Ich weiß, daß du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.
Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
Und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.
– Paul Gerhardt
Vers 34587 bis 34706:
I
Mit Euphrat und Tigris, dem Zweiströmeland
Macht dich erst die Schul und die Buchwelt bekannt,
Doch eh du entziffertest Zeichen und Satz,
Hast du dich gebildet bei Amsel und Spatz,
Vom Storch auf dem Dach ward die Mittellag kund,
Denn du bist gewachsen im Zweifelsbachgrund.
Zwei Bäche, der Zweifel als Urwort für zwie,
Nach Ost und nach West, und die Quellmelodie
Erschien dir noch holder als Vogels Gesang,
Das schlichte zu würdigen, irrtest du lang,
Doch was auch bestimmt sei dem Herzen, dem Mund,
Es liegt dir beschlossen im Zweifelsbachgrund.
Du warst an der Donau, der Weichsel, dem Rhein,
Du wolltest ein Adler und hochgemut sein,
Die Alpen, der Kaukasus und der Olymp,
Sie haben den Bergsteigerrücken gekrümmt,
Doch machen die Meere die Welt dir nicht rund,
Wohl aber die Teiche im Zweifelsbachgrund.
Nicht sprach Salamander aus gnostischer Schrift,
Wohl aber dem Kinde, das streunend ihn trifft,
Die Schlange, die Wüstenaltäre bethront,
Sie hat dir im Bache als Natter gewohnt,
Der Vorwitz der Maus, und so fing sie der Hund,
Du hast ihn erfahren im Zweifelsbachgrund.
Den Zweifel von Buridans Esel begreift,
Wer zwischen der Fülle des Lieblichen schweift,
Wer also beschenkt ward auf engestem Raum,
Der zweifelt allein, ob es wahr oder Traum,
Im Glitzern des Taus wird die Aue zu Punt,
Doch niemals beraubt wird der Zweifelsbachgrund.
Die Goldsucher, die sich verzehren im Neid,
Sie haben den Geist nicht des Viehs auf der Weid,
Sie jagen nach Schätzen aus Flitter und Tand,
Wer aber nach Eden ganz mühelos fand,
Der pfeift auf das Protzen mit Schwindel und Schund,
Denn er ist begnadet im Zweifelsbachgrund.
Dies ist nicht nur Buchen- und Pilzparadies,
Des Märchens Obwalter und Springborn für dies,
Im Glitzern der Tannen, in Eichenbaums Hohl
Erlauschst du der Ahnherren Wahnweh und Wohl,
Und was du auch suchtest, dir wurde der Fund
Sofort oder später im Zweifelsbachgrund.
Drum höre ein jeder, der zweifelt und hofft,
Die Wahrheit ist näher und unbemerkt oft,
Die Quelle, die dich in die Fährnisse spie,
Versiegt nur in dir, doch im Ursprunge nie,
Drum kehre nach Wanderschaft wehe und wund
Ins Heil und erkenn es als Zweifelsbachgrund.
II
Wir nähern dem Einen uns stets durch die zwei,
Wir scheiden und finden die Einheit dabei,
Nur wenn wir es wagen, gespalten zu gehn,
Erschließt sich das Bild, das gerastert wir sehn.
Die Dinge sind nicht allein Form und Substanz,
Auch ihre Materie ist zwiespältig ganz,
Wer aber beleuchtet den inneren Stoff,
Nur Weisheit in aller Bescheidenheit hoff.
Chymisten in alter und neuerer Zeit
Der Lösung der Rätsel mal näher mal weit
Sich wähnten, doch wisse, ob Krone, ob Keim,
Der Geist und die Seele sind klar wie geheim.
Als Geist gilt dem Forscher die innre Struktur,
Das Muster, nach welchem der Schöpfer verfuhr,
Als Seele hingegen die Affinität,
Die, Wunsch und Versuchung, im Stoffe besteht.
Wir glauben, im letzten fall beides in eins,
Und doch wird der Deuter ein Opfer des Scheins,
Erscheint ihm der Gipfel, den grad er erklomm,
Als hinreichend, daß nur Bestätigung komm.
Was leuchtet als Wiederkehr, Not und Gesetz,
Ist stets nur ein Stein, der die Klinge uns wetz,
Die Ähnlichkeit, die der Gestalt allgemein,
Die Einzigart kreuzt, die im Kerne geheim.
Der Geist will die Regel, die Fallsymmetrie,
Die Seele doch raunt ihm, die gäbe es nie,
Der Geist setzt die Linien gerad, parallel,
Der Seele ists Grund, daß sie ganz sich verhehl.
Drum wird ohne Liebe auch dein Theorem
Ein grobes Verkennen, das höchstens bequem,
Nur wer der Natur ihre Eigenheit läßt,
Dem setzen die Löcher die Räder nicht fest.
Und darum beirr auch der glücklichste Fund
Den Zweifelnden nie, daß ihm weniges kund,
Den wer sich erhebt, geht sich selbst auf den Leim,
Denn alles, was ist, ist im letzten geheim.
III
Vertrau auf die Maße und schließ analog,
Doch nehme gefaßt, daß der Spiegel dich trog,
Sei stets dir bewußt, wenn in einen du schaust,
Daß du dir den Blick in die andern verbaust,
Es sei die Verblüffung, die fröhlich dich mach,
Den eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.
Verfeme dein Eden als dumpf nicht und Schleim,
Die leichte Verschiebung beseelt erst den Reim,
Wo immer es hieß, daß die Linie beginnt,
Erschien dir am Ende das Pfad-Labyrinth,
Mit jeglichem Stocke entfernt sich das Dach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.
Wer Sonne begehrt, nicht verachte die Nacht,
Sie ists, die dem Tage die Säulen gemacht,
Wem alles vertraut, das bedeutende seis,
Verzag nicht im Eindruck, er schreite im Kreis,
Allein was dich schläfert, macht anderntags wach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.
Das Edle verlangt, das ein anderes rüd,
Der Mut erst ermöglicht das sanfte Gemüt,
Das sorgsam Gefügte, stabil, bewährt,
Auf Schmetterlingsflügeln durchs Abendrot fährt,
Wer findet, der sorgt sich, wie selbst ers entfach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach
Vergiß nie, daß Weisheit zuletzt Poesie,
Denn aus dem Komplexen das Schlichte gedieh,
Im Tode erhoff nicht die Einfalt der Spur,
Den jeglicher Wandel ruft Wandlungen nur,
Dir gelte als Freiheit, was anderen Schach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.
Aus turmhoch Gehäuftem beliebig nicht wähl,
Mit Wissen und Liebe beschreib und erzähl,
Glaub nie, daß das eine dem anderen feind,
Denn zwiefach hat Gott seine Schöpfung gemeint.
So spür, daß im Rätsel der Rater dir lach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.
Vers 34707 bis 34754:
Sie taugt nicht zum Halten für Wägen und Karrn,
Die allzu Beflügelten ohnmächtig starrn,
Mäandern von Schotter, im Tannicht gerankt,
Dem ruhlos Bewegten sie Heimlichkeit dankt,
Wer aber sich freihält die Rad und Gefährt,
Dem ist auch der herrlichste Quell nicht verwehrt.
Wer hier sich besprudelt, der ahndet im Herz,
Wo Wasser sich freigibt, ist Aufbruch und März,
Wo Wasser im Licht, das durch Laubicht ihm blinkt,
Sich güldet, das Heil aus der Finsternis winkt,
Sind dorten auch Statthalter Fluch und Gewein,
Das Wasser wird Frühling und jungfräulich sein.
Ob Trunk oder Bad, ob nach Müh oder Fest,
Nur was sich erneuert, schafft Heimat und Nest,
Der Bronnen gibt alles, und daß er versieg,
Reicht nicht ein Jahrhundert von Teufel und Krieg,
Drum wisse, daß Gott wie am Schöpfungstag spricht,
Und nie dich verläßt bis zum Jüngsten Gericht.
Und nicht nur die Kehle, die Haut und das Haar
Verholdet und heiligt was arglos und klar,
Die Seele, versucht und vom Grame geschwächt,
Sie findet im Fließen ihr göttliches Recht,
Drum gehe getrost, ist dir düster und bang,
Auf daß sie sich schenke, zur Quelle am Hang.
Nicht faßt ihre Wonne das Salz-Mineral,
Dem Fänger, dem Horter versagt sie sich schal,
Sie ist, wie die Griechen schon sangen, beseelt
Und niemandem willig, der räuberisch fehlt,
Doch wer nicht zu faul, daß ihr Anblick sich böt,
Den grüßte sie nimmermehr trocken und spröd.
Ihr Schenken ist frei, doch Beschenkter zu sein,
Fand lang schon nur selten ein Wandrer sich ein,
Die meisten bevorzugen, was man bezahlt,
Und wundern sich bloß, daß die Seele verfahlt,
Drum künde dem Volk, das die Spende nicht juckt,
Wie sie unserm Tage die Reichtümer spuckt.
Denn allen soll frommen, was dazu gemacht,
Was Sonne zu küssen sich sammelt bei Nacht,
Was selber ein Leben ist Lebens Essenz,
Und keiner soll meinen, er wiß es und kenns,
Denn nur wer sich hingibt für heute und je,
Befreit sich vom Wegstaub aus Kummer und Weh.
Zu spät ist es nie, doch ein Narr ist wer säumt,
Von reicheren, schöneren Felsquellen träumt,
Nicht fern ist das Reich, das dich himmelhin führt,
Du hast es am frühesten Lichttag gespürt,
Und wußtest, die Treu hält wie keine so lang,
Drum suche noch heute die Quelle am Hang.
Vers 34755 bis 34787:
I
Bach am Weg, als Weggesell
Hältst du tiefes Schweigen wach,
Selbst bei Nacht tönst du so hell,
Bach.
Federleicht und doch nicht schwach
Streichelst du das Trommelfell,
Guter Stille Grund und Dach.
Manchmal dringt ein Hundsgebell
Her vom Dorf ins Laubgemach,
Aber du vergißt es schnell,
Bach.
II
Bäche zwei, und keine Stunde,
Daß ein Lied durchs Tannicht breche,
Sängers Wege sind im Grunde
Bäche.
Im April sinds ziemlich freche
Geister, die mit vollem Munde
Blasen die Schalmeienbleche.
Froh bezaubern sie die Runde,
Und kein Wandrer zahlt die Zeche,
Was verschmerzbar für gesunde
Bäche.
III
Bachgespring und Quellgesprüh
Im Gesang zusammenbring,
Was der Quelle Hott ist Hü
Bachgespring.
Daß dir solche Kunst geling,
Pergamente nicht bemüh,
Denn vollkommen tönt das Ding.
Heische nur, was sich dir früh
Gab als Reim und Grundes Ring,
Daß aus deinen Versen blüh
Bachgespring.
Vers 34788 bis 34827:
Nicht den Aal und nicht den Aar,
Grüßt das Wort im Alphabet,
Des Beginns, der Brünne bar
Das Zurückgestellte steht.
Nicht am Ende endlich eins,
Parzenhand zerschnitt den Zwirn
Angesichts des Sonnenscheins
Und nicht nachtbedeckter Stirn.
Zwei schafft Zwist und letztlich Zwang,
Zwickmühl heißt der ärgste Zaum,
Zwietracht führt zum Untergang,
Und die Zange schlingt den Raum.
Zweitrang ward der Silbe zwar,
Wo der Vorsatz »zer« verzerrt,
Zwergenhaft der zweite war,
Wo dem Sieg man Hymnen plärrt.
