Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Unstrutleuchten - Zweites Buch

Herr, laß uns wieder einen König sehen,
Bevor die Welt die Könige vergißt,
Denn wir vermögen sonst nicht zu verstehen,
Nach welchem Plan sich Deine Ordnung mißt.

– Jochen Klepper

Vers 44988 bis 45011:

Heinrich

Herr Heinrich saß am Vogelherd,
So traulich geht die Weise,
Sie ist der höchsten Ehren wert,
So schwer und doch so leise.

Allein, ein Makel steht darin,
So sag ich unumwunden,
Der Vogler hätt, so sagt der Sinn,
Zum Kaisertum gefunden.

Dies ist nicht recht, denn Königsglut
Ist heiliger und älter,
Hier der Ornat und dort das Blut,
Der Wein und der Behälter.

Den Kaiser schafft das Reiterheer,
Der Adel kürt den König --
Den Kaiserstuhl, der königsleer,
In Worten nicht beschönig!

Es gibt den deutschen Kaiser nicht
Wie den nicht der Franzosen,
Byzanz und Rom, kein andrer flicht
Cäsaren Krönungsrosen.

Nur wenn den deutschen König laut
Das Römervolk begrüßte,
Der Heinrich auf ein Erbe baut,
Das Schnee und Eis versüßte.

Vers 45012 bis 45059:

Thüringer Pforte

Aus dem Becken brich hervor,
Und die blaue Blume pflücke,
Mächtig rahmen dieses Tor
Die Hainleite und die Schmücke,
Jene, dir vom Kyff vertraute,
Geist des Barbarossa wecke,
Diese frühtags Angeschaute
Führe dich zur Hohen Schrecke.

Riesen warfen hier den Ring,
Doch die Flut nimmt alle Wehre,
Daß dich die Geduld beschwing
Ihr zum Ruhm die Verse mehre,
Lenzen diene ihr und bräutlich
Klang und Farbe als Eskorte,
Und im Wanderbuch sei deutlich
Thüringen und seine Pforte.

Unstrutbläue samten schlürft
Wipperflut, die sagt vom Ohme,
Eh sie breitet, was geschürft
Ihre Kraft als autonome.
Oben, unten Sachsennester,
Streitbar noch als Stein-Gerölle,
Machen deine Schritte fester
Vor dem Himmel wie der Hölle.

Was als Wanderung beginnt,
Führt zuletzt in Traumgefilde,
Wer das Unstrutleuchten minnt,
Prüft sich an dem Innenbilde,
Sing und tanze raumgeschichtlich
Eh die Kehle dir verdorrte,
Und mach allen offensichtlich
Thüringen und seine Pforte.

Aus der Weite stoß hinein
In die schlanken Korridore,
Wo das tiefere Gedeihn
Wird bestaunt von der Empore,
Ob die Wipper in dir wippe,
Ob dich bann die Hohe Schrecke,
Alles schaut von nackter Klippe
Ritterlich der Sachsenrecke.

Er, präsent wie nur das Blau,
Das der Unstrut treu und eigen,
Gönn ihm seine Adlerschau
In dein ungestümes Schweigen.
Ob er rate oder richte
Werde eins im Dichterworte,
Und kein Zweifel mach zunichte
Thüringen und seine Pforte.

Vers 45060 bis 45092:

Oldisleben

I

Oldisleben, alt, doch solche Nester
Wahren nicht den Schulzen oder Greben,
Und das Kloster scheint das erste Gester
Oldisleben.

Kunigund von Orlamünd die Reben
Brachte, jener Gräfin Namensschwester,
Die im Hohenzollernschloß muß schweben.

Daß man die Bekanntere verläster,
Soll die Hiesge umso stärker heben,
Denn sie führte weit als Stammveräster
Oldisleben.

II

Oldisleben eignete zum Brester,
Uns dem Osten stärker hinzugeben,
Bräutigam der ersten Russen bester
Oldisleben.

Klein scheint manche Großtat mir daneben,
Zwar vom Kloster künden nur noch Rester,
Aber ostwärts wandern die Epheben.

Unterm Joch der Tränker und der Mäster,
Mögen auch die Wandersleut nicht kleben,
Also liegt für uns auch bald schon wester
Oldisleben.

III

Oldisleben, in den Stein gepreßter
Ort, der nur im Schutz der Dämme eben,
Einstmals gut für Überlebens-Tester
Oldisleben.

Kriegerisch war hier ein jedes Beben,
Wüstungen gemahnen an Verpester,
Aber wir, die nach dem Leben streben,

Fassen unsern Stab nur umso fester,
Und betrauern, wenn den Traum wir weben,
Daß vielleicht wir letzte sind der Quester
Oldisleben.

Vers 45093 bis 45151:

Vier Schwäne

I

Vier Schwäne auf dem Fluß, der träg
Und algig huldigt der Domäne,
Wie grünem Linnen Weiß-Gepräg
Vier Schwäne.

Das Land - als obs gelangweilt gähne
Und nichts als Wolkenhimmel wäg
Und dazu Rand mit Wald bezähne.

Dem Wandrer aber ists, als fräg
Wie aus der Zeit gefallne Späne
Ein Muster, das ins Auge läg
Vier Schwäne.

II

Viere beisammen,
Viere getrennt,
Einton mit Schrammen,
Kargheit mit Blend,
Wiese und Wasser
Scharfer Kontrast,
Machen zum Passer
Jegliche Hast.

Hals und Gefieder
Schmiegen das Licht,
Alles am Mieder
Wird zum Gesicht,
Einzig und eigen
Grundton und Zier,
Noten im Reigen
Schwanhälse vier.

Vierfach geschwungen
Haltung und Acht,
Frei und gedrungen
Licht in der Nacht,
Schar, die vergeßlich
Abtut, was quakt,
Alles was häßlich
Neidet und klagt.

Bilderbuchs Mitte,
Schimmerndes Weiß,
Wer dies bestritte,
Wimmere leis,
Wer aber Wunder
Witterte hier,
Dem sind Gesunder
Schwanhälse vier.

Vier, uns zu raten,
Schwimmen Trapez,
Was wir erbaten,
Mühelos gehts,
Wenn wir den flachen
Zirkel verlernt,
Heiter verlachen,
Was uns entfernt.

Herrschaft und Milde,
Ehern und flott,
Sieh dich im Bilde
Und bitte Gott
Stets um die Stärke,
Daß nicht verlier
Eins deiner Werke
Schwanhälse vier.

Vers 45152 bis 45199:

Heldrunger Wasserburg

Ein Wasserschloß, selbst wenn es plump,
Ist immer von besonderm Reiz,
Als obs hinein Gelingen pump,
Und des Betrachters Stimmung heiz,
So macht das Wasser rundum flach
Bedeutend immer Dach und Fach.

Es scheint, als ob sie ewig steht,
Die Festung, die sich spiegeln läßt,
Wenn man die Brücke vorne geht
Und mitten rein ins Block-Gebrest,
Von zwei Rondellen flach beflankt,
Das Tor in tiefes Dunkel rankt.

Schießscharten klein und eckig starrn
Zur Brücke hin und hoch der Sims,
Doch geht man weiter, scheint ein Schmarrn,
Man sagt sich bald: Gelassen nimms!
Denn dies martialische Gesponst,
Es eignet keiner Seite sonst.

Beschnittne Bäume stehn in Reih,
Die meisten Mauern sind recht flach,
Die Aussicht ist auch unten frei,
Und fast schon bürgerlich das Dach.
Wer skeptisch ist bei Renaissance,
Verliert das Staunen schließlich ganz.

Antik und südlich Vorbild scheint,
In einer Zeit, die Burckhardt preist.
Auch wenn er größre Werke meint,
So widersprech ich diesem Geist,
Dem Nietzsche, der so viel verwarf,
Leblang nicht widersprechen darf.

Es wurde recht viel umgebaut
Und groß mit Bruchstein reingeklotzt,
Was imperial mit Fenstern schaut,
Scheint mir ein Kaufmannsgeist, der protzt,
Ist hier auch Raum für manche Stund,
Bleibts gleichwohl fad und moribund.

Bedeutend ist nur die Skulptur,
Die Hinz und Richter uns geschenkt,
Die Müntzers Kerker und Tortur
An diesem dunklen Orte denkt.
Zwei Knechte um den Mann, der brach,
Geschlagne Bauern folgen nach.

Gleichwohl dem Leide widerspricht
Ein Paar, das kraftvoll und gesund,
Es ist die Welt am Ende nicht,
Und auch zur Hoffnung gibt es Grund.
Sie wünscht dem Zeichner Glück der Hand
Nun für Baal Müllers Niblungband.

Vers 45200 bis 45223:

Bretleben

Ein altes Dorf, das mir gefällt,
Einst Oberdorf und Unstrutau,
Nun eine wohlgestalte Welt,
Mißraten sah ich keinen Bau.

Ambitioniert, doch nicht pompös,
Die Kirche aus der Kaiserzeit,
Fraß einst Verfall an Decken bös,
Ward restauriert das Innenkleid.

Der Bahnhof hatte Umstiegsrang,
Von Magdeburg nach Erfurt sahn
Wir viele Züge hier entlang,
Doch fehlt nun die Kyffhäuserbahn.

Die ward vom Autowahn geschleift,
Und ist schon grün, wo nicht Asphalt,
Ich merk, von Traurigkeit gestreift,
Ich bin für diese Zeit zu alt.

Vielleicht wärs besser, käm ich her
Zum Feste der Johannisloh,
Mit Freude hörte ich die Mär,
Daß Kinder da mit Fackeln froh.

Mit solchen Bildern, liebe Leut,
Ihr Mut dem Wanderstecken gebt,
Das Wichtigste seit je und heut
Bleibt doch das Volk, das wirklich lebt.

Vers 45224 bis 45259:

Reinsdorf

Reinsdorf in der Goldnen Aue,
Die schon oft mir Wanderstrecke,
Reckt sich frohgemut ins Blaue,
Hinterm Wall der Hohen Schrecke.

Westlich die Erinnrungsbilder,
Und im Geist geh ich nach Bielen,
Alle Schatten werden milder,
Wo die Weggefährten fielen.

Meiner Merseburger Reife
Freund Dirk Donat von Nordhausen
In Äthiopien schwand -- begreife
Einer doch des Windes Brausen.

Freund des Eros und der Ferne,
Feind von allen Abschiedsworten,
Unbegreiflich wie die Sterne
Flüstert er mir allerorten.

Die Nordhausen sonst verbunden,
Schilling, Pfeiffer, Haubenreißer,
Wie auch Schindhelm manche Stunden,
Sind noch nicht im Kyff beim Kaiser.

Doch dem Licht der Goldnen Aue
Sind sie alle Abgekehrte.
Also nach der Unstrut schaue,
Die auch diesen Blick bescherte.

Wieder läßt die Bahn mich klagen,
An der Unstrut erst ab Wangen,
Alles spricht von Jugendtagen,
Als wir Naumburg-Reinsdorf sangen.

Einst warn Grenzen deutscher Länder,
Nirgends Hindernis für Trassen,
Nur des Erbes Nutz-Verpfänder
Die gewachsne Ordnung hassen.

Doch solang die Unstrut rudert
Unbeeindruckt nach der Saale,
Leuchtet selbst was hier verschludert
Wie aus Gold im Sonnenstrahle.

Vers 45260 bis 45331:

Der Legionär

Der Bahnhof Artern, etwas ab
Vom Städtchen und vom Bürgerstolz --
Das Tier, dem jede Zeit zu knapp,
Verkroch sich längst im Unterholz --
Hier sind die Linien staubig warm,
Hier stört der Raucher kein Gewichs,
Und alles tönt behaglich arm:
Mein lieber Gott, das macht doch nix.

