Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.
– Eichendorff
Vers 29511 bis 29582:
Als ich noch ein Hosennässer,
Doch im Dreirad hochmobil,
Schien mir schon der Osten besser
Als das Land, wo Tag verfiel,
Als Geschlagne ihres Zornes,
Schrie des Feundes Großmama,
Bleib im Land des Pfefferkornes,
Und schon war ein Auftrag da.
Rasch ward unser Zug begonnen,
Und die Richtung keine Frag,
Was wir da wohl ausgesponnen,
Sag Erwchsnen nicht der Tag,
Erst als abends Au und Orte
Voller Aufruhr und Alarm,
Fuhrn wir heimwärts mit Eskorte
In der Mütter Kuschelarm.
Eh man uns das weiter wehrte,
Ficht uns nie ein Zweifel an,
Wer das Pfefferland begehrte,
Kommt auf dieser Route an,
Später ward ich streng belehret,
Daß dort Sumpf und Mückenplag,
Doch wenn früh die Sonne kehrtet,
Ruft der Osten, der mich mag.
Wer im Osterland geboren,
Osterfeuers Sehnsucht kennt,
Hat beim Osterwunder Ohren
Einzig für den Orient,
Dort sind alle Wälder dichter,
Und Sterne heller stahln,
Weil sie nicht profane Lichter
Mit geraubtem Glanz verfahln.
Weiter als das Dreirad reiste
Mir die Kleinstadt-Bibliothek,
Was als Elixier dem Geiste
Nach der Oder sucht den Weg,
Nah am Kamm von Spindersmühle
Wars mit Rübezahl der Chef,
Daß der Sproß der Biederkühle,
Endlich wen mit Durchblick treff.
Über Menschgeblök und Schreien,
War zu Austausch wenig Not,
Sie vertraun auf Gaukeleien,
Doch der Berg ist ihnen tot.
Wenn sie gut sind, sind sie Toren,
Sind sie klüger, werdens feig,
Welcher Leuchte sie erkoren,
Besser ihren Ohren schweig.
Wer des Berges goldne Striehmen
Bis zur Glut der Tiefen kennt,
Weiß, daß ihm nicht Flitter ziemen,
Die des Kleingeists Element,
Nach der Weichsel lockten Klinker,
Drin der Orden deutscher Herrn
Odinsblut und seine Trinker
Mischten mit des Orients Stern.
Wo die Memelfluten münden,
Steht Europas Balkenlot,
Hier sollst du den Geist begründen,
Der zu seiner Eintracht not,
Auf das Hügelgrab von Kauen
Pflanz die Esche höchstem Thing,
Da sich in des Sperbers Klauen
Blau des Süds und Nords verfing.
Immer nach der Mitte ziele,
Was dir reift zu Spruch und Lied,
An der Saale, an der Biele
Sorg, daß man die Weiser sieht,
Bleibst du treu in diesem Fuge
Jedem Tag, der kommt und schmückt,
Wird dein Tun zum Osterzuge,
Bis die Auferstehung glückt.
Vers 29583 bis 29630:
Geh im Ranken und Durchwiegen,
Halbgeschatt und angenehm,
Ungebremst von Riesen stiegen
Die Gehölze aus dem Lehm,
Ihre Frische, ihr Vertrauen,
Das noch nichts von Sturmbruch weiß,
Singt die Lerche, die im Blauen
Fahrlos schwelgt im Morgenkreis.
Gertenweiche, Lindenhelle,
Frohe Gleichheit junger Schar,
Da im Mittagslicht Libelle
Meint, daß nie es anders war,
Sichtbar noch die Säfte steigen,
Klein die Kreise, die sich baun,
Endlos Vorrat, dem zu eigen,
Der bereit sein Haus zu baun.
Wer da pflanzt, schickt seinen Segen,
Nach den Ururenkeln hin,
Auf den frisch gezognen Wegen
Schaust du ersten Eigensinn,
Denn der Wald ist nicht nur Herde,
Sondern selber Hort und Hirt,
Junges Herz auf flinkem Pferde,
Später Quell- und Brunnenwirt.
Erst wenn Tod das Wissen raubte,
Gnome werkeln, Sporen sprühn,
Rührt Erfahrnes ans Geglaubte,
Scheiden Späte sich von Frühn,
Zieren Wege sich mit Schwellen,
Findst du auch das Hexenei,
Und so sagst du dem Gesellen,
Daß er besser leiser sei.
Mancher Wald hat tausend Lenze
Hier verweigert, da gewagt,
Gleichtun hier nicht Pflug und Sense,
Was da jung und was betagt,
Wo die Stämme dich umschweigen,
Bist du nur ein Falter zart,
Ihre Räusche, ihre Reigen,
Raunen dir von deutscher Art.
Aber heut bis du ihm Lichte,
Und du singst im reinen Dur,
Draußen wartet die Geschichte,
Doch der Bach sagt eignes nur,
Tau auf einem Spinnensegel
Zeigt das Aug auf heller Stirn,
Und als sei so jung die Regel,
Kann dich kein Geraun verwirrn.
Vers 29631 bis 29670:
An der Lanke Warnitz, Quast,
Lädt dich ein das Feldsteinhaus,
Was dem Pfluge Müh und Last,
Drunter Eulen trotzt die Maus,
Hebt sich hier zu Lob und Rast,
Und der Türmer schaut voraus,
Daß du dich gefunden hast
Im Geschweig des stillen Baus.
Linker Zeh zeigt Weh und Blut,
Und du reckst ihn aus dem Staub,
Wo die Hitze dich beschuht,
Liegt manch spitzes Glas im Laub,
Sei ein wenig auf der Hut
Und nicht allen Träumen glaub,
Wo ein Eiland aus der Flut
Ragt mit grün bewachsner Haub.
Einst lag dort mit Turm und Wall
Eine Burg, fanfarenstolz,
Hoher Herren Habichtskrall
Herrschte hier im Glast des Golds,
Aber Brücke, Speicher, Stall
Und was sonst von Buchenholz
Schlang die Lohe scharf und prall,
Die zum Schwimmstein Schlacke schmolz.
Später die Zisterze spannt
Brücken über Sumpf und Grat,
Vor dem Flachs der Nonnenhand
Floh enttäuscht der Wendenschrat,
Das Geläut in diesem Land,
Das schon längst die Zeit vertat,
Bleibt der Melodie verwandt,
Die aus deinem Herzen trat.
Noch einmal zur Insel schau,
Die der Schwimmer nahm als Knab,
Abend wird es, rot und lau,
Und die Zehe schient der Stab,
Alles weißt du noch genau,
Und dem Füllen frommt der Trab,
Aber wessen Haare grau,
Pilgert nicht zum Heilgen Grab.
Vers 29671 bis 29686:
Friedrichspolder, alter Oder
Abgetrutzt und oft verschmemmt,
Vogelbalz und Lilienmoder
Schaut, wer diesen Gau durchkämmt.
Loose-Höfe, Siedler, Gründer
Von der Rhone und der Saar,
Auf dem Feld der Warthenmünder
Weht des Flußgeists Silberhaar.
Tiefer Grund mit leichter Neige,
Tal am Neuenhagner Sporn,
Zum Geflöt der Dommeln schweige,
Und den Hamster schau im Korn.
In der Wasser mildem Glucksen,
Spür das weiche Formgewähn,
Wo die Nymphen schamhaft schluchzen,
Ist der Kranich Souverän.
Vers 29687 bis 29706:
Wo die Großrohrdommel flötet,
Bruchland an Moränensandern,
Abendlicht dein Antlitz rötet
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.
In der Neumark Kiefernstille
Sollst du nicht mit Madeln tandern,
Lausch dem Baß der Maulwurfsgrille
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.
Mücken schwärmen aus im Dämmer,
Und daß es dein Teil zu wandern,
Sagen Himmels weiße Lämmer
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.
Von der Nehrung und der Memel
Bis zu Balduin von Flandern
Braucht der Wandrer keinen Schemel
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.
Folg dem Weg in karger Schneise,
Denn bei Gott gibts keinen andern
Und vertrau dem Lied der Meise
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.
Vers 29707 bis 29754:
Deutsches Land, an deutschen Dichtern reicher
Als der Rhein, deß Gold schon lang geraubt,
Zwar die Oder schlingt sich nebelweicher
Westhin als der Strom der Alpen schnaubt,
Deine Melodien sind voller Trauer,
Deine Götter sind Titanen nicht,
Aber blond sind Häusler hier und Bauer,
Wie der Weizen, den die Erde spricht.
Olsa, Weistritz, Weide, Glatzer Neiße
Speisen so wie Bober, Lohe, Queis
Deine Ader, daß begnadet kreiße,
Was sich solcherart durchnabelt weiß,
Wasser gab Gestalt dir auf den Globen,
Käfer summen durch den grünen Traum,
Ein Jahrtausend will die Furche loben,
Doch geraubt verdorren Lied und Raum.
Deutsches Land, gepeinigt und geschunden,
Aber unrecht Gut wird nie gedeihn,
In die unbeweint verschorften Wunden
Schloß der Schrat den großen Reichtum ein,
Keinem wird wie einst die Pflugschar frommen,
Öd und ehern schweigen Hain und Au,
Bis wir einst als Diener wiederkommen
Und mit unsrer Müh die Liebe Frau.
Unterm Weidicht raunen hart die Ahnen,
Nixen-Zirpen mischt sich Gnom-Gegröl,
Schmählich brannten schwarz-rot-weiße Fahnen,
Fett von Herrschsucht und Vernichtungs-Öl,
Wahn, der an der Wolga und der Weichsel
Leichen säte, traf den Osten schwer,
Und im Ried verrotten Rad und Deichsel
Und der gelbe Wagen singt sich mehr.
Rübezahl, der wiederkehrt zu Zeiten,
Wird sich wundern, daß der Junker weit,
Daß die Mädel, die mit Spiegeln streiten,
Flohn mit blondem Haar und Heiterkeit,
Daß das blaue Auge nicht mehr eitel,
Die Gespielin und der Hufner fort,
Daß vom Strom bis zu der Berge Scheitel
Keine Stimme sagt ein deutsches Wort.
Aber unser Herr wird auch erlösen,
Dieses Land, von Asche weiß und Schnee,
Und gezählt ist jeder Tag des Bösen,
Und gesühnt wird Frevelmut und Weh,
Wenn der Glaube uns verschließt dem Neide,
Wird dem Adler goldne Krone sein,
Dann bezähmt sich auch die Schwarze Weide
Und in Breslau gibt man Lohenstein.
Vers 29755 bis 29778:
Zwei Wege führen in den Wald,
Erst brüderlich und dann getrennt,
Sich nah an Größe und Gestalt,
Daß jede Wahl in Frage ständ.
