Zu lernen, daß jede Zeit erfüllt ist,
Auch die leere, die nichtssagende, die einfach wartende,
Denn auch das Warten ist Erfüllung.
– Usinger
Vers 1111 bis 1130:
Wie gnadenreich in Lauheit bricht Gewitter,
Gebärdenlos der Ton stieg unzerkrankt,
Und fremd all den Bedenklichkeiten Dritter,
Entspinnen sanfte Flügel sich und Splitter:
Musik, die Körper war und so verlangt.
Ins Körperliche treibt das Ungefähre,
Im Ganzen wurzelnd und von ihm bewacht,
Doch was, von ihm begnadet, Raum und Sphäre
Gewinnt, als ob es ihm entwachsen wäre,
Ist Eigentum der dichterischen Macht.
Ob sich die Gnade in die Schluchten senke?
Und Echo, die auf schroffen Schrägen steht,
Vertrauen faß und sich dem Körper schenke,
Ob andre Stimme sei und sein gedenke,
Denn was dem andern denkt, ist ihm Gebet.
Doch das Gedicht durchzieht der Reim: erdulde
Und sei dem Schatten, es verkörpernd, gleich.
Ob er dem Traum, der dies geschaffen, hulde,
Ob er ihm voller Scham zu schweigen schulde,
Der Dichter wacht allein im Gnadenreich.
Vers 1131 bis 1150:
Sein Blick vergilbte rasch im Regenschauer,
Dem Trommeln früher Ungeduld, doch tief
Betäubt vom Lied der unbemeßnen Trauer,
Ergab er sich dem Schmerz, der ihn beschlief.
Wie karg erfuhr das Heim der reifen Rebe
Den roten Rauch versehrten Traumgelalls!
Er fiel wie Tau aus sommerlicher Schwebe
Und jüngte sich in seiner Lust des Falls.
Und wie er kindlich schrie in Weh und Wonne
Und seinen letzten goldnen Tag durchlitt,
Entflohn die Götter mit der Abendsonne,
Und der in ihm ging ohne Zögern mit.
Doch ihr Verstummen steigerte das Rauschen
Der Schwingen, die dem Fallenden Geleit,
Er sah die Götter seine Masken tauschen
Und wachte in gelöster Heiterkeit.
Da klang aus den Vergessenheiten wieder
Im welken Licht sein eigentliches Maß,
Er schrieb der Sommer Seligkeiten nieder,
Verlorene, die er nun ganz besaß.
Vers 1151 bis 1164:
Jüngst sah man dich in deinem Lebensraum
Zum ersten Mal, nachdem man lang gemeint,
Du seiest vor Jahrtausenden versteint
Und bloßer Abdruck und zuhaus im Traum.
Als Vetter von Amphibium und Fisch,
Verschwägerst du das Land dem Ozean,
Mit dem Tyrannosaurus abgetan,
Fand doch Refugium dein Gestalt-Gemisch.
So seis, daß manches noch dem Traum entweh,
Wie Troja einst erstand aus Lied und Mär,
Und so der Aberglaub zugrunde geh,
Daß längst erforscht und entgeheimnist wär
Die Welt und daß dem Menschen untersteh,
Was heil dem Aar, dem Pottwal und dem Bär.
Vers 1165 bis 1178:
Erretteter vom Clan der Ammoniten,
In deinen Kammern, die sich jeder Hast
Verweigern, ist der Königsweg gefaßt,
Drauf Urzeitwesen durch die Wogen glitten.
Wie Perlen strömt das Gas aus deinen Reifen
Und macht dich jedem Tiefgang schwer und leicht,
Wer solches Maß an Innenraum erreicht,
Der trägt in sich, was andre schwer begreifen.
Wer wollte deiner Weisheit sich vergleichen,
Dem Lochaug und dem klebrigen Tentakel,
Und will sie gar noch mit Trophän erschleichen?
Wer nicht erstarrt vor solchem Meer-Mirakel,
Erschaue nie ein solches Lebenszeichen,
Denn er führt jedes Reich in ein Debakel.
Vers 1179 bis 1192:
Wir waren ohne Raum, und die Gesänge
Berührten deine Lippen, bleich, verbittert,
So furchterfüllt, daß es mir schien, dich dränge,
Ein Hauch hinweg, der dein Gesicht zerknittert.
Und deine Stimme, die gepeinigt zittert,
Versagte fast im Schwergewicht der Zwänge
Und stolperte durch Melodien, zersplittert,
Verbrannte Bilder und zerstörte Strenge.
Du wolltest nicht, was offenbar, benennen,
Daß mir allein die Kunst gehört, zu trennen,
Die alles schlang, was uns zugleich beseelte.
Doch fände, wenn wir das Gedicht verbrennen,
Mein Herz nicht andre Waffen zu bekennen,
Daß es das Glück auf immerdar verfehlte?
Vers 1193 bis 1220:
I
Der dunkle Tropfen deines Augs verginge,
Und Federn fielen ab von deiner Sohle,
Gebär den Himmel nicht und seine Schwinge
Die unverhüllte Sprache der Symbole.
In ihnen wohnt, was aller Traum ersonnen,
Und was den Tiefen mengt das Abwärtsweisen.
Und was wir leichthin und im Licht bereisen,
Ward ihren Schattenspielen abgewonnen.
Sie sind bedächtig eingefügt dem Drange
Des Geistes, der im ewigen Gesange
Sie Runen nennt und raunende am Rande
Der Wasser und sich sicher wähnt im Lande,
Doch wechseln sie, wie Spieler tun, Gewande
Und schrecken ihn als ungezähmte Schlange.
II
In allen Dingen ruht derselbe Glaube,
Der tiefer als das Leben in Figuren
Das Urbild wahrt, damit es erst erlaube
Der Zeiten übergroße Lebensuhren.
Das Handeln, das auf pergamentnen Schalen,
Die leicht zerreißen können, glaubt inmitten
Der Macht, die es verwirft, den Initialen,
Die es vom Wahn der Dinge abgeschnitten.
Doch stünde es um Himmel auch der Frühe
Nicht traurig, dürften solche Eitelkeiten
Zu Zorn, zu allzu-menschlichem verleiten?
Und ist nicht Wahn genug, daß es der Mühe
Der Tiefen, die der Traumtanz aufgebrochen,
Bedürfte, solchen Mut zu unterjochen?
Vers 1221 bis 1240:
Sie liegt, und ihre Lust ist ungebunden.
Sie singt die Worte, die ich nicht verstand.
Sie spielt, und sie verachtet alle Stunden
Und kommt und geht gefeit und unerkannt.