Solch Soziotop, der wenig meint,
Muß mancher Art Refugium sein.
Was dem Chronist kein Zufall scheint,
Es stellt sich die Begegnung ein.
Ein Unbekannter, der erzählt,
Erst was man sonst mit Fremden schwätzt,
Dann bald recht spannend ausgewählt,
Was ihm geschah zuerst, zuletzt.

Sein Lebensthema: die Legion,
Von Frankreich aus in alle Welt,
Kleindeutschlands kleinsten Teiles Sohn,
Ders nimmt, wie ihm der Würfel fällt,
Als alles hier zerbrach und schwand
Und niemand brauchte Kunz und Hinz,
Da zog er nach dem Morgenland,
Er suchte Leben, dort beginnts.

Es ist ein eigner Menschenschlag,
Den schreckt nicht Drill und Schinderei,
Der Marsch und Prügel lieber mag
Als die zivile Stichelei
Von all dem Bürokratentum,
Dem unser Wohlsinn anvertraut.
Er suchte Himmel nicht und Ruhm,
Er hat sich draußen umgeschaut.

Und er erzählt, kaum weiß ich noch
Die Länder und die Kriegspartein,
Weil er es überlebte doch,
So muß der Grundbaß heiter sein.
Er schildert und belehrt uns nie,
Er braucht kein Recht als das Geschehn,
Kein Reim, zu dem die Fahrt gedieh,
Kein Zweifel, was da abzusehn.

Im Land Brasilien das Gefecht
Galt Baggern, Raupen und Draglines,
Goldgräbern ohne Schürfungsrecht
Der Stärkere beschied, was seins.
Daß man die Mittel dem beschnitt,
Der besser tot als lebend wär,
Wies wie beim Marsch spezieller Schritt,
Aufs Einmaleins als Legionär.

Grad wie ein Schreiner uns beschreibt,
Wie seine Werkbank rein und frei,
So er, wie man Rebellen treibt,
Daß die Region gesäubert sei,
Er übertreibt nicht, sucht das Graun
So wenig wie die Kriegsmoral:
Sein Tagwerk ist es dreinzuhaun,
Die Politik ist ihm egal.

Auch Abenteuer ist es nicht,
Was er beschönigt nicht noch pönt,
Er ist zuhaus in der Geschicht,
Was seltsam ihm das Haupt verschönt.
Grad, weil er gar nichts gelten will
Und fern sich allem Höhern hält,
Klingt uns sein Lied vertraut und still:
So schön und schrecklich ist die Welt.

Der Zauber solcher Lieder doch,
Daß sie im Wesen absichtslos.
Wie Bachgemurmel, Spechtsgepoch,
Baumkronenwiegen, Meergetos,
So sagt auch dieser bloß, was ist,
Und wägt nicht Leben, Lust und Leid.
Der Mittag, der die Beichte mißt,
Scheint wie gefallen aus der Zeit.

Vers 45332 bis 45387:

Artern

Im Unstrutbogen liegt die Stadt
Mit dem gesalbten Klange,
Wer unsre Art und Ahndung hat,
Dem rötet sich die Wange.
Die Prosa wird zur Poesie
Bei Zauderern und Startern,
Weich macht das Auge und das Knie
Die Zauberformel Artern.

Ein Jüngling, der Gedichte schrieb,
War Florian Kiesewetter,
Ein Titel im Gedächtnis blieb,
Gesetzt mit großer Letter.
Um unerfüllte Minne gings,
Um die Prinzessin ferne,
Dabei sind nah die Städte rings,
Doch eine gleicht dem Sterne.

Seither den Ort ich stets verbind
Mit der Prinzessin, holder
Als alles, was man irgend find,
Und nenn ihn Maid-Vergolder.
Da fällt das Lot ins Mythenreich
Zu Medern oder Parthern,
Wird alles Meinen Minneleich
Und Minneklage Artern.

Der Urgroßvater Goethes Schmied
Und Ratsherr dieser Mauern,
Novalis fand Gewerb und Fried,
Zehn Jahre sollt es dauern.
Allein ich streife wie im Traum
Die Schleuse, die Saline,
Und jeder Schornstein, jeder Baum
Mir Adels Paladine.

Was ziemte sich in solchem Wahn?
Im Wunsch, gemach zu treiben?
Der Wanderweg scheint abgetan
Und nichts ins Buch zu schreiben.
Ich möcht am Aratora-See
Ein Boot der Angler chartern,
Und dämmern zwischen Lust und Weh
Im Dichterhimmel Artern.

Der Maler aber weist hinan
Zu Jüngkens Aussichtshöhe,
Und ganz allmählich flieht der Bann
Der Flausen oder Flöhe.
Es ist wohl besser, in der Stadt
Den Nam nicht auszusprechen,
Denn die Magie, die dieser hat,
Macht Wachsein zum Verbrechen.

Man seh mir nach, wenn mein Geschwärm
Für Reisende entbehrlich,
Daß stärker mich das Wort erwärm
Als Zeugen schlicht und ehrlich.
Doch rechter Zaum und rechtes Pferd,
Das Dichterherz zu martern,
Bleib mir und aller Preisung wert
Die Zauberformel Artern.

Vers 45388 bis 45435:

Riade

Wo sich die Helme questenbraun
Verschlickt im Unstrutgrunde,
Beginnt der Himmel aufzutaun
Sogar zu später Stunde.
Ob Widos Burg zu dämmern scheint
In Schwaden weißer Jade?
Der Wanderer zu spüren meint
Das Ringen bei Riade.

Nur hier kann es gewesen sein,
Wo Helmglanz küßt die Muhme,
Die Orte braucht kein Mal zu weihn,
Die vorbestimmt zum Ruhme,
Daß hier ein Blitz Konturen schuf,
Dem Zeitenmeer Gestade,
Ist immernoch des Windes Ruf
Am Schlachtfeld bei Riade.

Die Reiter aus der Steppe her,
Die zeitlos, ortlos bunten,
Hier stellten sich gepanzert quer,
Die droben stehn wie drunten,
Hier glüht um den gesalbten Mann
Vertraun in Gottes Gnade,
Und so das deutsche Heer gewann
Geschichte bei Riade.

Der Sieg wie jeder Sieg auf Zeit,
Doch ist zum Volk geworden
Ein Hauf, der seine Eigenheit
Als Polstern fand im Norden,
Wie Heinrich brach die Hunnenflut,
Macht unsern Stamm gerade,
Und fehlt dir irgendwann der Mut,
Dann denke an Riade!

Davor ist alles Dorngesträuch,
Und deutlich nur der Schwindel,
Falschmünzerei, ich sage euch,
Erdichtet von Gesindel,
Das niemals ausstirbt und auch heut
Mit seichter Serenade
Die flammentrunknen Motten freut,
Nur niemals bei Riade.

War den Ottonen Wahrheit feil,
Um römisch sich zu schmücken,
So ist es heute unser Teil,
Ins rechte Licht zu rücken,
Daß vor erschlichnen Würden steht,
Erschwindelter Fassade,
Was immernoch zu Herzen geht:
Das Ringen bei Riade.

Vers 45436 bis 45499:

Geußenpfennig

Nah dem Ritteburger Wehre
Soll uns Morpheus heut entführen,
Nicht dem ersten Haus die Ehre
Unsrer Einkehr soll gebühren,
Reine Zimmer sind erschwinglich,
Suchst im Bauerndorf das schlichte,
Angekommen, faßt uns dringlich
Eine kleine Weltgeschichte:

Aus dem achtzigjährgen Ringen
Spaniens um die Niederlande
Hochgeschätzte Münzen singen
Aufstand und Besatzer-Schande,
Nachgeprägte wilhelminisch
Eine trägt der Maler Hennig,
Und so reim ich sibyllinisch
Heute auf den Geußenpfennig.

Bettelpack sein die Empörer,
Sagt der Spanier abgehoben
Und vereinigt seine Hörer,
Die ihn parodierend loben:
Sollen wir als Geußen gelten,
Büß der Tadler seinen Tadel,
Und die Flüche, uns zu schelten,
Seien Zierde uns und Adel.

Halbmonds Antlitz, einmal bärtig,
Umgewandt mir blankem Kinne:
Habsburgs Feinde gegenwärtig
Gleichen sich in manchem Sinne,
Bis versinkt das Land in Nässe
Halb frivol, halb fatalistisch,
Zwing kein Söldner uns zur Messe,
Lieber türkisch als papistisch.

Schiller sang den Niederländern
Hymnisch wie den Eidgenossen,
Opfermut, das Los zu ändern,
Allen Deutschen sei erschlossen:
Dem Tyrannen zeig die Nase,
Greif die Priesterschar am Wickel,
Und verkünde mit Emphase,
Was du vorhast auf dem Nickel.

Kleine Dinge aber Jammer
Passen in die kleinsten Ritzen,
Endlich glücklich auf der Kammer,
Und schon wieder mußt du schwitzen.
Ja, das halbe Haus erzittert,
Denn der Talisman metallen
Will vom Heizungsblech umgittert
Nicht aus seinem Kerker fallen.

Also Hammer her und Zange,
Schlingendraht und Taschenlampe,
Runzle weder Stirn noch Wange,
Bis der Flüchtling auf der Rampe.
Hinterher die Episode
Gilt als witzig und erfreulich,
Und erleichtert heißt schon Mode,
Was so vorkommt, jetzt und neulich.

Dieser Nachtisch nach dem Laufen
Durch das Land und sein Versprechen
Mahnt nun endlich zu verschnaufen
Und nichts mehr vom Zaun zu brechen.
Doch im Magen grummelt Leere,
Und wenn ich es recht bedenke,
Fordert heideggersch zur Kehre
In das Nachbardorf die Schenke.

Vers 45500 bis 45555:

Zwei Mal Kalbsried

Die Nacht ist jung, die Nacht ist lau,
Die Vögel flirten in den Zweigen,
Verdämmernd lockt die Helme-Au,
Als hing der Himmel voller Geigen,
Im Gasthaus ist die Stimmung grad
Im rechten Maß von wild und wurstig,
Selbst wer die Stube müd betrat,
Wird augenblicklich froh und durstig.

Das Bier aus Artern Unstrut-frech
Versetzt dich in Studententage,
Es ist wie früher beim Gezech,
Gelöscht sind alle Müh und Klage.
Es wird gescherzt und viel gelacht,
Wenn jedermann so guter Dinge,
So scheint es nicht mal ausgemacht,
Ob man nicht noch auf Brautschau ginge.

Doch gilt hier, wie bei allem Spaß,
Man weiche, eh die Stimmung kippe,
Ist eben leer das vierte Glas,
So beiße auf die große Lippe,
Der Weg geht doch ein gutes Stück
Und ist auch kein so wohl vertrauter,
Daß man ihn fände leicht zurück,
Wär man noch seliger und lauter.

Und in der Tat der Weg wird lang
Und soll die Langsamkeit verdammen,
Zwar ist dem Magen noch nicht bang,
Doch drunter braut sich was zusammen.
Der Freund, der meidet Alkohol,
Versteht nicht meine strengen Nöte
Und er genießt beim Bummeln wohl,
Daß ich ihn fast mit Blicken töte.

Und da ich bald im Traume tu,
Was gut den aufgebrachten Säften,
Der Freund hat keinen Grund zur Ruh
Und ist noch immer wohl bei Kräften,
Der erst dem Wannenbade frönt,
Kurz schläft und wieder wacht im Dunkel,
Den frühen Morgen sich verschönt
Mit klaren Himmels Sterngefunkel.

