Wo die Nordseewellen trecken an de Strand,
Wo de geelen Blöme bleuhn int gröne Land,
Wor de Möwen schrieen gell in Stormgebrus,
Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus.
– Friesenlied
Vers 28009 bis 28056:
Kreislauf, Reif und Zirkelschluß,
Was da wird und was sich neigt,
Was sich erst beweisen muß,
In den Ring des Lebens steigt,
Ganzheit, die aus einem Guß,
Nichts entfaltet und verzweigt,
Wie ein Moor im Himmelsfluß
Aller Reiche Reim verschweigt.
Elternlosen Steins Symbol,
Midgardring im Weltensee,
In des Reifens Atem-Hohl
Suchen Freude wir und Weh,
Eins von Luna-Nacht und Sol,
Hexenkranz und Weisheitsfee,
Kamst als Formel von Benzol
In den Traum von Kekulé.
Reines Rund und Widerwort,
Das uns Tun und Leiden trennt,
Ohne Zeit und ohne Ort
Ist der Anfang wie als End,
Gleichsam her und gleichsam fort
Deine Fackel löscht und brennt,
Süd-Geglüh und Eises Nord,
Luzifer und Deszendent.
Wer dir redet, stammelt bloß,
Denn dein Sagen meint total,
Ob wir Zwerge oder groß,
Ist gelöscht und ist egal,
Was die Lilie raunt der Ros,
Birgt nicht länger Lust und Qual,
Und es gibt kein Flügler-Los,
Das sich aus dem Mahlstrom stahl.
Aber eh sich selbst verschlingt
Das Reptil, der Augenstern
Leuchtet, wie im Reime singt
Die Gedächtnissilbe gern,
Was der Flackerstahl vollbringt,
Sei gesagt dem Himmelsherrn,
Und den Schleifen, die er dingt,
Sei er niemals fremd und fern.
Mag ein Hauch von Goldgeglüh
In dem Banne, starr und steif,
Alles sein, was spät und früh
Trennt im unbedingten Reif,
Dennoch, daß sie schäumend sprüh,
Ich die Woge letz und streif,
Und ich scheu nicht Mut noch Müh,
Daß das Herz ein Gran ergreif.
Vers 28057 bis 28080:
Laut, phönizisch, Hals und Haupt,
Büste, die den Sinn verlor,
Ohne Wert und leicht verstaubt
Stellen dich die Sprachen vor.
Westromanisch E und I
Noch verbindend echtem K,
Als Schikane und Manie
Stehst du deutschen Schülern da.
Doch im Qoppa hebt der Quell,
Der das Alphabet erfand,
Zwischen Punt und Rom zur Stell,
Seine abgewetzte Hand.
Was da flackert und verlischt,
Ruft den Rittersmann zur Quest,
Wenn er auf den Quercus drischt,
Feiert jeder Blitz ein Fest.
Du, Quisqualis, Wechselbalg,
Bist für manches Rätsel gut,
Auf der hellen Mauer Kalk,
Queckt Mercurius mondbeschuht.
Quark ist manchen Quoddel-Quast,
Doch die Franken in Quebec,
Sehn sich als Zerquetschte fast
Und sie wollen nichts als weg.
Vers 28081 bis 28112:
Helm und Kamm und Hörner sind den Arten
Deines Clans gemein und urverwandt,
Säumig schaut man dich auf deinen Fahrten,
Selbst wenn dich die Götter ausgesandt.
Was zur Balz dich schmückt, vermag zu tarnen
Farblich Blatt und Holz verfahlst du starr,
Ruckhaft wie die Winde spieln mit Farnen,
Täuschst du jedes Los, das deiner harr.
Sollte doch Feind dich leiblich rühren,
Fällst du leblos, aber immer weich,
Da dich Lungen wie ein Kissen schnüren,
Und den Rücken zeigst du Gegnern gleich.
Dort bezackt dich mancher harte Splitter,
Der dir Mark und Eingeweide krönt,
Rasch entmutigt solcher Schild den Ritter,
Dem schon längst ein andres Opfer tönt.
Selbst am Rande aller Sichtbarkeiten,
Ist dein Blick doch scharf und weit im Raum,
Dein Verweilen trotzte manchen Zeiten
Und du scheinst ein früher Göttertraum.
Wolltest du Unsterblichkeit uns künden,
Wie man uns in Magadaskar sagt,
Und es steht umstellt von Todesschlünden,
Wer zu warten auf dein Wort nicht wagt?
Dies mag sein, und daß dich drob verlästern
Menschen nun als feig und unbeflaggt?
Doch was kümmert dich, so reich an Gestern,
Was die Hast kurzatmig läßt und packt?
Von den Göttern bist du hergezogen,
Und dein Botenwort wird erst erschalln,
Wenn der Zorn sich legt und Unmuts Wogen
Glatt sind und du rot dich zeigst bei alln.
Vers 28113 bis 28136:
Für Uwe Haubenreißer
Als Standarten sanken und die Sterne
Unserm Volk, in seinen Liedern leise,
Kickten zwischen Trümmern Vaterferne,
Daß im Spiel sich ihre Kraft beweise.
Einer ward zum Stolz der deutschen Mütter,
Der mit siebzehn schon zum Länderspiele
Mühte Fuß und Kopf, auf daß er fütter
Fremde Tore und besiege viele.
Deutsch war seine Brust und seine Ehre,
Heimat gab er nicht für die Millionen,
Bodenständig blieb er im Verkehre
Mit den Großen, die im Brockhaus wohnen.
Solches wünscht manch Mutter ihrem Sohne,
Und wie schon mit Wünschen die Germanen
Namten Mündel, daß der Mann es lohne,
Ward der Uwe manchem Knab zum Ahnen.
Also stehn um die Jahrtausendwende
Gleich drei deutsche Dichter so gerufen,
Und ihr Wandel weiß noch nicht das Ende
Deß, was sie dem Volk und Gott erschufen.
Einer dieser drei neigt sich den andern,
Dankt, daß sie ihm Mut und Beistand boten,
Und er wird mit ihnen weiterwandern,
Wenn die deutschen Banner längst verlohten.
Vers 28137 bis 28176:
Wo tätschelnd und moosig
Das Heim nach dir langt,
Hat gelblich und rosig
Das Geißblatt gerankt,
Und schaust du im Fieber
Den Ausgang der Nacht,
Je länger je lieber
Am Torpfeiler wacht.
Die Heide, die Lichtung,
Die halbschattig würzt,
Erschnuppre als Richtung,
Die Heimkehr verkürzt,
Dem Fürsprech der Biber
Als Wurzelsud blaut
Je länger je lieber
Die künstliche Haut.
Wie Schwärmer, die Hummeln
Stark ähneln, such Rat
Bei Winden, die schmummeln
Im Geiß-Habitat,
Als Pollen-Zerstieber
Führ Duft-Nektar mit,
Je länger je lieber
Als Alkaloid.
Die erste Berührung
War seligste Bö,
Doch zog dich die Führung
In schwindelnde Höh,
Im Kartenspiel Schieber,
Im Würfelspiel Turm,
Je länger je lieber
Gewinnt dich im Sturm.
Um Sträucher und Pfeiler
Erkühnt sich der Mut,
Der Leber ein Heiler,
Dem Lungenraum gut,
Das Goldkorn dem Sieber,
Ein Engel dem Bärn,
Je länger je lieber
Kann alles gewährn.
Vers 28177 bis 28216:
Grönes Land, von Glockenheide
Violett getupft, gesäumt,
Asenthing und Eismeerscheide,
Drin das Lied von Thule träumt,
Glasschmalz ziert die deutschen Köge,
Hafer deckt den gelben Deich,
Daß wer jung ins Marschland zöge,
Gilt uns als das wahre Reich.
Was vom Meer uns ward zum Groden,
Schafft dem Freien Land und Recht,
Nicht als Zweig der Fürstenmoden,
Wächst ein froheres Geschlecht,
In der Gottesgift der Polder,
Die vererbt kein Pergament,
Sei dir keine Mühe holder
Als das Werk, das dich erkennt.
