Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Winterlandliebe

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

– Mörike

Vers 47170 bis 47181:

Weihnachtsgeschichte

Zur Schätzung war das Paar bestellt,
Und in der Herberg war kein Raum --
Augustus lenkt nicht mehr die Welt,
Sonst merkt den Unterschied man kaum.

Es sei denn, man betäubt sich kraß
Mit Wünschen, Schenken, Prunk und Putz,
Dann scheint die Welt ein Butterfaß,
Bedacht vom Himmel Eigennutz.

Wer aber still wird im Advent,
Tut gut, wenn er Geschichten wählt,
Die er von Kindesbeinen kennt
Und die kein Buch zu End erzählt.

Vers 47182 bis 47205:

Weihnachtsbrief

Wer Siebenmeilenstiefel trägt,
Nicht lang nach Weg und Wetter frägt --
Wer mag das sein? Der Flaschengeist,
Der mit Gedankenschnelle reist?
Vier Winden ist der Vers verwandt,
Der Lieben denkt im fernen Land.

Ob Baden, Steiermark, Lublin,
Durch jeden Wald Vokale ziehn,
Ob Kronstadt oder Upstalsboom,
Byzanz, ob Wittenberg, ob Rom,
Der Stern zu Bethlehem entbrannt,
Der Lieben denkt in jedem Land.

Drum reime deine Liebesgrüß,
Im Verse gehn die flinksten Füß,
Der Loblied-Engel rascher schweift,
Als noch das Aug den Stern begreift,
Im Gleichklang sei die Treu bekannt,
Die Lieben denkt im fernen Land.

Geborn und neugeborn ist heut,
Wer sich des Lichts im Dunkeln freut,
Auch wenn im Eis kein Vogel singt,
Der Lieb allein der Wurf gelingt,
Der Reim und Melodie erfand,
Die hörbar sind in jedem Land.

Vers 47206 bis 47229:

Weiße Weihnacht

Schneien solls im Monde Jul,
Daß die Dächer zuckrig weiß!
Arnstadt, Ilmenau und Suhl
Sein geschmückt mit Zapfeneis!
Flockenwirbel, Frostpalast --
Nur Kristall zur Weihnacht paßt.

Schneien solls wie nie zuvor,
Stadt und Land das Kleid verbind,
Wenn die Engel hell im Chor
Preisen das geborne Kind,
Daß uns Stube, Punsch im Leib
Wärmer noch im Schneegetreib.

Schneien solls, daß straßenfrei
Unsre Heimlichkeit und still,
Und gekappt die Leitung sei,
Weil die Weihnacht Kerzen will!
Winterdom, o Heiligtum,
Schluß mit Handel und Konsum!

Wie in Stifters Bergkristall,
Wo der Kinder Weihnachtsnot,
Grottennacht im Flockenfall
Eintracht und Gemeinsinn bot --
Erst wenn alle Welt verlorn,
Wird der Heiland uns geborn.

Vers 47230 bis 47253:

Sylvester Zwei

Im Winterland beginnt das Jahr
Mit Frost und nicht am Widderpunkt,
Am Tore lärmt die Perchtenschar,
Eh neu Frau Welt im Laster prunkt.

Als Julius mit Ägypterrat
Die Monde zwang ins Sonnenjoch,
Der Irrtum manche Setzung tat -
Das Werk, es überlebte doch!

Der Wald, darin die Wölfe heuln,
Benamt die Wende, kalt und laut,
Der Alter frostgeblümte Säuln
Sind aus Metall, das niemals taut.

Der Papst, der jenes Tages Nam
Als zweiter trug, mit Zittern las
Die Messe voller Furcht und Scham,
Sah Reiter und das Stundenglas.

Er ward der letzte nicht im Stand,
Doch heißts, er schuf die Räderuhr,
Die seither herrscht im Winterland,
Und allem setzt die Signatur.

Ob Otto, der ihn rief und hob,
Gespürt hat eine Lieb dabei,
Der alles, was die Fremdheit wob,
Nur Anlaß für ihr Leuchten sei?

Vers 47254 bis 47301:

Jänner

Wenn Wölfe Ranzzeit haben,
Der Schneesturm heult und faucht,
Erzählen dir die Raben,
Was kommt und was verbraucht,
Wenn Steinbocks Firngeflimmer
Empfängt die Wassermänner,
Umspinnt dich das Gewimmer,
Geboren einst im Jänner.

Das Land im Schlaf, im Warten --
Ists nicht auch sommers so?
Wer mischt die Königskarten?
Wer legt sie aus, daß froh
Der Sprenger unsrer Bande
Sich naht im Sechzehnspänner?
Es ist im Winterlande
Seit hundert Jahren Jänner.

Es ist die Zeit der Lasten,
Des Dachs Bewährungsprob,
Ob heute auch das Hasten
Zu jeder Jahrzeit tob,
Die Agnessonne blinzelt
Wie Ötzi einst am Brenner,
Die Himmel zugepinselt
Sind hart wie Eis im Jänner.

Er hüllt wie eine Grotte,
Wo schwächliches Geschatt
Dich abschirmt von dem Gotte,
Der dies ersonnen hat,
Zu prüfen die Frivolen,
Die Flüchter und die Flenner,
Die Humpelnden im Hohlen,
Die Japsenden im Jänner.

Tränk einen Scheit im Öle
Und laß die Lohe ein!
Die Schatten in der Höhle
Solln Ruf und Jubel sein.
So sei beim Abendmahle
Der Wehrkirch Sinn-Erkenner,
Daß sich beleb das Fahle
Und Lichtmeß folg dem Jänner.

Doch freilich, deine Stunde
Kam nicht, dein Volk, gestutzt,
Geht lieber taub zugrunde,
Als es die Ohren nutzt,
Drum sag zu seiner Schande,
Der Reim bringts auf den Nenner:
Es ist im Winterlande
Seit hundert Jahren Jänner.

Vers 47302 bis 47345:

Ein Wintermärchen

I

Im Winterlande bist du aufgewachsen,
Vertraut mit dem Gebirg im Eisgewande,
Du lerntest, deine Schneeschuh einzuwachsen
Im Winterlande.

Ein großer Schlitten trug die ganze Bande
Zu Tal, und mancher brach sich da die Hacksen,
Wo steil der Hang und königlich die Gande.

Du mochtest keine Karies-Prophylaxen,
Dafür den Mohn und Honigtau im Schmande,
Und strittest dich mit Moritzen und Maxen
Im Winterlande.

II

Ein Wintermärchen dir der Dichter streute
Ins Feld, wo schönste Hoffnung hebt die Ährchen,
Und jedes Ofens Holzgeknack erneute
Ein Wintermärchen.

Es ward erzählt in Krieg und Friedensjährchen
Vom Fischer, der die Boote gut vertäute,
Und auch im Heu von einem Liebespärchen.

Kein Pferd, das wegen solchem Dichten scheute,
Auch sahs die Kirche höchstens als Gefährchen,
Und niemand kennt den Deutschen, den gereute
Ein Wintermärchen.

III

Im Winterlande liegt das Reich der Sachsen,
Und jede Au ist eine Mark am Rande,
Die Fremden dürfen Hirt und Herde taxen
Im Winterlande.

Du fragst dich oft: wie kam es wohl zustande,
Daß alle gehen wie zu Schüler-Stracksen,
Bedroht an einem unsichtbaren Brande?

Das Spinnrad hat gewiß verschiedne Achsen,
Und die der Deutschen lautet Schmach und Schande,
Drum bleiben ungestraft nicht deine Faxen
Im Winterlande.

IV

Ein Wintermärchen schon das Kind erfreute,
Bevor man schnitt die ersten goldnen Härchen,
Wo deutsch der Laut, erzählen alle Leute
Ein Wintermärchen.

