenschaft zum Nam,
Zeigt, daß seiner Welt der Eile,
Alles Stumpfe Schweinekram,
Doch der alte Dunkelfinger,
Spießt da heiter und gewitzt,
Und beschämt so manchen Springer,
Weil sein Hort viel mehr besitzt.
Mähst du Gnome mit der Sense,
Triumphierst du bloß im Licht,
Grade wie am Trog die Gänse,
Dens an anderm Sinn gebricht,
Unter Tag und auf der Halde
Breitet sich sein Rhizomorph,
Seiner Herrlichkeit im Walde
Gilt dein Reich als kleines Dorf.
Deinen Herd und deine Sonne,
Hat der stille Held nicht not,
Nicht nach Klafter oder Tonne
Mißt sich sein gebacknes Brot,
Sprachlos macht sein kaltes Leuchten,
Ehern prunkt, der leicht und lasch,
Der ein Gott im Waldesfeuchten
Mit dem Namen Hallimasch.
Was wir wissen, was mir schmecken,
Ist ein Nagel ihm am Zeh,
Jagdlärm und Gebell erschrecken
Nie im Traum die Waldesfee,
Der die Großen wie die Schwachen
Angreift und zu Licht verglüht,
Weiß den Zauber selbst zu machen,
Drin die Blüte erst erblüht.
Wo der Borkenkäfer Wunden
In die Rinde kerbt dem Baum,
Dauerts ein paar feuchte Stunden,
Denn die Hyphen zögern kaum,
Brombeer, Rebe und Kartoffel
Kommen in die zweite Wahl,
Eine Palme schmäht ein Stoffel,
Nahrung gibts hier allemal.
Was er abzweigt aus den Stämmen,
Galeola mags beblühn,
Nymphe, die ihr Haar zu kämmen,
Schätzt das Braune vor dem Grün,
Kennt der Souverän nicht Sorge,
Kümmerts nicht, daß jemand nasch,
Denn der Herr ist, daß er borge
Mit dem Namen Hallimasch.
Vers 25162 bis 25181:
Ein Rarer in der Zunft der Holzverzehrer --
Wer lederbraun und überdies noch klebt,
Der findet nicht durch Augenschein Verehrer,
Weil unsichtbar er seine Schleier webt.
Nicht jeder wird es ins Gesetzbuch schaffen,
Verfolgt zu sein, ist manchem höchster Schmuck,
Mit Eselsohren wird der Fürst zum Affen,
So grausam schlägt nicht nur der kleine Muck.
Der Kahlkopf weiß wie Rumpelstilz zu brauen,
Und zaubert für Grimassen das Skalpell,
Er läßt uns einer Schattenseite trauen,
Die nicht bekümmert, was da draußen bell.
Auch der Geruch ist dumpf und ohne Weihe,
Er wirbt nicht für die Schätze, die er hegt,
Doch daß der Himmel ihm ein Stückchen leihe,
Hofft jedes Tier, das nur am Boden lebt.
Wer fliegen will, der sollte aber wissen,
Die Wächter sind so zahlreich wie das Gras
Und wissen, daß nur zeitweis ausgerissen,
Wer unerlaubt von Zauberpilzen aß.
Vers 25182 bis 25197:
Wenn Schnee von Feld und Hügel weicht
So folg dem Eichhorn ins Gerott,
Durch Laub und Nadeln ist nicht leicht
Zu schaun der schieferdachne Gott.
Er wölbt sich wohlig, eingerollt
Ist stets der Rand des trocknen Huts,
Der Stiel weiß nie, was grad gewollt,
Und krümmt und dickt sich wechselmuts.
Lamellen, wächsern und verzweigt,
Umgehn den Druck des Stiels geschickt,
Er zögert lang, daß er sich zeigt,
Zur Unzeit in die Welt geschickt.
Zwar heißts, die Jahreszeit besticht
Die Zunge auch, die wintermürb,
Doch mancher nennts sein Leibgericht,
Beteuernd, daß er dafür stürb.
Vers 25198 bis 25221:
Höchst allgemein und allem fein,
Obs sauer oder kalkig geht,
Er wächst im Park, im Moor, am Rain,
Wenn nur ein Baum zugegen steht.
Hainbuche oder Hängebirk
Bevorzugt er, doch Kiefernwald
Und Fichten sind ihm kein Bezirk,
Daß er sich nicht zur Pracht entfalt.
Gedrungen erst, bis flach der Hut
Sich schließlich wie ein Trichter stellt,
Die Umbra-Deckung taugt ihm gut,
Wenn ihn der Ockergelbe hält.
Der Filz verkahlt bis auf den Rand,
Der oft sich einrollt, schmiert und schleimt,
Er weiß, daß ihm die Sonne strahlt
Und daß sich alles auf ihn reimt.
Ist er auch häufig, laß ihn stehn,
Die Gifte zwar das Kochen merzt,
Doch trägt der Gnom ein Antigen,
Das fährlich mit dem Magen scherzt.
Der Frost vertreibt ihn aus dem Licht,
Wenn der Oktober uns verläßt,
Bis dahin doch bleibt dies Gedicht
Für manchen Tag ein Augenfest.
Vers 25222 bis 25241:
Der Winterpilz im Buchentann,
Der dichte Büschel treibt am Ast,
Trägt Schieferstaub auf jedem Mann,
Der weißer als das Einhorn fast.
Erst Muschelrund, dann Pferdehuf,
Wächst eine Schar zum Heere auf,
Den Stiel der Herr dem zottig schuf,
Wo eine glatte Zunge drauf.
Auch Menschenwerk dient ihm als Hort,
Auf Stroh und Weizen findt er Platz,
Er wuchert auf Papiernem fort
Und mag sogar den Kaffeesatz.
Drum ist es manchem gut Gewerb,
Daß er das Fruchtfleisch zücht und mehr,
Daß dies sich dabei anders färb,
Den Schlemmer kümmerts nicht so sehr.
So kommt der Allverwerter frisch
Vom Abfall zum Gemüsemarkt,
Und würzt den königlichen Tisch,
Der ihm die Herkunft nicht verargt.
Vers 25242 bis 25261:
Der Stiel bricht wie ein Apfel bricht,
Ich gleich der Hesperiden denk,
Doch ists ein Ding zum Zanke nicht,
Dazu ists Weiß zu rein und schlicht,
Ein wahrhaft himmlisches Geschenk.
Dies geb ich meinem Schatze her,
Es riecht recht fein nach Obst und Nuß,
Der Hut färbt sich verschieden sehr,
Der Stiel macht jedem Reinweiß Ehr,
Das ich an ihr so lieben muß.
Der ist ein Pilz, der nur der Frau
Gewidmet sei für alle Zeit,
Er zeigt sich in solidem Bau,
Doch ich im Weiß kein Gran erschau,
Das fleckt die hochgeborene Maid.
Solch Preisen wäre Tölpelei,
Sagt wer und macht die Frauen schlecht,
Doch wenns auch größte Torheit sei,
Ich bleib zu solchen Liedern frei
Und weiß mich unbedingt im Recht.
Vers 25262 bis 25285:
Marone, du, am Wurzellauf der Lärchen,
Und auch zuhaus im alten Fichtenhaine,
Frau Holle brachte dich aus ihren Märchen,
Bist du im Korb, beflügelst du die Beine.
Kastanienbraun wies Haar von meinem Schatze,
Wohl dem, der hell dich noch darunter fände,
Unwiderstehlich wie der Fisch die Katze
Lockst du mich ins zerklüftete Gelände.
Die Röhren sind von cremegelb bis zitronen,
Im Alter wie Oliven oder Hopfen,
Die Maden schätzen ebenso Maronen,
Darum empfiehlt sich, erst mal anzuklopfen.
Der Stiel erinnert an die Wurst im Darme,
Oft bauchig oder knollig und gebogen,
Du tarnst sich oft im fast verschämten Harme,
Jedoch die Anmut hat kein Buch erlogen.
