Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Trichterwinde

Wie der Träumer, so der Traum.

– Sprichwort

Vers 33066 bis 33101:

Vogelsang

Die Frühlingszeit verpaßt du nie,
Da hell gestimmt das Waldgeschweig,
Rotkehlchens Schwermut zeigt Manie,
Der Zilpzalp wirbt vom Weidenzweig.

Rohrdommel flötet, Seidenschwanz
Uns klingelt nach Familienart,
Schon wird es Zeit zum Lindentanz,
Zaunkönig schmettert seinen Part.

Ahm nicht nur nach mit Blockgeflöt,
Mit Gaumenpfeiferl, Zwitscherrohr,
Was immer sich zum Tönen böt,
Es stell der Stimme Grund und Chor.

Wie kommts zu diesem ernsten Scherz?
Ein Vogel du, im Trillern laut,
Der Rhythmus pumpt das Blut im Herz,
Aus Melodien ists aufgebaut.

Es ist der reinste Übermut,
Wenn jemand singen will und muß,
Er zeigt, daß alles Leben ruht
Auf Gottes großem Überschuß.

Doch weh! was ohne Arg und Gram,
Es wird befehdet, hart und streng,
Wer in das Tal der Menschen kam,
Spürt bald, daß ihm die Kehle eng.

Was Freimut trägt, Gesang, Gebet,
Ist immer auch Gewicht, Gesetz.
Nicht ausbleibts, daß das Reimgered
Des Feindes dunklen Plan verletz.

Drum mischt sich in dein Geigenspiel
Ein Grollen aus dem dunkeln West,
Ein Horn klagt leis, wo Siegfried fiel,
Im Windstoß bleibt nicht alles fest.

Doch halt nicht ein, selbst wenn dir dicht
Der Regenfall das Haar verklebt,
Es ist noch langhin zum Gericht,
Drum lob und preise stets was lebt.

Vers 33102 bis 33137:

Natursprache

Der Forscher meint, sein Schaukorsett
Beschäme jedes Filigran,
Doch geht sein Geist auch spät zu Bett,
Ist doch das Werk nie gut getan.

Zu hobeln hier, zu feilen dort,
Was sich nicht fügt, wird eingepaßt,
Dann treibt im Traum ein leises Wort
Den kalten Schweiß zur nächsten Hast.

Am Ende lautet die Bilanz:
Hätt ich wie Faust den Hexentrank,
Die Wege sucht ich anders ganz,
Denn solche Müh fand selten Dank.

Ganz anders geht der Lauscher vor,
Er ist kein Fänger, wohlbewehrt,
Er setzt auf Elle nicht und Rohr,
Er wartet, bis man ihn begehrt.

Daß anfangs alles klar und rein,
Ist ihm gewiß, der Hochmut schafft
Die Fremdheit und das Einsamsein
Und schließlich, daß der Mut erschlafft.

Entfällt den Wesen blütenzart
Die Zeit wie eine Schlangenhaut,
Wird eine Heimat offenbart,
Die eigenhold aus allem schaut.

Der Sperber aus den Himmelsfrühn,
Der Pollenflug am Anger weiß,
Das lenzne Treiben lindengrün,
Und der Boviste Hexenkreis,

Sie werden ihm, der schweigend preist,
Was ohnehin kein Jäger trifft,
Zu Weisern, wie er selber heißt,
Und wer erhebt das Horn der Hift.

So wird die Sprache, die sein Kleid,
Des Ursprungs inne, reicher noch,
Und ihm erwacht die Heiterkeit,
Wo andre sehn ein schwarzes Loch.

Vers 33138 bis 33197:

Schachspiel

Weiß am Zug, und alles offen,
Symmetrie und goldne Ruh,
Hast du deine Wahl getroffen,
Spitzt sich bald die Lage zu.

Stündst du auf dem Feld alleine,
Wär zum Handeln keine Not,
Aber so sind deine Steine
Und dein Überstehn bedroht.

Suche nicht dich einzumauern,
Wenn du fehlst, so hakt er ein,
Der im Offnen weiß zu lauern,
Wagt auch jäh und dreist zu sein.

Läufer mäht die Todeslinie,
Springer brechen Wehr und Wall,
Knickt der Turm wie eine Pinie,
Bricht ins Mark des Feinds Gekrall.

Fällt die Garde im Gemetzel,
Zeigt sich nackt, was wohlbeschuppt,
Hier hilft nicht der Spruch des Tetzel,
Denn das Spiel ist nie korrupt.

Schach! Des Spieles Sturmfanfare
Macht den Jäger jäh zum Wild.
Warnwort, das dir offenbare,
Daß dein Planen nicht mehr gilt.

Opfer! Was noch abzustreifen,
Gib mit Glanz und Freude hin,
Die dir hold mit güldnem Reifen,
Zu entführn, war Angriffs Sinn.

Sie, dir nicht nur Trost und Ehre,
Bogenschützin, Vogelgeist,
Ist ihr Platz der funkelnd leere,
Du erst recht die Größe weißt.

Sie, von Regeln ungebunden,
Zielt für drei, wenn sie sich rührt,
Hat der Gegner sie gefunden,
Wirst du nur noch vorgeführt.

Aber dennoch rückt der Bauer
Stur und langsam durchs Gefild,
Stößt nach vorn die Panzermauer,
Wird das Feindgebiet zum Schild.

Dann, der Übermut der Schlächter
Hat den Frommen übersehn,
Also durfte ein Gerechter
Jenseits dieser Walstatt stehn.

Sagt uns dies, daß der Gewitzte
Durch des Spähers Raster fällt?
Oder daß der Grobgeschnitzte
Lohn für zähes Mühn erhält?

Mischt dem Endkampf sich die Holde,
Wenn der Minner wach und wund,

Panzert Tristans Gram Isolde
Und beendet Schmach und Schwund.

Sekundiert der Amazone
Einhorn an des Springer Statt,
Setzest du des Feindes Krone
In den eignen Mauern matt.

Die Entscheidung ist zu finden,
Nicht die Schleifung aller Wehr,
Und der Seligen, der Linden
Dankst du dabei nie zu sehr.

Vers 33198 bis 33229:

Aal

Du lebst als einzge Gattung der Familie,
Und für Linné auch noch als einzge Art,
Doch Namen hast du Wandelsamer viele,
Die du gewinnst auf deiner Lebensfahrt.

Ein ganzer Saum sind Schwanz und Rückenflosse,
Am Bauch hat keine not der Schlängelleib,
Dem Kiefer frommt das Mürbe wie das Krosse,
Die Welle ist dein unbestrittnes Weib.

Ans Weidenblatt die transparente Larve
Erinnert, die zur aaligen Gestalt
Dreijährig ihre Wendung nimmt, die scharfe.
Der Sonnentag wird drum nur einmal alt.

Glasaal heißts dann, nicht trügt der Duft als Zeiger,
Der Sinn ist auch für tausend Meilen gut,
Breitkopf und Spitzkopf, Blanker oder Steiger,
Sogar den Rheinfall überschwabbt dein Mut.

Der Golfstrom führt dich an die großen Münder,
Flußaufwärts gehts zu Lurche, Krebs und Maus,
Zum Meere kehrt erst der Familiengründer,
Was paßt ins Maul, das kommt da nicht mehr raus.

Wir sagen Silber oder nennens gelber,
Obs in der Tiefe, ob am Saum gefällt,
Wer von Geschmack, der schmeckt gewöhnlich selber,
Und seinen Meister findet jeder Held.

Du sammelst Gift im Blut, ein ärgrer Räuber
Erkennt, daß dieses Kochen leicht zerstör,
Daß er das Meer sogar vom Leben säuber,
Betont er stets, daß alles ihm gehör.

Doch du bist älter als dein Feind und jener,
Der findet noch die Fahrten seines Glücks,
Wenn dieser, der mißachtet den Belehner,
Vermodernd treibt im Höllenblut des Styx.

Vers 33230 bis 33243:

Juwelen

Schafft erst der Schmied die Hoheit der Metalle,
Sind doch die Steine schon im jähen Funde
Voll Anmut, und es sah noch niemand alle,
Die Gaia hat begabt mit stummer Kunde.

Gleichwohl hat hier der Mensch, der allen Wesen
Ein tiefres Leuchten sucht hervorzurufen,
Es wohl vermocht auch das, was so erlesen,
Zu heben auf von ihm erträumte Stufen.

So kann der Schliff zu Graten und Facetten
Das Licht zu einem Feuerwerk verleiten
Und Sterne zur Gefälligkeit verketten,

Daß die Kristalle aufblühn und sich spreiten,
Als öffneten sich Tore uns zu retten,
Durch die wir ziehn ins Eins der Erdenzeiten.