Noch einmal nach Kalbsried zu gehn
In Einsamkeit mit andern Federn:
Dem Bäckersmanne zuzusehn,
Wie er den Laden packt auf Rädern,
In Bottendorf ist jede Gaß
Verstellt mit einem großen Rummel,
Der muß noch Tage wachsen, daß
Sich vieles Volk zufrieden tummel.

Soweit das Zeugnis, das erwacht
Verwundert ich zur Kenntnis nehme,
Durchs Fenster hell die Sonne lacht,
Das Ziel scheint heut das angenehme,
Roßleben sei recht bald passiert,
Zwei Stunden hin und nochmals eine,
Wenn uns die Unstrut nicht verliert,
So kommen wir zum Wendelsteine.

Vers 45556 bis 45611:

Botten

Weil ich nicht Harfe und Posaune
Beherrschte, um mich zu verschwenden,
Verfiel der Wortklang meiner Laune,
Die kam, um niemals ganz zu enden.
Ich reimte mich im Grün der Aue
Als sonnenblind im zagen Trotten,
Wenn ich im Geist den Jüngling schaue,
So starrt er schamvoll auf die Botten.

Aus der Verschwommenheit der Jahre,
Sagt mir dies Wort vom Unterweisen
Im Russischen, wie ich erfahre
Von Schuhn, den lauten wie den leisen.
Botinki, Tufli, Herrn und Damen
Hört man von deutschem Klange spotten,
Pantoffeln sind des Heimes Amen,
Und auf dem Acker taugen Botten.

Es mahnt an Bütte auch und Büttel,
Den Bottich, drin die Kinder baden,
Daß man die Reime kneif und schüttel,
Kann manches Fuhrwerk überladen.
Ists nicht ganz reinlich in der Klause,
So jagt man zwischendurch die Motten,
Und tust du solches auch zuhause,
Dann höchstens ausnahmsweis in Botten.

Gebrauchte Kleider zu verschenken,
Stehn überall so weiße Kästen,
An mich ist dabei nicht zu denken,
Ich gab noch niemals was zum besten.
Wenn ich von einem Stück mich trenne,
Sind längst geöffnet alle Schotten,
Weils ihm egal, was in ihm brenne,
Nimmt dann der Ofen meine Botten.

Ihr sagt, solch liederlicher Reimer
Hielt besser seine Zung im Zaume.
Ja ist der Ruf erst mal im Eimer,
So wandelt man wie sonst im Traume.
Doch gibts zum Riß Gehilfen viele,
Sucht man die Schroffen und die Grotten,
Wenn nicht der Motor das Mobile
Besorgt, so ruiniert man Botten.

Wer zugedeckt im Leichenschreine
Die Oberkleider darf bewahren,
Dem ist die Bosheit keine kleine,
Will man gegerbtes Leder sparen.
Barfüßig falsche Armut heucheln,
Frommt Sündern nicht, die hartgesotten,
Giftmischer, die den König meucheln,
Bestatten Männer ohne Botten.

Ihr seht, zum Tun wie zum Verrotten,
Bleibt gängig nur, was eigenständig.
Es gilt selbst für den Hottentotten,
Daß ihn die Sohle hält lebendig.
Daß Herakles Antaios lüpfte,
Grad wies ein Tänzer tut im flotten
Gewalz, das über Wellen hüpfte,
Lag nur an viel zu leichten Botten.

Vers 45612 bis 45643:

Galmei-Grasnelke

Galmei als Kiesel oder Spat,
Zum Messingmachen abgebaut,
Damit das Kupfer golden schaut,
Legt in die Aue manchen Pfad.

Ein Kraut verzagt an dem Metall,
Ein andres füllt die Lücke gleich,
Untrüglich weiß das Pflanzenreich
Von alter Müh und vom Verfall.

Daß man hier Kupfer und Galmei
Geschürft, zeigt uns die Nelke stracks,
Auf Blatt und Stengel hütet Wachs
Sie straff und ledrig im Julei.

Sie dauert gut und polstert rings,
Ganz kuglig ist ihr Blütenstand,
Hüllblätter weiß mit rosa Rand
Sind Schmuck des anspruchslosen Dings.

Pfahlwurzelnd gibt sie sich die Ehr,
Ob man ihr wohlwill oder nicht,
Und hütet die Familiengschicht:
Der Vorfahr kam vom großen Meer.

Sie sagt auch, daß die Sämerein
Nicht erst die neuste Zeit verschleppt,
Und mancher Raubbau wär versteppt,
Schlich sich da nicht ein Neuling ein.

Die Bottendorfer Varität
Ruft hierher den Botanicus
Von weiter, als man glauben muß,
Daß ihr Erinnerung gerät.

Und ist er heute nur im Geist
Bei Wandersleuten auf der Flur,
Erinnert uns die Nelkenspur,
Die er bottendorfensis heißt.

Vers 45644 bis 45663:

Kupferhütte Bottendorf

Die Wassermühl der Kupferhütt
Ist nicht nur ein Museumsort,
Wers ländlich mag und Wassersport,
Dem geht die Woche rasch verschütt.

Das Eins von Tradition und Markt
Auf mitterdeutsch gelinde Weis
Für Sommer im Familienkreis
Sei nicht belächelt noch verargt.

Wir hörn von der Pfalzgrafenschaft
Und viel vom Bergbau eigner Art,
Dann wie die Unstrut schiffbar ward,
Und Zucker kam aus Rübensaft.

Wir bleiben kurz, denn weiter gehts
Zu dem versprochnen Dichterfest,
Wo man so manchen reden läßt
Vom Kreuzundquer des Alphabets.

Ich wähl in diesem Kreis das U
Und bleibe so der Unstrut treu,
Und was dort Weizen, was da Spreu,
Hab sie das letzte Wort dazu.

Vers 45664 bis 45727:

Kaffeehaus Lambada

In Roßleben essen, trinken,
Und dann ohne Säumen weiter!
Zwar der Zeisig folgt dem Finken
Meist, Verweiler doch und Schreiter
Sind nicht immer eins im Tone
Um die rechte Sing-Estrada,
So auch um die Kaffeebohne,
Die bezeugt das Haus Lambada.

Schnell der Stadt Adieu zu sagen,
Ist des einen Wunsch und Wille,
Was der andre spürt im Magen,
Scheint ihm eine Künstler-Grille.
Doch nach allzulangem Wandern
Gleich zu Schillings Vishnu-Gada?
Orphisch Kreisen fromme andern,
Trost und Muße schafft Lambada.

Also, ob auch Mittag schwindet,
Noch ein Berg um diese Flause!
Während sich der Dichter windet,
Fühlt der Maler sich zuhause
Und bestaunt in den Vitrinen
Konditorische Armada,
Und er wählt gemach aus ihnen,
Und er lobt das Haus Lambada.

Wie ist solches zu verschmähen,
Tumber Eile unterlegen?
Wem solln welche Hähne krähen,
Wo zu leugnen nicht der Segen?
Wenn hier Milch und Honig fließen,
Hol den Nörgler Theravada,
Aber Mut und Freude sprießen
Aus der Einkehr im Lambada.

Atem schöpfen auf Altanen,
Luxuriös und theatralisch,
Sich verspieln mit Porzellanen,
Drin der Sachse orientalisch!
Wo die Not uns droht im Tode,
Stands nicht wie ein großes A da?
Wars nicht Ziel, daß der Rhapsode
Seinen Reim fänd im Lambada?

Daß er schau den Schwung der Kanne,
Schwarzen Fluß aus weißem Schnabel,
Daß er selber sich ermanne
Und ergreif die Kuchengabel!
Aber nein, der Ignorante
Sieht im Rokoko nur Dada
Und versäumt das Unbekannte,
Das ihm offenbart Lambada.

Wenn die Fahrt ist einst zu malen,
Werden Rot und Grün sich streiten,
Aber über Uhr und Zahlen
Wird wie Schnee ein Weiß sich breiten.
Für Kaffee im goldnen Garten,
Stoppt selbst Hamas Intifada,
Was uns später mag erwarten,
Paradiesisch bleibt Lambada.

Recht geraten ist der Name
Dieses Gartens, dieser Stube.
Wer da stolz verharrt im Grame,
Fahr mit Poltern in die Grube!
Aber wer da weiß zu tanzen
Zwischen Rio und Grenada,
Bricht die allerstärksten Lanzen
Überall wie im Lambada.

Vers 45728 bis 45799:

Wolkenbruch

Nicht der Regen sei gescholten,
Aber wenn ers gründlich treibt,
Hat zu jeder Zeit gegolten,
Daß man in der Stube bleibt,
Und wer unbehaust geschäftig,
Suche einen Unterstand,
Wenn es wettert allzu heftig,
Werden Sturzbach Luft und Land.

Kaum daß wir die Stadt gemeistert,
Öffnet sich die Wolkenwand,
Scheunenfrei und baumlos geistert
Unser Weg durchs Ackerland,
Bald führt alles, was wir tragen
Wassers mehr als Eigenlast,
Kommt vorbei ein flinker Wagen,
Wird auch seitlich was verpaßt.

Was im Sommer ausgewrungen,
Trocknen Wind und Sonne schnell,
Die mit erstem Schlag bezwungen,
Schont doch fürder nicht der Quell.
Höher steigt gequirltes Wasser,
Und man kommt nur schlecht voran,
Aber Petrus, heute Prasser,
Muß beweisen, was er kann.

Böen peitschen kalt und widrig,
Schlamm fliegt auf und krallt sich fest.
War der Himmel je so niedrig,
Daß das Joch den Nacken preßt?
Rascher prasselts, als die Feuchte
Aus den Kleidern rinnen mag,
Und man fragt sich, was uns scheuchte
In die ausgesuchte Plag.

Ob dies Prüfung vor der Mühle,
Der wir heut ein Stelldichein?
Fragte einer, was ich fühle,
Wird das Naß zuletzt noch Wein.
Ja, ich fühle mich ganz trunken,
Und die erste Rebellion
Ist so folgenlos versunken
Wie mir jedes Wünschen schon.

Gleichwohl wird es naß und nässer,
Wäßrig sind Gesicht und Laut.
Riemen schneiden sich wie Messer
In die aufgeweichte Haut.
Nur der Schmerz kann uns erklären,
Daß wir nicht ein Holz im Strom,
Daß wir häutig sind und hären,
Daß wir Odem und Arom.

Kleines Waldstück, dunkle Hohle,
Doch das hat schon nicht mehr Zweck,
Ob zur Wirrnis, ob zum Wohle
Weiter auf derselben Streck.--
Ob die Tropfen etwas sachter?
Ists ein Trugbild? Ists ein Wahn?
Und den Kopf hebt ein Erwachter
Ganz gemächlich wieder an.

Jäh die Sonne aus der Wolke
Kommt und herrscht sofort und ganz,
Boten aus dem Mückenvolke
Grüßen uns im Pfützentanz.
Wie gekommen, so verschwunden
Ist der Spuk der großen Flut,
Nur die Krume schloß die Wunden
Ungezähmter Sonnenglut.

Eh die Wende ganz begriffen,
Schlägt die Kurve unstruthin.
Ja, wir spähen nicht nach Schiffen,
Nach der Brück steht unser Sinn.
Und sie ists! Gleich hinterm Pfeiler
Muß das Ziel des Tages sein:
Dort das Vorwerk, dort der Weiler,
Schattend unterm Wendelstein.

