Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.
– Walther von der Vogelweide
Vers 39706 bis 39753:
Hütte, Speicher, Feld und Teich
Grenzen Bannwald, Bruch und Quell.
Eigensinnig wuchs ein Reich,
Daß das Bild der Gottheit hell,
Aber, wo die Lust zur Zahl
Nicht mehr weiß, daß sie ein Bild,
Wird die Welt zu Material
Und zum Sklaven das Gefild.
Daß Gestalt das Hoffen find,
Sei begrenzt durch die Gestalt,
Drin der frühern Riesen Kind
Ward geboren, reif und alt.
Mutwill, Stolz und eitler Plan
Lerne Demut vor den Frühn
Und vergesse nie im Wahn:
Nicht verpflanz, was vor dir grün.
Zu der Hütte kam der Rauch,
Und den Köhler weit man sieht,
Daß dem Erz der Blasbalg fauch,
Nahm das Rad dem Bach das Lied,
Schneisen, Pflaster, Wägen, Zaum
Bläst der Postillon das Horn,
Über Land und Meeres Traum
Drängt ein neuer Geist nach vorn.
Mancher meint, der sechste Tag
Berge schon den Niedergang,
Daß der Mann sich müh und plag,
Gipfele im Abgesang,
Doch der Krieger ist auch Knecht,
Der die Eintracht weiß im Blühn,
Darum bleibe ewig recht:
Nicht verpflanz, was vor dir grün.
Wer die Grenze überschritt,
Weiß zuletzt sich selber nicht,
Wer das Band zum Baum zerschnitt,
Der uns vom Jahrtausend spricht,
Weiht sich ganz der Künstlichkeit,
Schafft zuletzt nur Haß und Spott,
Wo vernutzt sind Mut und Zeit,
Bleibt kein Raum für Mensch und Gott.
Darum achte das Gesetz,
Das uns Atem ist und Brot,
Nicht nach neuen Ufern hetz,
Wo die Krone Schatten bot,
Achtsam im Ererbten walt,
Daß dich einst sein Rat entsühn,
Und die Richtschnur heilig halt:
Nicht verpflanz, was vor dir grün.
Vers 39754 bis 39833:
Seit uns die Dampfmaschine
Dem Pferd entfremdet hat,
Seit Zucker ohne Biene
Uns fröhlich macht und satt,
Seit wir vom Markt die Pilze
Uns holn und nicht vom Wald,
Da meinen Hans und Ilse,
Das Gottesbild sei alt.
Der Strom kommt aus den Meilern,
Das Geld kommt von der Bank,
Wir sind versichert Heilern
Und sauber selten krank,
Allein zuletzt im Tode
Beim Schulternzucken dann,
Kommt ganz nicht aus der Mode,
Was nur der Pfarrer kann.
Hat Gott sich abgewendet,
Ist er gestorben gar?
Wer keine Blitze sendet
Und stellt die Dinge klar,
Der wird leicht abgeschrieben,
Wo Werbung trumpft und gleißt.
Drum kann die Zeit nicht lieben,
Was da allmächtig heißt.
Doch Gott kann sich nicht wenden,
Und Gott ist immer gleich,
Es mag die Menschheit enden,
Doch nie vergeht sein Reich.
Wir schlossen bloß die Türen
Mit Eisen und mit Stein,
Zum Schluß uns zu verführen,
Er wolle ja nicht rein.
Eh die modernen Städte
Mit Lärm und Protzerei,
Daß aller Geist verfette,
Sich setzten Huhn und Ei,
Da waren Berg und Bäume
Uns Bürgen, daß wir klein,
Da schlossen uns die Räume
Ererbter Heimat ein.
Wer einen Baum betrachtet,
Der schaut nicht nur ein Holz,
Wo uns Geburt umnachtet,
War schon sein lichter Stolz.
Uns sagen alte Frauen
Von Schmerz und Wandel viel,
Der Krone doch im Blauen
Wars nur ein Zwischenspiel.
Wir wissen nicht zu deuten
Die Borke und den Bast,
Doch eh noch Glocken läuten
Zum bremsen Streit und Hast,
Stand schattend schon der Hüne,
Den nichts erschüttern kann,
Und läßt ans leichthin Grüne
Nur Wind und Sonne ran.
Solang noch einer schattet,
Ist Macht und Majestät,
Und wenn der Geist ermattet,
Und meint, es sei schon spät,
Wird er im Baume inne
Der Jugend seines Glücks
Und auch, daß ihn umspinne
Der Zweifel hinterrücks.
Im Baum wird Gottes Nähe
Dem Kindesaug vertraut.
Daß arg verkleinert spähe,
Wer Gott im Baume schaut,
Ist theologisch richtig,
Doch Mittler braucht das Blut,
Und Häute hundertschichtig
Braucht aller Weisheit Gut.
Drum ists, dem Baum zu trauen,
Nicht heidnisch und Magie,
Wer aufhört froh zu schauen,
Erfährt den Heiland nie,
Und Freude ist in allen,
Die älter als modern,
In Bäumen wie Kristallen,
Im Winde wie im Stern.
Vers 39834 bis 39887:
Die Muskeln anzuspannen,
Zu lockern dann im Schwung,
Zwei Wege wir ersannen,
Darin wir frei und jung
Uns wiegen und ermannen
In Licht und Dämmerung.
Daß oft sich dies verschwäger,
Nicht leugnet der Begriff,
Ich sehe hier den Jäger
Verdingt dem kurzen Pfiff
Und dort den Würdenträger,
Die Rahe auf dem Schiff.
Der einsam dunkle Flinke
Und der mit Publikum,
Die Rechte und die Linke,
Der Weg, gerad und krumm,
Was blitze und was blinke,
Das schert sich nicht darum.
Im Raum sich zu beweisen,
Verlocken Berg und Baum,
Und durch die Zeit zu reisen,
Ist aller Rhythmen Traum,
Drum ist der Nerv von Eisen
Hier unterscheidbar kaum.
Hingegen sehr die Bühne
Gesellschaft oder Wald,
Der eine selbst ein Hüne,
Des andern Zwerggestalt
Sich katzenhaft erkühne
Im Morgenrot so bald.
Am Abend darf man tanzen,
Am Morgen wird gejagt,
Die Welt ist rund im ganzen,
Wenns nachtet wie es tagt,
Doch ist gefüllt der Ranzen,
Wird weniger gewagt.
Drum ist in Herbstkulturen
Das Tanzen sehr geschätzt,
Und dünner sind die Spuren,
Die wer dem Baume setzt,
Spricht man von Kletter-Kuren,
So meints, daß wer verletzt.
Es bleibt der Mut zu klettern
Der männlichere Pfad,
Am Wipfel weihn sich Wettern
Und einem Sonnenbad,
Das taugt gewiß nicht nettern
Gespielinnen im Staat.
Doch wer dem Baume treuer
Will sein als aller Kunst,
Der trägt ein altes Feuer,
Das träumt von neuer Brunst,
Allein und ungeheuer
Im Morgennebel-Dunst.
Vers 39888 bis 39929:
Höher hinauswollen hieß
Immer von kleinauf für mich:
So wie die Katz auf den Ast,
Wenn man mein Lebenslicht blies,
Sorge und Eitelkeit wich,
Weiß ich dies Glück nicht verpaßt.
Was ich im späteren tat,
Träumte und schrieb oder sang,
War meines Kletterglücks Spur,
Ob in Kultur und im Staat
Oder Vergeßnem schon lang
Alles trug Baumformen nur.
Ypsilon-Astgabel, Glück,
Mehr als das biedere A,
Wo doch das Hohl-O am Grund,
Trägt dich der Schwungauf ein Stück,
Waren die Spechte schon da
Und eine Rettung, was wund.
Mehr als das karge Latein,
Taugen die Zeichen Kyrills
Linden und Birken und Eich,
Inniger schließen sie ein,
Daß auch im Baum wie im Pilz
Harsches ist wesentlich weich.
Als ich die Augen verschloß,
Blind nun den Aufstieg erprobt,
Wußt ich mich stammesverwandt
Mit meinem stillen Genoß,
Den ich geliebt und gelobt,
Bis ich verlassen das Land.
Als ich zurückkam zu spät,
Sagte ein furchtbares Loch
Klettrern für immer Vorbei,
Allerlei Kitsch und Gerät
Fronte dem Zeitgeschmack-Joch,
Ich aber hörte den Schrei.
Heute nun pflanz ich und heg
Ahorn und Blutbuche gut,
Unter der Linde ich schreib,
Eichhörnchen rastet am Weg,
Zeigt im Verweilen den Mut,
Daß es kein Wagen vertreib.
Vers 39930 bis 39977:
Ob Kiefer, ob Kreuzdorn, ob Erle
Ob Birke, ob Birne, ob Buchs,
Es trumpfen die Maiden und Kerle,
Doch weiblich ist hierbei der Dux.
Daß Adam den Apfel auch finde,
Der Eichbaum auf Jupiter blick,
Die Vielfalt der Formen der Linde
Macht keiner so alt und so dick.