Zaudern, zagen, zwischenstehn,
Sind der Feigheit Zofenschar,
Zwittrig ist ein Doppelsehn,
Das zu tief im Weine war.
Zwielicht ist der Hoffnung feind
Und ein teuflisch Ding dem Stern,
Aber eines, wie mir scheint,
Nennt sich auch das Dunkel gern.
Denn die vielgepönte Zwei
Schafft nicht nur gerad und krumm,
Sie verrät dem Einerlei,
Daß die Einfalt einfach dumm.
Erst die Zwille gibt dem Stein
Kraft, daß er die Scheibe ritz,
Zwiefach müssen Pole sein,
Daß erwach der goldne Blitz.
Zwei sind not, das etwas werd,
Eins ist stets im Rücken nackt,
Erster Blick allein begehrt,
Doch Erfolg erwächst dem Takt.
Daß die Drei von Eins und Zwei
Tugend ein zu Plotins Geist,
Rat dir Einem nebenbei,
Daß dein Weibchen Zweifel heißt.
Vers 34828 bis 34871:
I
Grund wozu und Grund wofür,
Alle Gründe gründlich frag,
Ob dir einer heb die Tür
Oder sie verschließen mag.
Daß zum Gründer einer taug,
Sei nicht grundlos anerkannt,
Gräber grub mit blindem Aug
Oft des Lied vom grünen Land.
Grob der Groll und groß der Grimm,
Wenn Gegrät die Kehle greift,
Grillenfrei die Greifer nimm,
Eh der Stabreim sich versteift.
II
Das, drauf einer steht und bleibt,
Was ihn trägt, den Traum verleibt,
Bis ihn schlingt der Todesschlund,
Unserm Volk das Wort beschreibt:
Grund.
Gleichfalls drängt sich jeder Sach
Ursach auf als Fug und Fach,
Doppelsinnig spricht der Mund
Und schafft so zu Ungemach
Grund.
Solcher Lug im Doppelsinn,
Läßt verzweifeln im Beginn,
Läuft das Faß, so brauchts den Spund,
Daß im Rieseln, im Gerinn
Grund.
Wort nur jenem Sinn verstreut,
Der Gewank wie Festes scheut,
Dems zu öd und auch zu bunt.
Aber dir ists großer Freud
Grund.
III
Der Grund ist mehr als Gründe,
So sprach der Stein zum Schwamm,
Der Baum nicht fester stünde,
Gäbs mehr als einen Stamm.
Der Grund hat selber keinen,
Sonst bliebe er bedingt,
Dem Leben will es scheinen,
Daß es zumeist gelingt.
Wenn alle Dämme brechen,
Verläßt mich nicht der Reim,
Denn auch in See zu stechen,
Führt unsereins nur heim.
Vers 34872 bis 34947:
I
Der Cheper der Ägypter spricht den Wassern,
Auch in der Bibel schwebt der Geist darauf,
Der Sonnenblick erkennt sich erst im nassern
Und schließt erst so die Weltenpforte auf.
Auch Thales ists das Ur von allem Walten,
Empedokles stellt Feuer, Luft und Erd
Hinzu und faßt als Vielfalt der Gestalten,
Daß eins das andre meidet und begehrt.
Man wies ihm als Symbol den Zwanzigflächner,
Der kosmisch reinen Körper Höchstgesicht,
Für alle Zukunft und für alle Rechner
Bewies Euklid, daß weitre gibt es nicht.
Es eint das Schlichte mit der Raffinesse,
Es ist der Wandel selbst und reiner Fluß,
Eh tönen kann der Urbaß aller Bässe,
Das Eis aus Joves Reichtum kommen muß.
Und wie es schmilzt, wirds Ozean und Wolke,
Es fließt im Kreis durch alles, was entsteht,
Es wird verehrt bei jedem Menschenvolke,
Weil es das Rad von Not und Fülle dreht.
II
So häufig wie das Wasser uns, so selten
Ist seine Art, als höchstes Weltenwunder
Muß dieser Habitus dem Weisen gelten,
Kein Gottbeweis erschiene mir profunder.
Je tiefer man erforscht das feuchte Wesen,
Das Regeln weiß zu spotten wie zu setzen,
So mehr muß man erfahren, wie erlesen
Die Kühle ist, dran wir die Lippen netzen.
Das Teilchen, das dem Wasser das gemeine
Reiht nicht gerad die innren Gegensätze,
Gekrümmtheit schafft ihm seitenungleich Beine,
Da sich die Schar nach Traubenart vernetze.
Da gleichwohl dies Umarmen nur gelinde,
Löst sichs so rasch wie es sich grad gebildet,
Im Wechsel, daß sich etwas lös und finde,
Der Wandel sich zu Wandelbündeln gildet.
Die machen, daß des Wassers höchste Dichte
Liegt über dem Gefrierpunkt, daß im Meere
Das Eis von einem schwimmenden Gewichte
Und so das Plankton nicht am Grund verheere.
Auch Wärmespeicher, Oberflächenspannung
Sind einzigartig beim Geschenk der Quelle,
So zeigt uns deutlich die geballte Bannung:
Der Schöpfer dachte an den Fall der Fälle.
III
Manch einer meint, der Christenbrauch der Taufe
Sei ein Verfall und von geringer Weihe,
Es gält, das Tierblut auf den Täufling laufe,
Mit Gold und Blut begnade sich der Freie.
Doch Bluten gegen Wasser auszuspielen,
Verrät ein Unverständnis für Symbole,
Der Saft des Tiers ist einer nur von vielen,
Und nicht die Farbe macht den Geist der Sole.
Im Baume strömt es grün durch die Kanäle,
Und auch Kristalle bergen Elixiere,
Daß uns der Geist zur Zeugenschaft erwähle
Geschieht nicht, weil wir ähnlich sind dem Tiere.
Das Wasser aber ist von einem Range,
Der keinem ziemt, ob fest es sei, ob flüssig,
Es birgt den Königsweg zum Übergange,
Drum scheint mir diese Wahl gemäß und schlüssig.
IV
Der Salzkristall von nicht geringer Härte
Wird sich nur bei der ärgsten Hitze regen,
Dem Wassertropfen keine Macht sich sperrte,
Als sei er allem Feuer überlegen.
Die Lösekraft, das Zeug zum Gitterbrecher,
Ist Seele und Verwandlungsweg der Feuchte,
Es ruht Gewalt in deinem schlichten Becher,
Daß jeder Dämon diesen Schlüssel bräuchte.
Denn nur die Lösung weiß zu kombinieren,
Wo sie nicht treibt, ist alles bloß Behälter,
Sie bannt den Kern und weiß auch zu verzieren,
Sie jüngt, und wird dabei kein bißchen älter.
Drum geht vom Wasser nicht nur aus das Leben,
Auch Götter steigen aus dem Meeresschaume,
Die Täler schabts und seine Wolken weben
Das Gegenstück zum dunklen Strom im Traume.
Vers 34948 bis 34995:
Dem Wasser ist das Feuer gegensätzlich,
Im Kampfe muß der jeweils Schwächre weichen,
Das Übermaß von jedem ist entsetzlich,
Doch im Verbund sie uns zum Glück gereichen.
Das heiße Wasser kann die Rübe garen,
Wie auch das Fleisch uns wundersam vermehren,
Die Küche bringt zur Sattheit größre Scharen,
Drum kam der Herd vor Horn und Spieß zu Ehren.
Wie hoher Stand die Macht besitzt zum Falle,
So suchte man des Feuers Ort vorm Zünden,
Man dachte es sich eingepfercht vom Walle,
Darauf erpicht, ins Flammenlos zu münden.
Substanz, Prinzip -- von unbekannter Schwere,
Die Wärme sah man in der Fron der Masse,
Man sah sie gehn und machte, daß sie kehre,
Und suchte das Geschick, daß sie erfasse.
Der tiefre Blick sah immer zweie werken,
Daß etwas brenn wie in der Luft der Zunder,
Da der Gesamtheit kein Verlust zu merken,
Strich man Phlogiston aus dem Flammenwunder.
Die Wärme war nun Arbeit, Licht, Magneten
Verwandt und diese Sonnengeister-Sippe
Blieb selbstisch im von ihm nur Durchgedrehten,
Daß es dem Balken gleichviel, ob er wippe.
Man postulierte nun, daß Kraft und Stoffe
Zwar innig sich durchdrängen, aber beide
So eigenhold, daß keins das andere hoffe,
Und jedes sich mit seinem Clan bescheide.
Doch wie die Weisheit immer will verflechten
Prinzipien, die getrennt sich offenbaren,
Gabs Gründe, mit dem Grundsatz doch zu rechten,
Und Wärme und Substanz in eins zu scharen.
Im Sonnenofen, wo sich Elemente,
Aus andern schmieden und in andere spalten,
Schuf sich ein neuer Blick auf das Getrennte,
Das tunlich ist den irischen Gestalten.
Als das Atom, der Urkern im Metalle
Gespalten ward zu Stürmen unvergleichlich,
So zeigte sich im neu entdecktem Falle,
Nicht nur die Kraft als weltbedrohend reichlich,
Man maß auch, daß die Masse sich verkleinert,
Und seither gilt das Leuchten aller Sterne
Als Strahlen, das die Wesenheit entsteinert,
Zerstieben, was zu heimeln weiß in Ferne.
So tritt Phlogiston wieder in die Welten,
Nur freilich fein und besser nie gefunden,
Drum hüt dich Überwundenes zu schelten,
Der Wissens-Wettlauf hat noch viele Runden.
Vers 34996 bis 35027:
Das Salz vereint noch schärfre Gegensätze
Als Wasser und die Macht, daß zwei sich binden
Und so entfliehn dem eigenen Gesetze,
Ist selten solcher Ungeduld zu finden.
Bevor man beide fand im reinen Schrecken,
Warn wäßrig sie Standarten schon Bewehrter,
Im Laugen- und im Säurenreiche strecken
Achill und Hektor ihre blanken Schwerter.
Daß Laug und Säure ihre Ätzung lassen,
Gilt freilich nur dem Mischer im Labore,
Daß sie einander Wehr und Waffen fassen,
Mißdeut nicht, daß sie friedlich sein im Chore.
Denn wenn sie auch nicht mehr die Hand verbrennen,
Streun in die Wunde Salz nur Folterknechte,
Nicht harmlos sollst die mildre Ätzung nennen,
Darum vergleicht dem Salz sich der Gerechte.
Die Kochkunst, die das Wasser eint dem Feuer,
Fand neben Öl im Salz die vierte Säule,
Unscheinbar schweigt es im genarbten Streuer
Und widersteht der Hitze und der Fäule.
Ein Märchen weiß, daß Schätze und Geschmeide
Entbehrlich sind, doch nicht das Salz zum Kochen,
Nicht nur, daß sich die Zunge linder weide,
Was uns bekömmlich, wird erst kleingebrochen.
Denn dem Kristall ists eigen, daß er Stränge,
Die starke Muskel warn erjagter Säue,
Sie schonend, wie es nützlich uns, versenge,
Daß dies den Magen und das Blut erfreue.
So ist das Wunder aller Weltgewebe
Gewaltigkeit und Milde im Vereine,
Keins ist entbehrlich, daß ein andres lebe,
Drum acht Verborgnes wie das strahlend Reine.
Vers 35028 bis 35051:
Es krustet oder blüht wie Pilz und Moose,
Zehn Teilchen Wasser trägt es im Kristalle,
Am Nil verziert es gern das Wasserlose,
Und mancher Grotte überblümts die Halle.
Den Pharaonen trocknete die Leichen
Der Durst, den Wärme aus dem Salzsee fällte,
Das Mineral konnt keinem Volke reichen,
Weils dienstbar ist bei Hitze wie bei Kälte.