Vers 33244 bis 33307:

Izanagi

Wer von lichter Schwebebrücke
Ließ der Lanze Kronjuwel,
Daß ihm Onogoro glücke,
Folgt nicht fremder Herrn Befehl,
Sind auch krumm die ersten Stücke,
Wuchs ein stolzer Archipel,
Doch der Feuersohn sann Tücke
Wider Mutters Leib und Seel.

Izanagi folgt der Trauten
Durch Gelichter und Geschatt,
Die den Dunkelhain erbauten,
Warnen, daß die Gattin satt
Längst sich aß am Ganz-Entblauten,
Wurzel nun dem Blütenblatt,
Daß nach Schauen und Geschauten
Sie gewiß kein Heimweh hat.

Doch dem Stolzen soll nichts hehlen,
Er entflammt den spitzen Span,
Was uns Nacht und Traum nicht stehlen,
Raubt uns der Erkenntnis-Wahn:
Also darf kein Schrecken fehlen,
Willst der Nachtwelt schauend nahn,
Denn die Würmer, nicht zu zählen,
Hindert nichts an Fraß und Bahn.

Angewidert will er fliehen,
Doch die Bleiche, selbst Dämon,
Sucht den Mann hinabzuziehen,
Der nicht Herr mehr, sondern Sohn.
Er entrinnt, wie ausgespieen,
Überströmt von Schimpf und Hohn,
Diese Schmach bleibt unverziehen
Und verflucht der finstre Thron.

Einen Felsblock, rot graniten,
Schiebt er vor den Höllenschlund,
Die Verfolgrin wird nicht bitten,
Unersättlich ist ihr Mund,
Allen Wünschen, Träumen, Sitten
Bleibt sie hart wie ein Korund,
Wie ein fauler Zahn inmitten
Einer Jugend, die gesund.

Denn sie schwört, sie wird sich holen,
Was da singt und was da summt,
Nicht allein zertretnen Sohlen
Sorgt sie, daß der Puls verstummt,
Manchmal schlägt sie Kapriolen,
Manchmal naht sie hold vermummt,
Sticht Skorpion am Huf das Fohlen,
Lacht die Gräßliche: Es kummt.

Izanagi hält dagegen,
Söhne, Töchter, Wehr und Hut,
Will das Dunkel uns erlegen,
Steh davor das Hab und Gut,

Also führt er flink den Degen,
Setzt auf Schwert und Schwingers Mut
Und erkauft sich allen Segen,
Daß ein andrer drunten ruht.

Dies gilt auch nach Menschenaltern,
Erde raunt dem Himmel zu,
Mit den Zeugern und Erhaltern
Steht der Tod auf Du und Du,
Ob an Schanzen oder Schaltern,
Ob im Rausch, ob in der Ruh,
Zu den Raupen und den Faltern,
Weist ein Wink und tuts im Nu.

Vers 33308 bis 33407:

Beelzebub

Mit dem Anzug von der Stange
Und natürlich tabakfrei,
Kam ein Mann und schwätzte lange,
Wie mir wohl zu helfen sei.

Manchen Heller sei ich schuldig,
Hieß es milde und diskret,
Doch ich fragte ungeduldig
Gradenwegs, worum es geht.

Manches Wort hätt ich gezeitigt,
Und das Wort sei seine Sach,
Weil er, treuhand und vereidigt,
Diesem die Verwertung mach.

Die Gesellschaft seiner Leute
Hüte den Gedankensinn,
Daß da gestern, morgen, heute
Keiner klau, was Gutes drin.

So in etwa zu erwarten
War der Kern der kruden Red,
Also taugte mir der Garten,
Daß sein trüber Sinn vergeht.

Daß die Silbe »ver« dem Werte
Abhold, sei im Deutschen klar,
Darauf er, daß die verkehrte
Scham mir dabei eigen war.

Wie Verfallen einem Fallen
Bremse und nicht Umkehr ist,
Tut das Präfix doch nicht allen
Verben gleiche Schattenlist.

Sei das Haar nicht dreigespalten,
Kam ich aufs Geschäft zurück,
Denn mein Werk sei angehalten,
Daß es blute, Stück für Stück.

Dies sei nur das Virtuelle,
Nur Kopien, das Original
Bleibe rein an seiner Stelle,
Doch beliebig sei die Zahl.

Ich entsann mich da der Wilden,
Die ein Foto zu zerstörn,
Schwerter griffen und nach Schilden
Und bei allen Göttern schwörn.

Bin Schlemihl ich, der den Schatten
Fortgibt und die Seele mit,
Stütze fand ich an den Latten
Zauns, darum die Winde glitt.

Sieh er her, sprach ich dem Manne,
Was hier blüht und stäubt und fliegt,
Ist so heimlich wie im Tanne,
Weils von euch kein Konto kriegt.

Meine Bilder sein vorzüglich,
Und mein Reim vortrefflich paßt,

Spott beim Vesper ist vergnüglich,
Schmälert er die Tageslast.

Solche Schätze auszuteilen,
Hunger sei kein rechter Lohn,
Und ich sollte mich beeilen,
Daß ich die Gesundheit schon.

Was ich zur Erhaltung bräuchte,
Luft und Wasser, Tag und Nacht,
Hat doch längst, so wie mich deuchte,
Überreich der Herr gemacht.

Meine Religion in Ehren,
Sprach der Mann beherzt und weich,
Doch ich sollte doch nicht lehren,
Daß ich ganz im Gottesreich.

Milch tät ich nicht selber melken,
Schuhn nicht selbst ich Leder schnitt,
Meine Blumen müßten welken,
Hielt sie nicht ein Dünger fit.

Klug sei er und doch gefallen,
Sprach ich, da der Milan kreist
Überm Garten in den Hallen,
Wo kein Hirt die Wege weist.

Daß ich arm und angewiesen,
Stand zu leugnen nie mein Sinn,
Hehre Gaben von den miesen
Trennend, ich gewachsen bin.

Dies war etwas schroff geraten,
Denn der Herr zog kraus die Stirn,
Vor dem Schuppen lockt der Spaten,
Mich nicht länger zu verirrn.

Also sucht ich zu begraben,
Was nur Nadeln litt bisher,
Und ich nannte seine Gaben
Wider Geistes Treu und Ehr.

Nicht das Werk sucht er zu schützen,
Ihm wirds Mittel nur zum Zweck,
Und es soll vor allem nützen,
Nebenbei für diesen Geck.

Ist die Rede Handelsware,
Meidet sie der lichte Geist,
Dann verdunkelt sich das Klare,
Und die Phantasie vergreist.

Denn was echt wie eine Blume,
Taugt nicht für Gefeilsch und Markt,
Offen schau die Ackerkrume,
Daß im Regen sie erstark.

Also such er anderorten,
Was ihm taug für seine Schar,
Denn das Blut in meinen Worten
Immer noch mein eignes war.

Vers 33408 bis 33451:

Rauchverbot

Daß die Wirte man entmündigt,
Läßt mich kalt, auch ohne froh,
Doch daß sich die Bahn versündigt,
Dulde ich nicht lange so.

Lang schon war die Autoschelte
Nur erlaubt dem Bummelzug,
Daß die Bahn als Flugzeug gelte,
War ein Traum, der Früchte trug.

Letzte Nacht hegt ich die Grille,
Frecher werd der deutsche Sohn,
Mach dem Schaffner blind die Brille
Renitenz und Rebellion.

Morgen schon in allen Winkeln
Grad um acht in jedem Amt,
Nicht verschämt und rasch beim Pinkeln,
Offen wird das Kraut entflammt.

Mitten zwischen allen Pendlern,
Die auch ohne dies verschnupft,
Zeigen wir den Seelenhändlern,
Wer die Harfensaiten zupft.

Dies sei Flegelei und Laster
Und verbreite Sucht und Tod,
Wir erwidern, daß der Knaster
Demonstriert im Morgenrot.

Weder amtlich noch gerichtlich
Sei erlaubt der Ordnungshohn,
Doch dies zeigt nur offensichtlich,
Daß Erlaubtes niemals lohn.

Einer sucht uns zu entreißen
Ärgernis und Schuldbeweis,
Räuberisch die Tat zu heißen,
Bleiben wir nicht zag und leis.

Mörder heißt es dann, ihr Schufte
Trollt euch, ja, die Wache gebs!
Was zu eurer Lust verpuffte,
Schafft den Leuten Lungenkrebs.

Gebt zurück uns die Abteile,
Wos gemütlich schmaucht und dampft,
In der Abstinenzler-Meile
Wird dann kein Protest gestampft.