Vers 45800 bis 45871:

Aion

Wie Aion, der Knabe
Bei Heraklit spielt
Und mit seiner Habe
Bedenkenlos zielt,
Die Welt auf dem Brette
Betrachten wir gern,
Wenn wir mit der Kette
Versöhnt und dem Herrn.

Das Gleichnis der Zeiten
Euripides frommt,
Das regelhaft Schreiten,
Bis anderes kommt.
Dem jährlichen Laufe
Sagt größerer Ring,
Was wachs, was verschnaufe,
Was schweige, was sing.

Auch Platon das Muster
Beleuchtet und wägt,
Wie es sich bewußter
Erfahrung verträgt:
Uns ewig, doch sterblich
Gleichwohl vor dem Los,
Ist vieles nur erblich,
Bis Asche im Schoß.

Man weiß, daß die Alten
Den Menschen nicht nackt
Ins höchste Gestalten
Der Schöpfung gepackt,
Die Nymphe im Baume,
Lebt länger als er,
Doch gleicht sie dem Schaume
Am älteren Meer.

Daß Bäume an Lenzen
Gar tausend gesehn,
Mag Dichter beglänzen,
Doch selten geschehn,
Viel ehr ist das Halbe
Ein Urahnen-Maß,
Weshalb auch der Albe
Solch Zeugnis besaß.

Daß ihnen ein Vogel
Sei Meister und Herr,
Ägyptisch Gemogel
Nenn ich diese Lehr.
Wo Sintflut-Beschlammtes
In Listen gerät,
Herrscht Schande des Amtes
Der Chronizität.

Der Aion ist keiner
Ahnreihe gezollt.
Hier hat sich kein Meiner
Viel größer gewollt.
Drum trau ich dem Kinde
Mit hölzernem Buch,
Der Sonnenkult-Blinde
Ruft äffischen Fluch.

Das Baumlebensalter,
Wenn ich es betracht,
Geschichtlichem Walter
Nicht unähnlich wacht,
Die Frist trennt Ottonen
Vom römschen Gericht,
Zum Tal, drin wir wohnen,
Gings unähnlich nicht.

Das Daimon Romanum
Das Erdrund nahm ein,
Ein großes Arcanum
Solaris sollts sein,
Nach fünfhundert Jahren,
Ich denke, ists recht,
Man packs an den Haaren
Und tilg das Geschlecht.

Vers 45872 bis 45991:

Wendelstein

I

Hohes Wort, das Wand und Winde
Wohlgeformt die Mitte setzt,
Wo das Starre, das Geschwinde,
Last und Luftigkeit zuletzt
Eins erscheinen, Kern und Rinde
Nicht mehr streiten, wer geschätzt,
Was da komme, was da schwinde,
Nur die Klauen an dir wetzt.

Der Verwunschnen hoher Minner,
Ragend aus dem Grün-Gezott,
Vor Bewegtem kühler Sinner,
Hindernis für Drang und Trott:
Daß man deiner sich erinner,
Eh der letzte Traum verrott --
Der Erklimmer -- ein Gewinner,
Über dir nur Himmel: Gott.

Dem Gewundnen hoher Walter,
Vor dem Wahn, daß Wandel reif,
Allen Eigentums Erhalter,
Drin die Uhren still und steif,
Nicht wie ein Vulkan, der kalter
Schmelze dankt den Himmelsstreif,
Sondern Ahnherr ohne Alter,
Drin ich Schöpfungsfrühe greif.

Treu und Glaubens hoher Mahner,
Bürge für das Wort von Stein,
Kräht kein Hahn nach abgetaner
Lösung, forderst du sie ein.
Folgert frech der Cartesianer,
Das Verknüpfen gründe Sein,
Ists dir reicherem Verzahner,
Wie der Eiche ist das Schwein.

Hohes Wort, das Wurf und Wunde
Leugnet nicht im Unstrut-U,
Was geschichtet eine Stunde,
Fügte dir nur wenig zu,
Und auch dies ging bald zugrunde
Und entpuppte sich als Schmu,
Denn dem Schwanken und dem Schwunde
Bist gewachsen einzig du.

II

Daß fünfhundert Sommer
Nicht einfach nur viel,
Braucht Sachse und Pommer
Den Rat nicht vom Nil,
Daß etwas sich ründet,
Was drin keiner sieht,
Bemerkt, wenn es mündet,
Ein jedes Gebiet.

Doch daß dieser Riese
Nicht winziger Grat
Am Murmelrund-Vliese
Im Koppernigk-Staat,
Das wissen nur Leute,
Die ganz ungelahrt,
Fürs Hier und fürs Heute
Verstand aufgespart.

Dir, Wendelstein, heller,
Sprech heilig ich laut:
Ich bleib auf dem Teller
Mit Haaren und Haut,
Du, Fels, bist kein Pickel,
Kein Staub im Gedold,
Wie Kupfer kein Nickel
Und Silber kein Gold.

Daß du nicht verächtlich,
Beweist uns der Tag,
Gelichter, das nächtlich
Die Fernrohre mag,
Es möge ihm glauben,
Wers großartig braucht,
Doch keiner kann rauben,
Was wirklich erlaucht.

Ob fünfhundert Winter
Des Schwindels zuviel?
Wer schaut schon dahinter?
Für Aion ists Spiel.
Doch uns, deren Rücken
Nicht eisern das Mark,
Darfst heute beglücken
Ganz Wendelstein-stark.

III

Als Heinrich wand sich auf dem weißen Steine
Zur grünen Ader, prunkend vor der Finne,
Da hielt er, all sein Leben fassend, inne:
Wie unermeßlich reich wars doch im Haine.

Was man nur wünschen kann vom Federviehe:
Wildente, Rebhuhn, Kranich, Wachtel, Reiher.
Dies war dem Auge fast noch größre Feier
Als aller Fleiß von Wohlmirstedt bis Wiehe.

Auch hatte er die Pfalz sehr wohl im Blicke,
Da sich das Tal verjüngt an steilem Hange,
Ihm war gewiß um tausend Jahr nicht bange,
Doch anders liefen seither die Geschicke.

Den Tod im Kloster konnte er nicht ahnen,
Auch daß sein Sohn die Königswürde dehnte,
Dahin, daß bald im ganzen Reich der Zehnte
Von Welschland ward beschattet mit Soutanen.

Mag sich Historie beugen den Cäsaren,
Ich rufe Heinrich Heil, dem deutschen König,
Mit ihm allein, den Wendelstein verschön ich,
Das Spätre will dem Leser ich ersparen.


IV

Wir stiegen nicht hinauf die Wendelpfade
Zu all dem Hoffen, das der Fels getragen,
Es krächzt nicht wie am Kyffe hier der Rabe,
Auch keine Queste wartet auf die Gabe,
Die unsre Münder auszusprechen haben.

Es sei der jüngste Frevel nicht verschwiegen,
Ein Funktionär, der Linkspartei gar, kaufte
Das Areal, hat sich dazu verstiegen,
Daß Losungen sich dort im Winde wiegen,
Die lesend mancher sich das Haar ausraufte.

Ich sehe nichts, vielleicht sind sie vom Fuße
Auch nicht erkenntlich oder grad in Wäsche,
Mich trübt nichts und ich rufe Gott zum Gruße,
Uns allen frommt für solches Treiben Buße,
Nicht Hoffen, daß man bald das Pack verdresche.

Man gebe auch der Tollheit nicht die Ehre,
Sie größten Schimpf seit Christi Zeit zu nennen,
Schon lange liegt auf unserm Reich das Schwere,
Und möglich, daß in allem bloß die Lehre,
Den Hochmut uns Verstockten auszubrennen.

Vers 45992 bis 46109:

Unterm Bronzemond

I

Vorwerk unterm Wendelsteine,
Dreiseithof im grünen Wuchs,
Schläfrig selbst im Sonnenscheine,
Doch bekränzt mit Laub vom Weine
Deuter stehn des Vogelflugs.

Heute ist der Tag der Ernte,
Orpheus stiftet Frist und Maß,
Dämmernd bis ins hell Besternte,
Trifft das Nächste das Entfernte,
Andacht, Stil und Heidenspaß.

Dichterwort in Volk zu bringen,
Das in Mode und Musik
Sucht der Seele Adlerschwingen --
Könnte solches Stück gelingen?
Ists modern oder antik?

Der Kreator des Spagates
Baal, halb Philosoph, halb Clown,
Fügt am Markte wie Sokrates
Vages neben Akkurates
Und zeigt sehr viel Gottvertraun.

Welchem Gott ist unentschieden,
Bei den Wenden gräbt er grad,
Wie in Jahrn die Promethiden
Sucht mit allen er den Frieden,
Nur bislang nicht mit dem Staat.

II

Zu verheißnem Erntefeste
Trudeln mählich ein die Scharn.
Wer hier mitwirkt, wer die Gäste?
Nach dem Trödeln scheints das beste,
Daß wir nicht die letzten warn.

Schilling naht mit seinem Clane
Eher spät, doch der Beginn
Weiß noch immer nichts vom Plane,
Groß geschrieben das Spontane
Mancher draußen, andrer drin.

Landsknechttrommel wirbelt endlich
Neunzig Hörer in die Hall,
Am Matrosenhemd erkenntlich,
Nolte liest sehr gut verständlich,
Weil so still die Leute all.

Auch die Kinder spürn die Weihe,
Wo das Wort geformt und pur,
Nichts erinnert an die Schreie
Metberauschter Schwarzhemdreihe
Als Essenz der Subkultur.

Daß die jungen Leute spüren,
Dies ist mehr als Witz und Spiel,
Daß die Bilder sie berühren,
Sie begehrn, man mög sie führen,
Zeigt vom Traum der Schlichten viel.

III

Orphisch Dreibund hat geladen
Heimatsuchende Nomaden
Hier zu Grill und Klampfen-Feuer.
Sei dem Feste roter Faden,
Was dem Geiste kann nicht schaden
Und dem Beutel nicht zu teuer.

Sparsam bei der Wahl der Weine,
Unbescheiden beim Programme,
Wer vom Born des Orpheus stamme,
Darf nicht fehlen hier am Steine!

Neune so wie Odins Nächte,
Neune, die im Herzen Echte,
Sollen auf der Bühne singen,
Daß vergessen sei das Schlechte
Und man lang des Tags gedächte,
Und entfalte weitre Schwingen.

Stolz macht dieses Fests Erfinder,
Daß der Photograph besiegelt,
Schilling, Lammla sind entigelt,
Baal und Nolte ihre Kinder.

IV

Unstrutdunst umwallt
Unterm Wendelstein,
Was zur Nacht Gehalt
Fand im Unstrutwein.
Was am Feuer preist,
Daß uns nicht geschont,
Der uns singen heißt
Unterm Bronzemond.

Ob der Vagabund
Wandervogelsinn,
Herbst und Abschiedskund
Senkt Gitarren-hin,
Seitner Sonnenkind
Frägt, ob Liebe lohnt,
Wir vereinigt sind
Unterm Bronzemond.

Wenn Glowatzki schafft
Neuen Volksgesang,
Zeigt sich alte Kraft
Fern vom Untergang,
Dichter unsrer Zeit
Werden hold vertont,
Und vom Krieg befreit
Unterm Bronzemond.

Wenn sich Dichter stelln,
Die so vieles trennt
In den Schein, den helln,
Der vom Feuer brennt,
Und darüber Reims
Große Eintracht thront,
Denken wir des Heims
Unterm Bronzemond.