Es reinigt und verseift uns Tran und Fette,
Für Leder unentbehrlich wie für Salben,
Entschwefelt, daß der Teufel knapp sich rette,
Und läßt die buntsten Flecken uns verfalben.
Jedoch den Ruhm verdankts zuerst dem Glase,
Das es zum Fließen bringt und so zum Klaren,
Es zwingt den Kiesel in die Zwischenphase,
Daß sich die Bilder nicht zu Splittern scharen.
Im Glas gab sich der Mensch die erste Brücke,
Die nicht wie Holz und Ton war vorgegeben,
Das schwache Aug fand nicht nur eine Krücke,
Dem Geist gelangs, im Sternenraum zu schweben.
Zwar kamen die Metalle auch aus Erzen,
Jedoch ihr König zeigt sich unverbunden,
Im bunten Glas und später auch in Kerzen
Wird feiertags das Gotteswort gefunden.
Vers 35052 bis 35067:
Schon früh gelangs, mit heller Birkenasche
Den Fruchtertrag des Ackers aufzubessern,
Daß man daraus den weißen Lauger wasche,
Gelang mit Pötten schon den Lotosessern.
Schmierseife und ein Trockner für Rosinen,
Der Teig treibt hoch zu Plätzchen und zu Kuchen,
Glasmachern kann im Soda Kali dienen,
Daß sie den Schmelzpunkt länger nicht verfluchen.
Dem Hauer kann der Form den Gips entreißen
Ein Hauch von Kali, der sich schickt zu trennen,
Auch weiß der Lauger Teilchen kleinzubeißen,
Die dem Berauschten hell im Haupte brennen.
Als milde Base bannt die Asche Säure,
Daß sie den Wuchs verstärkt, muß uns verraten,
Daß auch der Feuertod das Feld erneure,
Und großes Ding verdankt sich kleinen Paten.
Vers 35068 bis 35087:
Als Dolomit und Bitterspat zu finden,
Macht sie mit Kalk das Wasser hart und krustet
An Töpfen, Wannen oder Brunnenwinden,
Doch hilft sie, wenn der wunde Magen hustet.
Nach einer Stadt, am Sipylos gediehen,
Darf gleichfalls sich Magnesia nigra nennen,
Die läßt dem Glaser Eisenfarbe fliehen,
Doch der Chymist muß diese Schwestern trennen.
Denn grundverschieden ist nicht nur die Farbe,
Salzsäure läßt dich riechen, daß die beiden
Der Schöpfer nicht gebracht mit gleicher Garbe,
Sie sind sich fremd und können sich nicht leiden.
Im Puder ist seit alters diese Helle,
In neurer Zeit darf sie den Schweiß verzehren,
Denn ist die Hand auch unbedeckt vom Felle,
Kann Feuchte doch den sichern Griff verwehren.
Auch die Keramik dankt des Feuerfeste
Magnesia, deren Sprödheit nicht zu weichen,
So zeigt sich, daß kein Erdenstoff der beste,
Mischt er sich nicht mit vielen Dienerzeichen.
Vers 35088 bis 35131:
Hart und glänzend, spröd und eisig
Stehst für Tod und Tods Palast,
Doch wie Birke, Hamster, Zeisig
Fronst du See und Sonnenglast.
Denn im Odem, der dem Alle
Geist gab, gibts kein geistlos Ding,
Muschel, Kreide und Koralle
Wandeln rascher bloß im Ring.
Erst im ärgsten Fegefeuer,
Spornt dein Wandelgeist das Pferd,
Daß er die Gestalt erneuer,
Wies dem Holze leicht im Herd.
Säure nur weiß Höllenhunde,
Daß ein kalter Exorzist,
Aus Kristalls gekrümmter Wunde
Hetzt, was ihn sublim bemißt.
Wir erschaun gebannt das Wunder,
Wie das Gitter sprudelnd weicht,
Grad als ob die Flamme Zunder
Wirbelt rasch und federleicht.
Weht der Geist erneut im Winde,
Strömt er gern ins Leben ein,
Daß er Horst und Heimat finde,
Soll nicht Sorg des Freien sein.
Ist zerglüht die Himmelsstrebe,
Sehnt sie durstig sich nach Schlick,
Und das Haus, darin ich lebe,
Nutz der Asche Formgeschick.
Denn geschlämmt wird sie im Winde
Nach dem Geist des Marmels schaun,
Daß sich solcher Art verbinde
Menschenwerk und Gottvertraun.
Doch ich will nicht Marmel schinden,
Wo geringre Steine stehn,
Ehs auch ihn zu überwinden
Gilt, will ich den Dulder sehn.
Seine Spröde setzt dem Hauer
Höchste Hürde, hehrste Norm,
Keine Waage faßt genauer
Künstlers Fehl und Gottes Form.
Meine Zeit, so reich an Lügen,
Muß nicht unbelehrbar sein,
Denn den Maßstab, zu genügen
Zeigt so mancher Marmelstein.
Vers 35132 bis 35155:
Am Arnsgereuther Berg in engen Schrunden
Kannst du bewundern, wie man schlug den Schiefer,
Alaun ward hier für Gerberein gefunden,
Dies trennt vom Leder, was behagt Geziefer.
Als Vorzug ist dem Vitriol zu nennen,
Daß das Metall nur halbwegs bannt die Säure,
Wer achtet, nicht die Tierhaut zu verbrennen,
Sieht zu, daß er mit linder Schärfe feure.
Schon den Ägyptern diente solche Beize,
Das Holz zu rüsten wider Flammenzungen,
Die Schwelle noch zu höhn vom Hitzereize,
Der Römer hats mit Essigwein durchdrungen.
Auch für die Achseln galt Alaun als Ächter
Der Hast und ihrer derben Leibgerüche,
Dem Färber unentbehrlich wie dem Schlächter,
Kam er in jede wohlbestallte Küche.
Er klart Gebräu, schließt Zeugstoff alle Poren,
Daß Wasser kann nicht durch noch drinnen schweren,
Die Medici nicht wenig Kunst verloren
Fürs Monopol, das jedermanns Begehren.
Heut ist bekannter das Metall darinnen,
Das erst der Blitz titanisch kann entreißen,
Doch mögst du des Alauns dich stets entsinnen,
Wenn silberhelle Leichtigkeiten gleißen.
Vers 35156 bis 35171:
Reinst als lichter Bergkristall,
Böses Erz und Kieselstein,
Niemand kennt die Namen all
Felsengrob und sanduhrfein.
Glasglanz, wo das Prisma ganz,
Fettglanz, wo ihn Willkür bricht,
Jeder Aue, jedes Lands
Träger, doch verwandt dem Licht.
Denn, der trüber Milch sich mengt,
Eisen-lila, Nickel-grün,
Leuchten jeder Klause schenkt,
Weißt du ihn zum Glas zu glühn.
Häufig er wie Hinz und Kunz,
Doch zu schaun in Vielgestalt,
Was der Mensch auch sonst verhunz,
Nie wird ihm das Szepter alt.
Vers 35172 bis 35191:
Leicht schmelzend und begehrlich sehr
Am Tigris wie am untern Nil,
Nach Albion lockt das Römerheer,
Daß Kornwall hat an Erzen viel.
Das Zinn, das weiße Blei, dem Herrn
Der Wolken zugeordnet, schuf
Die Bronzezeit, wo sich der Stern
Des Manns erhob im Kriegsberuf.
Doch Blei, den ältren Bronzepart,
Stach aus der hellre Bruder nie,
Saturnisch schwer in weicher Art,
Galts königlich der Alchemie.
Kams auch als giftig rings in Acht,
Taugts dem, der sein Weise kennt,
Daß er ob der Verleumder lacht
Und sich den Finger nicht verbrennt.
Zusammen wollen Zinn und Blei,
Daß linde Hitz die Stange schmelz,
Aus zwei und drei mach Einerlei,
Grad wie Vulcan mit Berg und Fels.
Vers 35192 bis 35279:
Als ich, noch nicht fern der Wiege,
Baute Burg und Wall im Sand,
Sah ich auf der Kellerstiege
Wundersamen Blütentand,
Doch der Vater mir erklärte
Und verbarg den Groll nicht recht,
Was die Mauern so verheerte,
Sei Salpeter, also schlecht.
Aus der Jauchengrube käme
Diese Krankheit, dies Geschwür,
Und es tät mit übler Häme,
Daß das Haus zur Hölle führ.
Ja, ich sah den Putz zerbröseln
Drauf die Watte schwebend hing,
Dieses Rätsel aufzudröseln,
Mancher Sommer kam und ging.
Für die Griechen war die Leichte,
Die wir atmen, Element,
Später schien der Weg der seichte,
Daß nicht sei, was keiner kennt.
Man bewies, daß unsrer Sphäre
Fünftel nur die Flamme nährt,
Und der Rest erstickend wäre,
Also umgekehrt verfährt.
Ein Gemenge von zwei Lüften,
Die einander also spröd,
Selbst wenn Blitze sie verblüfften,
Keine sich der andern böt.
Dies ist freilich sehr zunutze
Allem, was da fleucht und kreucht,
Frei von diesem eitlen Trutze,
Wärn sie uns davongescheucht.
Könnt es freilich doch gelingen,
Daß man sie zum Bunde zwäng,
Kämpften sie mit diesen Schlingen
Ums Zurück ins Freigemeng,
Also könnt in kleinem Teile
Große Kraft gebunden sein,
Daß uns fromm die große Eile,
Drin die Lüfte sich befrein.
Was im Keller wob Kristalle,
Nahm den Nährer aus den Luft,
Was der andre Teil der Kralle,
War bekannt als übler Duft,
Hagestolz im Ursprungswesen,
Doch vom Leben schwer und scharf,
Und wer einmal aufgelesen,
Wieder sich verbinden darf.
Doch ich brauchte in der Jugend
Nicht Bakterien oder Jauch,
Jede Kunst hält sich für Tugend,
Und nach allgemeinem Brauch
Gabs zum Pökeln, hundert Meter
Weit, den Laden, hell und klein,
Wo vom Kali den Salpeter
Kauft man gut und billig ein.
Hier warn die sonst Abgeneigten
Fest vereinigt im Kristall,
Zwar die Proportionen neigten
Sich nach reziprokem Fall,
Dies war keineswegs von Schaden,
Denn des Aktivpostens Mehr
Uns erlaubt hinzuzuladen,
Daß die Wirkung zehnfach schwer.
Feste Stoffe, die verbrennend
Luftig: Schwefel, Kohlenstoff --
Bald wußt ich, die Zahlen kennend,
Wie man baut den großen Zoff.
Pulver heißts, wenn man Salpeter
Mischt mit Stoffen, die mir feil,
Und es war nur Stunden später,
Daß zerbarst ein großes Teil.
Mancher meint, Chemie sei immer,
Daß es knallt und gräßlich stinkt,
Die Gemenge wurden schlimmer,
Doch die Suche Ernten bringt,
Warn die frühesten Versuche
Immer auf Zerstörung aus,
Las ich weiter in dem Buche
Und ersann ein eignes Haus.
Da ich heute dies bedichte,
Denk ich mild der Spielerein,
Ist die Knallerei Geschichte,
Muß ich doch kein Spießer sein,
Der Natur ins Aug zu schauen,
Treibt uns manchmal Gier und Zorn,
Doch ihr Heil und ihr Vertrauen
Trübt kein Blick in diesen Born.
