Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Die alte Linde - Zweites Buch

Kein schöner Land in dieser Zeit
als hier das unsre weit und breit,
wo wir uns finden,
wohl unter Linden
zur Abendzeit.

– Wilhelm von Waldbrühl

Vers 41404 bis 41447:

Drei Linden

I

Drei Linden waren Weiser mir im Leben
Mit Namen Träumen, Fortgehn, Wiederfinden,
Drum ist es Zeit, ins Versmaß zu erheben
Drei Linden.

Sie tragen Kreuze in bemoosten Rinden
Der Liebe -- könnts Verschiedeneres geben?
Nicht jede Liebe taugt, um sich zu binden.

Die Falken sah ich, die im Blau entschwinden,
Die Schmetterlinge und den Geist der Reben.
Jedoch mein Erbgut sein den Musenkinden
Drei Linden.

II

Die erste Linde gab dem Schulweg Pause,
Eh noch ich lief durch Deutschland viele Werste,
Es schirmte vor dem Bergaufstieg nach Hause
Die erste.

Ich liebte Bäume, doch ich kor zum Herste
Die Körnerlinde, wo ich noch als Flause
Bedachte, wie die Fremdherrschaft zerberste.

Es ging die Zeit, daß Wind die Krone zause,
Auch Körner drischt man nicht mehr aus der Gerste,
Es fällten, die uns gönnen keine Klause,
Die erste.

III

Die zweite grüßte manche Male Goethen,
Sie zeigt im Ilmen-Garten ihre Breite,
Es bleibt ein Ort, wo sich die Wangen röten,
Die zweite.

Der Gärtner wußte wohl, wie er sie leite,
Die Zwillingslinde Lust versprach in Nöten
Und sehr viel Irrtum im Gefahrenstreite.

Ich ging bald fort, mein junges Herz zu töten,
Doch immer wenn der Mai an meiner Seite
Ermahnte mich im Nachtigallen-Flöten
Die zweite.

IV

Die dritte ließ mich wurzeln, stehn und reifen,
Zu meiner Taufkirch nur ein Weilchen Schritte,
Es wuchs, die fremden Krusten abzustreifen,
Die dritte.

Heut sitzt darunter meine Lebensmitte
Mit Bünting-Tee und Trichterwinden-Schleifen
Und söhnt mich aus mit Tradition und Sitte.

Erst ihre Lieb ließ auch mein Lied begreifen,
Daß nur der Herr versteht die Herzensbitte,
Drum läßt auch keinen falschen Vogel pfeifen
Die dritte.

Vers 41448 bis 41492:

Lindenfahrt

Wer seiner Mitte sicher lebt,
Wird faul daraum nicht oder steif,
Nicht Geist, der ungebunden schwebt,
Die Dinge zum Gesang erhebt,
Und eben kein Kometenschweif.

Wer winternachts den Ofen mag,
Die Traulichkeit, die wäscht und kocht,
Der stellt bewußter sich dem Tag,
Ihm enden Lobgesang und Klag
Nicht wenn im Wachs erlischt der Docht.

Er wandert manchem Hügel zu
Und weiß, den Sänger ruft die Welt,
Doch weil im Herzen goldne Ruh,
Enttäuscht ihn dort kein Wir und Du,
Wenn sich Vertraulichkeit gesellt.

So ist das End der Odyssee
Ihm nicht das Ende aller Fahrt,
Doch seine Spuren durch den Schnee
Sind niemals das gehetzte Reh
Noch die von einer Raubtierart.

Ihn lädt das Buch der Schöpfung ein
In manchen Gau und manche Not,
Ob Quelle, Feld, verschloßner Schrein,
Er will für alles Stimme sein,
Was Gottes großer Garten bot.

Die Linde, die gewaltig baut,
Begreift er nicht in einem Baum,
Gar viel Geschlechter angeschaut
Hat manche, und das Ohr vertraut
Vorm Menschenwerk dem grünen Traum.

Man sagt, gelindet wär genug,
Wenn sich ein Buch mit Versen füllt,
Doch wäre es ein arger Trug,
Daß längst man alle Fragen frug,
Zu denen sich da Antwort hüllt.

Gäbs tausend Lindenbücher schon,
Wär angedeutet nur die Kraft,
Die sich als Weckruf oder Mohn
Verströmt in einem Finderlohn
Und einem Werke, das geschafft.

Drum wärs des Dichters höchster Fried,
Wenn er den Samen ausgestreut
Und bald im ganzen Land geschieht
Die Werkelei am Lindenlied
Für den Gesang in höchster Freud.

Vers 41493 bis 41532:

Vor unserm Haus

Die Linde, die ich täglich schau,
Ist grad mal fünfzig Jahre alt,
Doch wuchs sie weit ins Himmelsblau
Und ist von fürstlicher Gestalt,
Sie streut sich aus, am Mauerrand
Die Kinder hoch zwei Klafter schon,
Sie macht mir also stets bekannt,
Daß ich schon bald im Walde wohn.

Die Jungen grab ich sorgsam aus,
Daß der Entfaltung reicht der Raum,
Schon wieder sich begrünt das Haus,
Gelang mir die Verpflanzung kaum,
So reicht bald nicht der eigne Grund,
Die Kinder müssen aus dem Stall,
Dann steht der Baum der Schläferstund
Bald hie und da und überall.

Wenn ich im Herbste grab und gieß,
Im Sommer bin ich auf der Fahrt,
Und schon im deutschen Norden stieß
Auf Linden ich besondrer Art,
Nun kriegt der Süden auch sein Buch
Von Riesen, drin die Vorwelt lebt,
Wer also dick, daß ich ihn such,
Der wird ins Album eingeklebt.

Es ist ein Ziel Poeterey,
Daß sie die Welt uns neu erschaff,
Daß irgendwo ein Wunder sei,
Macht Pegasos die Zügel straff,
Die Linde ist so alt und jung,
Daß ich den zweiten Aufbruch wag,
Und zeigt sich mir die Dämmerung,
Weiß ich das Gold im späten Tag.

Die Linde, die ich spät erkannt,
Sie wuchs, als ich in Windeln schrie,
Ich war in manchem fremden Land,
Doch sie verließ die Heimat nie.
Was ich erfahr an Lindentreu,
Gehör der einen, die mich trägt,
Ob andere dieses auch erfreu,
Der Dichter erst als zweites frägt.

Vers 41533 bis 41604:

Baldenhain

Von Balders Jugendschöne
Begreift man hier nicht viel,
Der Hufe späte Söhne
Spieln ein gar andres Spiel,
Allein die alte Linde,
Gezeichnet vom Geschick,
Erzählt dem Frühlingswinde
Noch heut von Breidablick.

Zwar hat sie selbst die Asen
Wie Ringhorn nicht gesehn,
Doch als sie jung den Rasen
Vernahm und konnt verstehn,
Da wußt er, wie behende
Einst Sleipnir schoß durchs Kraut,
Da war die Abschiedsspende
Des Draupnir noch vertraut.

Dann standen rings die Mannen,
Zu suchen Rat und Recht,
Was sie beschirmt ersannen
Im schattigen Geflecht,
Das war erlauscht der Linde,
Die tiefer birgt den Stand,
Als Winds und Wolfs Gesinde,
Das umgehn muß im Land.

Und jene noch beisammen
In Ehrfurcht vor dem Baum,
Sie wußten, sie entstammen
Des Thuiskon tiefem Traum,
Sie spürten hell die Weihe,
Wo Blätter rascheln lind,
Und hofften, sie verzeihe,
Daß sie im Kriege sind.

Als ob sie Mutter trüge
Wie Hunde am Genick,
Entsagten sie der Lüge
Und wurden weich im Blick,
Sie schworen bei der Linde:
Der Weisheit, die du färbst,
Ist jedes Gold im Spinde
Nur Laub im späten Herbst.

