Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Das Murmeln der Ilm

Wenn der Ilme Bach bescheiden
Schlängelnd still im Tale fließt,
Überdeckt von Zweig und Weiden
Halb versteckt sich weiter gießt,
Hört er öfter mal die Flöte
Seiner Dichter treu und gut
Wenn der Glanz der Morgenröte
Auf den sanften Wellen ruht.

Vieles ist an mir entsprungen,
Manches ward euch dargebracht,
Und so ist es mir gelungen,
Daß man mich zum Flusse macht.
Will ein Reisender mich sehen
Wie die Donau, wie den Rhein,
Ich versteck mich, laß ihn gehen,
Denn ich bin doch gar zu klein.

– Goethe

Vers 26438 bis 26509:

Rudolstadt

Rudolstadt, seit Kindertagen
Ganz im Zentrum dieses Lands,
Reich an Staaten und an Sagen,
Mühlen, Märn und Lindentanz,
Wo das Saaleknie mein Zeichen,
Osterloh und blutig rot,
Unter Sitzendorfer Eichen
Mahnt der Schützengrabentod.

Dies sei stets mit angesprochen,
Meine nie, den Dichtertraum
Rühre, was da eingebrochen,
Nur am Rande oder kaum,
Aus Appell und Anteilnehmen
Keimt die Notenschrift im Lied,
Darum gibt es keine Themen,
Die dem Dichter Sperrgebiet.

Zeit der Störche war ein Titel,
Den das Landtheater gab,
Schlechtes Stück, doch mir ein Mittel,
Daß ich im Gedächtnis grab,
Wie die Störche wiederkehren,
Kam auch ich nach Rudolstadt,
Stile wechseln, Lehrer, Lehren,
Doch die Schwarza manche hat.

Einmal kam der Geigenspieler,
Der mir Potsdams Jazz-Boheme
Zeigte, im Gefolge vieler
Fans und nannt ein Krebsekzem
Jenen Staat, der damals krankte
Und doch manche Nische bot,
Als ich noch um Bleiben schwankte
Und ein letztes Abendrot.

Jüngst als hier die Bank zum Kaufe
Grund bot, der den Bergks gefrommt,
Warb mein Lieb um diese Haufe,
Daß sie heim ins Erbgut kommt,
Schüttre Altlast im Kontore
Bot ein mieses Schmierenstück,
Wenn ich in der Nase bohre,
Komm ich rascher zu dem Glück.

Als man uns ins Freie brachte,
Da nun der Vertrag perfekt,
Fragte der Verkäufer sachte,
Wo denn unser Auto steckt,
Als wir drauf ihn kurz beschieden,
Daß wir fußwegs und mit Zug,
Fiel die Kinnlad ihm hernieden,
Weil er nun nichts mehr vertrug.

Daß da jemand hunderttausend
Zahlt und nicht den Motor schätzt,
Hat gespenstisch, kalt und grausend
Jenen Bankenknecht entsetzt,

Daß die Habitus-Kontrolle
Sank ins unterste Niveau,
Und der umgekippten Jolle
Lachten wir recht schadenfroh.

Heute geh ich hinter Goethen
Nach Großkochberg und so fort,
Der des Landes Morgenröten
Wachgereimt an manchem Ort,
An der Saale hellem Strande
Sieht das Buch mich nimmermehr,
Doch die Brust schlägt mir im Lande,
Und so trägt der Wind mich her.

Wenn die letzte dieser Reisen
Mündet in der frühern Spur,
Wird man auf die Lücken weisen,
Fordern eine weitre Tour,
Doch ich bin kein Landvermesser
Und kein Brockhaus diese Lands,
Also machs ein andrer besser,
Und was löchrig, rund und ganz.

Vers 26510 bis 26557:

Pflanzwirbach

Nicht länger dich verschanze
Bei Burg und Pflasterstein,
Gehst du mit Gott aufs ganze,
So tritt der Ernstfall ein,
Da such in dieser Pflanze
Das alte Crutz von Stein,
Auf daß im Geist die Lanze
Des Longius hol dich ein.

Da Pest im Wirb geflossen,
Die fraß den Tages-Part,
Sind Disteln aufgeschossen
Und froh der Ziegenbart,
Wo Quecken und Genossen
In Rotten dicht geschart,
Kann nichts von alldem sprossen,
Was gut nach Bauernart.

Begrub man seine Lieben,
Soll drauf der Heiland baun,
Das Zeichen ist geblieben
Für unser Gottvertraun,
Wer sich dem Heil verschrieben,
Kennt Zufall nicht und Laun:
Was Leid und Glück getrieben,
Solln Dank und Ehrfurcht schaun.

Die Scheibe rund am Koppel
Versteh als Midgardring,
Den breiten Armes Doppel
Seraphenstark beschwing,
Hier stöhnt kein Erntestoppel
Dem Sommer nach, der ging,
Kein Has flieht mit Gehoppel,
Eh Fuchs das Fleisch verschling.

Hier gibt sich Würde sichtbar,
Vor Klaftern anderthalb
Wird das Geschwätz vernichtbar,
So rauh, verwittert, falb
Spricht Blut, das Geist und Licht war,
Daß es mit Weisheit salb,
Dir rechtenshell und pflichtklar
Vom Tanz ums Goldne Kalb.

Wer wohl dem Herrn der Plagen,
Vor Zweiflers Gift gefeit,
Dem spricht der Bach im Hagen
Vom Liebeswerk im Leid,
Der wird der Pflanze sagen,
Sie blüh zu seiner Zeit,
Dem steht der gelbe Wagen
Am Anger fahrbereit.

Vers 26558 bis 26581:

Teichweiden

Seltsam muß die Wanderfährte
In Teichweiden dich berührn,
Bist du schlank wie eine Gerte,
Wird dich wohl die Hohle führn,
Zwei Gehöfte stelln zur Klamme
Den, der Weite im Gefühl,
Für das Blechzeug gibts die Schramme,
Für den Pirsch wirds mittags kühl.

Dies soll recht dich aus dem Tale
In die freiern Höhen stelln,
Brodelt Lärm am Saum der Saale,
Bist du froh mit dem Geselln,
Diese Fahrt soll Goethen gelten,
Dem das Liebliche gefiel,
Der den Blick entzog den Welten,
Anzuschaun ein Karstfossil.

Eng wie eine Gartenpforte
Ist der Pfad ins Traumgetreid,
Und das Herz besinnt die Worte,
Daß das Glück des Neiders Leid,
Stille, die dich Weiden lehrten,
Strömt und hebt und trägt dich fort,
Wo die Weiser sich vermehrten
Und das Eingangslicht verdorrt.

Vers 26582 bis 26605:

Weitersdorf

Vorwerk für die Kochberg-Ritter,
Weiler und Zehn-Seelen-Stelle,
Zwar vom Gutshaus findst nur Splitter,
Doch romanische Kapelle
Und ein Kreuz von Sandstein mächtig
Trotzten dem, was niederträchtig.

Bildstock ehr als Sühneschiefer
Steht das Mal des Galiläers,
Zwar gibts keine Zirbelkiefer,
Doch das Rätschen Eichelhähers
Weist dir rasch sein helles Bürzel
Als Geflagg und Tannland-Kürzel.

Drüber lacht die Juli-Hitze
Die du unter Lindenarmen
Abwehrst und nur Filter-Blitze
Leiden magst im Allzuwarmen,
Nimmst die Buddel du vom Ranzen,
Siehst die Strahlen wassertanzen.

Dies wird dir ein Notenmuster
Das den Amseln auf den Zweigen
Und der Hecke von Liguster
Weiß ein Sommerlied zu geigen,
Denn das Glück eint alle Zeichen
Und es frommt dem wahrhaft Reichen.

Vers 26606 bis 26645:

Kochberg

Im Südost das Hohe Haus
Geht auf frühstes Baun zurück,
Spür die Wasserburg noch draus
Grüßen aus dem Ritterglück,
Ein Quelle sang im Park,
Speiste Rohr und Grabenwehr,
Von dem Bergteich tropfte stark
Wasser durchs Gerölle her.

Einzgen Zugang brachte lang
Eine Zugbrück Richtung Saal,
Doch zu Goethes Zeiten schwang
Sich ein Weg, der minder schmal,
Mit der Renaissance erfuhr
Auch das Schloß, was nun bequem,
Und gedielt sind Stub und Flur,
Daß da nicht nur Stein und Lehm.

Seltsam durchs Privatgemach
Schweifen der Charlott von Stein,
Gehst du Goethes Spuren nach,
Läßt ein Obolus dich ein,
Besser wärs, in Goethe Geist
Würd die Klause noch bewohnt,
Einem Trugschluß folgte meist,
Wer steril das Erbe schont.

