Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Unstrutleuchten - Erstes Buch

So entsenket die Erscheinung des Thuiskon, wie Silber stäubt
Von fallendem Gewässer, sich dem Himmel, und komt zu euch,
Dichter, und zur Quelle. Die Eiche weht
Ihm Gelispel. So erklang der Schwan Venusin,

Da verwandelt er dahin flog. Und Thuiskon vernimts, und schwebt
In wehendem Geräusche des begrüssenden Hains, und horcht;
Aber nun empfangen, mit lauterm Gruss,
Mit der Sait ihn und Gesang, die Enkel um ihn.

– Klopstock

Vers 42890 bis 42913:

U

Dunkelstunde Un und Ur,
Du und Bruderzug im Und,
Äste rufen ins Azur,
Doch du ruhst auf rundem Grund.

Ungeduld umtrudelt uns,
Hungersuppe, Uferdurst,
Unbeschuht flucht Hinzen Kunz,
Knurrend wie ein Hund der Wurst.

Luther, Hutten, Humus, Dung,
Daß was usus sich entpupp,
Duldern in der Dämmerung
Grub der Drud die Drachenschupp.

Uwe, U und Kuppel-U,
Ulmenwuchs auf Sumpf und Ruhm,
Zunderwund und Wundern zu
Trug der Unfug Ubiertum.

Murrend trutzte mancher stur,
Urning nannte Ulrichs schwul,
Doch der Ulf am Umpfen schwur
Kein Gebuhl der Irminsul.

Umlaut sei nicht Luft der Buß,
Knute, Butt und Humpengurt,
Unter Uhuschutz der Fuß
Blutig sucht die Unstrutfurt.

Vers 42914 bis 42985:

Thuiskon

Urdunkel Wald, doch so wie eine Winde
Am Sims sich krallt, daß etwas Licht sie hasche,
Betupft die Laune brütendes Gesinde
Mit Freiheit, die wie Funken in der Asche
Die Flammen uns vorwegnimmt, die das Ende
Und also eine weitre Zeitenwende.

Solch eine Lichtung ist es wohl gewesen,
Die Thuiskon ausgesucht hat, sich zu sonnen,
Im Südland wär von seinem Traum zu lesen
Ein von der Wüste unbezwungner Bronnen,
Allein, im Norden sind die Bäume Herren,
Und Glück, wenn sie den Himmel nicht versperren.

Er träumt, mal lächelnd, aber meist im Kriege
Die Söhne, hart und ungeschlacht am Ringen,
Dazwischen schreit das Mutterglück der Wiege,
Ein Horn von fern, und Heimgekehrte singen,
Er träumt von Fahrt und Fall und hellen Fahnen,
Und was er träumt, ist Schicksal den Germanen.

Sein Name spricht von Zweifel, Zwist und Zwitter,
So sind im Traum die Seelen ihm auch zweie
Hier steht die Ernte und das Fest der Schnitter,
Dort labt sich Tyr an manchem Todesschreie,
Hier Acker, Pferch, Geläut und pralle Euter,
Und dort das Meer, unendlich dem Erbeuter.

Im Anbeginn der Schöpfung ward geschieden
Die Erde, fest für Wurzel wie für Wipfel,
Vom Wasser, daß kein Himmel je befrieden
Uns wird und das sich selbst Genug und Gipfel.
Wer Erde wählt, mag sich vor Gott bescheiden,
Wer See, verlacht, was er und andre leiden.

Weil Thuiskons Stamm von allen Himmelsmächten
Beschenkt, so sind verschieden arg die Taten,
Daß sie Gemeinglück in die Lande brächten,
Die einen froh, die anderen -- Piraten!
Wo die zu Lande Fleiß und Tugend schätzten,
Die andern noch das fernste Volk entsetzten.

Kein Haß ist ärger als der brüderliche,
Nicht gönnt die Frucht dem Bauern der Nomade,
Auf daß ihm Glück und Lauterkeit entwiche,
Kein Streit und keine Lüge sei zu schade.
Und so geschiehts, daß an den Plünderküsten
Die Freien sich zum Widerstande rüsten.

Und Thuiskon träumt -- und jagt dabei den Rappen,
Denn nicht nur, daß die Segler immer flotter,
Der Dampf erlaubt, den Windvertrag zu kappen,
Denn Kohlen hat gar viel der Globetrotter,
Dann schließlich wird die Schraube zum Propeller,
Und kein Gebirge schützt den Bäumefäller.

Dem Bauern ist die Kirche wie die Krone
Ein Dach, das nach dem Sturme auszubessern,
Dem Seemann sind sie Fronende dem Lohne,
Den er verschafft mit Täuschungen und Messern,
Vermag ers mit der List, so nennt ers Handel,
Bei Kriegsglück ists naturbedingter Wandel.

Das Gleichgewicht von Stetigkeit und Beute
Zerbricht, und Thuiskon fuchtelt mit den Armen,
Wer aber wachend, nennt den Umstand Heute
Und betet leis, es mög sich Gott erbarmen.
Die Seegermanen raubten selbst die Seele,
Daß den Besiegten sich das Heil verhehle.

Was ihnen gut, heißt blutbefleckt und Schande,
Was ihnen recht, heißt eitel und verstiegen,
Sie sehen selbst sich als verruchte Bande,
Und ihre Wehr als Süchtigkeit nach Kriegen,
Sie wirken eifrig, selbst sich zu verhindern,
Und fürchten bloß, daß Qualen sich vermindern.

Wenn Thuiskon nun von solchem Alp erwachte,
So wärs, daß ihn das Nachtgesicht beherze.
Das Zwiegesicht, das die Geschichte machte,
Grinst ihm als Abgrund von finaler Schwärze.
Er schüttelt sich, gequält von Kleiderläusen,
Und weiß, daß nun sein ganzes Herz in Preußen.

Vers 42986 bis 43033:

Yggdrasil

Esche, fruchtbar, zäh, gewandt,
Holzgewordne Willenskraft,
Wurzelnd noch im kargsten Stand
Bis der Weg zum Licht geschafft,
Macht sie jung kein Schatten zag,
Doch es heißt im neunten Lenz,
Daß sie Neider nicht ertrag
Und den Raum zum Kreis ergänz.

Uralt wird sie nicht, doch ziehn
Zwölf Geschlechter in die Nacht,
Eh ihr Sonne nicht mehr dien,
Eh sie ihren Tag vollbracht,
Hoch und herrlich ausgestreckt,
Schütter hie in herbem Stolz,
Hütet sie, was in ihr steckt
Biegsam wie kein andres Holz.

Mag die Eiche härter stehn,
Ist sie sorgenreich als Kind,
Auch die Buche kann erst gehn,
Wenn die Eschen zahlreich sind.
Die geflügelt trägt die Nuß,
Weiß sich Dämmer nah und Traum,
Weil sie groß vorangehn muß,
Heißt sie uns der Weltenbaum.

Ehr Getier als Herbstgestürm
Drohen Kern und Borkenhaus,
Nager, Nister, Neidgewürm,
Motte, Käfer, Pilz und Maus.
Wulst und Zwiesel, Narbe, Grind --
Ob sich je die Wunde schließt?
Diesem Baume Orden sind
Scheiben, die man sonst beschießt.

Wo das Volk noch ungeschlacht,
Ist der Baum ihm Held und Ahn,
Der viel tiefer in die Nacht
Ragt, der Moder, Rausch und Wahn
Seine offnen Glieder bot,
Nicht wie wir in Licht und List,
Dem, was lebt und was schon tot
Nicht so streng geschieden ist.

Und der Baum als erster wuchs,
Eh das Eichhorn macht ihn bunt,
Himmelskind, die Erde trugs,
Einsam, groß, beherzt und wund --
Banner, Säule, Richter, Recht
Sonnenuhr und Schattenspiel,
Schirmer überm Weltgefecht
Und geheißen Yggdrasil.

Vers 43034 bis 43096:

Kaiserhymne

Hochherzig sing dem Traum,
Wund wie ein Eichenbaum,
Blitzschwarz versehrt!
Wehe wem Trug behagt,
Wie Meister Eckhart sagt:
Was dir das Leiden wagt,
Wagt sonst kein Pferd.

Blender und Teufelein
Wollten die Müh befrein
Von Adams Fluch,
Aber geschrieben steht,
Ob auch der Wind sich dreht,
Wer mit dem Heiland geht,
Ihn leblang such!

Tatkraft und Waffenruhm,
Ohne das Christentum
Gleichen sie Tand.
Lobpreis dem Herrn gebührt,
Der uns die Flamme schürt,
Und unsre Schritte führt
Ins Vaterland.

Wenn wir verwunschen sind,
Würdelos siech und blind,
Fürchte nur Gott!
Wo aber Frevlermut
Austrat die Herzensglut,
Sanken auch Blut und Gut
Ins Herbstgerott.

Doch der den Tod besiegt,
Phoenix aus Asche fliegt,
Grünt schwarzen Stamm.
Wölfe und Löwen nicht
Halten zuletzt Gericht,
Denn für den Endsieg ficht
Das Opferlamm.

Peter und Paul im Zwist,
Der das Lebendge ist,
Schätze nicht tot!
Palme und Petri Stuhl
Immer bei Urd und Uhl
Gotisch die Irminsul
Österlich loht.

Jedes Volk erdenweit
Sucht sich die Herrn der Zeit
Anderen Staats,
Deutschen von Sleipner stieß
Gott in das Karstverlies,
Als der Erstaunen hieß
Purpur-Ornats.

Was dir der Orient weiß,
Deute in unsern Kreis
Nordisch und hold!
Schau, was den Ahorn krönt,
Prunkend den Herbst verschönt
Und mit dem Tod versöhnt
Durch Blut und Gold.

Dies ist ein Lied nicht nur
Oder verwehte Spur,
Fruchtlose Saat.
Du darfst dir sicher sein,
Hörst du auch Raben schrein,
Unter dem Kyffgestein
Wacht Monsalvat.

Vers 43097 bis 43180:

Reim

I

Wie die Katz mit ihrer Maus
Sich im langen Spiel versäumt,
So probiert die Worte aus
Jedes Kind, das spricht und träumt.

Ohne Arg und ohne Ziel,
Reiht es Laut an Laut, dem Klang
Lauschend, und daß der gefiel,
Schürt die Lust am Sprachgesang.

Es verblüfft, wenn Reimerei
Manchmal sich vernünftig sagt,
Solcher Fund wie nebenbei
Seltsam aus dem Spiele ragt.

Dabei fällt dem Kinde ein,
Daß auch Regeln oft so gehn,
Daß der Klang im Wiederschein
Läßt sie im Gedächtnis stehn.

Aber auch verbotnes Wort,
Dems genug, daß man es denkt,
Schätzt den leergebliebnen Ort,
Den der freche Reimer schenkt.

Nirgends sind Verstoß und Norm
So verschlungen wie im Reim,
Jedes Alter führt die Form
In der Kindheit Gärten heim.

II

Reim ist Kindern allgemein
Wie die Lust am Honigtopf,
Ob er holprig oder rein,
Ob er sich erhält im Kopf,
Muß er laut gesprochen sein
Mit Gestampf und mit Geklopf.

Reim ruft Rat, nicht umgekehrt,
Rede, die zum Punkt noch frei,
Pusteblume unbeschwert
Folg der Wolkenlämmer Reih!
Doch der Kindheit bleibt verwehrt,
Daß ihr Spiel von Dauer sei.