Oft gehts von Liebelei und Liebeszährchen,
Doch manchmal macht von Wolfsheim auch die Meute
Die Nachtigallen stumm und auch die Lerchen.

Dies alles krönt die Schuld, die eingebleute,
Der Kehrreim, uns noch fester einzupferchen,
Und also bleibt, was wir erleben heute
Ein Wintermärchen.

Vers 47346 bis 47370:

Anita Schühly zum Abschied

Ich sah sie zwanzig Jahre nicht,
Doch tönt die Stimme mir im Ohr,
Die Milde einte mit Gewicht,
Und Adel mit Gebarn, das schlicht,
Und dabei nie den Witz verlor.

Ich dachte oft, ich kehr zum Ort,
Wo dem Klavier ich einst gelauscht
Im Haus, erfüllt vom Dichterwort.
Es lebt alldort und pflanzt sich fort,
Solang der Reichenbach da rauscht.

Doch ich blieb fern, denn alles Tun
Ist einem Lassen abgepreßt,
Der Reu ist keine Kunst immun,
Es schützt kein Eilen und kein Ruhn,
Daß uns die Möglichkeit verläßt.

Der Mann, dem Söhne sie gebar,
Ein weises Wort zum Abschied sagt,
Allein wer heiter lebt und klar
Je Meister seiner Seele war,
Und zeigt sich also unverzagt.

Solch hoher Mut ist möglich nur,
Wo Heilands Blut noch unvernarbt,
Wo euch Verlaßnen Weg und Spur
Im Finstern klang als helles Dur,
Daß ihr die Heiterkeit erwarbt.

Vers 47371 bis 47394:

Winterlanddichter

Sag Winterland -- was meinen deine Dichter,
Seit man uns zwang zu Krieg und Waffenruhe?
Sind alle brav in Spielchen und Getue?
Sind manche gar dem Feinde Bösewichter?

Dies Land war mailich reich an Lerchenlauten,
An Löweneckerchen, die Pfand des Leuen --
Sind Enkel, die mit Blut im Mund erneuen
Den Himmel, den die Ahnen noch erschauten?

Dies Land sah oft die Schwalben niedrig fliegen,
Doch seit sie nicht mehr alle Jahre bauen --
Wo seh ich Sommertraum und Gottvertrauen
Die Wesen sprechen machen, die verschwiegen?

Dies Land rief goldner Herbst im Schwanensange,
Da kam Freund Hein sogar auf Schusters Rappen --
Wer sagt, wenn sie die Nabelschnüre kappen,
Vom Adel und vom freigebornen Range?

O Winterland, du bist nicht ohne Stimme,
Wenn auch die Wandervögel sind verschollen.
In Heiterkeit und auch in dumpfem Grollen
Entbehrt der Adler gerne Korn und Kimme.

Der Dichter, der nicht Baustein noch Orchester
Verlangt, um Gott im Volkston zu begreifen,
Darf herrlich auch in Dunkeldeutschland reifen,
Denn diesen Hanf macht Silberreif nur fester.

Vers 47395 bis 47434:

Macbeth

Bös ist gut und gut ist bös,
Zwielicht spielt um frisch und faul,
Daß er dich vom Schrecken lös,
Schau dem Teufel auf das Maul.

Schwanken laß, was wahr sich wähnt,
Nur dein Ziel halt dich in Haft,
Denn des Schicksals Rachen gähnt
Dem, der es nicht selber schafft.

Glaub der Faust, dem harten Griff,
Der kein Kehllaut widerspricht,
Wer den Stein zum Strahlen schliff,
Fragt man seinen Träger nicht.

Unbemessen sei dein Los,
Unbesiegbar, wer gewann,
Denn verwunden kann dich bloß,
Was es gar nicht geben kann.

So die Hex. Der Auskunft sucht
Lacht, denn größer als die Zeit
Ist, wer weiß, ihn nur verflucht
Das Gespenst Unmöglichkeit.

Aber, was wir niemals sahn,
Was dem Aug unmöglich gilt,
Ist viel weniger ein Wahn
Als des Täters Weltenbild.

Wo die Macht das Recht verstieß,
Sumpft der Boden dem Gesetz,
Daß die Wunde nie sich schließ
Und sich immer neu verletz.

Frevel folgt auf Freveltat,
Jeder Faden spinnt sich fort,
Schließlich brechen Eh und Staat,
Und zur Regel wird der Mord.

Wer auf einer Bühne schaut,
Wie Macbeth die Lande pflegt,
Weiß, sie wird erst abgebaut,
Ist der Wolf zuletzt erlegt.

Auf der Weltenbühne sind
Szenen länger oft und Akt,
Doch wer frevlerisch beginnt,
Steht auch dort am Ende nackt.

Vers 47435 bis 47474:

La Mancha

Die Sommernacht, vom Fenster fällt das Seil...
Nun nimmermehr verweil!
Horch! Rosinante kennt den Glockenschlag.
Wo jeder Traum im Schlaf versank,
Nicht wert, das wer was wag,
Dort macht die Enge weinerlich und krank,
Dort ist der Tag nur ein Kalendertag,
Der eingefriedet stirbt am Gartenzaun,
Dein Gottvertraun
Macht munter alles, was im Schlummer lag.

Die Knaben träumen von Gefahr und Fahrt.
So ist es ihre Art.
Daß aber einer ernst mach mit der Sach
Und anleg abgelegtes Schwert,
Die Glut zum Lodern fach --
Dem mache weis, das Gute sei verkehrt,
Beugt es sich nicht dem Maß von Dorf und Dach?
Wer meint, dem Rechte fehle nur der Mut,
Wer also tut,
Der sorgt, daß nicht allein die Sonne lach.

Doch achtete der Heiland Pöbels Spott?
Amadis? Lanzelot?
Ist nicht das Unbedingte vor dem Ding?
Der Stern vor einem Lampendocht?
Daß Orpheus Nacht bezwing,
Des Totenreichs Zypressenthron befocht --
War dies nicht not, daß die Gemeinde sing
In Einfalt, so als wären Lied und Schrift
Der Pfeil, der trifft,
Eh wer das Bogenspannen hat vermocht?

Vernunft spricht, daß sich heute die Noblesse
Nicht wie bei Herakles
Im Streiter zeige, sondern im Verstand.
Wer weiß, weß Süppchen dieser würzt,
Dem ist der Reim bekannt.
Daß Mammon und sein Zauberreich gestürzt,
Denn es ist etwas faul im Vaterland,
Macht nicht Gelahrtheit, dies tun Ehr und Mut.
Drum ist es gut,
Wenn sommernachts erwacht der erste Stand.

Vers 47475 bis 47522:

Windmühlenflügel

Es ist auch in unseren Tagen
Gestattet, gemessen zu stöhnen,
Doch Klugheit verlangt zu ertragen
Das Unrecht der Welt und ihr Höhnen.
Wer aufbricht, den Reif zu zerbrechen,
Dem spritzt wie aus spitzer Kanüle
Das Sprichwort vom Hauen und Stechen
Nach kreisenden Flügeln der Mühle.

Als gestrig verdammt ist die Ehre,
Verbrecherisch für sie zu sterben,
Daß einer da ficht und sich wehre,
Wird ihm seine Rente verderben.
Der Kaufmann erkläre dem Ritter
Die Tische, wo Becher und Stühle,
Sonst führen die Fahrten nur bitter
In kreisende Flügel der Mühle.

Mag sein, daß man einstmals Tyrannen
Erschlug und die Jungfraun befreite,
Doch ging diese Kindheit von dannen,
Und Scheitern ist nichts für Gescheite.
Die Einfalt vereinfacht verdächtig,
Den Narren beherrschen Gefühle,
Die Kühnheit ziehts immer nur mächtig
Zu kreisenden Flügeln der Mühle.

