Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Der Seerosenritter

Rote Rosen, stolz und prächtig,
Blühen in der Gärten Rund,
Eine weiße wiegt sich nächtig,
Wurzelnd in der Welle Grund.

Ihre zarten bleichen Wangen
Färbte nie der Erde Lust,
Nur ein stilles Traumverlangen
Blieb das Sehnen ihrer Brust.

Gerne spräch sie mit den Sternen,
Aber wenn sie kaum erwacht,
Müssen jene sich entfernen,
Folgend ihrer Mutter Nacht.

Goldne Blätter wirft hernieder
Vom Gestad ein stolzer Baum,
Und sie hascht darnach, und wieder
War es nichts als nur ein Traum.

Denn das Laub, wie Purpur glühend,
Färbte nur der Herbst so rot,
Und sie selbst sinkt nun verblühend
Mit hinunter in den Tod.

– Lingg

Vers 3561 bis 3600:

Zueignung

Laß dich für eine ungewisse Frist
Vergessen machen, daß die Dichter lügen,
Und finde, so wie Kinder tun, Genügen
Im Wortspiel, dem der Tag abhanden ist.

Es ist ein Traum, der Liebe birgt und Haß,
Frag nicht, ob wir in andere erwachen,
Ob Weinen wirklich sei, ob Lust, ob Lachen,
Und ob es lohne, ob es schade, laß

Dich, bis das Leuchten deiner Stirn erlischt,
Der Zeit, die mit Verweilen kargt, entführen,
Und uns versteckspieln -- ob wir ihn erspüren,
Der uns die Lose wirft und wieder mischt?

Ach nimm, was ich dir bring und geben will,
Als sei es mehr, als Masken uns versprechen,
Und dürfe nicht des Tages Argwohn brechen,
Wie Blumen, die im hohen Grase still.

Zu ernten geh ich, was ich nicht gesät,
Und zügellos ist es, sich hinzugeben
Dem Gaukler, der die Flügel spreizt, zu schweben
Im Mittagslicht, das uns so rasch verrät.

Mag sein, daß, was sich ausspricht, schon verweht,
Die Ernte überdauert nur das Brache,
Das Glück hat kein Gedicht und keine Sprache,
Und immer nur die Klage ist beredt.

Nicht bring ich, was die Hoffnung bang erbat,
Ich bin in manchen Garten eingebrochen
Und wußte, hättest du den Duft gerochen,
Du hättest nicht gebilligt, was ich tat.

Nicht was mir mit dem Sommer sanft entglitt,
Was mein, ist allen Jahreszeiten früher,
Und böse Räusche bergen diese Blüher
Der Unschuld, die sie morgen schon zertritt.

Wie kann ich töten, was mir so verwandt,
Der Laune, die dich führen mag, verfallen,
Du hältst, was mir erhalten blieb von allen,
Weiß und zerreißbar leicht in deiner Hand.

Mag sein, auch dieses letzte Blatt verfällt,
Das Wort verblaßt und alle Dichter lügen,
Vielleicht ging dein Befehl, es so zu fügen
Im Traum, der jeden andern Blick verstellt.

Vers 3601 bis 3644:

Der Rote Hiel

I

Der Rote Hiel ist ein verwunschner Pfuhl
Im Plothner Hag, wo zwischen Damm und Kuhl
Auf hoher Warte schuf der Himmesfluß
Ein Märenreich für Röhricht, Star und Uhl.

Hier gab die Nymphe dir den ersten Kuß,
Hier träumtest du bei Eich und Haselnuß,
Hier sprach der Lieb das rote Ahornblatt,
Daß einst sie hold ans Ufer schwimmen muß.

Die Seeros war dein Stern an dieser Statt,
Du sahst dich nie an ihrer Schönheit satt,
Sie sprach, doch für die Mär von Reich und Rex
Warst du zu schmal, das Knabenkinn zu glatt.

Gefahr war dir bewußt, vor Schlinggewächs,
Reißfesten Stengeln, die wie Nix und Hex
Den Frevler überstelln dem Höllenhund,
Warst du gewarnt am Tag des Taucherschrecks.

Doch blieb dir dieses Aug auf blauem Grund
Wo Schweigen Schweigen nah ein schmaler Sund,
Und lieb war dir im feinen Schlick Gesuhl,
Wo alles dich verließ, was streng und wund.

II

Sie steht bei Tage schwarz und weiß bei Nacht
Am Hiel und sie bewegt sich nicht, sie wacht.
Und ihr Gewand, im Wechsel schwarz und weiß,
Hat deiner Worte nicht, noch deiner Willkür acht.

Sie lockt die Buben nicht auf morsches Eis,
Sie gibt den Schwimmer keinem Strudel preis,
Kein Schloß, das sie dem armen Mann verspricht,
Kein Hunger, den sie stillt mit Trank und Speis.

Ob ihr Gewand von Seide sei, ob schlicht,
Man wagt sie kaum zu sehn, zu denken nicht,
Sie wartet, doch worauf? in weiß, in schwarz
Sind Gram und Liebe eins im Angesicht.

Ihr Dasein ein Geheimnis birgt, sie wahrts
In einer Geste von erstarrtem Harz,
Ob sich ihr Schicksal je entscheid und ründ,
Vergaßen Quell und Wasserspiegels Quarz.

Ob hier die Kunigund von Orlamünd
Als Schatten ihrer Kindermorde stünd?
Doch trät auch der Geliebte in den Kreis,
Daß er Vergebung und Erlösung künd,

Sie achtete kein Schwert voll Blut und Schweiß
Und nicht das Lied, das sie verwunschen, leis,
Auch nicht den Fall der Hohenzollern-Macht,
Denn sie besteht allein in Schwarz und Weiß.

Vers 3645 bis 3720:

Am Kreuzweg

I

Die sind die bleichen Gewalten,
Launen von Qualle und Quarz,
Die sich im Kreis der Gestalten
Immer wie Brücken verhalten,
Stygische, vierfach und schwarz.

Wo Hyakinthos zu bluten
Anhebt in schwindender Zeit
Und dich Gesichte befluten,
Darfst du nur dunkel vermuten,
Welches der Worte befreit.

Und du begreift, daß die Toten
Nah dir sich sammeln zum Fest,
Wo ihre Scheite verlohten,
Wird dir die Kreuzung zum Knoten,
Bannwald, der keinen entläßt.

Magische Worte, Machandel,
Morchel, Medusenhaupt, Moor ...
Und im Aroma der Mandel
Wandlerin, selbst ohne Wandel,
Schickt ihre Hundsbestien vor.

Wer, unter Menschen geboren,
Hielte sich mannhaft und frei?
Schierling und Eiter vergoren
Schlangenbewacht in Amphoren
Brennkraut und brodelnden Brei.

Aber die jagdliche Lanze
Aus dem Verdunkelten dringt,
Wo eine spätere ganze
Weisheit im reiferen Tanze
Palme zu Delos besingt.

Was ihre Heiligkeit gerbte,
Wermut, Zypresse und Pfeil,
Siegt über Rachsucht-verderbte
Künste, die Wundfieber färbte,
Daß dir das Augenlicht heil.

Erbin der mondnen Mysterien
Schirmt sie Geburten und Jagd,
Weiß sich die Sonne in Ferien,
Mischt sie den Gaukler zu Serien,
Bis er die Seerose sagt.

II

Viele Namen trägt die Silberleuchte,
Die sich ründet, schlankt, versteckt und füllt,
Sie gemahnt ans Gärende, ans Feuchte,
Das den Geist in Mohn und Moder hüllt.

Was in Rudeln jagt, ist ihr verschworen,
Ihre Bleiche macht die Welt dual,
Unerbittlich sind die Mittnacht-Foren,
Da nur Freund und Feind erkennt die Wahl.

Als der Mann die Sonnenstadt erbaute,
Blieb dem Weib der Ring von Keim und Tod,
Da es seiner Führerschaft vertraute,
Zog in Tann und Ried das Ährenbrot.

Aber die Kultur ist eine Decke,
Die ein Windstoß schon zusammenrollt,
Mit dem Sonnentage schweigt der Recke,
Wenn Verstoßnes mit Verdrängtem tollt.

Frühe Namen heißen Gier und Schlächter,
Offen strömen Blut und Lustgeschrei,
Später wird geheimnisvoll der Wächter,
Stumm und fährlich wie der weiße Hai.

Und am Kreuzweg wird die Glut zum Zeichen,
Wenn das Schicksal gähnt und nichts verspricht,
Macht und Mantel sich im Schrecken gleichen
Und das Kraut erwacht im Silberlicht.

Blust und Same horten Heil und Gifte,
Richter, die nach Stunde, Feuchte, Stand
Urteiln, wer die Zaubergärten stifte,
Wen der Styx in Finsternisse bannt.

Tiefer wird die Nacht, wo brackig Wasser
Laub und Rohr vermischt mit Kot und Aas,
Wird die Schwärze schwankender und krasser,
Leuchtet auch der Blust im Göttermaß.

Seeros heißt das Auge dir im Weiher,
Aber du, an Sorge reich und Pflicht,
Bleibst im Vorhof dieser Königsfeier,
Deine Stunde kam bisher noch nicht.

Vers 3721 bis 3776:

Seerosen

I

In seichte Wasser seine Kiesel glitten
Und kräuselten die Sommernachmittage,
Das mürbe Schilf und Wind mit sanfter Klage
Umwiegten ihn und sein Gesicht inmitten

Der Kreise, die in gleicher Weise bitten,
Daß ihre Herrin aus verwunschner Sage
Mit Glanz und Anmut aus dem Weiher rage,
Daß sie nicht länger seine Willkür litten.

Und fröstelnd eines Flügelschlages inne,
Schaut er der gleichen Welle Wiederkehr
Und wie sie schmeichelt und bezwingt: zerrinne!