Doch sprachen sie am Feuer,
Darin ein Lindenstamm,
Vom Fenris-Ungeheuer
Mit Stimmen, rauh und klamm,
Es wende sich das Ruder,
Daß es den Hamm bepflöck,
Wenn Balder mit dem Bruder
Herkäm nach Ragnarök.

Wie auch der Himmel flammte,
Das Schwert dem Bösen stritt,
Den Grimm im Rächeramte
Das falsche Ziel erlitt.

Wie Wunden man verbinde
Verlernten sie im Stolz,
Und so den Duft der Linde,
Und so ihr Balder-Holz.

Statt Frieden kam Erliegen
Und Staub und Müdigkeit,
Die Sehnsucht nach den Siegen
Schien Quelle bloß für Leid,
Sie kehrten nicht zum Baume,
Zu suchen Recht und Rat,
Sie fluchten ihrem Traume,
Sie fluchten jeder Tat.

Jedoch verspricht dem Winter
Der Baum von Rat und Recht
Nicht Schnee allein, dahinter
Will knospen ein Geschlecht,
Auf daß der Nebel schwinde
Als Mär im Maienschein,
Und neu umtanz die Linde
Das Volk von Baldenhain.

Vers 41605 bis 41644:

Feldlinde bei Göppersdorf

Himmel teilend, Luft und Licht,
Lindenschwestern, Stamm an Stamm,
Eins in Wuchs und Angesicht,
Doch im Kern die tiefe Klamm.
Jedes Kind die Frage stellte
Und wer kommt und will vorbei:
Ob gespalten, ob gesellte,
Ob da eine, ob da zwei?

Dies rührt an das Weltproblem,
Same oder Wurzelsproß,
Ob Geformtes lobt den Lehm
Oder Atem, ders umfloß?
Ob das Eine sich entfalte,
Ob das Erste Liebelei
Oder ob ein Drittes walte?
Ob da eine, ob da zwei?

Für die Zwei die Haltung spricht,
Abgewandt zum eignen Feld,
Weil die Streiterei ums Licht
Nur Verliern für möglich hält,
Sorgsam beide sich verzweigen,
Daß sie von Umarmung frei,
Doch die Frage will nicht schweigen:
Ob da eine, ob da zwei?

Solche Bündelpflanzung gilt,
Skepsis meint, als rares Ding,
Auch daß wie ein Ebenbild
Die Verästelung geling.
Wie ein Ei dem anderen gleichen
Will kein Baum der Wegesreih,
Sollte dies als Antwort reichen,
Ob da eine, ob da zwei?

Schaut der Zweifler auf den Grund,
Sucht er die Verwachsungsnaht,
Bis betrogen um den Fund
Er durchschaut den großen Staat:
Eine will für zweie gelten
Daß sie windgewandter sei.
Also möge keiner schelten,
Daß da eine wächst wie zwei.

Vers 41645 bis 41708:

Streitlinde

Mittendrin im Ackerland
Oft ein Baum den Himmel preist,
Daß die Saat von Menschenhand
Windstoß nicht der Furch entreißt,
Auch das Vieh, das einsam grast,
Einhegt manche Baumesreih,
Wo das Recht nicht angemaßt,
Ist ein Urwaldrest dabei.

Grenzer sind die Bäume lang
Weil sie unbeweglich stehn,
Nicht zu Flucht und Beutefang
Just zum Horizonte gehn,
So sich Herrlichkeit und Mark
Älter stelln als ein Geschlecht,
Gilt der Baum, der wurzelstark,
Erster Zeuge allem Recht.

Auch die Linde, die im Streit
Köttwitzsch gegen Königsfeld
Richter war, steht fabelbreit
Mitten in der Hügelwelt,
Wo genau die Grenze lauf,
Ob im Norden, ob im Süd,
Jeder stellte Bürgen auf,
Daß die eigne Linde blüht.

Weils kein Pergament bewies,
Doppeldeutig das Geschreib,
Man zum Gottesurteil blies,
Welcher hier im Irrtum treib,
Ritter legen Lanzen ein,
Gilts dem Himmel zu vertraun,
Um ein Bauersmann zu sein,
Mußt du ihn im Wachsen schaun.

Also sprach der Bauer laut,
Daß sich aller Zweifel leg,
Kläger, Zeugen, kommt und schaut,
Diesen Lindenbaum am Weg
Grab ich nun kopfüber ein,
Wenn er dennoch heiter blüht,
Soll durch Gott bewiesen sein,
Daß ich mich zurecht gemüht.

Ob dies eine fromme Mär
Bleibe hier dahingestellt,
Doch ein Augenloser wär,
Wer bestritte, daß im Feld
Wuchs ein Lindenbaum, so breit,
Daß die größte Hochzeitsschar
Hier vergaß zur Sommerszeit,
Obs gewittrig oder klar.

Lange blieben Menschenschlag
Und die Lust an Linden fest,
Doch dann fiel der Sonnentag,
Stoben Flammen durchs Geäst,

Frevlern, aller Bindung bar,
Ward die Lohe hehrstes Rot,
Und was ihnen wichtig war,
Schlug nicht nur die Bäume tot.

Endlich alles Mordsgesind
Richtet selbst sein böses Tun,
Wer da tobt wie Wirbelwind,
Wird im Wüstensande ruhn,
Doch die Linde, die dem Streit,
Gab Entscheidung ohne Blut,
Grünt, von Asche längst befreit,
Wo das Feld noch immer gut.

Vers 41709 bis 41756:

Collm

Gericht im Meißner Lande
Geschah an dieser Lind,
Des Mittelalters Bande
Nicht oft so deutlich sind,
Wo Otto einst der Reiche
Gab Frieden mancher Kluft,
Rief, daß man sich vergleiche,
Der holde Lindenduft.

Die dicke Überwallung,
Ein Tor, ein Bogenschwung,
Die Wölbung und die Ballung,
Das Licht der Dämmerung,
Daß jede Perspektive
Phantastisch breit und schmal,
Würd einem, der hier schliefe,
In keiner Zukunft schal.

Nur wenig zu berichten
Aus Sommern später bleibt,
Die Minnesänger dichten,
Das Herz die Liebe schreibt,
Die Linde zeigt uns Treue,
Auch wenn der Stamm vergreist,
Weil jedes Jahr aufs Neue
Sie Lebensmut beweist.

Doch nach dem letzten Kriege,
Manch Bunker spricht davon,
Lag Heil nicht mehr im Siege,
Man sah es in Beton,
So wie der Zahnarzt-Eifer
Stets Löcher sucht und stopft,
Schien sicherer, was steifer,
Und heil, was vollgepfropft.

Die Lehr der Autofahrer,
Knautschzone auch genannt,
Wird weniger noch wahrer,
Sooft sie angewandt,
Die Läuterung der Schoner
Nun endete den Harm
Zur Freude der Bewohner,
Die ein Hornissenschwarm.

Das hin und her der Schützer
Die Linde überdacht,
Bedürftig keiner Stützer,
Mit Lebens Lust und Macht,
So voll ist ihre Krone,
So goldig ist ihr Licht,
Daß stehst vor diesem Throne
Und glaubst es einfach nicht.

Vers 41757 bis 41772:

Pfarrgut Kroppach

Gewaltig ist die Baumgestalt,
Die sich zur Scheune neigt,
Dem Hofe, der genauso alt,
Kein Rauch vom Schornstein steigt.

Die Kinder spieln im hohlen Bauch,
Manch Leiterchen sagts an,
Noch lockt Gekletter und Gekrauch
Ins Feld und in den Tann.