Mann, der Weib und Kind ernähren,
Darf auf selbstgeschaffnem Grund,
Hart wie das Gestein der Schären,
Sei sein Arm und karg der Mund,
Wem die Midgartschlange bange
Macht, doch nie des Drosten Ruf,
Trotzt dem Groll der Windsbraut lange
Wie die Heimat, die er schuf.
Enger an die Elemente
Rücken wir, in Wettern fest,
Was die Sturmflut Vätern trennte,
Trägt schon bald ein jüngres Nest,
Gott hat Sturm und Wolkenbänder,
Alles Zeiten sind ihm eins,
Doch mit Deichen als Geländer,
Wird das Auland grün und meins.
Da bleibt keine Zeit zu fragen,
Ob es lohne da zu sein,
Denn die Spur von meinen Tagen,
Schließt des Meers Geheimnis ein,
Unser Gott will die Triumphe,
Seinem Lied als Strophe gut,
Und verhaßt ist ihm das Stumpfe,
Das nicht Glaube kennt und Mut.
Vers 28217 bis 28232:
Ist das Salz als Zutat unentbehrlich,
Allem was die Erde uns verschafft,
Wird es rasch im Übermaß gefährlich,
Weil zerstörend dann die Spaltekraft.
Was den Meerbewohnern das Gewohnte,
Ist den Wurzlern auf dem Lande Gift,
Sicher lebt, wer auf dem Berge thronte,
Doch die Küste fürchtet, daß sie’s trifft.
Also ist der Salzgehalt ein Zeiger,
Ob Verlandung möglich an der Statt,
Und der Queller geht als erster Geiger
Auf die Pirsch ins prielenreiche Watt.
Andre folgen und wir dürfen hoffen,
Daß wir fahrn zuletzt hier Ernte ein,
Aber immer bleibt der Ausgang offen,
Denn die Zukunst weiß der Herr allein.
Vers 28233 bis 28252:
Pionier und Fuchsgeschwänzter,
Erstling auf dem feuchten Watt,
Vorwitzigster aller Wänster,
Die das Land zu bieten hat.
In den Prielen kannst du siedeln
Salz und Soda sind dir hold,
Wo der Tod nur wagt zu fiedeln,
Schuppst du fleischig dein Gedold.
Eremit, Marienzeller,
Ehe Melde, Wermut, Gras
Wachsen, kommt zuerst der Queller
Ganz allein in Ernst und Spaß.
Wo wir Schlick und Sand vermuten,
Scharst als Dreiblatt Perigon,
Deiner Spreiten grönes Bluten
Kündet die Verlandung schon.
Wer dich ißt, braucht nicht zu würzen,
Wer dich schmilzt mit reinem Sand,
Darf mit dem Beryll verkürzen
Seinen Blick am Nordseestrand.
Vers 28253 bis 28272:
Ob steil, ob niederliegend,
Du setzt die Ährchen an,
Daß grün den Schlamm besiegend
Dir mancher folgen kann.
Daß Aster, Dreizack, Sode
Gedeihn, machst du gewiß,
Und segnen darf der Gode
Die Frucht der Finsternis.
Wenn dich die Schafe fraßen
Samt reichem Mineral,
Bist du als Andelrasen
Ein holdes Landfanal.
Zwar sind hier Flut und Heide
Noch guten Teils im Streit,
Doch von der Quellerscheide
Gedieh die Landung weit.
So steht die Wies im Wandel
Nach einem Bauernheim,
Drum grüße stets den Andel
Als einen Liebeskeim.
Vers 28273 bis 28296:
Rotschwingel, sag,
Dämmert der Tag
Oder nimmt Flut
All unsern Mut?
Seltner das Salz
Herflutet als
Springtiden schelln
Andels Geselln.
Vielfalt du sagst,
Wo du es wagst,
Brach der Gezeit
Tägliches Leid.
Rotschwingel, du
Zwinkerst mir zu,
Sichrer als deins
Lebt sich nicht meins.
Meer hüllt uns ein,
Gott weiß allein,
Ob es uns trägt
Oder zerschlägt.
Binse und Kraut
Haben vertraut,
Aber die Kehr
Lauert im Meer.
Vers 28297 bis 28320:
Wandervogel, Nordmeer-Schnepfe,
Winters weit und sommers fern,
Füllt April die Wattland-Näpfe
Mild, so schwimmst darinnen gern.
Deutscher Mai darf dich ertappen,
Schicht beflaumt und kaum markant,
Schickt der Südwind größre Happen,
Ziehst du in dein Heimatland.
In polarer Glastkulisse
Dich die Mauser schmückt zur Brut,
Daß man Mann und Weiblein wisse,
Sind verschiedne Röten gut.
Grad verkehrt sind hier die Ränge,
Denn das Männchens Prunk bleibt stumpf,
Ihm obliegen Sorg und Gänge,
Und der Maid der Sonnenrumpf.
Grad, als wollte Gott erzählen,
Daß zu jeder Wichtung froh
Sein Vertun und Auserwählen,
Kein Geschöpf das A und O.
So ist dieser Weitgereiste,
Den der Fries nur selten schaut,
Zeuge auch, daß uns das freiste
Aug im Wolkenhimmel blaut.
Vers 28321 bis 28344:
Leucht-orange gefärbter Gast,
Der sich in den Auen wiegt,
Botschaft, wie der Schöpfer praßt,
Der die kleinsten Dinge liebt.
Dunklen Saums und reich gescheckt,
Zeichnet Flügel zehn mal zehn
Der Lateiner - wer entdeckt,
Welchen Weg den Runen gehn?
Ob ein Gruß aus der Musik
Sagt dem Aug das hohe C,
Daß der Gärtner Gauklers Trick
Still bewundre und versteh?
Aus dem Nimmerwieder her
Nahen uns, im Hauch gewebt,
Flügler, die die Seele schwer
Machen, ob auch Glanz sie hebt.
Sie gemahnen an den Traum,
Der beseligt und verfalbt,
Länger kaum als Wogenschaum,
Den kein Präperator salbt.
Hasel, Ulme, Weidenkatz
Spürn vom Mai bis zum August
C-Dur, ersten, zweiten Satz,
Bis du Wunder weichen mußt.
Vers 28345 bis 28368:
Juni-Trübnis mag der Weg,
Wenn der Arm schon lang verbrannt,
Daß die Brise frischer feg
Hier im schattenarmen Land.
Tiefe Meeresbucht umrund,
Weit zur Brücke wall am Fluß,
Daß die linke Ferse wund,
Trübt kein Stück das große Plus.
Wo im Singsang treckt das Meer,
Dicht geschart die Möwen schrein,
Darf der Mut nur halb so schwer
Wie dein kleiner Rucksack sein.
Falter nesteln dir am Wams,
Wie an Stiefeln Schlamm und Schlick,
Die Bewölkung des Geflamms
Schafft dir Ruh für manchen Blick.
Wach zu sein als Träumer gilts,
Schockweis auf der Weide fand
Nun dein Aug den Zauberpilz,
Düngerling mit Dunkelrand.
Solche unverhoffte Fracht
Sei dir Wink, dich auch zu traun,
Findst du Herberg für die Nacht,
Wirst du Odins Rosse schaun.
Vers 28369 bis 28410:
I
Auf Ems und Dollart ist die Wanderjolle
Der Ort, darin ich gern in Träumen flez,
Nur selten ruft zu Ausritt und Trapez
Der Freund, daß Untres nicht auf Obrem tolle.
Mit wenig Raum und wenig Segel gehts
Durchs Weite, Leichtheit als geheimnisvolle
Magie empfindend, einer Eisberg-Scholle
Wohl ähnlicher als dem Geschäum des Mets.
Dem Dunkel nah doch wie das Opfer Seths
Leicht auferstehend, Ariadnes Wolle
Im Sinn, ist dieses Boot ein Wunder stets.
Und keimend fast wie die Kartoffelknolle,
Entfaltet sich der Reim des Spruch-Gebets
Zu Strophen, daß ich keinem Winde schmolle.
II
Wie auf den Wogen sachte Winde harfen
Mag Eifersucht im himmlischen Apolle
Erwecken wie dem Papst die Butterstolle
Und Fürsten, die den Rüböl-Tran verwarfen.