Mehr als aller Mauern Flucht
Denkt die Landschaft dem Gesell,
Der durch Au und Felsenbucht
Ging und galoppierte schnell,
Herzschlag, Traum und rascher Ritt,
Geben Rhythmus, Farb und Film,
Was sich fügt der Herzensbitt,
Die gemessen an der Ilm.

Du spazierst den Weg zurück,
Wo der Abschied ihn umschlingt,
Und der Nächte Liebesglück
Sich im Tagelied zersingt,
Dies ist deinem Stande recht,
Denn du webst im herbstnen Licht,
Und du bleibst Abschieds Knecht,
Aber ohne Hoffnung nicht.

Vers 26646 bis 26685:

Luisenturm

Leuchtend auf dem Berg der Hummeln
Steht der Turm mit schmucker Krone,
Daß gefeit vor Schmäh und Schummeln,
Dort die große Liebe wohne,
Parry, wohlbestallter Schotte,
Krönt verstorbner Frau Luise,
Enkelin von Goethes Lotte
Traumgetreu die Lieblingswiese.

Dort ist weit ins Land zu schauen
Nach der Ilme und der Saale,
Frankenwald und Blockberg-Frauen
Und der Kyff mit seinem Male,
Hier ermaß ein Weitgereister
Deutscher noch als Hans und Gret,
Wo die Mitte all der Geister,
Drum sich unsere Sage dreht.

Auwald, Anger, Weiler, Mühle,
Pfadgeschläng und Murmelquellen,
Übermächtig die Gefühle,
Und du fragst den Fahrtgesellen,
Ob er je durch Länder zöge,
Wo so traulich und so trunken
Ofterdingen sich erhöbe,
Aug und Ohr ins Feld zu tunken.

Wer die Frau auch je gewesen,
Deutsch war sie in Mut und Auge,
Und der Mann, der ihr erlesen,
Wußte, was dem Herzblut tauge,
Schöner wär ihr keine Ehre,
Als der Himmel dieser Auen,
Daß der Heiland wiederkehre,
Weiß ein innigstes Vertrauen.

So beschenkt und so gehoben,
Wirst du manche Meile wandern,
Denn im Ausblick von hier oben,
Gibt das eigne sich im andern,
Wo der Adler seine Kreise
Zieht gemach und unbeschreiblich,
Sagt dir diese Himmelsschneise,
Daß die Anmut ewig weiblich.

Vers 26686 bis 26725:

Talweg mit Drähten

Als die ersten Volksempfänger
Zogen in die Häuser ein,
Wollt die Urgroßmam nicht länger
Lebend auf der Erde sein,
Denn ihr schien, nun spräch man nimmer
In der eignen Wohnung frei,
Wer da hörte ihr Gewimmer,
Sprach, daß sie von Sinnen sei.

Doch sie war um vieles weiser,
Als des Teufels Preiserschar,
Die den Stimmen, schrill und heiser,
Lauschte, was das Neuste war,
Kann die Mauer nicht erwehren,
Daß die Sendung kommt ins Ohr,
Kommt, so muß Vernunft uns lehren,
Auch das Umgekehrte vor.

Wer erfunden die Antenne,
Hat die Wanze auch gebaut,
Beide sind wie Ei und Henne,
Runkel oder Rübenkraut,
Ist das eine wohlverborgen,
Macht das andre größten Lärm,
Denn das ist wie Nacht und Morgen
Oder Kehlkopf und Gedärm.

Also halt dich fern vom Strome,
Und den Räuschen, die er schafft,
Denn die sind wie Karzinome,
Die entsaugen Mut und Kraft,
Der dich dürftig macht und süchtig
Nach der Welt, so neu und schön,
Straft, vergißt du einmal flüchtig
Deine Dosis zu erhöhn.

Hast du ganz verlernt zu singen,
Daß der Wandrer nicht mehr klopft,
Bis du fremd den eignen Dingen
Und mit Fremdem zugestopft,
Dann kann nur der Blitz dich retten,
Der den Leitungsmast zerstört,
Denn der Herr zerreißt die Ketten,
Wird das Bittgebet erhört.

Vers 26726 bis 26767:

Neckeroda

Rundlingsdorf und Kurmainz-Lehen
Eh Byzanz noch war gefalln,
In die Kirche mußt du gehen,
Wo die frühen Stimmen halln
Und romanisch dir der Kern
Spricht vom Leiden unsers Herrn.

Wall und Mauer sagen drastisch,
Daß der Bauer wehrhaft denkt,
Hier verschludert keiner hastig,
Was der Herr den Seinen schenkt,
Denn der Anger trägt und blüht
Für ein schlichtes Landgemüt.

Fachwerk ist hier nicht Museum,
Und die Pflanzenfärberei
Singt noch immer ihr Te Deum,
Wo man werkt beim Hahnenschrei
Und verschwendet wenig Zeit
Auf den Spleen der Obrigkeit.

Einkehr bei den Spinnerinnen,
Wo man alter Sitte traut,
Mit dem Faden darf beginnen
Deiner Winter Wuschelhaut,
Der das Licht die Pflanze lieh,
Farbig ohne Großchemie.

Diese Fraun sind nicht die schrillen,
Die sich rekeln im TV,
Heimat gibt man nicht für Grillen,
Und das spürt der ganze Gau.
Hörst den Kuckuck im Revier,
Weißt du, der Gesang ist hier.

Wie Geschmäckler Kirchen pönen,
Finden sie das Brauchtum fad,
Doch das Luftgespinst der Schönen
Ruht auf Fleiß und Muttertat,
Bänker und Salon-Franzos
Brauchten einst die Strampelhos.

Darum hat Geheimrat Goethe
Rasch den Löschzug hergebracht,
Als die Lohe Schmerz und Nöte
In den Höfen angefacht,
Denn auch er verlör das Hemd,
Wenn man Wolle nicht mehr kämmt.

Vers 26768 bis 26807:

Hochdorf

Auf der Höhe liegen Hufe
Die zu einem Huf sich scharn,
Wenn ich in die Zeiten rufe,
Weiß ich, daß sie lang schon warn,
Eh sie Draht und Rohr verbunden
Und beherrscht nach Städterart,
Und mir scheint, daß davon Wunden
Bluten noch ins Lied der Fahrt.

Bis zum Krieg war hier ein Lehrer
Für die Jugend stets bestallt,
Heute gehts zum Wissensmehrer
Mit Motoren auf Asphalt,
Losgelöst von Wald und Heide,
Bleibt die Bildung fremd und tot,
Daß man früh die Scholle meide,
Heißt des Herrn der Zeit Gebot.

Himmels Fruchtbarkeit und Segen
Sind durchmischt mit dem Gestank,
Den die Geldverseßnen legen
Auf den Bauern, frei und frank,
Der wird sich nicht leicht empören,
Denn die Not ist ihm vertraut,
Doch du kannst ein Grummeln hören
Und ein Frösteln auf der Haut.

Hier war einst im Preußenheere
Selbst Luise Königin,
Daß noch heute der Ort der Ehre
Denkt und legt da Blumen hin,
Zwar ward bald das Heer geschlagen,
Fürchterlich bei Auerstedt,
Doch ein neues größres Wagen
Machte bald die Schande wett.

Alle Zeiten, alle Schrecken
Gingen über Flur und Feld,
Doch der Herr wird uns erwecken,
Wie er Tag und Nacht erhält,
Sei getrost und sieh im Bauern,
Der am Rain die Sense schwingt,
Daß das letzte nicht das Trauern
Und kein Schwan, der Abschied singt.

Vers 26808 bis 26831:

An den Rasenbänken

An den Rasenbänken lang
Führt der Weg auf Saalborn zu,
Grad bei Sonnenuntergang
Gönnst dem Knöchel etwas Ruh,
Wem das Grün Getier-behext,
Wer da lieber Kunststoff mag,
Bleib mir, wo der Pfeffer wächst,
Und das bis zum Jüngsten Tag.

Aus der Burgen Blumenschrift,
Aus dem Gärtlein lieber Frau,
Kennst den Schemel, der dich trifft,
Wo du müd von so viel Schau,
Gern hättst du hier fortgeträumt
Und das Fahrtbuch vollgereimt,
Doch das Ziel sei nicht versäumt,
Wenn im Tann der Dämmer keimt.

An den Rasenbänken lang
Trankst du deinen Wasserrest,
Dir ist für die Nacht nicht bang,
Denn der Sommer wärmt das Nest,
Doch schon bald vergeht die Zeit,
Wo du Wandrer bist und frei,
Drum noch ein paar Stunden schreit,
Daß die Ilm gewonnen sei.

