Der hat nie das Glück gekostet,
Der die Frucht des Himmels nicht
Raubend an des Höllenflusses
Schauervollem Rande bricht.
– Schiller
Vers 5442 bis 5481:
Suche nicht in fremden Häfen
Früchte, die noch unbesungen,
Denn der Zeichner deiner Schläfen
Residiert in deinen Lungen.
Was ihn künftig macht und kleidet,
Hat sich deinem Wort verschworen,
Ist dem Weisen wie dem Toren
Alles, was die Geister scheidet.
Sag nicht, daß du nichts zu sagen
Habest, wo allein die Sage
Weg und Welle bot, zu tragen
Traum zur Nacht und Traum am Tage.
Was die Götter dir vermachten,
Bot Geduld mit ihren Schwächen,
Da sie erst, als du zu sprechen
Anhobst, aus dem Staub erwachten.
Noch ist deine Spur verständig
Manchem, dem du angehangen,
Darum tilge eigenhändig
Alles, was dich je gefangen.
Nicht die frohen Zecher zählen,
Wenn der Mantel abgetragen,
Niemand wird zu fragen wagen,
Welches Wort die Wölfe wählen.
Wer mit deinen Waffen spielte,
Schmückt sein Haar mit deinen Zeichen,
Meint, dem Aar, nah dem er zielte,
Könne er das Wasser reichen.
Doch aus Staub von deinen Füßen
Sollst du deine Räusche keltern,
Aus dem Schatten deiner Eltern
Tritt, die Ältesten zu grüßen.
Niemand wird das Meer vermessen,
Dem du Schwimmer bist und Wolke,
Was dein Hochmut je besessen,
Kam aus ungeliebtem Volke.
Fremd dem Stamm und seinen Zweigen,
Sollst du ganz der Welle trauen
Und, wenn du dich umdrehst, schauen
Die Unendlichkeit: das Schweigen.
Vers 5482 bis 5497:
Erst am Ende tritt der große Eine,
Der den Limes der Geschichte lichtet,
Aus dem Nebel und errichtet seine
Schlangensäule, die Geschichte dichtet.
Erst am Ende ordnen sich die Spuren,
Die Geburt in unsre Hand gegraben,
Mit den Blüten und den Sternfiguren
Ganz in ihn, den wir entfaltet haben.
Erst am Ende deuten sich die Namen,
Findet sich das Nächste im Entfernten,
Bringt das Floß, mit dem wir alle kamen,
Ihn, die Trauer dieser Welt zu ernten.
Er verbirgt sich in der Ackerkrume,
Wein und Korn verraten seine Spende,
Und wenn wir sein Wort in einer Blume
Ahnden, stehn wir immer erst am Ende.
Vers 5498 bis 5513:
Duftblust, stark wie Honiggold,
Blumig und an Süße prall,
Unverdünnt bist du zu hold,
Daß mir dein Gedicht gefall.
Fruchtig, krautig untertönt,
Birgt dein Öl, geschätzt und rar,
Einen Liebreiz, der verschönt,
Hals und Lippe, Stirn und Haar.
In Pomade und Parfüm,
Dominiert der Stoff Jasmon,
Über manchem Au-Geblüm
Wird erkannt der volle Ton.
Diese Nymphe hat die Kraft,
Daß der Mann das Aug erkennt,
Das die Glut der Leidenschaft
Bläst, bis jede Faser brennt.
Vers 5514 bis 5533:
Blütenfarbe, Mai-Arom
Früher Genius, Gartentag.
Leuchte, Lohe, Heliodrom,
Dem ich froh zu folgen wag.
Fliedern wuchs die Melodie,
Fliedern war das Strauchgeschatt,
Draus der Knab, der Duft entlieh,
Seine großen Augen hat.
Öl, das Bild und Reim entflammt,
Busch, der sagt, du bist zuhaus,
Was aus diesen Wurzeln stammt,
Hebt den Tag und löscht ihn aus.