Wenn nicht jeder Nam
Der sich tat hervor,
In die Verse kam
Und den Preiserchor:
Mancher ungenannt,
Mancher, der hier wohnt,
Steht für unser Land
Unterm Bronzemond.

Ist das Lied gebracht
Unstruts Stein und Flut,
Starrt nach Mitternacht
Schweigen in die Glut.
Nach dem Schlaf gehts fort
Hin, wo jeder front,
Doch er trägt den Ort
Unterm Bronzemond.

Vers 46110 bis 46149:

Ueber die Wiesen

Aus dem unbezaunten Garten
Geht es osthin durch die Au,
Leicht erhebt es sich vom Harten,
Wenn der Himmel gar so blau.
War da noch ein Pfad zu schauen,
Oder nichts als Halm und Kraut?
Wer zuhaus in deutschen Gauen,
Einzig Gott, dem Herrn, vertraut.

Einmal umschaun vor der Biege:
Einödhof im satten Grün,
Roter Dächer kleine Riege
Muß sich um den Himmel mühn.
An dem Wort der Öde kleben
Bleibe ich im Fortgestapf,
Wüst und leer und ohne Leben?
Eher randgefüllter Napf.

Daß die Öde alle Zungen
Schmähen, dünkt mich mehr und mehr,
Der Verkenntnis abgerungen,
Also selber wüst und leer,
Denn das Od, das in Kleinodern
Zeigt noch Wert und Kostbarkeit,
Scheint mir näher Loh und Lodern,
Als dem Tod im Aschenkleid.

Selber Ödner unter andern,
Aber nie in langer Weil,
Was zu finden ist beim Wandern,
Ist nicht selbstgezeugtes Heil.
Od in Odin oder Otter
Deutet frühen Reichtum an,
Daß die Sprache nicht verlotter,
Ruht Schneewittchen uns im Tann.

Obenhin im Oster-Eie
Odem-Öd als Dotter äugt,
Wie das Schlichte Hoffnung weihe,
Harte Kruste uns bezeugt,
Doch versäume nicht das Opfer,
Das den Laut getrennt vom lau,
Weil du sonst nur Sprüche-Klopfer,
Besser nicht als Joves Frau.

Vers 46150 bis 46287:

Memleben

I

Groß gebaut und dann verkleinert,
Immer kleiner Trumm auf Trumm,
Schau in diesem Ort versteinert
Allen Mühns Panoptikum.

Heinrich steht fürs Allererste,
Lenznes Grün im Schneegekrust,
Folgt der Weizen aber Gerste,
Folgt der Liebe auch die Lust.

Otto, der sich schon im Namen
Offenbart als Palindrom,
Suchte nach dem größern Rahmen
Und verspielte sich in Rom.

Ihm war Sommertag und Ernte,
Was noch tastete nach Grund,
Denn der Mantel, der besternte,
Der verhieß das Erdenrund,
Aller Heimlichkeit entfernte
Und der Unstrut Muttermund.

II

In der Krypta, die gedrungen
Trotzt dem Sturm, der droben fegt,
Ist im Menschenmaß geschwungen,
Was den Schutt darüber trägt.
Keine Pforte ist erhalten,
Und man tritt im Grottengang
In das Stundenbuch der Alten,
Das der Wandel nicht bezwang.

Kein Altar, nicht Kreuz und Leuchter,
Nur mit Scharten rings beäugt,
Säulen, Stein-Geblock, von feuchter
Macht geründet und gesäugt.
Menschenwerk, das sich der Frühe
Zuneigt und verharrt im Schoß
Und sich weigert aller Mühe
In des Lichtes stolzres Los.

Weil das museale Trachten
Jeden stillen Traum umspinnt,
Drechsler Kerzenständer machten,
Daß im Dämmer keiner blind.
Jene planen munter weiter
Einzunehmen Ruh und Nacht,
Denen was geschah die Leiter
In die Höhe ihrer Macht.

Doch ich will nicht länger pönen,
Was sich richtet schon im Tun,
Denn die Krypta will versöhnen
Wie das Auge im Taifun.
Kurz verweilen hier die meisten,
Die es gruselt unter Tag,
Was sie sich als Ausflug leisten,
Gürtet fester Joch und Plag.

Wer hier freilich seine Hände
Ausstreckt auf den nassen Stein,
Atmet still, ihm ist, als fände
Er Gesang, um froh zu sein.
Erst wenn schweigt der Lärm der Herren
Um des Reiches schlichten Keim,
Falln die Schemen, die versperren
Allen Weg, der führt uns heim.

III

Auch den Mittelschiffarkaden,
Die als Klosterkirchen-Rest
Wie der Kinder nackte Waden
Uns das Kräuticht schauen läßt,
Wäre Grün geringste Bürde,
Läg im Bröckeln nur der Feind,
Der gemach in Stil und Würde
Sie dem Erdengrund vereint.

Aber die herbeigeflehte
Schaulust feiert Bildungsgut,
Daß sie in den Zirkus trete,
Fleiß bereinigt, tüncht und tut.
Und so hat sich eingefunden
Frohsinn, daß der Ernst verfiel,
Wie Gewürm in Eiterwunden
Prunkt das viel geknipste Spiel.

Wer da kommt aus Krypten-Dämmer,
Wagt den Augen nicht zu traun:
Hätten doch Gewitter-Hämmer
All die Mauern ganz zerhaun!
Schamlos müht sich das Vernutzen
Um ein unverstandnes Heil
Und versucht, es frech zu stutzen
Auf den Geist, der jedem feil.

Trost bleibt nur in dieser Plage,
Daß die Krypta nicht so bunt,
Und uns der Historiophage
Nicht noch nahm den Schatz im Grund.
Doch er wird nicht innehalten,
Bis der letzte Stolz zerstört,
Ohne Gnade muß erkalten
Was der Welt, die fiel, gehört.

Also ist zu wiederholen,
Unser wahres Vaterland
Wird von Yankees oder Polen
Nicht besetzt und nicht zuschand.
Immer abseits staubgeweihter
Höhen, die am Ende gleich,
Führt der Herr die Seinen weiter
Hochgemut ins wahre Reich.

IV

Unstruts Windung,
Unstruts Hang,
Dieser Bindung
Stets entlang,
Ward zum Orte
Was erst Hain,
Ohne Pforte
Ließ sie ein.

Keine Schranke
Nahm uns Zoll,
Kein Gedanke
Striff uns toll,
Je ein Heller
Sei gelöhnt,
Daß ein Keller
Uns versöhnt.

Wer den Triften
Folgt als Schaf,
Wer von Giften
Wählt, die brav,
Wer da reiht sich
Froh zur Schur,
Sei nicht geizig
Der Kultur.

Doch wer gläubig
Nur dem Herrn,
Bleibe räudig
Frei im Kern,
Wer am Wasser
Braucht nicht Paß,
Macht nicht nasser,
Was schon naß.

Niemand streitet
Freien Pfad,
Wenn nicht leitet
Vater Staat.
Frag die Beine,
Wann man ruht,
Ohne Leine
Geht sichs gut.

Vers 46288 bis 46331:

Wangen

I

Wang -- gewölbte Wiese, Au,
Halde, Mulde, sanfter Hang,
Urwort, krumm und ungenau:
Wang.

Wiegenspiel, bevor Gesang
Wagte sich ins Himmelblau
Und mit seinem Echo rang.

Ehe Gott in Abendschau
Gut befand, was ihm gelang,
Wickelte der erste Tau
Wang.

II

Wange -- aller Holdheit Warte!
Weib des Munds, sei Silberspange
Um das Herrische und Harte,
Wange!

Stirn begehrt mit dunklem Drange,
Aug verheimlicht seine Karte,
Und das Kinn verharrt im Zwange.

Was uns hob und was uns narrte,
Was da hängt am tiefsten Strange,
Immer heißt uns das Aparte
Wange.

III

Wängel schirmen leicht wie Falter,
Lichter als das Blatt am Stengel,
Drum erschreckt die Bleiche kalter
Wängel.

Rühr mit Mut den Glockenschwengel,
Daß uns treu des Tags Erhalter
Und nicht Nacht die Sense dengel!

Doch die Blüte und das Alter
Sind geschieden nicht dem Engel,
Also rötet nicht der Psalter
Wängel.


IV

Wangen heißt das Auen-Wunder,
Drin wir wandernd eingefangen,
Uns vergessen läßt den Plunder
Wangen.

Was wir suchten und errangen,
War ein Grund, ein offenkunder,
Daß die Welt nicht längst vergangen.

Fahrten-Ruder, Fahrten-Runder,
Lichtlein zwischen Furcht und Bangen,
Katechon und Schulden-Stunder:
Wangen.

Vers 46332 bis 46379:

Die Nobisschenke von Nebra

Am Schlagbaum und bei Henkers Block,
Wo in der Luft die Klinge blitzt,
Schlag einen Nagel in den Pflock,
Daß keiner merk, was du stibitzt.
Es setzt sich leichter Wams und Rock,
Wenn schon ein Schuh im Schwefel schwitzt:
Wer hier nicht Meister im Tarock,
Im Himmel Zündspanhölzer schnitzt.

Daß dort die Tabakspfeife glimmt
Und dies gewiß mit bestem Kraut,
Der Zocker wie der Zecher nimmt
Für sicherer als Haar und Haut.
Ob Myrrhe, Narde, Salbei, Zimt,
Die Räucherei zum Himmel schaut,
Weswegen Feuer bloß ergrimmt,
Wenn der versagt, dems anvertraut.

Und dieser Krug, dies scheint gewiß,
In Erbpacht freut des Werders Haus,
Wer auch im Land die Fahne hiß,
Hier macht man sich gar wenig draus.
Tritt ein und werde selig bis
Die Bürde naht des Morgengraus,
Ob auch die Welt im Kern zerriß,
Laß auf die Leber keine Laus.

Drei Nägel schlugen Bauern ein,
Die riefen, daß die Erdenmitt
Müß grad an diesem Orte sein,
Und sie bezeugten es selbdritt.
Manch einer schiebts auf Branntewein,
Daß man Gelahrten widerstritt,
Doch andre schwören Stein und Bein,
Daß man den Zweifel sich verbitt.

Was sie behaupten, setzt voran,
Das Weltenrund sei ihnen flach,
Zum Mittelpunkt nicht taugen kann
Bei Mehrgeschössern grad das Dach.
So spricht die Sage dann und wann
Vorm allgemeinen Krummgemach,
Was auch hinab die Unstrut rann,
Der Bauersmann versteht sein Fach.

Dem Erdstall und dem Schratenloch
Erscheint verwandt der Nobiskrug.
Ein Aber und ein lautes Doch
Und auch ein Tu-dir-nie-Genug
Bewirten als Gerüchte-Koch
Den langen Armesünder-Zug.
Ich sag dir, sie tuns immernoch
Und halten uns für Nebelspuk.

Vers 46380 bis 46419:

Nebra

Daß man die Scheibe grade dort
Gefunden, wo die Sage weiß,
Drei Nägel bürgten für den Ort,
Er sei das Innerste dem Kreis,
Ging unter in der Sensation,
Des Alters und des Sternenblicks.
Ich seh da nur, ihr ahnt es schon,
Die Ironie des Fundgeschicks.

Daß besser dieses seltne Ding
Man nie ergrub, beweist allein
Der Bunker, der sich unterfing
Ihm künftig Haftanstalt zu sein.
Die Häßlichkeit ist so grandios,
Daß sie uns schon von weitem zeigt,
Ein Ungeheuer stürzt sich los,
Wenn etwas aus dem Dunkel steigt.