Die Pappel schießt rascher als jeder,
Die Kirsche ruft Amsel und Star,
Die Quitte im pelzigen Leder
Macht manche Likörträume wahr,
Sei Eschen auch reichres Gesinde,
Die Eibe der Schlange ein Trick,
Die Vielfalt der Formen der Linde
Macht keiner so alt und so dick.
Platane verfügt sich Rondellen,
Die Ulme besing im Sonett,
Der Goldregen wird dir bestellen
Sankt Barbaras güldene Mett,
Mag Räusche kredenzen die Winde,
Ist Lorbeer Homeren der Kick,
Die Vielfalt der Formen der Linde
Macht keiner so alt und so dick.
Der Meister Verzweigens Liguster
Setzt quirlig die Triebe nach vorn,
Er bringt dir durchkreuzende Muster
Wie Rosen mit wucherndem Dorn,
Mag wirren wie Schlegels Lucinde
Holunder mit Macht und Geschick,
Die Vielfalt der Formen der Linde
Macht keiner so alt und so dick.
Wo Minne sich sagt im Gefasel,
Daß Romeo und Tristan so hold,
Die Nachtigall flötet im Hasel
Für Julia und auch für Isold,
Der Buchenstab Zeiten verbinde,
Aus Weiden dir Tragkörbe flick,
Die Vielfalt der Formen der Linde
Macht keiner so alt und so dick.
Kastanien vermögen zu nähren,
Wenn sonst ist zu haben kein Stück,
Der Pflaumenbaum darf dir gewähren,
Den Schatten von kindlichem Glück,
Der Zimtahorn prunkt mit der Rinde,
Der Flieder mit Liebduft dich zwick,
Die Vielfalt der Formen der Linde
Macht keiner so alt und so dick.
Vers 39978 bis 40043:
I
Vom Lindenbaume geht bei uns die Sage,
Wo Ortnit traf den Alben einst im Traume,
Von dorten tönt das Lied in unsre Tage
Vom Lindenbaume.
Mein Kindheitsbaum war eine Haferpflaume,
Doch nach der Linde ich nicht lange frage,
Ein jedes Dorf macht sich zum Lindensaume.
Solang dies ist, versag dir Groll und Klage,
Sie prunkt mit ihrer Vielgestalt im Raume,
Und darum einzig groß zu singen wage
Vom Lindenbaume.
II
Im Lindenschatten reift die hohe Minne,
Und wer allein der Krone traut, der satten,
Der ahnt gewiß, was er schon bald gewinne
Im Lindenschatten.
Dies ist kein Licht wie hinter Zauneslatten,
Denn dieser Filter dämpft nicht Reiz und Sinne,
Und wehrt sich dem Profanen und dem Platten.
Die Heimlichkeit, nicht Wahn noch Netzes Spinne,
Sie geht mit Anmut und mit Heil vonstatten,
Denn jeder weiß, daß Fruchtbarkeit beginne
Im Lindenschatten.
III
Vom Lindenwurme raunen alte Lieder,
Drin Python, Echse, Salamander, Urme
Zur Einheit, und so heißt es immer wieder
Vom Lindenwurme.
Er reckte sich zu einem Flammenturme,
Und Siegfried sank vor dem Vulkane nieder,
Doch wich sein Mut kein Gran vor diesem Sturme.
Nicht Zögern läßt verharrn gespannte Glieder,
Denn einzig wer beim großen Werk nicht schurme,
Erreicht das Herz und rötet das Gefieder
Vom Lindenwurme.
IV
Vom Lindenblatte, das herabgefallen,
Blieb herzgroß Siegfrieds Haut so weich wie Watte,
Verwundbar blieb der Held durch sanftes Krallen
Vom Lindenblatte.
Uralt das Weib war, dem verfiel der Gatte,
Dem jede Lanze hatte abzuprallen,
Doch einen Makel hat die Panzermatte.
Ob Kriemhild überschaut beim Fäusteballen,
Woher auch Hagen seinen Auftrag hatte?
Im Golde kommen Gagel auch und Gallen
Vom Lindenblatte.
V
In Lindenblüten ist die Kraft zu lindern
So dicht wie nur in Sagen und in Mythen,
Wir werden Heil und Heiterkeit zu Findern
In Lindenblüten.
Als unsre Ahnen sich den Aufguß brühten,
Die Schmerzen und den Kältegeist zu mindern,
Sie fühlten sich als Linden-Epiphyten.
Die Linde wie der Feigenbaum den Indern
Sei unser Herz, und Segen zu vergüten,
Hüll ein dein Bett und das von deinen Kindern
In Lindenblüten.
VI
Der Lindenhonig ist kein Wort der Dichter,
Doch zeugt für Gold und Heilkraft abendtonig
Bei Ebner-Eschenbach und Johann Richter
Der Lindenhonig.
Den Bienen zeigt die Linde sich balkonig,
Auch findet man kein andres Laubicht lichter,
Doch Honigtau gedeiht auch dunkelzonig.
Als Seelenleids und Wundenbrands Vernichter
Verholdet er uns minzig oder mohnig,
Denn Musenvögel lockt im Blütentrichter
Der Lindenhonig.
Vers 40044 bis 40057:
Die wahren Alchymisten sind Insekten,
Sie fanden Gold, eh Menschen dies begehrt,
Die Laus allein im Xenien-Reim verkehrt,
Doch gibt es neben dreisten die versteckten.
Vom Blütennektar weiß man Fug und Wert,
Den Griechengöttern solche Tränke schmeckten,
Doch nicht allein im Sonnenscheine leckten
Die Bienen, was den Imkerschatz vermehrt.
Zwar Fahrzeughalter sehen im Gescheckten
Des Lacks, daß sich der Baum dem Abgas wehrt,
Auch wenn die Läuse selber nicht bezweckten,
Daß einer sammel, ehs der Pilz beteert,
Sein doch Geschöpfe, die einander weckten,
Vom Dichter, der das Gold bestaunt, geehrt.
Vers 40058 bis 40129:
Die Mutter aller Tändelei,
Die Kupplerin mit grünem Dach,
Sie hält den ganzen Sommer frei
Ein duftgehülltes Schlafgemach.
Den Ort der Einkehr sie erfand,
Drum macht dies Wort die Wünsche kund,
Daß man sich gebe Aug und Hand
Und etwas später auch den Mund.
Ein Kuß ist lind, und ist er fest,
Bleibt er doch weich wie Lindenbast,
Und lind die Luft in diesem Nest,
Die stets verabscheut Lärm und Hast.
Hier ist man heimlich, doch nicht fremd,
Hier ist es traulich, doch nicht drög,
Der Liebende fänd nie ein Hemd,
Das reiflicher den Reif erwög.
Von Minne spricht man oft und gern
Im Lob, im Kummer und gemischt,
Die Linde ist dann niemals fern,
Die auch so lind die Tränen wischt.
Sie wird recht oft am Stamm verziert
Mit einem Bilde ihres Blatts,
Nur jener, der sein Herz verliert,
Der weiß recht eigentlich, er hats.
Der Spötter sieht in Lieb und Lust
Nur Bocksgetu und Eselei
All das was du gewinnen mußt,
Viel billiger zu haben sei.
Auch solchen gäb die Linde Huld,
Denn sie vertreibt den Lästergeist,
Und überspannt er die Geduld,
Schon mal die Bö das Dach zerreißt.
Dann blendet ihn der Sonnenschein,
Da merkt der Tumbeste, wie schwach
Er sprach, und sollts genug nicht sein,
Den Rest ein Eimer Wasser mach.
Wo solche Dinge sind zur Hand,
Ists weit noch hin zum Jüngsten Tag,
Und steht die Linde auf dem Land,
Dann weil sie diese Sprache mag.
Der Dichter freilich gibt sich fein
Auch jenen, die ihm grob und gram,
Er wird die Argumente reihn,
Wo Bauern wählen Stock und Scham,
Daß Lieb Brimborium und Gefühl,
Versteh er nicht in seiner Eil?
Die Maus frißt Korn auch ohne Mühl,
Setz auf den Klotz ich meinen Keil.
Kultur ist nicht Theaterspiel,
Auch keine Frucht, die fein geschält,
Doch Wissen, daß man viel zu viel
Begradigt, wo der Umweg zählt,
Weil die Verkürzung teuflisch trügt
Und sich das Ausgelaßne rächt,
Drum gehts dem Kerl, der sich belügt,
Im Alter und der Fremde schlecht.
Und wer durchs Leben rast und rennt,
Dem wird bald alles fremd und alt,
Er tut, als ob der Hintern brennt
Und irgendwo gäbs Ruh und Halt,
Doch solches kommt zu keiner Zeit,
Lag es nicht schon im ersten Kuß,
Drum steht die Lindenherrlichkeit
Am Anfang stets und nie am Schluß.
Wer freilich früh das Lindendach
Genossen hat und auch vermißt,
In dem wirds immer wieder wach,
Weil es ihm eigen worden ist.
Und wer dem Lindenschatten traut,
Ist sicher, wie der Weg auch geht:
Er hat sich zwar kein Schloß gebaut,
Doch weiß er stets, wo eines steht.
Vers 40130 bis 40227:
I
Germania ist ein Weib und dieser Klang
Behaglich lind fließt schnellenfrei gemach,
Der Dichter geht dem Quellgemurmel nach
Und findet eine Landschaft voll Gesang.