Doch ists eine Mär, daß die Schinder
Heut nicht mehr zu nennen, zu fassen.
Wen darf man nicht anklagen, Kinder?
Vor wem muß die Richterschaft passen?
Wem dienen im letzten Effekte
Vertreibungen so wie Asyle?
Wem zinst, was im letzten bezweckte
Der kreisende Flügel der Mühle?

Der einstens als Ritter erkannte
Den Drachen im Kern der Maschine,
Ihn zu überwältigen brannte,
Weil sie dem Gestaltlosen diene -
Wenn nunmehr von Müllern entseelte
Metalle sich freun ihrer Kühle -
Wer meinte da, daß er verfehlte
Die kreisenden Flügel der Mühle?

Es ist auch in unseren Tagen,
Daß man sie verpfänd und verprasse!
Was hat dir der Ritter zu sagen?
Das Pferd sattle, geh und verlasse
Den Kreislauf von Fressen und Fronen!
Den Schlafsand vom Augenlid spüle!
Dann siehst du wie er als Dämonen
Auch kreisende Flügel der Mühle.

Vers 47523 bis 47562:

Zum Heimgang Hans-Dietrich Sanders

Im hundertdritten Jahr der großen Schlacht,
Wo Omina sich mehren, daß der Feind
In seiner Gier zuletzt den Fehler macht,
Der unser Volk an seiner Wurzel eint,
Trat einer, der den Posten an der Front
Nie hergab wie der feige fette Fritz,
Vom Zwielicht in den Allverwandler-Blitz
Und nahm uns, was er ganz allein gekonnt.

Die Bibliothek verwaist, da nicht der Blick
Des Überwachen sie beherzt bewohnt,
Er schälte aus dem Anschein das Geschick,
Er sah, was in Vergeblichkeiten lohnt,
Er dachte, was der Staufer adlergleich
Beherrschte mit dem Wanderstab in eins,
Er zeigte uns das Gold im Schlick des Rheins
Und unsre Pflicht und Schuldigkeit im Reich.

Fällt der Soldat, so schließt der Kamerad
Die Reihe -- doch wenn der Stratege stirbt?
Kommt Wirrnis nun und undurchdachte Tat,
Drin abendblau das Vaterland verdirbt?
Bedenke, auch des Adlers höchster Ort,
Der hohe Waffengang im deutschen Lied,
Wird einzig dem, der ohne Habe kniet
Vor Gott, der sich bezeugt im Lutherwort.

Was Friedrich steinern in Apulien hob,
Kam auf der Wartburg schließlich zur Fraktur.
Durch Auf und Ab, das deutsche Gotteslob,
Der Welt ist es ein krauses Rätsel nur.
Wer aber wirklich fühlt, die Gnadenwahl
Macht kernecht uns die frohe Botschaft froh,
Wird, inne seines Waltens Wann und Wo,
Nicht kuschen vor der Feinde Überzahl.

So sei der Denker allem Zweifel fern,
Daß wir in seiner Zucht, in seinem Sinn
Froh bleiben und die Bürde tragen gern,
Die fraglos seine war von Anbeginn.
Und in den Wolken glaube ich zu schaun
Den Spott, den auch die Ewigkeit nicht streicht,
Auf Denken, das nur zum Gehaltstag reicht
Und dabei meint, an einer Welt zu baun.

Vers 47563 bis 47595:

Im Klan

I

Im Klan zu leben taugt nicht für Moderne,
Für Neid und Sucht und was da egoman
Sich spreizt, jedoch der Freie beugt sich gerne
Im Klan.

Mit bloßem Rückzug ist es nicht getan,
Kein Herkules vom Himmel holt die Sterne,
Nur Kampf und Rüstung weigern sich dem Wahn.

Drum bleib der Halbling ganz in der Taverne
Und fasle von Dionysos und Pan,
Derweil entfalten sich die Samenkerne
Im Klan.

II

Im Klan zu leben taugt nicht für die meisten,
Sie schwimmen nicht, sei noch so morsch der Kahn,
Sie wollen ihre Ruhe und nichts leisten
Im Klan.

Der Ganter glaubt so gern, er sei ein Schwan,
Und daß der Schlachter arglos holt den Feisten,
Gibts stärkre Mittel heut als Baldrian.

Statt Weisen lauscht der Narr den Weitgereisten,
Er ruft nach Staat und Plagen auf den Plan.
Drum hüte dich vor ihm, dem allerfreisten,
Im Klan.

III

Im Klan zu leben ist ein Sprung ins Wasser,
Obgleich das Ufer niemands Augen sahn,
Drum spricht ironisch stets der Unterlasser
Vom Klan.

Vor der Versuchung schützt kein Lebertran,
Im Felde der Verpöbler und Durchrasser
Ist jegliches Geschenk ein Drachenzahn.

Verlaß die Welt der Schlemmer und der Prasser,
Und wende dich von der Kometenbahn,
Und kämpf vervielfacht gegen Menschenhasser
Im Klan.

Vers 47596 bis 47630:

Udestedt

I

Im flachen Land reiht Bauer sich an Bauer,
Hier leuchtet keine Schrift an dunkler Wand,
Am Sonntag gehn die Uhren ungenauer
Im flachen Land.

Aus den Sandalen rieseln Lehm und Sand,
Doch lange war der Himmel kein so blauer,
Du denkst an Claudius und das blaue Band.

Wie Malz und Hopfen rufen her den Brauer,
So trägt das Schlichte den verborgnen Stand.
Den Fremden macht das Fragen auch nicht schlauer
Im flachen Land.

II

Im flachen Land sind Klapperer und Klauer
So selten, daß sie beinah unbekannt,
Und wärst du fremd, wärs dir im Magen flauer
Im flachen Land.

Jedoch den Sohn, der heim nach Jahren fand,
Beseligt Brot, es ward die Milch nicht sauer,
Und selbst das Gänseschnattern klingt verwandt.

Mag sein, auch dieser Tag ist nicht von Dauer,
Jedoch der Zwist, der mit dem Winter schwand,
Fand keinen Grashalm zu versteckter Lauer
Im flachen Land.

III

Im flachen Land sind Münder meistens Kauer,
Hier wird kein Reim in Bronze eingebrannt,
Und keiner hält sein Schmalz für Gassenhauer
Im flachen Land.

Auf Karten wird der Flecken kaum genannt,
Doch andern Karten nach der Zeitenmauer
Sind heute rot und dick gemalte Tand.

Allein das Wort verfällt nicht dem Ergrauer,
Verborgne Warten ruhn in Gottes Hand:
In solchen aber singt der Vogelschauer
Im flachen Land.

Vers 47631 bis 47742:

Hufhaus Harzhöhe

Wir folgten masurischem Wandern,
Als jäh unsre Heiterkeit schwand,
Von einem Moment auf den andern
Ein Hausherr für recht es befand,
Verträgen und Sitte zu spotten,
Sei besser als kleinstes Indiz,
Er dulde Verharmloser-Rotten
Und sei der Partei nicht Miliz.

Er setzte die Dichter und Hörer,
Zur Dämmerstund barsch vor die Tür,
Denn solche sind immer die Störer,
Wenn jemand sie ansieht dafür.
Das durfte uns wenig bestürzen,
Denn schließlich ists Teufels Beruf,
Zur Einsicht den Weg zu verkürzen,
Das Ziel sei das Haus mit dem Huf.

Querelen, die heutig und hiesig,
Verschmäht als banal jeder Reim,
Doch lud uns der Bann paradiesisch
Vom Zweckbau ins waldige Heim
Mit Ziegen und Pferden, der Brocken
Sah huldvoll herab auf die Schar,
Und keinem das Auge blieb trocken,
Der neu auf der Harzhöhe war.