Du weiß nicht welcher welcher ist,
Weißt keinem Ziel und keinem Bann,
Doch sicher scheint, mit solcher List
Fängt meist ein Abenteuer an.
Der eine legt sich frank und flink
Durchs Dickicht nach der Aue hin,
Der andre folgt dem Gnomen-Wink
Und sucht in Rätseln Raum und Sinn.
Der eine recht und wohlbedacht,
Der andre mütterlich verbrämt,
Der eine freut sich seiner Fracht,
Der sich der andre immer schämt.
Doch danke, daß dir keiner sagt,
Was dir zum rechten Pfade fromm,
Wer nur das wohlgepflegte wagt,
Sagt nie zum Geist des Waldes: Komm!
Wenn dich die Nacht im Hain erwischt,
Leg wacker drauf den Lobesreim,
Wo dir im Laub die Natter zischt,
Findst du das Gold von Niebelheim.
Vers 29779 bis 29818:
Höchster Sporn im weiten Kreise,
Sagenwart und Liederschatz,
Führt auf deine Höh die Reise,
Streitet nichts den alten Satz,
Das geschaut von solcher Warte
Rachsucht, Hoffahrt, Geiz und Neid
Eines Knechtes Hasenscharte,
Dem zum Rundblick fehlt die Zeit.
Aus Krummhübel ausgezogen,
Grüßte uns der Melzergrund,
Licht und Stimmung sind gewogen,
Wenn man fährt zu früher Stund,
Da im Schlesierhaus wir rasten,
Schlängelt sich der Kammweg nackt,
Wo dem Steiger ohne Lasten
Osterwind das Haupt beflaggt.
Bundesbrüder, die wir trafen,
Hergeführt von Schrat und Ahn,
Die in Brückenberg geschlafen
Und die Hampelbaude sahn,
Teilten mit uns Brot und Laune,
Schritte, ehrfurchtvoll und leis,
Was der Berggeist rat und raune,
Sei gereimt in mancher Weis.
Wer zum Dichter ist geboren,
Weiß das meiste ungesagt,
Wenn die Echos ihn umfloren,
Hat er wohl ein Wort gewagt,
Denn der Himmel weiß zu klären,
Was da rätseln Schicht und Schrund,
Und der Wind wird auch gewähren,
Was der Hoffnung fehlt im Grund.
Also sei auch die Geschichte
Nicht Philisters Perlenspiel,
Denn im lenznen Sonnenlichte
Wächst und offenbart sich viel,
Wer die Zeit des Bergs zu fassen
Sucht, hat nicht der Fliegen acht,
Nichts dem Kleingeist anzupassen,
Hast du früh dich aufgemacht.
Vers 29819 bis 29838:
Beuge, Kurve, Knie und Schwenk,
Neuer Kurs und neuer Lauf,
Was ich mir gebogen denk,
Hört gewiß auch niemals auf.
Jedem graden Pfad mißtrau,
Gehst du zu auf einen Stern,
Sagt dir bald des Himmels Schau,
Daß ein andrer nah und fern.
Wie die Zeit, die pulst und schluckt,
Wie das Leben krumm und stumpf,
Sei ein Wald, der hebt und duckt,
Raum für Pilgers Haupt und Rumpf.
Eh du dich versiehst, verbiegt
Sich der Weg und nimmt dich mit,
Welche Richtung letztlich siegt,
Keine weiß, die rasch entglitt.
Doch des Heilands Weiser stehn,
Mit der Lösung der Gestalt,
Ihre Formeln einzusehn,
Braucht kein Wanderer im Wald.
Vers 29839 bis 29887:
Zu Jacob Böhme
Nach Luthers Tod verfiel die Welt,
Den er begründet und genährt,
Der alten Kirche wohl gefällt,
Das mancher sich nach dorten kehrt,
Doch Deutschlands Mitte, die da wühlt
Im Grund und der Erscheinung, fand
Ein Amen, wies das Herzblut fühlt,
Und Böhme schriebs mit Schusterhand.
Was später wuchs zur Weisheitslehr,
Und was gepflanzt der Dichter Baum,
Verstrebte Sinn und Sinne quer,
Und Jüngstes mit dem alten Traum,
Und Gott trat in die Schöpfung ein,
Nicht mehr zu trennen Aug und Ohr,
Und aus dem so geschauten Sein
Qualt Geist als Form und Lust hervor.
Nicht Aula, Forum und Konzil
Erdachten, was im Winkel keimt,
Wer draußen in der Heide viel
Studiert, die Leisten gut verleimt,
Man nannte Mystik Morgenröt,
Doch kannst du schon am Titel sehn,
Daß nicht wie man die Sinne töt,
Wird Rat in diesem Buche stehn.
Mag sein, daß hier ein Fenster wuchs,
Drob mancher warf den Glauben weg,
Doch ists ein Geist des Selbstbetrugs,
Der nötig hat der Fremdheit Schreck,
Wer Gott sich holt in Hain und Flur,
Tuts nicht, weil ihm die Ehrfurcht fehlt,
Ihm sind die Wunder der Natur
Unendlich hoch und tief beseelt.
So sind ein Lob wie Lied und Schrift
Das Handwerk und die Alchymie,
Denn daß der Geist das Wunder trifft,
Brauchts Priester nicht noch Heilsmagie,
Zum Sakrament wird alles Tun,
Das sich der Welt im Dienen schenkt,
Und wer so glaubt, der mag nicht ruhn,
Weil ihn der Heiland stündlich lenkt.
So blühten uns mit Frucht und Kern
Aus Faust, Cusanus und Plotin,
Was Eckhart ahnte, Mystikern
Wie Seuse, Tauler dunkel schien,
Drum stößet, quetschet, feindet an
Der Grimm, was göttlich von Gestalt,
Und wies allein ein Schlesier kann,
Ward dies zum Sprachbarock geballt.
Vers 29888 bis 29928:
Martin Opitz in Dankbarkeit
Von Bunzlau, Breslau, Beuthen ging
Dein Weg, bis Krieg das Reich zerbrach,
In Baden, Leiden, Jütland sing
Von Teufelei und Ungemach,
Doch da du heim nach Schlesien kehrst,
Warst reif, daß klar dein Auge sieht,
Dem Volk du das Gesetz bescherst,
Darin erklingt das Lutherlied.
Daß uns den Jambus setzt der Ton,
Daß der Akzent uns Maß und Takt,
Spricht Tacitus’ Germania hohn,
Und hat das Reich von Rom entschlackt,
Der Kaiser gab den Adelsstand,
Sangst du zum Tode Karles Trost,
Doch Platz im Köthner Dichterland
Hat sich dein Herz als Ziel erlost.
Doch dort bestimmt die welsche Form,
Die ausging von der Ritterzeit,
Mit spitzer Zunge Takt und Norm,
Als bäurisch gilt die Odermaid,
Hier wird mit Asphodill gebraut,
Und Feld und Werkstatt sind verhaßt,
Jedoch aus deinen Versen schaut
Der Sachs, in Böhmes Geist gefaßt.
Auch daß von Dohna Hannibal,
Dein Dienstherr, Protestantenfeind,
Macht daß der Köthner Minnesaal
Es nicht so gut mit Opitz meint,
Der Glaubenskrieg nicht nur das Feld
Mit Blut bestreut und blankem Erz,
Es ist ein Zwist, der Lanzen stellt
Gar mitten durch das deutsche Herz.
Dann schließlich sagt von Anhalt ja,
Daß einzög die Poeterey,
Die leistete das Wunder da,
Daß einstger Gegner Jünger sei,
Dies bin ich heute auch und hier,
Befehdet von der Profession,
Doch wirds gelingen mir wie dir,
Daß herrsche dort der deutsche Ton.
Vers 29929 bis 29952:
Reinlich breiter Weg den wilde
Ranken schirmen im Geflecht,
Klause, drein sich durch die Schilde,
Kein profaner Lärm erfecht.
Bank, wo mancher deutscher Dichter
Rang mit Takt und Konjuktiv,
Stadtwalddickicht, wo in schlichter
Kleidung Mnemosyne lief.
Dies Refugium wird zersplittern,
Wenn der Drache rot erwacht,
Und Europa sich mit bittern
Flüchen aus dem Staube macht.
Und des Landes Schmerz und Jammer,
Heilt nicht vor Europas Kern,
Denn die Herrschaft der Verdammer
Endigt erst das Wort des Herrn.
Darum trennt euch von den Schemen,
Die das klare Aug verstelln,
Teuflisch ists zu traun bequemen
Mustern und den Modewelln.
Wenn du suchst nach Recht und Adel,
Wird der Geifer dich bespein,
Doch das dich der Schlechte tadel,
Soll dir stets noch Ansporn sein.
Vers 29953 bis 29976:
Dreimal tausend Sprüch und Sinn,
Dreimal tausend Wink und Witz,
Wer dies liest, verbucht Gewinn,
Und er dankt dem Logau-Fritz.
Hier sind Schärfe und Humor,
Eines Vogels Flügelpaar,
Was gefällig tönt dem Ohr,
Macht das trübste Auge klar.
Hier wird lächerlich der Putz
Und beschämt die Heuchelei.
An den Pranger Eigennutz,
Habsucht und Ausländerei!
Wer die Sprache uns verhunzt
Und die fremden Moden äfft,
Sei entfernt der deutschen Kunst
Als ein Hund, der draußen kläfft!
Wer das Vaterland nicht liebt,
Wem da schwillt ein welscher Kamm,
Sei mit Pfeilen Spotts durchsiebt
Aus des Dichters Epigramm.
Dreimal tausend Sprüch und Sinn,
Die postscripta nicht gezählt,
Ob du Mensch seist oder Dschinn,
Schau, wie sich die Maske schält.
Vers 29977 bis 30017:
Zu Andreas Gryphius
Talisman vor Nixennetzen,
Glogaus Greif das Kraft-Emblem,
Wo die Schlachter Messer wetzen,
Daß ein Wort den Sprecher fem,
Wo das Väterland in Tränen
Schier erstickt, strahlt dein Sonett,
Rein wie Gartenkunst-Fontänen,
Und auch wie du selber fett.
Mehr als jede andre Stimme
Wardst du Muster dem Barock,
Wo das Zarte wie das Schlimme
Wucherte als Schierling-Schock,
Auch dein Tod als Eichenfäller
Ward ein Vorbild diesem Kreis,
Denn allein am reichen Teller
Trifft sich Adel mit Geschmeiß.
Daß vergänglich alles Treiben,
War dir Elegie und Witz,
Lust und Qualen aufzuschreiben,
Reicht kein Hundertjahr-Besitz,
Eitel bleiben die Versuche,
Die der Mensch mit Fleiß bemüht,
Ob er lobsing oder fluche,
Kümmert nicht, was fällt und blüht.