Vers 35280 bis 35319:
Soll der Kuchen uns gelingen,
Mach ihm Dampf, das er sich bläh,
Schaffst dus nicht, ihn hochzubringen,
Wirds ein Klumpen, spintig, zäh,
Reib dich nicht an Aug und Schläfe,
Laß dem Napfe Haupt und Hals,
Mehr als Soda oder Hefe
Treibt den Teig das Hirschhornsalz.
Dieser Stoff zerfällt in Gase,
Ohne daß ein Rückstand bleibt,
Jeden Schlick macht er zur Blase,
Wenn ihn erst die Hitze treibt,
Während sonst den Salzen eigen
Säure und ein Stück Metalls,
Wagt hier Gas mit Gas zu geigen,
Und dies nennt sich Hirschhornsalz.
Stickstoff wählt sich als Marotte
Wasserstoff im Überschuß,
Daß ihn, derart aus dem Trotte,
Säurerest besuchen muß,
Da stabil allein im Kalten
Diese Nichtmetaller-Balz,
Wird im Herd Zersetzung walten
Im Kristall von Hirschhornsalz.
Stärker triebs als Kohlensäure,
Wäre Stickstoff rechts und links,
Eh der Ofen dies verfeure,
Sei gewünscht der Abriß rings,
Denn vom Ammon der Salpeter
Breitet aus den Hang Verfalls,
Und man hört auf tausend Meter,
Dies war nicht das Hirschhornsalz.
Höchsterträge heischt als Dünger,
Die Verbindung Stick auf Stick,
Fürchtend die bin-Laden-Jünger
Ist gebannt der Pflanzen-Kick,
Wie man Kindern gibt statt Bieren
Kaltgegornen Trunk von Malz,
Muß der Stick sich selbst verlieren,
Harmlos so als Hirschhornsalz.
Vers 35320 bis 35359:
Es gibt da so Dichter,
Die reimen Urin,
Dann wird dem Gelichter
Ein Orden verliehn,
Dann gibts Therapeuten,
Die preisen den Saft,
Die Seele zu häuten,
Der Schwedentrunk schafft.
Als Gaukler verschreien
Hingegen modern
Die dürftigen Weihen
Die Minnezeit gern,
Ins Licht wie ins Trübe
Wirft Forschung das Netz,
Nennt rareste Schübe
Gedicht und Gesetz.
Orphan mit Retorte
Sucht chymicus Brand,
Urin, der verdorrte,
Als Leuchtstoff sich fand,
Was Phosphor geheißen,
War Leibniz so hehr,
Das dieses zu preisen,
Kein Versmaß zu schwer.
Zwar hat der Entdecker
Nur selten den Lohn,
Hier steht der Verzwecker
Und dorten der Hohn,
Zum flammenlos Leuchten
Fand jener den Stab,
Der schlüpfrigen Feuchten
Den Suchermut gab.
Im Nächsten zu rufen
Was fürstlich und groß,
Ist erste der Stufen
Nach weiserem Los,
Wer aber die Aue
Im Sternenraum glaubt,
Die Wüsten erschaue,
Wie er sie im Haupt.
Vers 35360 bis 35383:
Vom Hüttenrauch verdichten sich im Fange
Die Schwebeteilchen langsam überzählig,
Was sublimiert wird nach dem ersten Gange,
Heißt Erbschaftspulver, glasig oder mehlig.
Geruchlos und in kleiner Dosis kräftig,
Erlaubte blutlos dieser Stoff zu richten,
War wer zu träg, ein andrer zu geschäftig,
Geschichte ist ein Ring von Mordsgeschichten.
Gering dosiert gelegentlich in Mode
Als Stimulans und Tonikum der Töter,
Gewöhnung an das Leihgeschäft vom Tode
Macht Haare glatt und auch die Wangen röter.
Eupator, welcher dreifach Rom bekriegte,
Gewöhnte sich, dem Anschlag vorzubeugen,
Daß ihms unmöglich, als Pompeius siegte,
Sich zu entleiben ohne einen Zeugen.
Mordmittel wars nicht länger, als ein Brite
Zum sichern Nachweis half dem Pathologen,
Dies ist kein Zeichen, daß man linder stritte,
Die Kehle wird auch anders zugezogen.
Mit Lithium oder Lachgas anorganisch
Und psychoaktiv eine Kleinstgemeinde,
Zwar ist die Lust an diesen selten manisch,
Doch jede solche hat den Staat zum Feinde.
Vers 35384 bis 35399:
Den Sauermacher kennen wir im Meere
Der Luft, er bindet Wasserstoff zum Heile,
Doch dem Gestein frommt allezeit die Ehre,
Daß es ihn trägt zu seinem größten Teile.
Was kein Metall, macht er an Erden sauer,
Und auch an Lüften, kriegt er sie zu fassen,
Ob Wein, ob Milch -- im Offnen fehlt die Dauer,
Der Sauermacher kann sein Tun nicht lassen.
Er läßt uns leben und am Ende sterben,
Der Atemzug ist Selbstmord stets auf Raten,
Den Pflanzen, die ihn spenden und erwerben,
Sind Tier und Mensch schmarotzerhaft geraten.
Daß wir verschwenden uns und ihn zusammen,
Macht uns die Muskeln und die rasche Kehre,
Er ist der Tempel, drin wir frei verflammen,
Wo Pflanzen warten, daß sie wer verzehre.
Vers 35400 bis 35419:
Wenn schwefelsaure Salze in Kristallen
Das Wasser binden, sagt man Vitriole,
Von Eisen, Kupfer oder Zink gefallen
Sie uns so lang wie Steinsalz oder Kohle.
Die Färber und die Gerber sind Verwender,
Dann kamen Winzer, Drucker, Tintenkleckser,
Daß man den Preiser heiße den Verschwender,
Ist unwahrscheinlich wie ein Lotto-Sechser.
Sie zeigen an, daß man als Chalkogene
Faßt Sauerstoff und Schwefel an als Gruppe,
Daß nicht am Bogen uns zerreiß die Sehne,
Macht Vitriol, das bannt des Darmes Schuppe.
Das Wort eint eines Satzes Initialen,
Der uns befiehlt, das Untere der Erde
Zu suchen, daß es blühen mög und strahlen,
Weil so der Stein, der vielgesuchte, werde.
Manch Scharlatan versucht dies auszuschlachten,
Wie in Paris der Telegraph der Schnecken,
Doch daß uns die Versuche wenig brachten,
Sagt nur, daß ihm nicht frommen solchen Zwecken.
Vers 35420 bis 35443:
Beim Schwefel wird vom Satan stets gesprochen,
Aus Aas und Jauche steigen Schwefeldünste,
Von Derbheit, die vom Schlemmer wird gerochen,
Sprach Luther freilich so, als wärens Künste.
Hauptgruppe sechs und sulfur sechsbuchstabig,
Der Sechserring als Herz der Schwefelringe,
Sechsflächner der Kristall und hexenwabig,
Und überhaupt der Ring weist auf die Schlinge.
Verdampft zeigt er dir blutrot seine Schrecken,
Er stellt sich dar als Hartgestein und Knete,
Die Haut und auch die Schleimhaut zu entflecken,
Sind Wunder, wo man weiß, woher es wehte.
Daß neuerdings der Himmel sauer tropfet,
Zeigt an, die Reiter satteln ihre Pferde,
Was nimmer treibt, das wird auch nicht gepfropfet,
Denn Sodom und Gomorrha heißt die Erde.
Erfüllt ist nun der Kreis von Kain und Abel,
Die sechs Millionen fülln das Maß der Frevel.
Wer trägt nicht schon das Katzengold am Nabel?
Zu guter Letzt: Was reimt sich denn auf Schwefel?
So ist der sechste Buchstab der Hebräer,
Für dies Gedicht der ausgesprochne Titel,
Die Sensen sind verteilt an alle Mäher,
Der Teufel seift mit Schwefel seinen Kittel.
Vers 35444 bis 35475:
Das Giftgas bannt das Hohe wie das Niedre,
Es mags nicht faulig und nicht einmal moorig,
Selbst Wasser frißts, daß das Proton sich fiedre,
Die Säure stellt sich vor als unterchlorig.
Als Töter auch ein Macher Ungeschehens,
Doch sparsam muß der Bleicher damit schießen,
Es weiß sogar, im Zustand grad Entstehens
Den König der Metalle aufzuschließen.
Methan ersetzts den Wasserstoff in Schritten,
Der dritte ist beliebt bei Geiselnehmern,
Das Chloroform, beim Arzt nicht mehr gelitten,
Bricht Widerstand, macht Opfer zu bequemern.
Im Salz allein kommt dieser Geist zur Ruhe,
Doch nur wenn er Alleinherr dem Metalle,
Schiebt man ihm mehrfach Saures in die Schuhe,
Gleicht, was herauskommt, der Salpeterfalle.
Als Unkraut-Ex war solches einst im Handel,
Als Natron, weil leicht feucht, nicht gut zu brauchen,
Jedoch mit einem Kalium-K am Bandel,
Ließ die Substanz nicht nur die Köpfe rauchen.
Man fügt hinzu, was feil zu oxydieren,
Bei Phosphor ist der rote zu empfehlen,
Der weiße würde nicht so lang parieren,
Beim Attentate sich davonzustehlen.
Petroleum tuts wie Sägemehl und Zucker,
Das wichtigste der Stahl ist bei den Bomben,
Ist zugeschraubt der Körper, sei kein Gucker,
Sonst siehst du glatt ein Rübenfeld von Rhomben.
Als Zündschnur reicht am Loch die Wunderkerze,
Doch sieh nicht lang auf dieses goldne Flittern,
Und sei gewiß, daß nicht Sylvesterscherze
In diesem Rohr und den gewaltgen Splittern.
Vers 35476 bis 35499:
Der Name kommt vom Griechenwort für Veilchen,
Dies trifft die Farbe zwar, doch nicht das Wesen,
Trifft auf die Kleidung nur ein kleines Teilchen,
Brennts dir ein Loch ganz ohne Federlesen.
Verdünnt in Branntwein, kann die Ätzung retten,
Ist dir der Stoff nicht gänzlich unverträglich,
Wundfieber legt er karg dosiert in Ketten,
Drum ruft ihn, wer im Felde waltet, täglich.
Doch nur Bakterien sind ihm sichre Opfer,
Ihr Tod wird Pilze reicher bloß bewirten,
Wer Mangel litt, dem wird sein Salz Entkropfer,
Drum gibt es freitags Fisch beim Schweinehirten.
Dem Ammoniak ersetzt er alle Teile
Des Wasserstoffs, obgleich im Stickstoff greulich,
Dies aufzuheben zeigt er höchste Eile,
Und daß es kracht, hält mancher für erfreulich.
Verliert die Lösung nämlich alles Wasser,
Genügt ein kleiner Druck für harte Schläge,
Und oft genug brauchts nicht den Druckverpasser,
Weil dieser Geist auch einsam ist nicht träge.
Das Puffen wird von Wolkendunst begleitet,
Der braun bis violett und dicht geschichtet,
Wer ahnungslos in solche Fallen schreitet,
Eklogen der Chemie bestimmt nicht dichtet.
Vers 35500 bis 35543:
Den aggressiven Nachbarn grundverschieden,
Stehn Edelgase friedlich da wie Nonnen,
Und weil sie so beharrend stehn in Frieden
Wird jedes einzeln nur mit Frost gewonnen.
Das Edle zeigt sich hier in anderm Lichte,
Nicht wie beim Golde uns mit Glanz betäubend,
Es ist ein Fliehn aus Tatkraft und Geschichte,
Ein Schwesternkranz, sich wider alle sträubend.