Wer glaubte nicht, daß ihre losen Schritte
Die Müdigkeit, die uns betrifft, verschon
Und daß sie den Verlust von Mut und Mitte
Nicht kenn im sorglos hingehauchten Ton?
Der Glaube aber darf nicht lange dauern,
Der Wille ist gefordert, daß sie kehr.
Ihr Lied mag in den Rosenhecken lauern,
Allein ich wollte nicht, dort säße wer.
Sie wird für mich kein Instrument gebrauchen,
Nicht Wunder, die die hohe Schule schafft,
Sie darf aus den Vergessenheiten tauchen,
Solang sie ihnen gleicht und ihrer Kraft.
Im Sporenstaub und wo die Stümpfe eitern
Durchforstet sie den Herbst und flicht ihr Haar,
Sie lügt und wird mit einem Lächeln scheitern
In Gärten, wo sie singt und niemals war.
Vers 1241 bis 1254:
Er sieht die Schatten seinem Aug entschwinden.
Die Stunde höchster Glut und höchsten Glanzes
Erklimmt das Klanggebild des Tags als ganzes
Und läßt die frühen Himmel sanft erblinden.
Sie senkt sich, seine zarte Haut zu streifen,
Daß er, als ob er jäh sein Los erführe,
Fragiles Traumgerüst der schmalen Türe
Entgegenschwenkt, daß es die Blumen greifen.
Gespinste allem Pflanzlichen entragen,
Ein feiner Duft, ein Winken, scheu im Winde...
Ein Riß, ein leiser Ruf... Der Leib verblutet
Und sinkt, doch will die Nachtgewalt der Sagen
Vergottung, daß die Stunde nicht entschwinde,
Da rings Gelall entflammten Hag durchflutet.
Vers 1255 bis 1268:
Wars Traum, wars Tag, da aus dem Ungeteilten
Mich seltsam süßes Weh vom Lager zog,
Daß enge Spalten meiner Lust im Sog
Als Raum und Eingangsweg entgegeneilten?
Ich fühlte meine Macht, den Born zu fliehen
Und ihm zu nahn in Spiel und Wiederkehr,
Und wachte auf, und ich beschrieb, wie er
Dem Halbschlaf zweites Angesicht verliehen.
Und selbst Versucher, kor ich ihn zum Wallen,
Zum Flugesquell, zum phallischen Gefährt,
Nach Tiefen toll, gefeit hinabzufallen.
Doch ach! was mir den freien Flug genährt,
Verwandelt sich und zeigt vergeßne Krallen
Aus einem Schlaf, der dann für immer währt.
Vers 1269 bis 1282:
Es widerhallt die Formlust der Zerstörung,
Wenn Tollhausengel die Verwesung kränzen
Und schluchzen die Geweihten, die Betörung
Und wilder Taumel treibt in ihren Tänzen.
Als wären sie von giftigen Skorpionen
Geritzt, umkreisen sie den schwarzen Pudel,
Zu sinken vor den eingestürzten Thronen,
Schakalen gleich, genießen sie den Strudel.
Die Runendeuter flohen die Krawalle,
Doch Wölfe wetzen Schneidezahn und Kralle
Und stehn im ersten Frührot, weiß bereift.
Noch schweben die Girlanden in der Halle,
Und jemand spricht von einer Mausefalle,
Die tief ins Fleisch, ins scharlachrote, greift.
Vers 1283 bis 1296:
Noch einmal kehr ich heim zu den Ruinen
Und glaube fast, es sei noch alles offen
Und alles, was der Traum verhieß, zu hoffen,
Obwohl die Brücken keinem Tage dienen.
Sie wachsen zwischen Träumen und Gedichten,
Versiegelten, von außen nicht zu brechen,
Wie Hauer, die verschüttet sind in Zechen,
Durchgraben sie die abgelebten Schichten.
Nur Tote ihrer Ankunft harren dürfen,
Sie haben Zeit, und wie sie näher schürfen,
Vernehmen sie sehr gut in ihrer Stille.
Wir aber spiegeln Salzkristall und Rille
Allein im Blut, draus ihr verschwiegner Wille
Den Mythos lebt, den sie vielleicht verwürfen.
Vers 1297 bis 1310:
Die Wand, die weiß ist und vielleicht die Leere,
Erscheint euch lauter und dem Zeichner hold,
Vielleicht, daß sie ihm ihre Achtung zollt
Und ihren Spott im Übermaß: Begehre!
O Eitelkeit! Ich bin der Hahn, Altäre,
Bedeckt mit Leder, Chinalack und Gold,
Sind Mode nach der Mode und umtollt
Von Konjuktiven: wollte, würde, wäre...
Die Farben reimen, und die Reime färben,
Die Materialien möchten sich verderben,
So wie der Gott, der in der Maske wohnt
Und der nicht weiß, ob sich, das Fell zu gerben
Und um der Elemente Gunst zu werben,
Auch noch im Jenseits aller Werte lohnt.
Vers 1311 bis 1322:
Der Bundeslade bar im Weltgewander,
Bist du der Schmetterling im Salamander.
Du trauerst durch die welkenden Pergolen
Europa nach, vom Himmelsstier gestohlen.
Und fleckst, gemischt aus streitenden Naturen,
Mit deinem hellen Blut die Pantherspuren.
Die Engel künden vom Triumph der Tage,
Du aber hörst sie nicht in deiner Klage.
Die Trauer zu vergessen, spielt die Flöte,
Doch dir wird keine Nacht, die Abendröte
Hast du ersehnt und dunklen Augs gemieden...
Die Geier kreisen lang und unentschieden.
Vers 1323 bis 1392:
I
Er steht am Wegrand wie vor langen Jahren,
Gealtert nicht und trägt dieselben Kleider,
Als wär, was Zeit seit jener Zeit erfahren,
Geträumt und er Beweis der Einheit beider.
Jedoch er kennt mein Auge nicht, wie sollte
Er auch mein fremdes Wort verstehn, dasselbe
Nicht mehr, das einst am Uferweg der Elbe
Zerfließend alle Zeit zerbrechen sollte.
Er ist ein andrer, doppelt mir verloren,
Wenn dieser ist, ward jener nie geboren,
War jener, dann ist dieser Trug und List.
So mag es sein und mag dem Schalk gefallen,
Dem sich die Wasser auf den Händen ballen,
Der uns in Wolken hebt und dann vergißt.
II
Ich schwang mich ein und schnürte die Sandale
Mit Leichtsinn, unter Sterblichen vonnöten,
Und Jugend, ihren dumpfen Trott zu töten,
Versöhnte Spiegelbild und Opferschale.