Dem Hain, der uns am Hange nach Steinbrücken
Seit alters weiß die Pfade zu verschlingen,
Gelangs mir oft auch ohngeacht der Tücken
Die fesche Braune Kappe abzuringen.
Und wär von Wünschen einer mir, ein tollster,
So wüchsest du mir aus zum Überflusse,
Ich lebte wie ein Wurm in deinem Polster,
Und wüßte nichts von Wald und Welt am Schlusse.
Vers 25286 bis 25301:
Klein, pfiffig, und vom Ei allein das Gelbe,
Knopfhut und Trichter, der den Stiel vernutet
Mit Leisten, deren Formung nie dieselbe,
Viel Sammlervolk wird diesem zugemutet.
In unserm Land warst du einst reich zu finden,
Doch Schwefeldämpfen bist du nicht gewogen,
Auch wagt Ozon die Sporen dir zu schinden,
Deshalb hast du dich weit zurückgezogen.
In Osteuropa, wo dem Schmutz der Gose
Entgegenstehn noch menschenleere Weiten,
Wo schütter stehen Gräser, Stauden, Moose,
Ists dein, dich mit Geschwistern auszubreiten.
Wo man geschlachtet Wiesel, Luchs und Otter
Und man sogar zum Wald reist mit Motoren,
Paßt nicht mehr recht dein lebenspralles Dotter,
Und auch der Dichter hat hier nichts verloren.
Vers 25302 bis 25349:
Als Heimat neigst
Den Bergen zu,
Den Abend zeigst
Knapp überm Schuh,
Halbkuglig bleibt
Im Alter auch
Der Hut, beleibt
Der rote Bauch.
Wie Lehm so braun
Und Milchkaffee
Ist anzuschaun
Dein Elysée,
Ihm lange dien
Zu Spott und Gruß
Ganz in Karmin
Der schöne Fuß.
Der samtne Filz
Wird speckig glatt,
Weil auch der Pilz
Ein Alter hat,
Wie uns das Haar,
Verweht dein Samt,
Daß werde klar,
Woher der stammt.
Du stehst allein
Und ohne Feind,
Weil keiner dein
Zu brauchen scheint,
Der Schlemmer mag
Kein bittres Mus,
Drum bleibt im Hag
Der schöne Fuß.
Dein Abendkleid
Ist mir Symbol
Für Einsamkeit,
Vergessenswohl,
Und deine Pracht,
Die niemand schätzt,
Steht für die Nacht,
Die kommt zuletzt.
Wärst du nicht streng
Der Gaumenfreud,
Es würde eng
Für dich noch heut,
Auf daß wer schreibt
Den Jammer-Blues:
Wo immer bleibt
Der schöne Fuß?
Vers 25350 bis 25369:
Steinpilz, im Jagdrock der König,
Herr, den die andern nur mimen,
An deine Größe gewöhn ich
Nie mich, doch wird sie dir ziemen.
Festigkeit macht dich zum Stemmer
Allem, was sonstwie geschaffen,
Götter bedürfen der Hämmer,
Und sie bedürfen der Waffen.
Du aber herrschst aus dir selber,
Zeigst dich mit Prunkband am Saume,
Werden die Röhren dir gelber,
Triffst du den Dichter im Traume.
Netzstrumpf, der weiß und erhaben,
Streckt sich bis unter die Kappe,
Grüßt uns mit Rauten und Waben,
Daß sich der Frevler ertappe.
Stolz, der zu bluten verhütet,
Hindert bei Bruch oder Messer
Alles, was wehklagt und wütet,
Denn du verachtest den Fresser.
Vers 25370 bis 25381:
Spitzgebuckelt, dünnes Fleisch,
Bräunlich gelb und fettig kahl,
Schuppenstiel, beringten, heisch,
Denn er würzt dein Sonntagsmahl.
Nie allein und stets im Trupp,
Fehlts dem Zarten nicht an Kraft,
Wartet doch die Sporengrupp,
Daß da wieder Holz erschlafft.
Wo sie siedeln, sehrt dein Schnitt
Das Myzel nur äußerlich,
Was in ihre Hände glitt,
Das behalten sie für sich.
Vers 25382 bis 25421:
Sind die meisten Sporenstände,
Die im Licht das Auge grüßen,
Eine Vierteljahresspende,
Um das Prunken dann zu büßen,
Reiht der Zunderschwamm Triumphe
Auf den Baumstamm in Konsolen,
Bricht die Krone ab vom Rumpfe,
Hälts den Pilz noch lang im Wohlen.
Dickwandporen, Wachstumsschübe,
Mit dem Wetter gehn die Moden,
Wird dem Baum das Leben trübe,
Stürzt er letztlich ganz zu Boden,
Dies ist für den Architekten
Nur ein Grund, sich scharf zu drehen,
Weil die Schichten, die versteckten,
Immer gern zur Erde sehen.
Einst hat man den Pilz gesammelt
Und von ferne hergetragen,
Nicht aus Mitleid, weil vergammelt
Jeder Baum bei solchen Plagen,
Mit Urin und mit Salpeter
Ward gegerbt der Fund zum Zunder,
Daß er ohne viel Gezeter
Funken mach zum Flammenwunder.
Auch zu Westen und zu Kappen
Ward genäht aus diesem Stoffe,
Auf die Wunde Zunderlappen,
Daß man Heilung sich erhoffe,
Was der Pilz in vielen Jahren
Hat gewebt und aufgeschichtet,
Hat Verwendung viel erfahren
Oder ward mit Nutz vernichtet.
Heute gibts den Zundelmacher
Nur in Ländern magrer Güte,
Daß er westwärts sie verschacher,
Macht er Taschen, Deckchen, Hüte,
Und der Pilz ist nur noch schädlich,
Der einst brachte Mark und Heller,
Der als witzig galt und redlich,
Ist nur noch ein Bäumefäller.
Vers 25422 bis 25433:
Ein schöner Pilz, wildledermatt --
Warum der wohl den Namen trägt?
Heimtücke er gar nirgends hat,
Wie mans auch hin und wider wägt.
Daß er sich bläut bei hartem Druck,
Sieht ein, wer mal bei Kneipenkrach
Versäumte, daß er rasch sich duck,
Und nächsten Tages seufzte: Ach!
Man muß ihn schmorn, daß er Genuß,
Das ist die Regel ehr im Reich,
Und eh er Schimpf noch leiden muß,
Nehm ich ihn jetzt nach Hause gleich.
Vers 25434 bis 25445:
Wer stattlich steht und seidig glänzt,
Der spricht: Der Henker geht in weiß.
Der Hexenring, der so begrenzt,
Erzählt dir was vom bösen Fleiß.
Von silbrig über braun, oliv
Schattiert er sich und steht und grinst,
Wenn dich der Mehlgeruch beschlief,
So glaub, daß du nie wieder minnst.
Er saugt kein Wasser, denn er weiß,
Die Dichte macht den spitzen Pfeil,
Der Warnduft macht grad manchen heiß,
Der in der Nacht sucht Trost und Heil.
Vers 25446 bis 25493:
Buche, Hasel oder Eiche
Mag die Dame, die es warm
Findet, wo da Kräuterreiche
Winden ihren Schmusearm.
In kulturfern Kalkgemengtem,
Knollen-Krepis an der Säule,
Steht mit violett verhängtem
Hut die junge Schleiereule.
Ehr im Süd als auf der Heide,
Wo die Wege grad und lang,
Daß sie kein Getrampel leide,
Zog es sie zum Alpenhang,
Der September ist ihr Pate,
Stehn in Waage Fön und Fäule,
Dann erscheint mit großem Staate
Manchen Orts die Schleiereule.