Daß Stickstoff aus der Luft sich dichter ballte
Als solcher, den vom Ammoniak man trennte,
Die Fachwelt riet, wie sich der Grund gestalte,
Bis Ramsay sprach vom neuen Elemente.
Mit glühendem Magnesium ists gelungen,
Auch Stickstoff seiner Trägheit zu entreißen,
Doch gänzlich vom Entdeckerdurst durchdrungen,
Wars nicht genug, ein Neuland zu beweisen.
Drei Jahre später zeigte er drei weitre
Der Edlen, die den Atem uns verdünnen,
Daß laxes Messen stets im Luftmeer scheitre,
Verkündeten der Jungfraun harte Brünnen.
Das erstgefundne Gas blieb freilich feiler,
Die andern sind im großen Meer nur Samen,
Es sieht in keinem Fremden Feind und Heiler,
Drum führts die Trägheit eigenhold im Namen.
Man denkt bei diesem Griechenwort des Hundes,
Der aushält, daß Odyß nach Hause käme,
Die Zähne flohn schon lang das Reich des Mundes,
Und von den Freiern spürt er nichts als Häme.
Rührselig kommt daher die Liebeskiste,
Doch bei dem Wort ich nachzudenken rate,
Wer zwanzig Jahre ausharrt auf dem Miste,
Dem paßt die Trägheit wohl als Namenspate.
Allein Homer will davon gar nichts wissen,
Ihm ist der Name Anklang an den Weisen,
Odysseus ist der Hecht und stets gerissen,
Und alle Karpfen ihn deswegen preisen.
Dement, debil hört man Poseidon munkeln
Im Golfkrieg und beim Kriegsberichterstatter,
Was schattend, die Gloriole zu verdunkeln,
Ist Froschgequak und Federvieh-Geschnatter.
Doch Argongas ist kein devoter Köter,
Es ruht sich aus wie Gott am siebten Tage,
Es heischt kein Wiedersehn und keinen Töter
Und nimmt nicht teil am weltlichen Gelage.
Vers 35544 bis 35587:
Dem Eisen gilt der Rost als ärgster Makel,
Er stellt sich ein, was immer auch geschehe,
Ihn zu erwarten, braucht man kein Orakel,
Er kommt, gleichwie ich alles füg und drehe.
Unedler sind gar viele der Metalle,
Doch nicht so kraß von Luft und Dunst betroffen,
Die Witterung legt auf den Glanz die Halle,
Darunter darf man auf Verschonung hoffen.
Beim Eisen die Valenz gefährlich wechselt,
So stellt es Säure und zugleich die Base,
Grad so als wenn ein Schwab dazu noch sächselt,
Nährt Zweifront immerfort die Eiterblase.
Die ungewisse Wertigkeit zu scheiden,
Mit blutgelaugtem Salz die Lösung teste,
Beim Antipoden fällt aus allen beiden
Das Preußisch Blau als Mineralfarb beste.
Wird Blut mit Pottasch und mit Horn und Knochen
Erhitzt, daß man den Rückstand wäßrig wasche,
Entlaugst, in Schuld wieviel an Luft beim Kochen
Das gelbe oder rote Salz der Asche.
Das gelbe ist nur minder stark gesäuert
Und so zufrieden mit den linden Fängen,
Dem roten ward von Zugluft eingefeuert,
Daß Gifte rasch aus dem Zerfalle drängen.
Zwar glüht man das Zyan nicht mehr vom Horne,
Auch brauchts kein Blut, um Eisen zu verbinden,
Doch spür den Rest von diesem alten Borne,
Siehst Preußisch Blau wen um die Schultern winden.
Das Blau gilt nicht als kriegerische Farbe,
Doch trugs der Preuß als Uniform im Kriege,
Blutlaugensalz - der Stoffnam ist die Narbe,
Die sagt, daß Blut und Eisen führn zum Siege.
Als Leibniz stand für Königs Wissenschaften,
Ward das Pigment entdeckt für alle Wetter,
Nicht Firnis kanns noch Alkohol entsanften,
Alkali frißts, und Säure ist kaum netter.
Man fragt sich, wie die Frauen der Soldaten
Die Uniform gewaschen ohne Seife,
Doch daß sie dieses höchst vortrefflich taten,
Darüber ist die Meinung nicht im Streite.
Bei Hitze ist die Farbe höchst beständig,
Man weiß, die Preußen scheuten nicht das Feuer,
Machst du den Test auf Eisen eigenhändig,
Bleib dir der Geist des Preußentumes teuer.
Vers 35588 bis 35607:
Wer herzig für ein Grubenstück,
Dem mangelts selten an Humor,
Doch hält er für mißgönnt das Glück,
Beschummelt man ihm Aug und Ohr.
Kobolde nennt er jenen Clan,
Der falsche Spuren legt und streut,
Sie weiden sich am Hauerwahn,
Weil sie verlorne Mühsal freut.
Ein Nickel, weiß man, ist ein Kerl
Der Schiffer lockt bei Nacht von Bord,
Mit mancher Ader Glastgeperl
Zog Beelzebub den Bergmann fort.
Dem Eisen sind zwei Gnome treu,
Wie Odin es die Raben sind,
Der Hoffnung folgen Müh und Reu,
Wenn solcher Geist die Netze spinnt.
Drum heißt man die Metalle beid,
Sind auch die Flüche längst verhallt,
Noch immer nach dem Bergmannsleid,
Denn Namen werden meistens alt.
Vers 35608 bis 35663:
Das Kupfer, das vom Namen zypriotisch,
Tritt früh mit Gold und Silber zur Geschichte,
Die Venusfarbe ist dem Blech symptotisch,
Nicht hart, doch hoher Dehnbarkeit und Dichte.
Heut prunkts als Dach und auf dem Turm als Spitze,
Kaum noch vergüldet, denn die grüne Kruste
Gilt als Beweis, da man schon lang hier sitze,
Drum gibts bei Patina auch ganz bewußte.
Als man es schmolz ins eins mit andern Erzen,
Geschahs nicht nur, den Schmelzpunkt abzusenken,
Der Härtemangel mußte jeden schmerzen,
Dem es Beruf, mit Schild und Schwert zu denken.
Die echte Bronze mischt es mit dem Zinne,
Man nahm auch Zink und Antimon in Nöten,
Zu viel des Zinns macht spröd, in diesem Sinne
Ein zehntel ist das rechte Maß zu töten.
Die Patina entsteht in vielen Phasen,
Teils kohlen- oder schwefelsauer, Meere
Anbei verschaffen auch Chlorid dem Rasen,
Harnsäure gibt der Lebenswelt die Ehre.
Die Wertigkeit ist zwei beim Oxydieren,
Die eins ist möglich, doch nur im Labore,
Bei Reduktion die Trüber sich verlieren,
Drum hat die Zwischenstufe wenig Tore.
Das Vitriol bekannt ist als Verbindung,
Die schöne Bläue und kristallne Helle,
Recht giftig, doch für uns geringer Schindung,
Weil dies der Magen ausspeit auf die Schnelle.
Das Kupfersalz nur halb zu reduzieren,
Nimm Traubenzucker, der besorgt dies milde,
Gespannt ist wohl der Leser zu kapieren,
Was ich mit diesem Umstand führ im Schilde.
Natürlich wieder Sprengklamauk und Knallen,
So hieß die Freizeit, als ich ging zur Schule,
Noch heute will mir mancher Ort gefallen,
Weil ich bemerk die einst gesprengte Kuhle.
Das Acetylid, das gebraut vom Kupfer,
Wie Bleiacid und Silberfulminate
Schon explodiert bei einem leisen Hupfer,
Drum ists für Schärfres gut als Zündungspate.
Zwar ist auchs Element Karbidgas päßlich,
Doch dazu muß das Gas ganz trocken schweifen,
Weil karg war mein Gerät und kaum verläßlich,
Mußt mir ein andrer Plan im Hirne reifen.
Der ziegelrote Niederschlag im Glase,
Den Traubenzucker bei Erwärmung machte,
War zu filtrieren aus der Lösungsphase,
Salzsauer ich ihn dann zu lösen dachte.
Salzsaures Kupfer, doch mit halbem Chlore,
Hinein mit dem Äthin, schon fällt die Schwärze,
Getrocknet nicht zu fest den Spatel bohre,
Und sorg, daß nicht daneben steht die Kerze.
Die schärfren Dinge, die dies Mittel zündet,
Erfahr in einem späteren Kapitel,
Zwar die Organik Zartestes begründet,
Doch weiß sie auch die allerstärksten Mittel.
Vers 35664 bis 35683:
Mit Gold und Silbermünzen lebt das Tauschen,
Die trüben Luft nicht oder feuchte Hände,
Zwar Schwefel mag am Silber sich berauschen,
Doch dies ist nichts, was überall sich fände.
Wenn Jesus sagt, man sei dem Feind Beschämer,
Wird dies verdreht von manchem Worte-Drechsler,
Doch bleibt gewiß: gemeint war nicht der Krämer,
Denn umgestoßen ward der Tisch der Wechsler.
Er sprach: Ihr macht den Tempel zum Konsume,
Und euer Gott hat ein Gesicht von Ziffern.
Er fluchte nicht dem Unternehmertume,
Das wagt bei Wagnern, Webern oder Schiffern.
Er sprach den Leihern und den Spekulanten,
Die Münzen gegen andre Münzen wogen,
Die Nutzen ziehn vom Glanz und vom Verbrannten
Und sich verschwörn in volksentfernten Logen.
Das Edle taugt zum Gleichnis nur, als Ware
Ists ein Verbrechen wider alles Leben,
Wird dir bewußt, daß solcher Geist sich schare,
So hüte dich, ihm deine Hand zu geben.
Vers 35684 bis 35716:
I
Zink uns frommt als Galmei oder Blende,
Deine Haut gleich gelbem Veilchen trink
Aus dem Bade, da die Wannenwände
Zink.
Wohlfeil gibt sich nicht und wieselflink,
Was bereit, daß Eisen nichts verschwende,
Und sich fügt ins mattere Geblink.
Wenn verewigt, suchen deine Hände
Auch am Himmelstor die Messingklink,
Für die Lieben steht als Sarg am Ende
Zink.
II
Zacke war dem Zink der Namensgeber,
Da uns das Metall aus trüber Schlacke
Zinkenförmig starr ward, rief der Heber:
Zacke.
Mancher zeigt mit dem Symbole Flagge,
Mancher denkt bei Zinken an den Eber,
Andern ist das eine Dichter-Macke.
Zink allein holt Kupfer aus der Leber,
Und den Aussatz von der wunden Backe,
Bebt die Erde, nenn den tiefsten Beber
Zacke.
III
Zinnen auf den Kanten, auf den Ecken,
Sagen an, die Wehr kann rasch beginnen,
Alles wolln, nur niemals sich verstecken,
Zinnen.
Schwalbenschwänzig muß der Waibling minnen,
Wie der Welf das Rechteck weiß zu recken,
Doch die wahre Wehr steht immer drinnen.
Zeltdachzinnen folgen andern Zwecken,
Um zu schmeicheln weithin unsern Sinnen,
Wären ganz mit Zink gezackt zu decken
Zinnen.
Vers 35717 bis 35772:
I
Das Einhorn springt ihm durch den Wappenschild,
Und Hermes gleichts, der flink im Zwielicht geht,
Es rührt den Boden nicht, dens überweht,
Es kugelt sich und pflegt sein Eigenbild.
Metalle saugts, daß Amalgam entsteht,
Es bindet Schwefel, Sauerstoff, doch mild,
Selbst der Zinnober, der uns fürstlich gilt,
Ist ihm nur Larve, nach dem Wind gedreht.