Mag sein, daß er der schwanken Jolle grolle,
Und sie mit Böen, unverhofften, scharfen
Oft züchtigt, doch befreit von Stadtvolk-Larven,
Ist dies dem Dichter angemeßne Rolle.
Der Findling, der bei Ledde ruht am Prolle,
Weiß wohl, daß sich die Dolmen nachts in Trolle
Verwandeln, daß der Dichter Beifall zolle.
Doch zart wie eine Flocke der Frau Holle
Verrät zuletzt, wozu dies gut sein solle,
Das Dichter-Nachwort des Professors Nolle.
III
Wer mit dem Dichter sitzt in einem Boote,
Der friere nicht zu oft das große Segel,
Er lese die Lucinde gut von Schlegel,
Daß trocken bleib sein Rock und seine Brote.
Im Lauf der Zeit das Ende gut sieht Hegel,
Doch mancher wirft in Grachten oder Schlote
Dies Buch und lästert über weiße Tote,
Die spuken nun als Schloßgespenst in Tegel.
Zwar ist die Jolle nicht verwandt dem Kegel,
Und auch der Dichter liest in aller Regel
Die Zukunft nicht vom frischen Hundekote,
Doch lästiger noch als am Steiß ein Egel,
Ist es für zarte Seelen, wenn das Segel
Verfügt, daß das Sonett den Hals verknote.
Vers 28411 bis 28430:
Das Kaiserkind, das mit Geschnauf
Verbindet Hafen, Dorf und Stadt,
Nimmt in die Weyer-Wägen auf,
Wers angenehm und eilig hat.
Einst war es der Marine lieb
Und hatte fünfmal Strecke mehr,
Dann baute man auf Benz und Jeep
Und Individualverkehr.
Doch gab es immer Leut, die stur
Begehrten Bahn an Horn und Knock,
Und da grassierte Stau-Tortour,
Da lächelte die greise Lok.
Es blieben auch die Zahln nicht rot,
Auch wenns manch Unkenruf nicht glaubt,
Ob Fries ob fremd, hier schmeckt das Brot,
Und auch der Doornkaat ist erlaubt.
So manchem ists der liebste Kuß,
Daß Dollart wieder schnaubt und stampft,
Nicht mehr im Kurpark rosten muß,
Und wieder auf der Schiene dampft.
Vers 28431 bis 28446:
Rasch muß ich dich bedichten, Hörn,
Eh du entschwindest, siech und schwach,
Hier gibts kein Dach und kein Gedörn,
Und nur das Seegras bleibt hier wach.
Nach Ost der Sand verlustreich schifft,
Einst wuchs hier ein Holunderstrauch,
Die Eiderente Möwen trifft,
Und manchen Austernfischer auch.
Seit dutzend Jahr finds auch kommod
Im Platinglanz der Kormoran,
Verfolgt ihn andernorts der Schrot,
Stört niemand Brut und Flugesbahn.
Sein feuchtes Kleid von Anthrazit,
Gemaht uns an die Schattenwelt,
Er teilt uns flügelschlagend mit,
Daß dirs nicht mehr bei uns gefällt.
Vers 28447 bis 28470:
Auf der Sandbank, die de Meem
Heißt auf mancher alten Kart,
Haust allein der Vogelwart,
Und er hats recht unbequem.
Manche Warft zerriß das Meer,
Trug ein Vogt den Namen Punt,
Seh ich dazu wenig Grund,
Denn die Insel gibt nichts her.
Eiersammler, Jäger, Müll
Aufzuhalten steht der Mann,
Was die Silbermöwe kann,
Wär ein Trost in dem Idyll.
Aber hier steht eine Brust,
Der des Löffelreihers Ei
Werter als Polit-Geschrei
Und der großen Städte Lust.
Wenig Brutplatz ist zu schaun
Als ein tidenfreies Trumm,
Und die Ems hat nicht den Mumm,
Neue Dünen aufzubaun.
Wohl verlorn im Meergebaus
Ist am End auch dieser Port,
Aber wer hier gab sein Wort,
Hält bis letzte Stunde aus.
Vers 28471 bis 28494:
Böses aus dem Namen spricht,
Da man auf dem kleinen Land
Gleich drei Hexen hat gericht
Und am selben Tag verbrannt.
Ob ihr Tun die Strafe wert,
Wird nicht mehr zu prüfen sein,
Manchen nicht die Wahrheit schert,
Um der Beßre stets zu sein.
Hundert Jahr fuhr hier die Bahn
Nach der Ortschaft von der Fähr,
Heute schätzt man nicht den Kahn,
Denn der Flug bringt Massen her.
Wer hier Grund und Haus geerbt,
Reckt die Werbung: Zimmer frei,
Wie ihr um den Teufel werbt,
Scheint mir wahre Hexerei.
Wo man einst den Herrn gefleht,
Daß der Hering geh ins Netz,
Hat total der Wind gedreht,
Und es herrscht das Kurgesetz.
An der Tölpel Urlaubswahn
Mästet sich der Fremdenfreund,
Daß es grauste seinem Ahn,
Wie hier die Hyäne streunt.
Vers 28495 bis 28530:
Friesische Insel, nur knapp eine Stund
Brauchte die Fähr von der Mole Norddeich,
Marcellus brach deine Mutter im Grund,
Aber die Folgezeit nährte dich reich.
Emder und Norder und Groninger stehn
Werbend und tauschend im Wettergebraus,
Zwischen den Dünen, die wandern und gehn,
Ist eine lederne Sippe zu Haus.
Silbernes Wappen bezeugt uns das Kap,
Das erst aus Holz und dann später von Stein,
Walvaters Rappe beschied dich im Trab,
Ehe er kehrte auf Helgoland ein.
Heine hat dreimal die Insel besucht,
Zwar ist sein Steckenpferd Xenie nicht Gunst,
So hat den Tee er als Brühe verflucht,
Jungfrauen, meint er, schützt fischiger Dunst.
Doch wenn man weiß, daß der Schmäh sein Metier,
Schätzt man darum, daß es nicht dabei blieb,
Nennt er die Friesen doch schlicht wie die See,
Rühmend, daß ihnen die Freiheit so lieb.
Düsseldorf bat in der Weimarer Zeit
Breker, den Dichter in Bronze zu haun,
Doch nach dem Krieg solche Kunstwerke leid,
Wollts das Bestellte nicht öffentlich schaun.
Also hat Norderney heute den Schatz,
Klassisch graziös, daß man drüber verstummt,
Weil man hier fernsteht der neidischen Hatz
Auf eine Kunst, die den Geist nicht vernummt.
Meinte der Großstädter Preisrichter einst,
Ähnlichkeit sei nicht zu finden im Guß,
Wußte das Volk, wie du anschauend meinst,
Daß ihm die Schönheit und Hoheit Verdruß.
Aber was mindern gesollt das Geschenk,
Gab ihm den herrlichsten Standort der Welt,
Wenn ich an Düsseldorfs Gassenschmutz denk,
Mein ich, daß dies unserm Herrgott gefällt.
Vers 28531 bis 28554:
Strabon schreibt, daß Drusus hier
Hab gezeugt für Roms Senat,
Auf dem blauen Oog-Panier
Bleibt die Ems der einzge Staat.
Doch dein Name in Byzanz
Kehrt, da für den Bechter stand
Einer nur und brach die Lanz
Gegen Gift und Unverstand.
Dann lief hier die Flotte aus,
Die dem Staufer Macht beschied,
Daß Jerusalem sein Haus
Und er ein als König zieht.
Ein Dornröschen wirst genannt,
Weil du nicht nach Freiern gierst,
Weil du noch in Friesenhand
Und die Unschuld nicht verlierst.
Zwar bleibt keiner unbefleckt,
Wo dem Wahn die Welt zu klein,
Doch du hast dich lang versteckt,
Läßt auch heut nicht jeden rein.
Selbst das Fahrrad ist verpönt,
Wipp und Bollerwagen tuns,
Und so bleibt die See verschönt
Mit der Schönheit deines Ruhns.
Vers 28555 bis 28574:
Daß ich Oog als Aug versteh,
Scheint mir rechtens und erlaubt,
Weil die Insel blinder See
Leuchtet wie die Sicht dem Haupt.