Eh der Hutrand runzelnarbig,
Finde sie mit Schwestern viel,
Die sich reckt und kupferfarbig
Aufgibt das Versteckensspiel,
Wo sich Fuchs und Has begrüßen,
Halt der Kutscher an die Gäule,
Denn, die Einsamkeit zu Füßen,
Prunkt der Hof der Schleiereule.
Zart und fest ist sie dem Schmauser,
Lila, wenn sie jung und fesch,
Frag am besten Kaspar Hauser,
Eh ein Doktor Phrasen dresch,
Wo bei Dorn und Kiebitzschreien
Unnütz Kratzer nicht und Beule,
Denn nicht alle Sammler freien
Irgendwann die Schleiereule.
Wenn die Gletscher wieder wachsen
Und die Ahornpracht verfällt,
Sollst du nicht mehr nach ihr kraxen,
Denn sie stieg zur Unterwelt,
Schwingt mit letztem Prunk der Blätter
Der Oktober seine Keule,
Ging gehorsam Wind und Wetter
Aus dem Licht die Schleiereule.
Dies soll keinen Freund verdrießen,
Denn die Sporen flogen aus,
Die den Raum des Augs verließen,
Bauen schon am nächsten Haus,
Nicht der letzte aller Sommer
Ging mit Gram und mit Geheule,
Also bringt der Wiederkommer
Auch das Reich der Schleiereule.
Vers 25494 bis 25517:
Dies ist ein Pilz fürs Aug allein,
Die Nase schon von weitem scheut,
Allein die Fliegen finden fein,
Was dieser Sporenträger streut.
Das Hexenei, dem er entsprießt,
Taugt wie ein Rettich zum Genuß,
Doch wenn daraus die Rute schießt,
Böt jedes Kosten bloß Verdruß.
Ein steifes Glied, das ädrig prall,
Die Gleba, schwarzgrün draufgeschleimt,
Spricht allzudeutlich vom Verfall,
Daß sich das Aas dem Argen reimt.
Er protzt mit seiner Männlichkeit
In Farben Tods und Totenkleids,
Wer solcherart nach Orgien schreit,
Nur seinesgleichen Minne heiz.
Daß er uns Amors Schmutzgesicht,
Ist vielleicht dumm und ungerecht,
Doch ihn stört die Verdammnis nicht,
Denn die Geschäfte gehn nicht schlecht.
Drum laß ihm neidlos die Domän,
Darin er ohnegleichen stinkt,
Es gibt doch mancherlei zu spähn,
Daraus dir größre Eintracht winkt.
Vers 25518 bis 25541:
Der schönste ist kein frommer Hirt,
Der Prunk gebiert den Übermut.
Wer wie ein Schaf gefressen wird,
Trägt karger Weste, Rock und Hut.
Der roten Poren Flammgesicht
Gemahnt an des Empörers Glanz.
Wer fußgroß von Behagen spricht,
Der kugelt sich und sagt: Ich kanns.
Die Huthaut, grau wie Schotterstein,
Erst filzig haarig, später kahl,
Sorgt wohl, daß nicht ein Kindskopf rein
Grad platze in den Schlemmersaal.
Netzstrümpfe trägt er leuchtend rot
Auf Gelbem, pornographisch prall,
Er fragt nicht, ob dies grad in Mod,
Er weiß, er war noch stets am Ball.
Er lockt, obgleich sich selbst genug,
Den Korb füllt er wie keiner ganz,
Doch wer ihn fröhlich heimwärts trug,
Tobt bald den Leib- und Magentanz.
Die Bosheit, die er uns beschert,
Ist häufig, doch nicht ohne Gnad.
Es bleib der Prächtige geehrt,
Der allem anderen zu schad.
Vers 25542 bis 25561:
Die Engel, die den Thron umstehn,
Trompeten stets mit Sonnengold,
Der Mensch muß auf den Taler sehn,
Drum tönt ihm gelbes Messing hold.
Die Toten freilich farbentwöhnt,
Wo Erde nachtet, schattet, fahlt.
Wo ihre Heimelbotschaft tönt,
Wird niemals Grau mit Licht bemalt.
Sie schieben rußig und befilzt
Durchs Wirtsbaum-Laubicht die Mensur,
Doch wenn du sie belauschen willst,
Gehorche nicht dem Gaumen nur.
Sie haben keinen Plunger not,
Das Schrille fiel mit Licht und Hast,
Wem so viel Schweigen wie dem Tod,
Dem kehr das Ohr zur Beule fast.
Gleichwohl die stille Weisheit ernt,
Wer sich vor solchen Wesen beugt,
Das Dunkle findet goldbesternt,
Wer nicht allein ins Helle äugt.
Vers 25562 bis 25573:
Der Farbe Weiß, dem Einhornfell,
Sind Milch und Wolle erste Wahl,
Die Schale, prall und morgenhell,
Schwappt wie ein Fön im Auental.
Doch dies ist keine Mutterbrust,
Denn wird die Milch dem Samt entlockt,
So ist sie scharf und bar der Lust,
Eh sie sich grau und grün verflockt.
Nicht jedes Zeichen, das wir kürn,
Muß halten, was wir dreist erhofft,
Und wo die Augen uns verführn,
Verzieht sich doch die Zunge oft.
Vers 25574 bis 25593:
Die Farbe Rot, die selten rein
Sich offenbart im grünen Grund,
Den Früchten schafft sie Reifeschein,
Die Blüte zeigt sie weit und wund.
Der Ziegel sagt dir traulich rauh
Das Dorf der Gotteskinder-Schar,
Jedoch den Pilz kennst du genau,
Und schaust die Kralle stets im Aar.
Obstartig duftet er dir jung,
Dann wird er dumpfer und obszön,
Sein Gift ruft nicht nur Dämmerung,
Er mag den Blitz und Sturmesbön.
Im Fliegenpilz ward Muskarin
Zuerst entdeckt, zweihundertfach
Ist dem die Raserei verliehn,
Der sie kredenzt im roten Dach.
Manch einer wurde blind und toll,
Manch einem zogs die Kehle zu,
Drum Achtung stets dem Gnome zoll,
Er steht nicht leicht auf du und du.
Vers 25594 bis 25617:
An Wasserspeiern, Glocken, Gittern,
An Obelisken, die verwittern,
Wo Kupfer uns die Zeit verbirgt,
Erscheint organisch dir gewirkt
Das moosig milde Omega
Mit wundersamer Patina.
Welch Glück wenn dieses Matt-Gefunkel
Ein Wiedersehn im Waldesdunkel
Beschied dir auf dem strammen Pilz!
Bei solcher Parallele gilts
Zu loben, was dem Aug geschah
Mit wundersamer Patina.
Wildledrig zart und fein geschustert,
Grüßt dich der Mandarin, gemustert
In allen Reifetönen Brauns.
Da gibt es kein Genug des Schauns!
Er lacht, vor allem Anfang da
Mit wundersamer Patina.
Was wunderts, daß in unsre Schrunde
Nur selten wagt sich solche Kunde,
Wo Holdes spricht in fremder Sprach,
Die Waage wie das Lot zerbrach?
In Tränen fließ, wer solches sah
Mit wundersamer Patina.
Vers 25618 bis 25629:
Ein Drache nur dem Namen nach,
Ist klein ehr seine Teufelei,
Doch was der Wind vom Baume brach,
Umwindet er und machts zu Brei.
Im Laubicht züngelt reinstes Rot
Mit aschnem Saum, das filigran
Grad in der ärgsten Nässe loht
Und zeigt, daß die Gestalt ein Wahn.
Im dunklen Hag kein Blühen reckt
Den Kelch so fein und taumelzart,
Dem Sensenmann er Weiser steckt,
Daß trostlos nicht die Höllenfahrt.
Vers 25630 bis 25645:
Sag, wer hat sie so befehdet,
Daß sie ohne Ständer redet,
Flach bleibt, daß sie fest sich ducke
Und sich tarn als Eichenglucke?