Das Mühlenrad, der Rechen hell im Heu,
Das Fach, die Stiege, Spind und Fässer Weins,
Die Wiege früh, der Stock, der Sarg, ja keins
Der Kinder, das sich nicht am Holz erfreu.
Im deutschen Land die Vielgestalt des Baums
So groß ist wie fast nirgends in der Welt,
Drum ist sein Bild im Herzen allgemein.
Und steht der Baum im Brennpunkt deutschen Traums,
Bleibt strittig, welcher Art die Krone gelt.
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
II
Die Esche gibt der Edda Maß und Ziel,
Die Fruchtbarkeit und daß kein Stoß sie bricht,
Jedoch im Volk verwurzelt ist sie nicht,
Und keine Hochzeit tanzt um Yggdrasil.
Die Eichel galt im Kartenspiel als Knecht,
Wos Lindenblatt dem freien Bauern galt,
In harter Zeit die Eiche gibt uns Halt,
Weil sie selbst tot die Hoheit setzt ins Recht.
Doch ist der Trutz die Tugend nur der Not,
Des Kriegsmanns Treu ein Trost versiegten Borns,
Der Mutterschoß doch schließt den Himmel ein.
Drum streicht im Fahnen-Dreigesang das Rot
Des Tyr und folgt der Schirmerin des Korns.
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
III
Deutsch ist zuerst das Dorf und nicht die Stadt,
Dort steht die Linde in der Mitte grün,
Sie steht im Feld und überschaut das Mühn,
Man liebt und tanzt und ißt sich drunter satt.
Ob Minnesänger, Wandersbursch, Student,
Wer singt, hat Linden stets in seinem Reim,
Die Linde schickt uns fort und holt uns heim,
Oft die Gemeinde sie im Wappen nennt.
Der Kirchhof auch die Linden sprießen läßt,
Die Sage spricht, als Liebende hier fern
Bestattet, sich zwei Linden überm Stein
Der Kirche fanden und umarmten fest.
So wächst herauf der tiefsten Treue Stern.
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
IV
Die Linde rief die Männer einst zum Thing,
Weil sie der Freya heilig und geweiht,
Die Göttin überstand die Wirrn der Zeit,
Bevor die Freiheit hier zugrunde ging.
Gemeingeist kann allein auf Freien ruhn,
Drum kommt das deutsche Reich nur, wenn der Mann
Im Eignen Weib und Kind versorgen kann,
Und großer Zahl erfreut sich solches Tun.
Die Linde lehrt auch, daß sich viele Leut
Versammeln, wenn da unverrückbar steht
Ein Stamm, der in die Aue bringt den Hain.
Und daß man dort gerecht, wo man sich freut,
Daß sich das Jahr um diese Achse dreht.
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
V
Von Luthers Tischgesprächen rührt viel her,
Was wir als deutsch empfinden und als echt,
Wir wissen, er hat gern und viel gezecht,
Drum wundert uns die Linde hier nicht sehr.
Für Freude und für Frieden ewig steht
Die Linde ihm, hier gälts nicht Ernst noch Streit,
Dies schien ganz selbstverständlich seiner Zeit,
Weshalb er rasch zum nächsten Punkte geht.
Jedoch erklärt er kurz, es sei hier Brauch
Zu trinken, tanzen, Frohsinn zu verteiln,
Drum eigne diesem Ort der Friedensschein.
Und weil im Einklang hier sind Herz und Bauch,
Bleibts herrlich bei der Hüterin zu weiln.
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
VI
Der Friedensbaum ist freilich wohlbewehrt.
Die Linde sorgt nicht nur mit dem Geschatt,
Daß Neider keine sie im Umkreis hat,
Auch manchen Wuchs sie im Beginn verheert.
Dies scheint ein Widerspruch allein dem Torn,
Der jede Waffe sieht als Metzellust,
Auch Not, der du nicht selbst begegnen mußt,
Ist prägend deinem Schicksal eingeborn.
Auch unser Volk braucht Waffenstand und Wehr,
Sonst wärs ein Spielball jener, die gestählt,
Denn Freiheit schafft kein Dokument im Schrein.
Und macht euch müde auch die Wiederkehr,
Ich hab die Strophen nicht zu End gezählt.
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
VII
Nicht nur das Blatt der Linde ist so rund,
Daß es uns dient als Zeichen des Gefühls,
So voll ist auch die Halle des Aysls,
Wenn Lindenlaubicht reicht bis an den Grund.
So setzt die Krone auf die Ebne auf,
Und damit wird zur Krone ganz der Baum,
Dies ist mit Recht ein Bild dem deutschen Traum:
Der König nah an dem gemeinen Hauf.
So gibt der Baum uns Raum nicht nur zu tun,
Er zeigt auch gleich das Staatskunst-Muster an,
Drum Lindenblüten sind das Gold vom Rhein.
Wer so viel Argumenten bleibt immun,
Der ist am Ende gar kein deutscher Mann?
Ich sage euch, es muß die Linde sein.
Vers 40228 bis 40323:
Im Wappen der Gemeinde Heede
Reckt sich ein Lindenbaum, als wollt
Er sprengen die gemalte Rede,
Und daß sich die Begrenzung trollt,
Und in der Tat, der nirgends hohle
Hauptstamm zeigt sich wie keiner dick,
Im Emsland mit gewaltger Sohle
Den Fuß des Lindentraums erblick.
Geschichten gehn um diese Linde,
Die manches Alter stand allein,
Dann schloß, daß ihre Hut sie finde,
Die Schärpenburg den Riesen ein.
Das rettete sie nicht vorm Feuer,
Und abgebrannt sind Wehr und Tor,
Jedoch das Linden-Ungeheuer
Trieb wieder aus dem Schutt hervor.
Man ließ nicht ab, den Wuchs zu kappen,
Und grindig zeigt die Leidensschicht,
Wie Fische, die nach Blasen schnappen,
Den unzerstörten Drang nach Licht.
Die Wunde zwang sie in die Breite,
Im Wuchern, daß sie keiner brems,
Gab sie sich selber Wall und Leite
Und ward zur Schirmerin der Ems.
Im Liede heißt es viermal viere
Der Bäume sein ein Wald im Stamm,
Das Bild der Hyder zeigt im Tiere
Die Fruchtbarkeit im Drachenkamm,
Doch wo das Tier hat anzuknüpfen
An Ahnen, die im Staub verwehn,
Braucht ihrer Haut nicht zu entschlüpfen
Die Linde, tausend Jahr zu stehn.
Und doch ist selten bei der Größe,
Daß nirgens steckt ein morsches Stück,
Es kümmert nicht den Kranz der Schöße,
Ob Sturm sich einen Stämmling pflück,
Hier wird ein Wrack nicht noch kaputter,
Hier fällt allein vom Haupte Haar,
Weshalb hier von der Großen Mutter
Zu jeder Zeit die Rede war.
Die Mutter ist im Christentume
Wie Leto meist obdachlos arm,
Auch gehts zur Herrschaft und zum Ruhme
Seit je durchs Tal von Pein und Harm,
Doch wenn die Maler uns Madonnen
So menschlich maln, so jung und hell,
Vergiß an diesem Gnadenbronnen
Niemals das Band von Licht und Quell.
Auch wo die Borke alt und narbig
Die Söhne wachsen läßt ins Licht,
Erkenn die Frau, die wechselfarbig
Uns zeigt der Weisheit Angesicht,
Denn was das Evangelium spiegelt
Als menschenhaft im Menschenmaß,
Ist in der Schöpfung eingeigelt,
Die diese Mutter stets besaß.
Vier Mädchen seien hier behandelt,
Sie sagten aus und schwuren auch,
Die Gottesmutter sei gewandelt
Leibhaftig auf dem Lindenbauch,
Vier Sommer die Erscheinung währte,
Die Rom nie untersuchen ließ,
Am Anfang uns das Rheinland kehrte,
Und ganz am Ende fiel Paris.
Der Zeitpunkt dieser Heilsberichte,
Der peinlich ist der Prominenz,
Erklärt, daß sich bei der Geschichte
Der Eifer sehr in Rom begrenz,
Was wollte uns die Jungfrau sagen
In dieser Zeit, an jenem Ort?
Darüber nachzudenken wagen
Ist für Karrieren blanker Mord.
Der Bischof Bode meinte neblich,
Als schon so viele Pilger hier,
Es sei doch völlig unerheblich,
Ob Weihe diese Wallfahrt zier,
Er hofft, er kann den Schlußstrich ziehen
Im Streiten um die rechte Lehr,
Denn wenn Beliebtheit ist gediehen,
Erübrigt sich ihm das Woher.
Dies ist grad wie bei Calvinisten,
Ja demokratisch und modern,
So sieht man wo bei solchen Christen
Verortet ist der Weihnachtsstern.
Wo in Damast und Seidenfutter
Die Wahrheit ward zu Spiel und Spott,
Da steht der rechte Christ mit Luther
Allein und nackt vor seinem Gott.