Du aber klagst den Nattern nach am Weiher,
Die sich in Häuten, kaum vertrauten, ringeln,
Du forderst, und ich soll dein Herz umzingeln,
Und doch erträgst du Lohe nicht und Leier.
Wenn ich entschwand, so preist du meine Gilde
Und fertigst all den deinen Kunstgebilde
Und haschst nach dunklen Faltern, mir vertraut.
Jedoch ich hadre nicht mit meinem Amte,
Gefällt mir doch, daß der zum Staub Verdammte
Allein in mir sein eignes Antlitz schaut.
III
Du Wankelmut, der aus den Himmeln brandet,
Du Hirte aller Untreu Gram und Gnade,
Wer rief die Leier dein, als ihr Gestade
Der ausgestreckten Hände wiederfandet?
Wie lieb ich deinen Gang, die Wolkenpfade,
Daran die Zeit und ihre Prüfung strandet,
Zwar bin ich nicht auf dem Olymp gelandet,
Doch Federflaum gedeiht an Zeh und Wade.
Ich fülle die Quadrate mit Parabeln,
Such Geist und Trieb von Gaia abzunabeln
Und will als Gott, was ich begehr, beschlafen.
Doch überträf ich auch in Fahrt und Fabeln
Dein Reich, der Punkt, da sich die Pfade gabeln,
Blieb dein und ich nur eins von deinen Schafen.
IV
Wir gleichen lautlos eingefangnen Schwänen,
Die sich durch unsichtbare Gitter zwängen,
Die Stunden ziehn durch Müdigkeit und hängen,
Zerbrochnen Rudern gleich, aus morschen Kähnen.
Wir spielen Würfel und mit Drachenzähnen,
Und Haschisch soll die Düsternis verdrängen,
Wir pokern und wir tun, als ob wir sängen
In Trauer und mit kaum verhaltnen Tränen.
Wie unbewacht sind Harfe, Laute, Leier,
Wer weiß, ob dieser allerlängsten Feier
Ein derber Schalk nicht Requisiten tauscht?
Ob er nicht stolz und schadenfroh vernichtet,
Was sich schon lange satt hat und gerichtet,
Die Nächte, künstlich, welk und aufgebauscht.
V
Er jagte sommers nach den Schwalbenschwänzen
Und staunte, wenn sich einer jäh verfing,
Verließ die Armut vogelfrei und ging
Verwandlungshungrig über seine Grenzen.
Sein Talisman verriet im Fieberglänzen
Die hohe Kunst und das Orakel: schwing
Dich mit dem Traum und rühr den Siegelring!
Er stahl sich frei in überlangen Tänzen.
Er hat der Erde Drachenbauch geschwärzt
Im Nordlicht, das geheime Wege weist.
Als Meisterdieb, der mit den Bildern scherzt,
Blieb er die Galerie, und Wasser gleißt,
Auf dem Parkett, das allen Sturz verschmerzt
Und auch den körperlich gemachten Geist.
Vers 1393 bis 1416:
Wechsel der Wachheit: Erfahrung,
Spielerisch, tanzenden Schritts,
Ahnde Gewinn und Verwahrung,
Schlüssel im Schlüsselbesitz.
Wer ist das Pfand, wer der Pfänder,
Wer ist der Gärtner, der Baum?
Noch überschattet die Ränder
Mailich bewußtloser Flaum.
Trittst du hinaus aus der Zelle,
Wartest du lüstern am Hang:
Schmiegsamer Halm, eine Welle,
Falter, verpuppt, nur ein Klang...
Wer ist der Flug, wer der Flügel,
Wer ist die Fläche, der Saum?
Noch überschattet die Zügel
Mailich bewußtloser Flaum.
Wirklichkeit: eitles Erhoffen,
Wandelbar -- fragst du, wohin?
Jedes Geheimnis ist offen,
Alles verkündet: ich bin.
Wer ist der andre, der echte,
Wo ist die Treue, der Traum?
Noch überschattet die Mächte
Mailich bewußtloser Flaum.
Vers 1417 bis 1456:
Traumwind: Versuchung der Hüter,
Raunen im stillesten Hain,
Blöße der heiligsten Güter,
Rufe aus Brunnen: Tritt ein!
Taugeperl, atementstammend,
Senkt sich erhaben und reinst,
Golden im Mythischen flammend,
Wandelt sich alles zum Einst.
Traumdunkel: weltab entfernte
Heimat, den Göttern zuvor,
Eine von Zwergen entsternte
Sage verriegelt das Tor.
Sprüche gekreuzigter Schlangen
Tanzen auf farbigem Nichts,
Und unser großes Verlangen
Krümmt sich im Joch des Gewichts.
Traumsturz: gefällte Heroen,
Wölfischen Rudeln zur Lust,
Hölzernen Scheiten entlohen
Namen, vorzeiten gewußt.
Darf ich dir wiederbegegnen,
Dunkler Karfunkel der Nacht,
Wirst du mein Opferblut segnen,
Frühesten Träumen gebracht?
Traumtod: die uralte Weise,
Stein, der Metalle in Gold
Wandelt, die Engel sind leise,
Aber das Heil ist gewollt.
Weißt du es noch, wir erkannten
Manchmal einander so licht,
Waren die himmlisch Gesandten
Jenseits von Sturz und Gericht.
Aber wir tragen das Zeichen:
Blitz, der die Weltesche spliß,
Lassen Orakel erbleichen,
Ist uns Erfüllung gewiß.
Was wir nur heimlich vermuten,
Ist uns beschlossen von je,
Fremd und allein zu verbluten,
Traumwind voll Asche und Weh.
Vers 1457 bis 1504:
Zwischen Pilz und Moosen,
Farn und Hörnerschall
War im Morgenlosen
Lerche Nachtigall.
Ein Marienkäfer
Flog ins Liebestal,
Und der nackte Schläfer
Seufzt zum letzten Mal.
Nur die Wolken hören
Seinem Schweigen zu,
Und die Tiere stören
Keine Abendruh,
Seine Locken fallen
In die Augen, blind,
Und von Trauer hallen
Lieder, sein, im Wind.
Eine Bienenwabe
Süßes Weh der Nacht
War die Göttergabe,
Die er heimgebracht,
Fackel losch, Verhängnis
Hat den Kelch gelehrt,
Seine Traumempfängnis
War ein Lilienschwert.
Welcher es geschwungen,
Blieb ihm unbekannt,
Als sein Lied verklungen,
Leerte sich das Land,
Ob er wiederkomme,
Ob er ihn erkenn?
Ob sein Licht ihm fromme,
Ob es ihn verbrenn?