Ich will nicht hören, was man schwätzt
Gedämpften Tons im Neonlicht,
Und selber sich als Mitte setzt,
Als Richterin der Weltgeschicht,
Ich will nicht hörn, wie Priesterei
Vorwegnahm schon den Koppernigk.
Ich bin, o Scheibe, nicht dabei,
Wenn kulminiert dein Mißgeschick.

Ob nun die Scheibe falsch, ob echt –
Egal, es macht den Kohl nicht fett,
Ob gut gelogen oder schlecht
Und wer da wohl mit wem im Bett.
Wo Lüge ward zu Profession,
Durchdringt sie jeden Gegenstand,
Daß der Versuch des Urteils schon
Beflecken muß die Richterhand.

Bei all der trunknen Psalmodie
Der Spielverderber bin ich gern,
Denn meint ihr, ihr begriffet sie,
So fragt euch bloß, aus welchem Kern.
Wer immer die Erbärmlichkeit
So atemlos mit Wundern schmückt,
Der sammelt selber Scheit für Scheit
Den Haufen, der die Lohe zückt.

Vers 46420 bis 46444:

Unter der Altenburg

Rechts der Unstrut steil bergan!
Schlanker Pfad an steiler Wand,
Schroffen starren in den Tann,
Wohin das noch führen kann,
Deckt das Grün mit leichter Hand.

Daß die Höhe magisch rag
Übers Tal, das jäh sich duckt,
Ist zu spürn am hellen Tag,
Der sich gar nicht neigen mag,
Blinzelnd durch die Kronen zuckt.

Dieser Höhnburg blieb kein Stein,
Wie der Neuen zum Ruin,
Alles zog der Felsen ein,
Nichts soll hier gewesen sein,
Keine Hand bekrönen ihn.

Seltsam, das getilgte Werk
Stärker rührt als alle Kunst,
Grad mit jedem Schritte merk
Ich den Hünen auf dem Berg,
Der sich lang verlor im Dunst.

Die vergeßnen Burgen stehn
Näher unserm eignen Kern,
Als erhaltne, zu begehn
Und als Spielzeug anzusehn,
Seit die Türme ohne Herrn.

Vers 46445 bis 46480:

Schloß Vitzenburg

Schau übern Fluß und sei verzückt!
Nahm auch die Wälle längst der Wald,
Ein breites Schloß die Höhe schmückt
Und zeugt in fürstlicher Gestalt.

Zwar Jüngeres sich wirklich zeigt,
Jedoch die Stätte atmet deutsch,
Drum sei in Furcht das Haupt geneigt
Vorm Kloster Wiprechtes von Groitzsch.

In Pegau liest man, daß dem Graf
Als Rächer selbst die Kirche brennt,
Im Tod nach Jahrn mit wenig Schlaf
Blieb noch die Loh sein Element.

Doch hielt er hoch die fromme Sitt
In klösterlicher Wacht und Müh,
Denn was der Ritter heiß erstritt,
Das muß bewahrt sein spät und früh.

Wettiner, Querfurt, Selmenitz...
Die Mauern nannte mancher sein,
Zwar wechselte der Hausbesitz,
Doch bliebs das Haupt der Länderein.

Zuletzt Münchhausen Kammerrat
Die Herrschaft erbt durch Witwerschaft,
Obwohl er nichts den Roten tat,
Kam er nach Buchenwald in Haft.

Er starb dort bald. Für zwanzig Jahr
Das Schloß dem Gut Verwaltung lieh,
Dann war den neuen Herren klar,
Der Wehrbau taugt zur Psychiatrie.

Nun heißt es, seit der Westen kam,
Das Schloß das Geldverdienen lern,
Wer auch das Leichterworbne nahm,
Verlor bald seines Glückes Stern.

Denn was uns groß und herrlich grüßt,
Hat keinen Platz in dem System,
Wo die Kultur nur Kaffee süßt,
Und nur was neu auch angenehm.

Vers 46481 bis 46492:

Friesenfeld

Daß sich die Spur der Friesen spinnt,
Wos weit nicht mehr ins Osterland,
Gemahnt mich an den Tag als Kind
Als ich die Au von Weltwitz fand.

Die Kolonisten, die von weit
Sich trauten in den dichten Wald,
Erweckten eine Heiterkeit,
Die ward fast tausend Jahre alt.

Im Zeitenlauf ein Tropfen Blut,
Den nur ein alter Name kennt,
Doch Nachgeborner zieh den Hut!
Ich fühl, daß er noch immer brennt.

Vers 46493 bis 46546:

Unstrutwandern

I

Wo der Strom sich südhin schwenkt
In das Weinland seines Munds,
Minnesang die Stimme senkt,
Der gefolgt ist Hinz und Kunz.

Ob er Wandervogel sei,
Ob der Müller aus dem Lied,
Ob er alles trag dabei,
Was sein Engel ihm beschied?

Ob kein Aug ihm trau: Verweil!
Ob er keiner Bleibe froh?
Ob des Liedbuchs letzter Teil
Schließlich heiße Nirgendwo?

II

Ob der Ilme, ob der Saale,
Ob der Isar, ob der Ems,
Manche Meile folgt im Tale
Wems allein, daß Tod ihn brems.

Ist der Dichter jener Vogel,
Der an Ufern sich verhaucht?
Der zuletzt für solch Gemogel
Einen Rollstuhl-Schieber braucht?

Auch Vagantentum ist Larve.
Ob der Witz der Weisheit Reim?
Nur die weite, nicht die scharfe
Kurve bringt dich endlich heim.

Wer kann wissen, was zu dichten
Ihm der Lebensherbst verfüg?
Doch Bereitschaft zu verzichten
Hilft, daß man sich selbst genüg.

Darum sag ich diesem Ufer
Im voraus Fahrwohl und Glück,
Denn ich weiß, ein andrer Rufer
Findet einst den Weg zurück.

Nach der Orla werd ich kehren,
Wo mein erster Schuh besohlt,
Und im Kleinsten will ich mehren,
Was sich draußen wiederholt.

III

Ob die Unstrut wirklich leuchte
Aus den Bildern, die sich reihen?
Oder ob ein Wandrer keuchte,
Und nicht besser klangs zu zweien?

Ob die Unstrut sich vertraute
In dem Buch, das nun zu lesen?
Oder ob ertönt zur Laute,
Was erritten auf dem Besen?

Ob die Kunst die Wesen weitet
Oder sie mit Schaum versiegelt,
Ob dich Sonnenhelle leitet
Oder Sturm das Ohr verriegelt?

Niemand wird es ganz ergründen,
Wieviel Gold im dunkeln Tanne,
Aber wie die Ströme münden,
Wird vergeben auch die Sünden
Jener, der den Weg zu ründen
Auch erlaubt dem Wandersmanne.

Vers 46547 bis 46574:

Karsdorf

Ein Karl, der Name sagts, ein Frank
Trat vor, daß zög an einem Gurt
Die Siedlerschar und sage dank,
Daß nahebei die Unstrutfurt.

Zu deren Schirmung reicht es nicht,
Daß Feld und Wies die Sense mäht,
Der Ritter zeigte sein Gesicht
Mit einer Burg auf Hoher Grät.

Die Kupferstraße querte sacht
Den oft so strudelreichen Strom,
Von Jütland her und manchen Schacht
Nach Erfurt, Nürnberg und nach Rom.

Zwar Leipzig stritt mit diesem Rang,
Jedoch der Kupferhandel blüht,
Daß sich verstärkte noch der Strang
Nach Mansfeld hin vom reichen Süd.

Wenn auch der Weg, an Schmieden reich,
Sonst änderte gar oft den Lauf,
Blieb doch die Unstrut-Öse gleich,
Es tat sich keine andre auf.

Erst als die See zum Weltweg reift
Und billig macht die fernste Beut,
Das Handelsnetz der Schatten streift,
Der sich behauptet nun bis heut.

Nahbei wie überall die Brück
Verschweigt wie einst der große Fluß
Begrenzung war und Wagestück
Und daß ers wieder werden muß.

Vers 46575 bis 46661:

Metzeiche bei Tröbsdorf

I

Der Eich steht ehern vor dem Eid,
Auch seine Frucht, der Mannskraft gleich.
Nur vor dem Blitz bleibt ungefeit
Der Eich.

Ihm ist kein Feld zu hart, zu weich,
Ihm frommt der Hügel wie die Heid,
Er ziert die Klippe wie den Teich.

Er weiß vom Grämen nichts und Neid,
Und niemand reimt sich auf das Reich
Als elbisch in Erhabenheit
Der Eich.

II

Die Eiche ist leicht zu erkennen
Am Blatt, das sie winters noch hält,
Im Holze die Gerbsäfte brennen,
Was Nagern und Nistern mißfällt.
Der Baum grüßt als Balken und Speiche,
Als Tinte und Mäster des Schweins,
Vor allen Geschöpfen die Eiche
Setzt häufig und einzig in eins.

Sie waldet und reckt sich alleine,
Sie buscht oder krönt eine Flur,
Sie nährt uns die Gnome im Haine,
Und zeigt auf dem Söller die Uhr.
Sie hortet den Schatz wie die Leiche
Und spottet gewöhnlichen Weins,
Vor allen Geschöpfen die Eiche
Setzt häufig und einzig in eins.

Sie ragt durch Jahrhunderte offen,
Wenn sie nicht als Kräuticht gemäht,
Sie ruft als beständiges Hoffen,
Wenn längst schon der Hahn nicht mehr kräht.
Sie spricht von des Kyffhäusers Bleiche
In Königsberg wie auch in Mainz,
Vor allen Geschöpfen die Eiche
Setzt häufig und einzig in eins.

Ihr Laub schmückt Berufne und Blöde,
Und mancher im Ärmel es birgt,
Ihr eignet die Fülle, die Öde,
Die Huld auch kein Frevler verwirkt.
Sie schaut deine kindlichen Streiche
Und tröstet am Ende Lateins,
Vor allen Geschöpfen die Eiche
Setzt häufig und einzig in eins.

Sie wahrt in unendlicher Milde,
Was drunter sich herzt und verstört,
Sie ist über alles im Bilde,
Was allen und keinem gehört.
Wenn sinken in Kot und in Seiche
Die Götzen des weltlichen Scheins,
Steht einzig die reglose Eiche
Auf Achten als einsame Eins.

III

Sieben Meter Brustumfang,
Stamm, der lange kaum sich jüngt!
Ungebrochen noch im Drang,
Was dem Vers und dem Gesang
Nahezu unfaßlich dünkt.

Auf der hohen Äste Kranz
Herrscht als weiter Schirm die Kron,
Kein zerstückeltes Gefrans,
Kein barocker Totentanz
Mindern hier Altar und Thron.

Freistand auf der Metzenwies
Und Morast am Unstrut-Saum
Machten Rückenmark und Vlies
Dieses Riesen, der uns dies
Zeigt wie sonst allein der Traum.

Von der Schönheit übermannt,
Sank wie Ortnit einst der Lind
Jäh mein Trachten. So gebannt
Wurde manches Ziel verkannt,
Das ich nun im Buch nicht find.

Andern Ufers steht ein Schloß,
Sagen-reich und reich an Streit,
Daß ichs ausließ, wohl verdroß
Manchen treuen Fahrtgenoß,
Aber dies gehört der Zeit.

Wenn die Eiche dich erwählt,
Frag nicht nach der Menschen Tun,
Vieles ist dahinerzählt,
Aber dieser Baum vermählt
Mit der tiefsten Wurzel Ruhn.