Der Roßtrapp-Gesang, damit Schilling
Den Tag beschließt, wirkt als Gesicht,
Der Hörort als Wortgeber-Zwilling,
Der Mythos die Gegenwart spricht.
Auch hier ist ein Huf eingeschlagen,
Gewaltig nach wild-wirrem Ritt,
Wir selber sind Täter der Sagen,
Die Ahnen ziehn stets mit uns mit.

Im Morgentau jubelt die Geige,
Wir singen der Heimat, dem Mai,
Die Sonne verspricht, daß sie steige,
Doch kalt ist der Boden dabei,
Dann schildert uns Baldig die Pfarre,
Wo welthaltig Luthertum schafft,
Daß nie der Gemeinsinn erstarre,
Noch schwinde die christliche Kraft.

Auch Lichtmesz spricht über den Glauben,
Die Not, wenn er nicht mehr gemein,
Dann treffen den Daumen die Schrauben,
Die sollten in Räder hinein,
Doch dürfen wir alle nicht zagen,
Der Teufel ist alt wie die Welt,
Doch immer, wenn Gläubige wagen,
Ein Schlachtroß bereitsteht dem Held.

Nach deftigem Mahl das Profane,
Die Stunde bestimmt im Verein,
Denn eins ist das Stehn bei der Fahne,
Auch preußische Ordnung muß sein,
So wählen wir Schühly aus Baden,
Er führe uns kaufmännisch buch,
Daß was auch bestellt und geladen,
Die Münzen nicht anderswo such.

Dann kommen mit Jahn die Balladen
Zum Vortrag mit Schrecken und Spott:
Man weiß, vor dem Spott kommt der Schaden
Und manchmal danach das Schafott.
Der Mummenschanz huldigt dem Derben
Im schaurigen Stück, in der Lieb,
Doch fällt auch das Weltall in Scherben,
Die Bühne dem Schauspieler blieb.

Bei Clemens wirds wieder mal ernster,
Der Mann der Justitia stellt klar,
Sein Nächster, nicht etwa sein Fernster,
Das Ziel seiner Fürsorge war.
Und weil das beim Biere probater,
Reimt Haubi rechts-links-hinterrücks,
Was Anjas potenzstarkem Kater
Der Jordan voraushat dem Styx.

Der Abend gehört schließlich Fausten,
Dystopisch, KI-transhuman,
Vergleichbar nicht mit dem zerzausten
Bartträger, bekannt als sein Ahn.
Doch schildert uns Baal die Berückung
Von einer naturhaften Maid
Als Stolperstein solcher Beglückung
Der Menschheit mit sinnloser Zeit.

Am Sonntag wird wieder gesungen,
Mitmaunzt eine nachtschwarze Katz,
Und dann zeigt uns Rothe gelungen,
Was heute solln Syntax und Satz,
Gepriesen wird das Überfliegen
Von Text zum Strukturdiagramm,
Denn schließlich kann drinnen nichts liegen
Als immer dasselbe Tamtam.

Daß Poeterey ausgetrieben
Bei solcherlei Lese-Unlust,
Der Imperativ steht geschrieben:
Sei stets dir der Eile bewußt!
Doch Hennig erinnert der Zeiten,
Da Hasten und Zeitsparen feind
Gemeine warn, und die Gescheiten
Die Weisheit im Maßhalten eint.

Was Hamann als Denker für Äcker
Bereithält, zeigt wie den Koran
Er las, rezipierte -- Geschmäcker
Warn damals nicht Terror und Wahn.
Ein Nachruf auf Doktor Wolf Tempel,
Der zuschaut auf sorgloser Wolk,
Beschließt unser Treffen, der Stempel
Darunter darf melden: Erfolg!

Im Hufhaus, wo zwei wir vermißten,
Die Nachricht nicht rechtzeitig fand,
Braucht keiner die Larven und Listen
Der Leugner von Volkstum und Land.
Und reicher beschenkt als erbeten,
Wir gehn und sind bald wieder da
Mit Hamann, dem Apologeten
Des H und sogar des Haha!

Vers 47743 bis 47798:

Ulrich von Hutten

Dem Deutschen ist das Deutsche so gewöhnlich,
Daß er vermeint, es könn nicht anders werden,
Er meint, ein jeder hielts wie er versöhnlich,
Nach seiner Art leb alles Volk auf Erden.
In warmer Stube schattet Schlaf die Braune
Bei Speck und Salz, bei Bier und Haferbrei.
Drum, Dichterkönig, sprich, verdirb die Laune
Und mahn den Schläfer, daß er Deutscher sei!

Die welsche Dekadenz und Türkenhorden
Zweifrontig drohn wie teuflische Geschwister.
Muß erst in Mainz und Wittenberg das Morden
Zum Himmel schrein, eh aufwacht der Philister?
Zwar schreit die Sünde nach Siegel-Reitern,
Doch Ehre wohnt, wo man die Schwerter wetzt --
Drum, Dichterkönig, schar den Troß zu Streitern
Und weck den Furor der Teutonen jetzt!

Gelehrsamkeit muß stets im Aufstand münden,
Wenns gilt wie einst im Teuteburger Hage,
Dem Sklavenheer das deutsche Wort zu künden
Und unser Nein zu jedem Zinsvertrage!
Drum tausch den Minnesang dem Morgensterne,
Als Dunkelmann in Kupfer nenn und Blei
Des Feindes Larve hier und in der Ferne
Und mahn den Ritter, daß er Deutscher sei!

Wärs möglich, daß die Ritter ausgestorben
Und aller Ruhm ein dichterisch Geklitter?
Was uns gewöhnlich, wurde einst erworben,
Und was uns süß, erfocht sich immer bitter.
Mein nie, es stünde etwas selbstverständlich
Und dauerhaft sei uns die Welt gesetzt --
Drum, Dichterkönig, mach die Gasse kenntlich
Und weck den Foror der Teutonen jetzt!

Der Götz ist wie der Sickinger gefallen,
Wie Sigurd von dem Tronjer ward gemeuchelt,
Der Heldenschar der Ilias und allen,
Die folgen, sei kein beßres Los geheuchelt.
Doch bleibt der Freie stets der Mann in Waffen,
Der eher stirbt als frißt in Sklaverei,
Mag sein, daß Pöbel abstammt von den Affen --
Du mahn den Freien, daß er Deutscher sei!

Deutsch ist die Tugend, aufrecht sich zu beugen
Dem Heiland, der beherzt und Segen spendet,
Das Frohe seiner Botschaft zu bezeugen,
Die in der Schlacht und mit dem Tod nicht endet.
Was Römer zur Tyrannis ausgeschlachtet
Und dem der Türk höhnt, wenn er Frauen hetzt,
Sei Deutschem, der die Todesfurcht verachtet,
Der heilig Furor der Teutonen jetzt.

Gott setzt die Oberkeit in alle Lande
Doch macht er auch, daß die verbrauchte weiche,
Der Krieg ist besser als die Dauerschande,
Drum brich der Aufstand los im ganzen Reiche.
Acht, Dichterkönig, daß nicht Blinde höhnen
Dem Glaubenssatz, daß nur der Freie frei,
Schwing dich aufs Roß mit den Cherusker-Söhnen
Und mahn den Deutschen, daß er Deutscher sei!

Vers 47799 bis 47810:

An Vaters Grab

Fällt im Stundenglas das letzte
Körnchen, wird uns offenbar,
Was man oft zu wenig schätzte,
Was wie selbstverständlich war:
Deine Güte, Deine Liebe,
Deine Hilfe tag und nacht --
Daß ich den Verlust beschriebe,
Mir kein Reim die Worte macht.
Auf dem letzten Weg die Rosen
Und Verwaiste bettelarm,
Die wir flehn im Bodenlosen,
Daß der Herr sich Dein erbarm.