III

Wenn die Knabenstimme bricht,
Achseln sich und Scham behaarn,
Leiden Sinn und Angesicht
Neue Wünsche und Gefahrn.

Hohes Wort und Ideal,
Flunkern oder Protzerei,
Wer nicht hat die Qual der Wahl,
Ruft auch gern den Reim herbei.

Freilich ist viel schärfer nun,
Er getrennt in bittres Blut
Oder Wort in Flügelschuhn,
Das auf Traurigkeiten ruht.

Mädchen, die im Album still,
Mühen meist die Konvention,
Doch der Kerl, der siegen will,
Setzt auf seinen eignen Ton.

Reimerei taugt kaum dem Hahn,
Doch dem Maulwurf und dem Specht,
Nicht erfunden ward der Wahn,
Dem er Esel nicht und Knecht.

Doch wer seinen Dienst verschmäht,
Wenn er rast wie später nie,
Fragt im Alter sich zu spät,
Wo der Kern der Harmonie.

IV

Daß zu sagen ist, was sei,
Reife erst verfügt als Muß,
Obs geschieht mit Reimerei,
Sagt der Oberlauf dem Fluß.

Wenn die Fracht zu laden steht,
Zimmert nur an Kiel und Rumpf,
Wer dem Wind, der mächtig weht,
Wie ein Grabstein kalt und stumpf.

Wer den Bart sich abrasiert,
Wird nicht wieder Bub im Herz,
Wer da Schild und Schwert verliert,
Suche nicht im Berg das Erz.

Jugend setzt den Kontrapunkt,
Alter orchestriert und füllt,
Minnelied, das kratzt und prunkt,
Hat ein Meister nie zerknüllt.

Wer den Rausch des Blutes pries,
Höllen reimte des Verzichts,
Schildert auch das Paradies
Oder das Gesetz des Nichts,

Denn noch vor dem Minnesang,
Setzt ein Garten das Vertraun,
Und der Jugend Formenklang
Läßt zuletzt die Kindheit schaun.

Vers 43181 bis 43244:

Atlas

Ist die fünfzig überschritten,
Bleibt nicht länger selbstverständlich,
Daß nach Knab und Mann dem dritten
Sei die Reimerei unendlich.
Waren Deutung und Fanfare
Gar ein Holzweg für den Dichter?
Seis, daß Gott sich offenbare
Schlanker und im Herzen schlichter?

Macht die Herrschaft des Gedankens
Den Prophet zum Katecheten?
Fehlt das Schwergewicht des Schwankens
Den Gedichten und Gebeten?
Fehlt dem Dichter, der die Zeiten
Anzuklagen sie durchforstet,
Kraft, die Schwingen auszubreiten,
Weil er nicht als Türmer horstet?

Jugend findet das Gemeine
In der Steigerung des Rausches,
Unzufrieden Zahn und Beine
Übers Maß des Rollentausches --
Sind verderblich das Bewußte,
Lesefrucht und Kampferfahrung?
War der Tor, der singen mußte,
Reiner in der Offenbarung?

Schaudern macht die Bücherreihe
Stets die Frage, was sie leiste.
Daß die Fülle uns befreie,
Glaubt nur, wer da arm im Geiste.
Bürden häufte, wer sich schindet,
Wer sich windet, Pfeil getroffen,
Daß das Goldne Korn er findet,
Wagt er nicht im Traum zu hoffen.

Doch der Samen, der zu keimen
Anhebt, kann sich nicht behalten,
Wer bewahren will in Reimen,
Muß ein Wörterbuch entfalten.
Wer durch Licht und Finsternisse
Hofft, daß ihn das Muster trage --
Ob zuletzt das Selbstgewisse
Auschlaggebend sei der Waage?

Herakliden, Augiasställe
Räumend mit Brachialgewalten,
Musen zögern, schon der Schnelle
Wegen, solches auszuhalten.
Auch Niobe weiß zu klagen
Um den Zwiespalt, der im Segen --
Und wer weiß schon, was wir wagen,
Wenn wir bloß die Hände regen?

Aber Atlas wird nicht murren,
Wenn der Sieger ihn versteinert,
Daß ein Bündel festzuzurren
Die Gewichtigkeit verkleinert,
Glauben nicht mal Schmetterlinge,
Die verrieten ihr Zuhause,
Und der Stimme, daß sie singe,
Not ist nur die Atempause.

Wer sie weiter, wer sie heller
Führt zu himmlischeren Tönen,
Mag dies Lied als Zechenpreller
Und als Hochgestapel pönen,
Aber eh solch Laut zu hören,
Orphisch selbst die Tiere weinen,
Wird sich erdenschwer empören,
Atlas, der besteht aus Steinen.

Vers 43245 bis 43316:

Unstrut

Um breite und mächtige Wasser,
Den Indus, den Ganges, den Nil,
Geschichten vergeßner Verfasser
Erzählt man und weiß man gar viel,
Berühmter doch als diese Wuchten
Sind Flüsse, die keiner noch sah,
Doch fühlst du in traumklammen Schluchten:
Sie alle sind wirklich und da.

Den feurigen Phlegethon spüren,
Den Kokytos, stygischen Frost...
Auch wenn wir es niemals erführen,
Im Blute doch läge die Kost,
Doch mehr als der lichten Kroniden
Beeiden, berührt uns die Kraft,
Die Lethe im Trunke beschieden,
Daß alles Erinnern erschlafft.

Ein Weiser erzählte vom Bache,
Deß Wirkung zum Lethestrom paßt,
Er lösche dem Autor das Wache,
Wer denn seine Werke verfaßt,
So dürfe er fürder betrachten,
Geschmeichelt nicht oder beschämt,
Das Eigne im Göttlich-Gemachten,
Von keinerlei Zweifel gelähmt.

Für Eitle ist dieses ein Schrecken,
Für Sucher Erlösung und Heil --
Denn liegt nicht der Zweck hinter Zwecken,
Man werde vom Ganzen ein Teil?
Ist Lethe womöglich zu deuten
Als Bild etwas weiter gedacht,
Das Eigne vom Wahne zu häuten,
Es werde von Willkür gemacht?

Das Rätsel, welch schimmerndem Lichte
Sich alles Erfahrne vermähl,
Wenn uns in der ganzen Geschichte
Die eigene Rolle nicht zähl,
Es lockt uns wie jegliche Schwelle,
Darüber ein schweres Verbot,
Doch rütteln nicht feurige Helle
Noch finstere Wasser am Tod.

Doch mögen uns Trinken und Taufe
Bestärken, es walte durch uns
Ein Los, das nicht ungeführt laufe,
Das Ruhe und Hast nicht verhunz,
Und das uns beschenkt mit Vertrauen,
Daß wir ohne Greinen und Groll
Uns selber als Schnittervolk schauen,
Das alt, wenn der Heuschober voll.

Denn Lethe heißt wörtlich Verborgen --
Was endlich der Fluß wohl verbirgt? --
Die Furcht und die Reue, die Sorgen,
Was klammernd und kleinhaltend wirkt.
Als Gegenteil sprechen die Alten
Die Wahrheit, die so sich befreit,
Denn sie wird im Käfig gehalten,
Wo herrschen Verdienste und Neid.

Wer liebte im Reiche der Buchen,
Als Knabe den Baum als Versteck,
Wird Lethe im Orient nicht suchen,
Weil Datscher ihm flutet mit Neck,
Wo Strudel verneint nicht die Muhme,
Wenn Un wie beim Wetter sie mehrt,
Dort tränkt ihm die Unstrut die Krume,
Und weiß, was den Wachen beschwert.

Er sucht nicht Ariele und Baale,
Noch Schiwa als goldne Monstranz,
Das Wasser als universale
Ist eigner als jede Substanz,
Auf daß ihm die Sünden vergeben,
Der Glaube zuletzt ihn nicht laß:
Der Fluß, der dem Lande das Leben,
Dem Tode sei Brücke und Paß.

Vers 43317 bis 43530:

Unstrutleuchten

I

Traut und trutzig träumt die Muhme
Schlingernd zwischen Kyff und Finne,
Daß zu unserm Königtume
Sich der Wind der Zeit besinne.

Algenschuppig glänzt im Dunkel
Schlick, als wenn erstickt er schriee,
Und des Flusses Urgefunkel
Glimmt bis Wangen wie bis Wiehe.

Wo der Pilgrim rafft die Kutte,
Schmeckt gewittrig süß die Birne,
Dem Habit der Hagebutte
Sinds am Himmel die Gestirne.

Mulmig ist dem Wurm zumute,
Schwelgerisch dem Butterflieger,
Trug der Schuh die Spur vom Blute,
Zeigt das güldne Haar den Sieger.

Vor dem Blau, darin das Bunte,
Sei dir Ungeschürftes lieber,
Unter Ulmen fußt die Lunte,
Pilzig fingernd wie ein Fieber.

Was dem Unhold bloß Rotunden,
Glitzerspitzen, Chrysolithe,
Hat die Heimlichkeit gefunden,
Daß erfüllt die Herzensbitte.

II

Diese Wasser sind ein Schwur,
Es verrottet nicht im Feuchten,
Was aus der Gestaltung fuhr,
Ganz im Eigenen zu leuchten.

Diese Wasser sind so schwer,
Daß nicht ihr Geheimnis faßte,
Wer mit Mühlenrad und Wehr
Sie in seine Kreise paßte.

Diese Wasser weiß der Schwan
Und er weiß sie auch zu singen,
Doch erfunden ward kein Wahn,
Ihn in eine Fron zu zwingen.

Dieser Wasser dunkler Schwall
Trägt im Dunst vertraute Muster,
Doch in Zeiten von Verfall
Bleibt der Reim ein unbewußter.

Dieser Wasser heller Schwung
Ist allein bestimmt dem Sänger,
Der in jeder Dämmerung
Sich begreift als Wiedergänger.

III

Was Odin die raunenden Raben,
Was Bienen im Stocke die Waben,
Brahmanen die heilige Kuh,
Ist uns, daß wir heilsam uns laben
Und Hoffnung zum Widerstand haben,
Die Unstrut, das fließende U.

Wie Geistern des Salomo Siegel,
Narkissos am Weiher der Spiegel,
Dem Liebenden ewig das Du,
Dient uns als die Butter im Tiegel,
Dem Hause als Mörtel am Ziegel,
Die Unstrut, das fließende U.

Wen suchen im Dunste die Dichter?
Wem brennen alleenweis Lichter?
Wer nickte dem Täter, er tu? --
Für Gründer, Verwalter, Vernichter,
Bleibt immer derselbe Gewichter
Die Unstrut, das fließende U.

Wo gibt sich das Doppel im Halben?
Wo müssen die Gleißner verfalben?
Wo lächeln die Schatten uns zu?
Wo lehrten uns Riesen und Alben
Den König mit Wasser zu salben
Der Unstrut, dem fließenden U?

Wann war dies und warum vergangen?
Hat sich die Geschichte verfangen,
So blieb doch ein Erstes tabu.
Die Netze, nach denen wir langen,
Sind Wellen, vor denen wir bangen,
Der Unstrut, die fließendes U.

Womit auch der Geist uns beglückte,
Und was unsre Augen entzückte,
Was Flügel vermachte dem Schuh...
Vernunft und das gänzlich Verrückte:
Die Schalen der Waage bestückte
Die Unstrut, das fließende U.