Gott läßt nicht die Bienen fliegen,
Daß den Honig wir verschmähn,
Läßt du dich nicht unterkriegen,
Darf dein Zahn die Tafel mähn,
Wer da nutzt, was er gespendet,
Lob den Herrn auf jede Art,
Und wenn dann das Leben endet,
Ward gewiß zu viel gespart.
Morgen schon kommt eine Horde,
Die die Wunder niederreißt,
Darum sei noch vor dem Morde
Rasch der Salmen aufgespeist,
Not zu mühn, ist nicht vonnöten,
Denn sie klopft gar bald ans Tor,
Doch unsterblich klingt in Köthen
Gryphius’ Reim im deutschen Ohr.
Vers 30018 bis 30041:
Von dir hab ich die Lust am Überschäumen,
Zur Bilderfülle bis die Syntax kracht,
Frau Venus zeichnen und von Schäfern träumen
Im Wagen, der da sechzehnspännig lacht.
Gar manchem scheints verpfeffert und versalzen,
Das Derbe grob und überspannt die Lust,
Doch Jove will im Schwanenkleide balzen,
Und Proteus bricht noch jedes Krebs-Gekrust.
Wer Met und Wermut, Senf und Lotos mischen
Im Versfuß will, weil ihm das Herz so voll,
Hat Ach im Jubel und ihm nisten zwischen
Den Lerchen Krähn und aller Götter Groll.
Was man galant da nennt, ist eine Pose,
Die sorgt, daß sich der Magen nicht verdeh,
Der wer wie du durchwirbelt alle Lose,
Bleibt starker Tobak für ein scheues Reh.
Auch weißt du, daß der Ruhm zuerst ein Übel,
Denn wer die Welt beschenkt, zahlt meistens drauf,
Adepten haben Schweinemist im Kübel
Und nutzen deinen Namen zum Verkauf.
So wird zuletzt Galantes gar berüchtigt,
Und das Verdikt ist selbstgerecht und schlicht,
Ja, wer dem Herren lieb, der wird züchtigt,
Denn ohne Hölle gibts den Himmel nicht.
Vers 30042 bis 30065:
Biegsam und in flinkem Sprossen
Herrscht ihr bald am Ufersaum,
Abstand zu den Artgenossen
Braucht, wer so verflicht den Raum.
Daß im Strohdach ihr zur Wiede
Taugt, sieht gleich, wer schauen mag,
Trutz und Ankerung im Riede
Trägt der Steg des Wandrers Tag.
Für den Korb brauchts junge Triebe,
Doch zur Zwiesprach müdem Sinn,
Reicht, was mancher nur durch Hiebe
Kennt, in jedem Alter hin.
Licht und Wasser sind vonnöten,
Wo ihr sonst bescheiden steht,
Mancher Nutzer wird euch töten,
Doch das heimliche Gered,
Drum ich euch am Weiher grüße,
Brauch ich grad wie Naß und Licht,
Denn des Träumens Honigsüße
Birgt der Sträucher Leichtgewicht.
Wo sich Tod und Licht zum Eide
Treffen zwischen Wrack und Moor,
Wahrt die Würde stets die Weide,
Und streckt stolz die Kätzchen vor.
Vers 30066 bis 30079:
Ein jeglich Ort dich ruft und läßt dich wieder fahren,
Im Strom der Zeit kann dich allein die Kirche wahren.
So wie das ganze Reich ist Schlesien zwiegespalten,
Was darin neu sich nennt, kann rascher nur veralten.
Wer ganze Reinheit sucht und drauf versessen teilet,
Dem sag ich, daß ihn bald das gleiche Los ereilet.
Manch kluger Denker will den Horizont erweitern,
Der Zugewinn jedoch läßt fern vom Ganzen scheitern.
Ich geb auf meine Kunst gar wenig Wohlgefallen,
Denn täuscht sie einmal nur, so täusch ich mich in allen.
Wie Auge bin ich Ziel, wie Beter bin ich Heiler
Wer Gott im Herzen trägt, kennt keinen Rollenteiler.
Und wer es Hoffahrt nennt, mich als der Herr zu sehen,
Der gibt mir guten Grund zu Tod und Auferstehen.
Vers 30080 bis 30127:
Dichtermund der Agrippina,
Dessen Stern Marino heißt,
Von Amerika bis China
Folgte kaum wer solchem Geist,
Bühnenwart und Liedermacher,
Syndikus und Diplomat:
War da je ein Dichter wacher
Und verbunden so der Tat?
Lebenslang aus Studientagen
Wirds dir kraß vor Augen stehn,
Sahst du, linder selbst geschlagen,
Dreizehn Schiffe untergehn,
So verwundert nicht dein Glaube,
Daß da ein Verhängnis walt,
Fegend, daß sein Plan dem Staube
Schaffe Antlitz und Gestalt.
Früh giltst du als Hirt und Weiser,
Der noch jedes Amt belohnt,
Und du schaffst es, daß der Kaiser
Schlesiens Protestanten schont,
Habsburg bleibt dein Sinn verpflichtet,
Bald ein Rat vom Wiener Thron,
Hast du dem Geschlecht gedichtet,
Daß es will der Welt-Dämon.
Wenn du irrtest hier wie Hegel,
Der von Preußen solches sprach,
Und ein Wind zerriß das Segel,
Siehts der Leser gern dir nach,
Und daß Dichtung Nebensache,
Darf behaupten, wems gelingt,
Daß der Sonntag Wunder mache,
Die des andern Jahr nicht bringt.
Ein Jahrhundert hat gehuldigt
Dir als allen Reims Zenit,
Später hat man dich beschuldigt,
Dich geschmäht mit üblem Tritt,
Was vergangen, durftst du glätten,
Neue Zeit nutzt andern Schein,
Wenn wir Gottes Augen hätten,
Könnten wir nicht fruchtbar sein.
Ob ich dir gerechter werde,
Wenn ich Schwulst, der lebensklug,
Vor dem Weinerling der Erde
Billige mit Recht und Fug?
Daß der Sinn für Gleichgewichte
Adle Kunst und Politik,
Steht dir fürstlich zu Gesichte,
Also lob ich dein Geschick.
Vers 30128 bis 30168:
Für Johann Christian Günther
Unter all den Schlemmereien
Im Barocke darf nicht fehlen,
Was die ach so Urteilsfreien
Heute allzugern verhehlen,
Knaster hieß des Orients Wunder
Daß der Frohe herzhaft schmauchte,
Drum verfehlt der Preisung Zunder,
Wer nicht in die Nebel tauchte.
Ist die Schmäh der Abstienten
Militant, so auch die Tafel,
Wer sich schont für Leibesrenten,
Füll sein Leben mit Geschwafel,
Aber wer in allem Schmause
Schmeckt das Ziel von unsern Tagen,
Ist im Knaster ganz zuhause
Der ihm Eintracht und Behagen.
Einem Wölkchen Pfeifenrauche
Gleicht des Schöpfers Sternenstraße,
Wems Gewohnheit, daß er schmauche,
Achtet nicht auf Preis und Maße,
Seiner Phantasie zu frönen,
Wirbeln Ringe eng und weiter,
Sich den Träumen zu versöhnen,
Macht der Tabak frisch und heiter.
Wer da hüstelt und sich ekelt,
Teufel heiß und Spielverderber,
Wo die Welt sich eitel rekelt,
Rühmt der Wams nicht mehr den Gerber,
Und der Flieger foppt den Schweren,
Der auf Hämmer und auf Hebel
Richtet töricht sein Begehren,
Aber du bist Rauch und Nebel.
Wer die Kräuter tief zu heischen,
Hebt den Brustkorb und die Lunge,
Wird nicht wie ein Weibsstück kreischen,
Färben braun sich Zahn und Zunge,
Aller Freunde ists gegeben,
Daß sich bräun der Alabaster,
Der Genießer liebt das Leben,
Und sein Odem schmeckt nach Knaster.
Vers 30169 bis 30192:
Noch ist alles karg und blind,
Filligran und wintersteif,
Vorjahr streckt sein Restgesind,
Das da glänzt im Silberreif.
Dunst steigt auf vom bracken See,
Wo die Winde wie zum Schein
Streiten, was ans Ufer weh
Und ins Mark der Äste rein.
Noch bezeugt sich ein Remis
Zwischen Keimling und Kristall,
Wie in Scham und Prüderie
Schweigen Strauch und Blumenwall.
Dies ist deinem Herz gemäß,
Das da bangt in früh und vor,
Weil das kostbare Gefäß
Erst ein Hauch mit März beschwor.
Es mag sein, daß alles fällt,
Eh die Sonne siegt am Joch,
Und die Furcht mit deiner Welt
Aufnahm längst ein schwarzes Loch.
Doch dein Stift sagt dem Papier,
Einem Blatt, das segelt fort,
Daß das Land bereitet hier
Für des Heilands frohes Wort.
Vers 30193 bis 30208:
Untreu ist Leben, es neigt sich dem Tod,
Untreu der Sommer, der herbstlich sich färbt,
Untreu, so hieß dich das Licht, das gebot,
Daß du verschwendest, was je du geerbt.
Aber im Kornfeld, von Ähren gesteilt,
Raschelnd von Mäusen, die Eulen nicht spähn,
Hast du den Traum mit der Blume geteilt,
Die dich an Treue gemahnt und Geträn.
Blau ist dein Auge, verloren der Zeit,
So wie der Flachs, drein der Liebende sank,
Zwar hat den Schwur dir kein Priester geweiht,
Aber du weißt nichts von Weichen und Wank.
Mag sich dem Wechsel verpfänden die Welt,
Sei ihr das Gestrige Irrung und Spott,
Du bleibst der Blume im Kornfeld gesellt,
Treu deiner Heimat, der Liebe und Gott.
Vers 30209 bis 30256:
Die abgestorbne Eiche steht,
Doch die gesunde stürzt der Sturm,
Auch du bist, wenn Boreas weht,
Im Flachland wie ein Pappelturm,
Ob du da wirkest, ob du Schein,
Und wie du dich zum Leben stellst,
Das weiß Familie Schroffenstein,
Erst wenn du unterm Blitz zerfällst.
Ich hab noch niemals so gelacht
Wie bei dem Buch Amphitrion,
Was keiner gut wie du gemacht,
Singt wieder mal ein Lied davon,
Daß nur das Blut, das müd und schwer
Im Herzen, taugt zu Gotts Humor,
Drum steh des Normanns Schild und Ger
Uns düster am Theatertor.
Von Homburg träumt und dingt die Pflicht,
Dies ist der deutschen Art gerecht,
Wir sind durchloht von Gottes Licht
Und dabei treu dem Weltgeschlecht,
Und wer da Kohlhaas Eifer pönt,
Dem hat ein welsches Lied verhehlt,
Daß es das Dienen weiht und schönt,
Wenn an dem Recht kein Jota fehlt.