Vers 26832 bis 26843:

Saalborn

Quell im Riedgras, Kirche, Mühle,
Rittergut und Mälzertenne,
Ziegelei am Tannenbühle,
Quark und Rahm der Butter-Senne.

Bauerndorf, wo Stühle weben,
Flinke Mädchen Weiden flochten,
Rapsöl, drin die Winter leben
Im Geleucht von kurzen Dochten.

An der Linde schmust ein Pärchen,
Und der Specht pocht ohne Pause,
Deutschland ist ein Wintermärchen,
Mittendrin bin ich zuhause.

Vers 26844 bis 26855:

Tafelbuche

Steig zum höchsten Gipfel auf,
Oben an der Tafelbuche,
Sagt ein Schild den weitern Lauf,
So da jemand Weimar suche.

Goethe war an diesem Baum
Gern zu Fuß und gern zu Pferde,
Hinter Bergen wohnt ein Traum
Der da faltert: Stirb und werde!

Wer der Liebe Berg und Tal
Nimmt als wärn es Haut und Haare,
Ist gesegnet tausendmal
Von der Wiege bis zur Bahre.

Vers 26856 bis 26875:

Brückenlied

Hölzern überwölbter Gang
Kreuzt bequem den Murmelfluß,
Zwar ist finstre Nacht schon lang,
Doch ich spür den Wellenkuß.

Verse gehn mir durch den Sinn,
Da im Bach der Dichter lag,
Und der Wellen-Spielerin
Wechselred und Stimme gab.

Wie der Leipziger Student
Schrieb die Mädchen wellengleich,
War mir seines Werks Advent
Und ein Tor ins Zauberreich.

Brücken sind die Lieder stets
Und die luftigste der Reim,
Über viele Brücken gehts
Durch die Welt und endlich heim.

Heute gehts ins Träumerfeld,
Denn gewiß ich im nächsten Hain
Fall ich wunschlos aus der Welt
Und laß Klingsors Lockruf ein.

Vers 26876 bis 26915:

Balsamine

Früh auf die Höhn,
Wo sonst der Wirt
Duft und Getön
Wieselnd durchschwirrt,
Nun aber strahlt
Einsam das Wort,
Daß sich bezahlt
Machte am Ort.

Welch eine Wahl?
Wie diesem Sporn?
Wirbt fürs Lokal
Altweiberzorn?
Wer da wohl tischt
Fröhlich im Tann
Springkraut, das zischt:
Rühr mich nicht an?

Golden im Grün,
Säfte-gespannt,
Liegt ein Versprühn
In deiner Hand,
Daß es dir gram,
Wenn du es letzt,
Hat nur ein Nam
Drübergesetzt.

So ists dem Kraut
Wohl Ironie,
Daß es der Haut
Näh nicht verzieh,
Eher verführ
Kapselgeleucht
Über Gebühr
Alles, was fleucht.

So ist das Bier
Schaumgelb, das warnt,
Aber auch hier
Köstlich umgarnt,
Und des Geschlechts
Sklav wird der Mann,
Tönt das Gekrächz:
Rühr mich nicht an!

Vers 26916 bis 26935:

Vollersroda

Wo man früher Torf gestochen,
Kräuselt sich ein Weiher hell,
Rasch aus Hos und Hemd gekrochen
Und gewaschen Haar und Fell!

Wer kopfüber in die Fluten
Springt und taucht durchs Element,
Weiß nichts mehr von Straßengluten
Und vom Schweiß, der salzig brennt.

Dies kam grad zur rechten Stunde,
Denn zur Kirche wolltst du rein,
Von der hiesigen gibts Kunde,
Sie soll hell und heiter sein.

Auf der höchsten der Emporen,
Hallt die Kanzel froh und klar,
Was Barock vermacht den Ohren,
Weckt den Siebenschläfer gar.

Dies soll dir die Glieder stärken,
Denn der Tag, noch jung und kühl,
Führt dich zu den großen Werken,
Drin der Adler fand Asyl.

Vers 26936 bis 26959:

Am Gehädrich

Hader soll der Tag nicht kennen,
Und der Hanf soll würzig brennen
Im Gedünst, verstockt und mädrig,
Siehst die Maus am Raine rennen,
Lugt der Uhl schon aus den Tennen
In den Gärten am Gehädrich.

Tau beglänzt das Netz der Spinne,
Doch wir halten hier nicht inne
Und schon klebts als Stirnband fädrig,
In des Herzogs Stadt beginne
Uns ein Weihespiel der Minne
In den Gärten am Gehädrich.

Wer wird ernsthaft noch bestreiten,
Daß uns wie zu allen Zeiten
Diese Straße silberädrig?
Um den Späherblick zu weiten,
Wollen wir gemessen schreiten
In den Gärten am Gehädrich.

Stille in Erwartung wollen
Wir nicht poltern oder grollen
Wie der Donnrer doppelrädrig,
Wo von Versen sprühn die Schollen,
Schöpft das Auge aus dem Vollen
In den Gärten am Gehädrich.

Vers 26960 bis 26999:

Wielandplatz

Der fleißig wie sein Namensgeber
Dem deutschen Schrifttum gab Kontur,
Versank im Traum, daran er Weber
Und dann zuletzt ein Künder nur,
Der Stürmer und der Dränger Goethe,
Dem er den Schmäh nicht übel nahm,
Verdrängte seine Morgenröte,
Die bald schon ins Museum kam.

Auch wenn zu Zeiten Neuentdecker
Bestrahlten seine Eigenheit,
Weiß das Gedächtnis nur Geklecker
Am großen Klotz der Goethezeit,
Sein Pech, daß er im Zentrum weilte
Und nicht in eine Nische wich,
Und Goethe dann vorübereilte,
Ein Schatten, groß und fürchterlich.

Der Jüngre war dem Ältren gütig,
Nachdem es anfangs mal gekracht,
Doch ob verklärt, ob übermütig,
Er hats uns inniger vermacht,
So mag man Wieland zwar bedauern,
Daß ihm die Nachfahrn ungerecht,
Doch wer bei Äpfeln vor den sauern
Die süßen nimmt, ist drum nicht schlecht.

Die Welt, die Gott in sieben Tagen
Uns hingestellt, ist ein Vampir
Nicht nur am Rand, sie wird getragen,
Daß den Gewinn auch wer verlier,
Nicht das Verdienst und der Charakter
Sind Rollenmeister in dem Stück,
Die Handlung fließt in höchst vertrackter
Verschleierung zu Gott zurück.

Drum wolln wir Wieland gern verehren,
Ob Goethe auch den Lorbeer trägt,
Und uns beim Himmel nicht beschweren,
Daß jede Sonne Schatten schlägt,
Nicht daß das Recht die Welt gestalte,
Und sie Vergangenheit zerdrück,
Ein Ansporn sei uns jedes Alte
Und Keim für neues größres Glück.

Vers 27000 bis 27047:

Herderkirche

Auf der Weimaraner Bühne
Ist Erato und Euterpe
Und der Mutter Mnemosyne
Goethen stets die Lorbeerschärpe,
Doch der Genius deutschen Blutes
Reicht die Eichel Herdern hin,
Weil das Tasten seines Mutes
Gab dem Volk den Eigensinn.

Goethe thront als ein Vollender
Auf Entwurf und Neuerwachen,
Herder ist ein Wartenwender
Und ein Kind des Wasserdrachen,
Ernster warn ihm Kant und Hutten,
Als das Weltenkind es mag,
Drum hat er in Dulderkutten
Auch verlebt den späten Tag.

Was da später aufgedröselt
Klassisch und romantisch tönte,
Ist bei ihm noch unzerbröselt,
Da den Schrecken er nicht schönte,
Er hat weiter vorgegriffen,
Als ihm Gott den Atem ließ,
Goethe hat indes geschliffen
Und gehegt sein Paradies.

So wie Zeus muß Hermes lassen
Manchen Streich, so sind die Kleider,
Drein wir Erdenkinder passen,
Eng, und mancher sagt hier: leider.
Aber wenn wir Goethen singen,
Sollt es nie nicht wie Wieland gehn
Herdern, der in vielen Dingen
Ging, wo Goethe konnt nur stehn.

Goethen wars, den Himmelszeichen
Und zerstörten Weltkonzepten
Unverbindlich auszuweichen,
Wen sie auch zum Henker schleppten,
Goethe blieb in seiner Stube,
Schien ihm abgeschmackt das Spiel,
Ans Gericht und an die Grube
Dacht er lieber nicht so viel.