Nicht den Dichter schilt darob,
Daß er dürre Ausflucht flicht.
Ob er fein sei oder grob,
Süßholz raspel, Sprüche klopp,
Was er abtut und verspricht,
Er entscheidets selber nicht.

Vers 46662 bis 46765:

Am Glockenseck

Wo sanfter Hang dem Winzer gut,
Und auch die Unstrut friedlich breit
Nicht mehr die kühnen Sprünge tut,
Als sei sie jung und ungefreit,
Sieh im Gezähmten, das sich grünt,
Schroff-steilen Felsens wilden Fleck,
Wie ein Verbrechen ungesühnt
Ragt ins Gefild das Glockenseck.

Was wider alle Regel spricht,
Beschäftigt Volk am Feiertag,
Verwunderlich ist also nicht,
Was erst Gerücht und endlich Sag:
Der Felsen, der sich grob bewahrt
Und nicht zerrollte, innerst deck
Den Rächer unbekannter Art,
Der Frevler lockt zum Felseneck.

Ein Bauersmann, der Glocken hieß,
In Gleina war für Geiz bekannt,
Wenn einer bat um das und dies,
Geriet er außer Rand und Band.
Da er auf Bettler Hunde hetzt,
Geschiehts, daß einer so verreck,
Der bittet nicht ums Heil zuletzt,
Er spricht den Fluch vom Felseneck.

Doch Glocken lacht, auf diesem Sporn
Ist Feld nicht sein noch Weideland,
Daß er geriete ganz nach vorn
Und schließlich stürzte übern Rand,
Solch irre Mär, nicht wert der Red,
Beweist wie nutzlos dieser Geck.
Wenn dieser Ort ihm nahesteht,
Was schnorrt er nicht am Felseneck?

Die Unstrut fließt, die Tage gehn,
Der Glocken haus im Felde hält,
Doch einmal hat er sich versehn,
Die Nacht das Fuhrwerk überfällt.
Da braucht der Mut Gedanken fein,
Die junge Magd und ihr Gebäck,
Doch immer wieder fällt ihm ein
Der blöde Fluch vom Felseneck.

Ganz ohne Mond ists leicht nicht mehr,
Den Weg zu halten und die Spur:
Wo komm ich hin, wo komm ich her?
Die Dunkelheit wird zur Tortur.
Es regnet mählich, endlich dicht.
Nun wird auch noch der Himmel leck!
Gäbs doch ein kleines bißchen Licht!
Wer sähe hier das Felseneck?

Zwar schützt die Plane gut und fest,
Und auf die Pferde ist Verlaß,
Die Nacht sich überstehen läßt,
Und sei sie noch so kalt und naß.
Das Wetter aber spitzt sich zu,
Gewitter kreist und spielt Versteck,
Doch Glocken weiß, hier hilft nur Ruh
Und kein Gered vom Felseneck.

Da scheint das Dorf ganz plötzlich nah,
Der Hof, der Brunnen, dort die Scheun,
Doch dann ist auch der Zweifel da:
Sollt ihn die Zuversicht gereun?
Ists Narretei? Ein Dämon bös,
Der meint, die Mäuse fängt der Speck?
Und der bloß wartet, daß Gekrös
Verrottet unterm Felseneck?

Er wendet, und die Pferde gehn
Noch immer brav und ohne Arg.
Wer wagt, den Teufel anzusehn,
Der bleibt vor jedem Teufel stark.
Verläßlich ist der Branntewein
Im Rock -- nun scher dich keinen Dreck
Um Aberglaub und Weiberschrein,
Um Bettler und das Felseneck.

Doch dann, die Gäule wie verhext,
Sie wiehern heiser in die Höh.
Was ist da oben, wo nichts wächst?
Den Schrei verschlingt die straffe Bö.
Dann wird es still und jemand lacht.
Von hinten wiederholt sichs keck.
Schon manchen hat verrückt gemacht
Der irre Spuk am Felseneck.

Er hält den Wagen -- besser so
Erwarten bald das Morgenrot,
Als nirgendhin und irgendwo
Vor einer Klippe Brei und tot!
Man harre lieber tatenlos,
Wenn alle Mühe ohne Zweck!
Das wichtigste: Vergiß jetzt bloß
Das dumme Zeug vom Felseneck.

Doch dann ein Blitz, mit einem Ruck
Die Pferde traben los wie toll,
Vom Branntewein noch einen Schluck!
Wer wüßte, was er sonst noch soll?
Ob im Galopp die Achse kracht?
Hier kommt man nur zerschlagen weg.
Wenn doch ein Sternlein hell die Nacht,
Und rettete vorm Felseneck!

Es ist erreicht, der Wagen stürzt
Im Bogen nach dem Unstrutfluß,
Daß der, dems Leben so verkürzt,
Die Lag nicht faßt, bis jählings Schluß.
Kein Atem noch für Fluch und Streit,
Kein Lidschlag noch für Ach und Schreck!
Der Fels heißt nun für alle Zeit,
Wer auch vorbeikommt, Glockenseck.

Vers 46766 bis 46795:

Fliegerhorst Laucha

Langes Bauwerk auf dem Kamm,
Speicher, Turm, Rekrutentrakt,
Zeigt geziegelt ohne Schwamm,
Daß es aus den Jahren stamm,
Die beredt auch unbeflaggt.

Weit dehnt sich das Areal,
Rasenfeld mit Kurzgeborst.
Stufig gehts ins Unstruttal,
Aber drüber als Fanal
Breitet sich der Fliegerhorst.

Was er Segelfliegern bringt,
Wird von andern nicht erreicht,
Daß der Flugestraum gelingt,
Auch sich durch die Lüfte schwingt
Gleitschirm, Drachen, Ultraleicht.

Wer zum Schaun am Boden bleibt,
Bang den Schleifenspieler preist,
Aber wer am Wind sich reibt,
Seine Himmelszeichen schreibt
Und den Leib erlebt als Geist.

Leider ward das Adlerspiel,
Wie Erfindergeist noch stets,
Bös vernutzt zu schlechtem Ziel,
Mittel, das die Welt verfiel,
Gegenteil des Dank-Gebets.

Müßte jeder Flugtourist
Hier erst ein paar Runden drehn,
Wärn Aeroplan und Pist
Winzig, und dank solcher List
Würde mancher Wald noch stehn.

Vers 46796 bis 46819:

Ulrichs Glocken

In Laucha klingt uns dunkel weich
Die Glocke Sankt Mariens in moll,
Und lockt in Ulrichs Gießer-Reich,
Dem ich die höchste Achtung zoll.

Zwar ist das Handwerk hier Geschicht,
Doch was man in der Werkstatt sieht,
Zeigt uns des Meisters Kür und Pflicht,
Dem Schiller singt im Glockenlied.

Als Wandergießer Hersfeld-her
Kam Ulrich, weils in Laucha brennt,
Am Anfang machte mans ihm schwer,
Doch bald er hier die Lieb erkennt.

So zog in Mitteldeutschland ein
Ein Glockengießerei-Geschlecht,
Wird bald auch in Apolda sein,
Und jeder hört, was gut und echt.

Das Rippenbuch ist größter Wert
Und Erbstück, weil hier das Profil
Für die Gestalt, die uns beschert
Den Klang, der allen Werkens Ziel.

Gar mancher Kirch glockt solches Glück
Auch Laucha schonte Krieges Hatz,
Der Blitz zerschlug das Einstandsstück,
Doch auch ein Ulrich goß Ersatz.

Vers 46820 bis 46855:

Zeddenbachmühle

Roter Klinker, sechs Geschosse,
Dem Verfall nicht preisgegeben,
Keine Feuerleitersprosse
Fehlt dem groß gebauten Leben.

Zwar ein Wirtshaus und ein Laden
Helfen, die Bilanz zu bessern,
Doch des Werkes roten Faden
Wird kein Mummenschanz verwässern.

Nur die Unstrut treibt die Räder,
Und man mahlt das Korn für Brote,
Ward auch stumm das Lied der Mähder,
Sind nicht alle Müller Tote.

Über tausend Jahr am Orte
Man die Mühlenräder kannte,
Ein Geschäft schloß nur die Pforte,
Wenn es bis zum Grunde brannte.

Was da grüßt uns wilhelminisch,
Diente Opa, Sohn und Enkel,
Nur dem Narrn ists sibyllinisch,
Daß im Hause kein Geplänkel.

Die Familie Fortschritts-Drückern
Standhielt und der Ego-Falle,
Auch den roten Weltbeglückern,
Die enteigneten fast alle.

Dabei ruft das End der Plage
Gleich das nächste Ungeheuer,
Daß der Müller wird zur Sage,
Braucht es heutzutag kein Feuer.

Traditionsverfall bei Bäckern
Schwächt was Sorgfalt sich bemühte,
Denn den Chemikalien-Streckern
Macht der Preis allein die Güte.

Doch mit Gottes Hilfe glaube
An ein Licht am Tunnelende,
Daß ein Riegel wehr dem Raube
Und dem Leben dien die Wende.

Vers 46856 bis 46967:

Die Mauer um die Neuenburg

Als Kaiser Rotbart Lust gespürt,
Daß er bei Schwester Jutta sei,
Zur Unstrut und zur Neuburg führt
Sein Weg vom Kyff, der nahebei.
Er lobt das Haus, doch ihn verstört,
Ringmauern fehln, ein dicker Turm
Vermißt, was sonst dazugehört
Und wehren kann dem Reitersturm.

Sein Schwager, Thürings Landesgraf
Gelassen meint, geringes Ding
Sei solch ein Wall, wenn zwei Mal schlaf
Der Kaiser, schlöß sich fest der Ring.
Er plaudre mit den Edelfraun,
Ein Sänger harf im Saal vom Rhein,
Er lasse doch im Gottvertraun
Das Werk bloß seine Sorge sein.

Allein der Kaiser murrt verstimmt:
Es ist schon frech in Gottes Huld,
Wenn man dafür drei Jahre nimmt
Und nicht des ganzen Lebens Schuld.
Die Red, man bräucht der Tage drei,
Ist lästerlich und schlimmer noch,
Ob nicht Magie und Zauberei
Aus ihrem Höllenpfuhle kroch?

Doch Friedrich, spricht die Schwester mild,
Mein Mann, der eisern wird genannt,
Ist nur zu frommem Tun gewillt
Und Zierde für den Ritterstand.
Was auch sein Wort bedeuten mag,
Es ist gewiß kein finstres Werk,
Wenn er dir zeigt am dritten Tag,
Wie fest und sicher dieser Berg.

Dies überzeugt den Kaiser nicht,
Doch wenn die Maid so fein und hold,
Der kampfgestählte Grimm zerbricht,
Daß er nun nicht mehr weitergrollt,
Im Unstrutleuchten ist das Wort
Wohl eitel, aber nicht gemein,
Die Lieblichkeit an diesem Ort
Macht schuldlos selbst die Narretein.

Und kaum, daß er nicht mehr ergrimmt
Ob Bilsen, Tollkirsch und Alraun,
Die Jutta bei der Hand ihn nimmt,
Den Meistersingersaal zu schaun.
Der Kaiser hat schon viel erfahrn,
Der Welfen und der Welschen Zier,
Doch wird er Kind in hohen Jahrn,
So herrlich ist die Anmut hier.

Die Töne, drin das Aug dem Ohr
Nicht fürder widersprechen will,
Schalmeien, edel und sonor
Von butterweich bis hart und schrill,
Die Harf erzählt, die Laute träumt,
Gedrehte Leier dröhnt massiv,
Das Trumscheit schnarrt, die Fiedel schäumt,
Die Engel gehn im Portativ.