Doch eine Welle trinkt die andre leer,
Und schleierlos zerwehn betäubte Sinne
Wie Blätter auf ein unberührtes Meer.

II

Sie spielen noch wie einst mit ihren Garnen,
Wenn sie dem Schläfer ihre Schönheit zeigen,
Ach Herz, du mußt dich immerfort verneigen,
Vergessen, was dich zweifeln ließ und warnen.

Wer wüßte schon, ob sie sich selber meinen,
Wenn sie uns von verwunschnen Wesen künden,
Von unbefriedet aufgebrochnen Schlünden,
Die sie der tiefen Dunkelheit vereinen?

Wer weiß von Seelen, da die Welt Gemüt
Und Anklang ward, ein todkrank süßer Schauer
Voll Sanftheit, die im Fieberwahn verglüht?

Doch der Erinnrung ahnndungsvolle Trauer
Bleibt dunkel, wenn die Königliche blüht
Durch ihrer Wasser spiegelblanke Mauer.

III

Die trocknen Blüten weißer oder blauer
Seerosen machen deinen Knaster fein,
So darfst du auch ein Lotophage sein
Und helln das Blut, das dunkel ward und sauer.

Im weißen Rauch reit Wind und Mähre ein,
Den Blust zu preisen, wird dein Spruch genauer.
Auf Lieder, die im Moder prunken lauer,
Nach Bildern, die wie Lotosfarben rein.

Sie bergen Kraft, die Herz und Augenweide
Vereint, daß unser Traum karfunkeln darf,
Der nicht mehr unterscheidet Erz und Seide.

Nicht mehr die Mutterbrust und Klingen scharf,
Nicht mehr den Schnitter und das Goldgetreide,
Nicht mehr die Schlacht und Minneleichs Geharf.

IV

Der hellste Blust wächst in der Todeskuhle,
Wo die Verwesung alles löscht und schlingt,
Was sonnenhaften Blick und Duft erringt,
Erhebt sich im Moraste und im Pfuhle.

Der Ritter, der nach Haus den Waisen bringt,
Gilt letzten Menschen als der Somnambule,
Weltnacht und Wolfzeit sind ihm Hort und Schule,
Bis er das Szepter in der Hofburg schwingt.

Ihm lausche in der Rose und im Schwane
Und ganz zuletzt noch im Geleucht im Sumpf,
Umstellt von Tod und weich umarmt vom Wahne.

Denn erst wenn alles trostlos dirbt und stumpf,
Entrollt der Heiler die Wacholder-Fahne
Und der April begrünt den Eichenstumpf.

Vers 3777 bis 3800:

Antinoe

Seeros, rot, die Herodot
Früh beschrieb, die Hadrian,
Der am Nil den Leuen zwang,
Wuchs im Blut des Wüstenherrn,
Die Benamung folgt dem Gott,
Der ertrank bei schwankem Kahn,
Dessen Schönheit Untergang
Folgt auch dieser Blütenstern.

Seeros, Grundstein für die Stadt,
Dem Bithynier Grabesmal,
Gottes Trauer hat den Nil
Solcherart mit Huld beschenkt,
Daß noch heut Gesichte hat,
Wer sich wagt in dieses Tal,
Drein mit unbestimmtem Ziel
Sich das Gold des Abends senkt.

Seeros, Wappen für den Schild,
Aller die auf Hadrian
Baun in Streit und Opferhain
Wie die Blüte weiß und rot.
Seeros, Lichtes Ebenbild,
Minneglück und Minnewahn,
Drin des wahren Reiches Stein
Wartet auf das Schwanenboot.

Vers 3801 bis 3941:

Die Burg der Gefahren

I

Nimm das zerbrochene Schwert,
Frag nicht, ob Taten dich achten
Oder der Gott, dem sich schlachten,
Andere Waffen begehrt.

Heische nicht Rüstung und Pferd,
Rühre die Erde mit sachten
Schritten, von blau überdachten
Lüften mit Sanftmut versehrt.

Dein sind nicht Heimkunft und Herd,
Ruhm und Triumph nicht dein Trachten,
Wenn sie die Blutgrube schachten,
Wahr dein zerbrochenes Schwert.

Ares, der fortgeht und kehrt,
Wird dich mit Blindheit umnachten,
Wenn seine Jünger verschmachten,
Wirst du mit Bronze geehrt.

Er, der mit Flammen verzehrt,
Will, wenn die Sturmwind-Entfachten
Leiber und Landschaft verlachten,
Dich mit zerbrochenem Schwert.

Die im Getümmel durchspeert,
Werden dein Auge befrachten
Und dein Alleinbleiben pachten
Sprachlos und nackt und bewehrt.

Blut, das dich bannt und ernährt,
Dem die Gestalten entwachten,
Das die Jahrhunderte brachten,
Das dir die Väter vermachten,
Rinnt vom zerbrochenen Schwert.

II

Laß Schild und Schar
Und stell dich bloß,
Denn die Gefahr
Ist wappenlos,
Die Erde brich
Mit Kreuz und Pflug,
Die Burg, wenn dich
Die Lilie trug.

Der Richtung bar,
Müh Meer und Land,
Denn die Gefahr
Ist unbekannt
Und auch, woher,
Wohin er ging,
Der Ritter, der
Die Otter fing.

Die Pfeile spar
Und folg dem Stern,
Denn die Gefahr
Ist sagenfern,
Doch faß den Speer
Und tu genug
Der Burg, wenn er
Die Lilie trug.

Kein Hochaltar
Bekränz den Bund,
Denn die Gefahr
Ist ohne Grund,
Aus Laub und Lehm
Dein Lied erkling
Dem Ritter, dem
Die Otter fing.

Vergiß, was war,
Ob hehr, ob schlicht,
Denn die Gefahr
Vergleicht sich nicht,
Die Burg bewein
Im Funkenflug,
Wenn sich allein
Die Lilie trug.

Dann bring dich dar,
Im Ginster ruh,
Denn die Gefahr
Bist einzig du,
Legenden gehn
Im Ried, im Ring
Vom Ritter, den
Die Otter fing.

III

Der Gott, der dein Walten
Geträumt auf der Fahrt,
Da Lethe zu kalten
Kristallwäldern ward,
Zu eisigen Grotten,
Der Sonne unfroh,
Wird wieder vergotten,
Was nachthin entfloh.

Er stieß seine Lanze
In morsches Geblink,
Er setzte das Ganze,
Unherrlich und link,
Er bot sein Gedächtnis
Der Schmelze zum Raub
Und ließ sein Vermächtnis
Dem fragenden Staub.

Was ließ sein Versinken
Im irrenden Hall
Des Stoßes, welch Winken
Verbirgt sich im Fall?
Er hat nichts verraten,
Er hat nur geruht,
Er braucht keine Taten,
Er braucht keinen Mut.

Er fragt nicht, zu fragen
Beginnt sein Gedicht,
Gesponnen aus Tagen
Von Schatten und Licht,
Aus Rufen und Schweigen
Im rieselnden Sand,
Mit Stolz und Verneigen
An Erde gebannt.

Sag, träumend Geträumter
Und selber die Sphinx,
Sind Lebens Verleumder
Gespiegelt wir rings?
Wird Schlaf aus Erwachen,
Ist Wachen Schlafs Frucht?
Und werden wir lachen
Am Ende der Flucht?

Wo werden wir walten?
Des Sommers Geheiß
Versuchte die alten
See-Götter in Weiß,
Uns, wälderwärts wärmer,
Hat keiner entdeckt,
Da mindere Schwärmer
Die Doppelaxt schreckt.

Und bot uns die Schlange
Im prunkenden Herbst
So unendlich lange
Die Spur, die du färbst

Mit ihren Metallen
Und all deinem Blut,
Mit Träumen, mit allen,
Ob schrecklich, ob gut?

Nicht wirst du es sagen,
Der Gott ist erwacht,
Es hat ihn verschlagen
In tiefere Nacht,
Die Lanze zu wahren,
Im Glanz, den er trinkt,
Die Burg der Gefahren,
Aus der er dich winkt.

Vers 3942 bis 3989:

Herbst in Kornwall

Nach A. C. Swinburne

Das Jahr liegt welk und verschlissen
Auf Klippen, von Wolken zerrissen,
Von schmähenden Stürmen zerbissen,
Befochten von Wogen-Gewalt,
Als Inland, und daß es nicht blühe
Und taub sei und Höhn jeder Mühe,
Das Clairon von Abend und Frühe
Im Südwest-Winde erschallt.

Die Wildkräuter dorren und schwinden,
Die Sturmböen beugen und schinden
Die grauen in wechselnden Winden,
Die Regen wie Sonne verriet,
Und Himmel, die grimm überschäumen
Mit Formen aus düsteren Träumen,
Als ob sich, die Bühne zu räumen,
Das Jahr bürg, lang eh es verschied.

Bezeugend die Wunder, die waren,
Tintagel die Donner entfahren,
Die Zeichen, die schlagen und scharen
Die Fröste der Felder vom Wind,
Trompetenstoß, heller geblasen
Als jener vom blutigen Rasen,
Wo wehrhafte Männer sich maßen
Und fielen, im Kampfesrausch blind.

Aus schwärzrer Behausung von Schrecken
Solch Zeichen von Weh sich entrecken,
Durch äußerste Finsternis wecken
Sie Furcht, einem Sänger bestimmt:
Welch Seelen der Sonne entsanken,
Welch Lieben, verlorene, wanken
In Schreien, die schweben und schwanken
Im Sterblichen, der sie vernimmt.

Wo Hektors Bruder, manch tausend
Noch weitere, gramvoll und grausend
Der Mutter, wie Dante sagt, hausend
Im Pfuhl, drei das Urteil sie schlug,
Gekettet, weil sie ihn nicht ehrten,
Vielleicht, weil sie keines begehrten,
Isolde und Tristan sich wehrten
Der Tränen, sich einzig genug.