Aufgewacht bin ich am Morgen,
Weiß, der Widerstand ist fern,
Doch ich hab auch andere Sorgen
Und leb doch nicht minder gern.

Vers 33452 bis 33471:

Bücherstube

Herein zu Lehr und Müßigsinn,
Manch Buch mit Witz und Bildchen drin,
Harrt des Voyeurs im holznen Fach!
Dies ist des Geistes Schlafgemach!

Laß tanzen, was die schwarze Kunst
Versiegelt hat an Scham und Brunst!
Wem seine Sucht nicht recht frivol,
Sich hier sofort ein Dutzend hol.

Und wer nicht ahnt, was ihm noch fehlt,
Dem wird kein Luxuswunsch verhehlt.
Hier steht das Laster mit der Buß
Einträchtig wie im Topf das Mus.

Der Lüste Garten braucht den Dung,
Drum wart nicht bis zur Dämmerung,
Denn ehs den Nachbarn ehr erfreut,
Hol dir das Schmökerstück noch heut.

Kein Gut sich so begnadet stellt,
Daß darin selbst die Unterwelt
Hab Opfer nicht und Reu als Reim,
Drum trags mit schiefem Grinsen heim.

Vers 33472 bis 33495:

Großvater

Großväter hab ich nie gekannt,
Denn dieser fiel fürs Vaterland,
Vertrieben jener, Gott vergebs,
Ihn raffte hin der Magenkrebs.

Großvater Bergk in Rußland blieb,
Die Omi hatte ihn so lieb,
Daß sie, so viel auch Zeit verrann,
Nichts wissen wollt vom zweiten Mann.

Kein Grab erhielt, im Ost vermißt,
Wer so der Zeit entgangen ist,
Jedoch die Stadt sah Recht und Fug,
Daß Namen sie in Tafeln grub.

Vielhundert Tafeln an der Wand
Der Kirche jeder Sonntag fand,
Der Lehrer gar, der sonst nie dort,
Mit Schülern kam zum Trauerort.

Als jüngst ich in die Kirche kam,
Erschrak ich tief in Schmerz und Scham,
Die Wand, die Opas denken darf,
Der Schurkenstaat zum Kehricht warf.

Mein Vater war ganz aufgebracht,
Daß solches Zeug die Kirche macht,
Da sei, wems noch nicht klar, geklagt:
Sie hat vom Herrn sich losgesagt.

Vers 33496 bis 33543:

Uppsala-Passion

Der Komponist ist unbekannt,
Denn Gott allein gilt Preis und Ehr,
Er barg den Namen wie den Stand,
Nur aus dem Herrn strömt alles her.

Die Demut, die so vormodern,
Mit Leidenschaft ward aufgeführt,
Dies war fürwahr das Wort des Herrn,
Ein Tag, dem ein Gedicht gebührt.

Hier war das Testament des Leids,
Weil Kunstsinn diente dem Geschehn,
Kein Vorwand, daß der Prunk sich spreiz,
Und jedes Wort war zu verstehn.

Matthäus stärkt der klare Ton,
Choräle, daß das Herz sich weit:
Ist dieser nicht des Höchsten Sohn,
O Traurigkeit, o Herzeleid.

Lamm Gottes schuldlos, Christ, du Lamm,
Hier redet nicht Augustus’ Zeit,
Beim Abendmahl, am Kreuzesstamm,
Nimmt die Gemeinde teil am Leid.

Hier wird gezeigt, die Opfertat
Ist nicht die Mär versunkner Macht,
Um sie dreht sich das Jahresrad,
Weil singend sie im Herzen wacht.

Drei Gamben, Cello, Violin,
Auch die Theorbe mahnt und fleht,
Der Orgel ist die Macht verliehn,
Daß sie uns rufe zum Gebet.

Die Streicher, die Solisten, Chor,
Nicht karg ist, was die Demut zeigt,
Die Anmut bricht das Höllentor,
Wo Ränke giern und Schrecken steigt.

Der Sänger, dem der Solo-Part
Evangelistes zugedacht,
Erkrankte jäh vor dieser Fahrt,
Und also gradzu über Nacht

Sprang einer für das Zugpferd ein,
Dies war gewiß ein Gottgeschenk,
Kraftvoller kann kein Hüne sein,
Wie ich mir wahre Christen denk.

Er stärkte alle, wenn da wo
Wer müde ward, er hob ihn sacht,
Er machte uns die Botschaft froh
Und zeigte, wies der Herr uns macht.

Solch Glaubensmut sah selten ich
Im Luthertum, Verfall-bedroht,
Unendlich hold der Dämmer wich,
Und allen Schrecken ließ der Tod.

Vers 33544 bis 33559:

Formalia

Seit mir das Werk zum Wald erstarkt,
In mancher Weis die Formlust kargt,
Nur hin und wieder zeig ich an,
Daß ausgefeiltes Spiel ich kann.

Der Stoff verschlingt das Drumherum,
Dies scheint dem Selbstverliebten dumm,
Denn was zuletzt zu Herzen geht,
Ist immer noch der Sinn der Red.

Moderne Kargheit, der ich focht,
Front nie dem Puls, der rasend pocht,
Wer Schweigen webt an Sinnes Statt,
Tuts, weil er nichts zu sagen hat.

Der Reichtum ist nur dann die Form,
Gilts aufzubaun die rechte Norm,
Wenn aber diese ist gesetzt,
Der Hörer klare Worte schätzt.

Vers 33560 bis 33647:

Vaterland

Kein Volk der Welt verleumdet ist
Wies deutsche schon seit Jahr und Tag,
Dies paßt zu unserm Heiland Christ,
Dem Häme kam zu Weh und Plag.
Die Dornenkrone freilich trägt
Den Himmel, drum, wer reiflich wägt,
Der bleib in seiner Klage leis
Und schimpfe nicht in gleicher Weis.

Der Herr uns gute Weisung gibt,
Vergebung ohne Scham und Scheu,
Doch daß man seine Schinder liebt,
Voraussetzt Buß und echte Reu.
Wahrhaft muß alle Liebe sein
Und gründen nicht auf bloßem Schein,
Drum Arglist sei als arg bekannt,
Und wer verleumdet, sei genannt.

Kriegslüstern nennt man deutsches Blut,
Auf Unterdrückung aus und Raub,
Und mittlerweil verlangt es Mut
Zu streiten diesem Aberglaub.
Nomaden suchen Streit und Trug,
Der Bauer aber zieht den Pflug,
Der Deutsche hofft auf Erntedank,
Hat winters gerne Mehl im Schrank.

Es kommt schon vor, daß er beim Bier
Mal großtut und mit Waffen prahlt,
Doch merkt sogar im Stall das Tier,
Daß dieser wie ein Säugling stahlt.
Kein böser Stachel löckt ihn scharf,
Er achtet, was ein Christkind darf,
Macht Jähzorn ihn und Galle blind,
Erweckt das Kreuz im Mann das Kind.

Die Schrecken Krieges sind bekannt
Dem Deutschen wie wohl keinem noch,
Die Heere zogen übers Land,
Verbrannten selbst die Maus im Loch.
Zwar Deutsche oft im Waffenrock,
Jedoch ein Fremder schwang den Stock,
Ein Römer, ein Franzos, ein Schwed
Macht, daß der Schwab nach Pommern geht.

Daß dieses Joch nicht länger schind,
Schuf Bismarck uns den Preußenstaat,
Kaum daß den Mächten sprachs der Wind,
Schon säte man die Drachensaat,
Die Presse warnt vorm Untergang,
Bestünde dieses Reich noch lang,
Und stündlich ging da Meldung ein,
Der Deutsche sei so hundsgemein.

Zwar dacht man so nicht überall,
Doch nur auf England starrt die Welt,
Dort war das Reich ein klarer Fall,
Denn deutscher Fleiß bedroht das Geld.

Drum täglich tönts sirenenschrill,
Der Deutsche alle Länder will,
Willst nicht als Gaul in sein Gestüt,
Vor deutscher Gier die Welt behüt.

In Deutschland gings derweil so gut,
Der Meckrer kriegt den Mund nicht voll,
Den ärgerte des Schutzmanns Hut,
Die Flotte treib den Spaß zu toll,
Wenn deutsches Wort der Brite druckt,
Ein jeder sich der Meinung duckt,
In Deutschland sind Verbrecher dran,
Nichts lähmt den Kaiser, wenn er kann.