Die hohe Kunst der Falknerbeiz,
Die Frau mit einem Lamm im Arm,
Der keuschen Liebe zarter Reiz,
Ein Säulengang, mit Schilden warm.
Das Wappen, das so viel erzählt
Vom Wolf, vom Wurm und vom Gebet,
Die Hand, die Leu und Lilie wählt,
Und was am Tor des Todes steht.

Der Kaiser träumt, als sei er hier
Am Ziel von seinem Kampf ums Reich,
Die Holdesten, die im Spalier
Dem Weinlaub und den Trauben gleich
Ihm zeigen, wie in Unstrutaun
Die hohe Minne gleiß und blink,
Und so als wärs ein Morgengraun
Vergehn die Tage wieselflink.

Der Graf säumt keinen Augenschein
Derweil zu rufen, was ihm Welt,
Von Salza, Treffurt, Blankenhain,
Von Heldrungen und Kranichfeld.
Die Herrn von Vitzthum, Orlamünd,
Von Lobdeburg und von Arnshaugk,
Daß jeder hier gewappnet stünd,
Im Harnisch und mit offnem Aug.

Auch Schwarzburg, Gleichen, Eckenstätt
Und Kirchberg, Stolberg, Bleichingen,
Es nahe, wen kein Höllhund kett,
Wen hoch und schlicht der Codex kenn.
Im Schmuck und Glast der Waffen nah,
Was Adel trägt in diesem Land,
Was unverzüglich auch geschah,
Der Landgraf war als hart bekannt.

Drei Tage sind verflossen nun,
Der Graf tritt vor den Kaiser hin:
Eur Dienstmann wollte faul nicht ruhn,
Mit meinem Werk ich fertig bin.
Der Kaiser seine Stirne wiegt,
Und schweflig brennts im Nasengrund,
Jedoch die Neugier dann obsiegt,
So tritt er auf des Söllers Rund.

Das ist ein Schauspiel: Mann für Mann
Die Mauer dräut mit harter Wehr,
Die Bannerträger, Fähnlein dran,
Die hohe Kunst von Treu und Ehr.
Sie stehen alle, hart wie Stein,
Unüberwindlich alt und jung
Im ersten roten Sonnenschein
Im Grau der Morgendämmerung.

Da spricht der Kaiser tief gerührt,
Noch schönre Mauer sah ich nie,
Wer solche Scharn im Felde führt,
Dem ists nicht eitle Prophetie,
Daß tausend Jahre Kampfeszeit
Nur Flämmchen vor des Reiches Glut,
Weil nicht von Stein die Ewigkeit,
Sie dauert an im Heldenmut.

Vers 46968 bis 47051:

Freyburg

I

Wer mit der Unstrut fährt durchs Land,
Den grüßt der Dicke Wilhelm: Ei,
Daß diese Berge reich und frei,
Macht dir mein dicker Bauch bekannt!

Ich streite nicht, es sei wies sei,
Solang der Welt der Wein nicht schwand,
Ein jeder noch den Tropfen fand,
Der ihm ein Stück des Himmels leih.

Ich brauch ihn seltner mit den Jahrn,
Wo ich auch ohne Trunk schon schwank,
Und manches Bild, das ich erfahrn

Im frischen Mut und manchmal krank
Mich zog aus Sumpf an eigenen Haarn.
Am Ende bleibt doch nichts als Dank.

II

Am Keffer sprach die wilde Birn
Mir einst von Freyburgs sattem Grün,
Nun sind getan der Unstrut Mühn,
Doch lieber war sie mir als Dirn.

Die Träume reifen und verblühn,
Und folgst du Ariadnes Zwirn,
Wird dich am Ausgang Tag verwirrn,
Denn erst im Licht sollst du verglühn.

Wer reist, der irrt, wer irrt, der lebt,
Die Weisheit ist ein Totenkranz,
Und wenn der Wein dich nicht mehr hebt,

Bist du zuletzt im Glück der Hans.
Wer alles gibt und nichts erstrebt,
Ergibt zuletzt sich selber ganz.

III

Sonette schrieb ich oft und früh,
Wer einmal sprang auf diesen Trip,
Der sorge, daß der Sud nicht kipp
Und stets dieselbe Bohne brüh.

Grad wie das Spiel von Hirt und Kripp
Sich dreht, solang die Kerze glüh,
Wird allzuleicht, was anfangs Müh,
Und auch die Form ein fader Tip.

Mir wird die Weinstadt nicht zum Lied,
Weil sie nicht standhält der Ballad,
Drin Rotbart früh die Mannen sieht.

Ja, wer ins Mittelalter trat,
Dem scheint gering, was heut geschieht,
So wird der Traum zum Feind der Tat.

IV

Im engen Tal die Nordwand schützt
Die südliche, das mag der Wein.
Der Sonne froh, doch sonst ein Schrein,
Im Bettchen, aber unbemützt.

Was uns beschert der Sonnenschein,
Das wird von dunklem Strom gestützt,
Fehlt eins dem andern, wenig nützt
Das eine ohne zweites Bein.

Ich denke an die Genesis,
Wo Gottes Geist auf Wassern schwebt,
Nichts scheint so sehr wie dies gewiß.

Aus Wasser ist die Welt gewebt
Mit lichter Nadel Finsternis
Verwundend, daß sie pulst und lebt.

V

Am schönsten sind am Weinberg doch
Die Erker, Fachwerk, braun auf weiß,
Wie Sonnensaft, gekühlt auf Eis,
Die Kehle macht zu einem Loch.

Es ist zwar heute nicht so heiß,
Rotkäppchen hier versucht mich doch,
Der Wolf aus seiner Höhle kroch,
Sag ich im Scherz, drauf du: Beschreis!

Der Kluge und der Lust-Instinkt
In Freyburg heut noch einmal laut,
Doch überm Horizonte winkt

Die Wolke, die schon lange schaut,
Obleich im Gold die Unstrut blinkt,
Noch zögert, aber bald sich traut.

VI

Ein Regensommer gab uns Zeit
Zur Fahrt am Wasserweg des U,
Zwar oft zog sich der Himmel zu,
Doch groß war auch die Heiterkeit.

Wer mit dem Wetter steht auf Du,
Wer fleißig, daß er Schmerz vermeid,
Der kennt auch Freude nicht, weil Leid
Ihr Bote ist und Wanderschuh.

Drum kühlt in Freyburg nicht der Wein,
Das Wasser tuts vom Himmel her,
Und anders dürfte es nicht sein.

Es kümmert uns auch nicht so sehr,
Wir wollen uns der Welle weihn
Und fühln wie unterm Unstrutwehr.

Vers 47052 bis 47093:

Radierhäuschen im Weinberg

In des Jahrhunderts früher Stund,
Das Volk und Land zerrissen hat,
Max Klinger, leicht betagt, erwarb
Den Weinberg bei Großjena und
Das Winzerhaus als feste Statt
Und kehrte hierher, als er starb.

Er ließ im Leben wenig aus,
Den Musen hold wie dem Skandal,
Er trieb mit Fleiß, was er auch trieb.
Mit seiner Dichterin ein Haus
Für ein Jahrzehnt, dann braucht der Baal
Ein Jung-Modell für Kunst und Lieb.

Relief und Büste, Großfigur,
Gemälde, Graphik, selbst dabei
Ein Kachelofen, den er schuf.
Er spielt Klavier, an Litratur
Verschlingt er alt und neusten Schrei,
Umfassend dünkt ihn sein Beruf.

Maßlosigkeit und mancher Wahn
Gepaart mit Klugheit und Talent,
So schritt er durch die Aufbruchs-Zeit.
Auch hier im Haus ward viel getan,
Wovon man nur noch wenig kennt,
Seit Tod zerbrach die Eitelkeit.

Die Erben stritten, und die Not
Gab manchen Schatz für Groschen preis,
Die Stadt das Haus mit allem Gut
Bekam, doch war der Ruhm so tot,
Daß Dach und sonstigen Verschleiß
Zu repariern, fand keiner Mut.

Erst als von Westintresse Wind
Man höhern Orts bekam, beschreibt
Die Inventur Bestand und Schwund,
Und später dann verschwunden sind
Die Listen und was wertvoll bleibt,
Gibt heut noch zu Prozessen Grund.

Daß man es erst verderben läßt
Und dann verhökert und verstreut,
Die Kehrseit ist der Sammelwut.
Und war das Leben ihm ein Fest,
Scheints möglich, daß er dies bereut.
Sein Volk bezahlt derweil mit Blut.

Vers 47094 bis 47149:

Im Blütengrund

Ein Album, ganz im Steine
Gemeißelte Geschicht,
Was wird gesagt vom Weine
Im biblischen Bericht.
Zwölf Szenen im Massive
Tun jedem Wandrer kund:
Tritt näher und vertiefe
Den Blick im Blütengrund.

Die Kunde an die Hirten,
Mit Pauke, Zimbel, Harf,
Herbei die Engel schwirrten,
Weil alles jubeln darf,
Mit Dudelsack ein Schäfer,
Lobsingt der hohen Stund,
Und weckt den letzten Schläfer
Im Bild vom Blütengrund.

Dann Christus in der Kelter
Nacktfüßig Trauben preßt,
Mit Butten als Behälter
Ziehn Winzer auf zum Fest.
Auch Lot genießt vom Weine,
Als Sodom vor dem Schwund
Schon hell vom Fackelscheine
Flammt auf im Blütengrund.

Zu Kana die Vermählung,
Die Tafel kaum begrenzt,
Detailreich die Erzählung,
Wie Wasser wird kredenzt.
Auch David schlägt die Saiten
Und Knaben sieh im Rund
Mit Reben fröhlich schreiten
Um Wein im Blütengrund.

Der Fuchs wird totgeschlagen,
Weil er vom Weine raubt,
Und hat nur kurz zu klagen,
Wenn man dem Bilde glaubt,
Dann Moses mit dem Stabe,
Nun wirds ein bißchen bunt,
Daß man am Quell sich labe,
Heißt Wein im Blütengrund.

Der Fürst als stolzer Reiter
Der Bibel sich gesellt,
Der Haur wär kein gescheiter,
Bedächt er nicht die Welt,
Es füllt dem Steine-Schmücker
Der Himmel nicht den Mund,
Drum sei auch ihm Beglücker
Der Herr im Blütengrund.

Manch Bild im sandnen Steine
Ist schon zerbröckelt ganz,
Es ist wie mit dem Weine,
Zu End gehn Fest und Tanz.
Der Wandrer aber preise
Den unverhofften Fund,
Und sing nach seiner Reise
Noch lang vom Blütengrund.

Vers 47150 bis 47169:

Saalfähre Blütengrund

Der Fährmann bringt von Strand zu Strand,
Er treibt und steuert ganz allein
Mit starkem Arm und fester Hand
Den Nachen, dessen Raum zum Rand
Gefüllt, daß nichts mehr paßt hinein.

Dies scheint mir gutes Bild am Schluß,
Auch wenns hier düster nicht und grau,
Daß uns der Fährmann tragen muß
Unds tut für einen Obolus,
Vollendet recht die Unstrut-Schau.

Wir stehn am Mündungsort im Kahn
Auf Wassern, noch nicht ganz gemischt,
Und was uns trägt so sanft und plan
Haucht immerfort das Wohlgetan,
Das uns zu Füßen still erlischt.

Das Ufer ist schon Naumburgs Grund,
Und weit ists auch zum Bahnhof nicht,
Zwar sind die Füße mir nicht wund,
Doch offen bleibt mir wohl der Mund,
Wenn reiner Ton wird das Gedicht.

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