Weil immer, wo deutsch man zu sprechen,
Sich traut, den gerodeten Flächen
Ein Heiltrunk alleine gibt Ruh,
So wag dir, gilts auch als Verbrechen,
Zum Preislied dich laut zu erfrechen
Der Unstrut, dem fließenden U.

Wenn auch deine Stunde im Sinken,
Die Schnitter am Strome dir winken
Und sagen, die Weisheit sei Schmu,
So glaube dem wogenden Blinken
Und müh dich, den Balsam zu trinken
Der Unstrut, die fließendes U.

IV

In der Nacht, am Tage
Und bei Lob und Klage,
Treu uns bis zum Schluß,
Wem zur Lust die Waage
Welche Lasten trage,
Leuchtet doch der Fluß.

Wo nicht taugt der Flitter,
Schmeckt die Kruste bitter,
Hart ist jede Nuß,
Durchs Gefängnisgitter
Zum Gesang der Schnitter
Leuchtet doch der Fluß.

Gilt als Wahrheit Lüge,
Wird das Lob zur Rüge
Und zum Minus Plus,
Daß er gleichwohl trüge
Noch in fernste Flüge
Leuchtet doch der Fluß.

Wenn da Nadelspitzen
Niedertracht verspritzen
Kind und Greis als Muß,
Durch die Mauerritzen
Und im Waffen-Blitzen
Leuchtet doch der Fluß.

Wer da schaut gerechter,
Wird der Lehr Verfechter,
Daß aus einem Guß,
Was da besser, schlechter
Ausschaut, wo dem Wächter
Leuchtet doch der Fluß.

Grad als Leckerbissen
Hat uns hingeschmissen
Gottes Meisterschuß
Diese Au, zu missen
Nie, und dies zu wissen,
Leuchtet doch der Fluß.

Um mit Haut und Haaren
Deutsches zu erfahren,
Deutschheit omnibus,
Dies zu offenbaren
Und der Welt zu wahren
Leuchtet doch der Fluß.

Daß aus diesen Schlingen
Größere gelingen,
Manchem schuf Verdruß,
Doch wir werden singen:
Wenn wir untergingen,
Leuchtet doch der Fluß.

Wer von ihm umnebelt
Weder marxt noch bebelt,
Spürt den Dunst als Kuß,
Solcher selbst geknebelt
Darbt nicht ausgehebelt,
Leuchtet doch der Fluß.

V

Hier am Ufer stand der Recke,
Der erfocht ein freies Land,
Und die Welle wies die Strecke,
Daß er guten Mutes stand.

Sie vertraut mit jeder Stunde,
Daß sie grüßte jeden Sohn,
Doch das Urteil fiel im Schwunde,
Wo die Freiheit und die Fron.

Doch wenn einer sich benetzte
Seine Stirne mit dem Naß,
Jede Sehne sich entsetzte,
Daß regieren Lug und Haß.

Und sein Auge würde leuchten
Wies die Unstrut tut seit je,
Würde ihm das Herz befeuchten,
Daß er immer weiter geh.

Denn ein Mann ist nicht zu halten,
Wenn er weiß, was frei und recht,
Und die Hände weiß zu falten,
Daß sein Glaube rein und echt.

VI

Gelobt sei dem Strome der Ahnen,
Den Schichten, die Zeitalter decken,
Erhört sei das Raunen und Mahnen:
Wir werden uns nicht mehr verstecken.

Erfahrn sei die Macht des Entschlusses,
Dem Jammer sich nicht mehr zu fügen,
Wir tragen die Klarheit des Flusses
Und zeihen die Schwindler der Lügen.

Mit Unbill und auch mit Geschenken
Versucht man am Rechte zu deuteln,
Doch gilts mit dem Blute zu denken
Und nicht wie der Wucher mit Beuteln.

Wir schlugen so furchtbare Schlachten,
Doch furchtbarer sei uns das eine,
Zu sehn, daß wir selber es machten,
Daß kraftlos die Arme und Beine.

Die Lüge glaubt nur, wer mit Lügen
Verständig will umgehn im Hoffen,
Sie könnten dem Segen sich fügen,
Blieb man für Erfahrungen offen.

Solch Irrtum erliegt, wer sich feige
Dem Wahn läßt, es ginge auch leichter,
Als so, daß stets Mühe sich sich zeige
Am Stand, der ein mühvoll erreichter.

VII

Wie die Unstrut fließt und fließt,
Ist das Reich kein Minnegarten,
Wo die Frucht der Freiheit sprießt,
Halme auf den Schnitter warten,
Wer die Freiheit auf sich nimmt,
Sucht die Schwielen selbstbestimmt.

Nicht als Vorteil, Urlaub, Lohn,
Wiegt Germania ihre Hüften,
Nicht, daß ein verwöhnter Sohn
Tut genug, den Hut zu lüften,
Schafft sich die Rechtschaffenheit
Aun und Höhn, die himmelweit.

Schändlich ist Schmarotzerei,
Schändlicher der Zwang zu betteln,
Und getilgt das Laster sei,
Solche Laster anzuzetteln,
Doch der Faulste gelte gut,
Vor der Mißgunst bösem Blut.

Gottvertraun und Augenmaß
Richte gegen Neid und Eifer,
Was kein Mensch der Welt besaß,
Macht auch unsre Welt nicht reifer,
Freu dich, wenn du fruchtbar siehst,
Wie die Unstrut fließt und fließt.

Vers 43531 bis 43646:

Quellen-Gesang

I

Wie es anfing willst erlauschen,
Wos verfällt und herbstlich fahlt?
Ewig dir im Quellenrauschen
Ungeborgt der Schöpfer zahlt.

Der Tokayer, der Burgunder
Stehn am End mit sanfter Ruh,
Doch allein das Quellenwunder
Ruft dir aus dem Frühtag zu.

Wenn der Zweifel dich entblutet,
So betäub ihn nicht im Wein,
Wird dir Schrecken zugemutet,
Springt die Quelle aus dem Stein.

Darum such sie unverzüglich,
Das Geröll durchfurch dein Schritt!
Sind sonst alle Omen trüglich,
Dieses bringt Gewißheit mit.

Ob im Dünwald, ob im Fichtel,
Zu den Quellen führ die Bahn!
Wo vom Silber weiß der Wichtel,
Ist das Gold kein leerer Wahn.

II

Der Geist über Wassern --
Ist dies nicht der Quell,
Der Lieder-Verfassern
Den Ton macht so hell?

Der Frühling des Jahres --
Nennt Lenz man nicht Spring,
Weil ganz Offenbares
Erzählt, es geling?

Zwar sagt dir die Tiefe
Den Dunkelton Born,
Doch heißt es, wer schliefe,
Erwache im Zorn?

Verwunschen die Adern
Im Steilhang, verwaist,
Wo Gruftspalten hadern,
Entsprudelt der Geist.

III

Der Nutznießer lobt, was ergiebig,
Nennt Schüttung und Gleichmaß und Druck,
Dies scheint mir, als mäßen wir Liebig
An Knallsilbers Flammengezuck.

Betrachten wir Kindheiten länger,
Das Mannswerk ist stets mit dabei,
Wer alles die Fruchtbarkeit schwänger,
Die Summe der Taten gibt frei.

Drum miß an der Quelle nicht Wärme,
Acht nicht, ob der Finder ein Held,
Und daß wer von Heilungen schwärme,
Sei nur eines Augenblicks Zelt.

Den Fluß, den die anderen tränken,
Daß groß und bedeutend er schwell,
Und wie die Gebirge ihn lenken,
Ist ganz schon enthalten im Quell.

IV

Zum Quell gehört der Name,
Die Tauf, der Sonnenblick,
Wie der gesprengte Same
Hineinsproßt ins Geschick.

Er mag von Lieb und Flimmern,
Von Ehr und Wehmut gehn,
Er mag für Arche-Zimmern,
Für Acht und Ahndung stehn.

Ob Groll uns droh im Dunkeln,
Das Boot die Schleuse spür,
Untiefen nächtlich funkeln,
Der Name steht dafür.

Dem Grafen und dem Fürsten,
Dem König kommt er zu,
Dort der, nach dem wir dürsten,
Führt doppelt tief das U.

Die Unstrut reicht der Rhume
Am Quell das Wasser nicht,
Doch unserm Königtume
Wäscht sie das Angesicht.

V

Wo sich das Dunkle silbert,
Wo Lust aus Tiefen sprüht,
Wo sich die Hitze mildert,
Die sommers hat geglüht,
Wo Tieren, die sich tränken,
Manch Tropfen glimmt im Fell,
Beschämt das Tun, das Denken
Die Heiligkeit am Quell.

Der Trinker preist die Reben,
Doch wer am Quell sich labt,
Der spürt, wie ihm vergeben
Der Wams, der abgeschabt,
Die Schuhe, ausgetreten,
Der Füße Wundgeschwell
Und was da sonst erbeten
Die Heiligkeit am Quell.

Manch Quelle nennt man heilig,
Nicht jede zeigt sich klar,
Mal sumpfig und mal eilig,
Doch immer wunderbar,
Ob sie ein Hang belohne,
Ob eine Lichtung hell --
Sei sicher stets, es wohne
Die Heiligkeit am Quell.

Ob du sie oft besungen,
Nicht meide dies Geklüft,
Denn bist du vorgedrungen,
Sind Aug und Ohr verblüfft,
Die Silberin des Lebens
Vor Walknut und Triskell
Zeigt das Gebot Vergebens:
Die Heiligkeit am Quell.

Und ist dir nicht geläufig,
Wer solcherart entspringt,
Trink gut und horche häufig,
Was dieses Murmeln singt.
Die Erde reicht die Wunden
Dir hin, der Winds Gesell --
Auch dich hat eingebunden
Die Heiligkeit am Quell.

Vers 43647 bis 43686:

Keffer

Die Borne Maus und Esche
Vermehrn im Dorf die Maid,
Im Garten Kinderwäsche
Kuhfladen auf der Weid.
Sei auf dem Eichenfelde
Des Hochmuts Segelreffer,
Kein Jägerhorn dich melde
Auf dem Geröll am Keffer.

Noch stiller wirds am Hange,
Verwaist der Unterstand,
Du wandertest schon lange
In Thuiskons Wurzelland,
Goldammer ruft die Sichel,
Doch nirgends ein Gedeffer,
So frühe schläft der Michel
Auf dem Geröll am Keffer.

Drei Wächter auf der Mauer
Spitzbogen als Portal,
Das Moos bezeugt, daß sauer
Der Weg ins sanfte Tal.
Nur morsche Steine zeigen,
Daß hier der Has im Pfeffer,
Mit Flöten kommt der Reigen
Auf dem Geröll am Keffer.

So wähl die schlichte Strophe
Für die Geburt, geschaut,
Noch bist du nicht am Hofe,
Wo Pferdewiehern laut,
Es droht vor Tag den Muckern,
Die winselnd weckt der Kläffer,
Kein Brodeln und kein Gluckern
Auf dem Geröll am Keffer.

Dir nebelt kurz die Stirne
Das Lied, das hier entspringt,
Doch eine wilde Birne
Auf den Geschmack dich bringt.
Mag alles stehn und schweigen,
Du weißt: Dies ist ein Treffer.
Drum willst du dich verneigen
Auf dem Geröll am Keffer.

Vers 43687 bis 43764:

Kanonenbahn

I

Vom Berliner Raum nach Metz
Klaffte auf dem Eichenfeld
Bös ein Loch im Schienennetz,
Das strategisch Rang erhält.

