Auf einen Stern zugehen, nur dieses.
– Heidegger
Vers 2263 bis 2318:
I
Das Buch vom Mohn und vom Fanal zum Tag
Ward eines langen Werdens Schmerzenskind,
Manch Einfall kam und mancher floh im Wind,
Und Zwiespalt kroch in jeglichen Ertrag.
Erst waren Wandelstern und Labyrinth
Die Paten, dann der Erde Nachtgesag,
Dann hab ich mich entfernt vom Sumpfgeklag
Und vom Geheimnis, das Arachne spinnt.
Nicht länger bin ich Schauender allein,
Denn wo die Liebe sich dem Geist vermählt,
Soll auch ein Haus mit einem Garten sein.
Da taugts nicht, daß man Wolkenpferde wählt,
Die finden nur den Weg in Freyas Hain,
Drum such der Leser selbst, was wirklich zählt.
II
Der Flamme, weiß von Mohn und Morgenflor,
War ich Adept, ich trug ein dunkles Vlies
Und sah den Auftrag immerwährend: Gieß
Den letzten Krug in dämmerndes Zuvor.
Und der mich dabei leitete und wies,
Apollon schien, umringt vom Musenchor,
Doch niemand blieb im Heiligtum des Hor,
Als mich der Stimme Wandelkraft verließ.
Doch wie die Schlange, die von eignem lebt,
Blieb mir sogar im Dunkelsten der Reim,
Und wo er sich beschließend männlich hebt,
Ward am geschliffnen Stab ein junger Keim,
Der wächst und mählich die Gestalten webt
Und salamandrisch weiterführt und heim.
III
Die Schatten rief ich her mit eignem Blut,
Und was sie brachten, liegt auf dieser Bank,
Ich weiß nicht mehr, was welchem Ruf ich dank,
Doch wurde mir das Ende endlich gut.
Ich sah die Welt und auch mich selber krank,
Was dies mir endlich von den Schultern lud,
Zu sehn, brauchts wohl für weitre Bücher Mut,
Die meine Freunde horten blau im Schrank.
Geh auf den Stern! Das Motto stand als Licht
Als erstes, und ich wußt nicht, wie er heißt,
Doch dieses war von minderem Gewicht.
So soll es gehn, wie Dichtern gehts zumeist,
Sie kennen nicht den Sinn von der Geschicht,
Doch ihr Bemühn in neue Reiche weist.
IV
Endymion war Spiegel mir und Lieb,
Ein Siegfried, den das Lindenblatt zerschrammt,
Der blauen Kapsel Mohns, drin Morpheus flammt,
Mein junges Blut so manche Hymne schrieb.
Der Stalaktit, der Karstgewölb entstammt,
Nennt spatzenhaft der Störzer Staubgestieb,
Und auch der Mehrer, der im Kyff verblieb,
Erhalten bleibt dem Reiche und dem Amt.
Drum mindre nicht den Traum die Silbe nur,
Denn auch die Trauer ist kein Endverzicht,
Der stille Winter rüstet uns die Flur.
Und ehe der April die Krume bricht,
Träum aus, was mürb in Dunkellande fuhr,
Daß reiner du begehren kannst das Licht.
Vers 2319 bis 2354:
Dem Chaos, Traum und Fruchtbarkeit, entquoll
Zuletzt, bedingend, der Gespiel in Moll.
Verweibte Welt, entmannter Esche Zoll,
Ließ dir die Form, die sie beherrschen soll.
Das Limit: Linie, Punkt und Raum -- du weißt
Dich Dreiklang, der im Brennpunktdoppel kreist,
Wo einer Sphären, dir gewollt, durchgleißt
Und einer einzig der Verborgne heißt.
Das Stigma: Tod als Selbstbegegnung beim
Aufschaun ins Gleichnis, Allverwandlungs-Keim
In zwei Gesichtern, offenbar geheim,
Und beider Walten kehrt im Werk, im Reim.
Der Name: die Gestalt im Menschenmaß,
Die Fülle war und sie nicht nur besaß,
Das Reich der Gnade, Reichtums Pol, vergaß
Den andern nicht, der Traurigkeit erlas.
Du hast ihm früh die Zärtlichkeit gedankt,
Den Schatten, der den Adlerflug umrankt,
Musik, von Sturz und Nimmermehr beflankt,
Die leiblich war und wie der Leib verlangt.
Und Stern und Stein, benannt, erwachten da
Aus Schlünden, schwarz und im Gewitter nah,
Zerstobne Nacktheit, Flut, gezackt, ersah
Die Gnade, daß dies alles längst geschah.
Sie wurde dein, der reif zur Milde kor
Den Gott, der seine Schlangenhaut verlor,
Das Siegel leuchtet am verschloßnen Tor:
Nicht Welt, du selbst warst aller Welt zuvor.
Du lerntest gehn und wandtst beschiednen Sinn
Nun feierlich auf die Geschöpfe hin,
Die Große Mutter sprach im Welt-Gewinn
Und brachte dir Geschirr von Gold und Zinn.
Die Spannung wich im herben Donnengroll,
Der Krug zerbrach, mit Heimgebrachtem voll,
Dem Chaos, Traum und Fruchtbarkeit, entquoll
Zuletzt, bedingend, der Gespiel in Moll.
Vers 2355 bis 2368:
In allen Dingen ruht die gleiche Schrift,
Die sich ihr Haus im Abgelegnen glaubt,
Wenn freies Handeln dem gekrönten Haupt
Die Erde nahm und nun auf Grenzen trifft.
Die Initiale, die des Spruchs beraubt,
Doch gleichwohl inne der vergeßnen Gift,
Am Firn verhallt in ungehörter Hift,
Da nichts den Stab mit jungem Grün belaubt.
Geheimnis, das den Anspruch nicht verstofft,
Die Spuren, die ein junger Gott betrat,
Unlesbar, Zeugnis, das in Stille hofft.
Fruchtbar noch immer, Traum und Drachensaat
In Furchen, die die Zeit vergaß so oft,
Verheißung, die uns braucht und unsre Tat.
Vers 2369 bis 2382:
Ein Hochplateau als See, am Rand bestricht
Von Wasser, das in Dichte Nebel fällt,
Vereinzelt deutet Felsiges auf Welt,
Die sich entzog zu schweigendem Verzicht.
Schneeschmelze, bläulich im aprilnen Zelt,
Auch diese Landschaft ist ein Angesicht.
Die Jahre fliehn, und wir bemerken nicht,
Wie sich das Bild in neue Rahmen stellt.
Es sind die Stunden, die die Sanduhr mißt,
Melancholie, die ihr Geheimnis webt,
Die Form der Sprache, die sich selbst vergißt.
Die Sicherheit, die in den Dingen lebt,
Aus Rissen schimmert und für kurze Frist
Die Welten auftut und zu Welt erhebt.
Vers 2383 bis 2396:
Sie lag und lachte leicht, als wäre sie
Vom Apis aus dem Rauch des Hanfs geweckt,
Hermaphrodit und Zwillingsstern, befleckt
Vom Gift, das eine schwarze Viper spie.
Ihr Spiel verbirgt, und kein Gebet bezweckt
Ihr Falterflug und ihr Gesang, wenn sie
Schuldloser Hand dem reifen Blut, das schrie,
Den Hort bedeutet, da der Drache steckt.
Sie wußte nichts und kam Vergessen-her,
Schmelzwasser, das von Sandsteinmauern rinnt,
Akkord des Anfangs, noch bedeutungsleer.
Sie lachte leichten Blütenstaub -- in Wind
Geworfen wem? -- und sie verrät nicht, wer
Geworfen hat, wenn wir verworfen sind.
Vers 2397 bis 2410:
Erinnern meint: Die grause Schädelstatt,
So atemlos erlauscht, war frühstes Bild,
Doch Traum, den Weh mit seiner Farbe schwillt,
Hat mehr Geschichte, als Geschichte hat.
Hier floh die Furt, wo das Gesetz nicht gilt,
Lichttrunkner Aar, gezeichnet von Geschatt,
Von Liebeswahn, der bebt und nimmersatt
Sich bäumt und steift, vergeblich, ungestillt.
Hier brütet, was dem Schauenden sich rar
Und launisch weiß, im Aug, vom Blitz beseelt,
Bis nur ein letzter wacht, des Schlags gewahr
Der Schwinge, die die Schrecken nicht verhehlt,
Im Wappenherz der weit verzweigten Schar
Des Haugks gedenkt, wo die Geschichte fehlt.
Vers 2411 bis 2424:
Dodonas Eiche, der Verheißung kund,
Eleusis Apfelbaum, von Kindsraub wund,
Der Buchsbaum irdner Feuerkünste und
Der Ahorn Krieg sind allen Schicksals Mund.
Und Palme, die Geburt der Jägerin
Verbarg, Zypresse, Dunkelstern-Beginn,
Und Kreuzdorn, wach, daß er die Huldin minn,
Und Urmeers Ulme sprechen drein: ich bin.
Jedoch der Ölbaum fordert Wacht und Sold,
Der Myrte nächtges Spiel verachtet Gold,
Und Lorbeer ist dem trunknen Barden hold.
Sie schirmen unsre Alter, und am Schluß
Steht, der uns durch die Pforten führen muß,
Deß Leier Traum dem Traum im Haselnuß.