Und ob Marie hier menschgestaltig
Geschaut ward oder nur erhofft,
Wird einem, dem der Schoß sich faltig
Im Laubicht und im Holz verstofft,
Mit besserm Rechte Nebensache,
Als einem, dem dies bloß bequem,
Denn ihn trägt, was der Herr auch mache
Der Himmel und sein Diadem.
Vers 40324 bis 40355:
Ein Mädchen einst in Odderad
Ging in den Wald zum Stelldichein,
Jedoch die Bosheit ohne Gnad
Ließ das erhoffte Glück nicht sein.
Auf einer Lichtung fand man tot
Die Maid mit einem Blumenstrauß,
Ihr Kleid war von der Wunde rot,
Ihr Anlitz alt vor Schmerz und Graus.
Man wußte bald, daß ein Student
Sich heimlich mit dem Mädchen traf,
Den man darum den Mörder nennt
Und zum Gerichte ruft den Graf.
Doch der Beklagte ruft beim Herrn,
Es sei die Tat die seine nicht,
Man glaube, heißts, die Unschuld gern,
Wenn ers beschwör vor dem Gericht.
Allein -- obs eine Teufelei --
Er hebt die falsche Hand zum Eid,
Drum heißt es, daß er schuldig sei
Und seinen Leib der Henker freit.
Nach seinem Tod ein andrer Mann
Gesteht den Mord im Riesenwald,
Ein schuldlos Blut zur Erde rann,
Weil Irrtum als Geständnis galt.
Die Lichtung, wo der toten Maid
Der Minner folgt nach einem Tag,
Fünffingrig eine Linde weiht
Und schwört auf diese alte Sag.
Wem Borke gilt wie eigne Haut,
Als Lauscher durch die Wälder geht,
Und nur wer Lindenblut vertraut,
Weiß auch, wies um die Seele steht.
Vers 40356 bis 40379:
Du solltest im Dithmarscher Land
Den Thingplatz zu Alberdorf sehn,
Der Deckstein des Megalith-Horts
Faßt fünfzigmal eintausend Pfund.
Er wird der Brutkampstein genannt,
Den Linden mit Licht überwehn
Als Hüter des Altwarts, des Orts,
Der sammelt in heiliger Rund.
Kein früheres Pflanzen ward je
Beurkunded vor diesem Hain,
Wo jeder gestorbene Baum
Erhielt einen Folger im Amt.
Vergessen sind Hoffnung und Weh,
Und treu blieb die Sonne allein,
So düstert sich mählich der Traum
Der Isländersagen entstammt.
Noch sorgen die Mächtigen alt
Für Schatten, der heimelt und spinnt,
Doch wo sich die Achtung versagt,
Ist fern nicht der Tilger in Rot.
Und dreht sich die Rune nicht bald,
Herrscht hier auch das Schatten-Gesind,
Auf daß, wenn es nachtet und tagt,
Das Leben nicht kränze den Tod.
Vers 40380 bis 40419:
Die Insel ist verlandet,
Die Einsamkeit verblieb
Und wird vom Sumpf umrandet,
Der Graugans frühlingslieb,
Der Kirche fehlt das Kloster,
Doch nicht die Klosterfee,
Der Lindenbäume frohster
Am Eiderstedter See.
Auf Karten, Kisten, Dosen
Der Linde ward gedacht,
Als sei dem Wurzellosen
Die Wurzel hier gemacht,
Selbst Notgeld ziert als Proster
Der niemals uns vergeh:
Der Lindenbäume frohster
Am Eiderstädter See.
Sie überwölbt das Freie,
Drum sich die Häuser scharn,
Der Punkt und nicht die Reihe,
Die Ruh und nicht das Fahrn,
Ganz anders als bemooster
Verfall und scheu das Reh --
Der Lindenbäume frohster
Am Eiderstedter See.
Kam der Altar nach Schleswig,
Nach Kiel die Bibliothek,
Grad wie der Rest des Schnees wich,
Den Märzensonne feg,
Bleibt doch gefeit vor rohster
Vernutzung das: Besteh! --
Der Lindenbäume frohster
Am Eiderstedter See.
Und wenn der Wind des Wechsels,
Der alles wägt und drückt,
Vom Holze träumt, er häcksels,
Dann schau hinauf, es zückt
Ein Seraph, ein erboster,
Das Schwert in Luv und Lee,
Der Lindenbäume frohster
Am Eiderstädter See.
Vers 40420 bis 40459:
Nur weil der Baum gewaltig
Dem Sturm zu trotzen hat,
Wird er so vielgestaltig,
Und um das grüne Blatt
Dem Lichte zu verschwistern,
Wo herrisch dräun die Bön,
Muß manche Knorre knistern
Und bersten mit Gestöhn.
Das Dreigestirn der Äste,
Die mehr als klafterstark,
Mißdeuten manche Gäste
Als dreie, die autark,
Doch alte Bücher zeigen,
Daß alles einem Stamm
Entwuchs und daß der Reigen
Verwand den Bruch am Damm.
Der mächtigste geschwunden,
Und wenn dies Dreiheit heißt,
Hat sich der Welt entwunden
Damit der heilge Geist,
Denn wo uns Sohn und Vater
Schon vor der Zeit am Ziel,
Der Kirche das Theater
Entwand das Glockenspiel.
So ist für Hoch und Minder,
Für jedes Aug zu schaun,
Daß weithin Gottes Kinder
Der Kindschaft nicht mehr traun,
Entsagt dem Herrn das Mündel,
Als seis ein alter Hut,
Laß fallen Pack und Bündel
Und sprich mit Lindenblut.
Wenn täglich man aufs Neue
Am eignen Aste sägt,
So halt dem Baum die Treue,
Der auch die Weltnacht trägt,
Als letzter Trost der Toten
Den Friedhof hier noch weiht,
Bis kommen uns die Boten
Vom Lindenherz der Zeit.
Vers 40460 bis 40507:
Als wärns der Linden viere,
Schaut es von weitem aus,
Dann drei und zwei, das schiere
Erstaunen, was hier haus,
Der kleinste Teil des Ganzen
Ist alter Stammwand Rest
Die schwer gewordnen Fransen
Begrünten eignes Nest.
Nach dem Herunterkrachen
Treibt das getragne Kleid,
Die Schicksalschläge machen
Dem Baum Unsterblichkeit,
So sind wir, die das Alter
Bestimmen wolln, bedroht
Von einem Nebenschalter,
Der täuschen muß das Lot.
Und auch die hohle Schräge
Bei unsrer letzten Reis
Der Schwere gab die Träge
Und größerte den Kreis,
Die Wunden, die sich tiefen,
Sind Lebens höchstes Gut,
Weshalb allein im Schiefen
Lebendig bleibt das Blut.
So formen sich die Rinnen,
Die Hohle lenkt das Naß,
Ein Gleichnis vom Gewinnen
Veranschaulicht das Faß,
Wer meint, daß nur ein volles
Lohn Anschaun und Besitz,
Denkt sich als Frucht des Grolles
Den Sturm und auch den Blitz.
Doch Gottes Engel walten
In Seide nicht und Samt,
Zu kneten und zu falten,
Der Stein den Fuß zerschrammt,
Denn einzig das Verletzen
Bezwingt den Dämmerwahn,
Drum sollst dich glücklich schätzen,
Daß wir so filigran.
Die Härteren, die Stolzen
Sind größrer Sehnsucht voll,
Sie büßen das Verholzen
Mit härterm Prüfungszoll,
Im weichen Leib der Linde
Den Heiland sieh und bet,
Daß auch durch deine Rinde
Sein Engel kommt und geht.
Vers 40508 bis 40555:
Sie war schon vor der Kirche hier,
Den Höfen und dem Sühnestein,
Und das Geschäft von Mensch und Tier
Ist ihr wie Frost und Sonnenschein.
Als Schubert sang vom Lindenbaum,
Der vor dem Tor am Brunnen stand,
Da galt das Weib vom Strelasaum
Als größter Baum im deutschen Land.
In ihrem wuchtigen Gehöhl
Ganz trocken bleibt der Wandersmann,
Der Duft von ihrem Blütenöl
Verheißt, was sie ertrotzen kann,
Wo Hanse, Dänen, Schweden Gast,
Eh auch die Preußen schlug der Ruß,
Dort schirmt und schattet ohne Hast
Die Knorrige, die treiben muß.
Sie bietet Raum, sie bietet Zeit,
Inwendig und nach außen so,
In ihrer linden Fruchtbarkeit
Würd auch der ganz Zerknirschte froh,
Wär er zu blind nicht und zu stolz,
Nach Peinlichkeit und Kreuzverhör
Zu rühren das erlauchte Holz,
Daß es mit Lieblichkeit betör.
Solang der Zeit von tausend Jahrn
Solch ein Geschöpf vergeben kann,
So ist die Fahrt nicht ganz verfahrn,
Weil alles sich noch wenden kann,
So sind die Quellen nicht vernarbt,
Daß Engel blasen zum Gericht,
Drum geht zu mehrn, was ihr erwarbt,
Und lobt die Erde und das Licht.
Der Freigeist selbst, das Lästermaul,
Sie schweigen vor der Wundertat
Der Seligkeit, die schlafensfaul
Sich so viel Winterschmerz erbat,
Die Mutter ist von Zweig und Blatt
Und die gebiert, solang es tagt,
Mehr als die Völker Glauben hat
Und mehrt ihn täglich unverzagt.