Ich mag die Werke nicht erzähln,
Die mehr als alles Preußens Ruhm
Begründen und es auserwähln
Als eines Geistes Königtum,
Doch sei der Amazone hier
Gedacht, die ihres Herzens Schwarm,
Zerfleischend wie ein Kämpferstier
Mit scharfer Klinge nahm in Arm.
Für Goethe wars ein Schreckensgreul,
Weil er die Schwelle nie gewagt,
Da uns der Hölle Schmerzgeheul
In unermeßne Höhe ragt,
Hier war erhellt des Traumes Schlund,
Den Nietzsche setzt den Höhen eins,
Und daß des Götterdämmers Grund
Schon immer liegt im Schlick des Rheins.
Wer alles sagt, so weiß ein Wort,
Der kann ein Mensch uns nimmer sein,
Drum treibt ins Ungestalte fort,
Wer einschenkt allzureinen Wein,
Zwar hört man, daß die Katze jungt
In des zerstreuten Richters Zopf,
Doch wer im Maß der Sterne funkt,
Büßts allzuleicht mit seinem Kopf.
Vers 30257 bis 30280:
Ich stehe hier und weiß nicht recht,
Was ich so denk und bloß vermut,
Ich übe mich im Haargeflecht
Und schaue, was sich sonst so tut.
Ob etwas Vorwitz aus mir schaut,
Wenn ich da innehalt und lausch?
Das Flechten ist mir so vertraut,
Daß ich die Stränge nicht vertausch.
Ich rühre wenig Arm und Bein,
Vielleicht bin ich auch gar nicht hier,
Tritt jemand in die Diele ein?
Und schreit im Stall ein krankes Tier?
Ein wenig ich die Hüften wieg,
Im Winde duftet der April,
Daß mir das Haar im Frühling flieg,
Ich weiß nicht, ob und was ich will.
Ich sage nichts, ich warte ab -
Was da wohl rüttelt, schwelt und ruckt?
Manch böser Blick verfehlte knapp
Die Schulter, die sich sorgsam duckt.
Ich bin ein Mädchen, blond und hell,
Das wenig weiß vom Weltenlauf,
Der Lenz zerschmilzt das Winterfell,
Ich schlag der Welt die Augen auf.
Vers 30281 bis 30304:
Daß da Berg und Wolken leben,
Weiß, wer früh mit ihnen spricht,
Jedem Wind sind mitgegeben
Siegel, die die Liebe bricht.
Alles, was uns zu erfahren
Wach bewahrt in Melodien,
Folgt uns eilt voraus in Jahren,
Draus es hell und dunkel schien.
Darum flieh nicht ins Gegrübel,
Denn die Weiser, groß und klein,
Bergen Heil für alles Übel
Und sie lassen nichts allein.
Lauscher sei und Saitenstimmer,
Eins dem Dämmer und dem Blau,
Auf des Sprudelbachs Gewimmer
Acht und seinem Lied vertrau.
Nicht, wo man mit Zahl und Stärke
Protzt, wird rein das Herzensblut,
Denn des Himmelslenkers Werke
Sind wie Tauben leis beschuht.
Also soll der Reim dir taugen,
Daß du atmest, was dir tagt,
Und das Ohr wird Trost den Augen,
Wenn am Teich das Weidicht sagt.
Vers 30305 bis 30376:
Es zogen froh und wohlbestallt
Zwei Burschen in die große Stadt,
Nicht wird im Elternschatten alt,
Wer Phantasie und Füße hat.
Sie hatten Muskeln und Verstand,
Ein helles Aug und schlanken Wuchs,
Was da begann mit leichter Hand,
Das Lerchenheil des Morgens trugs.
Der eine kam gar rasch zum Ziel,
Den Liebreiz seines Weibes rühmt
Die Gasse, die das gute Spiel
Bald mit dem ersten Sohn verblümt.
Ein zweiter wächst, die Klause strahlt
Von Gottes Segen, Glück und Recht,
Der andre Bursche Heller zahlt,
Wo er genächtigt, fremd und schlecht.
Er irrt durchs große Einmaleins,
Wie einer, der den Rest nicht merkt,
In Trunkenheit, die die des Weins
Oft lindert und auch oft verstärkt.
Er sucht und steht sich selbst im Weg,
Glaubt kaum noch, daß der Herr ihn führ,
Daß sich der Nebel dichter leg,
Scheint ihm für jedes Tun Gebühr.
Und wo er liebt, wird er verlacht,
Am Anzug prunkt der Mottenfraß,
Aus Schuhn der Weg Sandalen macht,
Im Haupthaar kleben Stroh und Gras.
Man nennt ihn Hagestolz und Schrat,
Und peinlich klingt, was er so träumt,
Der Sensenmann sei hier die Gnad,
Wird allenfalls noch eingeräumt.
Doch dann, der Bart ist hart, und grau
Ward manche Strähne im Gezott,
Hellt sich sein Weg und weiß genau,
Er wurde ausgesucht von Gott.
Wo Jugend treibt ins Gradewohl,
Weiß er von Blendern, Launen, Schein,
Manch Füllhorn ist am Ende hohl,
Die Weisheit frommt dem alten Wein.
Sind vierzig Lenze abgezählt,
So weiß, der die Entbehrung zollt,
Was ihm der Heiland ausgewählt,
Und Silber scheint nicht mehr als Gold.
So wird die Liebe tief und klar
Im Herbste, der das Eitle flieht,
Was hart gesotten, wurde gar,
Weil gut ist, was nicht leicht geschieht.
So treibt den Burschen spätes Glück,
Die Engelschwinge, leicht und hell,
In die Erinnerung zurück:
Was tut mein einstger Weggesell?
Den ließ die Frau für ihren Arzt,
Das Haus ward eines Wuchrers Pfand,
Wie Bernstein scheint sein Aug verharzt
Und durch die Finger rieselt Sand.
Der Sohn sitzt ein als Wagendieb,
Vom Koks das Nasenbein kaputt,
Dem Jüngren ist das Ballern lieb
Im virtuellen Hollywood.
Der Zeitgeist fraß den guten Mut,
Aus allem Gute keimte Geiz,
Was einer schafft mit Herz und Blut,
Der andre nimmts, verbrauchts, verleihts.
So bleibt zuletzt die Weisheit schlicht,
Schon der Lateiner hat gesagt,
Die Zukunft sieht dein Auge nicht,
Drum sei kein Urteil früh gewagt.
Vor seinem Tod preis keinen Stamm
Als glücklich, fromm und wohlgestalt,
Und nie ein Labyrinth verdamm:
Wer lange irrt, wird oft auch alt.
Vers 30377 bis 30388:
Ich mag es wohl, mein volles Haar,
Das leuchtet wie ein Ziegeldach,
Ich bleibe frei und schaue klar,
Was immer dies bei euch entfach.
Die Leidenschaft verrat ich kaum,
Auch wenn ich frisch die Augen heb,
Ich halt die Zunge gut im Zaum,
Daß ich mir vorschnell nichts vergeb.
Ich hab, was da so schaut und grüßt,
Recht gut bemerkt und abgezählt,
Und meine Einsamkeit versüßt
Die Flamme, die mich auserwählt.
Vers 30389 bis 30412:
Quot erat demonstrantum:
Was du gesetzt, beweis!
Dem Schnürchen fehl kein Quantum
Und fest wie Binsen seis.
So sagten die Lateiner,
Daß keine Ausflucht bleib,
Wag die Behauptung einer,
So hafte auch der Leib.
Dies mag für manchen heißen,
Man setze, was da frommt,
Und wage keine Schneisen,
Wo keiner weiß, was kommt.
Doch hat das Selbstgewebte
Vielfältig fremdem acht,
Was deinem Geist nicht lebte,
Rächt deinen Geiz bei Nacht.
Denn was Ikonen spiegeln
Ist Abglanz nur und Hall,
Den Wunsch, dich einzuigeln,
Verlacht des Schöpfers All.
Drum will ich mich verweiben,
Wenn ich zur Tafel seh,
Die Dinge unterschreiben
Mit Dichters q.e.d.
Vers 30413 bis 30436:
Er haßt Gewäsch, Gelaber,
Gered um heißen Brei,
Hält sich als homo faber
Von Nacht und Mahren frei.
Was Geister spekulieren,
Ist ihm Spektakel bloß,
Darauf zu insistieren,
Ist allzu streng das Los.
Das Ding ist Materiale,
Das Ding an sich ist roh,
Hier Tat und dort Lappalie,
So ists und bleibt auch so.
Doch manchmal gibt es Schelme
Und böse Drachenschupp,
Dann ist ein Ei im Helme
Und Haare in der Supp.
Dann muß Hygiene klären,
Was unbelehrt noch da,
Und gegen Dichter-Zähren
Gibts Psychopharmaka.
So ist die Welt gerichtet,
Und was nicht frommt der Reih,
Sieht sich schon bald vernichtet,
Daß ganz die Ordnung sei.
Vers 30437 bis 30456:
Ich schein euch als gefangnes Herz,
Doch nicht die Tannen sind mir Haft,
Es ist des Jägers scharfes Erz
Dem das Geäst die Lücken schafft.
Ich springe hier, ich springe da,
Mir ist der tiefste Wald zu klein,
Denn wenn mich euer Auge sah -
Wie sollts beim Schützen anders sein?
Ich lausche stets, nach welcher Seit
Ich fliehen muß ins Dorngesträuch,
Vielleicht hab ichs ja nicht mehr weit,
Dann bin ich auf dem Tisch bei euch.
Gewiß ist oft die Äsung fein
Und lieb das Kitz im hohen Gras,
Doch immer auf der Hut zu sein,
Ist mir das Los, das Gott erlas.
So sei mir, dräut auch fern ein Horn,
Ein gutes Wort dem Sonnentag,
Denn wenn ich trete Kraut und Korn,
So hör ich auch Alrauns Geklag.
Vers 30457 bis 30496:
Als wir als Kinder lebten,
Noch unermeßlich reich,
Uns Nymphen Kleider webten
Aus Samt und Seide weich.
Der Friede war vollkommen,
Wir flößten auf dem See,
Dem Götterglanz zu frommen,
Der fernhielt Furcht und Weh.
Das goldene Geschmeide,
Das Gold, das Fürsten salbt,
Vermengten wir dem Kleide
Des Sees, den Ried verfalbt.
So sank im Götterdunkel,
Das unsre Augen schont,
Geglitzer und Gefunkel,
Das wie die Sonne thront.
Die Räuber wolltens heben,
Doch ward ihr Werk zunicht,
Denn was wir Göttern geben,
Kommt niemals mehr ans Licht.