Nach Norden empört sich der schlimme,
Gestoßene Schrei einer Stimme,
Die weiß in unsterblichem Grimme,
Wie Leben sich aufrecht besteh,
Das Herz eines Jahres, das offen,
Zu wund, noch Genesung zu hoffen,
Vom Dorn der Gedanken getroffen,
Zerbrach mit der brechenden See.

Vers 3990 bis 4085:

Die Steilküste

Hier enden die Pfade,
Und wer sie betrat,
Benennt die Gestade
Fahrwohl und Verrat,
Hier sinne nicht Walter
Auf Hoffnung und Glück,
Die See ohne Alter
Nimmt alles zurück.

Hier birst der basaltne
Und eherne Turm,
Und alles erhaltne
Sind Woge und Sturm,
Hier gibt es nur heute,
Einst war und einst sei
Sind Traumschutt und Beute
Im tosenden Brei.

Bei Sträuchern, entlaubten,
Bei Möwengekrächz
Den Traum zu behaupten
Des Menschengeschlechts,
Erfährt den von Schauern
Gegerbten Altar
Ur-Taumeln, Ur-Trauern
Mit rotblondem Haar.

Wer stand auf den Klippen?
Sind Sturzflut uns Kamm
Den schwellenden Lippen
Nun Heimstatt und Hamm?
Und führte die Welle
Das stürzende Tor
Stromaufwärts zur Quelle,
Die allem zuvor?

Bei ihren Geräuschen
Noch schlummert April,
Die Tage zu täuschen,
Die sein, ob er will,
Ob er sich ermanne
In Forst und Revier,
Ob weiter im Tanne
Der Winter regier.

Er mag sich noch zieren,
Er mag seinen Traum
Erst später verlieren,
Die See rührt es kaum,
Hier wird keine Wende
Dem Schicksal, Bestand
Der Front nicht, kein Ende
Der Not, die sie bannt.

Wer hierhin sich fügte,
Macht niemandem kund,
Welch Gott ihm genügte,
Welch Liebwort dem Mund

Im schallenden Lachen,
Im Weinen entflieht
Und ob ihm zum Drachen
Die Schlange geriet.

Der Pfad brach, die Gerte,
Und keiner mehr weiß,
Woher seine Fährte,
Wohin sein Geheiß,
Er ließ keine Zeichen,
Er war nur ein Traum,
Sein Werden, sein Weichen
Bleibt spurlos im Raum.

Kein Lenz ihn entfaltet,
Kein Herbst schickt ihn heim,
Die Schaumkrone waltet
Im eigenen Reim,
Wer sie und das Wehen
Des Westwinds gefreit,
Sein Kommen, sein Gehen
Nicht achtet die Zeit.

Hier sind selbst die Pforten
Des Traums, Truhe, Schrein,
Gelöscht, Welle, Worten
Abhold, wiegt sie ein
Zu Wellen-Verwandten,
Einander so fremd
Wie Sand allen Sanden,
Die See angeschwemmt.

Sie funkeln und gären,
Doch tiefern gewinnst
Aus keinem, sie nähren
Kein Pforten-Gespinst,
Sie sind sich verfallen
Wie, weltabgekehrt,
Ein Gott, der sich allen
Selbstherrlich verwehrt.

Hier enden die Pfade,
Doch wer sie beging,
Verläßt ihre Gnade
Und schmiedet den Ring:
Die Waage, die Welle,
Die türmt und vertut,
Das Tor an der Quelle
Und Sturz in die Flut.

Vers 4086 bis 4133:

Tintagel

Herrisch ragt an Kornwalls Küste,
Fels und Mauer überm Meer,
Thronend über solcher Rüste,
Wird Verteidigung nicht schwer.
Man erzählt, daß Merlin magisch
Uther Herzogs Aussah gab,
Daß er hasche wenig tragisch
Gattin, Feste, Krone, Stab.

Da du wählst die Felsenstiege,
Weißt du wohl, daß Artus nicht
Einst gezeugt in dieser Riege,
Die sich labt an seinem Licht,
Doch die echten Zeugen findet
Niemand mehr im Trümmerstaub,
Drum sei Spätres, das verbindet,
Hehr vor Sturm und Flammenraub.

Wogen schlagen an die Klippen,
Schaum bespritzt dein Baumwollhemd,
Riesen taugen solche Rippen,
Drein sich manch Legende schwemmt,
Über Wunder, über Zeichen
Richtet nicht der Chronolog,
In der Weltgeschichte Speichen
Greift der Ebbe Taumelsog.

Taumeln läßt dich bald die Höhe,
Wo die Stufen kurz und glatt,
Und du fühlst dich in der Böe
Wehrlos wie ein Ahornblatt,
Doch du dringst in die Ruine,
Drin die Sage sichtbar wirkt,
Und als nie erschöpfte Mine
Deinen Liedern Silber birgt.

Das Geleit des Vaterlosen,
Den ein Incubus gezeugt,
Hättst du gern auf diesen Moosen,
Draus der Kult der Kelten äugt,
Denn als Barde und Druide
Greift er tiefer in den Quell,
Wo im späten Klosterliede
Ließ die Fruchtkraft der Triskell.

Aber wie die Sonnenhelle
Reißt die Wolkenmauer auf,
Stehst du selbst an seiner Stelle,
Spürst am Gurt den Bronzeknauf,
Weiter spannst du Reim und Bogen,
Als dem Reiseführer schien,
Und vom Schwane hergezogen,
Pflanzt die Eiche Lohengrin.

Vers 4134 bis 4173:

Camelot

Der Frühtag walisischer Sagen,
Der Kelten und Römer betaut,
Hat mächtig im felsigen Hagen,
Die Krone der Questen erbaut,
Gelang dir das Holde und Hehre,
So tritt vor den König und Gott,
Karfunkelnd mit Würde und Ehre,
Im Rittersaal von Camelot.

Hier wirkte die herrliche Runde,
Die tafelt mit Minne und Schwert,
Besungen aus edelstem Munde,
Und aller Gedichtkreise wert,
Sie zog nach dem Blut, das im Grale
Gewahrt von Gebräm und Gerott,
Die Blauaugen preisen die Schale
Im Rittersaal von Camelot.

Dann fiel mit dem König das Lehen,
Die Feste geriet in Verfall.
Die Seewinde schinden und wehen
Die Schriften aus Mauer und Wall,
Nur Lieder und Mären bewahren
Die Weltstunde über dem Trott
Der Einfalt und was wir erfahren
Im Rittersaal von Camelot.

Hier ist die Historie umschlungen
Von Träumen, der Weltschöpfung nah,
Hier ward eine Einheit errungen
Von Urschmerz und Heils-Omega,
Hier ruht ein gewaltiger Segen,
Und Rüste für Lug und Komplott,
Du pilgerst auf Gnadenreich-Wegen
Im Rittersaal von Camelot.

Du suchst in Geröll und Archiven
Nach Namen, nach Taten und Quest,
Im Strudel, im Schrägen, im Schiefen
Halt nicht das Beglaubigte fest.
Entsage dem Reimlaut-Getrennten
Und räume von Borden den Schrott,
Dann strahlt aus den Blut-Pergamenten
Der Rittersaal von Camelot.

Vers 4174 bis 4197:

Glatisant

Gepolter und Gebell verrät
Dem müden Reiter Glatisant,
Wer nicht mehr weiß, wie früh, wie spät,
Der wird von solchem Lärm berannt.

Ein Schlangenkopf am Leopard,
Ein Leuenschwanz und Hirsches Huf,
Das Tier, das Zoologen narrt,
Beweist sich durch den Kläffer-Ruf.

Nur wenn es trinkt am kühlen See,
Schweigt das Gekeif in seinem Leib,
Du jagst es durch Geblüh und Schnee,
Doch ist dein Mühn nur Zeitvertreib.

Kein Jäger je das Wild gewann,
Daß sich verbirgt und jäh das Pferd
Erschreckt und jede List ersann,
Daß, was du tust, zuletzt verkehrt.

Doch ists gewiß kein arger Schelm,
Da Pedrag starb, da weint es gar,
Es strafft dem Ritter Brust und Helm,
Der ziellos ohne Queste war.

So hat es Gott der Welt geschenkt,
Daß es uns sporn zu Tat und Fahr,
Und weil es kein Verfolger fängt,
So spornt es uns auf immerdar.

Vers 4198 bis 4253:

Excalibur

I

Hartscharte, Wappen, Panzerschild,
Siegrune, Eiche, Mistelzweig,
Der Träger als der König gilt,
Das Nahn als Gottes Fingerzeig.

Da Merlin es in Felsen rammt,
Versucht sich mancher edle Sproß,
Doch nur wer aus der Vorwelt stammt,
Gewinnt das Erz und so den Troß.

Wenn es der Feind im Kampf zerschlug,
So reit hinab zu Sumpf und Moor,
Wie Schlick und Schlamm die Rose trug,
So reicht es eine Hand hervor.

So fügt sich zu dem Rosenschild
Das hehrste Schwert als Nymphengift,
Als Held auf Berg und Feste gilt,
Wer früh im Ried die Ahnen trifft.

Im Rittertum ist Christi Licht
Als Blüte eins mit Schleim und Brei,
Und wenn ein Streiter strahlend ficht,
So sind die Toten stets dabei.

II

Fast ein Jahrtausend galt dem Lied
Ein König über allen hehr,
Die Runde seiner Tafel zieht
Sich als Karfunkel durch die Mär.

Ein Rittertum, das Gott gefällt,
Bemißt sich ganz an seiner Kraft,
Sein Glanz und sein Erfolg verstellt
Mancher Geschlechter Leidenschaft.