Dies gibt der grünen Mutter hier
Die angemeßne Schar,
Wer wächst mit Sonne, Baum und Tier,
Sieht auch im Alter klar.

Drum klag nicht, daß der Geist der Zeit
Die Holde wenig schätzt,
Die Mutter macht die Arme breit
Und triumphiert zuletzt.

Vers 41773 bis 41807:

Mühlenlinde

Es knarrt nicht mehr ihr klipp und klapp
Die Lehmannsmühl im Saubachtal,
Die Räder und der Mahlstein schlapp,
Es kommt kein Sack im Huckepack,
Der Bach singt nicht vom Abendmahl.

Die Mühlenlinde freilich zeigt
Das Wasser, dem der Müller traut,
Nicht nur, als sie gewaltig steigt,
Auch heute, da das Werkeln schweigt,
Als Fülle, die bedächtig schaut.

Sie weiß von Hungersjahrn doch auch
Vom Schlemmen, wenn die Ernte reich,
Sie braucht kein Brot für ihren Bauch,
Doch mahnt sie uns im Blütenhauch,
Daß unsre Not der ihren gleich.

Den Zufluß für den Stemmer einst
Verrät ein Loch im Wurzelraum,
Was Himmel du dem Tale weinst
Und daß dus gut mit diesem meinst,
Verewigt uns der Lindenbaum.

Des Müllers Wandern kommt vom Bach,
Die harte Lieb kommt von der Lind,
Der Rhythmus kommt von Radgekrach,
Der Bienenschwarm, im Laubicht wach,
Summt Flügel für das Wurzelkind.

Tut nicht der Mensch der sät und mahlt,
Der Linde nach, die Wasser ballt,
Wenn er das Schöpfrad fügt und schalt,
Ist nicht, was ihm im Herzen strahlt,
Der tausend Blätter Krongestalt?

Es wird das Wort alleine knapp,
Wenn Grün verspottet jede Zahl,
Auf daß kein Mensch die Riesin kapp,
Sing nunmehr ich das klipp und klapp
Der Lehmannsmühl im Saubachtal.

Vers 41808 bis 41879:

Schmorsdorf

Macht hoch die Tür,
Ruft aus die Lind,
Daß man sich spür
Als Himmelskind,
So rundlich lacht
Das Stammgebreit,
Daß es uns macht
Die Tore weit.

Kein Kriechen eng,
Kein Suchen lang,
Und kein Gedräng
Im Dunkelgang,
Nicht sollt ihr schmorn
Noch zweifeln stolz,
Ihr seid erkorn
Dem Lindenholz.

Geht ein, geht aus
In dem Koloß,
Der das Gezaus
Zum Bogen schloß --
Ob ihr erahnt
Den Pilgerchor,
Wo euch gebahnt
Das offne Tor?

Was überwallt
Spiralwand-Bühl,
Ahmt die Gestalt
Der Gletschermühl,
Geschwungnes Tun,
Das gut verwuchs,
Sagt wundimmun,
Ein Engel trugs.

So breit die Hohl
Im Kern des Baums,
Willkomm-Fahrwohl
Gewölbetraums,
Daß drüber lacht
Die grüne Kron,
Die Sphären macht
Dem Lindenthron.

So viel Empfang,
So viel der Freud!
Wird euch nicht bang
Ihr guten Leut?
Wer kindlich freun
Nicht hat verlernt,
Darf Blüten streun
Und wacht besternt.

Die Heiterkeit,
Den Taumeltanz
Schuf freilich Leid
Des Fegebrands,

Das halbe Dorf
Die Loh zerblies,
Eh überm Schorf
Das Paradies.

Die Chronik nennt
Den Tag Gerichts,
Was lang man kennt,
Der Sturm zerbrichts,
Die ihr das Jetzt
Viel später faßt,
Euch glücklich schätzt
In dem Palast.

So hoch die Tür,
Die Tore weit --
Wen traf die Kür
Der Herrlichkeit?
Habt ihr den Herrn
Und seinen Thron
Beim Abendstern
Vergessen schon?

Vers 41880 bis 41927:

Lindenallee

Im Völkerschlachtsjahr
Napoleons Stern
Verblaßte, noch war
Der preußische fern,
Doch pflanzte der Sachs
Dem Polenzer See
Am Uferweg stracks
Die Lindenallee.

Zu Dresden August
Dem Franzen noch Glück,
Bald streiten er mußt
Die Wege zurück,
In wechselnder Farb
Als süß ward die Schleh,
Die Taufe erwarb
Die Lindenallee.

Die Äste gereckt,
Ins Dunstige breit,
Was innerlich steckt,
Ist draußen nicht weit,
Gewachsenen Rangs
Verwurzelt im Weh,
Steht sanfter Phalanx
Die Lindenallee.

Die erste im Glied,
Die letzte der Reih,
Was immer geschieht,
Was immer auch sei,
Sie sichern die Flank
In Herbststurm und Schnee,
So steht ohne Wank
Die Lindenallee.

Walküren, beflaggt
Mit Biene und Herz,
Im Winterdom nackt
Gesalbte mit Schmerz --
Entschlossenheit blitzt
Vom Scheitel zum Zeh,
Den Himmelssaum ritzt
Die Lindenallee.

Es sagen dem Volk
Die Linden als Wurm
Bei Klarsicht und Wolk
Bei Frühtau und Sturm:
Es gibt kein zurück,
Wer A wagt, muß B!
So fordert das Glück
Die Lindenallee.

Vers 41928 bis 41972:

Sieben Linden

Schenkt dir Gott ein Knäbelein
Oder rosig eine Maid,
Mög es dir ein Herzwunsch sein,
Grab ein Lindenbäumchen ein,
Daß Gemeinschaft sei der Zeit.

Dieser Baum wird nicht nur alt,
Auch so manche frühe Not
Kann nicht brechen die Gestalt,
Die gedeiht, sobald ihr Halt
Eine feuchte Erde bot.

Nicht nur Dauer und Bestand
Gelte hier dein Augenmerk,
Nichts so eigen wächst im Land,
Keines solche Vielfalt fand
Wie der Linde Astgewerk.

Lehrt sie nicht Persönlichkeit
Uns als Frucht des festen Stands?
Dehnt sie nicht den Schatten weit,
Weil sie umgehn kann mit Leid
Und nicht müde wird des Lands?

Hier der Gutsherr Bonikau
Pflanze treulich jedem Kind.
Sieben Linden in der Au,
Steinigtwolmsdorf weiß genau,
Daß sein Erbe grün und lind.

Alle hohl und formskurril,
Wind schuf Male, Wölbung, Knick,
Angesichter, Linienspiel,
Fabeln, die erzähln so viel,
Knorrige mit Überblick.

Ob sie tragen für das Kind,
Ist vielleicht nur eine Mär.
Doch ihr Stehn im harten Wind
Raunt uns, daß wir Wurzler sind,
Daß die Erde uns gebär.

Wem ein Lindenbaum gepflanzt,
Wird der Heimat nicht enterbt,
Wenn das Lebenskleid zerfranst,
Unterm Baum ein Fremder tanzt,
Fremde Schrift die Rinde kerbt.

Denn der Bund ins Licht zu gehn,
Überlebt uns mit dem Baum,
Mögen fremde Fahnen wehn,
Sei kein Laut mehr zu verstehn,
Dies Beharrn ist nicht nur Traum.

Vers 41973 bis 41984:

Horka

Der Wehrkirchlinde karger Rest
Wie jener, der von Schlesien blieb,
Hält gleichwohl zäh am Leben fest,
Und zeigt allsommerlichen Trieb.

Der Stamm war einst gewaltig dick
Und trotzte manchem großen Brand,
Nun trägt der Baum den Abschiedsblick
Wie dieses winzig kleine Land.