Nach Eldorado sehne
Dich nicht als Narr und Dieb,
Dem See taugt nur die Szene,
Da sinkt, was hold und lieb.
Wer schenkt anstatt zu fordern
Zeigt Adel, Heil und Glast,
Dem wird der Himmel ordern,
Was Haupt und Gliedern paßt.
Als Kinder warn wir Dichter,
Der Reim hat uns beschenkt,
Drum wird der Himmel lichter,
Wenn man Gereimtes denkt.
Das Land von reinstem Golde
Bewahr im Herzen jung,
Daß jeden See verholde
Die Morgendämmerung.
So mußt du nicht mit Pferden,
Noch mit Maschinen ziehn,
Der Himmel weilt auf Erden,
Doch selten siehst du ihn.
Vers 30497 bis 30544:
Einst gab ein verirrter Ritter
Seiner Rettung zum Geschenk,
Daß dem Sumpf und dem Gewitter
Eine Stadt und Kirche denk,
Sein Vermächtnis, sein Vermögen
Wuchs im Hag, den er erkor,
Kreuz und Rad besingen Bögen
Für Marie in Ratibor.
Nah dem Haupt der Opolanen,
Wo gebaut nach deutschem Recht,
Flattern rot und weiß die Fahnen
Wie im Karpfenteich der Hecht,
Breslau schreibt am Weg der Weiser,
Und nach Mähren geht das Tor,
Manch Gebirge trennt vom Kaiser,
Aber treu steht Ratibor.
Ob an Böhmen falle Oppeln,
Ob da Preußen Schlesien ein,
Zeigt der Acker nur noch Stoppeln,
Glüht im Glas Burgunderwein,
Aus der Welt berichten Gäste,
Daß der Zar Bojaren schor,
Doch im Sturm steht Gottes Feste
An der Oder: Ratibor.
Daß nach einem Adelsstande
Länger nicht die Aue dürst,
Herzog ward dem Oppellande
Hohenlohe-Schillingsfürst,
Auf Schloß Lubowitz erzogen,
Wuchs ein Reim dem deutschen Ohr,
Der als Vöglein aufgeflogen
In dem Wald bei Ratibor.
Eichendorff wird ewig singen
Jedes Ding geheimes Lied,
Mags dem Teufel auch gelingen,
Daß man nichts mehr hört und sieht,
Werden selbst noch Stein und Wüste,
Noten und des Lieds Tenor,
Weil der deutsche Dichter grüßte
Gottes Herz in Ratibor.
Was vom Mittelalter lebte,
Machten Moskowiter platt,
Was im Brand der Plündrer bebte,
Hat verflucht die alte Stadt,
Daß ein Glaubensritter schwöre,
Der den Weg im Wald verlor
Und der Fluß dem Reich gehöre,
Hofft der Staub in Ratibor.
Vers 30545 bis 30559:
Der krumme Lebenspfad im jungen Haine
Ist ein Motiv, das zu gestalten müde
Das Aug nicht wird, das klar wie alte Weine.
Gar manchem scheint es ungezähmt und rüde,
Wie sich Gestrüpp und Kräuticht mählich weitet,
Jedoch die Künstler sind nur selten prüde.
Was leicht und locker aus dem Bleistift gleitet,
Hat weder Absicht noch Dozentenlaune,
Weil nur der Traum es unwillkürlich leitet.
Und lockt im Grün das Schwarze und das Braune,
Ists wie im Mondlicht nur als Ton zu fassen,
Der zwittrig bleibt wie der Hellenen Faune.
Drum lieb im Tun auch stets das Unterlassen,
Und mach dich leicht bewaffnet auf die Beine:
Was je zu zeichnen, reift in Jungwald-Gassen.
Vers 30560 bis 30599:
Den Vögeln wolln wir gleichen,
Wer Jahreszeiten ehrt,
Dem sind die Himmelszeichen
Nie abhold und verkehrt,
Auch wenn sich von den Eichen
Nie eine je beschwert,
Wirds keine je erreichen,
Daß Wandrer nichts begehrt.
Die Gaue sind Facetten
Wie Blätter einer Schrift,
Was wir im Lied verketten,
Uns neue Sehnsucht stift,
Wenn wir zu trinken hätten,
So läg im Trunke Gift,
Daß hinterm Wald die fetten
Gestad der Wandrer trifft.
Uns mag kein Glück genügen,
Und keines Ofens Qualm,
Die Lust zu Vogelzügen
Vibriert in jedem Halm,
Von Baltrum, Ösel, Rügen
Bis zur Tiroler Alm,
Kann unser Lied nur lügen,
Ists anders als ein Psalm.
So laßt uns froh studieren,
Was Gott gar wohlgetan,
In jeglichen Revieren
Spürst du des Volkes Ahn,
Drum sollst du dich nicht zieren
Und kürzen Mut und Bahn,
Des beste von den Bieren
Bringt dir kein weißer Schwan.
Wenn einst der Stab verrottet
Und siech die Glieder ruhn,
Frags Eichhorn, das dir spottet,
Ob ehr das Ei, das Huhn,
Ob einer auch nur trottet
Und tut, als würd er tun,
Er hat den Traum vergottet,
Der Jugend spürt in Schuhn.
Vers 30600 bis 30615:
Wunder mag der Kluge nicht,
Weil ihm das nach Einfalt schmeckt,
Doch vor Wundern das Gesicht
Schützt nur, wer es ganz versteckt.
Daß du atmest, hörst und schaust,
Mußt als Wunder nehmen, ob
Du auch sonst auf Logos baust
Und von Zahlen raucht der Kopp.
Daß die Erde fest und Licht
Morgens wird, hat Fug und Grund,
Für der Wissenschaft Gericht
Gibt nur Gott dir Zeit und Mund.
Wer da ganz auf Wunder baut,
Wird darob erst froh und frei,
Weil er höchst verwundert schaut,
Daß da überhaupt was sei.
Vers 30616 bis 30639:
Heb halb die Arme, spreiz die Hand,
Du bist es nicht, der etwas bringt,
Nicht schmückst du dich mit Hab und Tand,
Derweil die Stirn mit Engeln ringt.
Was deine Kargheit unterstreicht,
Lenkt meinen Blick aufs strenge Haupt,
Das der Betrachter nicht erreicht,
Weil im Geheimnis haust, wer glaubt.
Die Welt mag eitel sein und dreist,
Dies geht dich nicht im Traume an,
Wohin dein Zeigefinger weist,
Kein Bleistiftstrich bezeichnen kann.
Das Unsichtbare füllt den Raum
Und dein Gemüt, so jung wie alt,
Und im Verfließen fühlt sich kaum
Die hingegebene Gestalt.
Dies ist die Jugend nicht, die lärmt
Und auf dem Anger tanzt und wirbt,
Ein Falter, der im Dämmer schwärmt
Um den, der für die Menschen stirbt.
Denn wer das Ewige geschaut,
Der hat so sehr am Himmel teil,
Daß uns zu frösteln scheint die Haut
Als Opfer für das Seelenheil.
Vers 30640 bis 30679:
Wer da reist im deutschen Wamse,
Und wie Dürer trägt das Haar,
Sieht sich bald wie eine Gamse
Zwischen Zeitgeists Söldnerschar,
Viele Namen sind vergessen,
Mancher ließ den Pegasos,
Weil die Viecher ja nur fressen
Und der Dichter kriegt kein Schloß.
Wo einst klampfte die Gitarre,
Drängt man sich am Zeitungspult
Und mit mächtiger Zigarre
Schallt Professors Freiheitskult,
Polnisch sein die Parlamente
Und der Braten mäßt den Chef,
Alles jubelt bis es pennte,
Daß man sich zu zweien treff.
Wer ist nur der Vollgefreßne,
Der dir schmeichelt, dich umwirbt?
Jeder nicht auf Streit verseßne
Ihm nicht gern den Spaß verdirbt.
Auf zum Blockberg sollst du reiten
Auf der Mähre, die da schnaubt,
Was dir von den Schlafgescheiten
Ganz gewiß kein einzger glaubt.
Großes Volk will dorthin fahren
Heute zu der schwarzen Meß,
Tintenklechser fliegen Staren
Ähnlich ein zur großen Preß,
Ums Gebirge taumeln Gecken,
Die auch mittun wolln ein Stück,
Wo sie Ziegenböcke necken,
Falln sie im Geröll zurück.
Was dies alles soll bedeuten,
Weiß der Leser deines Briefs,
Denn er hört die Glocken läuten
Im Geschatt des Harz-Massivs,
Der Professor, dem man jubelt,
Fand in frühstem Sturze Zweck,
Und was die Zigarre dubelt,
Ist wie all die Jünger Dreck.
Vers 30680 bis 30719:
Bist du im Wald allein und still,
Dich ein Gespenst versuchen will,
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Und früh zu Bett geht der April.
Du bist durch manchen Hag gewallt,
Und wie der Bussard Mäuse krallt,
Fiel oft die Nacht mit schwarzem Samt
Und tat dem Lerchenherz Gewalt.
Dies ist dein Los, dies ist dein Amt,
Wer aus dem Gau der Wandrer stammt,
Muß sommers dürsten, winters friern,
Solang die Glut im Herzen flammt.
Du darfst den Mantel nicht verliern,
Du sollst nicht wie ein Wolf vertiern.
Was trabt da leicht auf hohem Roß?
Du sollst nicht nach den Madeln stiern.
Du kommst gewiß aus stolzem Schloß.
O Wunder, das mein Aug genoß,
Ich streichel deine Schenkel zart
Und saug, was von den Lippen floß.
Sie warnt dich gut und rät zur Fahrt,
Du weißt nicht wem dein Herz sich paart,
Du bist so kalt, so gottverlorn,
Du fragst nicht mehr nach Nam und Art.
Doch der dir einst das Haar geschorn,
Hat eine Mär dem Ohr erkorn,
Es steht ein Eilandschloß im Rhein,
Ganz aus verschmähter Lieb geborn.
Du weißt: dies muß die Holde sein,
Die dich versucht zur Nacht im Hain,
Du weißt, die Hexe Lorelei
Spinnt dich mit ihren Reizen ein.
Vielleicht gibt dich die Gnade frei,
Der Zunge keine Freimut leih,
Denn du kommst aus dem Wald nicht raus,
Verrätst du, daß erkannt sie sei.
Im nächsten Dorf ein warmes Haus,
Das heilt dich rasch von jeder Flaus,
Doch schluck geschwind die bittre Pill
Und sprich den Namen ja nicht aus.
Vers 30720 bis 30743:
O wunderbaren Schweigens Hort,
Wie einsam hüllt das lichte Grün,
Daß jedem Laut ein Zauberwort
Muß unterm Krongewölb erblühn.
Hier gilt kein schnöder Menschenzwist,
Hier bist du einsam auch zu zwein,
Denn jeglicher Gefährte ist
Ein Birkenstamm in Eichenhain.