Vers 2425 bis 2438:
Verhirschter, den zerfetzt die Doggenschar,
Du gleichst dem Pollen, der im Hag verweht,
Den Wanderer, der geht und abseits steht,
Befranst ein Wind mit deinem blonden Haar.
Er reiht es in sein Runen-Alphabet,
In Formeln, die mit seltener Gefahr
Den Flaum beflüstern, das Geschlecht gewahr
Im Horn der Schwester und im Schilf-Gered.
Dort rätseln, die verfallen sind der Flut,
Mit Gesten, linkisch, um ein Schneckenhaus,
Verwunschenen als Hort und Bleibe gut.
Dort tändelt, was sich heimlich weiß, Gezaus
Des Seewinds, der auf stille Feste lud,
Umwirbt, was wird, und plaudert alles aus.
Vers 2439 bis 2452:
Schau in den Stern und schau Vergangenheit,
Licht, das kristallnem Schalenkreis entwallt,
Noch unverschlungner Bahn, und nie erschallt
Das Wort, das klanghin dies Geheiß entzweit.
Nun lausch dem Klang, der alles jüngt, wo galt
Das Menschenmaß und Einheit bot Geleit,
Er hat sich zum Gesang empört, der Zeit
Das Wort verwehrt, das sternhin ruft: Gestalt.
Dies freilich bleibt dem werbenden Gesäum,
Damit es nicht erstarre noch zerrinn,
Geheim, als ob es nur sein eigen träum.
Und auf den Stern, den namenlosen, hin
Wirds Göttin, die, als ob sie Flut entschäum,
Uns anfaßt und sich selber sagt: beginn --
Vers 2453 bis 2488:
Aus eins mach zwei, und es gewinnt der Takt,
Der Hader des Geschlechts: Passion und Akt,
Und eins, zu stolz für alle Zierde, nackt
Zerschlägt den Reif, um welkes Haupt gezackt.
Denn Aufruhr tobt, wo einer weiß: er kann.
Die Harmonie, die ein Äon ersann,
Wird schal und widert seine Gluten an,
Die eines sind und eins verlangen: Mann.
Das Recht der Jugend, rot gelockt, betaut
Mit Wünschen, die an seiner stolzen Haut
Zerperlen, kürt, mit dunkler Macht betraut,
Die Flamme, Herrin letzten Tags, zur Braut.
Und stärker als sie selbst verlockt Gefahr,
Er läßt als Stern sein scharlachfarbnes Haar
Und führt gen West zu Otter, Drud, Barbar
Vergoßnes Blut, das salamandrisch war.
Die Scheiterhaufen, dicht bewölkt, der Pfahl,
Intrige, Gift und falscher Worte Qual
Soll läutern, was im großen Läster-Saal
Gott kleinmacht und sich einverleibt im Tal.
Die Sanften, die im Mai-gewordnen Wind
In süßer Traurigkeit die Liebe lind
Beknospen, für Vergeblichkeiten blind,
Fleckt schwarzer Beulen aufgeplatzer Grind.
Den weißen Leib des Adonai im Korn
Zerfetzt des Ebers aufgebäumtes Horn,
Gebieterische Frucht aus dunklem Born
In blinder Wollust und geballtem Zorn.
Traumlos dem Meister, der allein ist: Schmerz
Der keine Sprache kennt denn die: Beherz
Nichts Seiendes, es treibt dich wundenwärts,
Und niemand weiß, ob es Gericht, ob Scherz.
Und einer kommt und geht, vom Greif zerhackt,
Von irdner Glut zum Diamant entschlackt:
Aus eins mach zwei, und es gewinnt der Takt,
Der Hader des Geschlechts: Passion und Akt.
Vers 2489 bis 2502:
Wie einer Kerze Rest gestürzten Docht
Aufrichtet und ihm das Verlöschen wehrt,
Hielt ihn sein Erbe, zur Gewalt gekehrt,
Am wunden Herz, das nicht zu Ende pocht.
Das Königskleid, von Liebesleid versehrt,
Vermied der Kranke, den sein Amt befocht,
Das Ende, dessen Zwang er nicht vermocht,
Kam stückweis, mit geballter Qual beschwert.
Und linker Hand stand Vaters Macht und rechts
Das schwanke Kreuz, und den Erlöser trugs,
Vom Speer zerfetzten, blutenden Geschlechts.
Doch Mohn, der Feldern, todgeweiht, entwuchs,
Im Tal des Schreckens und im Lärm Gefechts,
Kommt heim und tötet schwerelosen Flugs.
Vers 2503 bis 2516:
Das Meer bleibt uferlos, die Taube bringt
Nicht Hoffnungszweig, noch staubbedecktes Grün,
Einsame Tage kommen und verglühn
Im West, wo Dämmer sein Gebet verschlingt.
Das Vogelherz im Schlag verlorner Mühn
In seiner Schläfen gleichen Rhythmus dringt.
Der Trost prallt ab, und der Verlorne ringt
Mit Gott und Tod durch Nacht und Nebelfrühn.
Und endlich: Land! -- ein lauter Jubelschrei
Auf Gott, der will, daß ihn der Mensch besteh,
Bestürmt die Küste, heimgekommen, frei --
Er atmet schwer, und schon umraunt ein Weh
Die Seele, daß dies nur Versuchung sei.
Er weicht zurück, sticht traumlos in die See.
Vers 2517 bis 2530:
Sie bringen ihn! Der sinnverwirrte Mann
Im Käfig schlummert, den das Dorf bestaunt,
Und mancher lacht, und manche Sorge raunt:
Er ists, der tun wollt, was Roman ersann.
Und einer träumt, gewiegt vom dunklern Sound:
Was Wahn, was wahr ist, zu entscheiden, kann
Gott überlassen sein, der dann und wann
Sich solchen Fragen neigt. Und gutgelaunt
Ersinnt der Häftling die verrückte Mär
Des nächsten Aufbruchs, seinem Stern getreu,
Der Tat, die nichts bewirkt, zu Dienst, als wär
Ihr Raum, und was sich dunkel birgt, ließ Scheu
Und böte sich dem Schwert des Tilgers, der
Die Spuren schaut in Bluts Gewalt-Gebräu.
Vers 2531 bis 2544:
Seit ich vergaß, wann ich die Anker ließ,
Und Sonne schwand, von mürber Front bedräut,
Und Raubgeflügel rings ein Grabgeläut
Im Schweigen, das an Raum gewinnt, verhieß,
Erahnte ich, von schwarzem Licht bestreut,
Das Nahn Apolls im dichten Nebel-Vlies,
Im Wort, das Traum in ein Versprechen wies
Und dessen Fortgehn die Erkenntnis reut.
Da wußte ich: wenn sein Gebot erscheint,
Ist Tag nicht Licht und Nacht nicht Finsternis,
Und Schwindel, der uns Wort und Welt vereint
Ist der des Wolfs, des Schrecklichen gewiß,
Der zieht sein wundes Fell aus, wacht und weint:
Gefallner Engel, der dich mahnt: Vergiß!
Vers 2545 bis 2558:
Dem frischen Schnee, drin keine Frucht verdirbt,
Gab ich die letzte, die mir blieb vom Fest,
Und ahnte nicht, daß den gehegten Rest
Der weiße Schnitter unsichtbar umwirbt.
Nur ekler Schleim sprach tags darauf: nun eßt
Erinnerung, und Vogelweisheit zirpt:
Wir mögen nur, was durch uns selber stirbt,
Und Ares ists, der uns genießen läßt.
Ich dachte eines Traums, da Werwolf-Haar
Stach böse durch die Haut, Korallenstein
Der fad, porös und ohne Leben war,
Zerkauend, hielt ich höchster Not mir mein
Gesicht, doch Furcht sind Schrecken offenbar,
Die größer sind uns einst das ganze Sein.
Vers 2559 bis 2572:
Nimm diesen Spruch und widersprich mir nicht:
Du hast die lange Nacht umsonst gewacht,
Und der dirs wies, hat die Geduld verlacht,
Er ging noch früher als das letzte Licht.
Nichts hat der Opfer, die du bringst, gedacht,
Kulissen hieltst du für des Gotts Gesicht,
Es ist ihm gleich, wie bald dein Mut zerbricht,
Und deine Torheit gilt ihm ausgemacht.
Aus Bergen, die an Dauer glauben, her
Ragst du als Gletschereis, vom Neid gesäumt.
Die Winde fegen deine Tiefen leer...
Wie Täler, denen du zum Sturz gebäumt --
Und einzig mürb zu werden, bist du wer,
Der schließlich fällt -- und ewig weiterträumt.
Vers 2573 bis 2586:
Wo Juni schwand und der August schon alt,
Frühnebel tropft auf den bemoosten Grat,
Gehst du zur Rüste und verfolgst den Pfad
Der weißen Spinnerin im Zeichen-Wald.
Kein Heer beficht, was ihrem stillen Staat
Die Fäden löst und sie zu Knoten ballt,
Sie heischt das Opfer deiner Lichtgestalt
Und weiht die Asche, die dein Herz erbat.
Sie: wandellos, du spürst, wie Schicht für Schicht
Der Brand ein Buch durchblättert und verzehrt,
Und Masken fliehn vor frühestem Gesicht,
Da sie vorbeiging, und du lagst entehrt
Im Wissen, wie verfilzt ist, was dir schlicht
Und rein erschien, wenn es den Tod entbehrt.