Sag, wer ist so traumverloren,
Keiner Lichtgestalt erkoren?
Wer litt so am Weltendrucke,
Daß er schmolz zur Eichenglucke?
Wer hat sie so hingeworfen,
Daß er diesen Eich mit Schorfen
Als verachtenswert bespucke?
Wer schläft in der Eichenglucke?
Rühre nicht an diesem Schlummer,
Denn seit alters geht der Kummer.
Wer da büß und wer da mucke,
Weiß allein die Eichenglucke.
Vers 25646 bis 25661:
Dieser Has ist nie allein
Und er wölbt im Wuchsverein
Der Gespielen Schar zum Haus
Üppig wie ein Blumenstrauß.
Krauses Büschel, fein verzweigt,
Das aus einem Stamme steigt,
Streckt die Hütchen, wellig dicht,
Und genießt als Volk das Licht.
Holz bewohnt die frohe Schar
Oft ein wenig abseits zwar,
Denn beim Nahrungsstrom der Art
Hilft der unterirdsche Part.
Also zeigen Kern und Kleid
Überall Geselligkeit,
Fruchtbar, daß auch keiner mault,
Wenn ich ernt eh was verfault.
Vers 25662 bis 25709:
Der Wulstling, der leere Versprechen
Nicht kennt oder lästiges Jucken,
Läßt Häupter, gekrönte, zerbrechen,
Und zeigt sich im Magen ein Rucken,
So bleiben doch anderthalb Wochen,
Daß gnadlos die Leber sich plage,
Dann läßt auch das Herz nicht mehr pochen
Der seidige Töter im Hage.
Das Pilzbuch zerbricht an der Stelle,
Wo er und der Totenkopf lachen,
Bekannt als der Fall aller Fälle,
Der Hölle geöffneter Rachen,
Wer wartet, wenn andere schmausen,
Kennt seine Geduld nicht am Tage,
Denn anderntags lehrt uns das Grausen
Der seidige Töter im Hage.
Ein einzelner reicht, um den ärgsten
Der Riesen zum Hades zu schicken,
Er schont nicht den höchsten und stärksten,
Er weiß jede Blüte zu knicken,
Er kommt über Nacht und er weidet
Sich an deinem Fluch, deiner Klage,
Denn stets revisionslos entscheidet
Der seidige Töter im Hage.
Dem Mörder im Feld und am Throne
Ist stets er verläßlich und billig.
Er flüstert: Du weißt, wo ich wohne,
Und wem du mich darbringst, den kill ich.
Das Gegengift selber im Kleber,
Doch niemals genug für die Lage,
Verspottet das Hirn wie die Leber
Der seidige Töter im Hage.
Er duftet wie Honig und süßer,
Schmeckt mild und nach herzhaften Nüssen,
Dann macht er den Schlemmer zum Büßer
Und badet in tränenden Güssen.
Der Schmerz darf noch einmal verhalten,
Doch wer sich nicht täuscht, der verzage,
Des Amtes vergißt nicht zu walten
Der seidige Töter im Hage.
Olivgrün genattert, die Knolle
In seidiger Scheide, kein Makel
Verrät, daß er haß oder schmolle
Und daß er gemeint im Orakel.
Und blieb auch nicht kleinste Manschette
Vom Velum, so ists keine Sage,
Wer anbeißt, den führt an der Kette
Der seidige Töter im Hage.
Vers 25710 bis 25729:
Buschhaft halbschrittbreiter Hort
Tänzer dem Japaner heißt,
Kaum bekannt mit deutschem Wort,
Zeigt er sich exotisch dort,
Wo er übersehn zumeist.
Filigraner Spachtelhauf --
Seitlich noch ein Hütlein zück!
Immer noch ein Stockwerk drauf,
Manche Büschel bringens auf
Dreißig Pfund in einem Stück.
Fäulnis heißt sein Los zuletzt,
Doch in China hatte wohl
Mancher Arzt auf ihn gesetzt,
Und was er bei Wunden schätzt,
War dem Volk ein Suppenkohl.
Heut gilt Forschern ausgemacht,
Daß er Krebs und Viren halt,
Wer wie er im Trüben lacht,
Weiß wohl manches von der Nacht,
Die ihm mütterlich im Wald.
Vers 25730 bis 25753:
Knolle, die das Licht mißachtet,
Weil sie nachahmt Eberduft,
Wer nach Tierverdauung trachtet,
Mische Amors Schweiß der Luft.
Säue wühlen auf die Erde
Und die Sporen findens gut.
Zarter als die Schweineherde
Dies der Hund des Sammlers tut.
Auf Sardinien nutzt man Ziegen,
Auch der Bär grub welche aus,
In der Kalahari Fliegen
Suche drin ihr Larvenhaus.
Solchen Wegen nachzusetzen
Reizt den Menschen der Gourmet,
Trüffeln im Geschmack zu schätzen,
Ist ein teurer Brauch sei je.
Bei Franzosen, deren Zunge
Gilt seit alters als versnobt,
War der Handel groß im Schwunge,
Drum die Sau durch Eicheln robbt.
Doch die Ernten wurden spärlich,
Mit dem Raubbau Jahr für Jahr,
Also wurde schwer entbehrlich,
Was einst leichte Beute war.
Vers 25754 bis 25765:
Alte lichte Eichenhaine,
Auch Kastanien sonnenwarm,
Liebt der Goldne, den ich meine,
Sei vergessen jeder Harm.
Seine ausgeprägte Scheide
An der Basis zeigt ihn an,
Der im Apfelsinenkleide
Höchste Köstlichkeit gewann.
Velumreste fehln am Hute,
Und der Stiel ist safranfarb,
Zeig ein Bild von diesem Blute,
Eh auch diese Art verstarb.
Vers 25766 bis 25781:
Ohrling, der am Holze wohnt,
Röter als der Pfifferling,
Hast du schon bei Tag gelohnt,
Heller noch im Dunkeln sing.
Leuchten kannst du mehr und mehr,
Daß die Photoplatte hin,
Surrogate gibt nicht her,
Wems gemäß, daß man ihn minn.
Daß man eigne Leuchte schwing,
Gibts bei Meerbewohnern oft,
Käfer-Männchens siebter Ring
Mit Geleucht auf Weibchen hofft.
Doch ansonst im Trockenland
Kaumwer sich der Zunft gesellt,
Drum der Ohrling wird benannt
Als der Nabel dieser Welt.
Vers 25782 bis 25797:
Der Federkleid des Habichts hat
Ihm seinen Namen zugesteckt,
Und auf lateinisch sagt man glatt,
Er sei mit Ziegeln zugedeckt.
Doch wer die Unterseite schaut,
Findt dieses Bild wohl allzu mild,
Als ob er auf Erde haut,
Reihn sich die Stacheln dicht und wild.
Als großer Lappen liegt er rum,
Genabelt leicht und jung recht fein,
Ein Brühen macht die Gifte stumm,
Im Alter soll er bitter sein.
Bei Fichten wohnt er grau bis braun
Und gern ein bißchen höhern Orts,
Ob mancher unkt, ihm ist zu traun,
So sagts dir hier der Mann des Worts.
Vers 25798 bis 25817:
So feucht und kühl fühlt es sich an,
Daß es dem Bauer angenehm,
Des gelben Stieles wegen kann
Man Gelbfuß sagen außerdem.
Der Unverstand tritt Füße drauf,
Weil die Lamellen nicht gefalln,
Doch nimm es in den Speisplan auf,
Es mundet wohl den Gästen alln.
Der Butterröhrling, erst gedacht,
Ists nicht und garstig scheint der Schleim,
Doch dies wird später feingemacht,
Drum trag es frohen Mutes heim.
Der Hut ist schokoladenbraun,
Orangegelb sich die Scheibchen ziehn,
Die Stiel verjüngt sich, weiß zu schaun,
Zitronengelbes füßelt ihn.