Lothringen und Elsaß fest
An das Reich zu binden, schuf,
Wie sich hier bewundern läßt,
Deutscher Tüchtigkeit den Ruf.

Denn Eschwege, Leinefeld
Bindet nicht nur Schienenstatt,
Mit sechs langen Tunneln hält
Sich der Baukunst Lorbeerblatt.

Auch die Viadukte, kühn,
Aber gotisch deutsch gespannt,
Werra, Westerwald und Dün
Zeigen ein befreites Land.

Die Besatzer legten dreist
Stacheldraht ins Reichsgebiet,
Wer da wanderte, sah meist
Bloß den Weiser: Grenzgebiet.

Als die Straßensperren fieln,
Wurde zügig stillgelegt,
Was uns einst zu höchsten Zieln
Hat befähigt und bewegt.

II

Läßt du die Unstrut dich führen,
Sieh schon das Quelldorf bebrückt.
Lob soll dem Meister gebühren,
Dem diese Bögen geglückt.

Wandersmann, schreibt man uns, preise
Lieber die Retter des Baus,
Sprengtruppen drohten dem Gleise,
Und dieser Brücke das Aus.

Als uns der Krieg auch zu Lande
Austrieb aus Hütte und Schloß,
Zündelte, heißts, eine Bande,
Die letzte Kugeln verschoß.

Sprengung macht unwiederbringlich!
Seufzt man und lehnt sich zurück.
Niemals mehr ist es erschwinglich,
Daß so ein Bauwerk wem glück.

Frage: Warum ist gestorben,
Kraft, die einst tausendfach schuf?
Antwort: Das Volk ist verdorben,
Nicht nur sein goldener Ruf.

Nie haben Sprengungsbefehle
Dauernd das Anschaun zersetzt,
Doch wenn das Volk seine Seele,
Und seine Ehre verletzt,

Kann es geschehen, daß tote
Dinge wie Rabengekrächz
Dauern als Denkmal, als Bote
Eines verlornen Geschlechts.

Wären die Bögen gespalten,
Sprächen die Trümmer von Wehr,
So aber schauen die alten
Nichts als verlorene Ehr.

Glaubt ihr, o Toren, man grenze
Not oder Pein durch Verzicht?
Krieg ist und schon hundert Lenze,
Ob ihr es wißt oder nicht.

III

Kanonen schmolz man ein für Schienenstränge,
Die Tunnel schmückt der Steinmetz mit Granit,
Die Unstrut hört am Quell schon die Gesänge
Der Toten, was das Vaterland uns litt.

Und doch sie sprudelt und sie wird auch sprudeln,
Wenn deutsches Wort als ausgestorben gilt,
Wenn wir uns so mit Völlerei besudeln,
Daß sie uns ängstigt mit dem Spiegelbild.

Und ihr Gesprüh nährt Eichen, Buchen, Linden,
Solang der Herr die Sonne scheinen läßt,
Und drunter werden sich die Herzen finden,
Die mutig werden, hoffnungsfroh und fest.

Sie werden dieses Land vom Bann erretten,
Den nur ermessen kann, wer schuldfrei liebt,
Den Tod hat überwunden, der die Ketten
Der Welt zerbricht, als er am Kreuz vergibt.

Vers 43765 bis 43788:

Am Kerbschen Berg

Zweihundert Linden linkerhand,
Die Kirche rot mit Schieferdach,
Als sie in alter Flur entstand,
Ward ein schon fast Vergeßnes wach.

Die Neu-Romanik ist kein Spiel,
Nicht Ausflucht aus dem Zeitgeschäft,
Denn Wiederkehr ist jeder Stil,
Und Treue ist nicht nachgeäfft.

Sind Wesen Tunnel, Brücke, Haus,
So ist Gestalt nicht nur Funktion,
Wer Heimat will, gestaltet aus,
Daß überall der Segen wohn.

Daß dazu man Geschichte braucht
Und Lieb zu jedem Teil der Statt,
Nur mißversteht, wer ausgehaucht
Den Atem allen Lebens hat.

Die Katz ahmt nicht den Tiger nach,
Ob auch die Ähnlichkeit uns neck,
Wems nicht an Meisterschaft gebrach,
Erkennt im Ornament den Zweck.

Die Mäkelei der Nachkriegszeit
Von Schwäche abzulenken hofft
Und auch vom Kult der Häßlichkeit,
Den neurer Kirchenbau verstofft.

Vers 43789 bis 43836:

Orgelmühle

Für Wind brauchts einen Mühlenbock,
Für Wasser Schöpfrad, Graben, Wehr.
Was diesen Namen so barock
Gemacht hat, weiß hier keiner mehr.
Schon hundert Jahr die Wasser hier
Forellen mästen, die man brät,
Da braucht man keine Orgelzier
Und Reste nicht vom Mahl-Gerät.

Ganz nahebei die Große Mühl
Die lief noch, bis der Westen kam,
Daß sie das Unstrutwasser spül,
Recht langen Weg der Graben nahm.
Wer die verlaßnen Reste schaut,
Staunt ob der Müh, die planvoll schuf,
Und meint zu hörn die Müllersbraut
Und ihren liebestrunknen Ruf.

Du wanderst froh durch Dingelstädt,
Gerichtsplatz erst, dann Markt und Amt,
Die Schaulust glatt vergessen hätt,
Woher auch dieser Reichtum stammt.
Die Wüstung ist ein altes Wort,
Ein Flecken macht die Dörfer platt,
Und er bebaut zum größern Ort,
Was andern er genommen hat.

Nicht erst die Metropole schlingt,
Was Hufe, Weiler, Einöd war,
Das Dinggesind auch selber dingt,
Und manches Trumm mit Haut und Haar.
Die Chronik sieben Dörfer nennt,
Die ums Gericht versammelt einst.
Fragst du, was keine Karte nennt,
Bleibt rätselhaft, was du wohl meinst.

Drum, wenn ein Name ohne Sinn
Dir leuchtet, halt ihn heilig dir,
Denn angedeutet wird darin,
Das wahre Reich sei nicht von hier.
Wo immer conservare setzt
Zäsur, ein Strohhalm ists im Fluß,
Geheilt ward nie was unverletzt,
Das Leiden ist der Weisheit Kuß.

Mag alles, was besteht, vergehn,
Das letzte Flämmchen vor der Nacht,
Das oftmals darf viel länger wehn,
Es ist aus Laut und Klang gemacht:
Der Name, der vom Murmeln stammt
Und den du achtungslos zerstörst.
Doch wo das Wehr ins Naß gerammt,
Kann sein, daß du es orgeln hörst.

Vers 43837 bis 43852:

Silberhausen

Silber, meinst du, steht zum Gold,
Wie die Silbe steht zum Wort,
Unvollkommen, weiblich hold,
In der Schwebe bleibt sein Ort.

Da du rechts der Unstrut gehst,
Bleibst du Silberhausen fern,
Silbrig fein der Nebel west,
Ebenso der Abendstern.

Gestern war dir die Gemeind
Nicht ins Flußgespinst getunkt,
Gab die Bahn dem Autofeind
Nächst der Quelle Haltepunkt.

Bahnhof sagen, träf es nicht,
Denn dies Wort ist museal,
Darum kurz vom Silber spricht,
Wer da geht im Unstruttal.

Vers 43853 bis 43892:

Helmsdorf

Wehrkirche mit gedrungner Warte,
Romanik mit barockem Schwung,
Durch dicker Mauern schlanke Scharte
Dringt auch am Mittag Dämmerung.

Ist dieses Haus für Paul und Peter
Zu schummrig oder gar zu breit?
Dies fragen Klafter nicht und Meter,
Doch fünfundsiebzig Jahre Zeit.

Im Jahre neunzehndreiunddreißig,
Das mancher hält für heidnisch toll,
War unser Volk so kirchgangfleißig,
Daß das ererbte Haus zu voll.

Ein Dörfler, der auf fremder Erde
Zu Wohlstand fand, die Not begriff,
Für der Apostel größre Herde
Gab er ein größres Seitenschiff.

Nach dieser Tat für die Gemeinde,
Bleibt der Chronist verdächtig still,
Doch jeder Stein weiß hier vom Feinde
Und was der ganz beharrlich will.

An Neurern fehlt es nie und Gründern,
Drum fällt die alte Liturgie,
Nun schaut der Priester zu den Sündern,
Denn Gott, der antwortet ja nie.

Das Kniegestühl kriegt Polsterdecke,
Bequem ist aller Dinge Maß,
Die Glocke schwingt nicht mehr ein Recke,
Elektrisch wird das Stundenglas.

Bei solchem Fortschritt wird verständlich,
Daß Umbau wird zum Regelwerk,
Die Menschenwünsche sind unendlich,
Allein der Glaube wird zum Zwerg.

Das kann die Technik nicht verstören,
Ihr ist das Vakuum vertraut,
Und will die Botschaft keiner hören,
Wird eben alles kleingebaut.

Das ganze Bistum ist begeistert.
Verkleinert scheint die Kirche voll!
Wer solches Kunststück hat gemeistert,
Den findet selbst der Teufel toll.

Vers 43893 bis 43925:

Zalle

In Zalle, do wärd’s ver Daje nit halle.

I

Zalle, Zella, Zelle, Zeil,
Lebenskleinstes Eins für alle,
Teilungstochter, Trumm und Teil
Zalle.

Wasser tut mit reichem Schwalle,
Anders kommt der Eisenkeil,
Und die Lilie blüht am Walle.

Auf der Kutte härnem Seil
Zeigt der Knoten sich als Schnalle,
Und der Ort heißt ohne Eil
Zalle.

II

Bist gepilgert manche Meil,
Doch du kommst nicht aus der Falle,
Immer zeigt der Richtungspfeil
Zalle.

Wer da fortgeht, bleibt am Balle,
Trifft daheim den Baum das Beil,
Spürst im Herzen scharf die Kralle.

Darum klag nicht, daß das Heil
Gläsern tauch wie eine Qualle!
Denn Verlaß ist und Verweil
Zalle.

III

Wie der Blitz aus Wolken steil
Jäh sich löst mit einem Knalle,
Sei bereit und immer peil
Zalle.

Speit der Drache Gift und Galle,
Aus dem Auge zieh den Speil,
Und die Ordnung schaff im Stalle.

Manches Nest hält man dir feil,
Babylon und Wotans Halle,
Doch zuletzt bleibt obergeil
Zalle.

Vers 43926 bis 43945:

Horsmar

Wie Dietmar, Volkmar, Waldemar,
So trägt auch dieses Fleckens Nam,
Den Born der Sage selten klar,
Daraus seit je Bedeutung kam.

Die Mär, gehaucht mit offnem O,
Stelln Römer sich als Stunden vor,
Doch hab ichs nicht mit ultimo,
Ich denk ans Horchen und ans Ohr.

Weil Haar und Ohr recht eng beinand,
Sind sie zum Gegensatz bestimmt.
Dem Ohre Wachs, wie Augen Sand
Die unwillkommne Botschaft nimmt.

Die Obacht ist der Hohle nah,
Die Horbel weist auf Kot und Pfuhl,
Im Ohrwurm ist Versuchung da,
Daß man sich wie ein Ferkel suhl.

Hier keiner meint, daß solch Geraun
Im Siechenholz den Erdfall mach,
Doch auch in Dün- und Luhnegaun
Bleibt Orpheus in den Namen wach.