Zwei Kriege legten Deutschland lahm,
Und Propaganda nachts und tags
Ließ wiederholn die Deutschen zahm,
Das deutsche Land, verrecken mags.
Wer einer dies nicht süßlich schluckt,
Der sieht sich, eh er aufgemuckt,
Vor Richtern, die sich fragen nur,
Ob Psychiatrie die beßre Kur.

Da die Vernichtung man beschloß
Ist Lähmung nur ein Zwischenstand,
Ob auch das Gift in Strömen floß,
Zuckt doch im Ansatz noch die Hand,
Drum treibt man fremde Menschen her,
Daß steuerbar ein Mischvolk wär,
Und macht die Deutschen schwul und feist,
Daß niemand sich mehr Kinder leist.

Daß sie so friedlich, so naiv,
Bringt sie dem Feinde auf den Leim,
Die Deutschen schlucken jeden Mief
Und nennen ihn ein stolzes Heim,
Wem Uno, Nato, Bundestag
Wohl nutzen, stellt sich keine Frag.
So feiern wir, daß Zeit noch bleibt,
Bis man uns auf die Schlachtbank treibt.

Vers 33648 bis 33663:

Deutsche Einheit

Der Wessi nennt den Ossi taub,
Und umgekehrt heißts: Blender!
Die Einheit heißt dem einen Raub,
Dem anderen Verschwender.

Die Mauer fiel, es floß der Sekt,
Dann aber kam der Kater,
Und was der Jubilar bezweckt,
Den meisten ists Theater.

Beliebt sind Witze frech und scharf
Vom ungeliebt Verwandten,
Zum Ausgleich zeigt sich kein Bedarf,
Wo Freudenfeuer brannten.

Das Ausland lacht darob sich krank,
Einst hört Gefahr man munkeln,
Doch dies kam in den Mottenschrank
Und langweilt sich im Dunkeln.

Vers 33664 bis 33687:

Die Grenze

Wer eingesperrt ist, hegt den Wahn,
Daß hinter Turm und Stacheldraht,
Sanft schaukle einst sein Ruderkahn,
Und selbst die Raben krächzten Rat.

Es könne dort nicht finster sein,
Wo solche Fesseln keiner not,
Doch manch Gespinst ist derart fein,
Daß es nicht braucht die Farbe Rot.

War ausgemacht in Ost und West,
Der Ossi ists, der stets sich duckt,
Darum sich nicht erklären läßt,
Warum der jetzt schon wieder muckt.

Wer eingesperrt ist, hat nicht Maß
Um zu vergleichen Furcht und Mut,
Die Walze plättet Halm und Gras,
Doch reckt sich bald das grüne Blut.

An Rhein und Saar, an Lech und Inn,
Wusch Wohlstand manche Frage weiß,
Der Kerker schärft den Freiheitssinn,
Das Herz bleibt nur in Nöten heiß.

Drum ist die Grenze nicht nur Schmerz,
Die nie im Leichtsinn ich begeh,
Sie trug die Augen himmelwärts,
Weshalb ich etwas weiter seh.

Vers 33688 bis 33711:

Mauerspechte

Der Stahlbeton von Ulbrichts Trutzkolonnen
Mit Lacken, die als Freikunst sich verstehen,
Eroberte zur Nacht in ganzen Tonnen
Den Souvenirmarkt und selbst die Museen.

Die Spechte, die man bald im Fernsehn schaute,
Sie machten handlich was nicht mehr verteidigt,
Und meinten, nur wer diesen Schrecken baute,
Werd mit dem Abbau und Verkauf beleidigt.

Doch klebte Blut an diesem Teufelswalle,
Manch einer schwamm durchs Gitter tief im Flusse,
Ein Armlang noch, da schnappte zu die Falle,
Vom Turme kam der Tod mit scharfem Schusse.

Es dachte keiner, der beim Ball, beim Dinner
Die Reste zeigte von der deutschen Schande,
An die vom Sachzwang hingemähten Spinner,
Die zeigten, was die Wirklichkeit im Lande.

So bliebs, es gibt wohl mal Gedenkminuten,
Doch darf man dabei kein Geschäft verpassen,
Und wem ein Greul ist schon ein Nasenbluten,
Der mag sich nicht mit solchem Zeug befassen.

Doch Deutschland blutet und die Narben eitern,
Solang man froh ob der verschloßnen Ohren,
Bis zu der Einsicht muß die Einheit scheitern,
Nicht nur ein Teil hat unsern Krieg verloren.

Vers 33712 bis 33759:

Wolf Biermann

Wolf Biermann, siebzig, lebt noch heut,
Fossile werden mächtig alt,
Der Kampf ist was für junge Leut,
Der Ruhm macht nebelgrau und kalt.

Einst war er unser Bardenheld,
Das Köln-Konzert auf Tonband kam,
Dann hat er abseits sich gestellt,
Was ihm auch rasch die Aura nahm.

Es hieß, in Spanien sei er nun
Als Eurokommunist und sorg,
Daß dort der Linken Weitertun
Den Rat nicht mehr bei Stalin borg.

Dies schien uns seltsam anzusehn:
War, was er dreigeteilt besang,
Nicht voll Raketen und Armeen
Und ausersehn zum Opfergang?

War ihm nicht klar, als Hamburg-her
Er reiste, Brecht und Eisler hold,
Daß niemand stalinistisch wär,
Wenn dies die Sowjets nicht gewollt?

Wohl nicht, er sang und glaubte das,
Es dreh zum Guten sich der Wind,
Wär Stoph nicht doof und Honi blaß,
Und Sindermann nicht völlig blind.

Daß aus Beton die SED,
War ihm die Folge nur von Gicht,
Er rief nicht, daß der Russe geh,
Und sah die wahren Gründe nicht.

November neunundachtzig wär
Am Alex wohl getobt Applaus,
Jedoch nach einem Monat mehr,
War Biermanns Zeit für immer aus.

Inzwischen ist sein Jahrgang meist
Mit Merkel und Amerika
Ganz einig und die Losung heißt:
Es sind zu wenig Waffen da!

Wenn Biermann meint, selbst im Irak
Hätt man den Freunden folgen solln,
Gewiß der Fan von einst erschrak,
Doch Bush wird ihm nicht übelwolln.

Hätt er in Ostberlin gewußt,
Die Freiheit spricht, es geh der Ruß,
Wär ihm nicht tot die Angriffslust,
Weil auch der Ami heimgehn muß.

Daß man ihn ausgebürgert hat,
War nur sein Tod, weil schon zuvor,
Der Wunsch besaß der Klarheit Statt,
Und er das Urteil längst verlor.

Vers 33760 bis 33807:

Politische Dichtung

Daß heute ich politisch dicht,
Scheint manchem als ein Bruch im Stil,
Jedoch ein andrer ist es nicht,
Der heute meint, er schwieg zu viel.

Als ich verträumt in erster Lieb,
Sprach ich zu solchen Reimen stop,
Weil mir auch höchst verleidet blieb
Die Nötigung zu Agitprop.

Auch keimte früh schon der Verdacht,
Was Jugend da so rumkrakeelt,
Sei einer Absicht nachgemacht,
Die auch ganz andre Mittel wählt.

Es schienen Staat und Anarchie
In Illusionen gleich und gleich,
Der Frühlingsvögel Rhapsodie
Verhieß mir da ein treures Reich.

Ich sang dem Queller, der sich müht
Verzweifelt im versalznen Watt,
Und freute mich an dem, was blüht
Und seine eigne Regel hat.

Der Mensch, der Gott als alt verlacht,
Schien mir nicht wert den Kommentar,
Ich wachte in der Winternacht
Und suchte stets die kleinste Schar.

Die Teilung doch, das Neon dort,
Und hinterhofs mein Kerzenschein,
Nahm man mir immer rascher fort
Und ließ mich nicht mehr abseits sein.

Da merkte ich, daß mein Gebet
Erhört ward, meine Regel käm,
So oft sich auch der Weltwind dreht,
Ich nie mich meiner Herkunft schäm.

Ich komm aus Luthers Land, wo frei
Der Bauer sein will unterm Blau,
Daß deutsch das Wort des Heilands sei,
Sprach mir der Acker und die Au.

Und wen der Teufel läßt in Ruh,
Der ist gewiß kein guter Christ,
Drum schlage auch der Dichter zu,
Umnebelt ihn des Feindes List.

Die Malve, die am Wegrand blüht,
Kann morgen schon begraben sein,
Drum laß das gallige Gemüt
Ins Formgesetz der Lieder ein.

Nicht nur vom Holden lebt das Wort,
Das Widrige, der Schmerz, der Hohn
Und auch der Plan vom Massenmord,
Sie sprechen aus den Menschensohn.