Es dehnt sich regelhaft und netzt kein Glas,
Drum mißts den Luftdruck und den Fieberstand,
Und niemand schaff so leicht genaues Maß.
Die Giftigkeit ist groß und altbekannt,
Doch die Gefahr ist jedem, der kein Has,
Der Schlüssel, der beschwingt die goldne Hand.
II
Den Alchymisten war der Springer groß,
Die Flinkheit, die Metallen sonst nicht feil,
Verhieß die Wandlung und den Sprung ins Heil,
Hier schien der Weg nicht weit zum großen Los.
Wenn man betrachtet, wie ein jedes Teil
Die Kleider wechselt und wird niemals bloß,
Liegts nah zu traun, daß im gewaltgen Schoß
Auch Edles, das noch unerwecket, weil.
Der Spott, der später diese Mühen trifft,
Erwächst nicht Weisheit sondern Plapperei,
Denn nur, wer wagt, hat je ein Land erschifft.
Das Rätsel der Metalle liegt nicht frei,
Und wer da tönt, die Hoffnung sei ein Gift,
Beweist nur, daß er dumpf und mürbe sei.
III
Die Welt der Stoffe, die einst jeder Hirt
Beachtet hat, weil vieles taugt und paßt,
Ist dem, der Paragraphen liebt, verhaßt,
Sie fügt sich nicht in Zügel, die er schirrt.
So wird Natur zu Ärgernis und Last,
Dem Spezialisten sei, was webt und sirrt,
Wer nicht von solcher Weih, dagegen schwirrt
In Schemen, die der Sau gemäß zur Mast.
Er trinkt aus Flaschen Wasser, Wein und Saft,
Was ihn umgibt, ist mysteriös und fremd,
Verordnet wird ihm Müdigkeit und Kraft.
Er gleicht dem Sand, den Wogen angeschwemmt,
Und meint dagegen, daß er selbst was schafft,
Doch braucht er sogar Geld fürs Sterbehemd.
IV
Wenn solch ein Narr den Alchymisten pönt,
Fehlt ihm die Einsicht, daß die Schwarzmagie,
Die ihn beherrscht, vergaß die Harmonie,
Die noch im Ziegel und im Schiefer tönt.
Die Abrißkugel, die das Volk wie Vieh
Auf Triften schickt, darauf der Teufel löhnt,
Hält er fürs Glücksrad, das die Welt verschönt,
Und Reife ist ihm, was zu Schaum gedieh.
Zu diesen Übeln sagt das Einhorn nichts,
Mercurium springt, verlacht den Rost am Rad,
Vergangen scheint der Tag schon des Gerichts.
So ruft nach Schonung keiner mehr und Gnad,
Arachnes Netz, verträumte Muster flichts,
Denn was noch echt, ist sich zum Blick zu schad.
Vers 35773 bis 35808:
Wie jedes Tier, front auch der Mensch dem Wetter,
Und daß sein Bau nicht nur ein feuchter Stall,
Sind nötig nicht nur Steine oder Bretter,
Er braucht die Wärme für den Kältefall.
Dazu ist alles, was wir sonst erfahren,
Erst möglich, wenn die Nahrungsnot gestillt,
Das Kochen, Backen, Schmoren oder Garen
Mehrt uns die Kraft, die aus der Ernte quillt.
Die Wärme, die uns froh macht und geschäftig,
Gab uns das Feuer, das den Baum verschlingt,
Kein andrer Weg, ward je so segenskräftig,
Daß er genug für diese Notdurft bringt.
Windmühlen oder Wasserräder kreisen,
Sie mahlen, pressen, sägen unverzagt,
Doch den Versuch, sie Wärmende zu heißen,
Noch jeder als Unmöglichkeit beklagt.
Auch andre Müh, den Sonnenstrahl zu fassen,
Zu fangen ihn mit Spiegeln oder Glas,
Muß Preis und Ehre doch den Pflanzen lassen,
Denn unsre Kunst reicht nicht mal an das Gras.
Der Wachstumsfrist der Bäume nicht zu zinsen,
Gab Torf das Licht, das früher eingehaucht,
Doch eher fehlt der Knoten an den Binsen,
Als daß nicht das Gesparte einst verbraucht.
Man holte Kohle aus dem Berg, die Leichen
Der Bäume, die die Urzeit einst gefällt,
Doch nur der Narr vermeint, die würden reichen
Solange, bis das Ende kommt der Welt.
Ob frisches Holz, ob Torf, ob harte Kohle,
Das kluge Tier als Pilz am Baume hängt,
Aus welcher Tiefe man auch Brennstoff hole,
Nicht änderts, daß der Baum die Wärme schenkt.
Drum soll der Kunstsinn, welcher Kohle huldigt,
Vergessen nie: sie ist der Tod des Baums,
Nur wer sein Tun bei Ast und Zweig entschuldigt,
Darf werken mit den Ahnen ihres Traums.
Vers 35809 bis 35840:
Des Irrlichts, das im Moor zuweilen flackert,
Hab ich in manchem frühen Vers gedacht,
Die Dämonie, die im Verborgnen rackert,
Verschafft sich Platz am liebsten in der Nacht.
Das Gas, das sich entflammt an fauler Hitze,
Ist eigen nicht nur Sümpfen und Morast,
Der Bergmann fürchtet diese Wetterblitze,
Und mancher weiß, daß er gestorben fast.
Heut weißt man, daß im Tiefen große Blasen,
Gestein, Geröll, selbst Ozean verdeckt,
Mit Bohrern schafft man ungekehrte Nasen,
Wenn man die Hand nach solcher Beute streckt.
Kadaver sind die Lüfte wie die Wogen
Von Steinöl, Naphtha, Pech, Bitumen all,
Sie sind noch weiter her vom Grün gezogen,
Die Schnecke fraß noch vor dem tiefen Fall.
Das Gas wird als organisches geschildert,
Was mir, ganz nebenbei, ein Willkürakt,
Wenn Ammoniak aus Jauchengruben wildert,
Kommt er genauso lebensher und nackt.
Wenn Kohlstoff Kriterium ist der Scheide,
Warum sind Marmor, Kreide und Graphit
Dann ausgesperrt von dem Organikkleide?
Hier trennt die Lehre mit gezacktem Schnitt.
Organisch gilt die Fähigkeit der Kohle,
Sich selbst zu Ring und Kette zu berührn,
Und dies mit solcher Vielfalt der Symbole,
Kein Element vermag so weit zu führn.
Will man die Minerale draußen lassen,
Als Minimum wär logisch Doppel-C,
Dem Holzgeist würd die Regel zwar nicht passen,
Doch ungerecht ist diese Welt seit je.
Vers 35841 bis 35860:
Die Schülerfreiheit zu beschneiden,
Warb Aufsicht man fürs Internat,
Ob die persönlich sei zu leiden,
Ward nicht gefragt vorm Attentat.
Wir warn uns einig, zu verschrecken
Sei eine junge Frau gewiß,
Was wir aus Chemikalien wecken,
Ist ärger als ein Hundebiß.
Zinkpulver wir mit Tetra mischen,
Der Bunsenbrenner flammt es an,
Gespenstischer noch als das Zischen,
Kommt dann ein weißer Nebel an.
Die Frau floh rasch hinab die Stiege,
Der schwere Nebel zog ihr nach,
Sie meinte, daß er bald sie kriege,
Daß sie sich fast die Beine brach.
Wir hattens vorher schon gelinder
Versucht, doch nun war wirklich Schluß.
Drum hör und merk es dir geschwinder:
Verärgre nie den chymicus.
Vers 35861 bis 35884:
Als Wöhler Harnstoff aus dem Cyanate
Gewonnen, war Mephisto ganz begeistert,
Die vis vitalis hieß es, stand nicht Pate,
Allein der Mensch hat Lebensstoff gemeistert.
Nun hat zwar Harnstoff keine Kohlenkette,
Weshalb der Fortschritt relativ bescheiden,
Dies hindert nicht, daß man zu schreien hätte,
Der Zukunftsmensch Retorten müßte leiden.
Kleesäure ist zwar zweifelsfrei organisch,
Doch Dicyan stellt Kohle auch an Kohle,
Nur Unverstand wird visionär und panisch,
Schafft Essig man aus reinem Alkohole.
Das Leben schafft Hexosen aus Pentosen,
Der Eiweißabbau ist das Los der Tiere,
Wer Düfte braut, ist Schöpfer nicht der Rosen,
Und bloßer Harnstoff macht noch keine Niere.
Zwar ist es später anderswo gelungen,
Die bloße Kohle mit sich selbst zu binden,
Doch dieses Größre ward nicht so besungen,
Als gälts den Keim zum Übermensch zu finden.
Die Harnstoff-Schreier eines nur beweisen,
Die Zeitung zieht dem Wissen vor die Mythen,
Es wird das Kreuz von Holz doch keins von Eisen,
Wenn Phantasien aus Afterdüften blühten.
Vers 35885 bis 35908:
Das Kleeblatt steht für guten Wunsch und Segen,
Vierblättrig ist es nicht so oft zu schauen,
Es ist ein Brauch, getrocknet es legen
Dem Jahrbeginn als Zeichen für Vertrauen.
Mit Kleesalz schrubbt man Flecken fort und Schreine
Sind mild zu bleichen mit der schwachen Säure,
Zur Zeit, als seinen Bacherach schrieb Heine,
Schiens manchem, daß der Klee die Welt erneure.
Aus Preußisch Blau ein böses Gift kann weichen,
Blausäure, Blau, das keinen Frieden stiftet,
Amerika hat später, ganz im Zeichen
Der Technik manchen Schelm damit vergiftet.
Daß die Substanz nicht ähnelte dem Leben,
War jedem klar, weshalb die Hydrolyse
Zum Kleestoff, galt als Nachweis, das wir weben
Das Universum ohne Schleim und Drüse.
Ameisensäure, wenn man ihre Salze
Erhitzt, bringt selbes und vermehrt die Kette,
Doch dies ist nichts für Kutscher und Geschnalze,
Nur Hetze frommt der Druckerpreß fürs Fette.
Wem die Chemie als gute Kunst verständig,
Der rechtet nicht mit Gott und den Geschöpfen,
Das Kleeblatt steht fürs Herz, das liebt lebendig
Den andern ist es Futter in den Töpfen.
Vers 35909 bis 35944:
Die Großchemie war rasch dem Paraffine,
Das aus der Erde drängt mit eignem Drucke,
Gewogner als dem Ruhrpott-Paladine,
Dems nötig, daß der Hauer tief sich ducke.
Im Weltkrieg aber lenkte auf die Kohle
Den Blick das Reich, das ringsumher bestritten,
Sie zu veredeln zum gewünschten Wohle,
Hieß Freiheit von dem Orient, da die Briten.
Vor zwanzig Jahren rauchten noch geschäftig,
Die Öfen, drin dies achtzig Jahr gelungen.
Carbid -- den Einstieg wagt allein, wer kräftig
Zu zündeln weiß und Taten schätzt vor Zungen.
Wenn so viel Strom fließt, daß die beiden Pole
Ein Feuerband verbindet gleich dem Blitze,
Geschiehts, daß ohne Sauerstoff die Hohle
Den Kalk mit Kohle eint in größter Hitze.
Dem graue Pulver, das recht wenig reinlich
Von allem voll, was war im Kalkstein Plunder,
Gibt Wasser Gas, bei Überraschung peinlich,
Doch wohlbeherrscht der Anfang vieler Wunder.
Denn reaktiv und Ausgang für Synthesen,
Stehn lange Ketten offen ihm und Ringe,
Das Gas im Pulver ist ein Wandelwesen,
Das meint, daß Unabhängigkeit gelinge.