Vers 43946 bis 43977:

Dachrieden

Das Rieddach nennt den Bauern arm,
Man denkt auch leicht ans Flammenjoch,
Zwar sommers kühl und schneetags warm,
Jedoch im Wind ein Hemd mit Loch.

Dafür ist selbst Totalverlust
Gerichtet ohne Borg geschwind,
Auch Goethe schreibt uns ohne Lust,
Das Eichsfeld grüß als Bettelkind.

Jedoch beweist das kleine Nest,
Als Lösegeld verschachert schon,
Am Obstbaum hält noch immer fest,
Wer fleißig auch geringem Lohn.

Zwei Mühlen brachten etwas mehr,
Und eine spann das Kammgarn gut,
Erst als man kam vom Westen her,
Verlor auch dieser Zweig das Blut.

Das Rieddach ging, die Armut nicht,
Sie ward ergänzt durch Raserei,
Und ganz vergessen ward die Pflicht,
Daß sie mit Fleiß gemildert sei.

Sie zeigt sich nicht mehr unschminkt,
Sie prunkt in blenderischer Wut,
Bis gänzlich ins Vergessen sinkt,
Warum der Mensch sich müht und tut.

Heut ist nicht nur die Kirche leer,
Es fehlt auch das Gemeindehaus,
Und von Belang scheint nur Verkehr
Von irgendwo hinein, hinaus.

Doch wenn der blechne Lindenwurm
Sich blind und taub durchs Auland zieht,
Da sehnt man sich sogar im Sturm
Nach einem Dach aus Unstrutried.

Vers 43978 bis 44001:

Tuttensoda

Zum Weinberg osthangs aus dem Grund
Die Wüstung Tuttensoda lockt,
Wir suchen tüchtig manche Stund,
Von so viel Nichts zuletzt geschockt.

Ob Burg und Dorf dereinst vermacht
Der Otto seiner Kaiserin,
Erscheint mir, vom Erfolg verlacht,
Als Dokument mit Nebelsinn.

Allmählich stiller falln mir ein,
Die Herrn des Orts, der Kirchenbau
Ist ganz gewiß kein Zeitsprung-Schein,
Nur weil ich keine Spuren schau.

Wo Mulinhuson heut sich reckt
Und Recht und Tüchtigkeit gewann,
Ward manche Wüstung zugedeckt
Und grüßt nun keinen Wandersmann.

Ob Popperode, Tiefental,
Dörnrode, Eichen, Weidensee,
Forst, Hausen, Weida -- vierzig Mal
Saturnus sprach: Verweh, vergeh!

Und diese Namen sind noch jung,
Die ältern nennt kein Pergament,
Sie glühn erst in der Dämmerung,
Wenn südlich schon der Himmel brennt.

Vers 44002 bis 44065:

Im Reiserschen Hagen

Die Steinbäche lasse,
Die Wipfel, die Warten,
Nicht oben am Passe
Umschmiegt dich der Garten.
Wer losließ die Schwinge,
Das Ranken und Ragen,
Sei glücklich und singe
Dem reiserschen Hagen.

Die Unstrut verdunkelt,
Sie weiß schon so vieles
Und schelmisch sie munkelt
Als Meisterin Spieles
Der Strudel -- wer sterbe,
Wird keinem sie sagen,
Wer immer auch werbe
Im reiserschen Hagen.

Das Ziel deiner Fahrten
Ist längst dir verschwommen,
Bist du im Aparten
Nicht gut angekommen?
Es wird nicht der Strenge
Ein Stelldichein wagen,
Der Glückliche sänge
Dem reiserschen Hagen.

Die Unstrut, mal schmächtig,
Mal trügerisch träge,
Sie zeigt sich bedächtig
Und flink an der Schräge.
Sie lispelt durch Körbe,
Die Biber zernagen,
Als ob man sie wörbe
Im reiserschen Hagen.

Das Locken, das Weigern,
Das Halb und das Aber,
Das Weh dir zu steigern,
Nun Schluß mit Gelaber.
Vom Dunkel durchdrungen,
Als Spieler geschlagen,
Scheint alles gesungen
Dem reiserschen Hagen.

Die Unstrut -- von Wurzeln
Gesäumt und gezottet,
Forellen umpurzeln
Das Holz, das verrottet.
Die Vorfrühlingsnarben
Jetzt Leuchtpilze plagen,
Die Nießbrauch erwarben
Im reiserschen Hagen.

Wer loseilt im Schlamme,
Stürzt nicht nur in Wintern,
Ein Ast, eine Schramme
Und dann auf dem Hintern.
Die Lust ist vergangen
Und nur zu beklagen
Wie manchen, die sangen
Dem reiserschen Hagen.

Es geht sich im Tanne
Im Morgentau freier,
Dann zeigt sich im Manne
Gebändigt der Meier.
Wer hier nicht gestorben,
Hat weiterzutragen
Gelächter, erworben
Im reiserschen Hagen.

Vers 44066 bis 44098:

Ammern

I

Ammern, sattes Dorf und fast antik,
Kornmühl, Ölmühl und mit Kupferhammern,
Ringsum Neider, daß im Schwemmland lieg
Ammern.

Stein trotzt Sturm und jeglichen Entflammern,
Auch die Brücke sorgt nicht, daß sich bieg
Je ein Balken, der im Innern schwammern.

Also weiß man seit dem Sachsenkrieg,
Daß man hier sich rüstet vor Zerschrammern,
Denn die Tat führt immerdar zum Sieg
Ammern.

II

Ammern, mancher Plural und ein Nest,
An der Unstrut eines von den strammern,
Und so setzt sogar den Wandrer fest
Ammern.

Wohlgefügt, selbst in Gesindekammern,
Suchst du wohl vergeblich ein Gebrest,
Auch die Dielen haben keine Wammern.

Also sing im Süd, im Ost, im West,
Moskowitern oder Amsterdamern,
Daß der Gast nicht ohne Weh verläßt
Ammern.

III

Ammern, von Mühlhausen eingekauft,
Zugezognen gut wie den Entstammern,
Die ihrs leugnet, in der Unstrut sauft
Ammern.

Freilich fehlt es niemals an Verdammern
Und an Mob, der sich die Haare rauft,
Um sich an sein Vorurteil zu klammern.

Selten hab ich prächtiger verschnauft
Und auch fürder gibt es nichts zu jammern,
Wenn ihr Unstrutwanderer durchlauft
Ammern.

Vers 44099 bis 44194:

Mühlhäuser Wehrgang

Wer beschaut den Rabenturm,
Endlich schwenkt zum Frauentor,
Nimmt die Mauer nicht im Sturm,
Kommt nicht mit Kanonenrohr...
Müntzerstadt, im Glaubenszwist
Henkerschwert und Aus das Spiel,
Weil im Reich dem Antichrist
Unser altes Recht verfiel.

Luther pönt, daß der Rebell
Weltlich faß die Tyrannei,
Daß die Bibel glockenhell
Auch am Werktag Maßstab sei.
Wer im Fürstenschutze steht,
Wähnt als Grund gern Edelmut,
Aber wenn der Wind gedreht,
Wird noch nichts im Herzen gut.

Mag die Knechtschaft fortbestehn,
Wenn die Seele ehrlich glaubt!
Luther will die Rettung sehn,
Wenn die Predigt nicht mehr raubt.
Aber schon zu seiner Zeit
Rüstet sich der Feind zum Schlag,
Gegen den bloß Albernheit,
Was Vertrauen und Vertrag.

Wär der Pfaff der letzte Trumpf
In des Teufels Täuscheglück?
Nun, wenn diese Waffe stumpf,
Dann probier das Gegenstück!
Ist das Dogma kaltgestellt,
Sei die Wissenschaft verehrt,
Daß die Ordnung in der Welt
Rom und seinen Reichtum mehrt.

Daß im Ermland Kreise tausch
Ein gewisser Koppernigk,
Hat im mitteldeutschen Rausch
Kein politicus im Blick,
Auch daß Babels Sternenschau
Die Gloriole werd gesetzt,
Daß man seinen Augen trau,
Als Verbrechen gelt zuletzt.

Was der Ptolemäer sprach,
War ein Spiel für Spieler nur,
Dies zog nichts im Leben nach,
Nichts für Glauben und Kultur,
Ob die Erde kugelrund,
Ist wohl unten ein Problem,
Für die oben bloß ein Grund,
Dort zu sein, wos angenehm.

Doch die Murmel, blitzeblau,
War schon mond- und sternenhaft,
Die Gestirne solcher Schau
Trug dieselbe Schwebekraft,
Wird die Erde kuglig, dann
Ist es Frage nur der Zeit,
Daß sie rollt, nun kam der Mann,
Der dem seinen Namen leiht.

Kaum, daß solches ward gedruckt,
Hört von Gauklern man in Rom,
Dort wird tapfer aufgemuckt:
Heiland ist der Astronom!
Und der Papst, der ihn bezahlt,
Macht mit Drangsal populär
Sorgt, Martyrium-bestrahlt,
Daß er unabhängig wär.

Gradezu der Kirche Feind!
Luther wirkt nun plötzlich feig.
Wo die Wissenschaft uns eint,
Jeder Geist sein Fernrohr zeig!
Keiner fragt, warum den Spuk
Finanzier der Vatikan:
Immer weiter, nie genug,
Weltall, Weltall, holder Wahn.

Weil, wies speculatio geht,
Antwort schafft der Fragen drei,
Schließlich immer mehr sich dreht
Und sich flieht in Wüstenei.
Auch der Klügste, so geprägt,
Sucht sich ein Spezialgebiet,
Also ward am Ast gesägt,
Daß der Mensch das Nächste sieht.

Daß der alexandrisch Heid
Mit der Kugel hab geirrt,
Gilt in aufgeklärter Zeit
Kurz und gut als geistverwirrt.
Und so spricht der Kleinmut aus,
Was dem Müntzer das Schafott,
Ebnete auch Luthers Haus,
Römisch bleiben Recht und Gott.

Gleichwohl weiß, wer Mut und Acht
Nicht mit Theorien verstellt,
Teuflisch bleibt die Weltenmacht,
Teuflischer das viele Geld.
Welches wohl der Sterne Ort,
Sei dem Freien fern und gleich,
Mitte ist das Herrenwort,
Daß er niemals von uns weich.

Vers 44195 bis 44203:

Im Flarchen

Derweil die höheren Chargen,
Die Obmänner und Oligarchen
Samt Eselchen und Dromedarchen
Im Flarchen lange schon schnarchen,
Sehn zweie von Jüngers Anarchen,
Beschattet von Kiefern und Larchen,
Als kämen sie gradwegs von Parchen,
Am Himmel die tollesten Margen
Im Flarchen.

Vers 44204 bis 44217:

Unsinn

Der Unsinn hat den Sinn nicht hergegeben,
Den wer gesucht und sicher auch vermutet,
Man leidet mit, wie dem der Finger blutet,
Der kratzt und kann den Schatz zuletzt nicht heben.

Dem Dichter wird so manches zugemutet,
Weil ihm die Wortwahl hehrer als das Leben,
Solch Irrsinn eignet sonsthin nur Epheben
Und Rechnern, die man allzu häufig bootet.

Ein criticus vermeint, es sei daneben,
Weil immerfort dasselbe Horn getutet,
Den andern stört, daß alle Mauern beben.