Vers 33808 bis 33832:

Nesselseide

Wer will sich Roß und Wagen schirrn,
Daß ihn ein Wurzler leide?
Der Gärtner runzelt seine Stirn,
Denn zu der Gattung Teufelzwirn
Zählt auch die Nesselseide.

Sie rankt in Rot, sie minnt geschwind,
Der Keimling hat nur Tage,
Daß er den Lebenshalter find
Und sich um seinen Stengel wind,
Als Gast und Dauerplage.

Ist gut die Wahl und stark der Wirt,
Ist dauerhaft die Minne,
Doch wenn das Leben dem entschwirrt,
Hat auch der Parasit geirrt
Im frühesten Beginne.

Das Pflanzenreich wahrt Friedensschein,
Knickt hier der Leu die Dornen,
Hier hört man keine Opfer schrein,
Hier sind verschattet Ja und Nein,
Und grün sogar die Nornen.

So scheints dem Aug, das sich erkennt
Im allerhöchsten Range,
Doch wenn uns einst der Himmel brennt,
Und niemand mehr die Namen nennt,
So streitets hier noch lange.

Vers 33833 bis 33857:

Kletterpflanzen

Schattenhort und Wipfelwahn,
Wurzelwerk und Krone,
Wie dein Nam und wer dein Clan,
Wird bezeugt im Lebensplan,
Wie der Ahn im Sohne.

Beiden Polen sich zu weihn,
Reifen Form und Größe,
Keine Nische ist zu fein
Um nicht jemands Raum zu sein,
Spricht der Schoß der Schöße.

Drum wenn andre Stämme stehn,
Ists nicht not zu holzen,
Auf den Schultern weiter sehn,
Im Roulette sich mitzudrehn,
Traut dem Splint der Bolzen.

Wer da klettern kann, der spart,
Daß sich was verhorne,
Und im Zugriff seiner Art,
Treibt er so in rascher Fahrt
Ungebremst nach vorne.

Windig nennt man solchen Coup,
Doch daß er gelänge,
Traut ihm selbst der Steifste zu,
Dem schon fremd der eigne Schuh
Unterm Licht-Gedränge.

Vers 33858 bis 33872:

Efeu

Klimmer, der mit Wurzelhaft
Mauern weiß zu grünen,
Tausendfältig greift die Kraft,
Unterm Saum der Schattensaft
Braucht kein Brett für Bühnen.

Niemand kann ihn übersehn,
In der Höh, der Fläche,
Spätblust, der im Überstehn
Groß und manchen Bienenfeen
Einzigst holde Schwäche.

Was den andern Blühern kahl,
Die sich so nicht trauten,
Ist dem Kriecher erste Wahl,
Und es krönt der Admiral
Gern die Sonnen-Rauten.

Vers 33873 bis 33884:

Clematis

Spaliere, Obelisken, Zaun und Gatter
Berankt der Gärtner gern mit diesem Gaste
Und meint, daß Rubens auch nicht farbensatter
Der Leinwand seine Eigenart verpaßte.

Zu viert, zu fünft, mitunter bis zu achten
Stehn kronblatthaft des Kelches freie Blätter,
Und vor dem Geist, aus dem die Sterne lachten,
Verzieht sich im Gemüt das Gallenwetter.

Drum geize nicht mit Rosa, Rot und Bläue,
Handspannengroß wird manche Blüte prunken,
Und es gibt keinen Grund, daß man sich scheue
Das Auge tief in diesen Bann zu tunken.

Vers 33885 bis 33900:

Blauregen

Blauregen, der sich stark und stämmig breitet
Bei guter Krume und im Sonnenscheine,
Hat mindren Meistern oft Verdruß bereitet,
Und führte sie dann selber an der Leine.

Nicht nur, daß manchmal die Gerüste brechen,
Auch Ziegel wandern, und verschnürte Rohre
Erweisen sich als Werk von kargen Blechen,
Die Stäbe biegen sich sogar am Tore.

Da ist dem Seil zuletzt zu schwach der Anker,
Und unterm Schmuck verdirbt das so Geschmückte,
Drum sorge, daß der Trieb beizeiten schlanker,
Bevor er den Rebellendegen zückte.

Dann sorgt er, daß der Mai dich lad zur Feier
Mit holdem Duft und himmelblauen Blüten,
Wer solcher Recken sich erkühnt als Freier,
Muß sich im Schaun vor allem Leichtsinn hüten.

Vers 33901 bis 33964:

Haselstrauch

Die Nachtigall singt niemals auf der Buche,
Sie schlägt die Lieder gern im Haselbusche,
Sie schweigt bei ihrer hoffnungsfrohen Suche
Und auch, daß niemand ins Revier ihr husche.
Doch ist sie ohne Störer bei den Nüssen,
Sind Wehmut, Trillern und das Silberhelle
Mit Schmelz und Schluchzen ganz auf einer Welle,
Daß selbst die Stumpfsten schweigend lauschen müssen.

Das Volkslied weiß, wer diese Arie schmettert,
Ist nicht nur Komponist und große Bühne,
Wer also frei durch die Oktaven klettert,
Ist auch der Weisheit weitgesandter Hüne,
Nur Schopenhauer, dem die Blindheit Meister,
Deß Weltgestalter stumpf und nur gefräßig,
Sieht im Beginnen kronenlose Heister,
Der Vogelgeist erscheint ihm also mäßig.

Die Nachtigall fliegt nachts und zeigt Rivalen,
Daß hier die Gegend, um gar wohl zu freien,
Vier Morgen braucht der Sänger, um zu strahlen,
Daneben ist kein anderer zu zeihen,
So trägt die Lockung auch die Abstandsbitte:
So komm Genoß, doch diesen Streifen meide,
Ich hab genug und fröne nicht dem Neide.
Und bald bevölkert eine Au die Mitte.

Der Hasel ist hier überall zu grüßen,
So allgemein ist sonsten nur die Minne,
Er hält sich aufrecht, doch zu seinen Füßen
Ist mancher Schößling gleichen Mutes inne.
So wachsen strauchig borkenfreie Gerten,
Die ganz bestimmt zu milder Strafe taugen,
Die Ahnen, die Frau Haselin verehrten,
Sahn auch das Nußöl mit ganz andern Augen.

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,
Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.
Auch bannen sie die Hexen und die Schlangen,
Johannistriebe stecken ab die Kreise,
Wo Groll und Rachsucht fern sind und vergangen,
Weil hier das Urteil einzig fällt der Weise.

Auch Aschenputtel müht am Muttergrabe
Die Haselgerte, um gerecht zu leben,
Nur Hildegard ist dieser Strauch der Rabe,
Der Wollust plärrt und leicht das Bein zu heben,
Dies ist die Zeit, wo Minne wird Misere,
Und nicht mehr Hasel ziert die alten Grenzen,
Kein Kräuterglaube heilt, wo sich die Ehre
Verloren hat in muffigen Sentenzen.

Der Hasel lebt genau ein Menschenalter,
So ist er Hermes zwischen den Geschlechtern,
Es ist nicht nur ein sommertrunkner Falter
Und auch kein Eich aus Zeiten, aus gerechtern.

Mit uns auf einer Höhe, und das Zähe
Ist fellos nackt, wies auch des Menschen Bürde,
Dies alles bringt ihn ganz in unsre Nähe,
Als ob er wie ein Knabe minnen würde.

So muß der Sänger diesen Balzplatz wählen,
Geheim sei nicht das innerste Begehren,
Es bleiben keine Schrunden abzuschälen,
Denn wer da minnt, wird bloß zum Schein sich wehren.
Wer solches pönt, legt Hand an alles Leben,
Das nicht verhält, es strömt und will sich mehren.
Drum säume nicht, dich inniglichst zu geben,
Und halt vom Leib dir die Entsagungslehren.

Vers 33965 bis 33988:

Trichterwinde

Schirmchen, in Pastell sublim,
Ton in Ton drauf festrer Stern,
Feenstaub im Interim
Kündest du dem Aug von fern.

Leicht getrichtert wie der Gral,
Flammt die Blütenmitte hell,
Die Korona um den Strahl,
Lindert, was dem Aug zu grell.

Um den Tupfen im Gerank
Blätter, krautig, ledrig, dicht,
An der Treppe, vor der Bank
Übersieht mein Lieb dich nicht.

Selbst bist du hier eingekehrt,
Wind, der dich herbeigeweht
Und dem Artenschatz vermehrt,
Hörte wohl ein Stoßgebet.

Im Gesäm fand Hof und Hort
Lysis, einstens Platon rühmt
Freundschaft mit demselben Wort,
Die sich jährlich neu verblümt.