Vers 2587 bis 2622:
Der hohe Mittag war und wölbte um
Sein Reich die Pfade, die ich wählte, krumm,
Die Fluren brannten hell und jedes Trumm
Betrog mich wie das Lied im Windgesumm.
Sie flossen unbemannt und unbeweibt
Im Ozean, der die Geschichte schreibt,
Und litten, Wrack, das im Geeinten treibt,
Geduld, daß sich die Traurigkeit verleibt.
Das Dunkle war wie ein Umarmen hier,
Als schliefe Gott in dem vergrabnen Tier,
Sanft steigend wie im Himmelshof der Stier
Den Krieg verhieß: Verrat und nackte Gier.
Da wußte ich das Licht in höchster Pracht
Vereint mit Blindheit und mit Mitternacht,
Der Auen mürben Flüsterton bewacht
Vom großen Sterben der verlornen Schlacht.
Ein Engel schritt mit schwerelosem Fuß
Und rührte nicht, was Asche war und Rus,
Ich starrte stumpf und brachte keinen Gruß
In seiner Sende stumme Geste: Tu’s!
Ich sah der Augen Zärtlichkeit verbrämt
Mit Schleiern seltner Bürde, fast verschämt,
Am Abgrund, der die großen Vögel lähmt,
Die Täter stürzt und alle Taten zähmt.
Und mein Gesicht entfloh berührter Not
In eigner Höhlen Dunkelheit, so rot
Wie Rosenkelche, ganz in sich verloht,
Zum Skarabäus, und er sprach vom Tod.
Ich spürte, wie mich seine Huld umwarb,
Die tiefen Ströme, klar und veilchenfarb,
Und wußte jäh, daß ich schon lange starb,
Und schrie die Furcht, die alle Fahrt verdarb.
Der Engel schwand, und alles kehrte zum
Vertrauten Trug, darin die Himmel stumm,
Der hohe Mittag war und wölbte um
Sein Reich die Pfade, die ich wählte, krumm.
Vers 2623 bis 2636:
Er stand im Frühlicht, und die Sonne glomm
Noch kupfern auf der Wunderwelt des Taus.
Sein edler Wuchs, die Haare, schwarz und kraus --
Es wurde Licht und rief ihn leise: Komm!
Er ließ die Mütter und ihr dunkles Haus
Für Wiese, Wald und Wind und glaubte, vom
Geglitzer blind, daß seiner Freude fromm
Der lichte Himmel weit gewölbten Blaus.
Doch wie zur Mittagsflamme hin das Maß
Sich selbst im Sehnen, übergroß, befocht,
Verwehrt die Mutter, was der Gott erlas.
Und ohne Halt, den nicht Apoll vermocht,
Sank er, und sein erwachtes Herz genas,
Bevor es Blut auf wilde Blumen pocht.
Vers 2637 bis 2650:
Wie Meer den Hafen-Horizont verschlingt,
Riß Herkunft wie ein überspannter Draht.
Das Gras stand hoch, August verlangte Mahd,
Von schlanker Leiber Flüsterton umringt.
Ich ging -- war es Entdeckermut, Verrat,
Die Unschuld, die sich dunkler Gier verdingt?
Vergeßnen Wesens, das die Sonne bringt,
Blutspur am Hals, die unvernarbte Naht?
Es waren Birken, weißer Übermut,
Drin eine Lust, nicht zu beschreiben, ruht,
Der letzte Tag, bevor der Herbst regiert.
Ein Zauber, der allsommerlich im Blut
Mich zog zu ihrer weiß veraschten Glut,
Entsann sich Namen, die er leicht verliert.
Vers 2651 bis 2664:
Ein Tal, in Schiefer, aufgetürmt, geschürft,
Weckt meinen Traum am nahen Horizont,
So oft der Fluß, von spätem Herbst besonnt,
Die Grüße Meers und Wolkendunsts verwirft.
Die Kerbe, eng, bedroht von steiler Front,
Getön des Winds und die Versuchung: dürft
Ich jener sein, der ozeanisch schlürft,
Einschlingend, was mir schlängelnd nahn gekonnt.
Doch kaum versuch ich, der ersehnten Au
Fußwegs zu nahn, verwehrt aus wärmerm Süd
Legion von Faltern, dich geschart, die Schau.
Und ich versteh: ich fand den Weg verfrüht,
Und wende mich zurück ins Himmelsblau,
Nach Wolken, spiegelnd, was im Tal geblüht.
Vers 2665 bis 2678:
Ein Traum, in andre Träume eingefügt,
Ein Licht, so weiß, aus heißer Nächte Schlund --
Wem sind die Zeiten solcher Träume kund?
Sie haben sich und unserm Traum genügt.
Sie spielten sich an ihrer Schönheit wund,
Die Engel, licht, wo nie ein Morgen trügt,
Die Zeit vergaß, und auch daß Liebe lügt,
War nur ein Spiel auf dem erblühten Mund.
Der Fliederzweig und die verletzte Hand,
Die Wolken, weiß und leicht im Sommerwind --
Du hast den Engel, früh geschaut, bekannt.
Und Träume, da wir unsre Engel sind,
Erinnern sich, dem frühesten verwandt,
Wenn Blut so leicht auf weiße Laken rinnt.
Vers 2679 bis 2692:
Ein Knabe fast, im ersten Flaum des Kinns
Nachtwandelnd zwischen Klippen, ungestalt,
Ein Wunsch im Wind, der Regenbogen-alt
Unendlich leicht die Worte sprach: ich bins.
Seit je gesprochnes, Wind- und Kind-gelallt:
Geburt der Waage, zwiefach schwer, der Zins
Ist Blut des pflanzlich unerweckten Sinns,
Dem das Geheimnis, das ihn losließ, galt.
Nachthimmel, hell, der alle Träume nahm --
Der Python, Daphne, Hyazinth, und nicht
Mehr bluten soll die aufgerißne Scham...
Ich bins -- gesagt, unendlich leicht Gesicht --
Der Wunsch nach Sein, der wuchs und niederkam
Als Mensch im Dunkel, doch als Gott: das Licht.
Vers 2693 bis 2706:
Nun lächle dich empor, denn Helios hält,
Die Rosse wendend, wenn die Waage ruht,
Laß Nacht und zoll dem hohen Tag Tribut,
Der dein, wenn Auf und Ab zusammenfällt.
Erwach und sei im Augenaufschlag gut
Und Deutenden, von Masken bloßgestellt --
Wohl möglich: Du verlangst nach keiner Welt,
Die einsam glaubt und so das dunkle tut.
Sie weiß von ihren Wendepunkten nichts,
Dort hausen Namen, die vergessen sind,
Und andre fremden, lächelnden Gesichts,
Du aber frei vom Spiel, das geht, beginnt,
Bist früher Schöne sichtbar, uns gebrichts
Der Leichtigkeit, wenn Mittags-Bann gewinnt.
Vers 2707 bis 2720:
Apollon schläft nicht, und er dürfte es
Im Schoß der Musen, doch er senkt sein Haupt
Nur in das eigne Wachen. Lind belaubt
Sein Wimpernschlag, was müde uns, doch weß
Farbwunder uns das Licht-Geheimnis raubt
In Mittags, Mittnachts Gleiche, Zauber des
Großblickens, Flügel-Aug? -- und nie vergeß
Ich Sommer, heimlich lieb und kaum geglaubt.
Kelch eines Ungeträumten, koste -- ach,
Wo Honig fließt, mag auch die Stunde rasch
Entfliehen, Nymphe, scheu, nur Sternen wach,
Muß er im hohen Mittag sein. Erhasch
Nicht folgenloses Flattern, sink und fach
Sein helles Ruhn, drin dunkel deins verasch.
Vers 2721 bis 2756:
Die Herbste träumen ihren Nachmittag
Der Burg, die rot und voll Verheißung lag,
Von Wall und Sims, wo einst die Fahne stak,
Fliegt Garn ins Tal wie eine Stimme: sag,
Wo hast der langen Sommer du gelacht,
Gespielt, geweint und Namen ausgedacht,
Wo warst du hoch zu Mut die letzte Nacht
Und hast der Schlange deinen Gruß gebracht?
Die Knaben singen vor dem Abendmahl
Der Jungfrau und von des Erlösers Qual,
Und einer reicht, versehrt von seltner Wahl
Der Ahndung Weinbergs goldenen Pokal.
Nicht jedes Tier steht wohl erforscht im Brehm,
Manch einem ist allein der Traum genehm,
Die Spuren, frisch in Unterholz und Lehm,
Verraten dir das Hörsel-Diadem.
Dies ist der Tag, den Pantherpilz zu schauen,
Als Weiser seiner braunen Glut zu traun,
Und wo man einst nach Erz grub und Alaun,
Wird Klingsor dir die goldne Brücke baun.
Und Schlangen, von Verrat gesteifte, falln
Ins Hirn, das sie mit weitrem Gift bestalln,
Bis sich das Auge zwängt und Finger kralln,
Die Zungen im Gekreisch der Hexen lalln.