Herder, der den Grimms es lehrte
Einzusammeln unsre Märchen,
Dachte dort, wos keiner ehrte,
Denn die Menschen lieben Lerchen,
Goethe findet nie den Richter
Wie der Fink des Ahornbaums,
Herder ist nicht nur ein Dichter,
Sondern Stifter eines Traums.

Vers 27048 bis 27089:

Schillerhaus

Als ich noch nicht zwanzig Lenze
Hatt gesehn und Schwalbenschwänze
Jagt in Sommers Abendröte,
Wollt man den Charakter testen
Und man gab die Frag zum besten,
Liebst du Schiller oder Goethe?

Goethe, sagt ich ohn Begreifen,
Daß sich so ein kleiner Streifen
Meines Wesens offenbare,
Doch inzwischen ist mir stimmig,
Daß die Frag nicht minder grimmig
Als die Länge meiner Haare.

Goethe sprach mir froh und farbig,
Schiller schien mir pockennarbig
Und Moral ein Fastenessen,
Wald und Heide, Liebeswunder,
Baches Kühle, Flammenzunder,
Lassen Ethik gern vergessen.

Später las ich von Hopliten,
Von der Kriegermönche Riten,
Fühlte mit dem Questenberge,
Und ich hab die Not erfahren,
Daß die Taten offenbaren,
Wer dir treu und wer der Scherge.

Schließlich, daß im deutschen Tage
Alle Zeit die Ernte trage,
Offenbarte Urverwandtes,
Und ich spürte mit der Reife,
Daß ich seit der Kindheit streife
Mit den Göttern Griechenlandes.

Heut sind mir die beiden Männer
Vorm Theater Mai und Jänner,
Erntedank und Ostermorgen,
Und ich werd, solang ich lebe,
Hoffend, daß der Herr es gebe,
Stets von allen beiden borgen.

Also sprach der Test im Klaren,
Was man ohne ihn erfahren,
Nämlich, daß ich grün und grimmig,
Und ich werds auch weiter bleiben,
Ohne Halbheit unbescheiden,
Und vielleicht am Ende stimmig.

Vers 27090 bis 27137:

Frauenplan

Was ein unversöhnter Mahr
Ließ als Bruch und Erlenau,
Brachte sich dem Lichte dar,
Der Kapell der lieben Frau,
Wo des deutschen Ordens Schwert
Losch das Graun aus Nacht und Wahn,
Sind die Musen eingekehrt,
Die vertraun dem Frauenplan.

Dies war Goethen erste Wahl,
Da er Helmershausens Bau,
Erst zur Hälfte, dann total,
Kor zum Sitz der Vogelschau,
Vorhaus, Park, Remis und Stall
Ließ dem bald erloschnen Clan,
Jener, dem der Sphärenhall
Heimisch ward am Frauenplan.

Zwischen Wirtschaft und Präsenz
Pulst des Brückenzimmers Band,
Orphisch Wort und Staats-Sentenz,
Liebesnacht und Tag-Verstand,
Eine Außentreppe weiß
Sich dem Gärtlein rasch zu nahn,
Rosenrot und Lilienweiß
Grüßen dich am Frauenplan.

Hier sind Erz und Schmetterling,
Karstfossil und Pergament
Eingebracht in Reim und Ring,
Wie es nur der Trunkne kennt,
Der im Wein den Raben schaut,
Doch im Rechte nur den Schwan,
Seinem frühsten Traume traut,
Der da reift am Frauenplan.

Heut weiß mancher ganz genau,
Was es hier zu finden gibt,
Aber wie sein Anzug grau,
Stumpft das Aug, das kaum geliebt,
Solchwer aus der Wärter Schar
Sah, da frühtags kräht der Hahn,
Daß beschlief ein Liebespaar
Goethes Bett am Frauenplan.

So kam nächtens Amor heim
Ohne Recht im Bürgerstand,
Darauf findet keinen Reim,
Wer erlaubt sein Liebchen fand,
Doch wem durch den Wolkendunst
Lenkte Psyche Floß und Kahn,
Der weiß sie als höchste Gunst
Auch im Haus am Frauenplan.

Vers 27138 bis 27185:

Sonnenblume

Für den Inka gottgesichtig,
Einaug ohne Seitensprung,
Alle Welt ist null und nichtig
Zwischen Früh und Dämmerung,
Nur Apoll in seinem Wagen
Schaust du, Clytia, liebestoll,
Und du weißt nur eins zu sagen,
Und dies ist dein Gott, Apoll.

Groß bist du, die Wimpern flammen,
Um das Aug, das irden braun,
Alles sagt, woher wir stammen,
Was uns atmen läßt und schaun,
Blatt und Knospe wandern täglich,
Doch der Fruchtstand weist nach Ost,
Ist das Anschaun auch unsäglich,
Bleibt dein Pol die Morgenpost.

Zur Bewegung ausgestattet,
Mahnst du mich an Hirsch und Hund,
Daß der Sonnenstrahl dich gattet,
Reifen Odem, Lippe, Mund,
Ist die Zahl der Preiser mächtig,
Knien der Schwestern viel im Feld,
Schwelgst du dennoch sonnandächtig,
So, als wärst nur du die Welt.

Eifersucht kannst du nicht fühlen,
Denn die Lieb läßt keinen Platz,
Wie dem Wind verfallne Mühlen
Fließt dein ganzer Leib im Schatz,
Ist die Nacht ins Land gedrungen,
Schwenkst du ins Gebet der Wacht
Nach den Morgendämmerungen,
Was im Goldnen Winkel lacht.

Die Spiralen deiner Kerne
Bergen Öl, das hold und heil,
Im Gesetz der Wandelsterne
Wird uns Schöpfers Lieb zuteil,
Warm sind deine Sonnenfarben,
Und du hältst die Erde rein,
Wenn da Blatt und Blüte starben,
Wird das Lob doch ewig sein.

So sind Engel wohl im Himmel,
Innigst zugetan dem Thron,
Unbeeindruckt vom Gewimmel
Wesen sie im Äther schon,
Diesem unbemeßnen Ruhme
Uns das Leben Muster fängt,
So auch du, die Sonnenblume,
Die mir Gottvertrauen schenkt.

Vers 27186 bis 27265:

Das Murmeln der Ilm

I

Murmeln, Wahrwort, Urgespür,
Flüstern, Ahndung, Rätselhall,
Dieser Born kann nichts dafür,
Wenn der Rabe meint Verfall.

Hier strömt alles ungelaugt,
Hier sind Schätze noch daheim,
Was dir diese Botschaft taugt,
Wird geformt im Herzensreim.

II

Murmelspieler warst du früh,
Als der Tod noch unbekannt,
Zwischen Taugold und Geblüh
Wuchs dein Reich im roten Sand.

Murmellaute barg das Haus,
Da das strenge Nein und Ja
Drückten noch nicht deutlich aus,
Daß was ist, nur einmal da.

Murmeln sind der Welten Kern,
Rollend ohne Unterlaß,
Schon der Knab stieg allzugern
Bergab rollend in das Faß.

Murmelt dir der Quell, so starrst
Du, daß dich die Seele floh,
In der Grotte, tief im Karst,
Warst du ihrer Selbheit froh.

Murmeln, nicht als Rauschen gelts,
Das dich schlägt und überschwemmt,
Murmeln ist kein Mantelpelz,
Sondern nur ein leichtes Hemd.

Nicht der Rausch, der gleißt und bannt,
Nicht des Minners Sporn und Faust,
Sondern eine offne Hand,
Drin du deine Flügel baust.

III

Was vom Quell behält der Bach,
Ist das Murmeln früh und spät,
Ob da Licht, ob Ungemach,
Dies Getön zu Träumen lädt.

Dies sind schwanke Melodien,
Zwischen Kaum und Nur-Vielleicht
Sich die Klangmotive ziehn,
Deren eins fürs Leben reicht.

Wer sie spürt, die Furcht verliert,
Vor dem Wandel, dem Verlust,
Denn der Fluß, der dies gebiert,
Hat noch immer Rat gewußt.

Mag ihn strenger Winter friern,
Singt er leiser und vermummt,
Doch es wird dir nicht passiern,
Daß sein frohes Lied verstummt.

IV

Was wir Landschaft, Heimat, Ort
Nennen, hat vom Wasser Form,
Was uns Erde, Ding und Wort,
Ist bestimmt von seiner Norm.

Die Substanz, die Salze sprengt,
Fäden spinnt und Ringe reiht,
Wird vom Sonnenstrahl gelenkt,
Der durch sie erfährt die Zeit.