Drum geh nach Pommern, saug das Grün
Zu Reinberg als den Lenz der Welt,
Erfahr, wie ungebrochnes Mühn
Dem Herrn der Himmelsscharn gefällt,
Und zeig die Erde und das Licht
Den Augen trüb, den Ohren matt
Im Herz, das fein geädert spricht
Das Gotteswort als Lindenblatt.
Vers 40556 bis 40635:
Im Warthegau, Preußen und Pommern
Ein Dorfname immerfort kehrt,
Dort hat sich in tausenden Sommern
Ein Baum allem Wandel verwehrt,
Ob Slawen, Germanen, ob Balten,
Es ward die verstorbene Frau
Vom Ästicht der Linde gehalten,
Ihr fingen die Blätter den Tau.
Als Brauchtum und mündliche Schule
Zu Lehre sich dickten und Schrift,
Entsagte die Jungfrau aus Thule
Dem Pfeil, der den Gration trifft,
Und also dem Sternschnuppen-Leuchten
Ein menschliches Antlitz gedieh,
Denn wie sich die Blätter befeuchten,
Weint unter dem Kreuze Marie.
Was einmal geschehen, ward immer,
Was fern, ward im Herzen zuhaus,
Und aller Gestirne Geflimmer
Ein Chor ward und sagte es aus,
Und nennt auch der Klöster nur eines
Sich Heiligelinde so früh,
Die Herrin des Bluts und des Weines
Ist immer im Lindengeblüh.
Es ziemt eine Wallfahrt dem Quester,
Weil wir unsres Orts nicht gewiß,
Doch Bäume als heilige Nester
Erfuhrn wie der Himmel zerriß.
Bei manchen ist uns es verkündigt,
So steht auch im Ermland der Baum,
Der manch einen Pilger entsündigt,
Obgleich er ihm grünt nur im Traum.
Es wird uns gesagt, daß dem Schwerte
In Rastenburg einer entkam,
Er schuf aus der Lindenbaumgerte
Ein Kindlein in Muttergotts Nam,
Man ließ ihn ob seiner Ikone,
Nach Rößel er querte den Wald,
Des Lindenbaums mächtiger Krone
Vermachte er seine Gestalt.
Nun häuften die Wunder sich dorten.
Doch war das Geschenk der Beginn?
Die Orte, die Heilzeichen horten,
Sind älter als späterer Sinn.
Hier suchten schon Heilung die Heiden,
Als Bethlehem keiner gewußt,
Hier traf sich Gefolgschaft zu Eiden,
Hier traf sich die Liebe zur Lust.
Weil Weisheit den Kranz nicht zersplittert,
Muß tiefere Wahrheit seit je
Den Stumpf, der im Herbste verwittert,
Bepflanzen, daß Lenze er seh,
So dringt auch des Heiligen Landes
Erlösung nach Norden nur vor,
Wächst Wäldern des baltischen Sandes
Für sie das ureigene Ohr.
Und weil dies geschehn, ist es müßig,
Daß Odin man scheide von Christ,
Die Botschaft kam krontaubenfüßig,
Nur Listige nennen sie List,
Und wer sie als Axt oder Knute
Mißdeutet, folgt einem Phantom,
Hält Barfüßer gegen Beschuhte
Und Felsgrotten gegen den Dom.
Denn daß wir mit Farben und Klängen
Ihn preisen, Basiliken baun,
Heißt nicht, allen Lindengesängen
Des heimischen Walds zu mißtraun,
Es ist doch das Menschengemäße,
Daß Liebe auch künstlich sich schmück,
Und wer uns zerschlägt die Gefäße,
Gewinnt keinen Inhalt zurück.
Drum frag nicht in Heiligelinde,
Ob römischer Kultus dir taug,
Auch du bist zur Hälfte der Blinde,
Und urteilst mit einzigem Aug,
Die Säulen, das Licht, die Gewänder,
Sie wanken wie Linden im Wind,
Doch daß sich auch Gott einmal änder,
Das glaubt nur ein törichtes Kind.
Vers 40636 bis 40655:
Man weiß nicht, ob ein Klosterbaum,
Die vielen Linden ausgesät,
Doch sicher ist: Es ist ein Traum,
Der hier die Einkehr macht so spät.
Neun Äste warn der dicksten hier,
Auf sieben ist die Zahl geschrumpft,
Doch auch beraubt von dieser Zier
Sie alle andern übertrumpft.
Der schräg gedrungne Stamm vertraut
Der Erde noch im Reservat,
Doch wenn man in die Zukunft schaut,
So droht so manches Attentat.
Die Camper werden mehr und mehr,
Sie brauchen eines, nämlich Platz.
Und wer behindert den Verkehr?
Da brauchts nicht mal die wilde Hatz.
Auch hartgesottne Fäller nicht,
Nur ein Papier vom Umweltamt,
Und wird bemüht das Amtsgericht,
Der Spruch aus gleicher Feder stammt.
Vers 40656 bis 40675:
Grad wie ein Nashorn schaut sie her,
Ein Aststumpf macht uns Nas und Maul,
Daß man der Greisin Sterben wehr,
Warn Vater, Opa, Ur nicht faul.
Der Baum, gespalten, mählich bricht,
Der Dorfschmied legt die Ketten an,
Und hilft dies allzulange nicht,
So wiederholts ein jüngrer Mann.
Die Linde, die achthundert Jahr
Wohl auf und auch im Buckel hat --
Wir werden scheitern, das ist klar,
Doch noch ist grün das Lindenblatt.
Ein Schweden-Graf in dem Gefecht
Um Brielow fiel, und seine Braut
Bewahrte sein Gebein nicht schlecht
In der schon lang gegerbten Haut.
Sie hat mit dieser grünen Bahr
Nicht nur geehrt, was sie geliebt,
Auch was uns quälte dreißig Jahr,
Der Name uns ein Mahnmal gibt.
Vers 40676 bis 40723:
Ein jeder kennt die Linde.
Doch einen Lindenwald?
Eh er ihn wirklich finde,
Wird mancher grau und alt.
Doch in der Altmark scharen
Sich Winterlinden dicht,
Daß weder weit zu fahren
Noch gar ein Gibt-es-nicht.
Zwar sind auch Traubeneichen,
Hainbuchen, Birken hier,
Jedoch das Herzenszeichen
Ist häufigstes Panier,
Auch Espe und Brombeere
Sogar die Buschwindros,
Gehn neidlos mit der Ehre
Der Linden, dick und groß.
Ob Rötelmaus, ob Schleiche,
Ob Marder oder Kauz,
So mancher lebt im Reiche,
Die Winterlinde bauts,
Ihr mangelt kein Vergotter,
Lebendig ist ihr Lack,
Auch fühlt sich wohl die Otter
Mit silbernem Gezack.
Zwar ward auch dieser Boden
Von Fällern nicht geschont,
Doch schossen neue Loden
Aus Stümpfen kraftbewohnt,
Eh Eichen oder Kiefern
Den Lindenhain verdrängt,
Weshalb den Traum, den tiefern,
Uns diese Landschaft schenkt.
Und schon zu Wilhelms Zeiten
Gab man dem Haine Schutz,
Der urwaldartig breiten
Sich sollte ohne Nutz,
Heut ist er ausgeschildert,
Und auch dem Gasthaus dran,
Schafft, was total verwildert,
Betuchte Gäste ran.
Zwar keins der Grimmschen Märchen
Bringt Anhalt Steuern ein,
Wenn dorten schmust ein Pärchen,
Wills vormodern nicht sein,
Doch denk bei deinem Schauen
Nicht dran, was andre wolln,
Denn für dein Gottvertrauen
Muß nicht der Rubel rolln.
Vers 40724 bis 40763:
Der Kelch, den fest ein Deckel schließt,
Und oft ein Velum noch umhüllt,
Die höchste Heiligkeit genießt,
Weil ihn der Leib des Heilands füllt,
Daß einer das Mysterium raub,
Nur um das Gold zu seiner Zier,
Selbst daß man die Geschichte glaub,
Verstört und läßt verzagen schier.
Und doch, der Teufel fand die Hand,
Die zugriff und dann rasch verscharrt
Das Beutestück im Ackerland,
Kaum daß die Gier es angestarrt.
Doch kam sein Frevel rasch ans Licht,
Denn eines Bauern Gäule scheun,
Wo unter dünner Erdenschicht
Das Weiß der Lilie trifft den Leun.
Der Bauer fuhr das Diebesgut
Zum Pfarrer, eine Grille wollts,
Daß er in unbeherrschter Wut
Den Peitschenstock aus Lindenholz
Stieß in das Erdreich an der Stell,
Da er gemacht den bösen Fund,
Und als der nächste Frühling hell,
Allda ein Lindensprößling stund.
Der wuchs sich aus, zu Halberstadt
Der Bischof sah das Wunder hier,
Was da dem Licht entwunden hat
Die Hoffahrt und die nackte Gier,
Erlöste sich vom Drachenblut
Als Mutterbaum, der dann zerstob,
Aus Ästen, die zum Wurzeln gut,
Ein Zwölferkreis sich schließlich hob.