Ob auch wölfisch dräu die Zeit,
Sei getrost als Gotteskind,
Das Amin, das löst und freit,
Schickt die Sorgen in den Wind.

Vers 33989 bis 34028:

Blauer Eisenhut

Prachtkerl, der am Wildbach flammt,
Daß die Ziege dich benag,
Schützt des Recken blauen Samt
Kein Gebot und kein Vertrag,
Denn die Waffe, tief gerammt
Jedem Feind als letzter Tag,
Deinem chymicus entstammt,
Der gekocht nicht lind und zag.

Elegant gewölbter Blust,
Aufrecht, stolz im satten Blau,
Wer da derart selbstbewußt
Ragt aus sturmgezauster Au,
Daß du dich versenken mußt
In die ungetrübte Schau,
Schämt sich nicht der eignen Lust
Und kennt seinen Preis genau.

Reiterkappe, Würgling, Grab,
Namen voller Acht und Scheu,
Wo man finstre Deutung gab,
Auch die andre dich erfreu,
Venuswagen heißt der Stab,
Denn ein meisterlich Gebräu
Des Berufenen, der es wag,
Spannte vor den Karrn den Leu.

Wo das Gift der Hölle lacht,
Steht ganz nah das Paradies,
Denn von selbem Geist gemacht
Sind Gewürm und Goldnes Vlies,
Drum der Meister köchelt sacht,
Wies der Süd dem Barden wies,
Und er holt die Liebesnacht
Aus dem bannenden Verließ.

Also sagt der Recke klar:
Wer da Niedrem ist bestimmt,
Der verliere Haut und Haar,
Wenn er meine Schätze nimmt.
Wer jedoch bezwang den Aar
Und wie eine Schlange schwimmt,
Lad zum Fest die Minnerschar,
Ohne daß der Leu ergrimmt.

Vers 34029 bis 34044:

Gelber Eisenhut

Goldne Helme, Glockenspiel,
In sich kehrt sich diese Pracht,
Wer beschenkt ist viel zu viel,
Auf nicht mehr die Flügel macht.

Daß sich hüte, wer da nicht,
Umgehn kann mit diesem Kraut,
Sagt dir offen ins Gesicht,
Der auf seine Füße schaut.

Nennt die Gifte Teufelei
Mindrer Geist und schlichtes Schaf,
Fühlt der Minnende die Weih,
Wenn er solche Weiser traf.

Nicht nach Segen und Gefahr,
Trenne Tag und Nacht der Blick,
Denn wer bei den Engeln war,
Kennt den Habicht im Genick.

Vers 34045 bis 34084:

Bier

Die Regel, daß man Stärke gärt,
Wo Sonne nicht dem Weine frank,
Ist, was das Bier betrifft, verkehrt,
Weils schon der Babylonier trank.

Der Kodex Hammurapi teilt
Fünf Kannen Bier dem Priester zu,
Die Dame, die bei Hofe weilt,
Kriegt dreie auch zur Abendruh.

Der Rausch war gut für hoch und klein,
Für Ritter, Bauer, Magd und Pfaff,
Als fiel Marien der Heilgenschein,
Zog man auch hier die Zügel straff.

Heut feiert man die Reinheit gern
Und das Gebot, das dies besorgt,
Und ahnt nicht mehr, welch Abendstern
Ward bei den Kräutern ausgeborgt.

Das schwarze Bilsenkraut im Bier,
Das Böhmisch Pilsen lacht im Nam,
Schuf einst den Säufern Wut und Gier,
Daß aus dem Christ der Heide kam.

Die Trichterblüte, schmutzig weiß,
Mit magisch lila Adern drin,
Verschenkt Substanzen kalt und heiß
Und trägt zu Schabernack den Sinn.

Als Hexenpflanze man sie schalt,
Doch viel, was also bös geziehn,
Taugt unterm Maibaum jung und alt,
Dem schnöden Alltag zu entfliehn.

Auch war dem Brauer Sumpfporst gut
Und Gagelstrauch vom warmen Moor,
Sie mischen in den Geist das Blut
Und breschen als Berserker vor.

Doch wie man Sumpf und Moor den Saft
Entzog, so auch dem deutschen Mann,
Das Bier besorgt nur noch die Kraft
Um zu behaupten, daß er kann.

Drum such den Porst, den Bilsen misch
In guter Menge frisch ins Maß,
Dann steigt Germania auf den Tisch
Und zeigt uns, was sie einst besaß.

Vers 34085 bis 34108:

Rohrglanzgras

Wo der Bach sich sprudelnd mengt
Mit der Luft, die er ergreift,
Wird dem Sammler Gras geschenkt,
Das niemals im Trüben reift.

Grad im Trupp stehn Ährchen fein,
Wo im Auwald mürb der Ton,
Früher Sommer stimm dich ein,
Daß dir lach der Finderlohn.

Jüngstes Blatt ist noch gerollt,
Derb die ältern, ungerieft,
Hätte Gott dich so gewollt,
Wär nicht Holderes verbrieft.

Zwar für Schafe ist nicht gut,
Was da stammt von Tryptamin,
Was die Agakröte tut,
Gleicht dem Steppenrauten-Spleen.

Gut zu schmauchen ists für dich,
Denn es fegt den Schleier fort
Und mit ihm was fürchterlich
Dich getrennt vom Honighort.

Darum hab der Ernte acht,
Eh im Herbst die Stimmung mies,
Jeder Rausch braucht Vorbedacht,
Welche dir mein Verslein wies.

Vers 34109 bis 34128:

Beifuß

Beifuß uns am Dachfirst hängt,
Daß kein böser Geist uns nah,
Wenn dich solch ein Gürtel fängt,
Und Johannisnacht sich senkt,
Ist kein Schadensbann mehr da.

Würz mit ihm die fette Sau,
Die vor Tag der Schlachter stach,
Daß der Magen leicht verdau
Und dem Unterleib nicht grau
Vor dem dicken Klotz danach.

Schwach gefärbt in gelb und braun,
Blütenstand in Körbchenform,
Zeigt uns, dürftig anschaun,
Dieses Kraut erst Zähn und Klaun
Im Arom, das ganz enorm.

Destilliert zum reinen Blut,
Ähnelts Wermut und Absinth,
Wer zu solchen Dünsten Mut,
Fürchte nicht Dämonenbrut,
Aber sehr das Einfaltskind.

Vers 34129 bis 34161:

Dreiklang

I

Tasten muß nach meinem Schatze
Ich durchs Schlemmen und durchs Fasten,
Sachte, daß der Coup nicht platze,
Tasten.

Zwar die Welt in ihrem Hasten
Merkt nicht mal die eigne Fratze,
Doch sie hegt das Pfand im Kasten.

Drum nicht Ungereimtes schwatze,
Denn die Schau kanns nur belasten,
Will der Esel mit der Katze
Tasten.

II

Ranken muß ich wie die Winde
Und für jedes Gatter danken,
Durch die Feinde, durchs Gesinde
Ranken.

Was ihn krankmacht taugt dem Kranken,
Auf dem Kutschbock sitzt der Blinde,
Und kein Wärter müht die Schranken.

Daß ich einen Ausweg finde
Eh die letzten Schleier sanken,
Muß ich selbst als Augenbinde
Ranken.

III

Klettern muß ich wie die Rebe
Ungeschützt in Wind und Wettern
Und ich muß solang ich lebe
Klettern.

Auf den heutgen Bühnenbrettern
Wunderts Dreck, daß keiner klebe,
Und kein Gott will sie zerschmettern.

Unwillkommen, was ich webe,
Doch mit Weisern und mit Rettern
Werd ich, was sich auch ergebe,
Klettern.

Vers 34162 bis 34181:

Herbst in Plothen

Dem Geist im Rohr entfloh der Hengst.
Er schüttelt sich solang er kann.
Der Ahorn ließ die Blätter längst,
Und mählich dunkler wirds im Tann.

Den Wagen griff ein dunkles Loch,
Nun heißts, Ballast von Bord und rasch,
Ein Schleier aus den Gliedern kroch,
Den ich nicht aus den Augen wasch.

Bald wird es friern. Noch ist es Zeit
Zu machen manche Fuhre flott.
Jedoch das Grau vom Himmel schreit,
Bei Trost sei nicht der sture Trott.

Ein Sonnenstahl! Er tanzt nicht lang,
Dann saugt ihn auf das Wolkenrund,
Doch sei es auch! Viel minder bang
Ward mir der Tag und diese Stund.

Als ich noch jung, war öfter Herbst,
Ich faßte nicht den leisen Stahl,
Doch was du von dir selber erbst
Sagt stets: Er kommt gewiß noch mal.