Da Lanzelot und Parzival
Mit Galahad, Gawain und Bors,
Dem König dienten, schien der Gral
Als Heil des unverschloßnen Tors.

Doch dieser Blüte Rosenglanz,
Die Stärken bündelt, wild und frei,
Macht nur die Unbedingtheit ganz,
Daß Artus rechter König sei.

Dies macht allein nicht Mut und Schwung,
Nicht Weisheit und kein Bardenlied,
Das Zeichen, das die Dämmerung
Der Toten gab, die Wahl beschied.

Daß ihm das Schwert aus Schmand und Schlick
Gereicht als Seeros, lichtumblitzt,
Bannt jeden Ritters Sonnenblick,
Bis er von ihm das Lehn besitzt.

So ist die Seeros Gottes Wink,
Daß jeder Edle schwör und folg,
Drum morgenfrüh am Ufer trink,
Auf daß sich licht die Nebelkwolk.

Wir sind versprengt, des Fürsten bar,
Wie die Titanen unterm Joch,
Doch einmal wird der Himmel klar,
Und unsre Stunde zeigt sich noch.

So üb das Aug und reim das Lied
Für Keltenkreuz und Treueschwur
Bis eine Nymphe aus dem Ried
Reicht dir das Schwert Excalibur.

Vers 4254 bis 4317:

Merlin

Schlüssel für Artus und Queste,
Quecksilbrig schlanker Merkur,
Ob in der Schlacht, auf dem Feste,
Beischlaf und harter Tortur,
Immer vorm Abgrund ein Quentchen,
Gleichwohl schon wieder in Hast,
Reicht dir der Barde das Händchen,
Und schon vermißt du den Gast.

Was einst die Kelten gewesen,
Eint er im schütteren Haupt,
Was er gesagt, kann man lesen,
Aber nicht was er geglaubt,
Zwischen Druiden und Christen
Seiltanzt der Narr auf der Zinn,
Und nach unmöglichen Fristen
Hat sein Besuch wieder Sinn.

Dunkel sind alle Propheten,
Meistens und eigentlich stets
Wurde der Rat nicht erbeten,
Aber nicht ohne ihn gehts,
Daß er ein eigener Lenker,
Und ein Geheimnis sein Plan,
Sagen mal froher, mal kränker,
Alle, die jemals ihn sahn.

Zwischen Gefilden im Nebel
Und unserm Nebel aus Licht,
Reicht er die Wecker und Knebel
Und er verfehlt kein Gesicht,
Wo alle Weisheit am Ende,
Wo alle Zuversicht schwand,
Zeigt er sich geisterbehende
Und er verheißt uns das Land.

Niemand wird jemals in finden,
Spurlos der Magier entflog,
Ob er dich trifft an der Linden
Oder bei Schweinen am Trog,
Niemand weiß solches zu sagen,
Wenn ers dir selbst nicht verriet,
Aber in dunkelsten Tagen
Tritt er der Zeit ins Gebiet.

Was ihn veranlaßt zu kehren,
Sagt nicht, was immer er raunt,
Gold ist ihm Tand oder Ehren,
Nichts hat er jemals bestaunt,
Um das Geweb zu besticken,
Krudeste Pfade er nimmt,
Meint aber, alles zu schicken,
Wie es von jeher bestimmt.

Dies rührt an ältestes Raten,
Wenn sich doch alles entschied,
Wozu verlangt es die Taten
Schwerts und nach feierndem Lied,

Niemand löst je diesen Knoten,
Drum laß den Weisen in Ruh,
Fragst du, was ewig verboten,
Schnürt er ihn fester nur zu.

Mühe dich nicht, ihn zu stören,
Glaub nicht, daß je es gelingt,
Wollte er selbst dich erhören,
Nutzlos, was etwa er bringt,
Was er dir mag prophezeien,
Reimt dir nur bündig und knapp,
Was dir die Kolkraben schreien,
Lautstark vom Dache herab.

Vers 4318 bis 4337:

Galahad

Der Reine, der vom Makel frei,
Pfingstmorgens ward zum Hof gebracht,
Die Runde wußte gleich, dies sei
Der Mann, für den der Stuhl gemacht.

Erzogen ward er nun von Fraun,
Doch war in ihm der Vater stark,
Von Schwertern, die aus Steinen schaun,
Er seins ganz ohne Zögern barg.

Das Einhorn war sein Wappentier,
Er trug das Kreuz, das rot wie Blut,
Er kannte weder Neid noch Gier,
Weshalb er große Taten tut.

Er schritt auf Pfaden, die dem Ahn
Manch eine Leidenschaft verwehrt,
Doch lief auch anders seine Bahn,
Hat er den Vater tief verehrt.

Er starb gestillt auf Sarras dann
In Frieden mit der Welt und Gott,
Von seinen Lippen hörte man
Zuletzt den Namen Lanzelot.

Vers 4338 bis 4372:

Parzival

In Wolframs Buch vom Grale fahrn
Zwei Ritter nach der höchsten Quest,
Daß beide höchst verschieden warn
Und dieses täglich offenbarn,
Sich ärger gar nicht zeigen läßt.

Gawain kennt Takt und Höflichkeit,
Die Riten auch der Religion,
Er zeigt Geduld in Huld und Streit,
Doch Parzival ist davon weit
Und gilt als großer Torheit Sohn.

Gawain versteht den Ernst, den Spaß,
Er weiß, wie man die Worte wägt,
Und Parzival sieht so den Has,
Der Unterschied von Zinn und Glas
Ist nichts, was ihm Gedanken trägt.

Doch alle Kunst und Müh verpufft,
Wenn Wege schlängeln wirr und krumm.
Was nützt die Ehr in schlechter Luft,
Und wenn ein armer Hund der Schuft,
Wird wer gerecht nicht froh darum.

Gott hat bestimmt, daß Parzival,
Der Narr, die Burg des Grals befrei,
Wenn dies mißlingt beim ersten Mal
Und fortsetzt sich des Königs Qual,
War Gottes Wille auch dabei.

Selbst daß er Gottes Gnade pön,
Ist not für das Erlösungsstück,
Nichts festhält, daß er sich gewöhn,
Und mißversteht, was gut und schön,
Hat teil, daß die Verheißung glück.

Gawain besteht die Prüfung oft,
Doch dorten wartet nicht der Gral,
Der andre handelt unverhofft,
Doch daß sich Heilands Blut verstofft,
Ist ausersehn nur Parzival.

Vers 4373 bis 4436:

Lanzelots Grab

Schon früh mischt sich zum Rittertume,
Dem mancher Dichter Glanz verlieh,
Zum Minneglück, zum Schlachtenruhme
Der Wunsch nach Bruch und Parodie,
Das Spiel mit Irrsinn und Grotesken,
Mit dem Absurden und dem Spleen,
Verschafft dem Ehebrecher Fresken
Mit der nur lind verhüllten Queen.

Berüchtigt ist der schöne Knabe,
Der mannbar ward zu Avalon,
Von Fährnis sprach ein alter Rabe,
Das Kind verstand die Lust davon,
Die Suche nach des Heilands Wunde
Verheißt ihm Urlaub, Sport und Kur,
Und ein Spaziergang ist die Stunde
Des Schmiedes von Excalibur.

Hart ward ihm eine Burg zu brechen,
Doch härter ward, was er gewann,
Zwar mancher meint, in See zu stechen,
Käms nicht auf Ziel und Beute an,
Nicht, daß er Gold und Silber hole,
Zerbrach er Wall und Zinnenwehr,
Doch ist der Sieg die Nekropole,
So wird der Mut gar manchem schwer.

Hier liegt der Toten Kapitale
Mit Gräbern, Grüften, Schrift und Stein,
Hier füllt entfleuchter Seelen Schale
Das Schädelhaus im Abendschein,
Hier sind die Ritter, Knappen, Weiber,
Des Odems bar Reliquienschatz,
Hier deckt den Knochenbau der Leiber
Ein Marmorblock mit Goldbesatz.

Und der mit Macht die Ruhe störte,
Entdeckt im Lindenbaum-Geschatt
Den Namen, der ihm selbst gehörte
Und Grab und Todesdatum hat,
So einem Ziel der Kraftverschwendung
Begegnend, wächst ihm kein Begehr
Nach Seele und nach Pflichtvollendung,
Und er fährt fort wie vordem her.

Dies ist kein Akt in einem Stücke,
Das mit der Tat im Glauben wächst,
Hier trifft die Ignoranz die Tücke,
Die prophezeit mit Schau und Text,
Hier wird das Mittelalter mürbe,
Der Waise aus der Krone fiel,
Ob einer steh, ob einer stürbe,
Gilt gleich in diesem Schelmenspiel.

Da sich die Zwölfertafel rundet
Zum Kodex, der die Szenen faßt,
Wird schon ein Abgesang bekundet
Auf Reiche, die schon längst verpraßt,

Wir meinen noch im Heil zu schürfen,
Und sehn Kapitulantenwerk,
Wo wir von Artus lesen dürfen,
Versank die Riesenzeit im Zwerg.

Drum soll dir nicht aus Pergamenten
Das Mittelalter auferstehn,
Im Echo und im Gott-Getrennten
Kannst du das Reich nur wahnhaft sehn,
Drum streife froh durch Au und Anger
Und find den Herrn in Wind und Quell,
Stellt dich der Teufel an den Pranger,
So weißt du, daß dein Auge hell.

Vers 4437 bis 4520:

Der Seerosenritter

I

Als Solitär in Wappenschmuck und Stand
Gleicht er dem Auge am Verderbnis-Strand,
Hier retten nur der Dost und der Dorant
Vorm Lockruf und der Wassergeister Hand.

Die Nymphe, die aus Moor und Moder singt,
Sie äugt durch Zeit und Ewigkeit, beschwingt
Vom Aleph, das den Weltenanfang bringt
Und durch die Zeichen zu sich selber dringt.