Am Friedhofshain zu Schwanebeck
Alljährlich zum Fronleichnamsfest
Wallfahrer, auch von weiter weg,
Schaun, was der Heiland wachsen läßt.
Sie sehn die Hostie golden glühn,
Und all die Linden, die dabei,
Beweisen mit dem frischen Grün,
Daß unser Herr lebendig sei.
Vers 40764 bis 40787:
Die alte Kirche Linden pries,
Drum dachte man im Luthertum,
Man pflanz zu Reformators Ruhm
Die Eiche mit dem Wintervlies.
Doch war die Linde so beliebt,
Daß aufkam zwar der Eichen-Brauch,
Doch oft entschied der volle Bauch,
Daß es auch Luther-Linden gibt.
Der unter Linden gern gezecht,
Sprach ihnen manches Gute nach,
Im Ringethal auf einer sprach
Er auch und pflag das alte Recht.
Drei Sommer nach dem Thesenschlag
Die erste Luther-Linde wächst,
In Quenstedt nennt der alte Text
Genau das Jahr und auch den Tag.
Sie wär von größrem Wuchse noch,
Wär Eifer zarter ihrem Wohl,
Auch daß von Stein die Innenhohl,
Erstickt die Fruchtbarkeit im Loch.
Das paßt zu Luthers Kirche heut,
Sie hat die Botschaft längst erstickt,
Und eh sie letzte Wurzeln knickt,
Studier sie, wie er traf die Leut.
Vers 40788 bis 40807:
Als man zu Goslar grub nach Erz
Und allertiefste Stollen trieb,
Da sorgte man, daß Lindenherz
An jeder Pforte Hüter blieb.
Das Mundloch und das Wasserloch
Hat bald ein Lindenbaum verschönt,
Am hehrsten der zum Himmel kroch
Vom Hügel, der den Lichtschacht krönt.
Zehn Meter bis er sich verzweigt,
Achtarmig, bullig, und im Rock
Das Grüngewand dem Licht verschweigt
In Perfektion den hohlen Stock.
Er steht in bester Mannbarkeit,
Nimmst Menschenjahre du mal zehn,
Er wirft den Schatten tief und weit,
Und nichts scheint fester festzustehn.
Ich glaub, die alte Kaiserstadt,
Die manchen schreckt mit ihrem Stolz,
Nicht einen Schatz zu bieten hat,
Der gleichkommt diesem Lindenholz.
Vers 40808 bis 40855:
Dies sei der ältste Baum der Welt,
Sind ausnahmsweis Gelehrte eins,
Das ältste Haus im Ort enthält
Als Mahnkopf seines Wappenschreins
Den Lichtbaum, der den Himmel hält,
Wenn alles Menschenwerk verfällt.
Du findst den Riesen up de stee,
Dies meint, man halte dort Gericht.
Wer trüge sonst so Pein und Weh
Und beugte sich dem Winde nicht?
Du gehst durch den gespaltnen Stamm,
Wo sich nach oben jüngt die Klamm.
Sie rief die Freien einst zum Thie,
Wie heut am Totensonntag noch,
So mild wie sie den Schatten lieh,
Ertrug sie auch das Feuer-Joch,
Denn als das ganze Dorf verbrannt,
Hielt ewig jung die Linde stand.
Doch das Jahrhundert Fenriszahns
Schlug auch in das Jahrtausendheil
Die Vorhut Götterdämmerwahns
Und losch der Krone größten Teil,
Der fehlte an zwölf Klaftern nur
Ein Gran in Spanne und Postur.
Kaum flochten im Dreikaiserjahr
Drei Nornen ihren Lindenbast,
Thors Hammer hell zur Stelle war
Und fällte ihren schönsten Ast,
Bald zündelte hier jedes Kind,
Und die Verachtung lag im Wind.
Manch Frommer stützte Äste rings,
Zu halten, was im Strudel trieb,
Vier dutzend Sommer also gings,
Bis sie der Sturm vom Stamme hieb.
Als auch im West die Deutschen rot,
Da galt der Lindenbaum für tot.
Doch in der Zeit, wo deutscher Geist
Fiel nach dem Jazz vor Beat und Pop,
Und Genienscharen abgereist
Mit Dürers Reitern im Galopp,
Erneut sich fern vom Völkermord
Im deutschen Land das Dichterwort.
Nach nochmal vierzig Sommern spürt
Den neuen Ton nur kleinste Schar,
Doch weil der Herr die Seinen führt,
So sind sie nicht der Obhut bar,
In gleicher Weis die Linde macht
Und führt schon Hälfte alter Pracht.
Vers 40856 bis 40903:
Der Würfel, der im Wirtshaus rollt,
Ein ältres Vorbild hat im Frein,
Hier legt sich flach, was aufgestollt,
Fegt wie ein Heer die Kugel rein.
Die Kirche stets das Kriegsglück pönt,
Auch wenn dabei man Humpen hub,
Doch was dem Mann den Sonntag schönt,
Heißt Doppelbock und Bosselschub.
Wo nichts zu merzen, mildert Bann,
Zwar Bosselarbeit gibts genug,
Auch wer sonst recht Gescheites kann,
Braucht ab und an den milden Trug.
So setzt man Ort und setzt man Zeit,
Wie man dem Kind verpaßt den Latz,
Und eh die Lust nach Ärgerm schreit,
Der Boßler kriegt den Bosselplatz.
Die Linde, ja, sie leidet viel,
Was Männer tun an Kindereien.
Warum nicht auch das Bosselspiel?
Das Falln wird ja nicht blutig sein.
Zu Schaumburg Graben, Wall und Tor
Uns künden noch vom alten Reich,
Und eine Linde grünt davor
Als Schirmerin dem Bosselleich.
Zu Boslech ward das Wort verknappt,
Daß hier das Laster nicht zu klar,
Hier ward auch manches Haupt gekappt,
Weils anderntags ein Richtplatz war,
Die Sage eine Dirne nennt,
Die hier ein Lindenreis vergrub,
Sie rief: Daß ihr die Unschuld kennt!
Obs war noch vor dem Bosselschub?
Auch kam hier mal ein Paar zur Eh,
Das ragt heraus, doch meistens rollts,
Und was dem Spieler Glück und Weh,
War damals noch aus Lindenholz,
Noch war das Drumherum nicht weg,
Daß ein Kristall verteilt den Schatz,
Noch hieß der Teufel Nick und Neck
Und purzelte am Bosselplatz.
Nun ist die Lindenkrone klein,
Denn Sicherheit heißt heut die Götz,
Zum Bosseln findt sich keiner ein,
Zum Glück brauchts nicht mehr grobe Klötz.
Die heut zum Automaten gehn,
Sind einsam ohne Lind und Eich
Und können nicht das Wort verstehn,
Das Lasterwort vom Bosselleich.
Vers 40904 bis 40927:
Zu Giseh, heißt es, such nach Sphinxen.
Doch nein, geh kürzer nach Elbrinxen,
Am Schwalenberger Wald in Lippe,
Nah bei der Kirche wurzelt mächtig,
Uralt und gar nicht aberschlächtig,
Die Hauptfrau aus der Linden-Sippe.
Sie stamme noch aus Christi Tagen,
So jene, die Rekorde jagen,
Dies ist gewiß zu weit gegriffen.
Doch ist der Sockelstamm gewaltig,
Dabei die Krone regelfaltig,
Die träumen läßt von Segelschiffen.
Sie ist gewiß dem Wittekinde,
Deß Weg sich uns verliert im Winde,
Des würdevollste Mal der Erde,
Der freie Sachse, erdentsprossen
Und doch zum Himmelsflug entschlossen,
Zeigt sich mit eherner Gebärde.
Der Karl, der jeden überwunden,
Hat solche Preisung nie gefunden,
Kein Wurzler ist der Seidenspinner.
Der eine will nicht wiederkommen,
Der andre, daß ihm Edle frommen --
Wer ist bei Gott nun der Gewinner?
Vers 40928 bis 40947:
Wo Alme und Afte sich lieben,
Ein Werder mit saftigem Haar,
Ist sichtbar und faßlich geblieben
Ein prächtiges biblisches Paar.
Zwei Linden verschlunger Krone,
Ein Standbild im Himmelsformat
Des Worts, daß im Gartenraum wohne
Der Spiegel der Weltwerdungstat.
Der schlankere Stamm, der dem Weibe
Entspricht, einen Starkast verneigt,
Der anmutig passend zum Leibe
Dann doch in die Lichtzone steigt.
Dies scheint wie ein Spüren der Tiefe,
Die Schlange belauschend am Fuß,
Als ob dann ein Aufschwung sie riefe
Und Adam entböte den Gruß.
Es lockte nicht fruchtige Süße
Den Erstling zu Wissen und Tod,
Die Auflehnung und daß er büße
Erwies sich als Schöpfungsgebot.
Vers 40948 bis 41011:
Kandelaber,
Lob der Sieben,
Wenn und Aber
Ganz entstiegen,
Mählt das Schlanke
Sich der Dicke,
Gott im Danke
Briggerigge.