Vers 34182 bis 34229:

Quellenland Buteile

Wer Reime mit dem Beile
Zu Rhythmus zwingt und Stil,
Wer Raspel oder Feile
Bemüht zu seinem Spiel,
Der such zu seinem Heile
Sich Haus und Höfe viel,
Das Quellenland Buteile
Gebührt ihm nicht als Ziel.

Wer Fremdling blieb der Welle
Und fassen will den Aal,
Dem ist des Mondes Helle
Ein Werk der Minderzahl,
Wem in der Klosterzelle
Die Fluren sind zu kahl,
Dem trocknet jede Quelle
Und wäre sie der Gral.

Wer fuhr so manche Meile,
Doch stets in guter Schul,
Erfährt nicht, wer die Seile
Ihm spinne, spann und spul,
Ihm huldigt nur das steile
Gewächs im Sündenpfuhl,
Im Quellenland Buteile,
Steht aber Irminsul.

Wer für verbrannte Pelle
Nicht Gallert weiß und Gel,
Dem ist die Suppenkelle
Allein ein Fluchtbefehl,
Der träum sich eine Elle
Vor Zucker, Salz und Mehl,
Wie Tantalos die Quelle,
Wie ein Gespenst die Seel.

Wenn eine Dichterzeile
Halb frostig und halb faul,
Und Pegasos in Eile
Wie säumig bleibt ein Gaul,
So warn die Silberpfeile
Gefallen nicht aufs Maul,
Im Quellenland Buteile
Gehört zum Saul der Paul.

So wähne nicht, dich prelle
Um Fassung und Gefühl
Der Vorwurf, diese Stelle
Sei Müller ohne Mühl,
Was sich dir auch geselle,
Ob kantig oder kühl,
Die unverzagte Quelle
Quillt am Buteiler Bühl.

Vers 34230 bis 34279:

Bienen-Gerhard

Wo seit kurzem auf Paletten
Bücher harrn des Wegs zur Post,
Hörst du Fink und Amsel wetten,
Ob da wiederkehrn die fetten
Jahre vor dem dicken Rost.

Gerhard, der die Imkerrüste
Einst in diesen Mauern schuf,
Meister war der Schwarmgelüste,
Gott sei vor, daß dieser wüßte,
Wie entseelt heut der Beruf.

Bienenkasten, Gitterklappe,
Futterzarge, Fluglochkeil,
Kiefernholz, nicht etwa Pappe,
Lachte übers allzu knappe
Schnöde Konkurrententeil.

Wanderbeute mit Beschlägen,
Abkehrtrichter, Imkerschmauch,
Wo das Wagen trifft das Wägen,
Stellt der Schauder nur den Trägen,
Und den Lustverächter auch.

Schleuder, Schmelzer, Wabenpresse,
Schaber, Rührer, Quirlgesind,
Wo einst fröhlich stob die Esse,
Las der Wind die Totenmesse
Und die Motten rief der Spind.

Mit der Tätigkeit verdorrte
Nicht nur Wachs und Bienenschwarm,
Denn der Frohsinn wich vom Orte,
Der mit nie geschloßner Pforte
Nahm die Jugend in den Arm.

Unter Apfel, Birke, Weide
Losch ein Bad den Sommerschweiß,
Wer hier kam aus seinem Kleide,
Schnellte aus dem Nachkriegsleide
Auf der Rutsche steilem Gleis.

Unverkrampfte, Leibesfrohe,
Waren Gerhard angenehm,
Ob Posaune, ob Oboe,
Ob das Horn, das waldhin hohe,
Frag nicht, was sich hob und wem.

Was gesungen, was geschworen,
Wissen wohl die Birken noch,
Was zum Abriß schien erkoren,
Traf ein Paar von Mädchenohren,
Und Erbarmen mit dem Joch.

Also ward der Preis entrichtet
An die Schöpfer Niedergangs,
Und die Bücher sind geschichtet,
Daß ein Preislied werd gedichtet
Auf die Heimkunft des Gesangs.

Vers 34280 bis 34351:

Totem und Tabu

Wie Parzival sich gab der Quest,
Daß Gott ihn aus dem Herzen mahn,
Vom weißen Mann sich sagen läßt,
Daß er sich sucht in Wind und Wahn,
Aus allen Himmeln trägt er heim
Gedanke, Sitte, Traumgespinst,
Zu allem Reisen treibt der Reim:
Brich auf, daß du dich selber findst!

Zwei Worte stehn am Weltenrand,
Neufundland, harsch mit rauher Kehl,
Und wuslig der Korallenstrand,
Der hell am Tonga-Archipel,
Zwei Worte, die sich einzig stelln,
Doch uns im Geist einander zu,
Zum Höhlenlicht Magie geselln,
Geheißen Totem und Tabu.

Das Totem meint, daß das Geflecht
Von Tun und Leiden, das uns hell,
Ruh wie ein Kleid auf älterm Recht,
Das allem Segen Mund und Quell,
Die Namen, deren Sinn vergaß
Das Kind, das kurz nur lebt und lacht,
Sind Nachhall aus dem frühsten Maß,
Daraus die ganze Welt gemacht.

So ruht im Wort ein stärkrer Bann,
Als er im Stoff dem Forscher frommt,
Der Name setzt, was eines kann,
Als was es geht und wiederkommt,
Der Nam schafft Haß und Liebeslust,
Schafft Sehnsucht oder Ekelduft,
Am Namen du erkennen mußt
Den Heiland und den Höllenschuft.

Wenn Sprache vor der Welt regiert,
Spricht sich ihr Eigenes nicht aus,
Wenn sie sich vor der Antwort ziert
Und namlos bleibt des Sinnes Haus,
Dann ist das Gegenwort am Zug
Und schnürt den Sack der Neugier zu,
Warum und wer das ganze trug,
Das sagt sich nicht und ist tabu.

Die Neuzeit glaubt, es könn Vernunft
Klar regeln, was da gut und bös,
Jedoch das Tier, der stets in Brunft,
Lockt jed Tabu, daß es es lös,
Und das Gegrab nach links und rechts,
Der Göttersturz des Niezurück,
Spürt mehr und mehr im Bann Geschlechts,
Es fällt so auch das ganze Glück.

Wenn das Tabu gar selbst verpönt,
Wenn Scheu nicht mehr Instinkt und Blut,
Bleibt der Verletzer unversöhnt
Und öffnet jeden Deich der Flut.

Weil dies allein ein Narr betreibt,
Wird das Tabu nur abgedrängt
Ins Dunkel, wo es namlos bleibt,
Weil man ihm keine Blumen schenkt.

Dies mehrt es maßlos, weil die Acht
Des Opfers ruft Gewürm und Kot,
Wer sich nicht beugt der Himmelsmacht,
Der wird vom eignen Fleisch bedroht,
Drum stehn Tabus millionenweis,
Wo sie verleugnet und verscheucht,
Und schließen unerkannt den Kreis
Um alles, was im Lichte kreucht.

Drum muß, wenn solches Dunkel droht,
Aufklärend sein der Ruf nach Scheu,
Wenn Reichtum sich entpuppt als Tod,
Bescheidenheit und Dank erneu,
Wer Eintracht sucht in seinem Stand,
Vermeidet Stolz, der naseweis,
Der faltet vor dem Tisch die Hand,
Und dankt dem Vater für die Speis.

Vers 34352 bis 34439:

Fahlweidenhof

I

Die Nesseln an der Wade
Fürcht nicht der Pionier,
Die ausgetretnen Pfade
Aus deinem Blick verlier,
Nutz Dornspalier und Halden,
Zieh krumm den Weg ins Ziel,
Die Fluren zu bewalden,
Werd dir zum Lieblingsspiel.

Nicht wo die Kraftfahrzeuge
Sich tummeln, sei Portal,
Auch wer sich Pirsch und Beuge
Anheimgibt tausend Mal,
Treib ohne Schild und Lampe
Wie eine Friesendün,
Zum Speicher und zur Rampe
Gehts freilich ohne Mühn.

Wer im Gemach willkommen,
Den leitet der Instinkt,
Dem andern würd nicht frommen,
Daß ihm ein Weiser winkt,
Denn alles gut Versteckte,
Das meidet die Reklam,
Wird jenem das Entdeckte,
Der aus sich selber kam.

Wer aber wird getrieben,
Der bleibe wo er sei,
Um inniglich zu lieben,
Ist ärgerlich die Drei,
Wer Weite nennt sein eigen,
Der liebt das Labyrinth,
Dort solln die Straßen schweigen
Die viel befahren sind.