War der Schwan ein weißer
Oder schwarz wie Ruß?
Hoch zu Roß der Kaiser
Oder arm zu Fuß?
Wenn wir früh erwachen
Einsam und verkannt,
Scheint ein Haus des Drachen
Uns die Nebelwand.
Lämmer, weiß und Schwäne
Barg der Drachenhort,
Seine letzte Träne
Wischt ihm keiner fort.
Pan, der große Schäfer,
Wacht im Haus des Leu,
Doch der wunde Schläfer
Bleibt dem Traum getreu.
Vers 1505 bis 1518:
Ein samtnes Violett thront überm Weiher,
Als er erstarrt. Und die Verfallsgefeiten
Sind dort, wo man die Flöte spielt. Die Saiten
Der Lyra rührt der Parzen Purpurschleier.
Den Holden ficht Gesindel nicht, den Geier
Und alle Räuber, die Verrat begleiten,
Bannt seine Schönheit, aber Nacht entschreiten
Die Blinden zu Gesang und Totenfeier.
Das reinste Licht muß ihrer Hoheit weichen,
Wenn aber Eis zerfloß, wird niemand finden
Den Leichnam, vom Verfallsinsekt umsummt.
Allein der Sänger darf im Traum erreichen
Die Schrecknis, um den Sang zu überwinden.
Er schaut den Schwan gefangen und verstummt.
Vers 1519 bis 1582:
Sagbares, Sagloses,
Scheiden, Vermischen,
Wort -- und ein großes
Wortlos dazwischen...
Ferge, der fern ficht,
Ließ dir, entflohn,
Weltdorn im Sternlicht,
Abschied und Mohn.
Wo dich das herbe
Dollkraut begeistert,
Hast du das Erbe
Noch nicht gemeistert,
Silbernem Meerschaum
Wolf und Skorpion,
Eint dich der Gertraum,
Heimkunft und Mohn.
Furchtbarer Frevel
Holdet die Herzen,
Brennender Schwefel
Fiel, euch zu merzen,
Wollust und Wein blieb,
Hornstoß, ein Ton
Flog, als euch eintrieb
Urgrund und Mohn.
Wiederkunft, Sage,
Klaglaut an Weihern,
Siebenfach Plage,
Stäbe, blank, bleiern,
Kreisen, Gewalt schwand,
Vater und Sohn
Dir, der Gestalt fand,
Mannheit und Mohn.
Weltnacht, von allen
Morgen geschieden,
Los warf, gefallen
Den Ikariden,
Blöße und Blutspur
Rahmen die Forn,
Zwei sind dir gut nur:
Häutung und Mohn.
Schirmst du den Toten,
Treu deinem Eide,
Trägst du des Boten
Schwert in der Scheide,
Fleckt es den Fang rot,
Leid dir und Lohn,
In den Gesang loht
Aufstieg und Mohn.
Sinne nach Namen
Für seine Taten,
Alle, die kamen,
Hast du verraten,
Nahen sie nachtfahl,
Spät ist es schon,
Töne dir achtmal
Lobsang und Mohn.
Schöpfe aus Lethe
Alle Gedichte,
Wassermann trete
In die Geschichte,
Niederen Zweck sühn
Blut des Adon,
Sein im Hinwegblühn --
Weckruf und Mohn.
Vers 1583 bis 1614:
Er lebt von Bildern, die wir blind erkoren,
Aus Träumen, die den wachen Mut erschrecken,
Er ist wie wir aus Schmerz und Blut geboren,
Aus Tropfen, die des Vaters Mantel flecken.
Sein Reichtum, wohlverwahrt in Silberkrügen,
Wird jeglichem gerecht, was je geschehen,
Er bringt den Krieg, doch seinen Falterflügen
Erwächst Geduld, daß wir das Los bestehen.
Im Gletschereis allein auf hoher Warte,
Darfst du von seiner Heiterkeit gewinnen,
Von Stab und Kelch trägt er die Asenkarte,
Von Schwert und Münze Acht und Königinnen.
Du wirst die zwei in einem dritten einen,
Doch er ist stets der vierte der Kabiren,
Dir möge Hermes geistgezeugt erscheinen,
Jedoch der Einfall liegt bei seinen Tieren.
Was dir zum Gott geriet aus bunten Steinen,
Ist nur der Schleier über dem Altare,
Du findest ihrer tausend, aber keinen,
Der dir, Narziß, den andern offenbare.
Vielleicht wird ihn der Waffengang versöhnen,
Vielleicht das Einhorn, das zur Mittagsstunde
In Wälder tritt, um Manneslust zu frönen,
Bis er die Kelche füllt an deiner Wunde.
Sei sicher, er verachtet nicht dein Wappen,
Er sammelt gern den Schmuck gefallner Ritter,
Doch deine Künste taugten nicht zum Knappen,
So wie dein Tag, zu kalt für sein Gewitter.
Er zeigt sich spät und pflanzenhaft gelasssen,
Er gibt die Rätsel auf und mischt die Karten.
Dich aber werden Hund und Henker fassen
Wie alle, die den hohen Tag erwarten.
Vers 1615 bis 1650:
Auge, auf pfadlosen Klippen
Hast du zu schauen gelernt,
Mächte, die wogen und wippen,
Haben das Dunkel besternt.
Gaben die Kunst, die dem Hellen
Schultern und Schenkel geraubt,
Strahlen, die sanglos zerschellen,
Wenn es die Braue erlaubt.
Dein sind die Wunder, das Werden,
Unter dem mächtigen Zelt
Treiben die Hirten die Herden,
Bis sie die Nacht überfällt.
Schweigen und dumpfe Gerüchte
Peinigen Herzen und Ohr,
Ob sich der Himmel auch flüchte,
Du bist dem Anfang zuvor.
Lippen, zerbissen, und Rosen
Faulen im Sagengeflecht,
Und im Novemberwindtosen
Klagt das entführte Geschlecht.
Du aber wachst, wenn die Lider
Willig sich schlossen, es weilt
Alles im Kern, wenn der Glieder
Wunde, vergiftet, nicht heilt.
Zwielicht um silbern Bereiftes
Spielt im erstorbenen Hain,
Entweder niemand begreift es,
Oder du fängst es allein.
Auge, geheim offenbare
Brücke von Traum und Ruin,
Schatte den Mittag und schare
Alles, was Licht hat, für ihn.
Balsam für Glieder und Lippe
Hast du und handelst doch nicht,
So bist du selber die Klippe,
Die alle Brandung zerbricht.
Vers 1651 bis 1670:
Wo auf verlaßnen Trümmerwelten
Die Wüste herrscht mit Spiel und Spott,
Dort schimmern aus den großen Kälten
Der Mensch und seine Spiegel: Gott.