Laß gehn -- bleibt nur die Erde gut,
So gibts genug der Sämerein,
Und wiederkehrn wird unser Mut,
Und auch das Reich wird wieder sein.

Vers 41985 bis 42004:

Bergfelde

Der Ort in Oberschlesien liegt,
Der Lindensammler weiß davon,
Weil einer Stammumfang besiegt
Die Eiche des Napoleon.

Sie wurzelt an der Kirche da,
Gesund im sechsten Hundertjahr,
Wer je ein solches Wunder sah,
Bleibt allerletzter Zweifel bar.

Ein hoher Zaun umschließt das Feld,
Mit Spitzen drauf, die schmerzen solln.
Ich zweifel, daß der Brauch verfällt
Gleichwohl darüber hinzutolln.

Denn an der Rinde sieht man gut,
Daß manches Stückchen wer entriß,
Der Aberglaub zum Frevel lud,
Es heißt, dies hülfe dem Gebiß.

Ob man auch stärkre Ketten flicht,
Dem Zahnweh folgt die Raserei,
So kümmert auch der Eindruck nicht,
Daß hier ein Volk von Nagern sei.

Vers 42005 bis 42020:

Weiden an der Wilden Adler

Sie steht vom Dorfe außerhalb,
Schafweiden hat sie einst getrennt,
Den Schwestern allen half kein Alb,
Damit man sie noch heute kennt.

Der Stamm wird breiter, Lenz um Lenz
Noch Fingerlänge kommt hinzu,
Auch wächst das Loch oval, man nennts
In alten Büchern Geisterschuh.

Die Hohle, aufgebrochen breit,
War einst bewohnt, jetzt Ziegenstall,
Was einem Blick als Wunde schreit,
Ist anderm Glück und Gnadenfall.

Sie wird sich wandeln weiter wohl
Und ist dem Tode noch nicht nah,
Einst wird man durchgehn durch die Hohl,
Und Ziegen sind dann nicht mehr da.

Vers 42021 bis 42052:

Singende Linde zu Teletz

Als einst Politschka man erkennt
Zur Königsstadt, begannen bald
Zu roden deutsche Siedlerhänd
In Mährens Grenzland dichten Wald.

Zum Bistum Leitomischl zählt
Teletz bis zum Hussitenkrieg,
Der Bauer utraquistisch wählt,
Vollkommen ist der Brüder Sieg.

Dann nach der Schlacht am Weißen Berg
Kam Rom zurück samt Priester-Treck,
Daß nun das Mahl den Laien stärk,
Verlangte ein Geheimversteck.

Aus jener Zeit Legende geht,
Der Linde, hohl wie ein Verschlag,
Verbotner Psalmensang entweht,
Und Volkes Sprache trotzt dem Tag.

Der Mann kopierte, als er sang,
So geht es leichter von der Hand,
Und was er große Töne schwang,
Verstärkte noch die Lindenwand.

Der Hall im Holz ist heut noch rein,
Daß man dort singen möchte gern,
Und ohne Bücken gehts hinein
In dieses lindne Haus des Herrn.

Ja überhaupt, ein wahres Fest
Ist dieses wohlbekrönte Haupt,
Sie teilt sich hoch, und kein Gebrest
Stört, wo man singt und lobt und glaubt.

Dies findest du kein zweites Mal,
Streifst du auch durch das ganze Reich.
Drum Linde sing, sei das Fanal,
Daß man das hohe Ziel erreich!

Vers 42053 bis 42076:

Huslinde

An einer Wassermühle,
Wollinka heißt der Bach --
Auf nahebei dem Brühle
Begeisterung erwach!

Ein etwas steifer Kragen
Trägt Äste hoch ins Licht,
Dies kommt wie aus den Sagen,
Die Zweige stehen dicht.

Der Hohle ward gezimmert
Ein Bretterdach, ein Zaun
Vermeidet, daß verschlimmert
Den Stand zu dichtes Schaun.

Ein Haltegurt, ein Gitter,
Improvisiertes zeigt,
Daß es den Hütern bitter,
Wenn man den Baum besteigt.

Er raunt aus der Geschichte,
Und älter nur der Fluß,
Glaubhaft, besehn im Lichte,
Hier predigte Jan Hus.

Historisch ist es strittig,
Doch allem Geist im Tal
Ist diese Linde mittig,
Auch wenn sie winterkahl.

Vers 42077 bis 42100:

Wolframslinde

Vom Haidstein heißts im Parzival,
Die Gräfin sei dem Dichter gut,
Gering ward längst der Zeugen Zahl,
Doch einer spricht mit grünem Mut,
Der alte Lindenbaum bei Ried
Steht hohl nur noch auf Rindenbast,
Doch unzerstörbar wie das Lind
Schirmt er des Wandersmannes Rast.

Es heißt, ein Leinenweber hab
Den Webstuhl drinnen aufgestellt,
Zwar stützt die Hohle mancher Stab,
Doch groß genug ist diese Welt,
Zurecht hat man dem Lindenries
Des Dichters Namen zugeteilt,
Es sank die Burg, doch auf der Wies
Der Recke trotzt dem Sturm und heilt.

Zwar ist die Krone arg gezaust,
Doch was bizarr und knorrig ragt,
Den Genius, der im Lande haust,
Noch jedem, der hier eingekehrt, sagt.
Und daß nicht ungedeutet bleibt
Des Mittelalters Erdensalz,
Erfahre, wo sie jährlich treibt,
Die Herrlichkeit der Oberpfalz.

Vers 42101 bis 42140:

Grottental-Linde

Vom See hast du die beste Sicht!
Der Bauernhof, den sie bekrönt,
Tritt andachts- und gehorsamsschlicht
Zurück, wo sie die Aue schönt.
Doch tritt heran an den Koloß,
Der moosig, doch vor Leben prall,
Sich reckt wie einer Vorzeit Sproß
Und ahnt noch nichts vom Weltverfall.

Die Mächtigkeit, die fest im Grund,
Ist Wunder schon, doch klettre rauf,
Auf halber Höh tut dir der Fund
Ein noch viel größres Wunder auf.
Die Hohle zwischen Wulst und Sprung
Zeigt sich als mächtige Kapell,
Mit einem Dach aus Dämmerung
Wirds hier im Innern niemals hell.

Faß an, was überwachsen oft!
Nichts ist hier schleimig und vertan.
Was sich jahrtausendlang verstofft,
Gemahnt dich an den Schöpfungsplan
In Vielfalt und so abgestimmt,
Daß unsre Phantasie versagt.
Dies schuf kein Gott, den Zorn ergrimmt,
Den Ungeduld am Herzen nagt.

Kein Gott, der längst sich abgewandt,
Und keiner, der die Zügel ließ!
Hier spürst du seine Segenshand,
Die Zärtlichkeit im Rindenvlies.
Solang uns solche Zeugen stehn,
Ist Glauben uns ein leichtes Ding.
Du muß nicht in die Sterne flehn,
Denn faßbar ist, was ich dir sing.

Lehn dich in diese Rundlichkeit
Und spür, du bist geborgen so,
Der Baum im grünen Sommerkleid,
Ist wie die Ziegen ringsum froh,
Doch stiller, weil er so viel weiß,
Und Zeuge wurd von Wundern viel,
Drum lausch und dank als Beter leis,
Daß du dabei in diesem Spiel.

Vers 42141 bis 42188:

Die Kunigundenlinde

Kein Lindenbaum in Franken
Hat so viel zu erzählen,
Wo sich die Sagen ranken,
Mit List nicht abzuschälen.
Von Stangen hochgehalten,
Daß sie sich mähl dem Winde,
Grünt aus dem Reich, dem alten,
Die Kunigundenlinde.