Das Kuhmaul ist nicht selten, doch
Auch das Gemeine lob und preis,
Die Welt enthielt ein großes Loch,
Gäbs nur die Sonne und -- das Eis.
Vers 25818 bis 25833:
Nicht klein und auch nicht riesenhaft,
Halbkugel-Hut, der dann verflacht,
Auf schlankem, schwarz geschupptem Schaft
Er hell bis rötlich graubraun lacht.
Die Röhren weiß und später grau,
Sie lösen sich recht leicht vom Dach,
Im Alter vorgewölbt und, schau,
Am Stiel sind sie gedellt und flach.
Das Fleisch ist weißlich, und beim Bruch
Entsteht kein Blut in schwarz und blau,
Sehr angenehm ist sein Geruch,
Beim Braten wird er dunkelgrau.
Da er das Wasser gern verschluckt,
Wird er bei Regen schmierig fett,
Drum sei er vorher ausgeguckt,
Nach solchem Mahl wirds warm im Bett.
Vers 25834 bis 25917:
I
Wer Birken mag, liebt auch den roten Ritter,
Der ihr verschwistert bleibt in Wohl und Wehe,
Doch wo der Gnom tatsächlich sei und stehe,
Entrinnt dir meist wie ein Gedankensplitter.
Folgst du ihm ganz vom Scheitel bis zur Zehe,
Dem deliranten Rausch ist er Erbitter,
Bezeugt sind nicht berserkerhafte Zwitter,
Noch daß man selbst sich als Berauschten sehe.
Dies hat zur Folge, daß wir nichts mehr wissen
Vom Draußen drin, vom Drinnen nach Verlassen,
Und müssen alle Differenz vermissen,
Die uns den Rausch erst lieben läßt und hassen,
Denn diese unsre Saiten sind zerrissen,
Und rührst die falsche, muß sie gänzlich passen.
II
Der Fliegenpilz trägt böse Schmäh im Wappen,
Obgleich er steht für Glück wie Klee und Hufe,
Man fragt sich, wie er kam zu solchem Rufe,
Denn ungefährlich sind selbst größre Happen.
Als spei er Zorn, wie einst er vom Vesuve
Auf Pompeji fiel, die Seelen all zu schnappen,
Als hoffe er, das Lebensgarn zu kappen,
Stellt man mit Henkern ihn auf eine Stufe.
So heißt es, daß er taug für Ungeziefer,
Er sei im Wald der Morcheln und Maronen
Ein Eiterherd wie in der Hand ein Schiefer.
So seis, der Undank muß sich schließlich lohnen.
Der Rote schmiegt sich an die Birke tiefer,
Bis er vergißt, das ringsum Menschen wohnen.
III
Im Velum weiß, verträumt und eingesponnen,
Ahnt er noch nichts von Scham und Liebesröte,
Und wenn man wem ihn so verschleiert böte,
Er hielte dies für einen Jungfern-Bronnen.
Wer sagt dem Kind, es schon die braune Kröte,
Zählt gleichwohl keine zu den Schöpfungswonnen,
Doch schätzt der Morpholog auch schwarze Sonnen
Dem Pilze Fürsprach wagt nicht einmal Goethe.
Dafür kam, als Kamtschatka brachte Kunde,
Daß dort das Volk ihn schätz und die Schamanen,
Ein laut Hallo aus rauschverseßner Runde.
So schreibt man sich Ambrosia auf die Fahnen,
Und Soma und macht rings Geheimschrift-Funde,
Und phantasiert, als gälts das Heil zu ahnen.
IV
Auf Russisch heißt Muchumor dieser Albe,
Dies ähnelt dem muscaria im Lateine,
Das Muskarin, das nur in Spurn, schafft seine
Gefragtheit nicht für Rauch und Hexensalbe.
Die Säure Iboten führt an der Leine
Den Esser, doch das Wohl ist nur das halbe,
Drum sorge, daß das Karboxyl verfalbe,
Daß Muszimol erwach im Sonnenscheine.
Verdauung kann dies recht und schlecht bewirken,
Drum trank das Volk Kamtschatkas vom Urine,
Entwässerst du den Rittersmann der Birken,
So treibt er ganz allein auf diese Schiene,
Und öffnet deinen Blick den Traumbezirken,
Wo dich zur Nacht empfängt die Melusine.
V
In Japan und auch einst am Elbe-Hafen
Hat man den Pilz als Speisepilz genossen,
Es sind so viele Schwämme aufgeschossen,
Daß Schlemmerei und Biedersinn sich trafen.
Die Huthaut trennt man ab mit allem Krossen,
Und löst was irgend brünstig macht den Braven,
Dann gleicht der Pilzgeist gutem Mut von Schafen,
Und taugt den Fischern wie den Handelsbossen.
Doch willst du dich des Traumreichs nicht entsetzen,
So trockne ihn anstatt ihn lang zu baden,
Und laß ihn auch vom Lichte nicht verletzen.
Denn mit der Feuchte wandeln sich die Schwaden
Der Übelkeit zu großen Spinnennetzen,
Drin Ariadne fänd nicht mehr den Faden.
VI
Erst kuglig, dann konvex, dann eine Scheibe,
Der Hut ist wohl bekannt mit seinen Flocken,
Der Stiel ist weiß bereift und Warzenbrocken
Verraten, daß einst mancher Gurt am Leibe.
Er sprengte sie wie unsern Mund so trocken,
Der sich noch nicht getraut, nach einer Bleibe
Zu fragen, die den stumpfen Sinn vertreibe,
Und uns begabt, das Schicksal aufzubocken.
Wenn Raum und Zeit vergehn in leichter Schwebe
Uns Löwenkräfte eignen und bewegen,
Dann übersteigt den Taumel-Rausch der Rebe
Ein Sonnenkranz, nicht aus der Hand zu legen,
Bis er uns selbst aus seiner Haftung gebe,
Und wir erfahrn, daß draußen längst schon Regen.
Vers 25918 bis 25959:
I
Der Birke frommt die Anmut und das Scherzen,
Wenn Wind aus ihren Kätzchen fegt den Pollen,
Dann seufzt der Hag den uralt sehnsuchtsvollen
Befehl, daß sich der Grund begab mit Kerzen.
Wir selbst sind so, drum taugt auch unserm Wollen
Der Weiher und das Wurzelwerk wie Nerzen,
Von Luchs und Wiesel tragen wir im Herzen
Die Holdheit, der wir graben Schacht und Stollen.
Der Wind reißt Pergament vom Birkenstamme,
Ganz ähnlich wie das Velum von den Ständern,
Und was von unsrer Haut die Sonnenflamme
Verbrannt, fliegt ähnlich in den Wunderländern,
Die allem Heim, so wie dem Kind die Amme.
Und nur der Narr will diese Welt verändern.
II
Wie Engel sich beim Lobgesange spurten,
So sprießen Pilze rasch und ohne Zagen,
Was sie behütet ists, woran sie tragen,
Und manchmal gleicht es Iglus oder Jurten.
Ihr Los bemißt sich oft genug nach Tagen,
Doch nicht wie Geister, die dem Schöpfer murrten,
Besingt, was sie so rasch zusammenzurrten,
Das A des Alls und weiß kein Wort zu klagen.
Das Wunder zeigt sich immerfort auf Erden,
Drum achte, was beringt und welches bieder
Substanz bezeugt im steten Fassungswerden.
Der Schmuck ist reines Lob und immer wieder,
Erneun sich Farben, Formen und Gebärden,
Und erst der Dichter trägt zum Ohr die Lieder.
III
Der Gürtelfuß trägt Borten von Zinnober
Und spielt mit Rot und Ocker guter Dinge,
Schlankkeulig zeigt er schräge Farbenringe
Und krümmt sich wie ein Referenz-Erprober.