Die Wüste und die Einsamkeiten,
Im Wolkenschnee, im Blut gestaut,
Und die Gestirne aller Breiten
Sind aus Versuchung aufgebaut.
Doch was sind Tote, unbestattet,
Wenn der Gedanke sternhin treibt
Und hoher Mut, von Wahn beschattet,
Mit Blut die letzte Weisheit schreibt?
Und was sind Gram und bleiches Bangen
Im Traum, der keine Tat gewinnt,
Was Täler, die nur aus Verlangen
Bestehn und nichts als Spiegel sind?
Der Himmel hegt dieselben Stürme,
Die abgrundtief das Herz besitzt,
Er wird zum Schoß, wenn er die Türme
Beneidet und sie jäh zerblitzt.
Vers 1671 bis 1710:
Geschmähte, umschwärmte
Gespielin Gefahr,
Die Schatten erwärmte,
Wenn niemand mehr war,
Die oftmals zu leichte
Auf Welle und Schaum --
Wer weiß, ob sie reichte
Den Sternen, dem Traum?
Versprechen und Bitte:
Sei wenigstens Feind!
Was ist an der Mitte
Nun mein und gemeint?
Die jedermann feile
Auf Welle und Schaum
Entriß ihre Teile
Den Sternen, dem Traum.
Und später? Verstummte
Auch Gott nicht zuletzt?
Doch sie, die Vermummte,
Verwindet das Jetzt.
Ob sie uns noch rettet
Auf Welle und Schaum
An Felsen gekettet
Den Sternen, dem Traum?
Am Ende? Die Schrecken
Von Dämmer und Brand --
Wer konnte sie wecken?
Wer hat sie bekannt?
Die Schärferin Lautes
Auf Welle und Schaum
Weiht all ihr Gebautes
Den Sternen, dem Traum.
Nun frag, die Befragte
Behütet das Bild,
Auch wenn das Gesagte
Die Sehnsucht nicht stillt,
Sie deutet auf jeden
Gewinnbaren Raum
Und, einzig nach Eden,
Den Sternen, dem Traum.
Vers 1711 bis 1750:
Rinnender Abend
Ohne Gewinn,
Augen vergrabend,
Suchst du nach Sinn,
Namen, vergessen,
Werben dich sacht
Aus den Zypressen
Einsamer Nacht.
Rufende Schatten,
Seltsam vertraut,
Hast du in matten
Farben geschaut,
Atem hat falbe
Flamme entfacht,
Lindernde Salbe
Einsamer Nacht.
Du bist von allen
Freuden entfernt,
Himmeln entfallen,
Starr und entsternt,
Heilige Worte
Hast du bewacht
Bis an die Pforte
Einsamer Nacht.
Aber die Türen
Mehren den Schlund,
Ausgänge führen
Tieferem Grund,
Früherer Tage
Hast du gedacht
Wie einer Sage
Einsamer Nacht.
Was dich in Splittern
Spiegelnd beschreibt,
In den Gewittern
Morgenlos bleibt,
Was dir zu singen
Formlose Macht,
Wissen die Schwingen
Einsamer Nacht.
Vers 1751 bis 1782:
Im Dämmer, der Trost
Und Hoffnung zerschlug,
Das Dasein, erlost,
In Wegloses frug.
Im schattigen Grund,
Geschehn und gewollt:
Von aschigem Mund
Gezeichnetes Gold.
Wer ankommt, vernimmt
Das Ziel nur noch zag,
Das Bild, das verschwimmt,
Durchgeistert Geklag.
Den Dreifuß, den Spat
Gebräunt im Verlust,
Umwölkt der Verrat
Des späten August.
Und was dich Vulkan
An Wundern gelehrt,
Ward alles zu Wahn
Und Wehmut gekehrt.
Im Taumel verrät
Die Herbstmelodie:
Du folgtest zu spät
Wie immer und nie.
Die Bitternis, mürb
Zerreift in der Frucht,
Gebietet: Nun wirb
Um Lippen der Sucht
Und saug, bis im Krug
Gewesenes schwillt,
Und sei es auch Trug,
Durchfliege das Bild.
Vers 1783 bis 1806:
Halt ein, bestaubter Pilger,
Der seinen Stern verlor,
Es überragt den Tilger,
Was sich zum Sein erkor.
Was ist schon ausgestanden
Nach jedem Widerruf?
Verwandelt, doch vorhanden,
Was sich im Traum erschuf.
Wird je ein Traum vergilben
Und herbstlich mürb verwehn?
Du klammerst dich an Silben,
Als dürften sie bestehn.
Dich haben Stern und Erde
Durch deinen Traum gehetzt,
Und dein Gedicht gebärde
Sich niemals unverletzt.
Was für ein Gott erdachte
Den Trank, der dich betrog?
Spürst du die traumentwachte
Gestalt, daraus er flog?
Entflieg! -- dich halten Täue,
Die kein Gefeiter schnitt,
Und Traum, Verrat und Treue
Ziehn ewig mit dir mit.
Vers 1807 bis 1830:
Der Schlangenbiß Schmerz
Begräbt das Gepreis,
Trochäus und Terz
Auf Todes Geheiß.
Er wankt um den Quell
Entzweiten Gesichts,
Drin Dunkel und Hell
Des Klagegedichts.
Und inne der zwei
Im Herzen, drin loht
Gewähn und Geschrei,
Die Wunde, der Tod,
Besingt er die Schuld
Des Lebens, des Lieds
In Ordnung und Huld
Geweihten Gebiets.
Gewappnet, gefeit
Am nächtlichen Hang,
Entthront er die Zeit
Für einen Gesang.
Doch da er vergaß,
Verwundbar zu sein,
Verletzt er das Maß
Und weiß sich allein.
Vers 1831 bis 1844:
Du flichst dich über Wacker und Terrassen,
Geringste Nahrung hoffend in den Ritzen,
Du willst kein fettes Wiegenbett besitzen,
Und weißt dich manchen Nöten anzupassen.
Doch kennt man dich als eine Bienenweide,
Du reicherst dich mit feinen Ölen an,
Wer Nektar aus dem kargen Los gewann,
Den nenn ich Dichterprinz im Kräuterkleide.
Solang ich den Verwandten oft zu grüßen,
Durch Steppenwälder und durch Gärten schleich,
Wird mir der Wackre manchen Tag versüßen.
Zwar fand ich noch kein Heim und eignes Reich,
Doch erntet das Gesicht mit wunden Füßen
Den Frühtau und den Vorgeschmack zugleich.