Aus Grotten, die des Drachen Brut behaust,
Dampf Lustgeächz, von Peitschenknall durchsaust,
Mischwesen metzeln, wem die Messe graust,
Die Satan liest, hundsköpfig und verlaust.
Der Spuk zerrinnt beim ersten Hahnenschrei,
Du bist gelöst und fühlst dich doch nicht frei,
Denn im Tumult von Tanz und Tollerei
Zerstob, was du gesucht, zu Blut und Schrei.
Ein Garn zerreißt und flattert weit im Hag
Des Hörselbergs, der sich nicht öffnen mag,
Die Herbste träumen ihren Nachmittag
Der Burg, die rot und voll Verheißung lag.
Vers 2757 bis 2770:
Verwandlung: Wein, der niederschlug, befreit
Von Nacht, im rohen Zecherkreis verpraßt,
Im Wunsch: Sei Holz und schell die arge Last
Als Boot in kleiner Wellen Heiterkeit.
Im Röhricht, einem Flüstern froh, das fast
In Worte drängt, was leichtem Wind gedeiht,
Sprach so des heißen Tags verführtes Leid
Als Hauch Verfall in Prunk und Fieberglast.
Und Schlinggewächs, das rasch an Raum gewinnt,
Verfilzt den Traum, der kaum entwirrbar scheint,
Zur Ahndung bang am unvernarbten Grind:
Daß manche Spiele, schlanker Frist vereint,
Das Gleichnis für Jahrzehnt und Leben sind --
Am Schattenufer hat ein Gott geweint...
Vers 2771 bis 2784:
Dies ist das letzte Wort der Liebe, lausch:
Sie gibt die Worte weiter, ihr gesagt,
Und Worte wandern, und ein Schauer jagt,
Und über große Wasser ragt der Tausch.
Ein Schauer andrer, fremd, und wer befragt,
Was jeder Frage fremd, es ist ein Bausch,
Der aufsaugt und dasselbe läßt im Rausch
Und phallisch über große Wasser ragt.
Dies ist das letzte Wort der Liebe, nimm,
Was du gegeben, Stern-bewacht im Kuß,
Allein und über große Wasser schwimm.
Und Weg ist, und du ziehst im großen Fluß
Auch über große Wasser halb so schlimm,
Wenn, was du liebhast, drin ertrinken muß.
Vers 2785 bis 2798:
Sie war mein Lieb, die seltne Wandlerin,
Und leibhaft, und sie spielte lang mit mir,
Und wer mich seither fragen will, ob wir
Uns wirklich waren, fragt, ob ich mir bin.
Denn sie verriet, und ich gehorchte ihr,
Eins, ich verstand nicht, wie so oft, den Sinn
Des Dings, vor Deuter scheu, und ich gerinn
Erst, wenn ich gern, was sie verschenkt, verlier.
Die Spur in Rot, und Rosen wars entlehnt,
Sie zog sie wieder fort und wieder her,
Als sei ihr Dasein weiter ausgedehnt
Als ihre Haut, die Zärtlichkeit und sehr
Bedürftig nach Berührung war, so sehnt
Sich Schönheit nach dem wohlgezielten Speer.
Vers 2799 bis 2812:
Er lag im Schweiß, als ihm der Traum entglitt,
Allein in seiner Atemnot -- allein.
Die Luft blieb willig, und sie drangen ein
Und brachten ihren langen Abend mit.
Und Unschuld, bös im tänzerischen Schritt,
Gefiel, was ihn erröten ließ, im Wein
Mit vielen Spielen zwischen dein und mein,
Die er nur schwer begriff und sanft zerlitt.
Ihm war, als ob er durch die Wüste ritt,
Dämonisch hellwach, und er wollte schrein,
Als ihn die Falte einer Hose schnitt.
Er blickte in sein leeres Glas und stritt
Mit seinem Raum und konnte nicht verzeihn,
Daß der zu arm war und zu eng zu dritt.
Vers 2813 bis 2826:
Verwinde Furcht und tritt ins Feld, entführt
Ließ er des Nichtseins Sprache, die erzählt
Aus Dingen, die verworfen und erwählt
Dich anschaun, der, was dauern will, berührt.
Archive schau, aus frischer Spur geschält,
Unlängst hat er im Ofen Glut geschürt,
Und mancher Brief noch seinen Atem spürt,
Wenn er sich Bildern, die verschweigen, mählt.
Und irre lang und alle Hoffnung nimm,
Du seiest es, der hier die Bilder stimm
Aus dunklem Klang zu spielerischem Zweck.
Und glaube bald, du seist gefangen im
Gewisper rings, das grün und giftig glimm
Und feindlich starr und über dich hinweg.
Vers 2827 bis 2840:
Er schwieg sich nackt in seinen Knabentraum,
Sandalenleicht -- sein Schlaf und veilchenblau.
Doch ehrsuchtbleich fiel mit dem Morgentau
Ein Schatten aus dem weiten Himmelsraum.
Sein Licht erlosch und schlug im ersten Grau
Noch einmal zag an den erwachten Saum.
Der Wind, geplagt in einem hohlen Baum
Trieb dunkle Wolken über Hain und Au.
Der Himmel lag in leicht verkrampfter Schau,
Und die Begierde rüttelte am Zaum
Der Gottgestalt und schwoll im harten Stau.
Die Wimpern fielen leicht, und erster Flaum
Trug seine Lust, die arglos ging und lau,
Als merke sie die schweren Klauen kaum.
Vers 2841 bis 2854:
Die ohne Arg war, bis sie niederwarf
Ein Stier, der rasend auf sie losfuhr und
Sie weithin riß und im zerfetzten Schlund
Durchleiden und begreifen ließ: Er darf --
Betrat in strenger Heiterkeit den Grund
Erworbner Bürde, Klippensaum, der scharf
Abgrenzt Gestad, wo Meereswinds Geharf
Sie tröstet, aller Wiederkünfte kund.
Sie weiß, sie wird sehr einsam bleiben hier,
Der Eintracht derer, die nichts ahnen, fremd,
Und manche Mittnacht überfällt sie Gier,
Zu gleichen dem, was Wogen angeschlämmt,
Daß sie Gedächtnis, Rang und Aug verlier,
Ihr Tun, erlaubt, und ihre Tat, gehemmt.
Vers 2855 bis 2890:
Verlier die Ufer Traums, die niemands Neid
Gewinnt, und fließ in schöner Leichtigkeit
In tiefre Ringe, senk das Lot, entscheid,
Ob du begründet seist in Raum und Zeit.
Nicht Leere ist, kein Antlitz abgewandt,
Nicht Fluch noch Mauer, die verschloßne Hand
Des Gottes, der die Plagen ausgesandt:
Dein Traum hat aller Ämter Amt ernannt.
Die Zeichen, Zeiten für Verzicht und Kult,
Erweckst und schläferst du in gleicher Huld,
Im Weben, was du atmest, üb Geduld
Im weißen Taumel und im Tausch der Schuld.
So viele Träume, traumverschattet, stehn
Im Zwielicht, wo die Zweifelhaften gehen,
Einhorn und Sphinx und märchenreiche Feen
Umraunen dich, bis sie im Wind verwehn.
Dir aber frommt der rascheste Planet
Und was beflügelt kam und unerfleht,
Was reicher Scholle, gottbesamtem Beet
Im Juli prunkt und im August vergeht.
Er, manchem Werk und mancher Botschaft gut,
Bleibt Mittler, herrlich hier, doch andrer Hut
Gehorchend, und sein blaues Reich beruht
Auf Einklang, hoch in Heiterkeit und Mut.
Solch hoher Mut, gespeist von höherm Traum,
Verwirft die Willkür nicht von Zeit und Raum
Und wertet sie zu Spiegeln der, die Schaum
Entstieg und sang, der Woge Zier und Zaum.
Ihm treu und gleich in Hehlerei und List,
Erlaubt in Takt und Tanz und holder Frist
Der Trommel, die euch Los und Hochzeit ist,
Wenn er dein Reich und du das seine bist.
Und dunkel bleibt, wer Knabe ist und Maid,
Und dunkel bleibt, was Freude war und Leid,
Verlier die Ufer Traums, die niemands Neid
Gewinnt und fließ in schöner Leichtigkeit.
Vers 2891 bis 2904:
Gedankenspiel -- o Seil im Widerpart,
Sag mir den Ort, da dich die Trauer fand,
Du hast dich von den Märkten abgewandt,
Ein stolzes Schweigen, dir gemäß, bewahrt.
Du schweigst dem lähmend nüchternen Verstand,
Den Gläubigern, um seinen Trog geschart,
Ein Lied der Nacht hat rein dich offenbart,
Kaum hörbar nah am ungesagten Rand.
Die Dinge werden inniger Gestalt,
Geheime Harmonien in Zahl und Maß
Versehn in einem großen Spiel den Spalt,
Hinauszuschaun, was sich ein Gott erlas:
Musik, die Nichts zu Welt zusammenballt
Und die ihn mehr, als er sie je, besaß.
Vers 2905 bis 2918:
In weiße Schlummer, halb erschascht, versink:
Der Argwohn blich in roten Himmeln, wund,
Er war Musik und sie erblühter Mund --
Nun schweig dein Lied, dies ist die Quelle, trink!
Und zwei sind eins: der unerweckte Schlund,
Des Einhorns Flucht durchs Unterholz, zu flink
Im Zwielicht, eins mit beiden, Blatt-Geblink
Erzählt der Lieder Lied im Eschengrund.