Was er im Schilde führt durch Fahr und Lust,
Mischt er dem Knaster und im Rauch der Brust,
In ihm sind Tat und Schläfrigkeit bewußt,
Daß du nicht Mai und Julfest trennen mußt.

Dich macht kein Habitus zum Schwertgenoß
Des Ritters, der nicht Rat begehrt noch Troß,
Der hohe Ort mit Graben, Wall und Schloß
Ist wie ein Traum, der mit der Nacht zerfloß.

Doch wie zuende rechnet Platons Jahr
Wird mancher Himmel wolkenlos und klar,
Für seine Kunft sei du der Abend-Aar,
Daß gelte, was in Gott schon immer war.

Du schaust, wenn dich der Mittagsglast beschwert,
Den schweren Reiter auf dem schwarzen Pferd,
Doch dies bleibt nur Gesang, für ihn nicht wert,
Daß er als Gast in deinen Garten kehrt.

Er waltet sein im stillesten Gericht,
Er wägt, doch er verwirft das Leichte nicht.
Er ist der Schimmer, der Poseidon bricht,
Den Wellen Reim, darin die Natter spricht.

Noch liegt sein Stern von andrer Welt verdeckt,
Noch schweigt die Stunde, die sein Haupt erweckt,
Doch wenn die Häfen sein Gebieter schreckt,
Zerreißt der Horizont, der ihn verdeckt.

Ob Gnade fänd vor ihm das deutsche Land,
Das sich verlor und noch nicht wiederfand?
Als Solitär in Wappenschmuck und Stand
Gleicht er dem Auge am Verderbnis-Strand.

II

Lichtaug, umblaut,
Blust überm Sumpf,
Tränen-betaut
Rottet der Stumpf
Donars, von Wahn
Eisern gefällt,
Aber der Schwan
Rettet die Welt.

Wie einst vom Nord
Delos erschien,
Hütet der Hort
Glimmenden Kien,
Knaster-entflammt,
Schaust du das Meer,
Jegliches Amt
Kommt von dorther.

Seerosenblatt
Tröstet das Aug,
Bis das Geschatt
Weicht von Arnshaugk,
Bis uns die Bris
Blustarom-schwer
Thuleher blies
Den Solitär.

Frisch ist sein Schritt,
Froh ist sein Mut,
Führt er den Schnitt,
Zeigt sich kein Blut,
Pflanzenhaft grünt
Welt, der er reift,
Die er entsühnt,
Eh sie begreift.

Fest wie der Stiel
Unter dem Blust
Schenkt ihm das Ziel
Freude und Lust,
Da er gefeit,
Wird es ihm leicht,
Daß ihm die Zeit
Folge zur Beicht.

Trinke den Hauch
Seiner Gestalt,
So wie der Rauch
Pfeifen entwallt,
Wird seine Hand
Richten die Not,
Wenn dieses Land
Sichtet das Boot.

Vers 4521 bis 4808:

Die Seeschlange

Sag, Ritter und Rufer
Auf Suche und Fahrt,
Ob Nebel am Ufer
Dein Wappen bewahrt?
Du fandest zu Jahren,
Doch niemals das Tal,
Die Burg der Gefahren
Den heiligen Gral.

Der Frieden verbrauchte
Die Zwölfzahl, die Gunst,
Das Heiligtum tauchte
Ins Traumreich der Kunst,
Doch suchen, so bitter
Geschlagen, noch weit
Die fahrenden Ritter
Das Heil in der Zeit.

Du folgtest den Worten
Des Königs, des Herrn,
Er wies mit verdorrten
Gelenken den Stern,
Der Seerosenritter
Nur heile sein Herz,
Er zöge den Splitter
Von glühendem Erz.

Nicht deutet die Auren
Lombardisches Meer,
Nicht wissen die Mauren
Verlorenen Speer,
Von Gipfeln und Plätzen
Vertrieb dich das Wort,
Die Segel zu setzen
An Ibrahims Port.

Was Händler und Fürsten
Am indischen Strand
Erhoffen, erdürsten,
Erscheint dir als Tand,
Mit ihnen zu reisen,
Bereitet dir Pein,
Doch einer sang Weisen
Von Liebe und Wein.

Er sang dir von Tränken,
Dem Träumenden hold,
Von Pflanzen-Geschenken,
Begehrter als Gold,
Der Alte vom Berge
Den höchsten gewann,
Ihm wurde ein Scherge,
Wer kostet daran.

Was je die Legende
An Glück dir verhieß,
Die Lust ohne Ende,
Das Traum-Paradies

Gewannen Adepten,
Zur Rückkehr ins Tal
Erschlugen, verschleppten
Sie, wen er befahl.

Die Lieder, die Reime,
Verstanden nur kaum,
Sie wurden dir Keime
Für tieferen Traum,
In weiteren Fluten,
Im Wind, der dich striff,
Arabische Gluten
Entsanken dem Schiff.

Kein Felsen verriegelt,
Was sein wird und war,
Das Himmelsblau spiegelt
Sich rein offenbar,
Passat, der dich streichelt,
Gedankenentrückt,
Und Hoffnung, die schmeichelt,
Daß alles noch glückt.

Doch abends am Feuer
Sprach einer von Sturm,
Vom Seeungeheuer,
Dem mächtigen Wurm,
Erröteter Wange
Erhebt er das Wort
Vom Walten der Schlange
Im blaudunklen Hort.

Mit mächtigen Schleifen
Umschlang sie den Kahn,
Was lebt, zu ergreifen,
Die Mannschaft, im Wahn
Erstarrt und ertrunken
Im Strudel, im Schacht,
Im Schiff, das versunken
Zu ewiger Nacht.

Er donnert die Sagen,
Die Runde erbebt,
Und keiner wird fragen,
Wie er überlebt,
Die Narben gewähren,
Verbranntes Gesicht,
Die Mythen, die Mären
Bestreitest du nicht.

Du möchtest erzählen,
Wer du bist, was dein,
Die Traumhäute schälen,
Den Schleier, den Schein,
Doch dürftest du brechen
Die Eide von Stahl,
Du könntest nicht sprechen,
Nicht, wer ist der Gral.

Doch möglich, der andern
Erzählungen, alt,
Berichten dein Wandern,
Die Spiegelgestalt,

Vielleicht bist du keiner,
Der Meere befährt,
Der Suchenden einer,
Der nirgendwo währt.

Und bist du an Zielen
Zum Hiersein versucht,
So hast du die vielen
Zu Träumen verbucht,
Du deutest die Zeichen,
Du führst sie im Kreis,
Und wen sie erreichen,
Beschloß dein Geheiß.

Die Nächte gewinnen,
Die Sonne versinkt,
Nun sag, ist es innen,
Wo Jupiter blinkt?
Die Schaumkrone führte
Den babelschen Turm,
Und jedermann spürte
Das Beben im Sturm.

Die Wolken verhängen
Die Augen der Nacht,
Die Weiser, zu Längen
Und Breiten gedacht,
Die Fahrenden irren,
Der Zeichen entblößt,
In Rätseln, in wirren,
Die niemand mehr löst.

Und du, der so lange
Die Worte gespart,
Vermutest die Schlange
Als Kurs unsrer Fahrt.
Dir antworten Blicke
Und Kehlen, verdorrt,
Am besten, man schicke
Dich rasch über Bord.

Vielleicht sind die Tode
Dein ewiges Mal,
Verschieden nach Mode,
Geschmack, Ritual,
Der Wandel der Zeiten
Verändert den Sinn,
Den Tiger zu reiten
Nach nirgendwohin.

Der nächste Tag brachte
Die Sonne zurück,
Und jedermann lachte
Und weinte vor Glück,
Als ob sie sich brüste
Mit reichestem Lehn,
Indianische Küste
Lag, unweit zu sehn.

An Möwen verfüttert
Man Brot, lacht dabei,
Doch plötzlich erschüttert
Ein furchtbarer Schrei

Den Mittag: die Schlange!
Dann Schweigen im Boot,
Gebrochen und bange
Schaut jeder den Tod.

Und Lehnsherr und Knappe,
Was Augen hat, gafft,
Mit Herzen von Pappe,
Mit Gliedern, erschlafft,
Auf Kurven und Schleifen
In windstiller See,
Sie knurren und keifen,
Ein Wunder gescheh.

Ein Schnattern, ein Pfeifen,
Ein wildes Gemisch
Von Lauten, sie streifen
Die See mit Gezisch,
Dann wieder ein Kichern,
Und abtaucht das Braun,
Als wollt wer versichern,
Du seiest zu schaun.

Und wilder die Reifen
Der Kette sich drehn,
Die Wogen zu steifen,
Die Fahrenden sehn
Die Wasserfiguren
Urweltlich, urfrüh,
Ein Spiel und die Spuren
Aus Tanz und Gesprüh.

Die Schleifen, die Laute,
Die Wogen, der Schaum,
Sie sind dir vertraute
Aus kindlichem Traum,
Du bittest die Starren
Um Ruder und Boot,
Sie geben dem Narren
Und grüßen den Tod.

Mit leisesten Schlägen
Durchfurchst du die Flut,
Als wolltest du wägen,
Was unter dir ruht.
Doch wie du dem Reigen
Dich näherst, wird klar
Die See, und ein Schweigen
Verheimlicht, was war.

So gehst du zur Rüste
Auf winzigem Riff,
Die sichere Küste
Erreichte das Schiff,
Du hast sie verlassen
Und stellst dich allein,
Die Botschaft zu fassen,
Die Schale, den Stein.

Die Stunden verrinnen,
Die Sonne entsank,
Was außen, wird innen,
Was Groll war, wird Dank

Und Rauschen Gestotter
Und Pfeifen Gezisch,
Da reicht dir ein Otter
Dein Abendmahl: Fisch.