Die Sporen, die von zimtnem Braun, besinge,
Frühsommers kommt er und bis zum Oktober,
Er mags gern feucht und gibt als Birkenlober
Sein Bestes, daß der Jubelchor gelinge.
Ich mag ihn gern, auch wenn ihn andre pönen,
Im Birkenreigen ist mein Herz zuhause,
Und wo der Neid auf Warzen weist am Schönen,
Da lob ich mir den Stummen, der dem Schmause
Nicht feindlich, und als sein Vertreter tönen
Will ich in Gottes wohlgefügter Klause.
Vers 25960 bis 25975:
Siehst du den Kerl mit Buckel an als Krüppel?
So schau, wie er mit Purpur ihn bemalte.
Mit lila Licht der Gral dem König zahlte,
Und du stehst blind und drohst mit einem Knüppel?
Der Kiefer ist der Buckeltäubling Knappe,
Sie, die zwar schlank die Wurzel stößt ins Tiefe,
Mag das Gewundne, Schwankende und Schiefe,
Und blickt gar hold auf die gebeulte Kappe.
Wie Früchte riecht der unverdroßne Hüter,
Er gilt als wenig tauglich zum Genusse,
Auf Gelb mit Violett im Überschusse
Erfreut er aber sinnliche Gemüter.
So hüte dich, allein mit Nutz zu messen,
Denn auf der Waage, die die Engel eichen,
Sind andre Siegel schwer und andre Zeichen,
Und auch der Kleinste wird dort nicht vergessen.
Vers 25976 bis 25991:
Sag, was ist schlicht und edel doch?
Was nicht mit Wurm und Raupe kroch?
Was ganz bestimmt sich selber meint
Und niemals etwas andres scheint.
Was man, wenn man das Wort nicht kennt,
Als Genienwerk und Trug benennt,
Es ragt aus Farben links und rechts,
Als Sinnbild höheren Geschlechts.
Vom Narwal kam das Material,
Der Elephant bracht größre Zahl –
Wie aber kam das Elfenbein
Zu Wesen, weich und windig klein?
Es ist ein andrer Ordnungssinn,
Der Silber namte, Gold und Zinn,
Er gibt dem Stampfer Hannibals
Und auch dem Knab des Zirbentals.
Vers 25992 bis 26003:
Im Laubicht bist du kaum zu schaun,
Zwar soll dein Zwilling Tiger sein
Und unhold mit der Pranke haun,
Doch du bist jedem Sammler fein.
Auch mancher bitter oder scharf
Ist zum Verwechseln ähnlich so,
Doch wer dich gründlich anschaut, darf
Vertraun, ihn mach die Beute froh.
Dein Fleisch ist brüchig, weißlich grau,
Beim Mahl wird kein Geladner mauln.
Ich weiß, du bists, drum also schau
Nicht so, als wolltst du mich vergrauln.
Vers 26004 bis 26027:
Wie rohes Hirn und Schweinemett
Drehn sich die Schläuche her und hin,
Sie rekelt sich im Sand, ihr Bett
Lockt sehr den Schweden und den Finn.
Wenn man sie roh herunterschluckt,
Macht sie fast wie der Wulstling Dampf,
Der Blutdruck fällt, der Pulsschlag zuckt,
Erst Durst und dann ein Wadenkrampf.
Wenn sich der Kreislauf etwas zähmt,
Gehts an die Leber und die Niern,
Dem, der sich wüster Gier nicht schämt,
Solls Schlangenhaupt den Grabstein ziern.
Wo Lenz sich traut doch Sommer kaum,
Ist karg der Pilzertrag des Jahrs,
Gyromitrin den Schlemmertraum
Am meisten trübt im Reich des Zars.
Das Gift erst bei Gewalt entweicht,
Sogar der Dunst, wenn man sie kocht,
Läßt schaukeln eher hart denn leicht
Der Lebenskerze schwarzen Docht.
Auch wirken Spuren, die man nie
Entfernen kann, karzinogen,
Drum laß Medusas Psalmodie
Am besten froh im Sande stehn.
Vers 26028 bis 26039:
Der Grünling, früher sehr geschätzt
Und feil auf jedem Wochenmarkt,
Die Muskeln schwächt und dann zersetzt,
Das endet dann mit Nierninfarkt.
Es ist Gefahr nicht jedermanns,
Daß ihn der saure Dreierring
Des Giftes mach zum Hänfling ganz,
Doch manchem ists ein arges Ding.
So fiel auch dieser Laubgesell
Zum Opfer Arzt und Mikroskop,
Weshalb ich lieber minder hell
Beleuchtet die Geschöpfe lob.
Vers 26040 bis 26055:
Er buckelt sich von blau bis grün,
Der Velumrest im Schleime schwimmt,
Er darf sich um Vermorschtes mühn,
Wobei er nie Gesundes nimmt.
Es ist wohl eßbar, wenn auch nicht
Der Hit, um Schlange anzustehn,
Wenn krümelig ein Stamm zerbricht,
Kannst du ihn mit den Käfern sehn.
Er klebt, selbst wenn er trocken steht,
Dem Ring, gerieft um seinen Stiel,
Ins Violett die Farbe geht,
Lamellen wiederholn das Spiel.
Der Stiel ist fasrig, später kahl,
Zu Basis leicht verdickt und hohl,
Und sahst du ihn auch tausendmal,
So schien es dir, er fühl sich wohl.
Vers 26056 bis 26071:
Wenn dich ein Milchling rot beträuft,
Ist dies gewiß ein guter Fang,
Die Maden suchen ihn gehäuft,
Sei froh, wenn dirs zuerst gelang.
Auch daß das Rot noch im Urin
Ersichtlich, schaff dir keine Pein,
Der dir so fest und edel schien,
Wird auch gegessen friedlich sein.
Der Stiel ist rötlich wie der Hut,
Drauf sich konzentrisch Kreise drehn,
Fleisch und Lammellenfarbe gut
Mit dem Orange dem Roten stehn.
So wellig wie der Hut ist nur
Der Kiefernhag, wo gern du streifst.
Er sagt, du bist auf guter Spur,
Wenn du nach einem Reizker greifst.
Vers 26072 bis 26087:
Wie alle Glucken saprophag,
Schaut ähnlich sie dem Badeschwamm,
Die Stümpfe frißt im Kiefernhag,
Nimmt ebenso den Grund vom Stamm.
Im Osten, wo die Kiefern weit,
Sucht groß und klein den Kohlkopfstrunk,
Die groß und schwer nach Ernte schreit,
Gibt Soße, drein die Semmel tunk.
Gegartes Fleisch mit gutem Biß
Der Morchel ähnlich würzig schmeckt,
Alljährlich kommt und treibt die Miss,
Drum sei getrost der Tisch gedeckt.
Man nennt sie fette Henne auch,
Weil man sich einen Fetten macht,
Und mancher füllt sich hier den Bauch,
Daß es dann recht erheiternd kracht.
Vers 26088 bis 26111:
Sie mag es herbstlich in der Streu
Von Laub- und Nadelwäldern, wo
Sie mit den Schwestern immer neu
Am Boden malt ein großes O.
Der Hexenring, recht gut zu sehn,
Verdrängt die andern Hexen nicht,
Daß sie in Überschneidung stehn,
Nimmt keinem seines Banns Gewicht.
Der lila Rötelritter greift
Gern ein ins Nebelkappenfeld,
Wie sich zum Dunst, im Moor gereift,
Des Irrlichts Bläue zugesellt.
Dem Riesenrötling ziemlich nah
Der Habitus, doch nicht das Gift,
Auch der in Bleiweiß schimmelt da,
Den Konsumenten ärger triff.
Zur Nebelkappe kontrovers
Stellt sich das Schmauser-Publikum,
Der eine meint, die Waldfee wärs,
Der andre sagt, sie schmeißt mich um.