Der Frühling, eins und drei, die er begehrt,
Er treibt sie leicht mit schlanker Gerte her,
Den Tod, den Schoß, daraus er wiederkehrt.
Gestimmtes Maß, Geflecht von wem und wer,
Im Klang, der nur sich selber fügt und wehrt,
Denn wer die Zahl ist, zählt nicht mehr.
Vers 2919 bis 2932:
Der Bahnhof sprach, gespenstisch leergefegt,
Orakelhaft: Was soll das ganze Tun?
Mein Trotz, in dieser lauen Nacht zu ruhn,
Ertrug die Ödnis, grau und unbewegt.
Die Grenzen, die das Einst bestimmt dem Nun,
Verwischte Schwermut, hoffnungsfrei gehegt,
Und er geschah, mit seltnem Glanz belegt:
Und hatte Flügel, ich erschrak, an Schuhn.
Und, früherblüht und ganz Gemüt -- April.
Ich bot mich seiner Führung, halb im Spaß,
Und nahm sein Lächeln, rätselhaft: ich will.
Er wußte wohl, daß er sie längst besaß,
Die Seele, die an schwarzen Wassern still
Den Weg betrat, den schwerer Schlaf vergaß.
Vers 2933 bis 2946:
O Schatz, ich grab dir nach, denn ich versah
Dich Tiefen einst, und kamst du je zu Licht,
Dann früheren Verstecken, die ich nicht
Auslote, denn du bist durch sie nur da.
Nur das Verborgene gewinnt Gesicht,
Drum laß mir etwas Zeit, ich wähnte nah
Gewundnen Stollen, tief, entfesselt sah
Ich, was du deckst, auf Gegenwart erpicht.
Du hofftest, daß ich lieb und Hintersinn
Nicht leide und nicht losgelöst dem Glück
Durchschauend dir im Wandel fremder bin.
Doch morgen geb ich, wenn du magst, das Stück,
Das uns entfernt, nicht ohne Zinsgewinn
Dem Heute, das dir heut so wert, zurück.
Vers 2947 bis 2960:
Das Auge -- wach und weit und gänzlich hier.
Die Schlange, die den Deuter narrt, verwischt
Die Spur und weist gen Nord, wo schwarze Gischt
Gebiert und säugt, zu Speer geballt in dir.
Im Dunkel, dir vertraut und eigen, zischt
Der Winde Wahn, die Schrecken aller vier
Sind deine Farben, Widder, Lamm und Stier
Sind eins im Blut, das deine Pranke mischt.
Nur einer, der wie du geschichtslos bleibt,
Ist froh vor dir, daß du ihn willig trägst,
Dem Zentrum zu, dem ihn die Zeit verschreibt,
Daß du, es witternd, die Beschwer erwägst,
Ganz inne seist, daß es den Gott verleibt,
Dich aufbäumst und den Unbekannten schlägst.
Vers 2961 bis 2974:
Er überfällt im Hinterhalt, beschleicht
Mit Eifersucht, daß er dich nicht allein
Beschauen darf, den schwanken Wunsch zu sein,
Der Rauch an Sommernachmittagen gleicht.
Den Räubern ist die Zärtlichkeit gemein.
Wer weiß, ob dich noch Wirklichkeit erreicht?
Der Traum ist fraglich, und das Wort: vielleicht
Zerspellt an einer Göttlichkeit von Stein.
Wohl möglich, daß sie Möglichkeit uns böt,
Sie anzuherrschen, fragenvoll: warum?
Und Nachsicht vieler Müdigkeiten röt
Dies Antlitz, das uns ewig schien und stumm,
Im Anflug: sprich und deine Fragen töt
Geraden Wegs, wenn alle Linien krumm.
Vers 2975 bis 2988:
Hier sieh die Zeichen, drein die Welt gebannt,
Doch meide jede Eitelkeit der Wahl
Und lieb dich streng geschieden vom Vokal
Der Ahndung und Gewispers Konsonant.
Was in sich wob und wohlgefügt war, stahl
Ein Fälschergott, der plaudernd zog durchs Land
Und leicht war, allem Faßlichen entwandt,
Ein Wort, entlaubt und nun November-kahl.
Da trotzt der dunkle lichtem Klang, Gewalt
Von lang und kurz mischt Holdes harscher Wucht
Und fügt und löst und wandelt sich so bald.
Und falsche Schlüssel treiben uns zur Flucht
Auf Meere, drauf kein Astrolab Gestalt
Erzwingt der Fahrt nach einer Hafenbucht.
Vers 2989 bis 3024:
Als Blitz, als Pfeil von überspannter Schnur,
Als Krampe, die dem Zwillenast entfuhr,
Läßt er den Schatten, die auf seine Spur
Das Blut gebracht, die Nacht und Mondlicht nur.
»Es ist die Schlange, die zum Ufer schwimmt,
Der Jungfrau Bild, das meinen Weg bestimmt...«
Er lauscht dem Brand, und das Arom von Zimt
Entquillt dem Stab, der schon zu Ende glimmt.
Und Lenz verflog, in Hain und Feld der Blust,
Die Geige spliß, Fanfare birst vor Lust
Im Mummenschanz der Masken, wenn August
Den Tiger fällt im Dorngestrüpp: Du mußt!
Der Honig gärt, und seine Hüter stehn
Im Vollmond stumm, und niemand ist zu sehn,
Doch Stimmen, kündend, und er weiß nicht wen,
Spieln »Ich und Du«, und er muß weitergehn.
Er weiß, er dringt in einen Friedhof ein,
Wie einst als Kind, um einer Frau zu sein,
Die mondher steigt auf den bemoosten Stein,
Sie reicht den Kelch, ein Tropfen Blut im Wein.
Und er versteht im feinen Schmerz: Ihr wart
Der Himmel und der Pfeil, sein Widerpart,
Ein Leben, welchem beider Einst gespart,
Blüht mir so bös und meinem Haß so zart?
Und jemand sagt: Ich hab die Tat getan,
Aus Himmeln, wolkig, fiel der weiße Schwan
Auf den Altar, und die das Zeichen sahn,
Beweinten Gott, der doppelt schlug mit Wahn.
Auf einer Rose, schwarz gesäumt mit Pest,
Verschläft er Tag um Tag und flieht den Rest
Von allem, was begann, und ihr vergeßt
Ihn rascher, als euch Mitternacht verläßt.
Ist dieses Kunst und ist es gar -- Natur?
Wie ward geschmäht und doch erfüllt der Schwur?
Als Blitz, als Pfeil von überspannter Schnur,
Als Krampe, die dem Zwillenast entfuhr.
Vers 3025 bis 3038:
Er trieb und fand sein letztes Bett im Ried,
Schon schwer, nachdem er viele Stunden quoll,
Der Mond sah sein Gesicht, wo leiser Groll
Sich lila schwang um Lippenpaar und Lid.
Lautlose Klage, tief und sehnsuchtsvoll,
Die an das Ende lauer Nächte zieht,
Rief schwarze Tauben, die der Himmel mied,
Sie flogen tief, als Krähenschrei erscholl.
Und gurrten sanft ihr fern verhauchtes: Hilf!
Er schwieg, von ihrem Trauerlaut entrückt,
Als lächle er, vom ersten Tau beglückt,
Und bettete sich selbstentwandt im Schilf,
Wie sich in blasser Nonnen Leib gebückt
Gestaute Wollust himmelan verzückt.
Vers 3039 bis 3052:
Erwache nicht aus festem Schlaf -- verlörst
Du nicht die Unschuld, die mein Sinnen reizt?
Und rühr die Lippen nicht, denn Sprache beizt
Zerstörender als Küsse, wenn du hörst.
Im Traum, der blind mit keiner Wonne geizt,
Ein Lindenblatt auf blauen Wassern, störst
Du treibend nicht, was du so leicht betörst,
Wenn seufzend du die schlanken Flanken spreizt.
Willst du erwachen einmal noch, da dir
Von dunklen Malen übersät der Leib,
Dein Kreuz zu tragen ungestillter Gier?
Und willst du grübeln um des Traums Verbleib
Und wieder glauben, du seist anders hier?
Als zu der Götter Spiel und Zeitvertreib?
Vers 3053 bis 3066:
Der Mond beschien das buntbemalte Glas
Und stellte seine grauen Scharen vor.
Sie ließen sich in den verstaubten Chor,
Den die Gemeinde und der Herr vergaß.
Ich hörte sie mit nachtgewohntem Ohr,
Den Durst, den ihre Dürftigkeit besaß,
Nach Blut, dem Leib und seinen Leiden Maß
Und Linderung für jeden, ders verlor.
Ich wußte, daß sie allesamt der Acht
Der Siegel, die der Schöpfer angebracht,
Erliegen, und mich nur die eigne Macht
Gefährdet. Doch den Vorglanz längster Nacht
Hat weißer denn ein Hai-Gebiß entfacht
Der Chrysanthemen brüllend reife Pracht.
Vers 3067 bis 3080:
Die Wolkenlippen, schlampig aufgebläht
Verschluckten Sonne, doch Gewalt gewann
Noch nicht der Mond, es ist der Grenze Bann,
Der Schwärmer schwirrflugs in die Gärten lädt.