Sie brachte manches Opfer
An Stamm und Astgetummel,
Doch wie ein Selberpfropfer
Scheint Biene sie und Hummel.
Nichts blieb im Wandel treuer,
So arg man sie auch schinde:
Es ging durchs Fegefeuer
Die Kunigundenlinde.

Vom Tanzen und vom Tändeln,
Und wie man Gerten flechte,
Weiß sie, doch auch von Händeln
Und viel vom Schrannenrechte.
Es weiß, wie man sich streite
Und wie man sich verbinde,
Von Flinkheit und von Breite
Die Kunigundenlinde.

Die Wülste und die Narben
Vom Schrecken und vom Scherze
Mehr Bildlichkeit erwarben
Als alle Druckerschwärze.
Doch wie zumeist bei Gnomen
Verhält sichs bei der Rinde:
Es spricht in Palindromen
Die Kunigundenlinde.

Wir, Vogelgeistern näher,
Wir flöten klug und brünstig,
Ihr aber taugt kein Späher,
Ob grad die Sterne günstig.
Es läßt Geschlechter gehen
Wie törichtes Gesinde,
Als gälte nur Bestehen,
Die Kunigundenlinde.

Wenn einmal kurz sie stutzte
Im Wurzeln und im Wiegen,
Dann nicht, weil abgenutzte
Beteuerungen fliegen.
Den Kern der Jahresringe
Küßt einer nur, der Blinde,
Der stumm ward, daß da singe
Die Kunigundenlinde.

Vers 42189 bis 42208:

Krüppellinden

Im Wildpark am Planetenweg
Zu Weikersheim stehn voller Moos
Der Linden dreizehn im Geheg,
Als wäre hier die Hölle los.

Verkrüppelt streckt sich Ast um Ast
Nur wenig vor und endet krumm
Als Fratze, daß der Gast erblaßt
Vor einem Haß-Panoptikum.

Hier Schlangenmaul, da Echsenkamm,
Auch Rabe, Storch und Pelikan
Mit Schnäbeln hacken nach dem Lamm,
Das nötig hat nicht Fieberwahn.

Voll Groll und Gram ist jedes Maul,
Voll Zischeln und voll Fluchgebräu,
Von manchem Zahne tropft es faul,
Daß auch der Forscher kenn die Scheu.

Vermutlich hat der Tierverbiß
Die Linden solcherart entstellt,
Doch heiter macht dabei gewiß,
Wie vielgestaltig doch die Welt.

Vers 42209 bis 42240:

Söllerlinde

Burg Steinsberg nahe Weiler
Zeigt sonderbare Zier,
Das Mauerwerk ist heiler
Als anderorten hier,
Die Steine festgebacken,
Und wehrhaft in der Tat,
Sogar des Turmes Zacken
Sind scharfe und gerad.

Den Söller hat erklommen
Die Winterlinde frech,
Wir schauen ganz benommen,
Ob sich die Langmut räch,
Ihr Wuchs erscheint viel weiter,
Als oben man begreift,
Die schwindelfrei und heiter
In alle Winde reift.

Die Landschaft überragend
Nimmt keiner ihr das Licht,
Und wo sie Blätter tragend,
Der Turm erreicht es nicht,
Die Linden, die am Hange,
Sie einst mit Neid geschaut,
Sind abgelebt schon lange,
Weil sie dem Himmel traut.

Das Wurzelwerk verschwindet
Im Wall und keiner weiß,
Wie sie da Wasser findet,
Und sich durch Blöcke beiß,
Es heißt zwar immer wieder,
Daß Bäume bös zerstörn,
Doch dieses Stamms Gefieder
Will bloß dazugehörn.

Vers 42241 bis 42256:

Hildrizhausen

Der Linde sing ich, die allein
Behügelt hier die Flur,
Es mögen andre älter sein
Und steiferer Statur,
Sie bettet wie ein Wolkenschaf
Die Krone als Bouquet
Und sagt dem Wandersmann: So schlaf
Und lasse alles Weh!

Mag sein sein, daß einer Sturmeskraft
Der alte Baumstamm wich,
Daß fürderhin giraffenhaft
Die Äste gabeln sich,
Der eine lädt besonders aus,
Drauf läßt sich liegend ruhn,
Denn in dem sommergrünen Haus
Gibts keine Müh zu tun.

Vers 42257 bis 42288:

Aichhalderhof-Linde

Wo Wulst und Knolle grün und braun
Dich einhülln, Halle, Schoß, Palast --
Du krochst durch ein ganz kleines Loch
Und staunst nun wie ein Elchenkalb.
Wo ist ein solcher Traum zu schaun,
Der in der Tat ein Märchen fast?
Such nur, das Wunder gibt es noch,
Den Witthoh in der Hegaualb.

Beim Aichenhalderhofe steht
Am Feldweg in der Laubicht-Schar
Der Lindenstamm, darum du mißt
Der Klafter gute viereinhalb,
Der Einblick auch von oben geht,
Wenns Kriechen dir zu käfrig war.
Der Grottentraum entwachsen ist
Dem Witthoh in der Hegaualb.

Es heißt, es wäre ausgebrannt
Die Hohle, was ein Segen ward,
Statt Fäulnis, Pilz und morscher Grind
Deckt Überwallung, was da falb.
Dem Schmerze ist der Mut verwandt,
Drum zeugt das Leid von hoher Art,
Und solche Art zu schauen, find
Den Witthoh in der Hegaualb.

Die Linde aus dem alten Reich
Und doch so jung, ein Heroldshorn,
Sie scheint mir als der recht Ort,
Da man den deutschen König salb,
Solch Mutterkraft gewährt kein Eich,
So grundig ist kein Eschenborn,
Drum überwind den Gottesmord
Der Witthoh in der Hegaualb.

Vers 42289 bis 42328:

Kapellenlindenbaum

Das Klostergut verschwunden,
Verbrannt ist die Kapelle
Doch wiedergrün aus Wunden
Dreieiniger Geselle
Mit Stammrund sieben Klafter
Erweckt Rekordgefühle
Der stolze Bodenhafter
In Heuhof vor der Hüle.

Von der barocken Mauer
Und Oberamts Geschreibsel,
Sieht auch ein sehr Genauer
Gewiß kein Überbleibsel
Als die verwachsnen Lohden,
Mehr Ries als jede Mühle,
Antaios, stets am Boden
In Heuhof vor der Hüle.

Die düftige Parzelle,
Marien nicht länger Diener,
Verdeckt vor zuviel Helle
Des alten Reichs Schlawiner.
Er reckt die goldne Krone
Und schenkt dem Brandplatz Kühle
Und zeigt, daß alles lohne
In Neuhof vor der Hüle.

Sein Prunken will nicht bitten
Um Schutz und mildes Plappern,
Er sagt, was er erstritten
Nimmt der den Kronenkappern,
Der Herrschaft bringt der Erde
Nicht etwa bloß Asyle,
Nicht ein Museum werde
In Neuhof vor der Hüle.

Nicht mög der Bischof reden
Wie bei dem Pflanzungsfeste,
Nicht kommt der Garten Eden
Vom Schonen tauber Äste,
Der Sintflut möge gleichen,
Was Schlamm herunterspüle
Von den geraubten Zeichen
Und endlich in die Hüle.

Vers 42329 bis 42344:

Ziegelhoflinde

Wie oft hat hier der Blitz gehaust?
Nach nächsten Stum -- was bleibt?
Die Wurzel, der vor keinem graust,
Sie treibt und treibt und treibt.

In Maien reicht das Blätterdach
Zur Erde und verhüllt,
Der starken Äste Abgekrach,
Den Stamm, mit Luft gefüllt.