Reif und Dunst sind Masken bloß,
Da in seinem inneren Drang
Nebel nicht noch Gletscher groß
Führn des Schöpfers Pfad entlang.

Denn die Welt ist stets ein Fluß,
Innen, außen, oben, tief,
Dessen Fracht und Überschuß
Murmelt aus dem Traum-Archiv.

V

An der Ilme bin ich gern
Bruder meinem Wanderstock,
Hier ist keine Einkehr fern
Oder feind dem grünen Rock.

An der Ilme bin ich oft
Fortgegangen durch das Land,
Drin sich deutscher Traum verstofft,
Willig an dem Murmel-Band.

An der Ilme bin ich längst
Reif und reich an Sämerein,
Wenn du an das Murmeln denkst,
Wird das Wort das rechte sein.

An der Ilme bin ich rein
Wie der Bach, der schattig spricht,
Und ich tret ins Murmeln ein,
Daß ich selber sei Gedicht.

Vers 27266 bis 27285:

Brücken-Refrain

An der Brücke stehst erneut,
Wo jüngst Goethes Wellenklang
Hat das bange Herz erfreut,
Dem der Nachtpfad wüst und lang.

Ein geringer Dichter meint,
Sieben Brücken sein zu gehn,
Meinem Wanderstecken scheint,
Der hätt eine nicht gesehn.

Das Geäder allen Lands
Ist der Ströme Fortgeschläng,
Fehlten uns die Brücken ganz,
Wär der Kreis des Waltens eng.

Was dem Mensch zu Ehr gereicht,
Sind die Brücken da und hie,
Vielorts man Gewinn erschleicht,
Solchen Zoll ich gern verzieh.

Wenn sich Holz zum Bogen spannt,
Übers Tal, drins sprudelnd fließt,
Reicht dir aus dem Grab die Hand,
Jener, der die Lücke schließt.

Vers 27286 bis 27301:

Hetschburg

Sanft, doch stetig steigt der Pfad
Für den Wandrer, der den Quell
Sucht und so entgegentrat
Stroms Verweiln und Stromes Schnell.

Zwischen Adel, Knotte, Röhm,
Wird das Flußtal fast zur Klamm,
Schattet noch ein kleiner Böhm,
Späht kein Bussard mehr das Lamm.

Solche Kühle frommt dir wohl,
Denn du gehst schon manche Stund,
In dem Ranzen Brot und Kohl
Geben dem Behagen Grund.

Hier in Hetschburg bleibst du nicht,
Wo allein die Mücken schrilln,
Und als Weiser und Gesicht
Taugt dir nur das Lied der Ilm.

Vers 27302 bis 27317:

Berka

Berka, das als Badestatt
Goethe zeigt im Gästebuch,
Einen Sandsteinbrunnen hat,
Der verschont von Neurer-Fluch.

Manche Scharte klafft im Sims,
Mancher Riß geht durchs Podest,
Sagt der Strahl vom Wasser: Nimms,
Hält dich nicht der Zeitlauf fest.

Moos wird hier wohl abgeschabt,
Rote Bäckchen zeigt der Stein:
Hast du dich am Trank gelabt,
Tritt schon bald die Wirkung ein.

Palmbaum, der im Wappen thront,
Brachte Frucht einst im Barock,
Und obgleich er kaum geschont,
Wirkt erfrischt dein Wanderstock.

Vers 27318 bis 27341:

München

Wohnst im kleinen oderm großen,
Wurd ich einmal nett gefragt,
Mit dem Namen, mit dem bloßen,
Ist dem Thüring nichts gesagt.

Zwar die Stadt der Wittelsbacher
Kennt ein jeder Flugpilot,
Aber Pelzhaus und Geschacher
Hier nicht Mann und Maus bedroht.

Klein die Glocken und die Türme,
Gassen eng und Gärtlein schmal,
Im Geschatt der Wipfelstürme
Schmiegt die Ilme sich ins Tal.

Weit mäandernd, Muschelresten
Freundlich in der Baum-Allee,
Sagt dir jeder von den Ästen,
Daß der Fluß die gute Fee.

Äsche, Schmerle, Barsch, Forelle
Sind bekannt im Ilmental,
Plötz und Gründling birgt das helle
Wasser und auch manchmal Aal.

Dies ist mehr als die Krawalle,
Die dem Zeitungsschreiber Brot,
Denn zum Gold gehört die Falle,
Und im Hochhaus wohnt der Tod.

Vers 27342 bis 27365:

Tannroda

Meines Oheims Auserwählte
Kam einst von Tannroda her,
Als ich sechzehn Sommer zählte,
Wußte ich kein bißchen mehr.

Was die muschelkalkne Platte
Zwischen Ilm und Saale trug,
Weder Ruf noch Presse hatte,
Daß man drob besonders frug.

Wenig galt das Mittelalter
Und ein Heiltum, früh geweiht.
Doch die Sage ist ein Falter,
Der durchgaukelt Raum und Zeit.

Auf dem Lindenberg war mächtig
Freya einst in Recht und Fug,
Daß man später noch den prächtig
Goldnen Schatz zur Nacht vergrub.

Bis der Müller alles raubte,
Einen Diener bracht man um,
Weil man nicht der Unschuld glaubte,
Bleibt das Gold für immer stumm.

Also nimmt es wenig wunder,
Gleicht der Ort zerrißnen Schuhn,
Jüngst war selbst das Stadtrecht Plunder,
Und gar Ortsteil heißt er nun.

Vers 27366 bis 27389:

Kranichfeld

Kraniche, die dieses Tal
Wählten stets in großer Zahl,
Warn zwei Frankenrittern stolz
Licht im dunklen Buchenholz.

Enzenburg und Schleußenwehr
Trutzten hoch und bürgten Ehr,
Niederburg und Oberschloß
Wachten über Feld und Troß.

Auch vom Sporn der Neuen Mahl
Pflag ein Turm des enge Tal,
Rüstig auch die Kirche stand,
Drum sich Wall und Zinne wand.

Slaven waren hier nicht fern,
Und sie raubten Maiden gern,
Doch beschützt vom Falkennest,
Blieb die Sprache deutsch und fest.

Auf der Niederburg triff heut,
Was des Falkners Schaulust beut:
Würger, Adler, Rot-Milan
Und was stößt im Falken-Clan.

Streift der Uhu fast dein Haupt,
Hast du gern der Kunst geglaubt,
Bis das Oberschloß dir viel
Noch verspricht im Ritterspiel.

Vers 27390 bis 27413:

Oberschloß

Das Geschnatter babylonisch
Und der Zweikampf Kunst und Schein,
Sind die Taler auch euronisch,
Mundet Schmand samt Honigwein.

Wie in manchen deutschen Landen,
Pflegt man Ritterspiel und Markt,
Wo sich erst nur Spinner fanden,
Ist die Branche rasch erstarkt.

Einst ein rottendes Gemäuer,
Nun ein Aktiv der Bilanz,
Mag nebst Minne nun die Steuer
Lanzenstechen, Feuertanz.

Gaukelei und Volksgewänder,
Was man totsprach und verstaubt,
Spielt verrückt am Burggeländer
Und hebt selbstbewußt das Haupt.

Ist das alles bloß Marotte
Oder Sehnsucht, tief und schwer?
Wollen sie zum alten Gotte
Und zu Adel, Treu und Ehr?

Vorschnell sagt man allzugerne,
Daß dies Mode ohne Ernst,
Doch die Wunde der Moderne
Auch du Oberschloß besternst.

Vers 27414 bis 27453:

Feuertanz

Feuerschlucker, Feuerspeier,
Peitsche, Kette, Stab und Seil,
Tanz der Gluten, Sternenschleier,
Goldner Ring und Flammenpfeil,
Bann der reinen Ur-Berückung,
Rausch und Wärme, Herd und Blitz:
Eine innigste Beglückung
Nimmt den Lauscher in Besitz.

Aus der Dunkelheit die Flamme,
Die sich dreht und jählings springt,
Weitend sich zum Drachenkamme,
Schlange, die sich selbst verschlingt,
Jäh verlöschend, jäh erwachend,
Lohe dann total im Raum,
Murmelnd, rauschend, wetterkrachend,
Schaust als Kind den Weltentraum.

Wie der Phoenix aus der Asche
Steigt das Licht aus Nachtgeschatt,
Daß das Aug den Flug erhasche,
Siehst du atemlos dich satt,
Doch der Tänzer, der die Leuchte
Sorgsam stimmt und kraftvoll bannt,
Hat den Träumer, den er scheuchte,
Väterlich in sichrer Hand.