Vers 47811 bis 47858:

Lebensherbst

Der Herbst des Lebens sind nicht die Gelenke,
Die nicht mehr federn und geräuschlos dienen,
Nicht Fadenschein und sanftere Getränke,
Die Hügel ohne Steinschlag und Lawinen,
Ob man sich etwas antu oder schenke
Und ob die Meere einst uns weiter schienen.
Die Traurigkeit durchgoldet alle Gärten,
Wie Blätter fallen ringsum die Gefährten.

Wir mögen tausend junge Bäume pflanzen,
Sie decken nicht die Lücken und die Stümpfe:
Da lud der Birnbaum abendlich zu tanzen,
Dort zeigte einst der Storch die roten Strümpfe,
Und weiterhin am Hang die stolzen Schanzen,
Der Schlitten flog und zählte nicht die Trümpfe.
Doch viele schon, die solche Stunden teilten,
Dem Licht und seiner Heiterkeit enteilten.

Im Herbst ertönt die Glocke immer näher,
Die uns versammelt, jene zu begraben,
Die vorgesorgt grad wie der Eichelhäher
Und nun die Sorge ganz vergessen haben.
Wir wissens nicht, vielleicht sind sie auch Späher,
Und wir, gebannt in nektarschwere Waben,
Sind einzig da, ihr Schweigen zu vertreten
Und für das Heil Verschwiegener zu beten.

Die Einsicht reift, daß wir uns nur als Schatten
Begreifen können, wenn wir menschlich fühlen,
Wir hadern mit dem Los, uns zu gestatten
Zu wandeln zwischen all den leeren Stühlen.
Die Einsamkeit des Hungers wich der satten,
Und unsern Durst kann keine Quelle kühlen,
Denn was wir je begehrten, ist entstanden
Und so kam uns das Wünschen selbst abhanden.

Doch über uns hinaus ist nichts vollendet,
Und unsre Müh reicht nicht an das Empfangne,
Nicht wie die Linde hegt und Schatten spendet,
Am Ende bleibt der Neid auf das Vergangne.
Ob ihr an unsrer Spur Gefallen fändet,
Die ihr doch wißt, wir starben als Gefangne?
Das Schöpfertum ist immer nur ein Reimen,
Wir sind gepfropft und nicht befugt zu keimen.

Das ist der Herbst, wir singen das Verzagen,
Obs ehrlich sei, ob eitel? wer entscheidet,
Wenn wieder rollt und rollt der Gelbe Wagen,
Obs Winterland am Flockentanzen leidet?
Und ist es möglich recht vorherzusagen,
Wer diesen Fährten folgt und wer sie meidet?
Am Ende bleibt die große Rechnung offen,
Doch hat auch Ruhe recht nach so viel Hoffen.

Vers 47859 bis 47890:

Prolog zu einem Emigrantenroman

Das deutsche Elend meinen auszumisten,
Die täglich sich zu neuen Phrasen schrauben,
Doch Klima, Feinstaub oder gar Rassisten
Sind Feinde nicht von Hoffnung oder Glauben:
Es ist zuerst der Aberglaub, daß reifer
Als Frühere man sei und gar gesünder,
Sind Zeitung oder Glotze gut für Eifer,
Und das Ererbte Strandgut, das man plünder.

Wer redet? hör ich -- keiner der Experten,
Die wohlbestallt für eine Lobby wettern,
Kein Börsenguru glänzender Offerten
Und auch kein Mime auf den seichten Brettern.
Ich blieb dem Leben keinen Groschen schuldig,
Der Lieb, der Lust, der Frohnatur der Kinder,
Und hoffte stets, ich sei nur ungeduldig,
Und viele träumten meinen Traum nicht minder.

Doch deren Traum, von Fetischen umstellter,
Ist Totentanz mit heuchlerischen Riten.
Was dient dem Baum, ist er schon ein gefällter?
Man sorg, daß er nicht ruf die Parasiten!
Wer redlich focht, daß dieses Land sich besser,
Wird schließlich klug, zu retten was zu retten.
Ich flieh die Ausflucht und erkenn das Messer,
Wo andre sich mit Stolz ans Schlachthaus ketten.

Ich hab an etwas heiterern Gestaden
Den Raum gefunden, um nicht zu verbittern,
Und in der Flut des Ozeans zu baden,
Ward Balsam, nicht vor Gram und Zorn zu zittern.
Und siehe, aus dem Urschaum stieg die Liebe
Und offenbarte ihre Schöpfungsfrühe
Und zeigte zärtlich, wenn ich bei ihr bliebe,
Sei gleich, was auf der Weide muhn die Kühe.

Vers 47891 bis 47962:

Goethisch

Für Rolf Schilling

Im Winter, wo dem Licht der Himmelsboten
Nicht mehr die Türen hoch und Tore weit,
Die Dome aus dem Eichenwald der Goten
Nicht mehr begriffen, was der Milan schreit.
Doch unbemerkt von Würfeln und von Quoten,
Auflohte ein schon fast erloschnes Scheit,
Und eine erste Schwalbe wagt zu singen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Aus Trauer um die Reiche, die verloren,
Besingt sie, was uns nachts im Traume schreckt,
Und zaubrisch gehts den Augen wie den Ohren,
Wenn Gleichklang heimelt und zuweilen neckt.
Der Argwohn meint, den täuschenden Auroren
Sei nur ein weitres Lichtlein aufgesteckt.
Doch weiter traut die Schwalbe sich zu schwingen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Kein Sommerglück, kein heiteres Behagen,
Die Sense fiedelt Krieg und Pestilenz,
Die Pracht der Schmerzen und des Abgrunds Ragen,
Ein Hauch von Glück - und kaum gewahrt, verbrennt’s.
Und donnernd bricht entzwei der Himmelswagen,
Die Schlange sonnt sich im Geflamm des Ends.
Ein Falke fliegt, eh ihn die Schwärzen schlingen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Dann Schluß mit dem Gewitter, Eis und Starre,
Die Hüter stehn im Zwielicht vor dem Tor,
Nicht Miene oder Mund, was unser harre,
Nur Strandgut und ein morsches Schiff davor.
Ob Ostwind uns im hohlen Baume narre,
Ob tief im Weiher ein verwunschner Chor?
Wer hofft, bereifte Fahnen auszuwringen?
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Die Bühne wechselt, vor dem Bienenhause
Der Gärtner, der die Blumen leis benamt.
Rhabarber ruft Erinnerung zum Schmause,
Die Sonne sinkt ganz wundersam erlahmt.
Wer fürchtet, daß darein der Eiswind brause
Und daß ihr nackend schwändet, wie ihr kamt?
Der Abend weiß, es gelte nichts zu zwingen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Nun sind die Pole Blumenglück und Schrecken,
Des Falters Taumeln und des Falken Stoß
In Liedern, deren Weg nicht abzustecken,
Stets nah und fern und käferklein und groß.
Nun ist der Träumer nicht mehr aufzuwecken,
Denn ungeschmälert darf das ganze Los
Vielstimmig im Konzert der Verse klingen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Zwar viel ist alles nicht, und niemands Füße
Berufen sind zu jedem Stock und Stein,
Zu früh genug und ausgeschlagne Süße -
Im Stoppelfeld wird stets noch Nahrung sein.
Doch solch Bedenken störe nicht die Grüße
Und mach die Rühmung weder halb noch klein,
Denn über Langmut triumphiert Gelingen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Ja, mancher dankt, und vielen unbetroffen
Sind Worte und Gesang ein leerer Wahn.
Dies sage nicht, um Besserung zu hoffen,
Der Tat ist ganzer Schmuck, daß sie getan.
Wir wissen wohl, daß jede Rechnung offen
Und niemand weiß, wer tret noch auf den Plan,
Doch richte nie das Reifen und das Ringen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Die Rätsel sind nicht da, daß man sie löse,
Doch daß sie worthaft gelten und man staunt,
Im Gleichnis uns erscheinen Gut und Böse,
Und Weisheit spricht sich sonnenhaft gelaunt.
Drum horche, ob in all dem Wort-Getöse
Der Rabe uns den rechten Rat geraunt?
Denn wies auch sei mit all den dunklen Dingen:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Vers 47963 bis 47990:

Bilderverbot

Wer Gottes Werke bildlich preist,
Stellt indirekt den Schöpfer dar,
Weshalb dem Eiferer auch meist
Jedwede Kunst ein Ärger war.