Vers 1845 bis 1858:
Du wanderst, überwölbt von stolzen Rüstern --
Woher? wohin? dies bleibt dir ungewiß,
Da dich der Weg dem frühsten Traum entriß,
Irrst du, nach seinen Fliedergärten lüstern.
Es sagt dir wer, Verschwommnes und Chimären
Kerbst du mit deinem Griffel in die Tafel,
Ein andrer meint, ein irrer Redner schwafel,
Unfähig Sinn und Anlaß zu erklären.
Wohl möglich, daß die Müh, dich zu bewegen,
Die Kraft fraß, die Gesichte festzuhalten,
Die sich wie Kraken um die Kehle legen.
Doch wird der Atem nicht zu früh erkalten,
Daß sich vermähl dem Reim der Ratersegen,
Daß recht du sagst dem Werden und dem Alten.
Vers 1859 bis 1898:
Wo nach Feld und Hügelkuppe
Südlich unser Garten schaut,
Stand seit je die Sträuchergruppe,
Die vorzeiten angebaut,
Reifen sie im Sonnenscheine,
Gibts nicht wenig zu verzehrn,
Beeren rings, doch zahlreich keine
Wie so rot Johannisbeern.
Zwar die schwarzen munden süßer
Als die Trauben säuerlich,
Doch die purpurhellen Grüßer
Warn schon früher hier als ich.
Zu versaften, zu vergrützen
Sind sie trefflich wie zu leern,
Gott mög unsre Beeren schützen
Und so rot Johannisbeern.
Sind sie nicht mehr so in Fülle,
Werd ich fremd sein unterm Blau,
Was dem Garten Kleid und Hülle,
Ich von beiden Seiten schau.
Zwar sind Himbeern mir viel feiner,
Und bei Brombeern gibts kein Wehrn,
Doch der Garten bleibt nur meiner,
Schirmen ihn Johannisbeern.
Immer war das früh Gefundne
Näher mir als spätrer Wuchs,
Was verging, als das Geschundne
Sah ichs und mein Zeichen trugs.
Nicht gewählt in Müh und Hoffen,
Nicht gefolgt dem erst Begehrn,
Wenn die Träume sich verstoffen,
Sinds gewiß Johannisbeern.
Und wenn alle Dämme brechen,
Und der Wandel alles schlingt,
Sind mir treu die frühsten Schwächen,
Wenn die Schwalbe kommt und singt.
Wenn der Groll der Tilger wütet,
Soll doch alles wiederkehrn,
Auch das Paradies behütet
Eine Reih Johannisbeern.
Vers 1899 bis 1940:
I
Durch meine Seele deiner Augen Schweben.
Den unbewachten Eingang findend, strich,
Bis endlich dieses angeschaute Leben
Dem ersten urverwandten Antlitz glich.
Und wie sich in den Hallen, drin sie gingen,
Auf Bildern ein Gefäd zusammenzog,
Umflatterte mein Herz mit kalten Schwingen
Des zweiten Höllenkreises Wahngewog.
Ich blickte nieder, schloß verzagt die Pforte
Und wappnete mir Augenlicht und Worte
Mit Fremdheit, die dein Weitergehn bestritt.
Doch dann, als ob sie sich mit mir vermähle,
Versank ich selbst in dunkle Spiegelsäle,
Bis ich in deinen Traum hinüberglitt.
II
Geviert der Furcht in kristallin vereister
Erstarrung, die als Summe deiner Bilder
Das Hirn beficht, sobald ich Schrecken schilder,
Vergehn sie, und ich bin dein Hexenmeister.
Ich habe mich aus jedem Reich verloren,
Wo sanft die Sommer, ahndungsvoll und trunken,
Und habe mir, dem frühen Licht entsunken,
Dein Unheil nun zum Aufenthalt erkoren.
Hier will ich, wo mich nichts erinnern kann,
Vergessen eines lichten Engels Flucht,
Sein Schwanenkleid, das rasch im Ried verwest.
Vergessen Zeit, da ich darüber sann,
Die große Sorge und die große Sucht,
Der du so fremd, daß du sie nie verstehst.
III
Zwei Bilder hat der Spiegel deiner Frage
Im Unheim stiller Reife ausgedrückt,
Und keines rettet, keines hebt und schmückt,
Und keines überwindet deine Klage.
Das erst flattert durch zerbrochne Dinge
Mit Anmut und mit viel Musik dahin,
Das zweite führt des gleichen zweiter Sinn
Im Kreis um des mißlungnen Fluges Schwinge.
Die Spiegelfremde darfst du nicht berühren,
Vermagst du dennoch hier hindurchzuschreiten,
Fliegt dir vielleicht die Überwindung zu.
Symbole und Orakel, dich zu führen,
Verbergen sich in allen Lebenszeiten
Am Saum des Wortes und im Schweigen: Du.
Vers 1941 bis 2024:
I
Ich warf dir einen letzten Kuß Verrat
Ins Urteil, selbst verfaßter Schrift entfacht,
Und sah den Schritt, der kurz nach Mitternacht
Die Zigarette, halb geraucht, zertrat.
Ich blieb mit Bildern hier, verbraucht und fad,
Von Nachtgestalten, blind und kalt, verlacht,
Ich hatte dir, was ich besaß, vermacht,
Bis ich dich trieb zu Wahn und Opfertat.
Die Liebe war wie der Verrat vergeblich,
Und unklar blieb im Morgendämmer, neblich,
Was war, was wird und was für uns bestimmt.
Und Zeiten, flink und im Entfliehn vergeßlich,
Zerdehnten sich und wurden unermeßlich
Im Zweifel, den mir kein Vergessen nimmt.
II
Ich muß dein Bild in einem Keller lassen
Und alles, was ich deiner Huld gestohlen,
Dort mag es sich ein armer Teufel holen,
Bekommt er noch den Rest von mir zu fassen.
Ich muß dich Schicksal nennen und verfluchen,
Ich greife keinen Sinn in meinen Taten,
Wir habe uns in Ewigkeit verraten
Und müssen uns in Ewigkeiten suchen.
Wir haben wohl verdient, daß man uns lohne
Den Übermut, aus dem wie riefen: schone
Doch lieber Spieler in geringrer Sache.
Und so umschwärmt mich deines Geistes Rache
In Traum und Tag, und wo ich horchend wache,
Vergesse ich die Stadt, in der ich wohne.
III
Ein Gift erhellt mir eine lange Straße
Und lädt den Blick, sich schwer hinanzuhängen,
Sein Name ist vertraut mit meinen Gängen
Und segelt fort wie eine Seifenblase.
Wie bin ich sein Gefäß, Zierat und Vase?