So taugt gewiß ein jedes Ding
Zu Propaganda und Geraun,
Doch sicher ist, der Hexenring
Ist nur mit Freude anzuschaun.
Vers 26112 bis 26127:
Der Perlpilz gleicht dem Panther, der
Noch Raum kriegt, wo ich preis und klag,
Er ähnelt seinem Bruder sehr,
Weshalb ihn nicht ein jeder mag.
Doch manchenorts stielt er den Preis
Dem Steinpilz, wenn er gut gegart,
Die Huthaut zieh, vorm Kochen schmeiß
Sie fort, so wird er fein und zart.
Vom Panther scheidet ihn genau,
Der Ring gerieft, doch nicht der Hut,
Zerbrich das Fleisch, geduldig schau,
Nach einer Weile rötet Blut.
Weil dieser Test verläßlich ist,
Ists Aberglaub, daß man ihn meid,
Wer mit so grobem Auge mißt,
Vertreib sich anderswo die Zeit.
Vers 26128 bis 26151:
Der Panther trifft in jähem Sprunge
Sein Opfer und er triffts gewiß,
Das Bild zergeh dir auf der Zunge
Am besten vor dem ersten Biß.
Dem Fliegenpilze ähnlich, dessen
Karminrot aber sicher trennt,
Die Säure Iboten zu messen,
Zeigt an, daß sie hier zehnfach brennt.
Drum stellt ein Rohverzehr den Panther
Ganz nah zum Knollenblätterpilz,
Doch stellt sich so ein blöder Ganter,
Denn die Chemie zu kennen gilts.
Was für den Fliegenpilz zu achten,
Gilt zehnfach für den Panther auch,
Soll dich das Muszimol umnachten,
So sparst du noch bei diesem Brauch.
Das Trocknen, aber stets im Dunkeln,
Ätznatron machts mit einem Rost,
Und solln dir die Dämonen funkeln,
Bedenk, dies ist ein starker Dost.
Es hat das Rauchen vorm Verzehren
Den Vorzug, daß es schwer da nicht,
Die Überdosis abzuwehren,
Hingegen man nicht gern erbricht.
Vers 26152 bis 26163:
Der Erdstern machts mit Eigensinn,
Daß er die Sporn versprüh zuhauf:
Die Frucht zerreißt und legt sich hin
Die Sporenkugel setzt sich drauf.
Kaum fällt ein Tropfen Regen dort,
Ein Loch schafft diese Kraft ins Rund,
Reißt schon der Druck die Sporen fort,
Der ganze Körper ward zum Mund.
Halskrausen ähnelt die Gestalt,
Die umkehrt was man sonst gewohnt,
Manch einem scheint Bewährtes alt,
So daß es umzustülpen lohnt.
Vers 26164 bis 26178:
Rotfüßchen ist nicht so bekannt,
Wies Käppchen mit dem Isegrim,
Doch scheint es auch vom Märchenland
Gekommen wie der ganze Tand,
Der Pilze macht begehrt und schlimm.
Goldschimmel heißt der Wolf dabei,
Dies ist ein arger Kannibal,
Erst weißt den Hut die Spinnerei,
Dann geht auch noch der Stiel entzwei,
Bis goldig zeigt er sein Fanal.
Doch jung und unerkrankt belach
Das Feldbraun mit dem roten Fuß,
Sind gelb die Röhren unterm Dach,
Mit leichtem Druck die Probe mach,
Denn blau und grün wird gleich das Mus.
Vers 26179 bis 26198:
Dem Parasol sich ähnlich zeigt
Der Hagere im Lumpenkleid,
Wem die Maronennymphe schweigt,
Der brät das Sonnenschirm-Gebreit.
Verwechslung droht auf dem Kompost
Dort zeitigt Gift verwandter Pilz,
Doch wer bevorzugt solche Kost,
Läßt Böses auch getrost der Milz.
Und hat er Phantasie genug,
Macht er daraus ein Paradies,
Wer Kunstpelz viele Jahre trug,
Erkennt darin das Goldne Vlies.
Der Schirmling zeigt im Namen an,
Daß Safran quillt, wo einer preßt,
Im großen ganzen gleichts dem Mann,
Der hält sich an dem Schirme fest.
Der Ring ist stets zu streifen leicht,
Dies ist die Marke bei dem Clan,
So braun er ist, zum Tauschen reicht,
Zwar nie das Geld, doch stets der Wahn.
Vers 26199 bis 26214:
Das Kreisel- oder Keulenkleid
Ist abgestutzt und leicht gedellt,
Das Lila zeigt die Heiterkeit
Des Sommers in der Alpenwelt.
Dort hört man ja, wie Fernsehn weiß,
Schon lila Kühe fröhlich muhn,
Bei so viel Ernst und so viel Fleiß,
Bleibt für den Dichter nichts zu tun.
Zurück zum Ohr von Glotz und Depp:
Die Ränder hoch und wild gelappt,
Verzweigte Leisten stehn wie Krepp,
Zu dreien man es oft ertappt.
Viel Isotope hätts im Bauch,
Im Geigerzähler Lärm geschieht,
Das sagt man von Maronen auch,
Und nie nahms mir den Appetit.
Vers 26215 bis 26230:
Weil innen hohl, der Größe trau
Mit Zwinkern und mit Vorbehalt,
Recht gotisch ragt der Rippenbau,
Der an dem Stiele guten Halt.
Olivbraun, grau und endlich schwarz,
Erscheint sie dir wie Eis am Stiel,
Im Rindenmulch im Amt des Warts
Verzehrt sie des Verdorbnen viel.
Wie alles was man gerne speist,
Ist sie auch als bedroht geschützt,
Recht gern ich meinen Beitrag leist,
Doch frag ich, ob dies wirklich nützt.
Mit Paragraphen mehr und mehr
Wird ein Museum diese Welt,
Das End ist wohlgepflegt und hehr,
Doch niemand dems darin gefällt.
Vers 26231 bis 26245:
Der Hut ist weinrot oder blauer,
Der gelbe Stiel im lila Kleid,
Sie fragt nicht, ob sie wer bedauer,
Sie ist vor manchem Täubling schlauer,
Bewaffnet drum zu jeder Zeit.
Die Trüffel mag gefressen werden,
Doch andere sehn das nicht so gern,
Die Vorsorg ist Gebot auf Erden,
Daß Wachstum sei für Art und Herden,
Halt man sich seine Feinde fern.
Drum naseweis ist nicht die Röte,
Es ist vielmehr das Gift im Bauch,
Wems machbar, daß er schreck und töte,
Klagt keinem Herrn die Ziegennöte
Wie mancher kahlgefreßne Strauch.
Vers 26246 bis 26261:
Die Samtene, die lippenzart
Sich anfaßt und bei Druck sich bläut,
Ist ein Triumph auf deiner Fahrt,
Drum sprich ihr lob und segen heut.
Sie wechselt ihren Habitus,
Doch Lieb ist kein vergeblich Mühn,
Den Hut man wiederfinden muß,
Drin leuchtend gelb die Röhren glühn.
Die Jungfrau hat kein Eisenschwert,
Drum gibt der Feind auch niemals Ruh,
Den Maden ist sie sehr begehrt,
Der Schimmel setzt ihr gräßlich zu.
So ist das Glück ein Augenblick,
Doch immer wieder triffst du ihn,
Drum hindre dich kein Mißgeschick,
Noch in der Frühe loszuziehn.
Vers 26262 bis 26309:
Die Erle mag das Sumpfgebiet,
Den Bruchwald, wo das Schaumkraut blinkt,
Das Irisblaun im Seggenried,
Wo Milzkraut gold dem Gagel winkt.
Bei Storchgeklapper, Dommelflöt,
Und wo es riecht nach Bibergeil,
Genießt mit ihr das Sonngeröt
Der Grübling als ein Wohnungsteil.