Im Winter ist der Schwerpunkt ganz
Am Boden wie auf Knien,
Der Sommer aber ruft zum Tanz,
Die Wolken fortzuziehn.

Dies mag der rechte Spiegel sein
Für alles Menschenmühn,
Der Frost schließt unsre Herzen ein,
Doch läßt der Lenz sie blühn.

Vers 42345 bis 42384:

Erolzheim

Ob Wachstum sei das letzte Wort?
Ob Überdauern? streitet nicht,
Wer unverrückbar füllt den Ort
Und seine Narben im Gesicht
So buckelt, daß wie Blasenschleim,
Erscheint, was federn läßt das Beil.
Dem Frohberg setzt in Erolzheim
Die Linde seinen frohsten Teil.

Wie groß sie einst gewesen ist,
Verschweigt das borkige Fanal,
Der Ausblick, leicht erklettert, mißt
Die Winkel all im Illertal,
Dies sei dir neuer Fahrten Keim
Und Vorschau auf die nächste Meil.
Dem Frohberg setzt in Erolzheim
Die Linde seinen frohsten Teil.

Es heißt, daß einst Sankt Nikolaus
Lebkuchen buk im hohlen Bauch,
Es brach ein Teil des Mantels aus,
Daß offenbar die Nische auch,
Nicht ziemt Verborgenheit dem Steim,
Tritt aus dem Laubichtschutz der Zeil!
Dem Frohberg setzt in Erolzheim
Die Linde seinen frohsten Teil.

Nur wer auf jede Deckung pfeift,
Auf ein Gesäusel, das umgarnt,
Nicht meint, daß er das Licht begeift,
Daß ihn der Eichelhäher warnt,
Geht keinem Teufel auf den Leim
Trägt nicht im Aug den Blenderkeil.
Dem Frohberg setzt in Erolzheim
Die Linde seinen frohsten Teil.

Warum ist die Vernarbte froh?
Mehr als ein Himmelstürmer noch?
Sie sucht in keinem Irgendwo
Was längst in ihr zusammenkroch.
Sie fand zu jedem Raum den Reim
Und jedem Hoffen Halt und Heil.
Dem Frohberg setzt in Erolzheim
Die Linde seinen frohsten Teil.

Vers 42385 bis 42501:

Tassilos Traum

I

Daß unter einer Linde
Der Traum kein Märenborn,
Daß Lindenschatten finde
Im Sand das goldne Korn,
Daß man den lind geschneiten
Nachtboten nicht verlacht,
Das gilt seit alten Zeiten
Bei Schlichten wie Gescheiten
Verbürgt und ausgemacht.

Daß unter Lindenblüten
Im Duft, der vieles heilt
Nicht nur die Heiden brüten,
Nicht nur der Albe weilt,
War sicher frommen Rittern
Wie Christus und Marie,
Was schützte bei Gewittern,
Das barg in seinen Splittern
Auch höchste Prophetie.

Drum ist es nicht Legende,
Daß, eines Traums gewahr,
Der Herzog hob die Hände,
Weil Hohes offenbar,
Daß er gewiß nicht säumte,
Zu rufen guten Rat,
Daß alles, was er träumte,
Die Hoffnung nicht verleumde,
Ihm folge nun die Tat.

Ob dies der Baum beweise
Der wie die Hyder fußt?
Es rät die weite Reise,
Daß du im Schatten ruhst.
Wer weiß, wie er dem Schlummer
Nach welcher Zeit erwacht?
Doch unter diesem Brummer,
Scheint dir der Plan kein dummer,
Zu ruhn die ganze Nacht.

Es danken sich Gedichte
Dem Traum wie Kubla Khan,
Daß sich das Dunkel lichte,
Zu wünschen scheint ein Wahn,
Doch wer wie einer Amme
Dem Lindenbaum vertraut --
Ein Mündel in der Schramme,
Die aufgetan im Stamme --
Gewißlich Großes schaut.

II

Der Herzog war mit zweien
Der Treusten auf der Jagd,
Doch schien das Glück zu seien
Die flatterhafte Magd,
So ging der Tag zur Neige,
Den Pfad das Dickicht fraß,
Daß er sich endlich zeige,
Tassilo bog die Zweige
Und setzte sich ins Gras.

Er schaute eine Linde
So fürstlich und so froh,
Daß er sich ließ dem Kinde,
Das fragt nicht wie und wo,
Wenn es im Mutterschoße
Von Fragen noch verschont.
Er wußt nicht, als ins Bloße
Er trieb, daß alles Große
Bescheidenheit belohnt.

Er sprach zu seinen Fergen,
Es sei zu ruhn die Zeit,
Die Jäger möge bergen
Die Lindenhohle breit,
Er halt die erste Wache.
Dies ließen sie nicht zu.
So fand er unterm Dache
Wies sonst nicht seine Sache
Höchst tiefversunkne Ruh.

In seinem Traum drei Quellen,
Kristallen klar und rein,
Sieht er und wie die Wellen
Sich treffen zum Verein,
Wo eine Himmelsleiter
Die Engel gehn geschickt
Zur Linde mit dem Reiter
Und dann durch Wolken weiter
Dorthin, wo Petrus blickt.

Als morgens sie bedachten,
Ob dies ein Fingerzeig,
Ob solcherart Umnachten
Verglüh am Sonnensteig,
Rief einer der Begleiter,
Es könne schaden kaum,
Man such die Quellen heiter,
Und wenn die Suche scheiter,
So wärs halt nur ein Traum.

So ließen sie das Grübeln
Und kämmten durch den Hang,
Denn ärgstes von den Übeln
Ist Zögern allzulang,
Obs lag am Morgenhellen,
Ob dran, daß frisch gewagt,
Sie fanden alle Quellen
Und nämlich an den Stellen,
Die nachts vorhergesagt.

Sie lobten Gott und bauten
Schon bald ein Kloster da,
Daß seinem Angeschauten
Sei Dienst und Demut nah,

Die Linde, Schirm und Pforte
Zu der Vision, die weist
Zu dem geweihten Orte,
Und die noch nicht verdorrte,
Tassilolinde heißt.

Sie wäre fast verschwunden,
Als man das Kloster schliff,
Doch hat sich wer gefunden,
Der in die Tasche griff,
Der kaufte als Privater,
Die Klostermauern freuts,
Den Hain samt visi mater,
Damit das Welttheater
Auch heut der Traum durchkreuz.

Vers 42502 bis 42541:

Burgerweide

Daß einer Lindenbäume liebt
Wie Kinder, wie Geschwister fest,
Ist nichts, was es erst heute gibt,
Zu jeder Zeit sichs sagen läßt.
Bei Wackersberg die Burgerweid,
Da stehn auf straßenfreier Wies,
Elf Linden ungezähmt und breit,
Als stünden sie im Paradies.

Zweihundert Jahre ist es her,
Da kam ein Wandrer hier vorbei,
Den Pilgrim überraschte sehr,
Daß solche Schönheit wirklich sei,
Unruhe plagte ihn sehr bald,
Daß wem das Holz als Münze gelt,
Denn Fäller und der alte Wald
Sind Feinde stets in dieser Welt.

Den Sommer drauf kam er vorbei,
Und in der Tat, fünf Riesen tot,
Daß Schluß mit diesem Frevel sei,
Ein Kreuz er dem Besitzer bot,
Und als der Wandrer fünfzig Jahr
Geworden, die Familie schenkt
Ihm Geld genug, wie nötig war,
Daß keiner mehr die Linden henkt.

Dies Opfer hält bis heute vor,
Die Stämme aus der Vorzeit stehn
Wie Wächter vor dem Himmelstor
Alltäglich fußwegs anzusehn,
Sie zeigen nicht nur eigenhold,
Was uns verlorenging so weit,
Sie zeigen auch, daß Grün vor Gold
Man wählen kann in jeder Zeit.