Er reckt sich in Würde,
Zeigt Silber im Pelz,
Die trennende Hürde
Verflog euch am Fels,
Du spürst seine Trauer,
Vertrautes Gelall,
Der Seewind wird rauher,
Verdunkelt das All.

Er schlägt auf die Schale
Der Muschel, sie platz,
Die Wunder bezahle
Mit kostbarem Schatz,
Du sollst ihn bewachen
In Tagen der Welt,
Bevor er dem Drachen
Am Ende verfällt.

Du ahndest den Schimmer,
Das schwache Geleucht,
Bevor dir für immer
Dein Ferge entfleucht,
Du trägst deine Perle
Durch Donner und Sturm
Zum Ufer, wo Kerle
Erzählen vom Wurm.

Und wie dir der Spender
Für immer verlorn,
Erhelln sich die Ränder
Des Urtraums, erkorn
Vom schlafenden Gotte
In silberner Furt,
Dem Mond in der Grotte
Bei deiner Geburt.

Der Otter, der Fänger
In Spiel und Gefahr,
Dir Traum-Wiedergänger,
Dir Totemtier war,
Er reichte den Kiesel,
Du trägst ihn am Hals
Und gleichst ihm als Wiesel
Im schäumenden Salz.

Du hast dich umrundet,
Du wohntest dir bei,
Der König, verwundert,
Zwar gab dich nicht frei,
Doch ob du ihn fändest,
Ob jemals das Tal,
Sorg er, denn du sendest
Den heiligen Gral.

Der Alte vom Berge
Nutzt Liebreiz und Lust,
Doch was dir dein Ferge
Im Herzen bewußt,

Birgt stärkere Tränke
Und schärfere Wehr
Als Zauber und Ränke,
Verlorener Speer.

Man wird dir erzählen
Vom Tod, der ihn griff,
Die Gralssucher wählen
Die Pferde, das Schiff,
Doch keiner sei Dritter
Dir, Himmel und Saal,
Dir, Seerosenritter,
Dir, heiliger Gral.

Vers 4809 bis 5088:

Arcana

Weltkinder sah ich ruhen
Gemächlich ganz und gar,
Sie waren doch auf Reisen
Und wurdens nicht gewahr.


ABU TAMMAM

I

Streif durch diesen Rätselgarten,
Der vereinigt Acht und Hut,
Und mit Ampeln und Standarten
Züchtet Witz und Spielermut.
Suche ihn in allen Karten,
Glaube nie, du mischtest gut!
Denn wie kannst du Sieg erwarten,
Den der Gaukler nicht vertut?
Schärfe Schwert und wetz die Scharten,
Er ist ganz von deinem Blut,
Und das Ziel, nach dem wir starten,
Birgt sein Stab, drin alles ruht.

II

Wenn die Zeichen sich verzweigen,
Tritt sie auf mit reinem Schoß,
Bis des Einhorns Minnereigen
Sie bezwingt im Waldesmoos.
Sieben Schleier sind ihr eigen,
Doppelkrone, selten bloß,
Will sie dir ihr Antlitz zeigen,
Schaust du nur dein eignes Los.
Sie bewacht das Himmelsschweigen
Und des dunklen Fährmanns Floß,
Doch du wirst sie einst besteigen
Und entführn mit sanftem Stoß.

III

Hörtest du im Laubicht raunen
Urgelall, der Sprache feind,
Hüll dein lichtes Kleid in braunen
Bast, der deinen Stolz verneint,
Die erwacht in dumpfen Daunen,
Muttermund, der müd erscheint,
Deutungslos sind ihre Launen,
Ihr entwuchs, was lacht und weint,
Und mit Quellen, Göttern, Faunen
Bist du ihrer Huld vereint,
Ihre Gnade zu bestaunen,
Ihren Zorn, der jäh versteint.

IV

Siehst du Schlangenadler kreisen,
Augen starr nach Osten spähn,
Übergib dem vierfach weisen
Sonnenheld und Souverän,
Was du mitgebracht an Eisen,
Klingen, die Geziefer mähn.
Ohne Waffen sollst du reisen,
Unheil nicht, noch Schmerzen sän,
Panzern werden seine Speisen
Deinen Leib und Wunden nähn,
Wenn sich in den Purpurschneisen
Stachellose Vipern blähn.

V

Segelst du vom Wall der Taten
Als Delphin zu fremdem Strand,
Schürf mit Zauber nicht und Spaten
Rotes Gold, das Drachen bannt,
Der dein Wappen längst erraten,
Dreizackträger, Hierophant,
Schätzt gering die reichen Staaten,
Hält, was sie beglückt, für Tand.
Was die andern nicht erbaten,
Schätze, die noch niemand fand,
Hortest du und nimmst dem Paten
Nur den Segen seiner Hand.

VI

Vorwärts kamst du manche Meilen
Hoch zu Roß in Huld und Streit,
Aber vor besternten Pfeilen
Bleibst du ewig ungefeit.
Sag, bei welcher willst du weilen,
Schlangenfrau und Lindenmaid?
Einer Rache magst enteilen,
Doch die andre, froh gefreit,
Sie wird nicht die Wunde heilen,
Achten Ehre nicht und Eid
Und den ärgern Schlag erteilen
Zu des Gottes Heiterkeit.

VII

Rühmt der Sänger dich im Hagen,
Sieger und den Göttern gleich,
Tilgtest du die Androphagen,
Und am Stymphalidenteich
Rodest du den Mannestagen
Lebensraum mit festem Deich.
Doch dem triumphalen Wagen
Über Feinden, schreckensbleich,
Mußt du doch zuletzt entsagen,
Wenn dich Alter lähmte, schleich
Ruhmlos, und vergeblich klagen
Fraun und dein zerstörtes Reich.

VIII

Zwischen Übermut und Trauern
Ziehst du eine Grenze nicht,
Götter schenken reich, doch lauern
Im Gewinn Verlust, Verzicht.
Was dich hebt in Wonneschauern,
Morgen femt und Schande spricht.
Wenn am Brett die schwarzen Bauern
Kontern, ist die Weisheit schlicht:
Beiderseits der Tempelmauern
Ist die Wahl zugleich die Pflicht,
Und der Mann wird aufrecht dauern,
Huldigt er dem Gleichgewicht.

IX

Deinen frühsten Traum ergründen,
Sucher, der durch Wüsten ritt,
Kannst in Ordnen, Gilden, Bünden
Nie, drum sei der Eremit.
Trenne dich von Pfand und Pfründen,
Klausner, der den Dienst-Habit
Und die Schuld erfundner Sünden
Für den Herrn der Welt erlitt.
Bei den Minotauren münden
Mantelschwarz mit sicherm Schritt
Fragen, wie die Sterne stünden,
Die dein Herz zur Haut erstritt.

X

Waltest du im zehnten Zeichen,
Sei die Sphinx, die dies bewacht,
Nutz die Masken, ihr zu gleichen,
Falkenschwinge, Löwentracht.
Sie allein greift in die Speichen,
Spinnerin von Pein und Pracht,
Und das Recht, dich auszustreichen,
Hat auch dir sie zugedacht.
Aber einmal noch entweichen,
Streiter, magst in stillster Schlacht,
Gehst du leicht und über Leichen,
Clown, der unter Tränen lacht.

XI

Furchtbar sind die Tilgerscharen,
Furchtlos und dem Stern getreu
Thront dein Augenlicht, das Aaren
Ansteht und dem Roten Leu.
Du wirst deine Waffen wahren,
Zärtlich sei die Hand und freu
Sich im Rachen der Gefahren
Wie die Schweifer im Gebläu.
Deine Stärke offenbaren
Götter, die dem Menschen scheu,
Gibst du dich mit Haut und Haaren,
Wacht iht Glanz, ihr Zeichen neu.

XII

Der dir sagt, du gehst zugrunde,
Dessen Speer dich nie verpaßt,
Trinkt genüßlich an der Wunde,
Die du weit geöffnet hast.
Aber deine Marterstunde
Schlingt allein nicht Fuß und Ast,
Sondern auch dem Baum zum Bunde,
Was du trägst wie er die Last.
Neunmal steigt der Mond, und Hunde
Jaulen dem gehängten Gast,
Bis die Rinde Runenkunde
Und den Sinn des Opfers faßt.

XIII

Würde dich Saturn verschonen,
Wärst du nicht der Herr und Held
Aller, die im Zwielicht wohnen,
Halm gmäht und Frucht zerspellt.
Sieh die königlichen Kronen
Und die Herrlichkeit der Welt
Mit den Häuptern der Gorgonen
Deinen Träumen zugesellt.
Aber du im Flug der Drohnen
Botst Gesang, der nie verfällt,
Dem das Herz der Dunkelzonen
Keine Macht entgegenstellt.

XIV

Deutest du die Vogelzüge,
Loht an deiner Stirn der Stern,
Schwinge, der du eigne Flüge
Dankst vor allen Zauberern,
Ruht, wenn du in Silberkrüge
Füllst das Öl vom Sonnenkern.
Demut birgt die sanfte Rüge,
Stolz der Dienst am höchsten Herrn,
Denn das Maß beschämt die Lüge,
Aber es verheimlicht gern,
Wie es sich am Ende füge,
Faßbar stets und ständig fern.

XV

Wurdest du zum Zeichensetzer,
Üb nicht Renegatenhatz,
Unbestechlich sei der Schätzer,
Patina von Bronze kratz.
Gib dem bibelfrommen Schwätzer
Nie in deinem Hause Platz,
Was am Fürsten er der Ketzer
Ächtet, ist Eunuchengnatz.
Der Versucher, der Verletzer
Spiele seinen Part im Satz,
Denn er wird zum Traumvernetzer,
Gönnst du ihm den Drachenschatz.