Der sieht es leer, der andre überflutet,
Und beiden fällt nicht ein, im Sinn zu schweben,
Im Ahnden, was die Worte wohl durchglutet.

Vers 44218 bis 44253:

Görmar

Der Ort trägt noch die Germar-Mark
Und kündet von Germanentum,
Was lang die nahe Stadt verbarg,
Find nun im Wanderliede Ruhm.

Die Mark, ein Grenzland, burgenreich,
Hier stand die hehre Feste lang,
Wald, Acker, Wiese, Dorf und Teich
Darumgeschart wie Vogelsang.

Man denkt bei Wall und Turm bestimmt
Der Mauer, die Mühlhausens Stolz,
Daß man das für dasselbe nimmt,
Ist aber stets ein Weg ins Holz.

Die Ritterburgen knochenfest
Im Fleisch des Landes aufrecht stehn,
Wenn man die Stadt umschließen läßt,
Ist das Beschirmte drin zu sehn.

Nicht nur in Krieg, Belagrungszeit
Stadtmauern schirmen Bürgerfett,
Drum ist der Stadt Wehrhaftigkeit
Ein Schneckenhaus und Randskelett.

Der Ritter aber ist kein Geist,
Der zwischen Mauern sich erfüllt,
Er sprengt, wohin sein Roß ihn weist,
Kein Krämer, der den Schatz verhüllt.

Daß menschlich sei kein Kalkgekrust,
Wohl aber Mark im Knochenkern,
Das hat der Adel stets gewußt,
Jedoch dem Bürger steht es fern.

Es geht die Dominanz der Stadt
Einher mit Künstlichkeit und Tand,
Der Wandersmann hingegen hat
Die Freude nur im offnen Land.

Drum, Görmar, von der Stadt besetzt,
Sei sicher, einst die Lüge fällt,
Am besten lacht, wer lacht zuletzt
In einer ritterlichen Welt.

Vers 44254 bis 44269:

Bollstedt

Vor dem Riedtor, wo der Weg sich gabelt,
Denkt ein Schwedenkreuz erschlagner Bauern,
Ödland rings, vom Felde abgenabelt,
Läßt das Zeichen durch die Zeiten dauern.

Wer vorbeikommt, neigt sich unwillkürlich
Einer Aura, die nicht mit verwittert,
Wenn der Kalkstein wie ein Tier figürlich
Dort sich duckt und rings der Mittag zittert.

Gotisch ist die Form, die sich verbreitet,
Um dann spitz ins Offene zu zeigen,
Einschlußreich der Stein die Fläche weitet,
Die dem härtern Schwarz im Weißen eigen.

Wenn das Kreuz einst nicht mehr zu erkennen,
Bleibt das Ducken vor dem schlimmen Feinde,
Vor dem Plündern und dem Jubelbrennen,
Bleibt die Erde nur für die Gemeinde.

Vers 44270 bis 44302:

Altengottern

I

Altengottern, schon den Hermunduren
Siedel-Sumpf, heut nicht bei Globetrottern
In und nicht vermißt bei Ausflugstouren
Altengottern.

Bollstedt sah die Unstrut sich benottern,
Auch von Schweden wir schon dort erfuhren,
Solche Chronik druckt sich nicht mit Plottern.

Wandrers Abschied holt nicht die Zensuren
Bei Vermarktern und Geschichts-Vermottern,
Denn er rettet vor den quarznen Uhren
Altengottern.

II
Altengottern, Wasserschloß, die Spuren
Reichen über Otto zu den Ottern.
Unstrut malt den Krummstab der Auguren
Altengottern.

Mag die Bahn entgleisen und entschottern,
Helm-, Trikot- und Baggyshort-Lemuren
Taugt asphalten besser als verlottern.

Heinrich, hier am Scheidestrom verschwuren
Sich die Treuen bei den Sumpfblum-Dottern,
Mag auch eine irre Zeit verhuren
Altengottern.

III
Altengottern denkt der Schwielen-Sturen,
Die das Alte nicht verharrypottern,
Die das Schilf im moorig Schwanken schuren
Altengottern.

Fremd ist flinkern Zeiten und gar flottern,
Wie sich Moore wandelten zu Fluren,
Krumen schwer an Wams und Hose schlottern.

Nie erfahrn bei Selbsterfahrungs-Kuren
Warmgeduschte, ob die Nixen stottern,
Doch der Dichter weiß ein Lied vom puren
Altengottern.

Vers 44303 bis 44406:

Thamsbrücker Ablaßfest

Kommst du im Juni nach Thamsbrück,
Bieg leicht am Wehr der Unstrut ein,
Dann wundre dich ein gutes Stück,
Hier schaukelt niemand Wams und Bein:
Es wird gezimmert und geputzt,
Gefärbt, gewienert und geweißt,
Der Grund sei Ablaß, und verdutzt
Weißt du nicht recht, was dies wohl heißt.

Daß man sich rühr um Schuldigkeit,
Erscheint dir recht gut lutherisch,
Jedoch das Wort aus jener Zeit
Ist wie ein Frosch am Küchentisch.
Am Sonntag vor Johanni wird
Der Johann Tetzel aufgestellt,
Der meinte, wenns im Kasten klirrt,
So gäbs das Seelenheil für Geld.

Eh Mühe weicht dem Geist des Weins,
Gemustert wird die Bürgerwehr,
Dies seit dem Juno fünfzehneins,
Dem Bürgermeister singt das Heer.
Am Morgen drauf die Waffen gehn
Mit hohen und gemeinen Leut
Ins Ried, wo grüne Bäume stehn
Und alles sich am Tanz erfreut.

Fanfare! Sich die Mannschaft teilt.
Zwei Haufen und der Fahnen zwei.
Zum Riedtor und zur Brücke eilt
Der, daß die Stadt verteidigt sei.
Der zweite Haufe drängt hinein
Mit Schreckschuß und mit Handgemeng,
Und wenn geschickt sind die Partein,
Zieht sich die Sache in die Läng.

Das Ende ist dann regelhaft
Verhandlung und Versöhnlichkeit,
Nun trinkt man mit vereinter Kraft
Auf den vereint bestandnen Streit.
Die Tetzel-Puppe schaut vom Dach
Deß, der Noviz im Ehestand,
Als prüfe sie vergangne Sach,
Ob abfall nicht ein Sündenpfand.

Am dritten Tage ists genug,
Auf grünem Karrn gehts durch die Stadt,
Bis von Betrüger und Betrug
Das Volk genug gesehen hat,
Vorm Rathaus gibt als Plädoyer
Der Tetzel Knittelvers und Reim,
Wer macht, daß man ihn auch versteh,
Bleibt unsichtbar und ganz geheim.

Die Red ist bitter und gekränkt,
Von denen, wo ein Ablaß not,
Nicht einer an den Helfer denkt!
Die Welt ist gänzlich aus dem Lot!
Da wird geschlemmet und gepraßt,
Da wird getanzt und gar geküßt,
Das Fegefeuer hat euch fast,
Weshalb ihr endlich zahlen müßt!

Vor Lachen krümmt sich klein und groß,
Doch mancher mag es gar nicht sehn,
Er stellt so manches Laster bloß
Und endet mit »Auf Wiedersehn!«
Nun geht es galoppierend straff
Durchs Tor und nach der Unstrut zu,
Wo man ersäuft den bösen Pfaff,
Und dann ist eine Weile Ruh.

Der Sündenhändler aus der Stadt,
Jedoch die Sünde ging nicht mit.
Obs Mitternacht geschlagen hat?
Der Blocksberg hier, Gespensterritt?
Vermummte gehn, die Maske stiert,
Ein Schneider, der phantastisch grell
Mit Bügeleisen ausstaffiert,
Tut dunkles, wos doch mittagshell.

Der Teufel, schwarz Gesicht und Horn,
Sonst ganz in rot mit Dreizack drauf.
Ein Birkenwagen, Traktor vorn,
Hält einen Mühlentrichter auf.
Des Teufels Irrenpfleger weiß
Zerrn über Leitern beiderseit
Die Leute und auf sein Geheiß
Kopfüber in das Mahlgebreit.

Zwar ist, wenn erst der Leib verschwand,
Der Hinterausgang freier Paß,
Doch wo dies völlig abgewandt,
Erscheint die Szene ziemlich kraß.
Ob ganz vermummt, ob ungeschminkt,
Der nächste in dem Trichterguß
An Waden angefaßt versinkt,
Und Opfer gibts im Überschuß.

Was soll das Spiel bedeuten, da
Der Teufel werkt fast maschinell?
Nur Tradition und Spaß-Trara?
Die Lust, daß einer gerbt das Fell?
Man denkt an Münster, wo nach Fall
Der Tetzeliden kam das Beil,
Wenn bricht ein ungerechter Wall,
Dann kommt nicht unbedingt das Heil.

Doch sei dem Volk wie jungem Wein
Der Spaß gegönnt am Mummenschanz,
Der Dichter will besonnen sein
Und nicht verlieren sich im Tanz...
Doch ach, nun hat man ihn entdeckt,
Die Kraft der Pfleger ist enorm,
Und in den Trichter wird gesteckt,
Der Reime liebt und gute Form.

Vers 44407 bis 44446:

Ufhoven

Die Unstrut fließt nach Nägelstedt,
Ich gönn mir einen Seitensprung,
Die Salza nutzt ein kurzes Bett,
Was ich doch gern erwandert hätt.
Drum dorthin, wo sie quellenjung!

Die Große Golke mußt du sehn!
Drum nimm vor Tag den Absperrzaun,
Du spürst es kühl herüberwehn,
Kein Hund! Die keinen Spaß verstehn,
Deß Reinlichkeit gewiß nicht traun.

Der himmelblaue Trichter dicht
Von Wald umstellt, doch spiegelklar.
Kein Schlingwuchs sich darüberflicht,
Denn unten pulsts, und unterm Licht
Wühlt Sand, der niemals stille war.

An einer Stelle Weidicht schickt
Sich übers Ufer, doch mit Maß.
Libellen-Jungfrau, bunt bestickt,
Auf schwanker Landzung fröhlich blickt
Ein Horst von Manna-Schwaden-Gras.

Gern würd ich singen, frei und laut,
Jedoch das Wasserwerk ist nah.
Zwar allererster Morgen graut,
Doch möglich, daß ein Wächter schaut,
Geweckt erkennt, ein Fremder da.

Sekündlich mehrn den Quellentopf
Vier Eimer, Kannen zwölfmal zwölf,
Was da wohl unterirdisch tropf?
Und ich verzweifel schier im Kopf
Daß Karstfall solchen Reichtum wölf.

Hinaus! kaum richtig aufgerafft,
Seh ich mit dichtem Blätterdach
Die kleine Golke halber Kraft,
Und wenn sie gut hinzugeschafft,
Als Dritter kommt der Zimmerbach.

Zweiarmig nun die Salza geht
Bis hin zur Kallenbergesmühl,
Und wer an ihrem Ufer steht,
Im Eingemeindungswahne fleht,
Daß man die Mitte wieder fühl.

Vers 44447 bis 44489:

Eschen-Spruch

I

Esche, Nordmanns Ahn und Heiler!
Daß ihr Trieb aus Ritzen presche,
Ist bekannt in Öd und Weiler
Esche.

Wer ihr traut, nicht zagt beim Crashe,
Biegsam taugt dem Hiebausteiler
Gerte oder Ast zur Dresche.