Gott aber will, daß kein Geschenk
Mißachtet sei, drum zeigt sich gern
Die Gabe, daß sie bildlich denk,
Und preist in jedem Werk den Herrn.

Nicht nur die Farbe Bilder macht
Und Vogelsang und Wolkendunst,
Aus allem Vorgestelltes lacht,
Aus Logik selbst und Rechenkunst.

Das unerlaubte Bild von Gott
Geschuldet ist dem Wunsch nach Macht,
Falschlehre, Aufstand, Blutschafott
Sind von Rechthaberei gebracht.

Behüt mich Gott vor einer Lehr,
Wer recht hab in so manchem Streit,
Bescheiden geht der Weise her
Und schämt sich nie Unwissenheit.

Was nie ein Mensch recht wissen kann,
Das laß getrost dahingestellt,
Denn neidlos Passen dann und wann
Schafft Kraft fürs Handeln in der Welt.

Drum bin ich des Konzilienstreits
Nicht froh, schuf doch das Altertum
Viel Ursach all des spätern Leids
Um unser Evangelium.

Vers 47991 bis 48050:

Arius und Rom

An Arius’ Lehr und Jüngerschar
Erwies sich jedes Schwert als stumpf,
Kaum daß ein Haupt gefallen war,
Auch eins entsproß dem Hyder-Rumpf.

Dem Teufel ists ein Feiertag,
Kommts bei Platonikern zum Zank,
Wer dabei siegt, wer unterlag,
Kann ihm egal sein, Gott sei Dank.

Wer mag uns die Natur des Herrn
Entscheiden? wer setzt dies als Heil?
Der Bibel stehen Fragen fern,
Wie eins der Dreiheit welcher Teil.

Man nehme was geschrieben steht,
Und was begreifbar und was nicht
Bleib friedlich, wies ansonsten geht,
Wo Dunkelheit und auch viel Licht.

Der Besserwisser wird gestutzt
Am besten durch Gelassenheit,
Denn Streit ums Rechtbehalten nutzt
Nur dem, der siegen will durch Streit.

Davon gibts viele, Meister doch
Ist Rom, die Stadt, die nie verwandt,
Soviel aus ihren Mauern kroch,
Es reichte nicht zum Heilgen Land.

Das Abendland versank im Blut,
Daß gut katholisch jede Mark,
Wer Rom verweigert den Tribut,
Verstockt den Arianer barg.

Und weil der Cäsar in Byzanz,
Ein zweiter Cäser wird gekrönt,
Ums goldne Kalb gilt recht der Tanz,
Wenns Rom und seine Macht verschönt.

Das mag als Posse der Provinz
Noch durchgehn, doch ein Macht-Prophet,
Stieg über Christus auf den Sims,
Wos arianisch weitergeht.

Und Persien fällt, Jerusalem,
Syrien, Ägypten, der Maghreb,
Daß keiner sich dagegenstemm,
Den Siegeszug nicht mal verschlepp,

Das hat gemacht Sophisterei,
Den schlichten Leuten fremd und hohl,
Rom aber festigt sich dabei,
Denn arg ist ihm des Ostens Wohl.

Zwar bleibt die Stadt des Konstantin
Noch Haupt der ganzen Christenheit,
Doch denen, welche Fäden ziehn,
Ists eine Frage nur der Zeit.

Erst Schisma, endlich Mehmed Zwei,
Und aus der Kuppel fällt das Kreuz,
Der Sultan auch der Kaiser sei,
Ich sag euch, keinen Römer reuts.

In Moskau ward die Konkurrenz
Vom Zentrum zur Peripherie,
Das Lied der Macht tönt, jeder kennts,
Das Mittelmeer, sie kriegens nie.

Doch ist nicht aller Tage End,
Tiara mit des Tieres Zahl!
Wer weiß, was sich noch alles wend,
Was steigt und was wird aschenfahl?

Vers 48051 bis 48080:

Byzantion

Herrlichkeit, die Geist beflügelt,
Die kein Fürst, kein König zügelt,
Reim der Seherin, der Norn,
Zeigt sich siebenfach gehügelt
Nie, sie steht am Goldnen Horn.

Noch dem Nibelungendichter
Irdne Letztinstanz der Richter,
Aller Menschenweisheit Born,
Aller Völkerfehden Schlichter
Thront und wacht am Goldnen Horn.

Wo sich Argonauten rüsten
Für die fremdesten der Küsten,
Wo der Stern am Wagen vorn,
Wo wir Rat und Rettung wüßten,
Dämmert noch das Goldne Horn.

Was wir aus dem Traum entfachen,
Die versteint im Kyffe wachen,
In der Malz ein Gerstenkorn,
Siegfried fällt den Weltendrachen
Auf dem Weg zum Goldnen Horn.

Kommt von Norden der Befreier?
Stimmt sich Orpheus seine Leier,
Saiten, siebenfach verworrn?
Der Berg Athos spricht von Feier
Und verweist aufs Goldne Horn.

Kommt er aus dem Zwiebelturme?
Sieht den Bären man im Sturme
Aus der Wunde ziehn den Dorn?
Was da wütet, folgt dem Wurme,
Was da heilt, dem Goldnen Horn.

Vers 48081 bis 48140:

Hagia Sophia

Als die Griechentage sanken,
Nordher schon der Nebel kroch,
Doch die Schönheit der Gedanken
Blieb am Horn lebendig noch,
Ward mit Schritten siebenmeilig
Wort zu Stein und Weisheit heilig.

Christus eint uns, was geschieden
In den Schulen wuchs im Streit,
Segnet die mit seinem Frieden
Und mit seiner Heiterkeit,
Die das Feste sehn im Leisen,
Heiliges zugleich im Weisen.

Imperial die Kuppelgröße,
Pantokrator im Zenith,
Kommend aus dem Schoß der Schöße,
Der das ganze Kreuz erlitt,
Daß der Himmel uns gedeihlich
Und die Weisheit fest und heilig.

Omphalon zeigt unverwunden
Uns die Mitte, drum wir gehn,
Wenn wir niemals ganz entbunden
Walten oder stillestehn,
Oder gar wie Paulus reisen,
Daß das Heil erreich die Weisen.

Die Piscina ruft zur Taufe
Viergestuft die Völkerschar,
Eh man eigne Schritte laufe,
Sei der Geist im Wasser klar,
Denn das Leben schreitet eilig,
Nur die Weisheit dauert heilig.

Jedes Wunder aufzuzählen,
Das die Kathedrale birgt,
Wage nicht sich auszuwählen,
Wer auf halbem Wege stirbt,
Aber säum nicht, Brot zu speisen,
Heil dem Narren wie dem Weisen.