Mag anderswo, was sich entscheiden kann,
Nicht wissen, daß der Honig erst so spät
So süß, und bald sind Kelche zugenäht,
Und was sich tummelt, ficht die Kälte an.
Die keusche Schönheit, suchtgehegt, sublim,
Die weiche Hand, die Staub und Stahl zerspliß,
Spürt Tod und Stimmen, traulich sanft: Sei ihm!
Ein Augenblick zu lang -- und Finsternis
Strahlt hell auf die gepfählten Seraphim.
Und dann ist alles fürchterlich gewiß.
Vers 3081 bis 3094:
Wo warst du, als dein Mund vom Blute trank,
In goldner Schale aufgebahrt, es hieß,
Ein Gott vergabs, den jäh sein Stern verließ,
Am Kreuz, verstellt von Rosendorn-Gerank.
Und Stern und Stein, bedeckt vom Wolkenvlies,
Bezeugten einer großen Stille Dank,
Da Schwere ganz durch dein Ufer sank
Und alles Trachten im Betrachten ließ.
So warst du Grund und allen Schlössern gleich,
Die, lang erwartet, ihrer Öffnung froh,
Schlingpfanze oder Tod-Umarmung, weich...
Du weißt kein Wann und keines Waltens Wo,
Kein deines und kein dir entferntes Reich,
Du weißt: Es war in allen Zeiten so.
Vers 3095 bis 3108:
Wer bist du, mein, sag, wo zuerst gesehn,
Gehört, gefühlt, gerochen und gedacht?
Wie soll ich schmähen, was mich selig macht,
Wie preisend meine Traurigkeit verstehn?
Wer bist du mein, der ruhlos wandernd wacht
In Schatten, die sich durch die Schatten drehn,
Und träumt am Fluß, wo seine Wächter gehn
Im gleichen Linnen wie die lange Nacht?
Wer bist du schwarzer Schmetterling? allein
Mein Blut soll dir die rechte Süße sein,
Quell, sprudelnd, und ein ebner Spiegel bald.
Ich gab mein Blut -- nun sag, wer bist du mein?
Doch ach, so rasch, und wer ermißt die Pein,
Verfällt mein Aug und meine Gottgestalt...
Vers 3109 bis 3122:
Erinnern muß, was uns gegeben, Lust,
Daß tiefer sie in alte Sprüche führ,
Gleicht sie dem Riß und einer Pendeltür,
Drin du der Angeln Schmerz vernehmen mußt.
Hier bist du reif für diese Nacht, berühr
Des Engels Hand, die leichter ist als Blust
Und dennoch müde, und dir wird bewußt:
Das Leiden wächst mit Ahndung, Blick, Gespür.
So träum in seinen offenbaren Wink,
Dort finden manche Welten Fug und Fach,
Und deute nichts, und fliehn die Bilder flink,
Sie kehren, und beständig steht sein Dach,
Ob auch dies Haupt in Staub und Schutt versink,
Den nur der Schmerz hält die Verheißung wach.
Vers 3123 bis 3158:
Er führt auf blauem Schild gestürzten Sparrn,
Und eine Königin verwirft ihr Garn,
Aus dunklem Schlund von Schlick und Wasserfarn
Sieht er sie steil in seinen Himmel starrn.
Sie ruht, uralte Wächterin, umringt
Von Glanz, Stirnschlange Res, beschwingt
Vom Aleph, das den großen Anfang bringt
Und durch die Zeichen zu sich selber dringt.
Ihn hat ein Herbst am Weiherrand verführt,
Sein Blut das Blatt, von je geliebt, gespürt,
Und Lyraklang, von Parzenhand geführt,
Vertrieb die Flöte Pans, der Mai gebührt.
Verwunschner Wesen kund sind Speer und Roß,
Den Fahrenden verriet der Albatros,
Wo Otter spielten, Ambraduft zerfloß
Von ihm, zu dem sich keine Fahrt erschloß.
Er wird uns erst im Haus des Wassermanns,
Wenn, was im Fisch zum Wirbel wurde, ganz
Im Grunde Wurzeln schlägt und rings Gefrans
Der Wedel deckt der Sporen Spiel und Tanz.
Jedoch das Blei von Helm und Harnisch rinnt
Schon lang als Blut und Gallensaft, geminnt
Von Traurigkeit, die süß und schwer gewinnt
In allen, die mit Zeit gesegnet sind.
Er waltet sein im stillesten Gericht,
Er wägt, doch er verwirft das Leichte nicht.
Er ist der Schimmer, den Poseidon bricht,
Der Wellen Reim, darin die Natter spricht.
Noch liegt sein Stern von andrer Welt verdeckt,
Noch schweigt die Stunde, die sein Haupt erweckt,
Doch wenn die Häfen sein Gebieter schreckt,
Zerreißt der Horizont, der ihn versteckt.
Ob wir vergeblich seinem Kommen harrn,
Den längst Titanen im Gebirg verscharrn?
Er führt auf blauem Schild gestürzten Sparrn,
Und eine Königin verwirft ihr Garn.
Vers 3159 bis 3172:
So außerhalb wie ein erloschner Stern
Liegt unser Interregnum, mancher ging,
Zuerst der Zwilling, Riß und Werde-Ring,
Der ließ uns ewig unversöhnt dem Herrn.
Dann Stier, da jeder Tag am Busen hing,
Die große Mutter trug die Bürde gern,
Der Widder hob das Gold, jedoch im Kern
Gedieh der Wunsch, daß ihn das Lamm bezwing.
Zuletzt der Fisch, da Gott sich selber Leid
Zufügen ließ, vom Phallos-Speer durchblitzt,
Der ging, und nur die dunkle Heiterkeit
Des Unbekannten, uns versprochen, ritzt
Im Schrei des Kranichs manches Mal die Zeit,
Die uns umschlingt, bis er uns ganz besitzt.
Vers 3173 bis 3186:
Die Fülle, die mir keiner Neige rang,
Die Krüge, grundlos, Gold im Sonnenstrahl:
Sie glichen einem letzten Abendmahl,
Bevor die Nacht den jungen Gott bezwang.
Die Lose fielen, und Versuchung stahl
Den Tag, und aus bemoosten Grüften drang
Der Ruf: Sei nichts als unser Abgesang!
Ein schwarzer Schatten sank gemach ins Tal.
Der Rabe gab der Schwere sein Gedicht
Vom Jüngling, der in Galle, Blut und Grind
Gewürmzerfressen auseinderbricht.
Der Rauch verbrannter Leichen lag im Wind,
Im Sumpf verirrt glomm allerletztes Licht:
Ein blühender Erguß, der sacht verrinnt.
Vers 3187 bis 3200:
Die große Unschuld, die tyrannisch fällt
Hat dich erreicht, nun lösch die Fackel aus
Und laß Gesang, in einem Schneckenhaus
Ist Schweigen vor der Wiederkehr der Welt.
Hier ruhn die Bilder, oft gerufen, aus,
Die Stimme, die den Klang zusammenstellt,
Den Himmeln schweig, was dich im Leben hält,
Der Krähe nur, wie du verfemt, vertrau’s.
Sie scharrt im Eis, bis sie es aufgibt und
Dich böse anstarrt, frostzerzaust und wund:
Sie weiß von Mord im Liebeslied-Geharf.
Sie weiß dein Wort, noch ungeformt im Mund,
Von Haß, geholt aus schlimmer Träume Schlund,
Von Schrecken, die man nicht vermuten darf.
Vers 3201 bis 3214:
Die Nacht verfällt, und eine Gunst erschrickt
Im Antlitz still, Verlassenheit-gebläut,
Vom hohen Dom dringt Schwermetall-Geläut
In trübe Wasser, Schlinggewächs-verschlickt.
Der Herbst, der die Alleen mit Laub bestreut,
Geht fremd vorbei, und nur die Uhr vertickt
Den Morgen, der in kahle Zimmer blickt,
In fahle Farben, die er nicht erneut.
Im Bogen, den sein hohes Ziel zerbricht,
Verflog die Spannung, Haar, wie lose, fällt
Herab auf ein vergessenes Gesicht...
Und nur die Schwermut, Nacht und Tag gesellt,
Der Mohn Saturns, verläßt die Stunde nicht,
Von Eppich-Kränzen schwerelos umstellt.
Vers 3215 bis 3228:
Es wurde elf, und da verlor mein Alb
Die Zehn: Gesetz, die Zwölf der Wiederkehr,
Die Bäume hatten keine Namen mehr,
Ich ging und wußte: ich bin außerhalb.
Ich lief im Ruf, im Widerhall, ob wer
Auch diese Zahl, verdienstlos reuig, salb.
Der Mond verschwieg und warf die Dinge falb
In ihre Fremdheit, außerhalb wie er.
Ich dachte, daß ich wohl ein andrer sei,
Dem eine Laune wirre Fragen lieh,
Ein Möglichst-Andrer, zur Verwendung frei.
Ich wachte lang und hab vergessen wie,
Mit schweren Schritten ging der Tod vorbei:
Verlaßner Tag, doch Mitternacht ist nie.
Vers 3229 bis 3242:
Ich suche dich in einer fremden Stadt
Und unter fremden Sternen, die schon bald
Blutrot zur Erde falln. Die Nacht ist kalt
Für den, der geht und keine Heimat hat.