Höllisch brennt das Unbedingte,
Aber dem gemeßnen Schritt
Überm Unheil, das dir winkte,
Nie die Macht des Reims entglitt,
Eingefaßt in die Sonate
Ist der Brand der Spieler nicht,
Weil der taumelnd wilde Pate
Unbeweglich im Gesicht.

Dies ist dir ein sichers Zeichen,
Daß der Geist dem Element
Herr und Spieler, seinesgleichen
Rufend, wenn das Öl verbrennt.
Wo sich so beweist der Kühne,
Schließt Musik den Tages-Ring,
Was der Gaukler schafft der Bühne,
Tut dir Gott im Schmetterling.

Vers 27454 bis 27465:

Dichterprofil

Der Dichter soll der Welt verraten,
Was seine Schul, wer seine Paten
Und warum er um Längen reifer
Als der Kollegen Übereifer.

Als Schüler noch bedrückt die Glocke,
Da sprach man von der Schillerlocke,
Heut fragt der rundum Zeitgemäße,
Ob er denn eine Yacht besäße.

Dies ist gewißlich zu verneinen,
Die Schleimer mögen drüber weinen,
Doch gilt für Sachsen wie für Sorben:
Die Dichter sind nicht ausgestorben.

Vers 27466 bis 27521:

Musikanten

I

Sie kommen auf dem Wagen mit der Plane,
Und eh sie stehn, bezeugt sie die Schalmei,
Für Flöte, Baß, Fagott und Mandolei,
Macht selbst der vollgefreßne Spießer Bahne.

Die Geige schwingt sich aus dem Trubel frei
Und thront wie Lerchen auf der Wetterfahne,
Wenn Mädchen tanzen, wird die Balz dem Hahne
Oft schwer, denn leider bleibt es dann dabei.

Der Dudelsack birgt Schmelz von einem Schwane,
Und das Akkordeon mag die Schunkelei,
Bis du zerfließt im sphärischen Soprane.

Du weißt nicht, ob das Spiel das Burgfest weih,
Und ob die Klarinette Monomane
Wie dich zuletzt des Spielverderbens zeih.

II

Die Musikanten haben zu berichten
Von Not und Neid und auch zum Preis der Frauen,
Sie lassen uns in einen Weltkreis schauen,
Da sprudelte die Quelle der Geschichten.

Im Nordwind steht der Bauer da, im rauhen,
Er bringt, da sich die Wolken rasch verdichten
Die Herde heim, schon wiegen sich die Fichten,
Und erster Regen nieselt in den Auen.

Hier spricht das Leben klar in seinen Pflichten,
Jedoch die Mönche wissen Bier zu brauen --
Und welcher Landmann mag darauf verzichten?

Wir dürfen tief in eine Seele schauen,
Und so uns selbst und unser Tun gewichten,
Und selbst der Stumpfste hört jetzt auf zu kauen.

III

Die Musikanten rufen uns zur Linde,
Dies haben sie seit tausend Jahrn getan,
Da schmerzt das Bein nicht mehr, und auch Zahn
Gibt Ruh wie auch die Herrschaft dem Gesinde.

Das ist der Frühling, der den Speiseplan
Uns schmückt wie wir die weiße Birkenrinde,
Daß man Girlanden um den Maibaum winde,
Brauchts Klettrer aber keinen Eisenkran.

Wer wohl sein Lieb beim Lindentanze finde?
Ob er sich trau, dem Herzensglück zu nahn?
Noch wartet das Geschmeid im Bodenspinde.

Schon rollt ein Faß und sucht sich seine Bahn,
Denn wohlfeil gibt sich heut dem Christenkinde
Der Abschied von des Winters Wucht und Wahn.

IV

Die Musikanten spielen auf der Heide
Mit Instrumenten und mit hellen Worten,
Verschloß der Winter lang die Lebenspforten,
So trägst du heut das rote Kleid von Seide.

Und säh ich nur von den gestickten Borten
Ein Stück, fänd ich doch jeden Mann im Neide,
Denn in der Lieb sind Melodien wir beide,
Und scheidbar nicht wie Korn und Apfelsorten.

Darf ich vertraun, was ich für Schmerzen leide,
Stehst du am Busch, am winterlich verdorrten,
Der mir den Blick durchstreicht wie graue Kreide?

Dies ist kein Singsang aus dahergeschnorrten
Gefühlen zwischen Traudich und Vermeide:
Es ist das Lied, das wir im Herzen horten.

Vers 27522 bis 27561:

Stedten

An dem Hang zum Reinhardsberge,
Wo sich Fuchs und Has gut Nacht
Sagen, fänd dich nie ein Scherge,
Hier wird kaum ein Hof bewacht,
Hier hol besser vor die Pfeife,
Denn der Weg nach Zigaretten
Ist in dieser Ilmenschleife
Weit wie jeder Weg von Stedten.

Hier ist, heißts, der Hund begraben,
Wer davonging, kehrte nie,
Hier gilts, keinen Wunsch zu haben,
Milchgeschäft und Drogerie
Gibts nicht mehr mit Wachs und Dochten,
Selbst mußt du die Wäsche plätten,
Einstens hat man Korb geflochten,
Doch das weiß man nur in Stedten.

Pendeln ist das Los von allen,
Die der Kindergarten ließ,
Sind die Pendler eingefallen,
Steht ein stilles Paradies,
Kein Gewerbe wagt zu hämmern,
Daß sie was zu melden hätten,
Und es muß dem Dümmsten dämmern,
Daß gestorben lang schon Stedten.

Aus die Kirche, die nach Luther
Ihrem Eckard ließ das Sankt,
Ging der Sohn wie einst die Mutter,
Keiner bittet, keiner dankt,
Aus dem Stall ward die Garage
Und von dort gehts nach den Betten,
Nimmer müht sich um Staffage,
Wer geblieben ist in Stedten.

Jüngst hat man ein Stückchen weiter
Viel gebaut, doch kam daher
Nur die Mehrzahl stummer Reiter
Und des Zuwegs Mehrverkehr,
Wer da vollmunds gibt zum besten,
Aufbau Ost, ich würde wetten,
Wohnt vermutlich weit im Westen
Und zumindest nicht in Stedten.

Vers 27562 bis 27585:

Barchfeld

Was dem Schweine die Germanen
Dankten, läßt manch Ortsschild ahnen,
Hier ward Barg der Namensgeber,
Was da heißt: verschnittner Eber.

Frühster Zeit erhaltner Zeuge
Ist des Kranichs Rast und Beuge,
Aber wie geschnitztes Zeichen,
Mußte auch der Vogel weichen.

Nah der Kirche steht ein Brunnen,
So wie einst zur Zeit der Hunnen,
Ist man auf den Sprudel lustig,
Weil das Leitungswasser krustig.

Nach der Zeit der grauen Stelzer,
Brachte Brot der Gerstenmälzer,
So ward Brachfelds Eberhauer
Weithin gut für manchen Brauer.

Leider ist auch dies verrottet,
Und wo die Ruine spottet,
Nur der Holzwurm fröhlich ziefert,
Da das Bier von weit geliefert.

Kranich, Gerste, Malz und Schweine,
Alle Freiheit, die ich meine,
Wartet, daß die Nacht sich lichte
Und den Schreckensmahr vernichte.

Vers 27586 bis 27605:

Oberfeldhöhle

Sagst du dem Kalmberg Lebewohl
Daß Tännich links die Stellung hält,
Nennt Gebser seine Karste hohl
Und führt dich in die Unterwelt.

Bei Dienstedt wars der Ur-Ilm Kraft,
Daß unter Schenkenhopfen tief
Die weitverzweigte Hohle klafft,
Drin wohl des Steinzeitmanns Archiv.

Ein Saurier-Kieferknochen wahrt
Versteint die Form bei Napf und Pfriem
Der Jäger, die auf ihre Art
Erforschten, was da taug und ziem.

Sie haben einstens Lehm gebrannt,
Und Nadeln zeugen für den Mut,
Darin so manches Werk entstand,
Das ihrem Tag und Abend gut.

Heut residiert die Fledermaus
In Schrunden, die du weiß bestrahlst,
Du tummelst dich im Albenhaus,
Wenn du dem Führer Groschen zahlst.

Vers 27606 bis 27677:

Senfmüllers Lied

Klappert überm Bach klipp-klapp,
Wanderer, das Mühlenlied,
Macht der Fahrtengeist nicht schlapp,
Dem der Kranich freund im Ried,
Ist das Lied im Ilmland hell,
Walzt man Senfkorn weich zu Schrot,
Daß im Most die Maische quell
In der Mühle Morgenroth.