Wer freilich Aufsicht und Geduld
Auf Spezialisten überträgt,
Und meint, er habe keine Schuld,
Weil er ja niemals selber sägt,
Wer ohne Parkplatz kann nicht sein,
Und meint, die Wiese fromme Kühn,
Der bleib in seinem Kämmerlein
Und wähle auf dem Bildschirm grün.

Vers 42542 bis 42573:

Marinus-Linde

Die Linde den Gemeinen gilt
Als Zeuge wie das Christentum
Einst überwand den Alpenschild
Und schuf das Reich zu Gottes Ruhm.

In Wilparting, heut kaum genannt,
Ein Rest steht eines Riesenbaums,
Den Gläubigen im Bayernland
Gilt er als Zögling dieses Traums.

Marinus kam von Rom ins Land
Und sprach von Christi Kreuzestod,
Auch wie Apostel ausgesandt,
Der uns vertraut in Wein und Brot.

Eh seine Hütte ward vom Groll
Der Alpenslawen angesteckt,
Manch Segen hier geschehn sein soll,
Weil rein er tat und unbefleckt.

Er hätte, sagt man uns, die Lind
Vor dreizehnhundert Jahrn gebracht --
Gleichwohl, was ich zerklüftet find,
Vorgängern alle Ehre macht.

Zwei Blitze, Hagel, Feuersbrunst
Gleich dreimal nahm die Holde hin,
Dies zeigt, welch eine große Gunst
Uns zwischen Isar grüßt und Inn.

Daß das Martyrium früher Zeit
Sich fortsetzt in das schale Jetzt,
Deckt eine Linden-Heiterkeit,
Daran der Höllenzahn sich wetzt.

Der Bischof aller Christenheit
Soll sein, wem nie der Glaube weicht,
Ich nenn dies Weib den Mann der Zeit,
Weil ihren Martern wenig gleicht.

Vers 42574 bis 42609:

Zell

Drei Linden, die vielleicht zum Thing
Gerufen einst auf karger Flur --
Wer nur die Mächtigkeit am Ding
Betrachtet, weiß die Hälfte nur.

Denn Linden sind nicht nur im Stehn
Ausdauernd zwischen Sturm und Brand,
Selbst wo die Stämme ganz vergehn,
Sucht sich die Krone Wurzelland.

Luftwurzeln senken sich hinab,
Wird dünn das Band zu Gaias Nacht,
Eh wer den Born des Lebens kapp,
Sproßbürtig wächst der neue Schacht.

Wenn dann die alte Zeche schließt,
Zusammenfällt zu Luft und Staub,
Das Adventiv den Baum erhält,
Verlacht, daß man dem Scheine glaub.

Am Sekundären sieht man oft,
Wie weit der Stamm war einst gediehn,
So ist dem Weg, den Not verstofft,
Sehr lange Zeugenschaft verliehn.

Das Abseitsstehn vom Mittelmaß
Verrät die Dicke, die zerstob,
Was früher mal der Baum besaß,
Verrät das Alter, das ihn hob.

Wer so die Zeit zusammenschaut,
Mit solchen Spurn und Winken mißt,
Verlacht die braune Schlangenhaut,
Die guten Teiles Maske ist.

Die dünnste dieser Linden drei,
Darum nicht blind für jünger halt,
Sie ward vom Erststamm gänzlich frei
Und freut sich einer Zweitgestalt.

Gar selten strahlt so konsequent
Triumph des Lebens vor dem Stoff,
Wer dieses Bild bei Licht erkennt,
Weiß, daß er nicht vergeblich hoff.

Vers 42610 bis 42657:

Hindenburglinde

Der Feldmarschall aus Posen
Manch Ehrbezeugung sah,
Doch selten ist dem Großen
Ein größrer Zeuge da
Wie hier, wo der Bejahrte
Zum Stutzer wird, zum Knab,
Weil sich das Blütenzarte
Sechshundert Sommer gab.

Die Linde auf der Trade
Im Berchtesgadner Land,
Vertraut es mir als Gnade,
Daß je ich Ramsau fand,
Obwohl sie dreiunddreißig
So national getauft,
Bis heut sich keiner fleißig
Darum die Haare rauft.

Doch blieb nicht ungeschoren
Das Mittelalter-Kind,
Für Parkraum ging verloren
Ein Ast und gab dem Wind
Den Ansatz für den zweiten,
Daß nie die Krone sollt
Sich also mächtig breiten,
Wies dazumal gewollt.

Zwar älter manche Linden,
Auch dickern Stamm man fänd,
Doch schwerlich läßt sich finden,
Was uns der Mythos nennt:
Im Gartenlande wohne,
Ein Lied zu bürgen meint,
Die Linde, deren Krone
Um tausend Mann vereint.

Daß solches nicht Legende,
Vor fünfzehn Jahren noch
Bestaunt ward ohne Ende,
Wie jetzt ein großes Loch,
Daß tausend Mann es schaffen,
In einem Schatten stehn,
Hier konnten sies in Waffen
Und noch ein bißchen gehn.

Der Feldherr hat erfahren
Dies nicht mehr vor dem Tod,
Nicht, was so reich an Jahren
Mehr Kraft und Jugend bot
Als jene, die sich feiern
Im Wirtshaus dort mit Bier,
Und meinen, wenn sie meiern,
Der General sei hier.

Vers 42658 bis 42697:

Faistenau

Sie heißt die Alte Linde,
Und jeder kennt das Holz,
Sie steht gesetzt im Winde,
Und ist des Volkes Stolz.
Wenn andernorts das Treiben
Um Linden museal,
Wird hier Beliebtheit bleiben
Und mehren noch die Zahl.

Ein Bühnenfestspiel drunter,
Die Bank als Glückplatz gilt,
Vorm Kirchbesuch man munter
Schwatzt untem Kronenschild,
Sie fehlt in keinem Wappen,
Namt Flohmarkt und Verein,
Um Zweige hier zu kappen,
Müßt lebensmüd man sein.

Sie prägt die Dorferscheinung,
Jed Lichtbild und Plaket,
Ganz unbekannt die Meinung,
Dies wär ein falscher Staat,
Sie ist so selbstverständlich
Von Wettbewerbern frei,
Wo sonst die Liebe endlich,
Und gilt der neuste Schrei.

Dies nimm als gutes Zeichen,
Daß Spuk und Tollerei
Nicht jeden Ort erreichen,
Der offen steht und frei,
Der Tod und seine Knechte
Asphalt, Beton und Chrom
Ziehn Schneisen wohl und Schächte,
Doch nicht in jeden Dom.

Gib nicht die Schlacht verloren,
Daß alles krank und stumpf!
Wenn König und Ephoren
Die Häupter fieln vom Rumpf,
So floß das Blut zur Erde,
Entzog sich dem Geklag,
Damit sie heilig werde
Und Lindenbäume trag.

Vers 42698 bis 42745:

Die Linde im Gries

Als zur Kreuzzugszeit Legende
Georgs ging vom Leid zur Wehr,
Griff der Drachenkampf die Stände
Als Symbol von Mut und Ehr,
So geschehn im Attergaue,
Siedler das Fanal ergriff,
Und sie sorgten, daß man baue
Erst den Wehrturm, dann das Schiff.

Georgs Lindenwurm, erschlagen,
Galt als Satans Agonie,
Doch den Bildern, die uns tragen,
Eine Deutung reichte nie,
Daß dem Bösen wehrt das Gute,
Rechterdings als Inhalt gilt,
Aber auch, daß Licht dem Blute
Feind, zeigt uns das Georgsbild.