XVI

Wenn die Götter nicht mehr hören,
Speist die Quelle keinen Bach,
Doch im Übermaß zerstören
Blitz und Feuer Herd und Dach.
Sonne flieht in schwarzen Flören,
Schwefel macht die Herzen schwach,
Turm, bekrönt, in Donnerchören
Spielball, stürzt im Spottgelach.
Sag, wenn wir uns selbst verlören,
Wär es es schlimmres Ungemach,
Wenn der Wahn, der lind betören
Durfte, böt dem Geiste Schach?

XVII

Wies der weiße Stab der Eibe
Deiner Reise Weg und Ziel,
Auch die Beerenfrucht zerreibe
Sternbewacht mit Stumpf und Stiel.
Kommt Merkur, mit nacktem Leibe
Wasser schöpf aus Selsebil
Und mit Nix und Nymphen treibe
Neckerei und Liebesspiel.
Du hast viel von einem Weibe,
Und vom Manne viel zu viel,
Venus, Mars zusammenschreibe
Als Galionsfigur am Kiel.

XVIII

Wein, der süß von Edelfäulen,
Küßt der Pilze Blutgetropf,
Wo dein Kleid im Ruf der Eulen
Glich der Brut des Wiedehopf.
Die dein Herz verhirscht, im Heulen
Ihrer Doggen jagt, den Kopf
Nicht verlier, denn eh sie Keulen
Nutzt, faßt dich die Gier am Schopf.
Mondner Pfad durch Zwillingssäulen
Endet für den Krebs im Topf,
Aber du ziehst deine Beulen
Aus dem Sumpf am eignen Zopf.

XIX

Sei gegrüßt mit sanfter Brise,
Tief im Süden wuchs der Wind,
Prächtig thront der Flammenriese,
Sonntagssproß und Junikind,
Daß dich seine Gunst erkiese,
Danke dem, der stets gewinnt,
Minnegarten, Blumenwiese
Nur ein Blatt des Gauklers sind.
Wenn er morgen schon zerbliese
Glück, für allen Abschied blind,
Trag die Sonnenparadiese
Durch das Spiel, das neu beginnt.

XX

Ob die Opfer sie entrücken,
Weißt du nicht, und ob die Zahl
Ihrer Münder gleicht den Mücken,
Die der Dämmer schickt ins Tal.
Auferstehn nicht Mühn, die glücken,
Höher als Verdienst, Moral
Schönheit gilt, und jung entrücken
Götter, wen befiel die Wahl,
Der posaunt aus freien Stücken,
Sperber, Greif, Adon und Baal,
Wird maskiert die Unschuld pflücken,
Kelch und Knospe zwanzigmal.

XXI

Elemente, vier auf Erden,
Mischen sich zu Geist und Ding,
Engel grüßt mit Huldgebärden
Einhorn auf dem Siegelring.
Ritter nahn mit schwarzen Pferden,
Linde lädt zu Trunk und Thing.
Alles muß Verwandlung werden,
Daß die hohe Kunst geling.
Du, bekränzt, mußt stets gefährden,
Was ich geben will und bring,
Denn ich weih dir Haus und Herden
Und die Strophen, die ich sing.

XXII

Eh sie dich zu Grabe karren,
Andrer Narr die Geige führ,
Schließ das Buch, die goldnen Barren
Laß dem Volk, das Bündel schnür.
Götter halten dich zum Narren,
Menschen halten dich dafür,
Recht ist wohl ihr Rechtbeharren
Wie dem Zöllner die Gebühr.
Blauer Grund, gestürzter Sparren,
Dies dein Wappen, Fluch und Kür,
Nicht nach Menschen sollst du starren,
Weit, weit offen steht die Tür.

Vers 5089 bis 5136:

Der Haselstab-Eid

Entschlag dich der Suche
Auf Pfaden, verbrannt,
Und mache der Buche
Dein Leben bekannt,
Die Schwalbe, von Linden
Verstiegen, ist weit,
Die Götter zu binden
Im Haselstab-Eid.

Die Führer, die Rater
Der Rätsel zuhauf,
Sie wecken den Vater
Vom Tode nicht auf,
Er sang dir die Reise,
Von Ausfahrt und Streit,
Dir wurde die Weise
Zum Haselstab-Eid.

Die Schlange im Garten
Hat alles gezeigt,
Die Ahnen der Arten,
Was Mistel verschweigt,
Den Seerosenritter,
Des Weltenkinds Leid,
Alraune und bitter
Den Haselstab-Eid.

Die Stimmen der Raben
Erreichen dich nicht,
Und was in den Waben
Der Honig verspricht,
Im Sumpfblumen-Dotter
Verbirgt sich die Zeit,
Der trauernde Otter,
Der Haselstab-Eid.

Die Eichen, die Kronen,
Von Stürmen gezaust,
Wer mag sie bewohnen?
Die Wipfel behaust
Die Hamadryade,
Gespielin und Maid
Dem Schirmer der Pfade,
Dem Haselstab-Eid.

Die Hermen, die Säulen
Zerrieseln am Markt,
Die Werwölfe heulen,
Zu Rudeln erstarkt,
Und der dich verbannte
Zu Niedertracht, Neid,
Er war der Gesandte
Vom Haselstab-Eid.

Vers 5137 bis 5176:

Lotophagen

Wo der Golf der Großen Syrte
Grüßt das Land im Wüstenwind,
Skepsis den Besucher gürte,
Weil der Rausch dem Sonnenkind
Alles nimmt an Pflicht und Ehre,
Was vertraut und was bekannt,
Heimat hinterm Mittelmeere,
Muttersorg und Vaterland.

Im Gelag der Lotosesser
Weiß man weder Feind noch Krieg,
Ganz geschichtlos scheint es besser,
Daß nicht Reife nah der Wieg,
Seewinds Fächeln hegt die Tage,
Kinderreime Nacht und Traum,
Unberührt von Schmerz und Plage,
Weiß man auch vom Alter kaum.

Daß dies gleich dem Paradiese,
Meint seit alters manch Epheb,
Daß die holde Blumenwiese
Ängste lösch und Stimmung heb,
Hofft der Nascher, der die Muße
Nicht als strenge Herrin grüßt,
Und mit fessellosem Fuße
Jede Stunde würzt und süßt.

Doch das Glück ist nicht ein Falter,
Den betäubt der Blütenschmand,
Gott ist Schöpfer und Gestalter,
Und der Freie liebt die Hand,
Die dem Acker, Kraut und Nessel,
Abringt Korn und Knollenwurz,
Unter Mühen, Fluch und Fessel,
Loht die Freude rot und kurz.

Dies ist mehr als ein Behagen,
Das nichts weiß von Leid und Tod,
Flut und Feuer sollst du wagen
Für der eignen Hände Brot,
Was die Blumen dir versprechen,
Gelte nur, solang im Herd
Feuer schlingt die Jugendschwächen,
Und dem Wind die Mauer wehrt.

Vers 5177 bis 5369:

Enkidus Tod

Einer der Träume Gottes
blickte sich selber an,
Blicke des Spiels, des Spottes
vom alten Spinnenmann...


BENN

I

Wo Adler sich und Schlange einst verbünden
Im Kalksteintempel und am Schwemmland-Thron,
Wo Säulen stehn, wo Fackelträger ründen
Die Traum-Gestalt, die Freiheit birgt und Fron,
Und wo die Nabelschnur aus Klamm und Schlünden
Noch blutet, sag, Gespiel und Steppensohn:
Wenn Tat und Zwiespalt ozeanisch münden
Und schon ein Viertel ließ das Aug verlohn,
Mag dann mir Ninsun deinen Lenz ergründen,
Den Sperber rührn mit Blut und Rosenton
Und all die Boten, die den Traum verkünden:
Stechapfel, Hanf und Bilsenkraut und Mohn?

II

Nicht bist du deines Seelensegels Reeder,
Doch Opfer für des Himmelsstieres Streit.
Soll nun die Gruft, die dich verheimlicht, weder
Den Duft bewahrn, noch Huld und Heiterkeit?
Der Flaum verflog, vom Helm die Schwanenfeder,
Vergessen herrscht im Turm der Wüstenzeit,
Nicht rufen Amber, Moschus dich und Leder
Und traurig steigt der Rauch vom Sandelscheit.
Nun sag, wozu schützt vor Gewürm, Gefleder,
Dein Rätselauge, Lid und Lippenleid
Der Stein und die geheime Macht der Zeder,
Einst Chumbaba und nun für dich geweiht?

III

Ach, daß nicht Alter mit Verzagtheit flecke
Den Herrn des Herrschers und nicht welke Haut
Die Löwen, die dich säugten, einst erschrecke,
Vergrub der Greif das Gold, und Morgen graut
Auf Hügeln nicht, daß er die Lerche wecke.
Sag, welchem Heil hast du dich anvertraut,
Stirnlocke, die beschämt die Traumverstecke
Und Wigwams nicht aus Rohr und Binsen baut?
Du flohst, und der Verfolger gleicht der Schnecke,
Die nur das Blatt und nicht die Eiche schaut,
Und deine Zunge schweigt, als ob sie schmecke
Die Nichtigkeit von Furcht und Daseins-Maut.

IV

Die Krähe hockt auf dem zerbrochnen Pfeiler,
Stechpalme blüht, und schwarze Jade wacht,
Doch lilienweiß entfährt dem Opfermeiler
Der Pfad, der unsre Eitelkeit verlacht.
Nicht unsrer Gier, nicht unsrer Sorgen Teiler,
Nicht Tageswerk und keine Liebesnacht
Bist du, der sich zum Glanz empört auf steiler
Flugbahn, die Sturm und Funkenflug verlacht.
Den Leib des Lamms zerwühlt der alte Keiler,
Ein Felsenbrocken schloß den Brunnenschacht,
Dich aber Häftling, Hohenloh und Heiler
Umschlingt der Rautengurt mit Runenmacht.