Langgestreckt ist ist dein Oval,
Grad wie ein Mongole schaut,
Flut entmenscht die Erdnußschal,
Bis man bald sich wieder traut.
Zwischen Reich und Helgoland
Kann der Korse nur verliern,
Wie der Fries die Netze spannt,
Wird ein Franzmann nie kapiern.
Lange Augen macht da bloß
So ein Zöllner aus Paris,
Daß zur Nordseenacht nichts los,
Meint des Schläfers Augenvlies.
Hältst auf solcher Warte aus,
Hast du langen Atem not,
Denn im reetgedeckten Haus
Klebt am Strandgut mancher Tod.
Vers 28575 bis 28590:
Nist-Refugium, drein die Röhrichtweihe
Und die scheue Sumpfohreule flog,
Darf man dich in Frieslands Eilandreihe
Grüne Insel nennen, Spiekeroog.
Zitterpappel, Erle, Eberesche,
Zeichnen dich wie Krüppeleiche aus,
Auch die Kiefern schätzen dich als fesche
Maid mit süßem Wasserfaß im Haus.
Wachsend wurdst du größren Raums Beseeler,
Da die Harlebucht ward eingedeicht,
Den Piraten Unterschlupf und Hehler,
Weil der Arm der Hanse hier nicht reicht.
Grün verdankst du auch der Krähenbeere
Die den Sand im Heidekräuticht freit,
Also wachse weiter, doch vermehre
Bloß die Menschen nicht in dieser Zeit.
Vers 28591 bis 28630:
Dach und Giebel offen,
Tag und Nacht besoffen,
Schau das große Wappen,
Wurster zu ertappen.
Anonym 18. Jh.
Zwischen Wesermund und Elb,
Oldenburgern nicht dasselb,
Ist der Fries im Seeland froh,
Frei vor Karl und immer so.
Marsch bis hin zur Hohen Lieth,
Wo man grüne Lande sieht,
Milchvieh weidet sorgsam ab,
Wo man Scholle fischt und Krabb.
In die Tiefs, mit Sielen fest,
Kutter kehrt dem Wurtennest,
Recht sind Hamburg nicht und Rom,
Sondern Aurichs Upstalsboom.
Da der Wiking nicht mehr dräut,
Wuchs die Eigenheit der Leut,
Fremder Schulze, Probst und Staat
Gilt nicht vor dem Wursten-Rat.
Doch das Mittelalter fiel
Und das Glück am Wremer Siel,
Zwar dem Aufstand sing ich Ruhm,
Doch es blieb das Erzbistum.
Mit den Bremern ging es los,
All die Herren schachern bloß,
Watt und Weid sind ihnen Pfand,
Zu verscherbeln jedes Land.
Ob Hannover oder Preuß,
Ärger sind als Wanz und Läus,
Fremde ohne Fisch im Netz,
Aber groß mit dem Gesetz.
Schmuggler werden gern gesehn,
Da die welschen Zöllner gehn,
Schien die Freiheit minder fern,
Doch es folgten deutsche Herrn.
So beschämt in klammer Hütt,
Bleibt allein die Jever Pütt,
Denn ein feiner Aquavit
Macht mit jedem Schicksal quitt.
Also weicht dem Tee der Schnaps
Erst, wenn wieder Öl vom Raps
Leuchtet und nicht Gas und Strom,
Und das Recht am Upstalsboom.
Vers 28631 bis 28670:
Von der Weser bis zur Maade
Heimelte der Friesengau,
Als die Küste noch gerade
Und die Windsbraut holde Frau.
Blexen, Varel und Langwarden
Einte er mit Aldensum,
Doch dann warf die Zeit der Barden
Reihenweis die Sturmflut um.
Frieden war im ganzen Stamme,
Pfingsten rief den Bund zum Thing,
Doch wie einem Kind die Amme
Auch der Garten Eden ging.
Was versank im Jadebusen,
War nicht nur das Kirchspiel Bant,
Wo die Stürme herrisch brusen,
Kam das Paradies abhand.
Wenn zerrissen sind die Gaue,
Nimmt sich mancher, was er braucht,
Wo bestimmt der Neunmalschlaue
Ist die Freiheit abgetaucht.
Namen erben das Benannte,
Und die Stadt, die Wilhelms Tick
Für die See in Mauern bannte,
Fands in ihrem Wappen schick,
Daß den Kriegsport an der Jade
Schmück beschwingt der freie Fries,
Doch was krumm, wird nicht gerade,
Hängst du drauf ein goldnes Vlies.
Zwar das Meer wird nimmer geben,
Was es einst im Neid verschlang,
Doch der Rüstringer kann leben,
Wo der Barde stand und sang.
Doch verschollen ist die Lure,
Und der Wind harft nun allein,
Und vom Andelheu die Fuhre
Bringn nicht Ochs und Esel ein.
Drum wird erst die Freiheit kehren,
Wenn der Bauer wieder eins
Mit dem Land, den Wind zu ehren
Und das Glück des Sonnenscheins.
Vers 28671 bis 28694:
Rauher Hände sanfter Mut,
Karges Wort voll Zärtlichkeit,
Wer im Streite kühlt das Blut,
Dem wird oft das Herz so weit.
Wangerland hat die Gestalt,
Die im Meerdunst manchmal steigt,
Nie gepönt ob der Gewalt
Und im Zeichnen Neid gezeigt.
Heute steht in Patina
Sie in Norderaltendeich,
Und der Fluten Omega
Wird mir ihr ein Seelenreich.
Daß die See ein stolzes Weib,
Ist dem Fischer wohl vertraut,
Daß er menschlich sie beschreib,
Kribbelt ihm die nasse Haut.
So ist Reu der Sage Kern,
Denn wer Heil erpreßt dem Fang,
Den verläßt sein guter Stern
Und es folgt der Untergang.
Ohne Hader, ohne Schmäh
Wird verkleinert das Geschick,
Das des Todes große Näh
Lieblich zeigt im Friesenblick.
Vers 28695 bis 28718:
Im Lande, wo die Harle fließt,
Kehr unbedingt in Esens ein,
Sankt Magnus wahrt es das Gebein,
Drin Papstes Dank an Friesland siehst.
Das Wappen weiß von Krieg und Not,
Die Mauern warn von bestem Zoll,
Doch fands der Feind verheißungvoll,
Zu warten, bis da knapp das Brot.
Als so belagert darb die Stadt,
Führt einen Bärn ein Komödiant,
Den hat der Hunger so berannt,
Daß er ein Loch gefunden hat.
Das Tier erklomm den Turm am Wall,
Und warf mit Steinen ins Geviert,
Der Feldherr drauf den Mut verliert,
Daß je die Stadt der Truppe fall.
Wer Vorrat hat, auch noch den Bärn
Zu füttern, weicht dem Hunger nicht,
So brachts dem Feinde zu Gesicht,
Daß alle Mühen nutzlos wärn.
Das war ein Mißverständnis, doch
Die Rettung, dafür Gott gelobt,
Worauf ihr Leut ins Wappen hobt
Den Bärn, der auf die Zinnen kroch.
Vers 28719 bis 28758:
Hügelgrab aus fernster Zeit,
Grüner Hain auf der Allmend,
Grenzbaum höchster Heiligkeit,
Drin der Fries den Gott erkennt.
Eh er Odin hieß und Wal,
Christi Taub mit weißem Flaum,
Schirmt die Gräber ohne Zahl
Und das Land ein grüner Baum.
Niemand streckt sich je so tief
Nichts hat so am Himmel teil,
In des Stammes Ring-Archiv
Ruht so manch Geschlechter Heil,
Neide ihm die Vielgestalt,
Keiner ist so zart und fest,
Nichts ist je so jung und alt
Wie das Rauschen im Geäst.
Hier wenn irgendwo kann Recht
Sich entfalten und bestehn,
Filtert Licht das Blustgeflecht,
Kannst du ungeblendet sehn,
Nur wenn Streit und Zeugen birgt,
Solcher Würde Wachgeschweig,
Wird ein Urteil so erwirkt,
Daß sich echte Weisheit zeig.