Lindenfeier,
Reim der Kronen --
Welcher Meier
Darf so wohnen?
Wer so prangen
Dem Geschicke
Wie die Schlangen,
Briggerigge?
Rein zu richten
Ruft das Steile,
Zu verzichten
Auf die Eile,
Doch die Würde
Vor dem Tricke
Ward zur Bürde,
Briggerigge.
Fern der Heide
Schöffen, Vögte,
Auf der Weide
Bellyn blökte,
Daß die Fackeln
Fern dem Blicke,
Ließ dich wackeln,
Briggerigge.
Ging der Beter,
Kam der Neider,
Leisetreter,
Beutelschneider.
Daß der Pfuscher
Stütz und flicke,
Werd zum Kuscher,
Briggerigge!
Erst kastrieren,
Dann behüten!
Zu verlieren
Wir uns mühten.
Faul im Stamme,
Neig dich, nicke
Jeder Schramme,
Briggerigge!
Ist die Krone
Abgetragen,
Stehn im Hohne
Roß und Wagen.
Ohne Blätter
Nun ersticke
Für den Retter,
Briggerigge!
Sterbestunde
Sturz des Hohen,
Doch die Wunde
Darf noch lohen
Und dem Huhne,
Eh es picke,
Stelln die Rune
Briggerigge.
Vers 41012 bis 41051:
Hoch oben die Marienkapell,
Bekrönend den Karmelenberg,
Barocker Üppigkeit verdingt,
Sei großer Prozessionen Keim!
Ist Lindengrün am Wege hell,
Schaut jedermann das große Werk,
Und daß man Lob dem Stifter singt,
Der Freiherr dacht von Bassenheim.
Gar hundertfünfzig Linden hier
Gepflanzt und urchig durch die Bön,
Sie sprechen wie ein gutes Buch,
Dem geht man gerne auf den Leim.
Vom Sturm gestürzt ist manche Zier,
Doch ließ man sie, daß Zeit verwöhn,
Neu wurzeln in dem grünen Tuch
Am Lindenweg von Bassenheim.
Mal Gnom, mal Birnbaum-Habitus,
Ein Stockausschlag schafft Hexenring,
Am Hang zeigt eine Wurzeln frei,
Und Bienen schwirrn nach süßem Seim.
Da wirds der Eiche auch ein Muß,
Daß sie Kuriositäten bring,
Mal Kugelfuß, mal Beine zwei,
Zur Schau gestellt bei Bassenheim.
Heut die Allee barocker prunkt
Als alle Putten, aller Stuck,
Und hört nicht auf mit Neckerei,
Daß sie dem Publikume schleim.
Da steht kein Komma und kein Punkt,
Ja solches gibt es nicht im Druck,
Drum mach dich auf, daß du dabei
Beim Maskenzug von Bassenheim.
Du ahnst gewiß, in ihre Lehr
Die Dichter gehn bei diesem Volk
Und suchen Knolle, Buckel, Hohl,
Denn ohne Übermut kein Reim.
Und denkst du dabei etwas mehr,
Rutscht dir vom Aug die Nebelwolk,
Auf daß du weißt: Es spricht dir wohl
Der Vogel Specht aus Bassenheim.
Vers 41052 bis 41093:
I
Der Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore
Und der im Dorf als Mitte alles Lebens --
Doch suchst du diesen Baum auch nicht vergebens,
Wo tiefer Baß vergessen macht Tenore.
Der Garten des Versinkens und Verschwebens
Bei uns nicht trägt Zypressen wie bei Kore,
Dem Raben wird die Linde zur Empore,
Er ahmt nicht etwa nach die Tauben Thebens.
Die Linde trägt auch Tod in ihren Ästen,
Denn so viel Sterben überwächst die Rinde,
Und Hohlen haben Tore von Palästen.
In keinem sonst so viele Alter finde,
Die aufgebahrt in dichten Palimpsesten,
Daß schwarz vor Augen wird dem Weltenkinde.
II
In Sargenroth sind Sarg und Zarge rote,
Umfassungen sind beide Holzgestalten,
Ein Durchgang jeder Ort zum Weiterwalten,
Der Lindenbaum für Lebende und Tote.
Im Friedhof ist der Marmor Sohn des Kalten,
Die Linde flaggt im Wind als Sonnenbote,
Sie stellt zum Wein die Kruste hin vom Brote
Und säumt nicht, ihre Duftmacht zu entfalten.
Sie tröstet, wo wie Stachel stehn die Steine,
Sie lindert, wo die Augen rot vom Weinen,
Und Licht und Schatten trägt sie im Vereine.
Ob nichts, ob alles wir zu fassen meinen,
Es bleibt am Ende immer nur das Eine:
Der Baum, der nicht verlassen wird die Seinen.
III
Wie nirgendwo sind Linden hier die Fabel,
Die Formen, die wir nie ergründen mögen,
Wir fliehn die Wulst und hängen an den Bögen,
Wir deuteln am Gekreuz und am Gegabel.
Ein Wehrturm, wo die Zinnen bei den Trögen,
Doch keiner, der die Sprache wirrt wie Babel,
Erinnerung kommt auf, wie uns der Nabel
Noch wurzeln ließ, daß wir erst später flögen.
Der Baum füllt sein Gesetz allein im Bleiben
Er drückt sich nicht durch Orte aus, durcheilte,
Das gibt ihm Ruhe, so viel aufzuschreiben.
Er bleibt es selbst, der seinen Himmel teilte,
Das Licht er wahrt, die Erde zu verleiben
Und so die Kraft, die alle Wunden heilte.
Vers 41094 bis 41141:
Hier tagte das Gericht der Ems,
Heut kommt allein der Wandersmann,
Der Rest des Himmelsrundgestemms
Die Phantasie beflügeln kann,
Drei Teile, die ein Stützwerk faßt,
Sie deuten an das Stammesrund,
Das uns in kein Register paßt,
Und offen stehen läßt den Mund.
Mehr als in jedem Haus und Dom
Scheint uns das Mittelalter fern,
Die Blüten spenden das Arom
Aus diesem fast verglühten Stern.
Ein Tor, doch hier hindurchzugehn,
Ist Kunst, die keine Schule lehrt,
Das beste, was wir können, sehn,
Der eigne Standort ist verkehrt.
Als solche Riesen ungestört
Den Himmel trugen, brach er nicht.
Heut meint man gleich, man werd verhört,
Steht man in viel zu hellem Licht.
Da war die Sonne noch ein Born,
Ein Ruf, daß man die Flagge hiß,
Und daß sie uns zu Größe sporn,
War offenbar und selbstgewiß.
Doch wer die Welt verkleinern will,
Der tut, daß er das Rechte läßt,
Der ist beim Horchen niemals still,
Und hält, was hoch hinaus will, fest.
Sein Dämon ist ist der blanke Neid
Auf Gott und seine Kinderschar,
Er macht zur Sklavin selbst die Zeit,
Die Wächterin und Muße war.
Nun ist die Erde viel zu klein,
Daß wachsen könnt ein solcher Baum,
Dafür ward fetter uns das Schwein,
Und mancher schwätzt vom Weltenraum.
Jedoch ich glaub, es wird der Bann
Einst weichen wie ein Nebelstreif,
Wenn solch Koloß gedeihen kann,
Vergeht der Wunsch, daß mans begreif.
Vielleicht ists nicht mehr lang dahin,
Wir wachen aus dem Alptraum auf,
Wir grübeln nicht mehr nach dem Sinn
Von Herrschaft oder Sonnenlauf.
Die Städte werden wieder grün,
Die Schatten fliehn wie wilde Gems,
Und unter einem Lindenhün
Tagt wieder das Gericht der Ems.
Vers 41142 bis 41189:
Zwölfhundertfünfzig Lenze
Die Linde hat gesehn,
Vor hundert lag die Grenze,
Da Niedergang geschehn,
Erst brach der Stamm zu dreien,
Dann auf das Kirchendach,
Doch immer noch in Maien
Wird ihre Blüte wach.
Im Wurzelstock der Mitte
Ists schwarz und humusreich,
Dort grad mit Kuckuck-Sitte
Wächst unverzagt ein Eich,
Zwar ist der Fremdling schmächtig,
Doch auch Methusalem
Und guten Grunds verdächtig,
Daß er das Wachstum hemm.
Das freilich ist kein Makel,
Verlangsamts den Äon,
So kam auch das Debakel
Gemach wie dunkler Mohn,
Wer anschaut nur die Stürze,
Weiß nicht wie sich im Saft
Der Lebensmut verkürze
Und sich verdünnt die Kraft.
Wir sehen nur die Kleider
Und kleben so am Tüll,
Dahinter steht der Scheider
Und werkt mit Chlorophyll,
Und was uns das Gesunde,
Das die Gesetze ehrt,
Ist oft das Moribunde,
Das sich verzweifelt wehrt.
Man sehe allegorisch
Den Eich als Luthers Streit,
Und daraus folgt notorisch:
Er gab der Kirche Zeit.
Doch freilich seiner Stunde
Der Baum allein entgeht,
Der aussät in die Runde
Und als Geschlecht besteht.