Das Rondell verrät den Feiler,
Doch wer schätzt das Rüstig-Fesche,
Preist in Elf- und Elfenzeiler
Esche.

II

Was einer in die Esche ritzt,
Ist heimlich so wie offenbar,
Der Mund, zum Vogelsang gespitzt,
Sei einzig dem Berufnen klar.
Wer um Natur und Schöpferstolz
Nicht weiß, ahnt doch die Doppelzeil,
Die hörbar raunt im Eschenholz:
O Wandersmann verweil, verweil!

Was einer in die Esche ritzt,
Vielfältig, aber einzigart,
Nimmt wohlfeil, wer da gut besitzt,
Und ärgerlich, wer immer spart.
Wie das Geschenk des Sonnengolds
Erst diamanten wird im Schnee,
So mahnt es aus dem Eschenholz:
O Wandersmann verweh, verweh!

Was einer in die Esche ritzt,
Sich in ein größres Ritzen wagt,
Es hat dem Rabenpaar, gewitzt,
Gehuldigt und vielleicht behagt.
Zur Rätsel-Rune werden sollts,
Zum Zeichen für den Weltenriß,
Drum jammerts aus dem Eschenholz:
O Wandersmann vergiß, vergiß!

Was einer in die Esche ritzt,
Bald wetterwund und flechtengelb,
Das blutet länger, als es blitzt,
Und Spieglein meint, es wär dasselb.
Doch achte nicht den Todes-Bolz,
Der Regenbogen sagt vom Heil,
Und endlich raunts im Eschenholz:
O Wandersmann verweil, verweil!

Vers 44490 bis 44525:

Langensalza

Was die Unstrut uns verspricht,
Such zu fassen nicht im Sturm!
Ein verschlungenes Gedicht
Sei Gefolgschaft diesem Wurm.

Wieder, wieder komm ich her
Und erspäh ein frisches Stück.
Goldner Spring, verwunschne Mär
Rufen mich ins Tal zurück.

An der Salza, wo mir schon
Hermann sprach von Preußen: Ehrs!
Sei gesellt das Bild dem Ton,
Tritt der Maler in den Vers.

Aber eh mir solches frommt,
Wird mein Anschlußzug verpaßt,
Und am Saalestrande kommt
Eine ungewollte Rast.

Eine Stunde Zwischenspiel,
Das vom Start nur wenig weit,
Der Gefährte, schon am Ziel
Übt derweil Gelassenheit.

Nun gemeinsam Kaffeepaus
Und der Unstrut dann entlang,
Aus dem Lärm der Stadt heraus
Plauderei im ersten Gang.

Ein Erlebnis, mir noch frisch:
Im Verlag ein Pfarrersmann,
Der verschmäht den Frühstückstisch
Und im Dunkel Land gewann.

Solch Benehmen ist nicht neu,
Denn schon vielen wurde bang,
Mancher floh im Frühtag scheu,
Weil ich gar zu fröhlich sang.

Mancher dünkt sich Opponent,
Der vom Zeitgeist halbes Grad
Abweicht und bei uns erkennt:
Hier gehts nicht nur um den Staat.

Vers 44526 bis 44573:

Schenkenlied

Als einst ich an der Saale ging,
Da pries mein Lied den Unstrutwein,
Doch daß ein solches Lob erkling,
Lädt stets die nächste Strophe ein.
Wohin dich auch die Wolke wogt,
Glaub nie, es wär dem Wein genug!
Dem Schenken beuge sich der Vogt,
So wie das Fell dem Vogelflug.

Die Genesis den Schenken nennt,
Die Königin von Saba frei
Den Reichtum Salomos bekennt,
Und auch der Schenke ist dabei.
Nehemia selber Königs-Schenk
Des Persers Artaxerxes war,
Und auch an die Assyrer denk,
Daß dir die Würde offenbar.

Ein Erzamt wars im alten Reich,
Das Recht zu Ämtern ziemt Nobleß:
Der Landgraf setzte kaisergleich
Schenk, Marschall, Kämmrer und Truchseß.
Den Herren von Vargula kam
Der Titel zu, der Flügel weckt,
Der manchmal böses Ende nahm,
Wenn der Verrat im Becher steckt.

In Großvargula denkt man nicht
Der alten Schenkenherrlichkeit,
Aus überbauten Resten spricht
Viel nähere Vergangenheit.
Das Torhaus in der Unstrutschleif
Spitzbogentonnig zu durchgehn
Beließ der Steinesammler-Greif,
Daß wirs geschichtenträchtig sehn.

Der Titel Schenk von Sowieso
Ward Bombenlegers Eigentum,
Seit uns das Reich ein Nirgendwo
Und dem Verräter einzig Ruhm.
Wohl möglich, daß die Unstrut leucht,
Ich hab den Schenken nicht erkannt,
Weil solcher Sinn die Sonne scheucht,
Wächst schwarzblau die Gewitterwand.

So soll der Himmel Schenke sein,
Aus Wasser Wein der Heiland mach,
Die Sorge ruft den stärksten Wein,
Und Wasser macht den Trunknen wach,
Was immer die Gedanken weckt,
Es ist verflixt und zugenäht,
Und was wir wünschen, was uns schreckt,
Ist gradso früh wie ewig spät.

Vers 44574 bis 44593:

Regenmann und Sonnenfrau

Das Häuschen, drin der Luftdruck spricht,
Der Sonne nicht den Mond gesellt,
Darum ist Sol hier männlich nicht,
Das Weib mit diesem Gold gefällt.

Das Wasser, weiblich, bringt der Bub,
Der Feuer, männlich, sagt die Frau,
Fehlt beiden hier der rechte Schub,
Dann weiß mans eben nicht genau.

Daß die Figur die Gabe schmückt,
Die sie begehrt, erscheint uns gut,
Auch weil uns Sonnenschein entzückt,
Brauchts für die andre Botschaft Mut.

Doch wichtiger scheint mir der Satz,
Der Bauer will das Feld durchnäßt,
Denn Hinz und Kunz sind nicht der Spatz,
Den nur der Herrgott leben läßt.

Die Sonnenfrau spricht Liebelei,
Von Müh und Pflicht der Regenmann,
Dem auch der Wonnemonat Mai
Kaum je zu feucht geraten kann.

Vers 44594 bis 44665:

Regenwandern

Waldsaum und Wiese,
Wegmale mächtig -
Wenn nur nicht diese
Wolke so trächtig!
Weithin zu wallen
Wofür? Wogegen?
Alles und allen
Schüttet der Regen.

Blindlings zerronnen
Blinzelnde Blicke –
Ob diesen Bronnen
Je einer flicke?
Mag er der Krume
Heil sein und Segen,
Blauend die Blume
Blüht nicht im Regen.

Raus aus dem Bade
Wäre gescheiter,
Wer aber grade
Aufbrach, will weiter.
Wetter für Keule,
Nicht für den Degen,
Himmelsrunds Säule
Schwindet im Regen.

Nahe dem Flusse,
Der nicht zu schauen,
Unter dem Gusse
Will ich vertrauen
Dem der geschwinder
Stapft auf den Stegen
Und daß sich minder
Irgendwann Regen.

Aber die Reise
Führt ins Versumpfte,
Der mancherweise
Ganz Abgestumpfte
Wird das Fatale
Weiterhin pflegen,
Und viele Male
Trotzen dem Regen.

Endlich ein Halten,
Sonne und Staunen --
Wolken gestalten
Turmhohe Daunen.
Alles will holden,
Alles will hegen,
Tropfen vergolden,
Reste von Regen.

Dorten ein Hügel,
Kirche und Häuser,
Daß dichs beflügel,
Besser nicht äußer,
Über das Scheitern
Schweigen zu legen,
Schütze vor weitern
Stunden im Regen.

Laß dich nicht locken!
Kurz ist die Pause.
Niemand bleibt trocken
Unter der Brause.
Peitschende Winde,
Schlamm auf den Wegen,
Führt als Gesinde
Meistermann Regen.

Wer also gründlich
Himmlisch gewässert,
Spürt, wie allstündlich
Stimmung sich bessert:
Gegen Verhegeln
Oder Verfregen
Setzt seine Regeln
Wandern im Regen.

Vers 44666 bis 44713:

Gebesee

Wo die Gera sich verteilt
In der Unstrut, wo das Land
Erdbeern rötet, Spargel steilt,
Lichtet sich die Wolkenwand.
Schweigend wie die Messingstadt
Oder schlummernd Niniveh,
Strahlt in allen Farben satt
Rot und golden Gebesee.

Roter Ziegel, goldnes Korn --
Tritt nicht näher ins Geblink!
Scharfe Blicke sind ein Sporn,
Daß der holde Schein versink.
Lauf im Bogen drum herum,
Außerhalb der Zeiten steh,
Die Moderne, fett und dumm,
Pöbelt auch in Gebesee.

Sag, wie könnten Haus und Platz
Frei sein von dem vielen Tand,
Die dem Gutmensch Glaubenssatz
Und dem Bösling Unverstand?
Schmückt die Höll die Leiber nicht
Scheitel-abwärts bis zum Zeh?
Flieh und halte kein Gericht
Übers Volk von Gebesee!

Ganz ein Traum die Altstadt bleib,
Die du schaust von fern wie nah,
Ohne Müh und Zeitvertreib
Steh sie wie ein Omega.
Ob sie wirklich, ob Gedicht,
Ob versunken, ob in spe,
Frag in dieser Stunde nicht
Und besinge Gebesee.

Groß war die Geschichte hier,
Manch Belagrer, mancher Graf,
Manche Tugend, manche Gier,
Manches Glück das Reich betraf.
Solches suche nicht im Müll,
Der gehäuft mit Hott und He,
Stolz, daß er die Gassen füll,
Heute herrscht in Gebesee.

Nordwärts strömt die Unstrut hin,
Wend dich ab vom Sonnenblick
Und ergrüble nicht den Sinn
Von Verfall und Mißgeschick.
Folg des Malers flinkem Fuß,
Durch die weite Ebne geh
Und vertrau dem Vers den Gruß
An den Traum von Gebesee.

Vers 44714 bis 44755:

Asphalt

I

Will man des Teufels Tränen technisch nutzen,
Die in der Wüste aus dem Sande quellen,
So muß man Leichtes gegen Schweres stellen,
Die Mischungsbreite stark herunterstutzen.

Das Leichte bei Gefährten frommt den schnellen,
Das Leichteste zum Schrubben und zum Putzen,
Das Schwere mag den groben Lasten trutzen,
Der Öligkeit die Stärke beigesellen.

Allein, es bleibt ein Rückstand, unverdaulich,
Der nicht zum Brennen taugt und nicht zum Schmieren,
Schwarz, klebrig und gewißlich nicht beschaulich.

Ein Feigling kann mit Dreckszeug bloß verlieren,
Der Dreistere verkaufts, und ganz vertraulich:
Nur deshalb muß man Straßen asphaltieren.


II

Schon mancher Feldweg zeigt sich uns asphalten,
Weil dieser Rückstand wächst mit jeder Meile,
Die dem Gefährt geschuldet und der Eile,
Von der es sinnlos, Menschen abzuhalten.

Daß Müll nur wenig taugt, wird dem zum Heile,
Der nichts mehr findt, asphaltisch zu gestalten,
Der Abrieb macht den neuen rasch zum alten,
Drum Wiederholung brauchts nach kurzer Weile.