Wie das Meer der Seele gleicht,
Tief und grundlos, schaumgekrönt,
Ists der Baum, den nichts erweicht,
Aber alle Zeit versöhnt,
Wie der Wind dem Willen gleich
Und zu jeder Stund Partei,
Ist der Baum so stark und reich,
Daß sein Sinn von Zweifeln frei.
Dieser Gott ist offenbar,
Jeder Zweig ist wahr und echt,
Und dir wird im Anschaun klar,
Daß nur solch ein Stamm gerecht,
Drum sei sein geduldig Stehn
Stichwortgeber, Metronom,
Wenn wir frei um Weisheit flehn,
Kinder unterm Upstalsboom.
Vers 28759 bis 28806:
Wir wachen lang, wir wachen gut,
Im Dämmer flink und leichtbeschuht,
Mir sind zu mancher Güte frei,
Doch hassen wir die Schelmerei,
Du mühst umsonst den Kröten-Stab
Und Schaum vom Mittelmeer,
Denn wir bewachen Radbods Grab
Im Plytenberg zu Leer.
Uns macht das Gold nicht blind noch taub,
Wir putzen Flechten, Moos und Staub
Vom Glast der alten Friesenzeit,
Die unser Hort vor Händeln feit,
Nicht kann die Flöte, die Schalmei,
Berührn den Dom der Ehr,
Der Neider trete nicht herbei
Im Plytenberg zu Leer.
Wir schlugen Franken und Martell,
Vor Köllen war das Heer zur Stell,
Das seine Väter weiß im Blut,
Dem Starum heil und Utrecht gut,
Wir kennen Buckel nicht und Fron,
Die Grafenlaune scher,
Drum schlägt das Herz des Friesen schon
Im Plytenberg zu Leer.
Der König hat uns wohl gefrommt,
Doch was da aus dem Süden kommt,
Die alten Eichen macht zuschand,
Das wird auf Eichenholz verbrannt,
Mags Lieb sich nennen und Vernunft,
Wir Friesen wechseln schwer,
Wir harren unsrer Wiederkunft
Im Plytenberg zu Leer.
Und teibst du unser Volk zur Flucht,
Versinkt der Schatz in kalter Bucht,
Die Ems gibt nichts, was sie verschweigt,
Denn was sich in die Zeit verzweigt,
Bleibt niemals unbefleckt und rein,
Wie Rodbods Reiterheer,
Das zog in das Gewölbe ein
Im Plytenberg zu Leer.
Es ist geweissagt eine Stund,
Da öffnet sich der Felsengrund,
Daß alles Volk die Schätze seh,
Der Friesen Freud und arges Weh,
Doch erst, wenn Gott, deß Wege krumm,
Das Horn uns bläst zur Kehr,
Dann drehn sich Licht und Schatten um
Im Plytenberg zu Leer.
Vers 28807 bis 28822:
Moorenfee und Weltumsegler,
Zwischen Brack und Kolk zuhaus,
Den Libellen Bohlenkegler,
Rabenkrähen Osterschmaus.
Wo der Torf noch nicht gestochen,
Nistest du auf Schilf und Blatt,
Nach dem Schlüpfen brauchts drei Wochen,
Bis das Küken Flügel hat.
Auch der Nerz macht dir zu schaffen,
Denn er mag wohl Fleisch und Ei,
Doch du lebst nicht ohne Waffen
Und bringst manchen Fisch herbei.
Dich im Brautkleid zu erblicken,
Wat ich gern durch manche Fahr,
Daß der Lenz dich wieder schicken
Mög, bet ich in jedem Jahr.
Vers 28823 bis 28838:
In der Saale-Eiszeit häuften
Sich Moränen, Sander, Geest,
Rückenmulden Kraut ersäuften,
Das als dichtes Hochmoor west.
Zwar der Mensch hat sich versündigt,
Daß der Torf den Ofen mäst,
Doch von einstgem Reichtum kündigt
Hierzuland ein schmaler Rest.
Sonnentau reckt seinen Kleber,
Besenheide, Rosmarin
Nutzen Wurzelpilz als Leber
An der Moosbeer siehst du ihn.
Wer im Moore wagt zu keimen,
Zehrt nicht, sondern reichert an,
Dies ist grad wie bei den Reimen,
Die ein deutscher Dichter kann.
Vers 28839 bis 28870:
Wenn du im Brookmerland zu Gast
Marienhaf gefunden hast,
Studier die Likedeelerei,
Dann kennst du auch den Friesen fast.
Daß Störtebeker herrlich sei,
Erahn in seinem Konterfei,
Drum sei Devise deiner Bahn,
Daß alle Friesen frank und frei.
Du spürst im Turm den wilden Ahn,
Und wie bei Vollmond sein Kumpan,
Den Kopf im Arm die Stufen steigt,
Schon viele Augenzeugen sahn.
Der ächzt und stöhnt und Reue zeigt,
Hat sich der Häuptlingsmaid geneigt,
Und bis Schlag dreizehn währt die Scham,
Dazu der Teufel Polka geigt.
Daß sich das Weib das Leben nahm,
Nach manchem Stockwerk müd und lahm,
Fand in der Höll die Seel nicht Ruh,
Daß sie bis heute wiederkam.
Seither zog sich der Himmel zu,
Und nicht vom Golde drückt der Schuh,
Die Kirche ist verfalln und klein,
Und leer sind Speicher, Spind und Truh.
Zum Turmbau wird hier keiner leihn,
Der große stürzte lang schon ein,
Man ahnt nicht mehr, was Glaub gekonnt,
Und schont beim Aufstieg Luft und Bein.
Doch liegt die Landschaft lind besonnt,
Drum gastlich werben Wind und Pont,
Die Wolken randet Thule-Glast
Und Möwen schrein in breiter Front.
Vers 28871 bis 28902:
Fabricius hieß der Astronom
In Osteel im Pastorenhaus,
Er spähte einst den Sternendom
Mit selbstgemachtem Werkzeug aus.
Da Mira Ceti hält er fest
Im Sternbild Walfisch, war die Zunft
Begeistert und das Küstennest
Harrt seither solcher Wiederkunft.
Er trug in den Kalender ein,
Die Wissenschaft und was geschah,
Und wollte so gerüstet sein,
Käm je ein Unstern hie und da.
Doch da das Horoskop ihm sagt,
Daß heuer sei am siebten Mai
Kein hochriskantes Werk gewagt,
Gab ihn das Wissen drob nicht frei.
Er ging den ganzen Tag nicht aus,
Bis ihm zuend schien die Gefahr,
Da ist spaziert er bloß ums Haus,
Was allerdings sein letztes war.
Ein Gänsedieb, den er gepönt,
Schlug ihn mit einem Spaten tot,
Uns lehrt dies, daß Geschick nicht schönt,
Wer schaut, was in den Sternen loht.
Der Mörder starb mit Rad und Pein,
Doch blieb verscholln manch Werk und Tat,
Das Kartenwerk der Länderein
Erst jüngst in die Geschichte trat.
Auch was der Heimat der Chronist
An Wettern schrieb, Getier und Kraut,
Für uns inzwischen werter ist
Als Uranus und seine Haut.
Vers 28903 bis 28950:
Greetsiel hier und Oldersum
Da begrenzen dieses Land,
Daß das Horn erstaunlich krumm,
Hätt der Dümmste wohl erkannt,
Dieser Ecke ihre Treu
Campen, Hinte, Emden schwörn,
Gebe Gott, daß lang erfreu
Gröne Wiese die Krummhörn.
Fruchtbar ist der feste Schlick,
Wenn die Schöpfen sind intakt,
An dem Deich hängt das Geschick,
Flachem Grund, vor Wogen nackt,
Fröhlich unterm Sturmgebaus
Soll ein Wiefken uns betörn,
Daß es komm in unser Haus,
In den Frieden der Krummhörn.
Mühlen drehen sich im Wind
Und der Leuchtturm, rot und gelb,
Macht, daß heim der Fischer find,
Und die Küste stets dieselb,
Sei ein Mann und sei nicht müd,
Lausch wie Engeln Möwenchörn,
Den verbürgt ist Gottes Güt
In den Sielen von Krummhörn.
Dieser Gau hat jeden Sohn,
Der dem Mutterstolz gefällt,
Einst der große Edzard schon
Sah allhie das Licht der Welt,
Jennelts Feldherr suchte Wien
Selbst bei Lützen zu empörn,
Und die Sache Luthers schien
Gottes Wille der Krummhörn.