V

Du zogst, und prinzlich war die Wahl der Proben,
Zum Schlangenpfuhl und nach dem Greifenstein,
Die Dunklen, die zerschnitten, was sie woben,
Bereiteten den Kampfplatz, wo allein
Du streitest nicht um Reiche mehr und Roben,
Nicht unser Gold birgt der Karfunkelschrein,
Die Streiche, die die Lebensträumer loben,
Erscheinen dir als Würfelspiel und Wein.
Doch sage mir, wenn unser Zwist zerstoben
Von Au und Acker, Abel einst und Kain,
Bist du dann auch dem Rittertum enthoben
Und aller Ewigkeit von Lust und Pein?

VI

Nicht sagst du es, unendlich fremd in blinder
Verwahrung, und kein Boot verläßt die Bucht,
Als wärest du vom Sucher ganz zum Finder
Gewandelt und geheilt von Wahn und Sucht.
Doch sag, ob solche Eintracht nicht verminder
Den Ruhm, mit Waffen unerreicht und Wucht,
Wenn sich der Tod als Eigen-Überwinder
Erhob und schlug in Finsternis und Flucht?
Was gilt der Mann, wenn ihm der feige Schinder
Den Mut entriß in seiner Schlächter-Schlucht,
Und wären wir noch alle deine Kinder,
Verlörst du, was uns Zaumzeug war und Zucht?

VII

In Bächen schimmert Blut, und nächtens regnen
Goldpfeile, fruchtbar, und die Minze reift
Im Tal, wo Hirsch und Einhorn sich begegnen
Und wo der Wind die Sensenklänge pfeift.
Aus Reichen, außerhalb der Zeit gelegnen,
Die Schwefelquelle sprüht und salbt und seift
Den jäh entrückten Leib mit sehr verwegnen
Essenzen, doch der Sonnenkäfer schweift,
Nicht mehr in Weiß, die Jüngerschar zu segnen,
Nicht mehr in Gold und nackt im Zorn gesteift,
Und zehnmal wird dein Sonnenherz durchdegnen
Aruru, der nach deiner Größe greift.

VIII

Wirst du, was dir beschlossen ward, zu rächen,
Die Karte ziehn, die dir der Gaukler mischt,
Das Schwert für seinen reinen Bann zerbrechen,
Ein Lehnsmann sein, der ganz im Äther fischt?
Dein Wappen ruht in seinen dunklen Flächen,
Jedoch dein Ritt gleicht Hagelschlag und Gischt,
Dich reizt das Warten nicht auf Gegner-Schwächen,
Kein Herbst, der Korn zerspellt und Halme drischt,
Und wär dein Wort allein das Blut in Bächen,
Ich wüßte deine Lust, die nie erlischt,
Den Schlangenmund, der Unterwerfung sprechen
Nie wird und selbst dem Gott entgegenzischt.

IX

Die Sonne steigt, die Tage werden länger,
Der Singschwan kehrt zurück ins Nordrevier,
Doch du, der wie ein Füllhorn labt den Sänger,
Schweigst wie ein Traum, ein ausgestorbnes Tier.
Der dritte Tag gehört dem Wiedergänger,
Dem Opfer, das Skorpion vermählt und Stier,
Es knistert, daß der schwarze Tiger schwänger
Den Käferstein, der einer ist und vier.
Was uns versucht, was uns zum Seelenfänger
Die Lanze spitzt, dem Gral das Elixier
Entsaugt, macht deine Obhut nur noch strenger
Und die Gefahren, hehr und nicht von hier.

X

Doch Zimt und Pinie sprechen deinen Namen,
Und Wolken türmen Groll nach deiner Art,
Selbst Krokodile mischen sich den Zahmen
Im Trauerzug als großer Schweigerpart,
Und all die Tiere, die zu klagen kamen,
Bezwingt Gesang, der sie zu Reigen schart,
Als wärest du, das Hochzeitsfest zu rahmen,
Selbst Sänger, der erzählt von Fall und Fahrt,
Doch wie die Macht der Pflanze liegt im Samen,
Hat erst dein Tod den Reichtum offenbart,
Und Soma bist du, Atemstoß und Amen
Des Weltenkinds, das ganz Legende ward.

XI

Du gleichst dem Regenbogen und dem Pfauen,
Dem stolzen, der verrottet ist im Ried,
Ihm stahl ich, was den Anger schuf, die Auen,
Den Kiel, der sich zum Lobgesang beschied.
Die Farbe Weiß, der Todes-Mächte trauen,
Und eine Sehne, der kein Pfeil entflieht,
Dies blieb dir, wenn mich deine Augen schauen
Aus Stern und Stein und werden Lob und Lied,
Doch wenn dein Körper keimt in allen Gauen,
Muß nicht dem Schnitter, der vorüberzieht,
Das harte Eis in seinem Herzen tauen
Im Glanz, den er in deinen Träumen sieht?

XII

Im Zedernwald die Schlangendrachen unken,
Was das Relief gemeint am hohen Ort,
Du schaust sie nur, wenn du ihr Gift getrunken,
Doch Anu warf den Silberschlüssel fort.
Sag, hab ich dich geträumt und heimgewunken,
Und gab ich dir Gestalt und See und Port,
Und durftest du, von mir erschaffen, prunken
Im Steppenkaut als Flußgeists Rosen-Hort?
Im Quellgerausch, im Lindenholz, das Funken
Versprüht und knistert, ruht der Traum-Akkord,
Und du bist ganz in mich zurückgesunken
Und wurdest wieder Klang und wieder Wort.

XIII

Dein rotes Blut befleckt die Anemone,
Schwertbrücke, die uns trennt, und Welten-Ei
Gedeihn im Garten, und der Gärtner Rhone
Spielt Mandoline, und er prüft im Mai
Die esten Beeren, Fliederblust und Bohne
Und zählt die Ringe nach am Hirschgeweih.
Er sieht mich nicht, doch sieht er zweifelsohne
Den Schatten, den du wirfst im Todesschrei,
Doch wollte ich, daß dich die Krankheit schone,
Und ließe dich der Welt und gäb dich frei,
Sag, hättest du ein Kleid und eine Krone,
Die ich nicht schuf und deinem Walten leih?

XIV

Und doch, mein Herz ist angefüllt mit Trauer,
Wenn ich den Tieren, die dich preisen, sing,
So wird das Blut in meinem Herzen sauer
Und meint, daß niemals mehr Gesang geling.
Und Gift und Galle blühn im Fieberschauer
Und Aussatz dort, wo die Sandale ging.
Zwar ist auch Tod ein Traum und seine Mauer
Bedeutungslos im Zeichenkreis, im Ring,
Doch wollte ich dich frei von mir in Dauer,
Und ließ dir Raum, der selbst die Götter zwing,
Sag, stieß mich dann nicht selbst der Eberhauer
Und wäre ich nicht selbst ein leblos Ding?

XV

So mag es sein, und du bist dann mein Dichter,
Ich falle, wenn dein Reim den Sturz gebot,
Du trägst die Fackel, bist der Scheite-Schichter,
Das Schwert und für die Wunde Brand und Jod.
Ja, Zwilling dann, vernichteter Vernichter,
Wenn eine Welle uns beginnt, bedroht,
Ein Gott uns tauscht, ein Untergang-erpichter,
Hat dann das All nicht unsern Wechsel not?
So ist die Zeit auch eins nur der Gesichter
Der Freiheit, und das Spiel von Ich und Tod
Folgt unsern Regeln, und wir selbst sind Richter
Und Traum und Welt und Mohn und Morgenrot.

Vers 5370 bis 5441:

Siduri

Folg dem Weg der Sonne
Durch die Unterwelt,
Wenn mit Purpurwonne
Sie ins Dunkel fällt,
Öffnet sich die Grotte,
Die sie morgens spie,
Denn beim nächtgen Gotte
Wohnt auch Siduri.

Waffenstarrend Wächter,
Die nur der verwirrt,
Der als Wort-Gerechter
Nicht metallen klirrt,
Nur mit den Metaphern
Und der Psalmodie
Wird den Rätselschaffern
Weg zu Siduri.

Kommst du durch die Pforte,
Weil die Hüter starr,
Aus dem Glimmer-Orte
Keine Schätze karr,
Wo Türkis, Karfunkel,
Lapislazuli
Bannen alles Dunkel,
Such nach Siduri.

Bei Smaragd, Achaten,
Bei Obsidian
Schaust auf Marmorgraten
Siduris Altan,
Alle Diamanten
Die Hephäst nicht spie,
Leuchten dem Gesandten
Bis zu Siduri.

Rosenquarz und Perlen,
Amethyst, Türkis,
Stehn wie tagwelts Erlen
Hier als Schattenvlies,
Da sie selber strahlen,
Braucht die Fackel nie,
Wer die Nektarschalen
Sucht bei Siduri.

Zwischen Malachiten
Strahlt sie als Rubin,
Kommt der Held geschritten,
Schaut sie nur noch ihn,
Wo das Dach beryllen
Selbst für Knecht und Vieh,
Nicht mit Samt und Tüllen
Reizest Siduri.

Bei den Turmalinen
Fehlt allein das Blut,
Leus und Tigers Minen
Sind hier seltnes Gut,

Nur wem Reichtum Plunder
Für gebeugtes Knie,
Findet Gunst und Wunder
Hier bei Siduri.

Denn das Heliodore
Ist hier kein Korund,
Im Erwähltheits-Flore
Gleißt der Schlangenmund,
Wem Verweilen Flause,
Wer nach Aufbruch schrie,
König ist im Hause
Stets bei Siduri.

Wo der Sintflut-Schwimmer,
Der unsterblich ward,
Sich verlor für immer,
Wie zu ihm die Fahrt,
Wie man stak die Fähre
Und den Todstrom flieh,
Sagt dir die Hetäre
Namens Siduri.

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