Kam Bonifatius wandernd
Zu Chatten in das Tal,
Geh heute du mäandernd
Durch Schrecken tausendmal,
Und lieb dabei den Sünder,
Wie du die Sünde haßt,
Dann wirst auch du zum Gründer,
Der dicke Äste faßt.
Vers 41190 bis 41229:
Sub tilia (unterm Lindenblatt)
Schuf uns die Eigenschaft subtil,
Was das Erhabne Heikles hat,
Zeigt knifflig sich als Könner-Spiel,
So sonnenhaft und jugendweich,
Spitzfindig auch sind Linden nur,
Und wenn uns jemand jüngt das Reich,
Dann nur die lindige Natur.
Was uns Gut Schönberg offenbart
Ist freilich nicht der Lindenbrauch,
Der Ast und der Bemoosungsbart,
Sie winden sich um Brust und Bauch,
Spiralig wuchs die Träumerin,
Wie sonst nur manche Obster tun,
Als wohn extrem verlangsamt drin,
Der milde Bruder des Taifun.
Sie bohrt sich in den Boden ein
Und sprengt mit diesem Hebelruck
Vielleicht das härteste Gestein,
Das nachgibt keinem bloßen Druck,
Der Grund mag auch ein andrer sein,
Daß sie so artfremd aufgestellt,
Ich füge dieses Beispiel ein,
Daß eine weitre Form gefällt.
Subtil, ja extraordinär
Kommt immerfort die Linde vor,
Als ob die Zeit verlangsamt wär,
Umheimelt dich das Laubichttor,
Und jede Blüte sagt dir an,
Daß dieses Holz, so alt es ward,
Den frischen Schößling treiben kann,
Wie keiner sonst in dieser Art.
So ist die Jugend ewiglich
Nicht Mythos nur und Dichterwort,
Sie schaut dich und umlindet dich
Und goldet ihren Schattenhort,
Und sagt, daß Phantasie nichts hofft,
Was Gott allein nicht längst getan,
Der jeden Traum der Welt verstofft,
Bis wir genug der Wunder sahn.
Vers 41230 bis 41269:
Des Opfermoores Wächter,
Ist ein gewaltger Klotz,
Der als Orkan-Verächter
Seit ewig steht im Trotz,
Gedrungen und gespalten
Und tierhaft buckelnd schau
Die Sommerlinde walten
In Grün und Nebelgrau.
Wer ahnte, welchen Trümmern
Sich dieser Thron verdank?
Was einzeln muß verkümmern,
Das nennt der Hüne krank,
Der wie ein Raubtiernacken
Gespannte Pranken streckt,
Und wie versteinte Schlacken
Sich in die Wiese reckt.
Der Wunde, der Zerschrammte,
Der sich im Singsang hält,
Verharrt im Priesteramte
Am Tor der Unterwelt,
Zwei Winderlinden-Knaben
Wie Ministranten knien,
Drum fliegen hier die Raben
Im schönsten Baldachin.
So mancher dünkt sich lichter
Und meidet diesen Hain,
Doch schaut er diesen Richter,
So fügt er sich darein,
Denn was auch ward verbrochen,
Was wider Recht sich stemm,
Dem ist das Wort gesprochen
Von dem Methusalem.
Bedenke vor dem Stengen:
Er ist das Weichste wohl,
Und überdies in Längen
Vermörtelt oder hohl,
Er ist im Kern zerbrechlich,
Wie allen Adels Kleid,
Doch blickt er unbestechlich
Auf dich und deine Zeit.
Vers 41270 bis 41333:
Daß Eichen auf dem Eichsfeld nur,
Nenn ich euch ein Gerücht,
Wer freilich nur betrat die Flur,
Daß er nach Westen flücht,
Um sich als Untertan von Bonn
Den Kaffee aufzubrühn,
Kennt einzig aus dem Lexikon
Die Leine und den Dün.
Ein Baum bekommt dabei auch mit,
Die Richtung wechselt auch,
So mancher ließ beim Ruß den Britt
Unds Lager »Leerer Bauch«.
Es hieß, in Deutschland Sorgenstück
Brauchts Leute, die sich mühn,
Drum schickt der Russe nicht zurück,
Wer herkommt übern Dün.
Das zwischen großen kleine Land
Bekam, es sei beschrien,
Den Vorhang, den man eisern nannt,
Schon beim Kongreß von Wien,
Drum ist hier keinem Herzen weit
Der Kämpe, stolz und kühn,
Der Ärger macht der Obrigkeit
Auf einem Sporn des Dün.
Sei andernorts katholisch gut,
Daß man dem Grafen schleim,
Für Eichenfelder gilt der Mut
Als Christi wahres Heim,
Und daß man auf die Jungfrau bau,
Ihr sanftes Augensprühn,
So unbezwinglich macht die Au
Der Martin und der Dün.
Es löst sich auch das Rätsel auf,
Daß Müntzer Lindenpat,
Verderblich war sein Lebenslauf,
Doch daß es drum nicht schad,
Sagt nicht der Herr, der allezeit
Uns rot macht oder grün,
Drum steht der Blick auf großes Leid
Auf einem Sporn des Dün.
Das Recht, das Land zur Sache macht,
Entzog den Wald dem Wir,
Daß drob der Bauer aufgewacht,
War Hoffahrt nicht und Gier,
Was ist dem mächtigen Gehör
Der Fuß, das Kohlenglühn?
Es schaffts halt kein Kamel durchs Öhr,
Solange steht der Dün.
Ob hier der Bauer weiter brav,
Erachte nicht für ausgemacht,
Die Augen reib vom Winterschlaf,
Wenn Godehards Gefolg erwacht,
Zwar tändeln weithin Groll und Lieb
Konform und androgyn,
Jedoch die Schwarze Fahne blieb
In Speichern auf dem Dün.
Das Eichsfeld ist geteilt noch heut
Und größrer Teilung Bild,
Auch wer die Konsequenzen scheut,
Bedenk, die Weisheit gilt:
Solang der Herr des Himmels läßt
Die Lindenblüten blühn,
Die Linde lädt zum Einheitsfest
Auf einem Sporn des Dün.
Vers 41334 bis 41347:
Im Rittergut verträumt die Unbekannte,
Die einst gezogen wurde und geleitet,
Die Tage, deren Lärm vorübergleitet,
Wie Vorjahrs Juli, der das Gras verbrannte.
Durch Raum nicht, aber viele Zeiten schreitet
Das Astgesind gerader Unterkante,
Und wenn es auch kein Tänzer je benannte,
Ward solchem es doch innerst vorbereitet.
So lang ist dieser Brauch nicht außer Mode,
Und dieses Gut ward sicher einst voll Leben,
Doch niemand kennt den Baum in Utterode.
Nicht alles will sich der Historie geben,
Und mancher Garten öffnet nur dem Tode
Die Pforte und sein unbemanntes Weben.
Vers 41348 bis 41387:
Ein Jagdschloß und im Rokoko
Orangerie und Park dazu,
Die Ilme sollt wie anderswo
Durchfließen das gezähmte Du.
Doch die Exotenpflanzen all
Warn diesem Formsinn doch zuviel
So fand sich ohne Bruch und Knall
Der Übergang zum nächsten Stil.
Die Männer Pückler, Goethe, Skell
Warn Freunde einer Gartenart,
Wos grad so dunkel und so hell,
Wie Jägersmännern auf der Fahrt.
In solchem Areal gedieh
Die Zwillingslinde, der ich sing,
Nicht nur weil ihre Prophetie
Mich schon mit jungen Ohren fing.
Gespaltnem Stamm entragten zwei
Starkäste beinah waagerecht,
Bei einem bist nicht mehr dabei,
Weil sich die Säge hat erfrecht.
Doch ist der Baum noch immer hold,
Wenn auch den Wettbewerbern froh
Die Ankennung sei gezollt,
Ein Garten is ja kein Plateau.
Robinie und Kastanie -- ja!
Doch ist das Thema mir Passion,
Im Lindenschatten einst geschah
Der Weckruf mir und dunkler Mohn.
Ich kam gefahrn vom Militär,
Und eine Frau aus Wessiland
Hat mir, wenn ich erst drüben wär,
Erfolg als Dichter zuerkannt.
Wer weiß, ob ehrlich war ihr Wort?
Dies steh dahin, ob sinnreich, auch.
Ich suchte meinen Zwilling dort
Und lernte, daß ich keinen brauch.
Allein die Zwillingslinde weckt
Das Zeichen heute noch im Grün
Den Zweifel, drin die Warnung steckt:
Nicht sollst, was dir bestimmt, verfrühn.
Vers 41388 bis 41403:
Der Koloß auf freiem Feld,
Zwiegespalten und gezaust.
Sieh, wie der sich neu bestellt,
Daß herbei die Hummel saust!
Abgerißnes liegt im Gras,
Niemand doktert an dem Leid,
Daß die Linde rasch genas,
Zeigt, ihr taugt die Einsamkeit.
Nahebei die Saale rauscht,
Meint, ich soll nach Hause gehn.
Vieles hab ich abgelauscht
Und sehr vieles angesehn.
Also will ich heute kehrn
In mein Haus am Weltenwitz,
Vorher noch die Linde ehrn,
Drein ich klein mein Zeichen ritz.