Auf der Burg von Pewsun war
Gar der Große Kurfürst Gast,
Im Exil hat manche Schar
Beßres Wetter abgepaßt,
Mühlen schmücken Stub und Diel,
Wo im Südland Hirsche röhrn,
Denn die Maler gelten viel
Den Gemeinen der Krummhörn.
Also sei dir stets bewußt,
Wenn dich hier ein Polder warf,
Daß dir nur die höchste Lust
In der Fremde frommen darf,
Sehn dich nach dem Wolkendunst,
Wo die Knaben und die Görn
Du verzückst mit Loblied-Kunst,
Preisend immer die Krummhörn.
Vers 28951 bis 28974:
Weit ich durch die Marschen streif
Nach der Friesen Polymorph,
Mehr als Einhorn oder Greif
Wundert mich das Warfendorf.
An der Sielenmönker Bucht
Zeigt die Graft sich als Trapez,
Und nach manch Jahrhunderts Flucht
Fragt die Burg gemach: Wie gehts?
Wall und Graben legten an
Einst die Mönche Benedikts,
Wo ein Loch sich dann und wann
Zeigte, steht ein Mann und flickts.
Wind und Wellen stehn bereit
Auszulöschen jeden Traum,
Aber jeden Fußes Breit
Wird gehegt wie Gras und Baum.
Da die Neue Welt geblüht,
Wich auch Uttum manche Seel,
Aber daß man Deiche hüt,
Bliebt den Bleibenden Befehl.
Also mag der Welt Gedreh
Manches ändern und vertun,
Aber ewig bleibt die See
Als ein Grund zu festen Schuhn.
Vers 28975 bis 28998:
Fundament aus Eichenpfählen,
Gab dir Anker, Trutz und Lot,
Frohe Botschaft zu erzählen,
Daß der Herr bezwang den Tod.
Doch die Brunnenspiegel sackten,
Daß entsiegelt atmend hier
Faul das feste Holz verschlackten
Goin und Moin von Grafwitnir.
So im Urgrund angefressen
Ward das ganze Bauwerk schief,
Krumm hat stets Krumhörn gemessen,
So auch nun das Kirch-Massiv.
Bei den Türmen, die sich neigen,
Frankenhausen stellt Platz zwei,
Aber Pisa sollte schweigen,
Nicht im Führungsstab dabei.
Daß der Thüringer Ostfriesen
Derart grüßt, gefällt mir sehr,
Rings die Schrullen bloß verdrießen,
Doch zuhaus stehn sie in Ehr.
Licht sei mir, was sie verkramten
Und was windschief stört als Klotz,
Wie die Römer Lucius namten,
Machts luzind der deutsche Lotz.
Vers 28999 bis 29038:
Auf der Mauer, auf der Lauer
Flitzt der Wolkenwäger,
Hagelschauer, Böenbrauer,
Ausguckhoch wie Jäger,
Maid in goldner Brauttracht,
Drüber Himmel blaut, wacht
Auf der Mauer, auf der Lauer
Flink und wird nicht träger.
Tut sie, Heide, nichts zuleide,
Nennt der Christ sie Engel,
Nicht der Weide, wo die Kreide
Wolf fraß, wuchs ein Stengel,
Der im Blust das Gift staut,
Daß wen solches trifft, graut,
Tut sie, Heide, nichts zuleide,
Auch der Pfaff nicht drängel.
Überm Walle für uns alle
Wacht die Braut des Windes,
Dänenqualle, Schwedenkralle,
Raschesten Gesindes,
Wiederholt im Preislied,
Was sie Knab und Greis riet,
Überm Walle für uns alle
Schirm des Emder Kindes.
In der Weite Segelleite,
Froh dem Fliehn und Dauern,
Allem Streite Huldin schreite
Vor mit Sturm und Schauern,
Daß wer dreist sich einmischt,
Stöhne, wenn es dreindrischt,
In der Weite Segelleite
Sollst du wehrhaft kauern.
Auf der Mauer, auf der Lauer
Trotze Teufels Schlingen,
Wie ein Bauer, doch genauer
Trau den Wetterdingen,
Knab und Maid in eins fällt,
Wenn als Sonnenscheins Held
Auf der Mauer, auf der Lauer
Muß ich dich besingen.
Vers 29039 bis 29062:
Greetsiel an der Leybucht wählte
Einen Häuptling, deß Geschlecht
Manchen starken Erben zählte,
Der mit alten Göttern zecht.
Da Edzard Focko Ukena
Schlug und niederging tom Brok,
Dient dem Adel von Cirksena
Bei den Friesen Stein und Stock.
Kaiser Friedrich hob zum Grafen,
Hamburg räumte leis die Stadt
Für den Clan, der Land und Hafen
Bis zum Preuß gehalten hat.
Unbezwingbar standen Jarle,
Bis von Buttermilch ein Horn
Ward dem kinderlosen Karle
Giftig, daß er fiel ins Korn.
Ihre Göttin, die Harpyie
Ging ins Emder Wappen ein,
Im Gedächtnis ihrer Mühe
Soll sie uns noch heilig sein.
Wer die Windsbraut tückisch nannte,
Weiß vom Wind am Künstenstrand
Wenig und er hat Verwandte
Ganz gewiß nicht hier im Land.
Vers 29063 bis 29082:
Chen und Lein im Deutschen tun,
Daß man Dinge kleiner sag
Und den Sinn in solchen Schuhn
Leichter faß und leichter trag.
Zartes Mühn befiehlt sich so,
Da zerbrechlich und bedroht,
Blüht, was Umlaut A und O
Dünn und ängstlich zögernd bot.
Daß man solchem Schirm und Schild,
Sagt dem Namen und der Art,
Wer sie heimelt und sie mild
Mit den Zwergen-Silben paart.
Kleinod, Kuß und Wiegenwind,
Waise, Wildfang, Solitär,
Führt ein Genius jedes Kind,
Rufen ihn die Silben her.
Und wo Platt die Laute preßt,
Harscher solchen Liebreiz spür,
Hält den Kahn ein Wiefken fest,
Hält das Engelke de Muer.
Vers 29083 bis 29146:
Hier ein Dämon, da ein Wetterwesen,
Boten für die Haut, auf der wir wandeln,
Flügler, überm Sonnenlicht erlesen,
Sind sie nicht bereit, mit uns zu handeln.
Doch du wirst sie nicht zum Hexenbesen
Oder gar zur Natterbrut verschandeln,
Wem sie Putten an Gehörn und Trögen,
Darf verkleinern und sie herzlich mögen.
Rilke hat sie schrecklich schön erfahren
Als die Macht, vor der wir feig verschwimmen,
Aber eine Invasion von Aaren
Trug die Orgel rein als Knabenstimmen,
Nicht begreiflich sind die hehren Scharen,
Deren Größe allem Gut und Schlimmen
Spiegelnd wagt, das Himmelsmaß zu zeigen,
Darum mußt du in den Spiegel steigen.
Auch die Liebe tobt in Sucht und Plage,
Holder Wahn, so sagts der Grieche offen,
Ihre Sanftheit sei die fromme Sage
Stöhnt der Wunde, den der Pfeil getroffen,
Daß dich nicht der Wüstenwind befrage,
Sollst du untem Joch auf Gnade hoffen,
Denn um deinen Atlas zu verkleinern,
Darfst du nicht als Zögernder versteinern.
Was begonnen, eint sich deinen Zügen,
Was du annahmst, wird dein Abend meistern,
Warst du einst ein Stein vor allen Flügen,
Rufst der erste bald zu weitern, dreistern,
Wem es nicht bestimmt, ihm zu genügen,
Wird gemieden von den Himmelsgeistern,
Darum tritt gemach in solche Wunder
Bis sie dir wie Schlick und Sand der Flunder.
Die Grammatik fügte dir ein Mittel,
Wie sich Großes ins Gemäßge füge,
Ob der Suffix nun halbier und drittel,
Legt sie sich nicht fest und daß sie lüge,
Meint alleine der Chirurgenkittel,
Den nicht mal ein Flügelhundert trüge,
Also säum nicht, diesen Witz zu wagen,
Denn du bist ja selbst ein Witz von Tagen.