Bis Allerseelen vom August
Zeigt er den ocker feinen Filz,
Im Elsbruch du nicht suchen mußt,
Dies ist ein Paradies dem Pilz,
Meist trocken auch in Wassernäh,
Delln kleine Grübchen seinen Hut,
Der Rand gerollt, im Alter jäh
Gekantet trägt er blaues Blut.
Olivlich ist sein Greisenkleid,
Im Gold die Röhren siehst nur schwach,
Sie werden eckig mit der Zeit
Und stufen sich zum Röhrenfach.
Der Stiel ist wie der Hut gebräunt,
Und bläut und wird dann braun bei Druck,
Er ist dem Sammler guter Freund,
Goldröhren stehn als Säulenstuck.
Einst zog ich her vom Odenwald
Die Elz entlang, das Weib, das schwemmt,
Ein Käfig nahm ihr die Gestalt,
Nun ist sie eine Dirn im Hemd.
Die letzten Erlen doch am Saum
Erzählten mir vom Reich, das harrt
Der Wiederkehr im deutschen Raum,
Und machten mich zum Erlenwart.
Ich fand sie neu bei Kranichfeld,
Der Grübling war hier auch zu schaun,
Die Enzenburg sah manchen Held,
Bis niedersank ihr Gottvertraun,
Doch mit der Sprache, dem Gedicht,
Der Traum trat aus dem Dämmerschein,
Der Adlerfittich, den ich flicht,
Schließt auch den Erlengrübling ein.
Er schmeckt uns herb und sauer oft,
Dies ist nicht nur der Sumpf, der gärt,
Hier hat die Mahnung sich verstofft,
Daß unser Geist im Grenzland fährt.
Im Feuchtgebiet, wo Pilz und Kraut
Gehn Wege, die man sonst nicht kennt,
Wird uns der Liebestrank gebraut,
Bis überm Moor die Fackel brennt.
Vers 26310 bis 26349:
Das Pilzreich schließt ans Baumreich an,
Drum singt dem Baum, wer singt dem Gnom,
Der Baum allein – ein wackrer Mann,
Der Baum im Wald – die Sul im Dom.
Der Pilz ein Schelm und ein Gesell,
Wie Geisterhäupter an den Säuln,
Er lobt die Sonne farbenhell
Und lebt vom Schleimigen und Fäuln.
Der Schlehe und dem Ginster nach
Sucht sich die Espe ihr Gebiet,
Ob Halde, Rand, ob gänzlich brach,
Sie nicht sehr auf den Boden sieht,
Doch Licht verlangt sie ungetrübt,
Dann sind die Blätter lang gestielt,
Weil sie damit das Rauschen übt,
Sie mit dem schwächsten Winde spielt.
Kein Röhrling hat ein holdres Haupt
Als diese Maid am Espenrock.
Wer hätte solchen Fund geglaubt,
Dems fern, daß er Insekten lock.
Der junge Hut greift üppig um,
Dann wächst das Röhrenpolster aus,
Gebuchtet um den Stiel herum,
Herrscht Maß und Einigkeit im Haus.
Der weißlich gelbe Stiel ist voll
Von roten Schuppen, die gestreut
Mit Anmut ohne Scham und Groll,
Daß es uns herzerfrischend freut.
Der Schnitt erst lila, mählich nacht,
Dies bleibt dann auch beim Kochen so,
Doch die Verdunklung gar nichts macht,
Dafür wirds Aug des Schmausers loh.
Da kaumwer diesen Baum erkennt
Als pilzbegabt, sei Bräutigam
Der Jungfrau, die der Volksmund nennt
Das Käppchen mit dem Rotgeflamm.
Mag zittern auch das Laub so bang,
Wie es das Sprichwort uns gesagt,
Wem solche Minnefahrt gelang,
Hat nie gezweifelt und geklagt.
Vers 26350 bis 26373:
Den Stachelbart, den Affenkopf
Und Löwenmähne heißt man auch,
Wirf niemals in den Wassertopf,
Er dehnt gewaltig sonst den Bauch,
In Butter oder auch fritiert
An Meeresfrüchte mancher denkt,
Der Königstafeln, die er ziert
Ein Gran Zitron und Kokos schenkt.
Er stachelt ohne Stiel ins Licht,
Dies ist den Bärten allgemein,
Da ers betaut so herrlich bricht,
Fängt man ihn gern in Bilder ein,
Oft steht an jeder Stuf ein Wall
Von diesem Clan am morschen Baum,
Von Perlmutt oder Bergkristall
Erscheint dir dieser Fadentraum.
In China galt er heilbegabt,
Wenn Röcheln in der Kehle saß,
Wer sich an diesem Mannzeug labt,
Sorg, daß ihn nicht der Schimmel fraß,
Am Dunklen klebt so mancher Stern,
Und wandelt es nach eigner Art,
Ich nasch von diesen Wundern gern
Und auch vom Igelstachelbart.
Vers 26374 bis 26385:
Wie eine Glocke hängt das Vlies
Und scheint aus Bienenwachs gemacht,
Das man als Rinnsal fließen ließ
Und nur mit Raumluft kühlte sacht.
Auch ist der Farbton bienenhaft
Und ohne Makel anzuschaun,
Sie klammert sich am hohlen Schaft,
Ich fand sie unterm Heckenzaun.
An Runzeln denk ich nicht, doch geht
Zu Morcheln die Verwandtschaft klar,
Mal dies mal das im Pilzbuch steht,
Mir selber sie bekömmlich war.
Vers 26386 bis 26397:
Wie eine Kobra aus der Dün
So schlängelt sich die Zunge vor,
Olivbraun oder grasegrün,
Auf Bachaun sie als Standort schwor.
Es scheint, als zögre sie beim Stoß,
Doch dies ist Trug und Aberglaub,
Sie ist so harmlos wie das Moos,
Und unbewegt wie totes Laub.
Doch zeigt sie in der Schrecksekund
Wie Pilze mit den Bildern spieln,
Es findt noch zur Verblüffung Grund,
Wer tausend antraf von den vieln.
Vers 26398 bis 26437:
Die Sage geht von dem Verräter,
Er hing sich auf an dem Holunder,
Vielleicht wards zugedichtet später,
Doch trifft sichs mit dem rosa Wunder,
Das wie ein Ohrgang wild verschlungen
Hängt wie ein Mal am Holderflor,
Drum wird der Pilz vom Volk besungen,
Als abgetrenntes Judasohr.
Als er die Häscher führt zum Garten,
Den Heiland küßt als Angriffsziel,
Hub Petrus mit dem Schwert, dem harten,
Das Ohr ihm ab, das blutend fiel,
Doch Jesus, der nicht kam zu streiten,
Es lind zur Heilung ihm beschwor,
Drum geht die Mär durch alle Zeiten
Vom abgetrennten Judasohr.
Vielleicht weil es der Herr berückte,
Kanns nicht vergehen mit dem Haupte,
Sooft der Wart die Klinge zückte,
Es klebt am Baum das Totgeglaubte.
Von Gallert, zäh doch auch elastisch,
Geädert, fleischbraun ragt es vor.
Darum erkenn die Welt phantastisch
Mit abgetrenntem Judasohr.
Man ißt die Muschel, deren Happen
Genießbar sind als Suppenwürze,
Dies ändert nicht, daß dieser Lappen
Uns arg verstöre und bestürze.
Der Holderbaum spricht von der Minne
Seit alters, und sie gilt als Tor
Zum Weltend und zum Weltbeginne:
Dem abgetrennten Judasohr.
Zum Kreuz ists gar ein Gegenzeichen,
Nicht Bann, doch Weg für Ton und Lied,
Mag sein, daß wenn die Bilder weichen,
Das Heil durch die Musik geschieht,
Dann fahren die berufnen Scharen
Getragen von dem Engelchor,
Den Sinn der Welt zu offenbaren
Durchs abgetrennte Judasohr.