Das Laub am Rinnstein glimmt verwesend matt,
Vielleicht gar sind es Drachenschuppen. Hallt
Dort nicht ein Tropfen, bleiern, dumpf, geballt,
Und tränkt die Toten, die umhergehn, satt?
Sie sehen nicht, doch hätten sie mich Dieb
An ihrer großen Nichtigkeit erblickt,
Sie sagten dir, was ich verschweige: gib
Dich leis, ganz leis, daß keine Seel erschrickt,
Ich selber brau den Todestrank, mein Lieb,
Und dein ist all das Blut, das mich erstickt.
Vers 3243 bis 3256:
Verlaß mich nicht, Gefährte, laß den Tand
Mir, daß dein Geist als eine Mitte ständ
Der Welt, die mit verlornem Punkt verbrennt
Und abstürzt, allem Haltenden entwandt.
Daß jemand sei, als ob mein Auge blend
Versteintes Licht von Kienen, abgebrannt,
Und einer böt, und sei es Tod, die Hand
Der Treue, die nur die Ruine kennt.
Und eine Landschaft, mir zum Gruße, sei,
Ein Kirchturm, hohes Schweigelob des Herrn,
Als wache er beim ersten Hahnenschrei
Mit Glocken, oft in Dämmerstunden fern
Vernommen und geliebt, von Wandel frei,
Wie du, Gefährte meiner Nächte, Stern.
Vers 3257 bis 3292:
Den Träumenden ist sein Geheiß vertraut,
Und namenlos bleibt, was ihm Fell und Haut
So eigen macht, wenn rings der Morgen graut,
Denn niemand spricht, der diese Farbe schaut.
Dem Jäger ist, als ob ihn Erde schluckt
Und anderswo in die Reviere spuckt,
Man weiß von ihm, ins hohe Gras gedruckt,
Nichts als den Schrei der Beute, die verzuckt.
Er hat den blauen, roten überlebt,
Den weißen, schwarzen in sein Reich verwebt,
Und nach dem gelben, tief im Herzen, hebt
Er seinen Schweif, daher ein Falter schwebt.
Die Boten, die dem selben Erdenstamm
Entwuchsen, Tilger, doch vom Drachenkamm
Gezeichnet, trafen sanft und furchtbar am
Altar, darauf die Flamme losch, das Lamm.
Und alle ihre Gaben, süß und streng,
Verführten, daß sich das Geschiedne meng
Und Feuer seine Dunkelheiten schläng,
Das Fell, zu hold für diesen Ort, verseng.
Doch mehr als alles, was geschah und nicht,
War eins, denn dieses seltenste Gesicht
Fand Obdach, und ein Flügelschlag zerbricht
Die Hülle, daß der Unerlaubte spricht.
Und Artemis, von weißer Insel her,
Naht unvermittelt, reicht den Runenspeer,
Jedoch dem gnadenreichsten Jäger, der
Ihn jagen muß, bleibt Hof und Halle leer.
Denn unsichtbar webt jegliches am Bild,
Das ganz war und dem alle Sehnsucht gilt,
Das Lust zu lieben und zu morden stillt,
Wenn unverhofft in säuselndes Gefild
Er einbricht und verschlingt Gestalt und Laut
Und sprengt, was Lust und Müdigkeit gestaut.
Den Träumenden ist sein Geheiß vertraut,
Und namenlos bleibt, was ihm Fell und Haut.
Vers 3293 bis 3306:
Sie handelt nicht, wo die Gewohnheit warm
Den Fänger, den sie kaum gewahrt, umseilt.
Sie zaubert nie, doch wo ihr Auge weilt,
Wird Atmen Kunst und alle andre arm.
Und Marmorstaub, der durch die Taille eilt,
Wird gröber und von unbekanntem Harm
Gehemmt, als ob die Schwere sich erbarm
Saturns, das Blut stillt und die Wunde heilt.
Ich aber seh den Schmetterling, der bald,
Gefolgschaft des Verlangens, linde Alm
Durchsegelt, da der letzte Puls verhallt,
Und spüre machtlos, wie Sirenen-Salm
Zu Stein wird, unverrückbar schwer und kalt,
Und niemand trauert am geknickten Halm.
Vers 3307 bis 3320:
Wo Jugend noch um ihren Wert nicht weiß,
Geschlecht noch ungewiß und unbelehrt
Die Namen, die der Wind ihr gab, vermehrt,
Wacht sie allein im Winterdom aus Eis.
Sie naht im März und spornt ihr Wolkenpferd,
Uns furchtbar und mit launischem Geheiß.
Du lieb sie nicht, denn allerhöchsten Preis
Erheischt sie, jedem, der sie sah, begehrt.
Gepanzert rings in mondenheller Nacht,
Prescht sie ins Tal mit rasendem Gelopp,
Den weißen Hirsch, der ihrem Auge Acht,
Verfolgend, und wer mag entscheiden, ob
Ein Gott, ein Mensch von ungeahnter Macht,
Zuletzt sie selbst mit solcher Maske fopp.
Vers 3321 bis 3334:
Die sieben, die das Aug erkennen kann,
Die Bahnen ganz aus goldenem Genug,
Die Deutungen aus Fahr und Vogelflug --
Sie gehen ihre Gegenwart nicht an.
Sie ist gesetzlos und ein irdner Krug,
Mit Lethe randvoll, und Woher und Wann
Betreffen nicht den unbenannten Bann,
Den sie, selbst ortlos, in die Orte trug.
Sie geht im Traum und geht im Tag vorbei,
Die Götterspiele sind ihr einerlei,
Doch manchmal liegt ihr jäh im Augengrund
Ein Stern, in Schöpfungsfrühe furchtbar, bei,
Und in der Kehle tobt ein Tigerschrei,
Den sie zurückdrängt und verdaut im Schlund.
Vers 3335 bis 3348:
Auf einer grünen Wiese ging mein Herz,
Weithin und aufgesogen fast vom Grün,
Kaum sichtbar noch im lenzenen Bemühn,
So leicht, so weiß wie letzter Schnee im März.
Es neigte sich und sah die Gräser kühn
Und aufgelegt zu Spielerei und Scherz
So Hoffnung-her, so blindlings Himmel-wärts
In wildem Wuchs den Morgentau versprühn.
Auf einer grünen Wiese ging mein Lieb
So weiß, so leicht, wo nur die Farbe gilt,
Wie Schnee, der Sonne küßt und spricht: Vergib!
Es neigte sich und sah die Gräser wild
Den Leib durchstechen, der im Grün verblieb --
Im Grün, im weiten Grün erlosch das Bild.
Vers 3349 bis 3362:
Sie wurde sichtbar, noch bevor die Nacht
Den Traum und seiner Herrlichkeiten Troß
Zurückrief und im Morgenlicht zerfloß,
Und schwand in einer unbestimmten Macht
Durch Tore, die sie allzu sanft verschloß --
Sie forderten das Holdeste zur Pacht
Aus Gruben, wo das Gold die stille Pracht
Der Trauer, die im Dämmer thront, genoß.
Sie kam aus Reichen, die versunken sind,
Aus Ränken, Krieg und Ängsten ungestalt,
Geburt und Tod und frühen Göttern, blind,
Und geht in Wüsten, menschenleer und kalt,
Nach ihrer Schwester Zeit, von der der Wind
Ihr manchmal sagt, sie sei genauso alt.
Vers 3363 bis 3376:
Ich traf sie, wo der Nil schon alt und flach,
Und Weite, allem Menschenmaß entwandt,
Vertraun in die Magie der Formel fand:
Bleib länger als die Urgewalten wach.
Doch heller war ihr Aug und Blut, entsandt
Von Göttern, die an des Gebirges Bach
Berieten, und als ob ihr Hermes lach,
Wog manches Spiel in ihrer weißen Hand.
Sie schaut der Zeichen Wiederkunft, bewußt
Sind ihr die Reigen und verborgner Reim,
Die Lose, die wir ziehn zu Schmerz und Lust.
Und Jahre färben Heils und Herbstes Keim,
Doch das des Herrn der Farben, ihrer Brust
Unkund, bezwingt und führt die Stolze heim.
Vers 3377 bis 3390:
Die Dunklen hatten unsern Bund gewollt,
Ich sah dein Aug und so, daß du verstehst
Dich auf die Schatten, die, wenn Tag verwest,
Zur Tränke gleiten, den Ertrunknen hold.
Ganz wie die Huldin, der du ähnlich gehst,
Den Traum betritt, wo sie mit rotem Gold
Die Schalen schmückt, darein dein Blut gezollt,
Zog uns der Fluß, den du zu leuchten flehst.
Du schmiegtest dich an mein betäubtes Haupt
Und flüstertest: wer weiter geht, verbüßt
Im Schrei des Morgens, daß er unerlaubt
Entfernt war, ich erwiderte, du mühst
Dich ernsthaft nicht, und hab mit dir geglaubt,
Daß Mohn, uns treu, auch Morgenrot versüßt.
Vers 3391 bis 3426:
Wer aller Himmel Heiterkeit und Weh
Erfahren hat vom Scheitel bis zum Zeh,
Der frag die Horizonte, eh er geh,
Ob Weckruf oder Mohn am Ende steh.