Ist dein Los nicht mehr die Himmelssäule,
Sondern nur ein Stamm im Eichenhaine,
Hören auf zu rasen Odins Gäule,
Und du zerrst nicht fenrishaft die Leine,
Da du selbst verweibst, wird dich die Eule
Auch belehrn, was in dem Spiel das deine,
Und du wirst als ob dir Raben raten,
Deine Liebe spürn in allen Taten.
Also sei das Engelchen dein Ferge,
Auf der See, die keiner wird ermessen,
Wenn der Horizont verschlingt die Berge,
Wirken sie wie traurige Zypressen,
Zwar droht dir auch fürder mancher Scherge,
Doch die Folter hat dein Herz vergessen,
Weil die Größe, die dich erst verschreckte,
Dein ward, da sie dir die Ziele steckte.
Glaube nie, das etwas sich versage,
Weil du es mit offnem Mund bestammelst,
Leer verstauben deine Erdentage,
Wenn du zwischen Ochs und Esel gammelst,
Darum meide Kritelei und Klage,
Daß du dich im Engelgroßen sammelst,
Und was der Barock als nett und niedlich
Zeichnet, wird als Blütenanger lieblich.
Vers 29147 bis 29226:
Hoch sich alles Hohe reckt,
Über Gasse, Giebel, Geest,
Weite Ziele abgesteckt
Hat, was zwischen Wolken west,
Wenn der Sturm das Haar verfilzt,
Daß nicht Bürste hilft und Kamm,
Steht der Engel, den du willst,
Als dein Liebstes auf dem Damm.
Weit bist du zum Port gereist,
Durch Moränen, Moor und Watt,
Was der Pharon dir verheißt,
Macht die kühnsten Träume platt,
Wat durch Volk und kalte Furt,
Er bewacht die Himmelstür
Mit dem Schlüsselbund am Gurt,
Er, der Engel up de Muer.
Braunes Haar wallt auf das Gold
Seiner Flügel, ausgestreckt,
Seine Augen sind dir hold
Und der Macht, die in dir steckt,
Neigt er sich und streift dich zart,
Wird zum Adler dir das Lamm,
Und dich hebt zur Weltenfahrt,
Er, der Engel auf dem Damm.
Den du einst zur Kinderzeit
Im Geäst vom Fliederbaum
Ahntest, dessen Flügel breit
Öffneten des Himmels Saum,
Der dich stets zur Nacht umarmt,
Und begabt mit Huld und Kür,
Hat sich Wirklichkeit erbarmt
Und steht leiblich up de Muer.
Was Vernünfteln und Geschmack
Nicht erahnt, noch starker Punsch,
Der Pomade nicht und Lack
Braucht, zu scheuchen jeden Wunsch,
Der die Summe aller Glut
Weckt in seinem Bräutigam,
Ruf dich heim in seine Hut
Als der Engel auf dem Damm.
Gib dich hin und gib dich ganz,
Hier wird jede Frag zunicht,
Laß, so wie im Glücke Hans
Alles, was dich trennt dem Licht,
Häng an seiner Augen Strahl,
Deiner Rüstung Panzer rühr,
Denn dem Herz bleibt keine Wahl
Vor dem Engel up de Muer.
Was dich jäh und tief beglückt,
Wird in Jahren holder noch,
Denn du bist in eins gerückt
Mit geburtbestimmtem Joch,
Immer zog derselbe Saft
Dir durch Zweige, Äste, Stamm,
Barg zu deinem Glücke Kraft
Nur der Engel auf dem Damm.
Was dir Traum und Wachen fing,
Was du aus der Kindheit nahmst,
Weiß allein, der mit dir ging
Eh du auf die Erde kamst,
In der Schöpfungsfrühe schon
Gott bestimmte, wer dich führ,
Morgens Weckruf, Schlafes Mohn
War der Engel up de Muer.
Warst du lang im Walten fremd,
Und ein Irrlicht, flackernd bloß,
Schmückt dich nun das Hochzeitshemd
Und du zogst das Große Los,
Weil du nicht mehr nur die Front
Schaust und wühlst in Schlick und Schlamm,
Öffnet sich der Horizont
Mit dem Engel auf dem Damm.
Dunkel scheint dir nun der Lehm,
Drin du grubst nach Runenrat,
Denn dem Herrn war es genehm,
Daß dich frei für Spruch und Tat
Mach der Engel, Windes Braut,
Dem Alleinsein ein Geschwür,
Der dich trägt und dir vertraut
Und dich aufnahm up de Muer.
Vers 29227 bis 29242:
Siedlung ohne Kostbarkeiten,
Stilles Volk in Sorg und Freud,
Die Kapell aus Luthers Zeiten
Ist der Sonnentag der Leut.
Eingebunden von Domänen,
Horsten etwa tausend Seeln,
Doch ich darf mich glücklich wähnen,
Einer davon nie zu fehln.
Hausend am Kapellenpfade,
Zwischen Gärten unterm Dach,
Macht sie meine Bahn gerade,
Meinen Quell zum Sprudelbach.
Weit bin ich umhergangen,
Bis ich fand das stille Heim,
Und den lieben roten Wangen,
Gelte stets mein schönster Reim.
Vers 29243 bis 29262:
Aquarell, da wir uns fanden,
Das Gestrüpp und manchen Baum
Eint das Wasser abgestanden
Lau im Sommermittagstraum.
Ungerührt aus festem Pflaster,
Schwingt die Brücke Bögen drei,
Silbern wölkt dein schwarzer Knaster,
Und das Auge schwelgt dabei.
Ob geschätzt, ob nebensächlich,
Was da war, hat er gefaßt,
Seine Spiegel unbestechlich
Sagens klar und ohne Hast.
Auch der Tod wird nicht verschwiegen,
Den so mancher weinberauscht
Ließ sich von ihm unterkriegen
Hat das Licht der Nacht getauscht.
Darum sei nicht allzulange,
Zugehört, was er erzählt,
Eh der Nachmittag uns bange,
Sei der Heimweg frisch gewählt.
Vers 29263 bis 29282:
Schlanker Knabe, hagebutten
Deckt die Kappe reines Weiß,
Pfeiler zierlich stehn wie Putten
Wohlgereiht im Blumenkreis.
Jeder weiß dich hell zu knipsen,
Analog und digital,
Sich am Jugendstil beschwipsen,
Ist beliebt noch jedes Mal.
Aber keiner stellt die Frage,
Warum solche Spielerei,
Die geschätzt wird dieser Tage,
Heute nicht mehr möglich sei.
Eine schnöde Atempause
Unter Wilhelm filligran
War im Kräuticht so zuhause
Wie wir selbst im Autowahn.
Mag der Kenner auch belächeln,
Was als Epigon entstand,
Kann es doch die Ahndung fächeln,
Was verloren unserm Land.
Vers 29283 bis 29346:
Fürstlich stolze Kappenmühle
Ragst mit breitem Bohlenkranz
Heute noch am Emder Bühle
Aus der Zeit von Gret und Hans.
Ziegel frommt dem Unterleibe
Drauf die Haube hölzern rollt.
Dank dem Krühring taugts dem Weibe,
Daß Respekt die Brise zollt.
In des Turmes höchstem Söller
Stehen Mahlwerk, Pumpe, Walk,
Einst als Kind wollt ich ein Möller
Sein mit großem Blasebalg.
Was das Öl von Lein und Palme,
Vom Getreide Schrot und Mehl,
Was des Windes Jubelpsalme
Macht zu Kraft und Geists Befehl,
War mir stets ein Fabelwesen,
Windsbraut, die besteht und fährt,
Und der wahre Hexenbesen
Den des Sturmes Grimm ernährt.
Herrlich ists den Elementen
Unvermittelt wie die Mühl
Abzutrotzen solche Renten,
Daß die Freiheit fand Asyl.
Oft hat man in Müllers Stube
Sehen wolln den Menschenfeind,
Doch der Herr von Nacht und Grube
Mir in andern Zünften scheint.
Da man schürft nach schwarzem Golde,
Legte Dampf die Mühlen lahm,
Und der Zechen Nachtkobolde
Zeigten nicht geringste Scham.