So wird die Straßendecke abgehobelt,
Natürlich nicht auf Kosten der Asphalter,
Nach deren Pfeife der Gemeinsinn tobelt.

Man singt das Lied vom treuen Wagen-Halter,
Derweil man fröhlich um die Zeche knobelt,
Solang vor Torheit bleibt gefeit kein Alter.

III

Die grad zerfreßne Straße soll uns führen,
Zwar stinkt sie und macht Blasen an den Sohlen,
Dafür darf sich die Wachsamkeit erholen,
Denn von Verkehr ist hier kein Hauch zu spüren.

Landstraßen wandern heißt, auf heißen Kohlen,
Weil hier die Irren sich zu Ärzten küren,
Den Haß auf Schuster braucht hier keiner schüren,
Gerast wird so, als sei das Blech gestohlen.

Nun also eine Straße ohne Lenker,
Sie führt durch Ödnis breit und schnurgerade,
Und Holdes findet auch kein Kopfverrenker.

Wir sind uns dieser Prüfung nicht zu schade,
Denn auch Dämonen sind uns Bilderschenker,
Und stets im Specke wohnt allein die Made.

Vers 44756 bis 44779:

Orte ohne Namen

Es waren Orte, die ich rasch vergessen,
Ich mag sie nicht auf einer Karte finden,
Sie brachten nichts, Erinnerung zu binden,
Und wenig, daran künftige zu messen.

Verbaute Häuser zwischen Billigbauten,
Die Ställe aus Beton und Fertigteilen,
Kaum Menschen und kein Gasthaus zu verweilen,
Gefilde wie der Mond der Astronauten.

Die Sonne sank und endlich machte Dämmer
Die Szene milder und das Bild erträglich,
Es war hier weder heimlich noch alltäglich,
Kein Glockenläuten, keine Schmiedehämmer.

Und keine Kinder, die im Garten spielen,
Nicht mal ein Fluchen, daß der Sprit so teuer,
Kein Rauch und auch am Ufer nirgends Feuer,
Nur manchmal ein Motorgeräusch aus Sielen.

Der Landwirtschaft auf dieser guten Krume
Blieb nicht das Gutshaus und die große Linde,
Hier sorgten Technokraten, daß sich finde
Nur Bodensatz von unserm Bauerntume.

Und weil die Flecken alle so verkamen,
Mag weder ich das Lied der Landschaft summen,
Noch wundert mein Gedächtnis das Verstummen
Der totgetretnen und entleerten Namen.

Vers 44780 bis 44831:

Kloster Werningshausen

Im Grünen Herz wird ausprobiert
In Politik und Religion,
Wovor sich sonst der Deutsche ziert,
Und oft aus guten Gründen schon.

Und so geschahs im Unstrutried,
Daß Luthers großer Klosterbann
Aus seiner eignen Kirche flieht,
Ja Stifter wird ein Pfarrersmann.

Als wärs nicht unerhört genug,
Verrat ich noch, wann dies erschien:
Als Honecker die Kirche frug,
Ob sie nicht seinem Staate dien.

Ein Handwerksbursch mit Künstlerblut
Ward Prior, kaum daß er studiert,
Und vierzig Jahr in seiner Hut
Das Kloster, das sich wohl rentiert.

Die Übernachtung auf der Fahrt
Ist anderswo in der Geschicht,
Denn wer mit jedem Groschen spart,
Kommt auf das Kloster eher nicht.

Die Netzpräsenz der Kolonie
Verspricht den Weg, um Mönch zu sein,
Genau betrachtet, ladet sie
Zu Gastlichkeit und Spenden ein.

Verständlich, daß zum innern Kreis
Der Weg auf anderm Blatte steht,
Doch schlechter Stil zumindest seis,
Wenn Antwort Frage dreist verdreht.

Wer Hintermann in diesem Spiel,
Der Ökumene Ökonom,
Ist eine Frage, die nicht fiel,
Ich tipp auf mein geliebtes Rom.

Eh die Berliner Mauer fällt
Im Mosaik folgt nächster Stein,
Nun führt die Werningshäuser Welt
Sankt Benediktens Regel ein.

Gut lutherisch blieb die Pfarrei
Im Amte und auch im Salär,
Bis sich der Prior Bischofsweih
Besorgte von woandersher.

Daß man dies arbeitsrechtlich duld,
Unmöglich scheint, doch plötzlich steht
Beim Recht und nicht beim Brecher Schuld,
Wenns nach empörten Leuten geht.

Nach denen geht auch dieses Stück,
Wir kennen Weise wohl und Text,
Wer solches hört, der nennt es Glück,
Daß man ihn selber nicht verhext.

Drum will ich tiefer graben nicht,
Wie seltsam Werningshausen scheint,
Denn dies besehn im rechten Licht
Ist sicher rundum wohlgemeint.

Vers 44832 bis 44911:

Dammwege nachts

Wo die Unstrut wenig fällt,
Zufluß, Arme und Kanal,
Alles sich in Waage hält,
Wird zum Labyrinth das Tal.
Wo die Landschaft wie ein Brett,
Gibt es Kerbe nicht und Klamm,
Ausgefranst das Wasserbett
Und die Rettung nur der Damm.

Welcher mag der rechte sein,
Der uns führt nach Sömmerda?
Sternenlicht und Mutigsein
Lösen nicht die Algebra.
Wer nur eisern durchmarschiert,
Hurtig lassen will den Hamm,
Seine Richtung leicht verliert,
Daß er auf dem falschen Damm.

Steile Hänge, Dornenwuchs
Dulden keine Korrektur,
Wer des Ikaridenflugs
Unkund, stapft und grummelt nur.
Keine Lieblichkeit beäugt,
Daß ihm schwell der Hahnenkamm,
Und der Weg allein bezeugt,
Daß auch dieser Damm ein Damm.

Meilen, diesem Tag geplant,
Sind schon mindest anderthalb,
Und kein gutes Ende schwant
Uns, die Hoffnung wird schon falb,
Daß der Wirt das Nachtquartier
Aufschließ ohne viel Tamtam,
Wenn wir endlich früh um vier
Finden auf den rechten Damm.

Wieder Abzweig, Biegung, Zaun!
Hin und her im Sternenlicht!
Meistens ist recht weit zu schaun,
Aber tröstlich ist das nicht.
Vor den Zeichen längs und quer
Stehn wie Haushahn oder Lamm
Jene, die von weiter her
Wanderten als nur vom Damm.

Nun gehts wieder schnurgerad
Niblungtreu durch Nirgendwo,
Fühlbar wird die Wandertat,
Und wie Gold erschiene Stroh.
Auch der Rücken lauter zählt
Des Gepäckes Kilogramm,
Und schon wieder wird gewählt
Hoffentlich der rechte Damm.

Wir erinnern uns, der Tag
Ward schon von der Bahn bestreikt,
Daß kein Segen auf ihm lag,
Sich in jeder Weise zeigt,
Ob uns Häßlichkeit befocht,
Ob Asphalt, ob Regen-Schlamm,
Nimmer fiel der Kerzendocht,
Und er fällt nicht auf dem Damm.

Scharfe Biegung rechts, es geht
Auf zum Fluß, dem wir getrennt,
Daß da bald ein Vorwerk steht,
Keinen Zweifel ich verschwend.
In der Tat, Kultur und Zweck
Zeigen sich im Lichtgeflamm,
Und nun steigt aus dem Versteck
Eigenhold der Unstrutdamm.

Stählern brückt den Unstrutwurm
Ein Konstrukt mit Nieten rings,
Was sich krönt im Eiffelturm,
Auch beim Müller hier verfings.
Doch wir finden kaum adrett,
Daß dies Kaiserzeit entstamm,
Denn wir wollen nur ins Bett,
Runter auch vom letzten Damm.

Minotaurus Sömmerda,
Zeig dich, eh noch Nebel steigt!
Aleph, Beth und Omega
Ausposaunt sind und vergeigt.
Ariadne ruht im Traum,
Eh der Stier die Brust zerschramm,
Führe uns Seraphenflaum
Auf den allerletzten Damm.

Vers 44912 bis 44987:

Sömmerda

I

Dem Leser, der noch nicht verzagt,
Ein letztes Stück des langen Tags,
Nicht jeder siegt, der etwas wagt,
Und dennoch heißt die Losung: Wags!

Das zweite Buch vom Unstrutlied
Entschädigend wird hehr und hold,
Und wenn ich heute Prosa biet,
So locke morgen pures Gold.

Die Stadt kam freundlich, mitternacht
Noch wies man uns den rechten Pfad,
Doch wer vom Dämon blind gemacht,
Der mißversteht den besten Rat.

Wir fanden rasch das große Tor
Und auch die Mauer um die Stadt,
Doch allzu muntrer Schritt verlor
Schon bald, was er gefunden hat.

In Ausfahrtsstraßen, dicht bebaut,
Gerät, wer lieber geht als denkt.
Hätt man sich doch mal umgeschaut,
Wär eine Nachtstund unverschenkt.

Zum guten Ende das Quartier,
Baracken planvoll aufgebaut,
Ein Bauhof das Gelände hier,
Den kaltes Neonlicht betaut.

Erst zag geklingelt, schärfer dann,
Nach etwas Warten nochmals fest,
Und das Geschäft den fleißgen Mann
Mit wenig Umstand kommen läßt.

Er hält uns nicht mit Fragen hin.
Er zeigt, was not ist für die Nacht.
Und so verliert der Vers den Sinn,
Eh noch die Leuchten ausgemacht.

II

Man sagt, man habe gut geruht,
Wenn vage bleibt, ob tief, ob leicht,
Wovon man große Schlucke tut,
Heißts allenfalls, es hab gereicht.

Wenn Morpheus einen Hefekloß
Behüten soll, der formlos sinkt,
Ists beim Kaffee am Morgen bloß,
Als ob man nochmals Lethe trinkt.

So schließt der Unstrut erstes Buch
Recht dumpf und ohne Trösterreim,
Doch solches ist des Lebens Fluch,
Wir kehren nicht als Sieger heim.

Jedoch, solang noch Morgen wird,
Kommt Weite, drin der Bussard kreist,
Und auch der Geist, der sich verirrt,
Beginnt den Weg, der weiter weist.

III

Es scheint mir ziemlich ungerecht,
Daß Sömmerda ein Nachtmahr bleibt
In meinem Buch, am Ende schlecht,
Wie lange auch die Feder schreibt.

Denn nach der irren Sucherei,
Sind wir am Morgen nichts wie fort,
Ich blieb von frohen Bildern frei
Und sah doch vormals nie den Ort.

Drum nehme, wer hier halten mag,
Von meiner Glosse kaum Notiz,
Du findst hier einen guten Tag,
Bevor die Welt vergeht, geschiehts.

Aus andrer Wandersleut Bericht
Entnimmt die Sonnenseit davon,
Und hast du solche Zeugen nicht,
So tut es auch ein Lexikon.

Was hier nicht Farbe und nicht Reim
Zu werden schaffte, bleibt bewahrt,
Daß es ein Späterer hol heim
Und rahme in der eignen Art.

Wir selber danken Frühern oft,
Daß groß die Lücken im Getan,
Wenn die Geschenke unverhofft,
Und fündig wird der holde Wahn.

Auch was wir unterlassen, spricht
Als Negativ, als Un im Nu,
Die Unstrut dies verwundert nicht,
Denn sie trägt ihren Teil dazu.

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