Heut freilich ist der Widerstand zerschlagen,
Gras wächst, wo einst die stolzen Öfen rauchten,
Dies schont die Kohle, die in bessern Tagen
Noch wissen wird, was wir zum Siegen brauchten.
Carbid ist ganz aus unserm Sinn verschwunden,
Die Lampen sieht man nicht mehr abends glühen,
Auch wer ein Leuchten braucht in tiefen Schrunden,
Muß Ölstrom oder pures Öl bemühen.
Zum Unfug, der Carbid weiß wohl zu nutzen,
Geb ich nicht nach Erinnerungsgefühlen,
Ich trachte, das Persönliche zu stutzen,
Denn auf gehts zu den Makromolekülen.
Vers 35945 bis 35980:
Als man gelernt, den Traubensaft zu keltern,
Verkorkte man ihn fest in einer Flasche,
Und dies entsprach der Sorgsamkeit er Eltern,
Daß nicht der Geist dem schwerern Sud enthasche.
Der Geist des Weines eint zwei Eigenheiten,
Die man im Namen-Doppelsinn erlausche,
Zum einen, daß er flüchtig uns beizeiten,
Zum andern, daß er uns den Geist durchrausche.
Durchrauschen kann erhellen uns und trüben,
Dies ward an anderm Orte schon bedichtet,
Manchwer brauchts oft und mancher suchts in Schüben,
Nie ward der Dschungel um den Trunk gelichtet.
Durch Brennen kann den Geist die Kunst verdichten,
Dies frommt nicht nur dem feurigen Verprasser,
Es ist auch manches sonst noch zu berichten,
Denn die Substanz steht zwischen Öl und Wasser.
Daß Fett man lös und dabei nicht die Farbe,
Daß so Gelöstes Wasser nicht mehr weigert,
Man holt noch Seim aus einer trocknen Garbe
Die Süßigkeit in jeder Frucht man steigert.
Beim Destillieren fand man auch Verwandte
Des Weingeists, die auf ihre Weise brennen,
Manch Blinder weiß, das nicht zurzeit Erkannte
War Holzgeist und ein starkes Gift zu nennen.
Die Fuselöle, minder stark beflügelt,
Sie schmerzen nach dem Fest in unserm Haupte,
Doch ihre Schwere auch den Minner zügelt,
Der sich bereit zu jedem Fluge glaubte.
Der Weingeist taugt vortrefflich zum Scharniere
Den Lebensstoffen mit den Mineralen,
Er heizt und kühlt, auf daß er sich verliere,
Drum wölbt man in verschiedner Form ihm Schalen.
Wer tritt ins Reich der Horne und Balsame,
Dem ist ein Hermes dieses Geistes Leichte,
Da ist kein Wunder und kein einzger Name,
Den einer im Verzicht auf dies erreichte.
Vers 35981 bis 36000:
Weil Schwefelsäure selbst sich zu verdünnen,
So gierig, wird ihr Wasser nachgespieen,
Auch Weingeist hat nicht so gefügte Brünnen,
Daß er die Hälfte ließ nicht friedlich ziehen.
Zum Tandem fügen sich zwei Moleküle,
Damit ein Wasser werd dem großen Saufen,
Vergeistigter den Geist des Weines fühle,
Läßt er den Schuh, den erdenschweren, laufen.
Narkotisch das Arom, das freigegeben,
Dem Arzte dients, daß der Patient nicht schreie,
Und mancher schwört, im Luftreich nun zu leben,
Und meint, daß ihn das Fläschchen erst befreie.
Verlor das Laster, Äther oft zu schnüffeln
Die Reize für Adepten und Rhapsoden,
Schulmeister freilich, welche Knaben rüffeln,
Warn nicht die Sieger bei den Folgemoden.
Die Suche nach der Bann der Erdenschwere,
Durchforschte alle Klassen und Systeme,
Darum wie stets, so sich das Wissen mehre,
Wächst diesem Groll, wie jenem das Bequeme.
Vers 36001 bis 36040:
Glycerin macht Säuren fett,
Bei Verseifung wird es frei,
Manchem Stinker ists ein Bett,
Daß er lind wie Butter sei.
Dreifach der Verestrung froh
Laurin, Palmitin, Capron,
Wer es nennt die Osterloh,
Sah es auch salpetrig schon.
Taucherbrillen machts wie neu,
Sprach ich listig dem Drogist,
Daß man sich der Klarheit freu,
Die Verdünnung schädlich ist.
Nun, der Mann gab mir den Stoff,
Und die Säuren rauchten dicht,
Kaum besinnend, was ich hoff,
Hielt sich das Gebräu ins Licht.
Ein paar Blasen, danach hieb
Eine Faust die Augenhöhl,
Eh ich in der Ecke blieb,
Fieln zu Boden Glas und Öl.
Weh! ich rannte Wassern hin.
Ob das Aug die Säure traf?
Ich nicht blind geworden bin,
Also hatte Glück das Schaf.
Gleichwohl war der Bluterguß
Zu verbergen keinesfalls.
Großen Jungen war Verdruß
Ich und hatte drei am Hals!
Vater dies mir glaubend dacht,
Daß es ritterlich nicht sei,
Und beizeiten Anstalt macht,
Daß man geh zur Polizei.
Dies war mit nun gar nicht recht,
Denn ich war ja selbst der Schuft,
Lange Rede vieles schwächt,
Und die Wut war dann verpufft.
Jahre drauf vom Bruderherz
Hieß es: Pulver freute ihn!
Dies war mir ein seichter Scherz,
Denn dies ist kein Glycerin.
Vers 36041 bis 36060:
Im Zucker geht das Licht ins Netz des Lebens,
Die Stärke nährt im Schattenhort die Knolle,
Verholzt er schließlich, tut ers nicht vergebens,
Denn nur der Stamm erreicht das Sonnenvolle.
Vom Honig, heißt es, nähren sich die Hohen,
Die prüfen, was die Imme gibt der Wabe,
Als süß erkennt man, muß die Welt verlohen,
Was uns gemein macht Schmetterling und Schabe.
Wie das Getreide webt die Zuckerringe,
Wir tun es plump nur nach mit großen Feuern,
Daß wer mehr geb als er dabei verschlinge,
Kann nur die Schöpfung, die wir nicht erneuern.
Wir mühen Reim und Saiten um die Süße,
Wir lassen Farben leuchten und Metalle,
Doch nur die Biene hat so sanfte Füße,
Daß nicht die Dolde, die beschenkt, zerfalle.
Drum ist der Zucker, der uns läßt vergessen
Die Müdigkeit des allzusteilen Pfades,
So allgemein, daß sogar die Zypressen
Persephones ihm psalmodiern im Hades.
Vers 36061 bis 36124:
Das Harz, von Arabia gekommen,
Zuerst Katalonien bekannt,
Macht achtsam und würdig benommen,
Wird es am Altare verbrannt,
Im östlichen Ritus noch heute
Der Banner von irdischem Weh,
Im Zwiebelturm atmen die Leute
Statt Weihrauch das Harz Benzoe.
Von Siam leicht rötlich, vanillig,
Von Sumatra dunkler und süß,
Im Räucherwerk freudig und willig
Der Sünder erfleht, daß er büß,
Man meint schon die Engel zu hören
In Dörfern, vergraben im Schnee,
Es kann kein Versucher betören
Wies Styrax vom Baum Benzoe.
Der Stoff namte alle Verwandten
Die jetzt Aromaten genannt,
Die Schweren, die Schlüpfriges bannten,
Bestellen ein eigenes Land,
Vanill oder Zimt, Bittermandel
Erfahren im Sechsring den Dreh,
Zu Geistern von Moschus und Sandel
Den Schlüsselbund trägt Benzoe.
In zaubrigen Welten der Färber
Bei Indigo, Alizarin,
Das Licht ist zumeist der Verderber
Versuchs, ihm die Lust zu entziehn,
Doch zeigt sich, was satt nicht, stabiler,
Daß allzu Subtiles besteh,
Im Ring wird zum Zaubrer der Spieler,
Das Muster gewann Benzoe.
Auch nahm Glycerin seine Palme
Der Dreifach-Salpeter des Rings,
Nicht nur daß es krach oder qualme,
Ans härteste Urgestein gings,
In Kriegen, die Sprengmeister machen
Als Schrecken vom Scheitel zum Zeh,
Den Typhon und andere Drachen
Führt groß im Gefolg Benzoe.
Doch auch an die Pforte der Seele
Und an das Refugium des Traums
Rührt leicht, was im Köhlergeschwele
Die Tränen schwemmt Benzoebaums,
Erst wards in Kakteen gefunden,
Doch niemand trinkts heut mehr als Tee,
Amin und Methoxy verbunden
Hat Meskalin Benzoe.
So wurde die Welt der Arome
Vom Tande zum Magier der Zeit,
Es weitet die Grotte zum Dome,
Wem Schwingen und Mut zum Gebreit,
Das Harz, das weit mußte reisen,
Erst Nische und endlich die See,
Es folgt wie dem Golde das Eisen
Dem Weingeiste hart Benzoe.
Lang hat man gesucht und gestritten,
Was eigen der neuen Struktur,
Und manch einer hat dran gelitten,
Daß heiß aus dem Schlafe er fuhr,
Uroboros, Schlange, sich schlingend,
Besuchte zur Nacht Kekulé,
Und suchte uns alle, sich singend
Im Rätsel, genannt Benzoe.
Vers 36125 bis 36148:
Die Weide, die an unsern Teichen trauert,
Trat früher als der Bart mir in die Laute,
Doch hat es schließlich dreißig Jahr gedauert,
Bis ich mir ihre Haut zu kratzen traute.
Aus Weidenrinde haben schon die Alten
Gewonnen Salicin, den großen Heiler,
Auch Mädesüß und Bibergeil enthalten,
Was Äskulap heut preßt der Flammenmeiler.
Benzoesäure und Phenol sich einen,
Der Essigsäureester des Phenoles,
Kopfschmerzgeplagten muß Erlöser scheinen,
Wie Chiron starb als Opfernder des Wohles.
Patent und Namen gab dem reinen Stoffe
Ein Krankenhaus in Halle an der Saale,
Der Wunsch des Arzts, geringen Preis man hoffe,
Ward arg durchkreuzt, und dies gleich viele Male.
Als Feindbesitz hat in Versailles die Marke
Der Yankee den Vasallen zugeschustert,
Man nehme dem Geschlagnen alles Starke
Und lasse ihm allein was ausgemustert.
Zwar Bayer kaufte dies zurück viel später,
Doch längst ist nicht mehr deutsch das Unternehmen,
Und doppelt profitabel ists dem Täter,
Denn Heilgewinne zähln zu den bequemen.
Vers 36149 bis 36184:
Als man bei Leuna mich zur Kaderschmiede
Geschickt, daß meine Flausen profitabel,
War ich im Alter, wo des Hauptes Friede
Bedroht wird etwas unterhalb vom Nabel.
Es ging studentisch zu, was verstehen
Nicht so, daß sich nur Wissenschaft bewegte,
Ehr hieß es, daß die Welt nicht untergehen
Wohl würd, wenn man die schönen Dinge pflegte.
Manchwo gabs da so einen Kellerbunker,
Wo fröhlich man bis in den Morgen zechte
Und meistens zwischen Trubel und Geflunker
Kontakt auch fand zum anderen Geschlechte.
Die Namen, die die Freudenhütten zeigten,
Ironisch warn dem Ernste nachempfunden,
Wenn Schmelzer uns im Wärmetauscher geigten,
Hat das Agens die Lösungsform gefunden.