Hier weben Wind und Vogelbalz
Am Einklang, der dich hebt und trägt,
Hier ist dein Geist das Körnchen Salz,
Das Gott ganz unvermittelt frägt.
Hier hast du früh und gut gewußt,
Daß nicht der Sense schwingt der Tod,
Denn lassen einst dich Schmerz und Lust,
Warst du zuvor oktoberrot.
Ein Blatt, dies ist dir sehr gemäß,
Du grünst und färbst dich ausgezehrt,
Für Gott ist jeglich Ding Gefäß,
Das im Verwehn den Schöpfer ehrt.
Der gute Schlaf ist ein Geschenk,
Weil er vergibt und Tiefe leiht,
Wenn ich der Lieb im Walde denk,
So ist gewiß bald Schlafenszeit.
Vers 30744 bis 30783:
Sanftes Aquarell der Mark,
Die sich duckt im Wolkengroll,
Sandland, mühereich und karg,
Saugt sich mit dem Himmel voll,
Wen das Ährenrauschen barg,
Der verachtet Gut und Geld,
Denn die Engel rührn ihn stark
Auf dem regnerischen Feld.
Wolken, die der Wind zerstiebt,
Türmen sich und ufern aus,
Wenn es eine Heimat gibt,
Bin ich auf dem Land zuhaus,
Weg, der sich durchs Offne schiebt,
Wagt getrost in alle Welt,
Weil der Sand den Wandrer liebt
Auf dem regnerischen Feld.
Zwar meint manch verwöhnter Geck,
Daß ihm Ockerton und Grün,
Böten weder Nutz noch Zweck
Oder Wert, sich drum zu mühn,
Doch im Schutz der Taxusheck
Wächst das Blau, das dir gefällt,
Und du spürst den liebsten Fleck
Auf dem regnischen Feld.
Was wie Schlaf beisammen liegt,
Atme mutterweich als Dunst,
Daß dein Lied zum Himmel fliegt,
War schon immer deine Kunst,
Wo die Bö den Halm verbiegt,
Der sich wieder grade stellt,
Hat das Kraut den Sand besiegt
Auf dem regnerischen Feld.
Staub hat deinen Rock gesteift,
Unterm Hut verklebt die Lock,
Und es ist kein Reis gereift
Aus dem grauen Wanderstock,
Doch wer durch die Heide streift,
Preist den Herrn, der sie erhält,
Weil er seine Näh begreift
Auf dem regnerischen Feld.
Vers 30784 bis 30823:
Schlesier, Schul- und Dichterfreund
Dessen, dem das Vöglein sang,
Der dem Taugenichts verneunt
Wanderers Weh und Überschwang,
Der der Toten Einsamkeit
Spürte stets in Wies und Wald,
Dem das Herz, der Himmel weit,
Obs da warm ist oder kalt.
Held in einem alten Staat,
Nahmst du Abschied von dem Heer,
Da des Korsen Usurpat
Ehelichte Habsburgs Ehr,
Rief dich Metternich zurück
In die hohe Politik,
Blieb die Dichtung doch das Glück
Und im Freimut stets der Blick.
Alter Zeit hast du gedacht
Und des Mannesmuts, der steht,
Und du hast am Quell gewacht,
Wo ein Kreis zuende geht,
Sturm und Schrecken bist du nicht
Ausgewichen und der Scham,
Darum such ich dein Gedicht
Gern aus dem Historienkram.
Dessen hast du gern gedacht,
Der verlornen Posten hält,
Eh Europa Selbstmord macht,
Hast du dich ins Lied gestellt,
Wenn uns Gott noch einmal weckt,
Daß das Abendland sich zeig,
Wird gewiß dein Werk entdeckt
Und was edel und was feig.
Gut darf schlafen unterm Wald,
Wer die Ernte eingebracht,
Wer den Gürtel eng geschnallt
Licht zur Dämmerstund entfacht,
Der Versucher hat gemerkt,
Daß du weißt was echt und wahr,
Drum dein Lied den Starken stärkt,
Dem das Auge wach und klar.
Vers 30824 bis 30888:
Nach Moritz vom Strachwitz
Daß nach Geschreibsel und Geschrei
Die Zeit sich wieder richt,
Daß einer makedonisch sei
Und im Entscheiden schlicht,
Daß wieder Tat dem Freien frei,
Der bürgt im Angesicht,
War dir im welschen Jammerbrei
Des Heilands Zuversicht.
Du stiegst nicht in den Pfuhl hinein,
Der auf Erlösung klagt,
Die Esche weiß im Sonnenschein,
Was an den Wurzeln nagt,
Wer zög das Schwert aus Lavastein,
Hat keiner sonst gefragt,
Du aber schenkst den alten Wein,
Darin der Himmel sagt.
Als Falken, den im Gänsestall
Man einzupferchen hofft,
Philistern gar ein Unglücksfall
Bist überall und oft
Gespönt, wo bis zum Tellerrand
Schaun Sinne und Vernunft,
Drum hoffst du auch für unser Land,
Des Helden Wiederkunft.
Noch ist erhört nicht dein Gebet,
Das Bittre nicht verzehrt,
Und wie ein Stehaufmännchen steht
Der Mob, der uns entehrt,
Jedoch solang der Nordwind weht,
Ist es uns nicht verwehrt,
Zu hoffen, daß die Pest vergeht
Und Gott das Fürchten lehrt.
Daß man da lehrt, an Müh und Not
Sei nur die Ordnung schuld,
Daß nicht zu scheiden Korn und Schrot
Und Irrtum die Geduld,
Das dient zuletzt dem Hundekot
Und treibt den Teufelskult,
Bis jeder um ein Stückchen Brot
Das Pfänderspiel vernullt.
Die Weisen waren stets voll Lob,
Die Halbgescheiten sind,
Liebäugelnd mit des Volks Getob,
Niemals im offnen Wind,
Die Stadtluft ihre Häupter hob,
Hier sind die Engel blind,
Und wo der Stein angelophob,
Sich leicht die Schlinge spinnt.
Dort soll sie zwischen Staub und Dreck
Zuletzt die Schwindsucht holn,
Weil närrisch jeder gute Zweck,
Der ihnen angempfohln,
Sogar die Muse freit ein Geck
Mit ausgetretnen Sohln,
Wo man vertraut dem Schüttelscheck
Aus Erz und schwarzen Kohln.
Erst wenn die Städte abgebrannt
Und Flur und Hof begehrt,
Wird Gottes Gnade neu erkannt
Und allem Trug gewehrt,
Dann gilt die Häresie als Schand,
Und Hoffahrt loht im Herd,
Dann setzt der Pflug das Feld instand
Sobald der Frühling kehrt.
Vers 30889 bis 30936:
Die Sonne bricht
Durchs Wolkenmeer,
Das grelle Licht
Verwirrt dich sehr,
Daß plötzlich klar
Und einzeln leb,
Was einig war
Im Dunstgeweb.
Allhie ein Hain
Und dort ein Strauch,
Das Gras am Rain
Bezeugt sich auch,
Die Wege ziehn
Sich kreuz und quer,
Was einfach schien,
Wird prall und schwer.
Streif von der Nas
Das Tropfgerinn,
Erspäh den Has,
Der hoppelt hin,
Ein neues Blatt
Betrachtet fest,
Wer Meilen hat
Auf holder Quest.
Die Stahlen rührn
An deine Haut,
Und sie zu spürn
Hat du geschaut,
Was Tag und Stund
Ins Auge wehn,
Hier wächst kein Grund
Um stillzustehn.
Hier tun sich jäh
Die Wunder auf
Was aus der Näh
Der Zeiten Lauf,
Erscheint von fern
Als traute Mär,
Als obs dem Herrn
Besonders wär.
Doch wer da fährt,
Der sieht sich satt,
Was ihm gewährt
Die schlichte Statt,
Ob Sonne glüh,
Ob Wetter tob,
Ist ein Geblüh
Und nichts als Lob.
Vers 30937 bis 30976:
Von dem Fläming bis zum Bober,
Zwischen Spree und Böhmerwald
Tönt ein Lied aus Stall und Schober,
Jung und tausend Jahre alt,
Soma-Winde, Rotblatt-Ober,
Orchideee im Eberwald,
Realgar, Rubin, Zinnober,
Rosenstock in Herzgestalt.
Zwischen Bruch und Hochwaldrinde
Von der Elster bis zum Queis
Grüßen Klee, Akazie, Linde
Zeidlers Immen hell und leis
Unterm Buchenblatt-Gesinde
Prunkt der Krokus blau und weiß,
Ähnlich einem Wickelkinde
Schreit der Frühling aus dem Eis.
Wer geboren an der Neiße,
Wer die Lausche jung bestieg,
Wird zum Trottel und zum Greiße
Ehr als daß er westwärts flieg,
Mag Vertraun und deutschem Fleiße
Streiten Paselackenkrieg,
Weiß das Kreuz, wie es auch heiße,
Daß mans eher brech denn bieg.
In der Lausitz haust der Haasler
Und er liebt die Asentracht,
Seine Geiß betreu der Kasler,
Dessen Mut aus Milch gemacht,
Denn kein Genfer und kein Basler
Weiß, wo deutsche Mitte wacht,
Und so brauchts auch nicht den Fasler,
Der das Wort zur Schrift verflacht.
Aus der Lausitz ist zu schweifen
Mitten in die Welt hinein,
Wer im Knast von Bautzen reifen
Durfte, mag kein Saarland-Schwein,
Also wird er herrlich pfeiffen
Auf den Lotterie-Verein
Und stets selbst die Ärmel streifen
Und der Herr der Erde sein.
Vers 30977 bis 31017:
Für Oskar Loerke
Einst in Jungen nahe Schwetz
An der Weichsel wuchs ein Knab,
Der als Ostens Meister Petz
Nahm Berlin im raschen Trab,
Von Vineta schrieb er früh
Und er pries den großen Pan,
Und er zog ins Waldgeblüh,
Da im Reich regiert der Wahn.
Wo der Turmbau eilig schritt,
Sieht das Kind den Oger nahn,
Und von Dürers Dreifachritt
Träumt im See ein morscher Kahn,
Grad da eine Welt versinkt,
Drin die Blüher Sinn und Maß,
Er sich einer Kunst verdingt,
Der es reicht, was er besaß.
Wie die Armut im Gedicht
Aufsingt, bleibt sie Dichtern treu,
Darum auch verwunderts nicht,
Daß der Halde Schutt und Spreu,
Eine selten reiche Schar
Hochgestimmter Lieder schuf,
Wo die Welt am Ende war,
Klang der Windzeit Nebelruf.