Mittelalter-Fundament
Trägt das Werk der Lutherzeit,
Seit die Welt von Händel kennt
Aetius’ Sieg im Hunnenstreit,
Sind da Fachwerk, Recht und Grund,
Was da freundet, was da froht,
Erb und eigentlich im Bund
Mit Familie Morgenroth.

Mancher Sohn ging Vater Pfad,
Stall und Scheuer wuchsen rasch,
Wo der Freie schritt zur Tat,
Ward die Hand nicht welk und lasch,
Der als Sichter Mehl, Dunst, Grieß
Trennt, wies ihm der Walzstuhl bot,
Vier Geschosse wachsen ließ
In der Mühle Morgenroth.

Da der Ilme Flut nicht reicht,
Kam zuhilf ein Lokmobil,
Das im Weltkrieg Diesel weicht,
Bis im Neu-Zusammenspiel
Sorgte die Turbine Kraft,
Die dem Hilfsmotor kommod,
Daß die Mühle weiterschafft
Mit Familie Morgenroth.

Was in Zeiten, gut und schlecht,
Wuchs bis zum Verladetrakt,
Hielt den Stil und gab ihm recht,
Und erhielt, was abgewrackt,
Als von West der Spekulant
Kam als Herr, war plötzlich tot,
Was man je im Fleiß gekannt
In der Mühle Morgenroth.

An der Weser, Mosel, Lahn
Sahn Herr Friedrich und die Frau
Überall denselben Wahn:
Mühlenschrott in jeder Au,
Statt der Kette letztes Glied
Wählte trotzend Schmäh und Not,
Unbeirrt das Mühlenlied
Die Familie Morgenroth.

Senf, der sanfte Walzen braucht,
Soll er den Gourmet erfreun,
Denn das Fein-Arom verhaucht,
Wenn die Räder heftig dräun,

War schon früher hier gediehn,
Und nun neuem Anfang Brot,
Das Rezept die Akten liehn
In der Mühle Morgenroth.

Auf der Messe in Turin
War der Senf Genießern fein,
Wo Italiens Sonne schien,
Ging so mancher Auftrag ein,
Wohlstand zeigte grünen Keim,
Doch Ilm riß Wehr und Schlot,
Und die Wasser suchten heim
Die Familie Morgenroth.

Doch wer nie dem Schicksal front,
Baut auch Stau mit Brückenwehr,
Wird mit Himmelskraft belohnt,
Stellt noch stets die Ordnung her,
Also werkt im Weh und Ach
Dieses Lands, als wärs im Lot,
Stetig und dabei gemach
Hell die Mühle Morgenroth.

Vers 27678 bis 27697:

Ilmenit

Ob ich dein Geheimnis lüft,
Schlägst du eisern den Titan,
Magma, Quarz und Mondgeklüft
Haben teil am frühen Wahn.

Härte bannst du, selber hart,
Die vielleicht für Weichstes steht,
Ins Gebirge bist verscharrt,
Drüber Wind und Welle geht.

Goethe suchte Erz und Stein
Bei der Ilme Murmelsang,
Soll dein Reim gefunden sein,
Oder fand man ihn schon lang?

Mit Magnetit und Rutil
Lagerst dich in Seife ab,
Unverwittert lugst im Spiel
Aus des Flusses Sand-Geschrapp.

Und kein anderes Gehäus
Soll dir streiten Wellenschaum,
Die Titanen bannte Zeus
Uns für immer in den Traum.

Vers 27698 bis 27737:

Erdbienen

In Stadtilm ist es steinern kalt,
Drum steigst du in den Höhenwald,
Wo Pilze stehn im Laubicht-Rest,
Findst du gewiß ein warmes Nest.

Im Dunkel drückt dich nicht die Frag,
Ob anderswer auch Wärme mag,
Von Wege schweifst, hier ist es lau,
Und längst ward schwarz das Abendgrau.

Ein Fallen müd nach Müh und Schweiß,
Doch da, vielhundert Nadeln heiß,
Zerstechen dich mit Schmerz und Schreck,
Daß du mißachtest dein Gepäck.

Zurück zur Lichtung atemlos
Und rasch vom Leibe Hemd und Hos,
Sogar in deinen Strümpfen steckt
Gewaltbereit ein Stich-Insekt.

Nun bist du nackt, der Schlafsack liegt
Im Dunkel, drein dich keiner kriegt,
Der Stich am Fingernagelrand
Hat noch die ganze Nacht gebrannt.

Sonst ging es glimpflich, Muskeln, Fett,
Wenn Weiches dies getroffen hätt,
So hättst du lauter wohl geklagt,
Und minder Sorge, daß es tagt.

So fehlen Matte nur und Sack,
Zwar sind der Kratzer viel am Lack,
Doch kriegst vom Freund die halbe Deck,
Drückst du gewiß den Nachtmahrn weg.

Erdbienen warns, ein kleines Loch,
Dies wundert dich am Morgen noch,
Denn selbst am Tag hättst nicht geschaut,
Wer unter dir sein Lager baut.

Gar viele Leichen findst du früh,
Es war ein Tag mit reichlich Müh,
Jedoch das Ärgste findst zuletzt,
Wenn du dich ins Vertrauen setzt.

Doch schimpf nicht auf das Mißgeschick,
Vielleicht schärft sich ja drob der Blick,
Daß Blust, den dieses Volk bestäubt,
Mit Rot und Gelb das Weh betäubt.

Vers 27738 bis 27777:

Ilmtalbrücke

Am Ufer Langewiesen-hin
Ist flach das Tal und leis der Bach,
Du hast kein lautes Zeug im Sinn,
Und Poltrer sind nicht deine Sach,
Daß aus der Flasche floh der Dshinn,
Verkündet bald ein greller Krach,
Und eh er endlich wieder drin,
Wird ärgrer nur das Ungemach.

Die Bahn fuhr einst die Ilm entlang
Mit dunkler Hupe, hellem Pfiff,
Sie mischte sich dem Murmelsang,
Bis ein Dämon die Macht ergriff.
Sie meidet nicht mehr Ried und Hang,
Sie spannt sich wie das Sonnenschiff
Die Trasse, die den Genius bang
Verzagen läßt am Muschelriff.

Gigantisch spannt sich das Gestell,
Metallne Kraken wühln im Staub,
Die Teiche rings vertrocknen schnell
Die Sonne nährt nicht Halm und Laub,
Du trottest stumm wie der Gesell
Und wähnst, daß dir es keiner glaub,
Hier schindet weit das Auland-Fell
Der unverfrornste Heimatraub.

Seit Vorbild ward der Flugverkehr,
Sind Radien weit und gnadenlos,
Wer ohne Rücksicht kommt daher,
Dem ist die Welt ein Reißbrett bloß,
Daß ihn das Fröschequake scher,
Sind die Profite viel zu groß,
Und wer da reist, der fühlt nichts mehr
Vom Bluterguß im Tannland-Schoß.

Drum mach nicht mit beim bösen Wahn,
Der ärger als der Vogel Rock
Das Land zerhackt, der Deutschen Bahn
Zieh immer vor den Wanderstock,
Auch wer da front im gelben Kran,
Wird hungern nach dem Börsenschock,
Dann zieht dem Bahnvorstand den Zahn
Das Aus für alles Abgezock.

Vers 27778 bis 27817:

Langewiesen

Von der Schobse bis zur Schorte,
Lohme, Oehre, Rittersbach,
Eh du fandst des Auwald Pforte,
Zeigt die Lengwitzmaid ihr Fach,
Langgestreckte Höfe-Zeile,
Herrenteiche, Hundsgebell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Über Sandstein purzeln Schübe,
Die der Sprudel pulst und spuckt,
Sonnenstreifen, Wolkentrübe,
Wetterleuchten manchmal zuckt,
Doch der Donner hat nicht Eile,
Und im West ists goldig hell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Weit ists nicht mehr in die Berge,
Die das Bächlein froh vertont,
Daß du fast die Silberzwerge
Hörst und was im Buchwald wohnt,
Dieser Tag sah manche Meile,
Gott und Teufel warn zur Stell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Wer der Ilme tritt entgegen,
Daß das Murmeln ihn erfreu,
Mag sich in die Träume legen
Ohne Stroh und ohne Spreu,
Auf den sanften folgt der steile
Pfad zu Oberlauf und Quell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Daß Gefahr verbirgt der Dämmer,
Sagt der Elster weißer Fleck,
Kochgeschirr und Schmiedenhämmer
Reden drein mit Ziel und Zweck,
Grad noch einen Zoll im Heile
Fröhlich wie der Knabe Tell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Vers 27818 bis 27833:

Perlgras

Überm Raine auf der Halde
Neigt sich Perlgras still zum Gruß.
Nicht nur tief im deutschen Walde
Flügelt Gott dir Aug und Fuß.