Vielleicht auch nur ein launisches Vermengen
Von Dämonie und Langerweil in Zwängen
Des Überdrusses, dem zerbrochnen Glase
So ähnlich, daß, ob ich es rühm und läster,
Es dirigiert sein schweigendes Orchester,
Darein ich weiter, immer weiter sinke.
Nur manchmal zuckt das Wissen um die Lüge:
Ich kenne das Gesicht, das ich betrüge --
Es ist sein letztes Blut, das ich vertrinke.
IV
Vorhänge, Schleier, Mauern und Verhaue
Sind durchsichtiger als das reine Nichts,
Und ihre Scham ist unecht, des Gewichts
So sehr entleert, daß ich geblendet schaue,
Wenn ich der Farben Deckungskraft vertraue,
Verführungskünsten des gebrochnen Lichts,
Nichts Wirkliches ist solchen Glanzgesichts,
Doch eines wirkt, daß ich ihm Tunnel baue.
Nur Frevel können solcherart verbinden,
Nur Mörder schleichen um vergangne Orte,
Mit allen Schlüsseln einer Tür verbunden.
Nur Frevel kann die Grenzen überwinden
Und findet stets und überall die Pforte
Zum Untergang, zum Übergang: Gesunden.
V
Der Sommer geht, und zwiefach unbeteiligt
Vergilbt dein Bild in meinen kleinen Siegen.
Gehörlos, stimmlos -- ach, du darfst verfliegen
In Falter-Nebeln, von Verrat geheiligt.
Nachtschwärmer sind es, dichtende, entrückte,
Der Sagnis bis zum Rand entfernte Künder
Des heimlich offenbarsten aller Münder,
Davon ein Kind zur Nacht Holunder pflückte.
Ich sah sie irgendwann, vielleicht in Träumen,
Inmitten von verlorenen Gesichten
Und einem Berg zerbrochnen Porzellans
Und darf mich auf dem dünnen Eis versäumen
In reinem Warten, das aus dir zu dichten,
Ich Opfernder und Opfer meines Wahns.
VI
Ich bin die Flucht und du ein schwerer Reiter,
Mir zaubrisch dunkel zwischen Ried und Kiefer
Und meinem Blut ein eingedrungner Schiefer,
Verheißung, Opfer, Gift, daran ich eiter.
Du folgst mir durch verschlungne Träume, tiefer
Als wir die Tiefe denken dürfen, weiter
In Nächte, wo die Furien walten, scheiter
Ich nicht an dir, zerfrißt mich ihr Geziefer.
Und schliefe Nacht auf ihren weißen Rosen
Nicht ewig, wär mein Mut in ihrem Tosen
Ein Hauch und glömm in deinem dunklen Kuß.
Wir werden uns ins Unerhörte kosen,
Doch spätestens wird Abschied uns erlosen,
Wenn dich mein Blick am Tage treffen muß.
Vers 2025 bis 2044:
Silbernes Horn, mein Begleiter,
Letzter und Hoffnung nicht mehr,
War der Oktober mir heiter,
Schien es, dich blase noch wer.
Sind die Gesichter entschwunden,
Spur und Erinnern zerbricht,
Sorgt sich kein Vogel um Stunden,
Zählt sie das Winterherz nicht.
Laub, das verrottet am Wege,
Schneckenspur, silbern, am Stab
Kreuzen sich sonnige Hege,
Modergrund, Mutter und Grab.
Schläfernd bezwingst du den Sänger,
Wachend sein dunkleres Haus,
Ob er empfang oder schwänger,
Schweigen die Nächte sich aus.
Was er begehrt, ist vergangen,
Was er durchleidet, verfällt,
Doch deine Weisungen prangen
Über den Wipfeln der Welt.
Vers 2045 bis 2072:
I
Sie war so schön, doch Pallas überraschte
Sie buhlerisch auf ihren Tempelstufen,
Im Zorn hat sie das Mädchen so verrufen,
Daß niemand mehr an ihrem Busen naschte.
War einst sie lind wie Zephyrus beim Baden,
So konnte nun der Schrecken bloß versteinen,
Zu arger Schmerz verströmt sich nicht im Weinen,
Er stockt das Herz und reißt den Lebensfaden.
Doch ist auch ihr Erlösung einst versprochen,
Wer, ihrem Blicke fern, sie weiß zu minnen,
Hat auch des Fluches Siegelwachs gebrochen.
Viel muß geschehn, daß solches mag beginnen,
Doch wer das Blut der Göttin machte kochen,
Stirbt nicht gestillt und anstandslos im Linnen.
II
Das Alter macht Gesichter zur Geschichte,
Im Tode kehrt die Einfalt früher Glücke,
Wir sehn ihn im Gefolge übler Tücke,
Doch wenn er kommt, gehn wir in anderm Lichte.
Der Anlaß ist der Sterbenden, die leidet,
Bei Licht besehn von minderem Belange,
Der Eigenformer wechselt Maß und Zange,
Und streng er beides vom Betrachter scheidet.
Im Haupt verbleibt der schreckenhafte Schinder,
Doch was draus floh, ist andrerweis geborgen,
Ihm ist der Mörder immer nur ein Blinder.
Er mag sich um die eigne Seele sorgen,
Es züchtigen die Götter ihre Kinder,
Die aber müssen die Gestalt nicht borgen.
Vers 2073 bis 2096:
Widerpart Wanken
Lähmt das Gewicht,
Abendwärts sanken
Sicherheit, Sicht.
Führt dich die Hohle
Traumdunkel hin,
Siegeln Symbole
Seele und Sinn.
Eingang verzage
Möglichkeit, Zahl,
Vor deiner Waage
Einziger Wahl.
Binden dich beide
Stirnzeichen Kains,
Fallen die Eide
Alle in eins.
Brechen die Grinde
Heil und gesund,
Funkenflug finde
Mutter und Mund.
Und deine Wehre
Nimmt dir der Wind.
Wird dir die Leere
Zum Labyrinth?
Vers 2097 bis 2136:
Du bist der niemals Erkannte,
Du hast die Namen verlernt,
Dein ist der allem entwandte
Gott, der sich allem entfernt.
Schweigen und Finsternis scharen
Schatten um Mauer und Grab,
Und deine Burg der Gefahren
Weicht dem verwunschenen Stab.
Jungfrau, von ältestem Grauen
Mürb unter zimtener Haut,
Einmal, im Zeichen des Pfauen,
Hast du die Schlange geschaut.
Und ein erschlagener Tauber
Rief dich zum Ritter der Tat,
Die im Verkleinerungszauber
Ruhmlos bleibt, Rauch und Verrat.