Zwei Jahrzehnte warf das Land
An der Oder Sproß um Sproß,
Der den Bogen in der Hand
Pfeile deutschen Sangs verschoß,
Wo der Erstling pries den Elch,
Folgten Otter, Schierling, Wurz,
Und der Spätre fragt sich, welch
Genius stieg so steil, so kurz.
Drum ist wohl der kleine Ort
Dieser Herkunft recht benamt,
Denn der Jugend Zauberwort
Kennt den Traum, daher ihr kamt,
Jeder Dichter dieser Zeit
Gelte mir als Großpapa,
Und der Osten, hell und weit,
Stellt die erste Garde da.
Vers 31018 bis 31031:
Er sitzt, doch so, daß er sich bald beweis,
Den Armen stehen Schwung und Fall in Waag,
Die Stirn zeigt an, daß hier ein Wollen mag,
Doch etwas hält den Leib, so weich und weiß.
Stroh-störrig sticht des Haares Raufgelag,
Das Auge blitzt, der Mund bleibt zögernd leis,
Ob pfeilschnell sich als Gerte reg das Reis,
Verrät kein Hauch an diesem lauen Tag.
Die Zeichnung läßt uns träumen und vertraun,
Doch so ist jede Jugend anzuschaun,
Die noch nicht trat ins unbedingte Joch.
Denn vor der Tat liegt aller Hoffnung Zaun
Mit Schwermut, noch einmal zurückzuschaun
Und auszuharren zwischen Noch und Doch.
Vers 31032 bis 31071:
Für Robert Hohlbaum
Daß wahrer Traum als alles Leben leuchte,
Sagt jungem Volk dein Stanzen-Testament,
Daß nicht im Angstschweiß groß die Lebensfeuchte
Sondern im Kuß, der mürb und dunkel brennt,
Und daß der Mensch nur ein paar Jahre bräuchte,
Daß er der Heimat Mutterliebe kennt,
Hast du bezeugt in zart gewebten Silben,
Die tönen, wenn die Bücher längst vergilben.
Du nennst das Grenzland deine frühen Pfade,
Dies machten uns in London und Paris
Die Egel, die uns gern an Steiß und Wade
Heimsuchen und zu gern das Goldne Vlies
Entführten und die Göttin störn im Bade.
Doch wer da späht in artemissche Grotte,
Verfällt zuletzt der eignen Köterrotte.
Du schaust mit klarem Aug die Charakere,
Die uns umschmeicheln, jagen, ignoriern,
Du scheidest wie aus schwarzem Blatt die Schere
Die Schatten, die so ähnlich sind den Tiern,
Dein Vers ist leicht und wohlig kann die Kehre,
Den Einklang im Gedächtnis inszeniern,
Weil jede Fügung spricht vom Dichterblute,
Und jedes Ohr im Reim erkennt das Gute.
Die Weine sind dir klar und Goethes Frauen,
Du bist der Meister im subtilen Spiel,
Du kannst die Blumen und die Monde schauen
Und kennst den Reim, darein das Limit fiel,
Doch Bruckners Preisgesang darfst du vertrauen,
Weil du begreifst, daß die Musik am Ziel,
Und darum sollst im Grab nicht weiter reden,
Denn Spärenhall ist die Musik von Eden.
Der Oberförster ging mit dir spazieren,
Die Kronen später aus dem Rokoko,
Du konntest nur gewinnen, nicht verlieren,
Ein Osterfeuer ward dein Geist-Geloh,
Und wenn die Krähen auf die Runen stieren,
So bleibt du dennoch im Geheimnis froh,
Denn wer dich kennt, der nähert sich der Stelle,
Da Gott die Zeit beschämt mit seiner Helle.
Vers 31072 bis 31087:
Waffen und Feme und Blut überall,
Stirnen gefurcht, wo sich Ares so rot
Ausspricht im Feuer, im herrischen Knall
Heißer Kanonen mit Schwefel und Tod.
Hier ist das Dasein ein hartes Geschäft,
Hier stehen Männer in einsamem Stolz,
Ausgesperrt bleibt jeder Köter, der kläfft,
Stahl sind die Klingen und Eichen das Holz.
Nimmer noch heimelt die Waldeinsamkeit,
Hier sind die Worte wie Degen so scharf,
Hier ist der Tod einen Fingerzeig weit,
Grad einen Vers in des Dichters Geharf.
Auf Messers Scheide und nie noch vertan
Von Hohen-Einsam ist Herr auf dem Berg,
Ikarus stürzt in den Zeit-Ozean,
Aber der Dichter vollendet sein Werk.
Vers 31088 bis 31127:
Wo ich einst gerannt auf Kindesbeinen,
Ohne Wo und Wann und kaum der Windel
Ledig, standen sie mit Kern und Steinen,
Obstfroh als Spalier und hohe Spindel,
Ob ich Mahner, Mischkrug oder Melder
Ob die Wege Buckel oder Delle,
Meine Weiser durch die Ackerfelder
Bleiben Apfel, Kirsche, Mirabelle.
Frühste Brüder sind dem Menschen Bäume,
Früchte, die dir Durst und Hunger meistern,
Wenn du dir gewärtigst deine Träume,
Siehst du sie an den Alleen geistern,
Und sie sprachen dir vom Paradiese,
Kargt dein Herz in einer harten Zelle
Zeigt dir doch ein Loch im Turmverliese
Draußen Apfel, Kirsche, Mirabelle.
Wo sie randen, ist der Weg ein guter,
Wen sie schirmen, der ist voll von Glauben,
Galtest du als Strick, als unbeschuhter,
Konnte niemand ihre Anmut rauben,
In den Weiten, die das Hemd verklebten,
Ließ dich oft ein jeglicher Geselle,
Aber einen linden Schatten webten
Sorglich Apfel, Kirsche, Mirabelle.
Auch das Reich der Toten kann nicht ohne
Obstbaum sein, dies ist dem Herz versprochen,
Gleich in welcher Klause ich jetzt wohne,
Stets hab ich die Obstalleen gerochen,
Sie verbinden alle meine Pforten,
Alles Dunkle und auch alles Helle,
An den Spuren zwischen meinen Orten
Wachen Apfel, Kirsche, Mirabelle.
Darum werd ich nie ein Los begehren,
Als die Lande unter schweren Scharen,
Wo die Vögel mit Gesang beehren
Bäume, die mir immer Väter waren,
Und ich glaube keinem Volkspropheten,
Der sie nicht gegrüßt auf jeder Schwelle,
Denn in allen echten Herzgebeten
Bürgen Apfel, Kirsche, Mirabelle.
Vers 31128 bis 31151:
Es sagt sich leicht, man emigriere,
Wenn man der Herrschaft spinnefeind,
Wer weiß schon recht, was er verliere,
Wenns schon die Sprache sperrig meint.
Erst recht als Dichter, der vom Mete
Der Sprache lebt in Au und Wald,
Es fehlen Landschaft, Freunde, Knete,
Und bald wird auch das Zimmer kalt.
Da sich die Mutter drin ertränkte,
Gabst du zum Namen Fluß und Stadt,
Daß Krieg den Vater tödlich kränkte,
Gewiß auch Vorbedeutung hat.
Wer sich mit Zwergenwuchs und Buckel
Geschlagen weiß und auch gebannt,
Hofft in des Lebens Müh-Gezuckel
Nur selten auf ein reiches Land.
Die Groß-Berliner Lebensbühne
Auch manchen Sonderling vertrat,
Doch da Reichstag fordert Sühne,
War Toleranz gleich Hochverrat.
So stirbt der Dichter an der Themse,
Die Gattin gibt im Nachlaßband
Das Leben mit gezogner Bremse
Und tötet sich mit eigner Hand.
Vers 31152 bis 31195:
Nach Georg Heym
I
Das Mädchen, das sich dem Verfließen breitet,
Geschwisterlich den Aalen und Reptilen,
Trat in die Schar, mit der die Dichter spielen
Und deren Traum die Dämmerstimmung weitet.
Wo Hamlet schweigt und um den Pudel schreitet,
Stürzt dieser Klang herab in Bilder-Silen,
Man findet ihn in Bingen und in Bielen,
Auch Hirschbergs Sänger früh die Fabel leitet.
Ob er bei Farn und Kraut in Dunkelheit
Prophetisch seine eigne Nacht erträumte,
Im Strom der Stadt ein losgerißnes Scheit?
Oder gar sah wie der Statist sich bäumte,
Da alles starrt den Dämon eisger Zeit,
Den er benannte und dann ganz versäumte?
II
Im Wellenspiel der Havel leis erzittern
Die Gräser wie Ophelias blonde Haare,
Wo alles horcht, was sie da offenbare,
Da raunte wer vom schauerlichen, bittern.
Die scheuen Rehe, die am feinsten wittern,
Sahn den Tornado nahn im Flug der Stare,
Und in den Nächten führten sie die Mahre
Auch nach Verdun, wo sie Granaten splittern.
Der schwere Nebel auf dem Pflaster kroch,
Sie sahen schon den Feuerdrachen speien
Und in der Zukunft nur ein schwarzes Loch.
Sie sehnten sich nach Dunkel und Verzeihen
Im Rasen, wer zuerst den Gifttrank koch,
Und suchten Ruh aus dem Gestöhn und Schreien.
III
Die Tote gleitet weich und weiß im Dämmer,
Durch Brücken, die gespannt nach Eiffels Muster,
Sie schwillt und flieht dem Licht und dem Verkruster,
Und achtet nicht, wer da an Nieten hämmer.
Im Wasser spiegeln sich des Himmels Lämmer,
Die Gärten sind ihr fremd, da blüht Liguster,
Ein Lied, gesummt in traumhaft unbewußter
Gefährdung, führt sie in den Kreis der Schlemmer.
Fürs Aufblühn da im grünen Wellenbett
Brauchts keine Deuter und auch keine Schulen
Und auch der Klügste macht das Kraut nicht fett.
Jedoch den Dichter und den Somnanbulen
Begrüßt Ophelia häuftig im Sonett
Mit Kirkes Weide und Athenes Uhlen.
Vers 31196 bis 31211:
Wenn der Geist in sich besonnen,
Hält ihn gern der Zeichner fest,
Weil die Woge unverronnen
Höchste Kronen hoffen läßt.
Daß wir in der Mitte wandeln,
Zwischen Schlamm und Himmelslicht,
Darf das Schattenspiel behandeln
Im besinnenden Gesicht.
Wer besinnt, sich zu entscheiden,
Trennt sich von der Leidenschaft,
Jede Tat und jedes Leiden
Raubte ihm die Urteilskaft.
So stehn Wohl und Weh in Waage,
Früh und spät sind gleich dabei,
Wie am Anfang aller Tage,
Da der Himmel spricht: es sei.