Halbbeschattet, mäßig feuchte
Böden liebend, hell und warm,
Flügel-Blatt mit Purpurleuchte,
Trägts die Traube fest im Arm.

Seine Ährchen, klein und glänzend,
Gleichen umgekehrtem Ei,
Haar auf Spreiten sagt ergänzend,
Daß der Schöpfer gern dabei.

Und der Drache mit der Perle
Wird ins Chaos heimgeschickt,
Wenn im Blattgerott der Erle
Taubeglänzt das Perlgras nickt.

Vers 27834 bis 27866:

Ilmenau

I

Am Ilmenbach gar eng am Waldeshange,
Da kräuselt froh der Rauch vom roten Dach,
Man werkt und müht sich früh und abends lange
Am Ilmenbach.

Der Müßiggang ist nicht des Volkes Sach,
Und bleibt der Kupferberg uns bei der Stange,
Mach Gott, daß uns der Kindersegen lach.

Den rechten Weg erspürt im dunklen Drange
Der Forscher wohl und meidet Neid und Rach,
Und dieses Wunder hallt im Lobgesange
Am Ilmenbach.

II

Hier fängt man Ruß und Pech wird hier gesotten,
Das Porzellan trägt Brot mit Pflaumenmus,
Und jeder weiß, mag er auch traumhaft trotten:
Hier fängt man Ruß.

Das Eisen schmilzt, zum Braunstein gehts zu Fuß,
Die Mäntel schützt das Zirbenöl vor Motten,
Und Glückauf ist der meistgesprochne Gruß.

Und wo man gräbt und spürt nach Kupfergrotten,
Dort sind die Berge reich an Ichs und Dus,
Denn mag die Großstadt auch das Land verspotten:
Hier fängt man Ruß.

III

In Ilmenau lebt man auf seine Weise,
Und was gemäß, das weiß bei erster Schau,
Wer hier geborn, sinnt nicht auf neue Gleise
In Ilmenau.

Der Handschlag meint, daß man auf Gott vertrau,
Und gehst zum Kickelhahn durch eine Schneise,
So meint dies auch der Fuchs in seinem Bau.

Wie die Planeten im gemeßnen Kreise,
So kreist der Mensch auch hier als Mann und Frau,
Dies murmelt dir die Ilm unendlich leise
In Ilmenau.

Vers 27867 bis 27914:

Kickelhahn

Auf dem Hausberg Ilmenaus
Darfst auf schmuckem Turme stehn,
Streck den Arm zum Himmel aus,
Denn du wirst den Brocken sehn,
Hier bist du am Puls des Tanns,
Und im Herzen unserm Reich,
Und auch deines heil und ganz
Fühlt sich Wandrers Nachtlied gleich.

Nur der Himmel winkt dir zu,
Der da Freud und Schmerzen stillt,
Hier ist ganz und innig Ruh
Und die Welt dein Ebenbild,
Hier spricht Frieden im Gewieg
Hoher Fichten, raunend leis,
Wer in diese Eintracht stieg,
Ist gebettet wolkenweiß.

Schreib mit Bleistift auf das Holz,
Daß du froh bist und gefeit,
Nicht der Prunk im falschen Stolz
Hat vertrieben Weh und Leid,
Nur der Frühwind überm Kamm
Ist solch leichter Luftgesell,
Wie die Krone traut dem Stamm,
Blaut dein Auge weit und hell.

Soll die Fahrt zuende gehn,
Da das Glück sich nicht mehr mehrt?
In das Künftige zu sehen,
Ist dem Menschenkind verwehrt,
Aber was auch sei und komm,
Trag der Stunde Diamant,
Heimatlieb und herzensfromm
Durch das ahndungsreiche Land.

Der hier früher sprach und sann,
Hat das Schweigen zart gereimt,
Vieles ward verschüttet dann,
Doch solangs im Erdreich keimt,
Kommt der Pilze nächster Schub
Unverhofft und über Nacht,
Was der Schöpfer uns vergrub,
Wahrt das Siegel seiner Macht.

Also heb den Schatz erneut
Aus der Ilme Murmelsang,
Was den Liebenden erfreut,
Wissen Baum und Fels schon lang,
Nichts als Lob sei da gesagt,
Nichts als Dank empfunden tief,
Denn die Welt ward groß gewagt,
Als dein Stern im Himmel schlief.

Vers 27915 bis 27930:

Jagdhaus Gabelbach

Schlichtes Haus im Spätbarock,
Stein, von Versen blankgeputzt,
Hier fehlt noch dein Wanderstock,
Doch der wird ja noch genutzt.

Manches Stück, das sehenswert,
Aus des Hofrats Sammlerlust,
Ward von Späteren geehrt
Und hat hier hinzu gemußt.

Denk vom Rummel nicht gering
Um das einstge Hausgerät,
Was ich dieser Stunde sing,
Soll noch echon, wenn es spät.

Gott schuf nicht den Adler nur,
Auch die Ameis lobt den Herrn,
Und am Ende dieser Tour
Bleibe schweigsam wie ein Stern.

Vers 27931 bis 27948:

Im Gundelachschen Haus

Bei Gundelach in Stützerbach
Fand guter Geist ein festes Dach.

Wo einstens Glas verhüttet ward,
Das Weinglas Freud und Freunde schart.

Und Goethe, dem der Gradsinn paßt,
War dutzend Male hier zu Gast.

Hier kehr auf seinen Spuren ein,
Notfalls mit mitgebrachtem Wein.

Der Rennsteig durch die Fichten lugt,
So wird auch diese Fahrt verfugt.

Auf fünfen waren Lied und Reim
Im offnen Land dir Horst und Heim.

Und wenn dich Klingsor auch nicht fand,
Durchdrangst du doch der Zeiten Wand.

Nicht mehr ist alles so wie einst,
Jedoch der Traum weiß, wie dus meinst.

Drum bitt zu Gott für diese Zeit,
Daß er erhalt die Heiterkeit.

Vers 27949 bis 27988:

Schmücke

Von der Allzunahen Hütte
Wasser kommt im Lengwitzbache,
Taubach füllt die Ilmenbütte
Heimlich unterm Kohlendache
Finsterberges, leicht zu suchen
Dem, der flausenfroh und flügge,
Doch der Freibach quillt an Buchen
Vor der Rennsteigschenke Schmücke.

Allen dreien nachzulaufen,
Wagt kein Wandrer, der alleine,
Denn zu teilen sind nur Haufen,
Die nicht wohl dem stillen Haine.
Also end die Ilmenpfade,
Schließ zum dritten Buch die Lücke,
Daß zur Aussicht dich begnade
Hoch die Wetterwarte Schmücke.

Hart den Gipfel zu erklimmen,
Wird verlacht beim Biergelage,
Denn die Richtung sollte stimmen,
Und ein Rad die Bürde trage.
Aber wer da abseits streifte,
Daß er blaue Blume pflücke,
Schreibt ins Buch das so Gereifte
An der Wegekreuzung Schmücke.

Zwar das Auge hat zu narren,
Wer bei Joel sucht Behagen,
Parasitisch kreischen Karren,
Dies nicht gab in beßren Tagen,
Doch wem Innenbilder lachen,
Der vergißts in seinem Glücke,
Darf die Müdigkeit bedachen
Unter Buchen nahe Schmücke.

Ehrenpreis und Bärwurz findet,
Wer nicht spottet seinem Fuße,
Wenn Maschinentakt nicht blindet,
Schmückt Johanniskraut die Muße.
Hör die Morgensonne sprechen:
Mach vor Tag hier noch die Mücke,
Gib dich hin den vielen Bächen,
Denn bergab gehts nur von Schmücke.

Vers 27989 bis 28008:

Die Spende der Blüher

Jedes Buch muß einmal enden,
Jedes Fest versinkt im Schlaf,
Aber was die Blüher spenden,
Faßt kein Himmels-Architrav.

Wer da anhebt zu besingen
Malve, Ginster, Iris, Phlox,
Legt zuletzt die Schwanenschwingen
Ins Gedörn des Rosenstocks.

Hier kann Sprache nur verzagen,
Im Gefächel und Gerank
Bleibt das Gold aus Gartentagen
Tiefrer Weisheit frei und frank.

Dennoch darfst du ihnen dienen,
Die da geizig nicht und spröd,
Ins Gesumm der Honigbienen
Misch dein Dur- und Mollgeflöt.

Wandre weiter durch die Auen
Und schau Türkenbunds Turban,
Denn dem Leben eignet schauen,
Und das übrige ist Wahn.

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