Nicht das erste Mühlensterben
War nicht Teufels Meisterstück,
Denn im Krieg galt es Verderben,
Wich das Kohleflöz zurück.
Also ward die Windesgute
Deren Rohstoff nie versiegt,
Wieder ganz von deutschem Blute,
Die da steht, wenn vieles liegt.
Doch des Friedens neue Herren,
Rasch verboten Mühlenbau,
Daß der Industrie zu sperren
Sich nicht gar der Freie trau.
Und schon bald, die Reichen reicher
Machend, kam der Mühlenbann,
Da mit Prämien stehn Vergleicher
Frohen Augs zum Abriß an.
Auch in Karlsruh sahn die Richter
Dies gesetzhaft und gemäß,
Weil die Mühlbetriebsvernichter
Zahlten jedes Scheißgesäß.
So sind Mühlen heut Museen,
Und wenn neu, so unbemannt,
Denn der Staat würd pleite gehen,
Gäbs der Freiheit Unterpfand.
Also ist die Mühlenliebe
Schon zum Aufstand ein Fanal,
Was dem Spanier Hollands Hiebe,
Warn die Mühln in großer Zahl.
Darum hebt und reckt die fesche
Vrouw Johanna ihre Brust,
Einmal kriegt der Teufel Dresche
Und die Müllerin die Lust.
Vers 29347 bis 29386:
Haben diesen Punkt die Füße
Froh erreicht, laß Abend sein,
Schick dem Sternenhimmel Grüße
Und vertrau dem roten Wein,
In den sanften Meereswinden,
Trägt das Zelt dein Wanderstock,
Daß dich gute Träume finden
Unterm Himmel an der Knock.
Stets berühmt war diese Stelle,
Wo dich grüßt der Alte Fritz
Und das Schöpfwerk nächste Quelle
Zu des Dollarts Mundbesitz,
Wird der Wind ein wenig rauher,
Folgt dem Wein ein guter Grog,
Denn das Herz wird dir nicht sauer
Unterm Himmel an der Knock.
Ferner rückt die Stadt dem Raster,
Denn das Ohr mag Vogelschrein,
Wer da faselt von verpaßter
Kaufhausmeile darf nicht rein
In das Zelt, wo fröhlich zechte,
Wer nicht mag Profit-Gezock,
Und sich seine Heimat dächte
Unterm Himmel an der Knock.
Zwar ging manche Schlacht verloren
In den Poldern, die wir sahn,
Doch wir wurden nicht geboren,
Daß versänk der morsche Kahn,
Folgen schließlich noch Liköre,
Laß ich gerne Schuh und Sock,
Bis ich hell die Engel höre
Unterm Himmel an der Knock.
Sie dem Herzen ausbedungen,
Treffen auch des Herzens Ton,
Technik hat sie nicht verschlungen
Und sie faßt kein Grammophon,
Und zu dem Wacholdergeiste
Passen nimmer Pop und Rock,
Darum laß getrost das meiste
Unterm Himmel an der Knock.
Vers 29387 bis 29470:
Kleiner Kreuzer der Marine,
Danzigs Kind im Jahre acht,
Lehrzeit zeigt dir gute Miene
Bei der Hohenzollenyacht.
Zu der Argentinier Feier,
Daß sie hundert Jahre frei,
Bringst du Grüß vom deutschen Meier
Und aus Kaisers Reichskanzlei.
Deutsch-Samoa läßt dich dampfen
Bis dich der Pazifik kennt,
Deine Kolben fröhlich stampfen,
Daß dein Volk zur Sonne fänd.
In Ponape die Chinesen
Geben ersten Vorgeschmack,
Was des Krieges Sinn und Wesen,
Wie ein Kratzer schmückt den Lack.
Hie und da ein paar Gemetzel,
Sorg und Pfleg du nie vermißt,
Denn so reich wie König Etzel,
Ist die Fahne, die du hißt.
Aber dann ziehn sich die Fronten
Grad wie Schlingen um das Reich,
Die sich in Erfolgen sonnten,
Werden auch im Krieg nicht weich.
So auch du, die gern versenken,
Trügt des Schornsteins Britenart,
Vom Geschwader abzulenken,
Brichtst du auf zur Kaperfahrt.
Wolf im Golfe von Bengalen,
Bringst in einer Woche vier
Wohlbestallte Britenschalen
Auf und bist der König hier.
Forsch den höchsten Preis zu losen,
Fuchs im Hafen von Penang,
Feuerst Russen und Franzosen
Blitzhaft in den Untergang.
Auch ein Landungsunternehmen,
Fast mit Mauser und Pistol,
Macht die Feinde starr wie Schemen
Und vermehrt des Reiches Wohl.
Doch den Funkruf der Verschreckten
Fingen die Australier auf,
Da die Emden sie entdeckten,
Nahm das Schicksal seinen Lauf.
Früh dein Ausguck sah das Rauchen
Und verließ den Landungstrupp,
Die Kanonenrohre fauchen,
Daß sich so der Feind entpupp.
Keine Treffer zu beklagen,
Dein Geschütz da besser zielt,
Und dem Tom gehts an den Kragen,
Sein Entfernungsmaß verspielt.
Eine weitere Granate
Trifft ins Munitionsdepot,
Wär sie nicht ein blinder Pate
Sänk die Sydney lichterloh.
Doch der Feind hat beßre Waffen
Und nach dem vertanen Glück,
Muß das Ruder bald erschlaffen
Und es brennt so manches Stück.
Noch dem Sinken auszuweichen,
Läufst du aufs Korallenriff,
Dies war nicht ein Kampf von Gleichen,
Emden weint um dich, sein Schiff.
Da noch weht die deutsche Fahne,
Wirst du Leiche noch gequält,
In dem aufgegebnen Kahne
Deutschland weitre Tote zählt.
Die an Land zu schwimmen suchten,
Sind vermißt für alle Zeit,
Tags darauf die Gut-Betuchten
Nahmen auf das deutsche Leid.
Als ein Wrack bliebst lang du liegen,
Später der Australier nahm,
Was ihm Schmuck zu seinen Siegen
Schien und ins Museum kam.
Doch im Reich hat deines Ruhmes
Nie sich mehr ein Schiff erfreut,
Und im Glanz des Königtumes
Wird von dir erzählt bis heut.
Emden gab dem Kapitäne
Ehrenbürgschaft und die Leut,
Die gedient auf der Domäne,
Emden jetzt im Namen freut.
Vers 29471 bis 29510:
Früh ward hier das Recht der Friesen
Ohne Herrn im Reiche frei,
Liebt der Kiebitz feuchte Wiesen,
Schnepf und Graugans sind dabei,
Trifft der Goldne Regenpfeifer
Rotschenkel und Nonnengans,
Träumt in wohlbezähmtem Eifer
Kindesglück des Rheiderlands.
Erst dem Ommelande Schwestern,
Trieb der Dollart einen Keil
In die Marsch, daß diesen Nestern
An der Ems ward nächster Teil,
Zwar hat Calvin hier vor Luther
Mehrheit und den Führerkranz,
Aber Holland ist nur Butter
Für den Fries des Rheiderlands.
Dreist die Groninger beschenkte
Der Tyrann von Korsika,
Doch obgleich er Schmuggler henkte,
Warn zuletzt die Briten da,
Bei Hannover und ostfriesisch
So bei Gretel und bei Hans,
Blieb die Aussicht höchstens diesig
In den Poldern Rheiderlands.
Auch die schlimmste Niederlange
Deutschlands nutzte Oldambt nicht,
Denn die Sieger sahn die Frage,
Wem das Land in anderm Licht,
Sammelt Helgoland Berserker
Aus den Gaun zum Friesentanz,
Kimpern Gulden nicht, doch Märker
Aus der Sternfahrt Rheiderlands.
Preußen sammelt die Verwaltung,
Und die Kreisstadt heißt nun Leer,
Doch dies ändert nicht die Haltung
Und des Mittelalters Ehr,
Für den Fries ists keine Frage,
Wer des Reiches Kopf und Schwanz,
Und in jedem Saufgelage
Siegt der Witz des Rheiderlands.