Er war der Engel in Waffen,
Er trug den Schlüssel am Gurt,
Weder geschickt noch geschaffen
Schien seine silberne Furt.
Er hat dein Auge geblendet,
Gnadenlos, kalt und ergrimmt,
Ob er im letzten noch wendet,
Was dir die Fackel bestimmt?
Du mußt die Götter, den Garten
Und was die Liebe dir nennt,
Lassen und darfst nichts erwarten,
Nicht mal dich selber am End.
Masken, die Masken umwerben,
Buhlen mit Stachel und Schoß
Um deine Zeit: dein Verderben,
Um deine Dauer: dein Los.
Und du erkennst: die Gebärde,
Die sich in Formen verhaucht,
Strömt zu den Quellen, die Erde
Wahrt, was der Himmel verbraucht.
Bist du zum Ganzen geworden,
Neigt sich zum Ganzen die Fracht,
Führt dich der samtschwarze Orden
Heim in das Haus deiner Nacht.
Vers 2137 bis 2168:
Winternachts wuchern Gesichte
Dumpfen, gestaltlosen Wehs
Durch der verlornen Geschichte
Wölfischen Singsang des Schnees.
Apokalyptischen Bildern
Weigerst du Sprache und Schrift,
Aber die Städte verwildern,
Bis sie der Silberpfeil trifft.
Was dir zu sagen geworden,
Rührt die Geknechteten kaum,
Moder, Gemeinheit und Morden
Werfen zurück in den Traum.
Aber in Treue ist Wahres
Möglich und überdies Mut,
Und es erfüllt sich: auch Ares
Fordert uns seinen Tribut.
Werden die Freiräume schlanker,
Werden die letzten verlost,
Hilft uns kein rettender Anker,
Nur metaphysischer Trost.
Alles ist allem verpflichtet,
Zweischneidig senkt sich der Bann,
Doch wer sein Wappen gesichtet,
Hebt sich an jedem hinan.
Unsere strittigen Normen
Haben den Rhythmus gemein,
Wie wir das Zeitlose formen,
Weiß die Geschichte allein.
Müssen wir dennoch verlieren,
Was uns im Anfang gelohnt,
Trau den Gedichten und ihren
Träumen, vom Wandel verschont.
Vers 2169 bis 2224:
I
Blick, der Verweilen gewährte,
Goldaug, von Rätseln bewacht,
Sag mir, o sanfter Gefährte,
Magischer Schwärmer der Nacht:
Wirst du vom Hüter der Herde,
Spieler der Flöte des Pan,
Jählings zum Schnitter zu Pferde,
Taube zerstampfend und Schwan?
Steigt unter fallenden Häuten
Scharlach, aus Schalen gepellt,
Furchtbar der Jäger der Meuten,
Der seine Lieblinge fällt?
Oder umnachtet die Eile
Schrecken von ruchtloser Gier?
Meine geschriebene Zeile
Löst sich vom weißen Papier.
Wo ich dir Eintritt gewährte,
Wo ich zu Spielen und Scherz
Alles verriet, mein Gefährte,
Zieltest du, trafst du das Herz.
II
Flüchtiger, schamroter Wange
Mohnwärts verwunschen, verhallt,
Deine Gespielin, die Schlange
Schweigt dein Geheimnis: Gestalt.
Einzig der ihre, den Normen
Frevler, der Liebe ein Hohn,
Wirst du im Wandel der Formen
Reif für die strengere Fron.
Opfer am Ganzen, von Hunden,
Wächtern von Pappe, verlacht,
Gehst du mit blutenden Wunden
Schweigend ans Ende der Nacht.
Ob dich der Himmel noch sähe?
Ob er verzeih den Verzicht?
Nur eine hungrige Krähe
Schweift um dein mürbes Gesicht.
Ob dich mein Kuß noch erlange,
Goldaug voll Rätsel und Wein?
Bald bist du selber die Schlange,
Traumdunkel schmiegst du dich ein.
III
Hat dich das Sieden der Moore
Fremd durch die Formen gejagt,
Stehst du noch einmal am Tore,
Das dir die Heimkehr versagt.
Hier bist du zögernd zerstritten,
Wähnst du die Erde versäumt,
Aber in Strudeln und Schritten
Hast du sie immer erträumt.
Alles Gependel von Uhren
Hat sich zu Wolken geballt,
Gütig verwischt deine Spuren
Zärtlichster Boten Gewalt.
Und in der kalten Laterne
Bläulichem Schimmer verfall,
Über dir segeln die Sterne
Heim in das schweigende All.
Vers 2225 bis 2248:
Die Liebe vergreise, verkünden die Toren,
Und alte Erinnerung sei uns verloren,
Da Werke des Jahrs mit dem Jahre vertosen.
Der Tau bleibt an liebliche Blumen gebunden,
Die Wärme belebt neubefiederte Stunden,
Und Sonne, schon alt, hegt die werdenden Rosen.
Doch holder dies alles der Muse beschwere
Gewand und Geflecht und die Blumen der Ehre,
Gewonnen schon lang und seit langem gesponnen,
Sie welken und falln nicht wie lenzene Blüten
Verfallen und tragend nicht zeitlos vergüten,
Da Sommer und Winter sind ihnen gesonnen.
Kein Werden entmutigt, kein Werden begeistert,
Die solcherart lieb warn, gefühlt und gemeistert,
Sie hoffen nicht Liebreiz von Sonne und Regen
Und schützende Schirme vor Frost und Gewitter,
Nicht ihrer zu sorgen den hegenden Ritter,
Denn ihnen blüht Dauer und furchtloser Segen.
Gedachtes von einst, das wir dankbar betrachten,
Wirkt länger, als Menschen und Völker beachten
Des Todes Befehl, und die einsamsten Gaben
Bewahren die edlen und ehernen Reiche,
Der Stolz aller Kraft, aller Lust bleibt der gleiche
Im Licht, über Menschen und Alter erhaben.
Vers 2249 bis 2262:
Wo hast du, Gesang, geweilt,
Da ich mich nach dir versäumt?
Göttin, nackt an Land geschäumt,
Wo hast du, Gesang, geweilt?
Wann hast du, Gesang, geträumt
Zwischen Wogen, weiß gesteilt?
Ungeschiednem, zwiegeteilt,
Wann hast du, Gesang, geträumt?
Wer hat mich, Gesang, durchpfeilt,
Nächtlich sternhin aufgebäumt,
Einsam, heimlich, ungeheilt?
Wem hast du den Weg geräumt,
Klamm, von Silberschutt verkeilt,
Wessen Reiters Pferd gezäumt?