Vers 31212 bis 31252:
Für Kurt Heynicke
Im Geschatt von Geigenhansel,
Quickborn, Freischar, Jungenschaft
Schiens Theater, Fest und Kanzel
Mürb, was noch dazwischen klafft,
Dies dem Leben zu vereinen,
Neuer Jugend und Reform,
Schritt ein Plan mit flinken Beinen
Durch das Land und schuf enorm.
Wie schon Schiller einst und Wagner
Epidauros, Pergamon
Sahn als Vorbild volkgetragner
Bühne und als Stadion,
Kult und Wettkampf, Chor und Rede,
Drein die Meister und die Lain,
Bringen Lebens Lust und Fehde,
Die zurückströmt lebensein.
Mancher arbeitslose Mime,
Der im Freilicht neu bestallt,
Fragte nicht, ob dem Regime
Preis mit seinen Künsten galt,
Als dem Maß der Technokraten
Auch die Propaganda frank,
Wars dem Thingspiel angeraten,
Daß es zur Folklore sank.
Daß was Dichterwort bestalle,
Dem Parteitag, und der Weih
Jährlich vor der Feldherrnhalle
Künftig nicht mehr ähnlich sei,
Daß der Künstler sich im Kulte
Üb, nun zu ästhetisch roch,
Und als Redner an dem Pulte,
Ward gewüscht nur einer noch.
So verfiel der Musentempel,
Doch der Zeit hat das Gedicht
Griffel, Narbe, Knoten, Stempel
Stets voraus, draum fragt es nicht,
Ob Expressionismus Mode
Hörspiel, Kinomatograph,
Denn der Wahn hat nur Methode,
Wenn der Geist den Engel traf.
Vers 31253 bis 31286:
Ostländisch bin ich, das heißt:
Verdunkelt und einsam sein.
FRIEDRICH BISCHOFF
I
Zum Himmel hin soll meine Stimme siegen,
Das Vogelherz, das ich im Traume bin,
Und mit den Schwalben sich im Blauen wiegen.
Zum Himmel hin.
Der Himmel war so groß im Anbeginn,
Und auf den Almen meckerten die Ziegen,
Jedoch das Lied verlor schon lang den Sinn.
Wo fremde Gaue meine Schritte wiegen,
Der Mond das Silber tauschte ein für Zinn,
Da stinken nur mit Lärm die Eintagsfliegen
Zum Himmel hin.
II
Der Himmel floß so weit am großen Flusse,
Der blonde Pflüger tätschelte sein Roß,
Bis dann im Blute, das vergießt der Russe,
Der Himmel floß.
Und als sich hinterm Treck die Erde schloß,
Warn Vögel schwarz und feurig bald im Schusse
Und noch in Dresden fiel manch Weggenoß.
Und doch bin ich als Wandrer nicht am Schlusse,
Weil sich der Himmel in die Reime goß,
Und also sing ich bis zum Überdrusse:
Der Himmel floß.
III
Der Himmel sei die hehrste Muttergabe
Und heilig gält das Land im ersten Schrei,
Verbürg ich, daß der Nachgebornen Wabe
Der Himmel sei.
Zwar sind in jedem Land Gedanken frei,
Doch fern den Vätern fahre ich zu Grabe,
Und wer da siegte, höhnt mir noch dabei.
Doch wird auch diese Zeit der Küchenschabe
Vergehn und meinen Enkeln stehe bei
Der Herr, daß ihnen, was ich nicht mehr habe,
Der Himmel sei.
Vers 31287 bis 31302:
Nicht die Leuen, die Giraffen,
Grüßt dein stilles Zeichenblatt,
Die Erbauung bei den Affen
Sucht nicht, wer die Menschen satt.
Der Kanal, wie Götterspeise
Starr und wie ein klarstes Eis,
Großstadtlärm ließ eine Schneise,
Die allein der Künster weiß.
Daß der Winkel froh alleine,
Merkt man gleich, da jeder Plan,
Wich Gesträuch, das sich die Raine
Fruchtbar macht und untertan.
Labyrinth sucht dich zu schrecken,
Daß du drängst in das Gefild,
Also laß der Wanderstecken
Und begnüg dich mit dem Bild.
Vers 31303 bis 31319:
Für Horst Lange
Ostwind reißt den Rauch vom Dach,
Lärchenkantholz keimt im Fach.
Nagelrost im faulen Pflock,
Brache fleckt der Schierling-Schock.
Ochse brüllt und Laden knarrt,
Hinterm Spritzhaus schläft der Wart.
Tollkraut bräunt, die Spinne webt,
Leicht das Fleisch am Knochen klebt.
Schläfrigkeit und Mückenflug
Wechseln sanft Geschrill und Fug.
Moorlicht lockt, doch meint sein Fluch
Nie, daß einst sich schlöß das Buch.
Moos und Farn und Dämmerbrei
Warten auf den Hahnenschrei.
Also sei, was wirklich ist,
Und es fall der Antichrist.
Vers 31320 bis 31343:
Parolen hehr und Fröste harsch,
Die sechste Weihnacht überm Krieg,
Du wärst gern wie dein Name karsch,
Doch nur wer muß, der spricht vom Sieg.
Der Träumer wächst aus hartem Holz,
Der Bildner schleift an Haupt und Hand,
Das Neue Jahr, ach -- segnets? grollts?
Entwürfe stapeln Fach und Wand.
Daß wirklich wieder Friede sei,
Daß nicht nur still die Waffe schweig,
Du hast da nichts erbaulich frei
Als Flitterschmuck am Tannenzweig.
Bald stirbst du, daß man nicht verschlepp
In den Ural die Sklavenkraft,
Nach siebzig Jahrn mit Fron und Nepp,
Kaum einer noch den Frieden schafft.
Was deutsch und heilig, ist tabu,
Was Kunst und Recht, bestimmt der Feind,
Eh Schmach dir zog die Kehle zu,
Hast du ein andres Heil gemeint.
Vergessen weht durchs Stoppelfeld,
Der Schlächter zählt da ras, dwa, tri,
Doch wer sein Werk ins Dunkel stellt,
Wird auferstehn aus Nichts und Nie.
Vers 31344 bis 31367:
Wenn man dem Dichter nimmt das Amt,
Dies ist als würd ein Läufer lahm,
Du bist ins Lektorat verdammt,
Das Lied versinkt im Schreibtischkram.
Als Übersetzer darfst du noch
Vermittelnd an Apollon rührn,
Welch Heimat dir im Herzen poch,
Sollst besser nicht im Schilde führn.
Es gibt ein zweites Deutschland jetzt,
Doch was du hörst, erscheint dir lau,
Daß man den Osten dort nicht schätzt,
Weißt du von Anfang an genau.
Die Mark liegt näher als die Ruhr
Am Tal, drin sich die Klodnitz wiegt,
Im Kiefenhag auf Gnomen-Spur
Der Sammler noch im Alter siegt.
Die Krähe ritzt ins harte Eis
Die Botschaft, die du nicht mehr wagst,
Ich schäm mich, daß ich naseweis
Nicht einst gesucht, was du mir sagst.
Doch tut dein Vers noch heute gut
Und wird in mancher Zeit bestehn,
Und knapp noch durftst du frohgemut
Des Schlangenkönigs Häutung sehn.
Vers 31368 bis 31407:
Wie am Anfang steht am Schluß
Dieser Namensreih ein Böhmer,
Schon zu Zeiten des Jan Hus
Mochten diese keinen Römer,
Wer die Verse selbst vertont,
Daß ihm alles selbst gehöre,
Bleibt vom Wiener Stolz verschont,
Und von Launen der Tenöre.
Das Bekenntnis freien Manns
Sei der Strauß von Immortellen,
Spielt die Flöte auf zum Tanz
Zögert nicht auf Bärenfellen,
Unser deutsches Vaterland
Ruht in unsrer Seele Adel,
In der Not greift der Verstand
Vor der Keule stets zur Nadel.
Für den Dichter zeigt sich Gott
In dem Reim von Aug zu Auge,
Dogma, Kette und Schaffott,
Und was sonst Bekehrung tauge,
Macht dich niemals gut und rein,
Wie der Liebe dies gegeben,
Darum sollst du liebend sein
Und nur in der Liebe leben.
Hart sind Tagesmüh und Pflicht,
Darum frühe Einfalt achte,
Was sich Hellas gab als Licht,
Immer heimzuholen trachte,
Was du tust und was du wagst,
Sollst am Göttlichen du messen,
Was du meinst und was du sagst,
Trage stets den Schimmer dessen.
Ist vergessen, was ich bin,
Widerlegt, was ich erdachte,
Dunkel und zerzaust der Sinn,
Bleibt doch stets die Träumer-sachte
Melodie am Saum der Zeit,
Die zur Orgel macht die Flöte,
Wenn der Wälder Einsamkeit
Aufstrahlt in der Morgenröte.
Vers 31408 bis 31471:
Solange das Schauen
Befehligt die Hand,
Die pfahlwurzelnd Rauhen
Hast stets du gekannt:
Mit Kreide auf Schiefern
Mit Stöcken im Schnee,
Die märkischen Kiefern
Am Grunewaldsee.
Die karge Idylle,
Wo Gäser gereiht,
Nach Farben und Fülle
Nicht Neigung und Neid,
Die Landschaft zu adeln
Als Silberlichtfee,
Die Zapfen und Nadeln
Am Grunewaldsee.
Der Reizker, der Rotzer,
Der Glückspilz für Hans,
Nicht kleckert der Klotzer,
Mit Gnomengefrans,
Den luftprallen Pollen
Taugt jedes Entrée,
Den Lebenslustvollen
Am Grunewaldsee.
Die wiegenden Äste
Im raumreichen Stock,
Versprechen Paläste
Dem Häftling im Block,
Sie brauchen nicht Bienen
Und nährn sie seit je,
Wie Dichters Terzinen
Am Grunewaldsee.
Den ob auch im Grauen
Manch Vogelzug spricht,
Die Zeit zu vertrauen
Ist allzulang nicht,
Sich niemand zu stören
Den Stift untersteh,
Die märkischen Föhren
Am Grunewaldsee.
Nicht weit sind Geschütze,
Und Bunker und Werft,
Weß Frommen dies nütze,
Den Wind hier nicht schärft,
Zwar brechen Kolonnen
Zu Wahn auf und Weh,
Doch heimeln die Wonnen
Am Grunewaldsee.
Schon bald werden Städte,
Im Hochofen schmorn,
Wer heute sich rette,
Ist morgen verlorn.
Die Rheintöchter tanzen:
Im Anschaun vergeh,
Die Nadligen fransen
Am Grunewaldsee.
Sie wollen nicht ändern,
Was stirbt und was steht,
Sie bleiben den Ländern,
Bis alles vergeht,
Drum sollst du gehorchen,
Was immer gescheh,
Den märkischen Forchen
Am Grunewaldsee.