Schon vom Meer entgegensegelnd,
Siehst du, wo die Mitte ruht,
Alle Weltenrichtung regelnd
Sagt, wozu die Erde gut.
Aber Teufel ragen freilich,
Wo die Weisheit froh und heilig.

Turm-Geschosse, die metallen
Sich in alle Winde bohrn,
Tun wie diamantne Krallen
Kund, die Unschuld sei verlorn.
Vierfach wurde Gold zu Eisen,
Und der Krieger narrt den Weisen.

Seit ich jung vernahm die Kunde,
Wie das Kreuz im Fall zerbrach,
Bet ich um die Rettungsstunde
Und tus tausend Christen nach:
Mache Gott es gegenteilig,
Wo beschämt die Weisheit heilig!

Bleibt gewißlich in Gebeten,
Daß das Leben lösch den Tod,
Daß geschliffen die Raketen
Um die Kuppel, rund wie Brot,
Daß die Mitte wieder preisen
Wird die Heiligkeit im Weisen!

Vers 48141 bis 48220:

Die Elbe

Sie kommt vom Rübezahle
Und kehrt sich bald nordwestlich,
Vom Böhmerwald zu Tale
Stürzt sie sich froh und festlich.
Wer elbisch unergründlich
Die Üppigkeit muß kiesen,
Tuts nie so Wonne-sündlich
Wie auf den Dresdner Wiesen.

Wen Tau von dieser Aue
In Knabenjahrn nicht blendet,
Erkennt nicht, was er schaue,
Wohin er sich auch wendet.
Nicht der Beryll, der Kragen,
Den er bestieg, von Riesen,
Erschaut den Sonnenwagen
Hoch über Dresdner Wiesen.

Hier steigt aus ihrem Bade,
Die Rembrandt wagt zu malen.
Und diese große Gnade
Darf in die Weltnacht strahlen,
Selbst Krüppelkreuz-Verstockte
Den Leibestempel priesen,
Das Vieh, das angepflockte,
Ward wild auf Dresdner Wiesen.

Sie zeigt sich manchen Altern,
Eroberern und Schulen,
Doch Wolfram oder Walthern
Erschien sie nicht in Pfuhlen,
Wie jenen das Gemäße,
Die Wort- und Bildsottisen
Ausbrüten im Gesäße
Unds nennen Dresdner Wiesen.

Sie ist noch mehr die Elbe
Als das Geperl im Nacken,
Es glänzt vom Ei das Gelbe,
Wenn nichts mehr auszupacken,
So wie sie schutzlos offen,
Frei von den Welt-Verliesen,
Sind alles Wolln und Hoffen
Nur Gras auf Dresdner Wiesen.

Tiefsinn und leichte Trauer
Vermähln sich ihren Zügen,
Ein Schmerz, ein ungenauer
Wußt stets sich beizufügen,
Wenn Himmelhoch und Erde
Sich in die Arme schließen,
Drum trifft Verweh das Werde
Am Strand der Dresdner Wiesen.

In ihr wird offenkundig
Der Glanz der Schöpfungsfrühe,
Hier atmet purpurmundig,
Was Übel fern und Mühe,
Dem Lobe sich zu weihen
Die Engel harften, bliesen,
So harren Staffeleien
Des Flaums von Dresdner Wiesen.

Doch wo der Glaube schwächelt,
Der Scheffel grüßt den Schacher,
Nach der Gloriole hechelt
Der Prüfer wie der Macher,
Moskito-Bomber husten,
Nachdem die Stukas niesen,
Die Aviatoren wußten
Den Feind auf Dresdener Wiesen.

Das ist nicht bloß Geschichte,
Kein Rückfall in das Rüde,
Wie er die Kunst vernichte,
Der Teufel wird nicht müde,
Und seiner Diener Larven,
Die milden und die miesen,
Gescheiteste entwarfen
Auch auf den Dresdner Wiesen.

Denn auch im Holden, Heilen
Skorpione gibts und Zecken,
Seit wir mit Skepsis teilen
Das Land, muß nicht verstecken
Der Feind sich aller Schöne,
Des Hauchs von Paradiesen,
Drum kreisen Höllensöhne
Sogar auf Dresdner Wiesen.

Vers 48221 bis 48252:

Deutsch und frei

Nur wer eigen sich begründet,
Wird erfahrn als freier Mann,
Daß ein Friede sei verkündet
Ohne Willkür, ohne Bann.

Nur wer Eigenes zu hegen,
Liebend streitet oder wacht,
Spürt im Dunkel Gottes Segen,
Sei es hundert Jahre Nacht.

Wer sein Eigentum im Volke
Sieht gegeben und bewahrt,
Wandelt frei wie Wind und Wolke
In gemeßner Eigenart.

Darum soll allein, was eigen,
Uns befrieden und befrein,
Alles übrige soll schweigen
Wenn wir uns dem Ernste weihn.

Eigen sind die Mutterlaute,
Eigen ist der Väter Mut,
Was der Herr am Abend schaute
Und befriedete als gut.

Manches Volk ist ausgestorben,
Doch wer deutsche Lieder singt,
Rettet, was die Zeit erworben
Und der Frühling wiederbringt.

Und im Herrn wird uns zum Heile
Recht und auch Gerechtigkeit,
Ohne Hast und ohne Eile,
Denn ein Irrtum ist die Zeit.

Keiner frage, ob es lohne,
Wenn man keinen König kürt,
Golden bleibt die deutsche Krone,
Weil der Herr uns dennoch führt.

Vers 48253 bis 48300:

Iphigenie auf Tauris

Kein Himmel spannt sich apollinisch lichter!
Hier netzt Poseidon Strand und Klippe wohlig.
Dies ist die Mark, wo ohne Wein der Dichter
In Zungen spricht und wandelt flügelsohlig.
Doch so viel Einklang ruft nach dem Vernichter,
Denn jedes Glück verbrieft sich doppelpolig,
Drum der du kommst, im Heitern sieh den Traurer,
Denn in Gewalt erfahren ist der Taurer.

Auch dir, dem Tod im Vaterhaus entronnen,
Soll blutig sein, was deine Hand vollbrächte,
Zwar ist ein Spruch dir günstiger gesonnen,
Doch ihn zu deuten fand sich nicht der Rechte.
Das Netz um dich ist viel zu fein gesponnen,
Daß eine Grobheit seine Maschen schwächte,
Und keine Waffe und kein Ränke-Schmieden
Erlöste je vom Fluch der Tantaliden.

Nur Reinheit im Erkennen und im Handeln,
Der Lüge fern und zwar an jeder Flanke,
Kann das Geschehn aus Mord und Rache wandeln,
Im Herzen heilen das im Herzen Kranke.
Die Wege breit, die das Gefild verschandeln,
Doch schmal der Grat, gefährlich jedem Wanke,
Der dich bestimmt dem Zeitenüberdaurer
Und Frieden bringt und Lebensglück dem Taurer.

Was dir gelungen, sei uns Leitstern heute,
Wo sich gestauter Groll erneut im Rasen
Entläd, daß bald ein jegliches zur Beute
Der Teufel wird, die hier den Marsch geblasen.
Wärs möglich, daß uns Feindschaft, eingebleute,
Erschiene wie ein Fön aus Seifenblasen?
Wärs möglich, daß ein Engel stieg hienieden
Und löste uns vom Fluch der Tantaliden?

Der Dunst am Meer macht unsre Sicht zur krummen,
Die Erde in der Hand macht uns beständig,
Der Gaukler läßt den Biedermann verstummen,
Und klüger scheint, wer listig tut und wendig.
Doch bloße Blender sind Milionensummen,
Das Wirkliche gewinnst du eigenhändig,
Drum sei nicht Schachfigur im Spiel der Maurer,
Denn nicht von weither kommt das Glück dem Taurer.