So der Roder vor den Buchen,
So der Müller vor dem Bach,
Ehre unserm Herrn zu suchen
Mensch die Welt gefügig mach,
Ritterlich ist dieses Walten,
Bleibt der Grund im Gleichgewicht,
Eine Grenze einzuhalten,
Übersieht der Reine nicht.

Jenseits dieser wird zum Drachen,
Wer ihm gab den Todesstoß,
Denn der Hölle offner Rachen
Ist zuletzt ein Spiegel bloß,
Und der rundum Selbstgerechte,
Der sich hält für Gottes Schwert,
Ist noch schlechter als der Schlechte,
Dessen Selbstheit er durchspeert.

Älter als das Kirchgebäude
Ist der Lindenbaum im Gries,
Diesem einen Blick vergeude,
Seine stumme Botschaft lies.
Dieser Wurzler gleicht dem Drachen,
Der gespalten ist mit Macht,
Doch aus Zausen und Zerkrachen
Wachsen Blatt und Blütenpracht.

Ist der Gral die offne Wunde,
Draus der Speer verloren ging?
Muß er kommen, daß die Stunde
Der Versöhnung uns geling?
Diese Fragen bleiben offen,
Georg und der Lindenwurm --
Eines ist des andern Hoffen,
Lind im Gries und Kirchenturm.

Vers 42746 bis 42809:

Neuhof in der Steiermark

Die Häuser eine Nummernreih,
Nach Straßen hier die Post nicht geht,
Daß dies längst eingemeindet sei,
Sich heute ganz von selbst versteht,
Der letzten Schul bis Klasse vier
Ward jüngst der Schließbefehl gesandt,
Es ist wie überall auch hier,
Daß in die Städte strömt das Land.

Hier saßen Bauern als umher
Noch Wildnis war auf weiter Flur,
Als wuchs woanders der Verkehr,
Blieb man hier vatertreu und stur,
Und heut kennt nur botanicus
Und Dichters ungelesner Traum
Den Flecken, wo man anschaun muß,
Europas ältsten Lindenbaum.

Die Gegend muß, wer Bäume schätzt,
Als Hochamt fühln, als Jubelpsalm,
Stets in Erstaunen neu versetzt,
Wird dir zur Träumerei die Alm,
Dabei das Urteil nicht verlier,
Kehr schließlich ein und schweig und sieh:
Es zeigt Naturwuchs sich auch hier
Als Ordnung und als Monarchie.

In Übelbach, dem Herrschaftssitz,
Empfiehlt man viel, was sehenswert,
Doch, dies ist ganz gewiß kein Witz,
Der Lindenbaum wird nicht geehrt,
So suchen Dachs und Kauz allein
Die Hohle, wo sie ungestört,
Denn kein Besucher stellt sich ein,
Wenns Werbehorn nicht zünftig röhrt.

Es ist mir recht, wenn Kauz und Dachs
Den alten Rucksack mir zerbeuln,
Hier braucht das Ohr kein Bienenwachs,
Weil die Sirenen furchtbar heuln,
Hier wirbt nicht Zeitung noch Lokal,
Dem Bus die Straßen auszubaun,
Hier blendet nicht der Blitzlichtstrahl,
Um Urlaubsfotos anzuschaun.

Zwar, daß die Lind aus Christi Zeit,
Mag etwas übertrieben sein,
Doch mittelalters trug sie breit
Ein Militär in Karten ein,
Sie sei markant wie weithin keins,
Als alte Bäume gab es viel,
Ein so viel ältres Wort als meins
Tu man nicht ab als Zahlenspiel.

Zu zeichnen, was das Wort nicht fängt,
In diesem Fall ich bleiben laß,
Wens nach genauer Ansicht drängt,
Den Wanderstecken selber faß,

Sie ist, so viel ich maß und sah,
Das Wunderwerk von Stamm und Ast,
Wer stirbt und war noch niemals da,
Hat wohl was Wichtiges verpaßt.

Doch freilich ist nicht ohne Sinn,
Daß so geheim der Omphalos,
Wenn vielem ich gewichen bin,
Dann weil mich großer Lärm verdroß,
Hier lehrt mich die erlauchte Maid,
Daß all mein Wandeln nicht verfehlt,
Denn letztes Wort hat nie die Zeit,
Was letzten Endes wirklich zählt.

Vers 42810 bis 42849:

Frauenstein

Eine Wegscheid ist nicht mehr
Ort für Einkehr, Trank und Rast,
Anders lenkt sich der Verkehr,
Wo der Schuh entbehrlich fast,
Auch beim ältsten Lindenstamm
Kärntens kehrt kein Wandrer ein,
Seiner Blüten Goldgeflamm
Keiner kennt in Frauenstein.

Spezialisten mögen lehrn,
Daß der Baum ein Kleinod sei,
Ihn persönlich zu beehrn,
Sind Termine nicht mehr frei,
Stolz preist das Gemeindeamt
Schaulust selbst im Mondenschein,
Doch die Linde hat verdammt
Zum Vergessen Frauenstein.

Also ist auch hier Solist,
Wer dem Überdauern singt
Und sich nicht der Täuschefrist
Einer Krämerzeit verdingt,
Blütenstaub auf Wams und Haar
Segnet sichtbar Brot und Wein,
Eh die deutschen Laute rar
Südenwegs von Frauenstein.

Wer so viele Linden grüßt,
Groß, bizarr und oftmals alt,
Wer mit Lindenhonig süßt,
Was ihm Lied wird und Gestalt,
Heischt nach Talismanen nicht,
Braucht nicht den Reliquienschrein,
Denn die Krone dem Gedicht
Schattet selbst bei Frauenstein.

Freilich unsrer lieben Frau
Weiht sich der Gemeinde Nam,
Daß man sie leibhaftig schau,
Die Idee wohl keinem kam.
Also schüttel sacht das Haupt,
Wenn die Heimatfreunde schrein!
Wer dem Lindenbaume glaubt,
Bleibt nicht lang in Frauenstein.

Vers 42850 bis 42889:

Am Gartensee

Venetien mag am Ende stehn
Wohin der Lindenduft uns trug,
Wir wollen noch nach Garten gehn,
Dort gibt es keinen Stamm zu sehn,
Jedoch zu träumen gibts genug.

Nicht ruft die Bucht, die Hafenbar,
Nicht Lebenskunst, noch Neuzeitwerk,
Vom weiten schon in Lüften klar
Geschichtenreich und wunderbar
Verholdet uns der Tafelberg.

Die Burg, die unbezwinglich schien,
Ein Steinbruch ist zuviel gesagt,
Wir steigen hoch, um stumm zu knien,
Wo es gefährlich war zu fliehn,
Als Adelheide dies gewagt.

Die Linde, die uns Uhland macht
Zum Einstieg, der ins Schweigen führt,
Zu lang währt ihre Todesnacht,
Kein Hinweis ist mehr angebracht,
Welch Stück vom Himmel ihr gebührt.

Ob Ortnit da im Schlummer lag?
Die Sterne, die es sahn, stehn bleich.
Nicht nur der Lindenwurm, der Hag,
Verloren auch der Göttertag,
Der aus dem Traume zwang das Reich.

Zypressen der Persephone
Sind Totenwächter dicht geschart,
Nachgängerlinden oft ich seh,
Doch hierzuland der Ruf »Vergeh!«
Nichts duldet in der Albenart.

Es mag die frohgemute Schar
Nicht bis ans Meer nach Raben gehn,
Nicht fragen, was da gotisch war,
Denn unser Schmerz ist offenbar
Und angezeigt kein Gnaderflehn.

Gleichwohl kein würdeloses Mühn
Bescheinigt sei der Lindenquest,
Wenn irgendwo ein Herzblatt grün,
Wenn irgenwo noch Linden blühn,
Das andere sich richten läßt.

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