Dort solln die Birken künden
Und Amseln auf dem Ast,
Hier sein die Weltensünden
Wie unbemerkt verpaßt,
Hier soll die Spinne weben
Ihr Gleichnis ungestört,
Denn hier beginnt das Leben,
Das auf sich selber hört.

II

Wo die Weide auch ein Riese
Nicht umfaßte mit dem Arm,
Teilt der Birnbaum auf der Wiese
Meinen schlecht verhehlten Harm,
Wo bestickt mit Ornamenten,
Flog der Rock in lauen Bön,
Fiel der Mut dem Abgetrennten,
Den bedrückt das Tausendschön.

Zwar sinds Tage nur und Wochen,
Doch die Lieb zählt jede Stund,
Und sie fragt, was sie verbrochen,
Ist erreichbar nicht der Mund,
Ihren Schritt, den Feen-zarten,
Wähn ich hinterm Haselstrauch,
Doch im näher Offenbarten
Wars vom Herbste nur ein Hauch.

Aus dem Rot der Hagebutte
Grüßt die Lippe, die ich such,
Sind zerrissen Strumpf und Kutte,
Scheint der Garten mir ein Fluch,
Ohne sie und ihre Stimme,
Sind die Astern welk und fad,
Und die Sonne lobt das Schlimme,
Und der Wind weiß keinen Rat.

In das Schicksal sich zu fügen,
Ward Parole und Befehl,
Wo mir die Kastanien lügen,
Sind geschwunden Licht und Seel,
Ihre Finger auf der Braue,
Spür ich, wenn ich Augen schließ,
Doch was ich, sie öffnend, schaue,
Ist ein finsteres Verließ.

Unrecht muß mein Klagen schelten
Alles, was da prunkt im Gold,
Denn ich weiß, sie wird entgelten,
Was an Warten ich gezollt,
Doch krall mich an die Mauer,
Wo die Winde nicht mehr rankt,
Und ein dichter Flor der Trauer
Keinen Gruß dem Garten dankt.

Mögen auch den Birken rauschen
Und der Herd mit Macht rumorn,
Wenn wir Zärtlichkeit nicht tauschen,
Ist der Sinn des Heims verlorn,
Aber einmal wird uns beiden
Auch das himmlische Geschenk,
Daß sie niemals mehr muß scheiden,
Daß ich meine Blicke senk.

Vers 34440 bis 34463:

Der Augenblick

Es war ein Tag wie ungezählt,
Die Stadt war laut wie andre auch,
Und kein Gefühl hat mich gequält,
Daß ich sie einmal wiederbrauch.

Dort zwischen dem vergeßnen Sinn
Ein Leuchtinsekt im Dornentann...
Wie ich dir wohl begegnet bin?
Ich greif es nicht, solang ich sann.

Es war ein Blick, ein Lächeln nur,
Vielleicht ein Wink und fast ein Gruß.
In dieses Reich führt keine Spur,
Und nur im Kreise tappt mein Fuß.

Was ist vertan? Was sollte sein?
Ich werds im Leben nicht erfahrn.
Den Störchen schau ich nach und mein,
Der Zug könnt etwas offenbarn.

Was haben Meer und Dünensand
Mir zwischen dieses Aug getürmt?
Allein die Wunde nicht verschwand,
Die lauter, als es draußen stürmt.

Wie war ich achtlos? schelt ich dumpf
Mein Wagen und mein Gehn durchs Feld.
Die Sanduhr mag die Last im Rumpf,
Und niemand, der sie wirksam hält.

Vers 34464 bis 34483:

Weihnachtsnacht

Wenn der Seemann kehrt nach Haus,
Wenn der Krieg in Flandern aus,
Wenn der lang Ersehnte lacht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Wenn die Mutter herzt den Sohn,
Wenn der Schwester Harfenton
Haus und Garten himmlisch macht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Gott ward Mensch und Krippenkind,
Selbst im Nord erzählts der Wind,
Wenn im Schnee der Schornstein wacht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Trubel bringt den Geist zu Fall,
Dem Geschäftssinn wich der Stall,
Wenn man Kerzen schlicht entfacht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Nicht nach dem Kalender gehts,
Wo man glaubt, sind Engel stets,
Schätzt du, was sie mitgebracht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Vers 34484 bis 34507:

Kerzenschein

Ihrer zwanzig an der Tanne,
Grad wie Knaben rank und fest,
Gleiche ganz im Wuchs, im Banne,
Daß sich schwerlich wetten läßt.

Aber dann die ersten Lücken,
Manche flackern, andre fahln.
Wie aus höchst verschiednen Stücken
Siehst dus gehn und weiterstrahln.

Manche löschen jäh wie Blasen,
Manchen folgt ein dichter Rauch,
Diese stirbt in hellsten Phasen,
Jene klagt mit Wehgefauch.

Ob sie leise weiterglimmen,
Ob zuletzt Reserven stehn,
Läßt sich vorher nicht bestimmen,
Noch am Brandverhalten sehn.

Ob der Sparer, der Verschwender
Mach das Rennen, weißt du nicht.
Wer zur Nacht der letzte Spender,
Sagt dir erst das letzte Licht.

Dem verwandt scheint dir der krumme
Weg von allem, was gestellt,
Denn die Mitte wie die Summe
Zeigt der letzte erst, der fällt.

Vers 34508 bis 34571:

Unterm Tannenbaum

Goldner Engel an der Spitze,
Kerzen, rot und weiß wie Schnee,
Daß das Deckchen richtig sitze,
Daß den Pott das Aug nicht seh,
Sorgt Johanne, wenn die Tochter
Putzt den Baum mit Band und Stern,
Friesentee, grad frisch gekochter,
Duftet auch am Tag des Herrn.

Die verschmuste Tigerkatze,
Wundert sich, was man da tut,
Die Bewegung reizt die Tatze,
Das Geblink macht Brodelblut,
Als der Baum noch lag im Wasser,
Sprach der Harz von Jagd und Glück,
Nun ist zwar das Duften blasser,
Doch metallen prunkt das Stück.

Wurzellos in seinem Topfe,
Fehlt dem Baum der rechte Stand,
Doch nach dem Lametta-Zopfe
Schaut das Grünaug unverwandt,
Auf die Äste jetzt sich schleichen,
Merklich kaum, so leis und flink,
Und das Flitterzeug erreichen,
Spricht des Strohsterns holder Wink.

Hilke und ihr Rotbart-Ferge
Passen auf, daß dies nicht klappt,
Doch Geduld versetzt die Berge,
Recht behält, wers Glitzern schnappt.
Aus dem Fenster schaut die Kleine,
Grad als sei der Baum ihr wurst,
Aber Trug dem Augenscheine
Lodert rot der Tatendurst.

Als die Kerzen schließlich brennen,
Fasziniert das Lichterspiel,
Doch die Katze kannst nicht kennen,
Die vergißt beschloßnes Ziel,
Auch das Feuer kann nicht schrecken,
Wer mit Vorsicht und Bedacht
Losgeht, um sich hinzustrecken,
Wo das Gold der Sonne lacht.

Tagelang der Kampf der Wächter,
Anlauf, Sprung und harter Griff,
Doch die Runde für den Fechter
Fand noch nicht den Abgangspfiff,
Also schleicht die Katze weiter
Um den Baum, der gleißt und lockt,
Denn sie braucht ja keine Leiter,
Daß sie bei den Sternen hockt.

Irgendwann sind alle Blicke
Abgewandt und schläfrig gar,
Dann sitzt niemand im Genicke,
Niemand, der dann rascher war,

Denn es ist nicht dran zu rütteln,
Daß erforscht sein muß, was blinkt,
Und vom Wort nicht abzuschütteln,
Daß die Pracht dabei versinkt.

Also sind die Feiertage
Und die Zeit am Tannenbaum,
Halb Belustigung, halb Plage,
Und von Kurzweil wie ein Traum.
Denn die Katze, die uns schmeichelt,
Die sich schmiegt in zarter Last,
Wird doch niemals so gestreichelt,
Daß sie ganz vergäß den Ast.

Vers 34572 bis 34586:

Jahreswende

Immer, wenn ein Jahr verlischt,
Schaust du auf den Lebenskreis,
Der die Farben spannt und mischt,
Der sie sammelt und verwischt
Und verschweigt auf weß Geheiß.

Schnee verheimlicht Weg und Rain,
Reif versilbert Busch und Tor,
Korken knalln und Böller schrein,
Und manch Bitterkraut im Wein
Fragt, was steh der Welt bevor.

Frohsinn kippt sich kübelweis
In die Stadt, wo mancher bangt,
Und der Straßen Spiegeleis
Knirscht wie Glas und doch zu leis,
Wenn die Uhr zur Zwölf gelangt.

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