Obs spät sei oder gar vielleicht erst früh?
Ob denn nicht nur ein Anfang war die Müh?
Wo es dir schien, der Abendhimmel glüh,
Die Quellen sprühn, daß rings die Aue blüh?
Kann sich der Streit, ob Fortschritt, ob Verfall,
Nur lösen durch den unbedingten Knall?
Schafft nicht das Leben selber Flut und Wall,
Den Spieler und womöglich gar den Ball?
Wer wenig ist erfahren und gereift,
Nach Weisheit in die höchsten Himmel greift,
Doch schaut, wer einhält und nicht länger schweift,
Wie sich der Trieb zu einer Knospe steift.
Der Dichter, dem Bedeutung hehr und fern,
Sucht eine Bahn, als sei er selbst ein Stern,
Doch wer zur Lebensmitte kehrt, zum Herrn,
Treibt selber Grün grad wie ein Apfelkern.
Nun steht nicht mehr die Frage, was verging
Und ob es wiederkehr im nächsten Ring,
Was leibhaft wird in Pflanze, Tier und Ding,
Hat tausend Stimmen, das sein Lied sich sing.
Doch eine einzig tuts im deutschen Laut,
Drum bist du mit der Transkription betraut,
Daß sanghaft sei, was rötet, grünt und blaut,
Hast du das Feld mit Korn und Mohn geschaut.
Und jeder Blick gebiert den nächsten Fund,
Einst war dein Herz von großer Öde wund,
Doch heute spricht sogar zur Nacht der Mund,
Der nichts mehr weiß von Neige oder Schwund.
Zwar spürst nicht jede Welle du im See,
Doch träumt und handelt, weil zuhaus seit je,
Wer aller Himmel Heiterkeit und Weh
Erfahren hat vom Scheitel bis zum Zeh.
Vers 3427 bis 3440:
Die Schlange, die gefiedert uns erscheint,
Die Macht der Ende eint dem Himmelsthron,
Den Gläubigen ist Weckruf sie und Mohn,
Weil sie in sich den Gegensatz vereint.
Sie gilt als Licht, obgleich ihr eigner Sohn
Das Dunkel ist, das sie im Flug beweint,
Nach andern ist die Finsternis ihr Feind,
Wie strittig bleibt, wer wessen Reich bewohn.
Wenn man die Bilder solcherweis verstrickt,
Mags taugen, daß man sanft darüber gleit,
Und sich in Kreise der Gestalten schickt.
Doch obs beklagenswert, wenn man die Zeit
Dazu vermißt, weil man aufs Tagwerk blickt,
Wird wohl entschieden nicht in Ewigkeit.
Vers 3441 bis 3454:
Vorm Löwentor zu stehn zum dritten Mal,
Als Kind, als Jüngling, als erwachsner Mann,
Dem Pilgrim manche Winke geben kann,
Bis er erneut kommt, und der Schädel kahl.
Es freut und ficht auch den Betrachter an,
Daß die Gefühle streiten um die Wahl,
So ging es Menschen oft in großer Zahl,
Im Zwiespalt mit der Macht, die es gewann.
Visionen von verbrannten Himmelshöhn
Erlaubte meine gute Seele nicht,
Doch einst war mir dies Zeichen schrecklich schön.
So kehrte das vertrauende Gesicht
Den Ariel-Schrecken in ein Horngetön,
Dem heiter auch das Ende der Geschicht.
Vers 3455 bis 3468:
Der immergrüne Strauch mit schwachem Blust
Dem Indio war ein Freund für lebenslang,
Wer klug ist, der mißtraut dem Werbesang,
Und wechselt nicht im Modetakt die Lust.
Den Anden warn bei Reiches Untergang
Die Folgen für das Brauchtum nicht bewußt,
Doch was der Bauer anbau, kau und hust,
Ward nun nicht mehr bestimmt vom eignen Drang.
Die Sieger wollten Glück für jedes Kind,
Obgleich im Streit, doch jeder ganz und gar,
Da ists nicht gleich, was Landwirtschaft gewinnt.
Wo einmal nichts als Gottes Segen war,
Der Krieg mit jedem grünen Blatt beginnt,
Und wem dies nützt, ist vielen gar nicht klar.
Vers 3469 bis 3482:
Daß man das Lamm geadelt hat vorm Leu,
Rief Spott, es sei doch Gottes Bild kein Schaf,
Doch wars ein Bild, das gut das Wesen traf
Des Menschen, und dies zeigt sich immer neu.
Auch wer sich fern von dem gemeinen Schlaf
In Rollen träumt, wo die Umgebung Spreu,
Wird spätestens, wenns brennt im weichen Heu,
Einstimmen, daß man den Vermeßnen straf.
Und weil sich von der Herde einzig trennt,
Wer sich die Last lud, die am Hirtenstab,
Weil jeder dritte Weg zum Tode rennt.
Drum ist höchst lachhaft all das Hochgetrab,
Daß man den Weg, der fern von beidem, kennt,
Weils nur Beweis, daß man zu fressen hab.
Vers 3483 bis 3496:
Daß eine Quelle sei ein schlankes Weib,
Vermutet nur, wer heimgekehrt entdeckt,
Daß viel mehr Kraft in einem Balsam steckt,
Als in der Dichter kosmischem Geschreib.
Der Fischer sagt, wiewohl der Kahn schon leckt,
Daß er die Seele such in jedem Leib,
Doch sehnt er sich, daß er ins Offne treib,
Weil ihn die Kargheit seiner Hütte schreckt.
Das Heil ist keine Löwin, keine Fee,
Kein Nachtgestad, wo hell die Pilze glühn,
Es ist bestimmt und offenbar seit je.
Du mußt dich nicht unendlich lang bemühn,
Doch reib das Aug, daß es die Freunde seh,
Dann blüht im eignen Haus das Immergrün.
Vers 3497 bis 3510:
Genieß den Lindenschatten und begreif,
Kein beßres Haus steht irgendwo im Land,
Und wer den Preis hat anderem erkannt,
Verwechselt wohl die Nase mit dem Schweif.
Der Boden zeigt sich kahl wie abgebrannt,
Die Luft ist nicht zu windig noch zu steif,
Ein Bann wie ein geheimnisvoller Reif
Macht alles innig, heimlich und verwandt.
Vollkommen wird der Raum, der dich umfängt,
Wenn du nicht einsam bist und doch bei dir,
Wenn nichts dich abhält oder ruft und drängt.
Mit jedem Atem dankst und singst du ihr,
An der dein Herz und deine Stärke hängt,
Und die verbürgt, daß Lindenschatten hier.
Vers 3511 bis 3524:
Der Regen peitscht und Sturm die Dächer plagt,
Doch dies bringt nicht die Kerze aus der Ruh,
Was not, verlangt nicht, daß mans lächelnd tu,
Und doch ist Lächeln hier auch ungefragt.
Ein Heim ist nicht nur Schutz für Wams und Schuh,
Es sorgt, daß sich das Kreuz nicht länger plagt.
Dies schafft kein Balken, dran der Zweifel nagt,
Dies trägt ein Ich, das sich erkennt im Du.
Im Ofen knistert mancher morscher Ast,
Mit Speck und Zwiebeln gibts Kartoffelbrei,
Dem Petersilie du geerntet hast.
Daß niemand fragt, ob wo was Beßres sei
Und ob man nicht viel Schöneres verpaßt,
Das ist das Allerherrlichste dabei.
Vers 3525 bis 3560:
Wie Licht und Schatten stets beisammen sind,
Die Stille erst erfahrbar macht der Wind,
Wie etwas fern, damits der Wandrer find,
Ist auch der Traum der Auferweckung Kind.
Endymion, der Hirt und König war,
Ein reiner Spiegel, wellenfrei und klar,
Blieb einer Lieb und brachte sich nicht dar
Dem Zeitenlauf mit buntgescheckter Schar.
Das Haupt gesenkt, denn Trauer ist der Preis,
Daß sich die Jugend unvermindert weiß,
Ganz ungestaltet im Planetenkreis
Bleibt der Kristall allein im Gletschereis.
Die Sehnsucht ist sehr groß in jeder Zeit,
Daß grade das Vergänglichste gefeit,
Daß der Epheb Moirenmacht bestreit,
Die Höhle fänd vor Tag und Lichtes Neid.
Dies Bild hat die Erfahrung eingefaßt,
Daß jeder Horizont der Lebenshast
Vermehrt des ersten ungemeßne Last,
Der du erwachend dich ergeben hast.
Verweile doch! mag eine Grille sein,
Doch ist das Reich an diesem Tag nicht dein,
So schließ den Traum in diese Grotte ein,
Denn abgeschieden reift der beste Wein.
Ein König, der im Mondenlichte ruht
Und nichts für Land und Untertanen tut,
Als Hirte wußten Wölfe seinen Mut,
Doch erst sein Schlaf macht endlich alles gut.
Im Reiche triumphiert der Menschenfeind,
Der sich am Ziel der Machbarkeiten meint --
Wer weiß die Stunde, da die Sonne scheint,
Die Hirten- und die Königsmacht vereint?
Einst fällt, was uns so lang erscheint, geschwind,
Weil der Verschollne wählt sein Hofgesind,
Wie Licht und Schatten stets beisammen sind,
Die Stille erst erfahrbar macht der Wind.