Hier, einzig hier löst sich der Knoten,
Nur wenn der Nachbar dir erscheint als Bruder,
Dann nimmt der wahre Feind auch seine Pfoten
Vom Tisch und die Vernunft ergreift das Ruder.
Was kümmert dich, wer wo wieviel geboten
Für Wert, der aus Entseelung stammt, aus kruder?
Es löse sich der Fluch der Tantaliden,
Und Tauris sei mit Land und Meer im Frieden!

Vers 48301 bis 48340:

U-Haft

Manch einer, der mit Spott das Schellenklicken
Dem Feinde wünscht, vermag nicht auszudenken,
Das vor, zurück und zag zur Seite Blicken,
Wenn kaum zu leugnen sich die Schatten senken.
Es spricht sich leicht vom ins Reale schicken,
Wenn anderswer von fintenreichen Ränken
Aus allem, was gewohnt und was verträglich,
Ins Dunkel fällt – undenkbar und unsäglich.

Wer aber seinem Mitmensch nur das Beste
Zutraut, wer Lerchen folgt in aller Mühe,
Wer leichthin streift durch Hütten und Paläste
Und meist beschämt sogar des Hahnes Frühe,
Wer nie sich aufhielt beim Hyänenfeste,
Bei Hexentrank und bei Kloakenbrühe,
Der muß bei solchem Sturze schier verzagen
Am ersten von – wer weiß wievielen – Tagen.

Nun ist viel Zeit, Vorzeichen aufzureihen,
Die Drohung, das Gerücht, das schiefe Grinsen,
Von draußen hört man manche Arbeit schreien,
Und so viel Hoffnung geht wohl in die Binsen.
Doch bleibts dabei: Wer auch die Häscher seien,
Ihr Erbteil ward zu einem Topf mit Linsen,
Denn was auf Trug und Bösheit ist gegründet,
Niemals in eine gute Sache mündet.

Auch wer nicht glaubt, daß ihn der Herrgott leite,
Weiß wohl, die Prüfung ist des Helden Krone,
Und blieben machtlos die an deiner Seite,
So hoffe nie, daß dich der Teufel schone.
Noch unverzagter deine Schwingen breite,
Und sei vergnügter noch in deinem Tone,
Denn Meister Eckhart meint es nicht bescheiden,
Wenn er denn sagt, vollkommen mach das Leiden.

So viele sehn Geschwätz im Dichterreime,
Ein Raunen, das nur Dürftigkeit verschleiert,
Sie meinen, daß der Narr in seinem Heime
Aus Weh und Ach ein Lied herunterleiert.
Doch wo die Seele frei dem Windeskeime,
Seis, daß ein Baum mit Laub und Blüten feiert,
Der endlich weiß, wer höheren Gewichtes:
Der Spruch des Geistes oder der Gerichtes.

Vers 48341 bis 48388:

Himmelszeichen

Seit alters tut die Himmelskunde nächtlich,
Und ihr Motiv ist für den Laien kryptisch,
Der Genesis ist all ihr Tun verächtlich,
Ob babylonisch oder auch ägyptisch.
Was aber spricht aus Wolkenweiß und Bläue?
Frag den Gevatter oder auch den Vetter!
Obs dich beleidigt oder auch erfreue,
Ein jed Geschöpf ist untertan dem Wetter.

Das deutsche Land ist reich an Wechselwinden,
Und Feld und Weide freun sich angemessen,
Daß Regenmann und Sonnenfrau sich finden
Und selten Pflicht und Regelmaß vergessen.
Doch ist des einen Lust des andern Wehe,
Der Mensch begehrt, was Gottes Engel münzten,
Und mancher hofft, daß er den Wind verstehe
Und daß die Wolke folge seinen Künsten.

Das Adleraug taugt keinem Promethiden,
Ob da Geschäum, Gebirg, ob da Geriefel,
Das Öl, zerstäubt, stellt Ungeduld zufrieden,
Der Windkanal schafft Siebenmeilenstiefel.
Doch Wolkenschäfchen lassen keine Locke,
Ob Pfeile sich auch bündeln zum Gewimmel,
Zu lächeln scheint die sanfte Himmelsglocke,
Zerkratzt die böse Lust den blauen Himmel.

Doch irgendwann sinds nicht nur kurze Streifen,
Die rasch sich lösen und den Zorn vergessen,
Zu Flocken und zuletzt zu Daunen reifen
Die ausgestoßnen und verteilten Blässen.
Die Jäger jagen nicht mehr nur nach Weite,
Sie kritzeln nicht nur fadenscheinig Zeichen,
Den Schöpfer selber fordern sie zum Streite,
Sie greifen in des Schicksalsrades Speichen.

Ob sie Baryt, ob sie Alaun versprühen,
Ob Ruß, Metall, ob Salz, ob Kautschukfäden,
Ob ihnen klar, warum sie sich bemühen,
Ob groß, ob klein die offenbaren Schäden,
Im Kern ist alles Unrat und Verbrechen,
Was immer sie beflügelt, es ist Frevel,
Der allem Volk die Augen auszustechen
Geschafft und Nasen blind gemacht für Schwefel.

So mögen alle meine Botschaft hören:
Titanen rütteln dreist am Himmelsjoche,
Ihr Bann soll das Lebendige zerstören,
Daß Künstlichkeit im toten Takte poche.
Drum kehret um, denn unser Herr, der Retter,
Er lehrte uns die Freiheit im Gebote,
Die Lügenmär, das Thermometer kletter,
Hingegegen taugt für Teufel und für Tote.

Vers 48389 bis 48436:

Zwischen den Jahren

Daß sich der Sänger selbst besingt,
Ermüdet, nimmt es überhand,
Doch welchem Geist er sich verdingt,
Ist gern dem Publikum bekannt.
Ich hab beackert manches Feld,
Hab manche harte Nuß geknackt,
Doch wies auch geht, in dieser Welt
Bleibt ohne Resonanz mein Takt.

Mag sein, daß sich der Nebel lös
Für eine Stund und Sonne schein,
Und was die Zeit verleumdet bös,
Soll nun der rechte Kompaß sein …
Ich werd Gott loben, aber nicht
Den Rühmer, der sich selber rühmt,
Wenn mein verfremdetes Gedicht
Den Garten aus Beton beblümt.

Ich hab so manches Mal geglaubt,
Es nehme wer den Staffelstab,
Der deutsche Geist erhöb das Haupt,
Doch selbst die Ehrfurcht vor dem Grab,
Fehlt denen, die geschichtslos tolln,
Und jene, die sich vätertreu
Verstehen, auch nichts anders wolln
Als Kinderspiele, täglich neu.

Vielleicht bin ich zu alt, um noch
Zu sehn, was in der Welt potent.
Ich weiß, daß das Besatzungsjoch
Uns einzig von der Einsicht trennt,
Daß niemand als die deutschen Leut
Ist schuld am deutschen Untergang.
Wer ist der Feind, den solches freut?
Wer wird verschont vom Abgesang?

Zwar seh im schlichteren Gemüt
Ich manches deutsche Wesen gehn,
Doch scheint die Hoffnung arg verfrüht,
Es könne Geist darauf entstehn.
Zudem ist auch der Bauernbub
Von Blend-Geräten so umstellt,
Daß früh sich die Gewohnheit grub,
Dies sei die Wirklichkeit der Welt.

Gott mag es wenden, doch die Kehr,
Sie müßte furchtbar gründlich sein,
Sonst kommt erneut das Übel her,
Sonst stürzt das Blendgewirk nicht ein.
Ich weiß nicht, wie das werden wird.
Ich bin da völlig ahnungslos.
Ich hör nur, wie die Sichel sirrt
Und alles mäht, was hehr und groß.

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