Ein Club war uns beliebt vor allen andern,
Katalysator wurde er gerufen,
Allein war nur der Hinweg zu erwandern,
Schon nachmittags die Paare auf den Stufen.
Wer nicht vom Fach, der staunt bei diesem Worte,
Denn solches nennt die Mutter nicht am Herde,
Gleichwohl der Schlüssel öffnet manche Pforte,
Ist ein Garant, daß eins aus zweien werde.
Er kuppelt, dabei selber unbetroffen,
Vorabends und am Morgen unverschlissen,
Er macht uns zur Gewißheit vages Hoffen,
Nimmt neidlos sich zurück vor dem Gewissen.
Natürlich weiß exaktes Untersuchen,
Daß er sich nicht begnügt mit Händchenhalten,
Doch hinterher kein Schelten und kein Fluchen,
Er muß, wenns heiß wird, butlerhaft erkalten.
Es ist zumeist die Hauptkunst der Synthese,
Die rechte Katalyse zu beschaffen,
Drum meint der Clubnam ohne viel Gewese,
Daß hier geläng der Tango selbst dem Affen.
Vers 36185 bis 36208:
Acetylen, das aus Carbid gewonnen,
Für die Chemie der Kohle bricht die Tore,
Und darum ging in vielen tausend Tonnen
Nach Buna Kalk, daß man ihn dort verschmore.
Quecksilber schafft die tolle Katalyse,
Daß dies mit Wasser werd zum Aldehyde,
Derselbe gleicht studentischem Gemüse,
Zu allem frei wenngleich gewöhnlich müde.
Doch Natronlauge schon im nächsten Gange
Verkuppelt mit sich selbst die Frucht der Kohle,
Es sitzt das C gleich vierfach auf der Stange,
Ist uns geglückt die Reihung zum Aldole.
Ist Nickel katalytisch dann zu finden,
Wird reduziert zum Diol das Verzwackte,
Das Polyphosphat Wasser kann entwinden,
Daß Bunas Monomer entsteh im Trakte.
Mit Natrium uns bildets lange Ketten
Für Kautschuk, der zum Reifen taugt dem Wagen,
Daß solche wir im Kriege nötig hätten,
Dem Kanzler braucht kein chymicus zu sagen.
War andernortes Isopren vorhanden,
Sind Mitteldeutschlands Macht die Bunawerke,
Doch heute scheints in abgewrackten Landen,
Als ob man vom Triumphe nichts mehr merke.
Vers 36209 bis 36272:
Was Abrakadabra dem Laien,
Bedeutet nicht Vollmond und Spleen,
Im Eiweiß Amide sich reihen
Und wuchtige Größen vollziehn,
Der Forscher, der Raupen und Spinnen
Zu gleichen verachtet die Scham,
Sucht ähnliche Kunst zu ersinnen
Und schafft sie im Caprolactam.
Dem Fallschirm gab Japan die Seide,
Dem Westen wars feindlich und fern,
Die Faser zum luftigen Kleide
Ersann drum der Sprengstoffkonzern,
DuPont schuf erst erster Peptide
Als Nylon die Kunstfaser kam,
Dem Reich fehlte solche Ägide,
Bis nachzog das Caprolactam.
Daß New York und London benamten
Das Nylon, heißt heute Legend,
Doch was sie an Gründen auch kramten,
Die Ausrede jeder erkennt,
Hier war schon gezeichnet die Achse,
Als Rosevelt tat friedlich und zahm,
Daß draus ihm die Weltherrschaft wachse,
Die abwehrn will Caprolactam.
Nicht deutsch ist, daß man imitiere
Das Zwei-Komponenten-Gebräu,
Vorm wechselnden Pfeil der Scharniere
Sei unsrer beständig und treu,
Uns macht kein Geschäft zu Nomaden,
Gemeng ist uns Schimpf und infam,
Und also entsteht uns der Faden
Auch einzig aus Caprolactam.
Der Solinger Beckmann erdachte
Wie magisch das Teilchen sich stell,
Die Vorstufe selber sich machte
Zum flinkesten Brauer-Gesell,
Der Ring, der sich streckte und wellte,
Den Ast in die Grundstruktur nahm,
Was man so in Schieflage stellte,
Beschied sich zum Caprolactam.
Paul Schlack fand die fehlende Karte
Grad anderthalb Jahr vor dem Krieg,
Berlin und Landsberg an der Warthe
Verhalfen der Forschung zum Sieg,
Eh erste Soldaten marschieren
Nach Graudenz und später zum Flam,
Beschert uns das Fortkondensieren
Gespinste von Caprolactam.
So war nur Phenol zu hydrieren,
Keton dann und letzlich Oxim,
Es wird sich Substanz kaum verlieren,
Wenn schrittarm das Stoff-Interim,
Am Wolgastrom legt uns der Kessel,
Wie Bomben den Jademund, lahm,
Im gleichen Jahr läßt seine Fessel
Der Falter aus Caprolactam.
Der Ausgang der bösen Geschichte
Ist oft wiederholt und beklagt,
Allmählich verschiebt die Gewichte,
Wer drüber was gültiges sagt,
Doch sei auch beim sumpfigsten Waten
Durch Kummer, Zerknirschung und Gram
Gesagt, daß das Reich nicht verraten
Die Helden des Caprolactam.
Vers 36273 bis 36368:
Als vor der Mitte vorigen Jahrhunderts
Europa noch einmal zur Größe stieg,
Gelang der Seelenkunde auch, wen wunderts,
Ein unerhörter Vorstoß, ja, ein Sieg,
In Basel Albert Hofmann untersuchte
Vom Mutterkorn gewonnenes Amid,
Eins letzte Haut, und der dies nicht verfluchte,
Sich diesem Stoff im Selbstversuch beschied.
Zur hoch dosiert, die Wirkung war gewaltig,
Dies Tonikum wirkt kraß in feinstem Maß,
Die Straße ward ihm fremd und buntgestaltig,
Als er berauscht auf seinem Fahrrad saß,
Die Assistentin schrieb von wildem Rasen,
Ihm aber schiens, als ob das Rad fast steh,
Vergeßnes tauchte auf wie Seifenblasen,
Ein Ton genügte, daß das Bild zerweh.
Die Ordnung, die uns nach Gewohnheit leitet,
Hohlspiegelhaft zerrüttet und verzerrt,
Doch nicht nur das vertraute Bild entgleitet,
Auch Energie und Urteil sind versperrt,
Der Forscher, der nicht Mystik sucht und Fasten,
Fand einen Schlüssel und ein Tor hinaus,
Wo andrer Art die Flüge und die Lasten,
Und jemand weiß, was uns im Herzen graus.
Erst später als im Heime fand er Ruhe,
Gelang es ihm, das Spiel von Farb und Form,
Phantastik einer aufgesprungnen Truhe
Zu fassen, und die Kraft schien ihm enorm,
Die seiner Seele nahm die karge Strenge,
Die eingeübt seit manchem Alter schon,
Des Mutterkorns entfesselte Gesänge
Beschämten Hanf und Muscarin und Mohn.
Mit seinem Freund Ernst Jünger fuhr er später,
Der war mit manchem Nachtgefild vertraut,
Und weil der Flug nicht sein kann ohne Väter,
Hat er erst dabei Babylon geschaut,
Allein der Zauber schafft nur bunte Muster,
Sind Bildung und Gestimmtheit ihm zur Hand,
Wird weiß Magie, und fester und bewußter
Führt ihn der Geist in urvertrautes Land.
Die eruptive Macht des Stoffs zu lösen,
Die Ketten, die wir sichtbar nicht erfahrn,
Als Wahrheitsserum lockte bald den Bösen,
Der Gegner mög Geheimstes offenbarn,
Die Dienste, die Amerika zum Drille
Der Menschheit schuf, erbarmungslos probiern,
Mit dem Amid von Hofmanns Wunderpille,
Ganz ahnungslose Leute anzuschmiern.
Daß mancher starb, ist höchsten Falles Panne,
Daß Hofmann protestiert, ein schlechter Witz,
Wer mächtig, haut auch mächtig in die Pfanne,
Denn ohne Material kein Machtbesitz,
Nur weil er zur Gedankenwacht nicht führte,
Ward solch Versuch nicht allzulang getan,
Daß wer vom Dienst Gewissensbisse spürte,
Das gibts doch nur in Klatschblatt und Roman.
Nach Dunkelmännern griffen nun Propheten,
Nach LSD und hieltens billig feil:
Spart euch die Müh mit Fasten und Gebeten,
Die Droge schafft ein massenweises Heil!
Naive Knaben, Schlampen und Vaganten,
Wems einzig Glück, er stelle sich was vor,
Empfahlen sich und allen Anverwandten
Das Tröpfchen aus dem Baseler Labor.
Als die Musik elektrisch sich verschaffte
Gebrüll, dem kein Applaus von früher gleicht,
Das Publikum war einig, es verkrafte
Auch alles, was den Göttern je gereicht,
Nicht Mode nur, ein Muß für jeden Freien
Die Droge ward, ein Muttersöhnchen hieß,
Wer nicht bereit, sich jedem Wahn zu weihen,
Und nicht Vernunft in Abfallkübel stieß.
Die Räusche rissen weitre Schamesschranken,
Man mischte sich wie Ratten tun im Pfuhl,
Man fand allein noch Kraft für den Gedanken,
Wie man sich tiefer noch im Schmutze suhl,
Und wurden die Krawalle immer trister,
Schiens Therapie, daß man sie unterlaß
Niemals, es hieß: ein neues Mittel, Mister,
Denn diese Welt ist ein verdrecktes Faß!
Die Wissenschaft gab sich gar bald geschlagen,
Wenn das Gefundne Schrecken und Skandal,
So darf der Forscher nun den Maulkorb tragen,
Denn er ist schuld an aller Torheit Qual,
Doch machten nicht die Schäume die Substanzen,
Sie macht die Lehr, daß allen alles taug,
Die Macht des Vaters brach man, und nun tanzen
Die Sprößlinge, und manches geht ins Aug.
Und wenn das Mittel nicht die Krönung aller,
So ists auch nicht der Hölle Ausgeburt,
Zum Engels-Chorknab macht es keinen Laller,
Verschuldet nicht, daß einer wahllos hurt,
Es ist ein Besen, dem allein der Meister
Bestimmen darf, wem wann und wo er eil,
Die Hölle schafft der Mut geringer Geister,
Und ohne Hierarchie gibt es kein Heil.
Vers 36369 bis 36388:
Als ich zur Schule ging und unterrichtet
Ward von Strukturen und von Molekülen,
Da sprach man mir, die Wissenschaft vernichtet,
Was Gläubige in ihren Herzen fühlen.
Das Buch Natur dem Wissenden bescheinigt,
Wie recht er schaffe und erfolgreich schürfe,
Daß dieses, Maß und Rechenkunst vereinigt,
Des Gottes in den Wolken nicht bedürfe.
Doch wo ich schaute, wog und überblickte,
Kam mir zutag, daß alles so gerichtet,
Daß es sich trefflich ineinander schickte,
Als sei es einem großen Plan verpflichtet.
In jedem Splitter webt das Ziel des Ganzen,
Und ist es auch den Augen nicht zu schauen,
So sehn sie doch sich selbst wie Tropfen tanzen,
Getragen vom unendlichen Vertrauen.
Der Heilige wird nie das Wissen pönen,
Auch wenn er meint, er könne es entbehren,
Die aber von der Macht des Wissens tönen,
Sind Narren wie die vielen, die sie ehren.