Kalk hat diesem Baum gefrommt,
Auf dem Hügel, Spiel und Traum,
Wer von solchen Rispen kommt,
Glaubt an andre Götter kaum.
Augenweide, Leichtigkeit,
Jugend, die mein Herz erlab,
Wenn mir schwinden Licht und Zeit,
Sei der Mai auf meinem Grab.
Vers 5534 bis 5569:
Der Strauch mit grau verfilzten Haaren
Weiß sich gar recht ins Bild zu setzen,
Blaulila Blüten quirlig scharen
Sich leuchtend, was die Bienen schätzen.
Sie führt wie uns der Duft am Bändel,
Dies ist so Sitte beim Lavendel.
Die Blüten-Rispen samt dem Stengel
Frühmorgens ernt und nach dem Regen,
Denn so gelingts, den Riecher-Engel
Recht unverstellt ins Glas zu legen.
Wie Ohren ein Quartett von Händel
Verzaubert uns die Nas Lavendel.
Vom Mittelmeere kommt die Pflanze,
In Welschland prunkt sie an den Hängen,
Dort mag man beim Gesellschaftstanze
Sein Lieb nicht wie ein Vieh bedrängen,
Drum braucht der Anstand beim Getändel
Arom von Rosen und Lavendel.
Robust die Stauden und Gehölze
Im Garten und im sonst Besonnten,
Bei Jena und am Weg nach Oelze
Reiht sich die Art zu Blüherfronten,
Also gesell Jasmin und Quendel
Das Dufterlebnis von Lavendel.
Daß Blüten holder uns als Tiere
Mag sein, weil sie in ihrem Reifen
Nicht Tatzen rühren zwei und viere
Und sanfter nach der Achtung greifen.
Ob launig der Geschmack auch pendel,
Zum Kanon zählt gewiß Lavendel.
Geheimnisreich ist das Sublime,
Das klingt in unsrer Sehnsucht wider,
Grad wie ein unsichtbarer Mime
Schreibts Sprüche oder Liebeslieder.
Drum bringt der Dichter auch ein Ständel
Der Flüchtigkeit aus dem Lavendel.
Vers 5570 bis 5585:
Noch schreibt die Hand die alten Wunderzeichen,
Und das Geheimnis, dem Apoll erlauscht,
Mag noch für Traum und hohe Schöpfung reichen,
Solang der Bach durch meinen Garten rauscht.
Der Bogen schafft das Ziel und sein Verderben,
Und Eros leitet stets und unbedingt,
Er achtet nichts und wird doch alles erben,
Doch ruht die Sehne, wenn der Dichter singt.
Der Mensch ist Mittler zwischen seinen Welten,
Sie zu vereinen frei und ausgesandt,
Doch eitel ist sein Tun und sein Vergelten,
Und Herz und Haupt einander abgewandt.
Erwarte nichts von Niederen und Hohen,
Ob Mensch, ob Gott, sei deine Frage nicht.
Du wirst allein in deinem Glanz verlohen,
Und was dein Herz verbrennt, ist dein Gesicht.
Vers 5586 bis 5625:
Erst keglig bricht der Lenzgenoß
Zutag, sobald die Sonne brennt,
Umblättert wächst der zarte Sproß,
Der bestens seine Feinde kennt.
So mag der Reif, der Morgendieb,
Der Jungfrau übelsinnig dräun,
Doch wird die Sonne stark und lieb,
Wird bald sie den Versuch erneun.
Am Stielchen hängen Blüten vor,
Ein Tragblatt schützt die Glöckelein,
Wen solche Reinlichkeit beschwor,
Der steht vernarrt auf einem Bein.
Gesenkten Haupts, doch voll Arom,
Lockt dieser Blust Bestäuber an,
Ums Glöcklein wächst ein Nasendom
Mit seinem unsichtbaren Bann.
Kein Wunder, daß die milde Macht
Gewähnt wird als vom Paradies,
Im Blümlein wird Marien gedacht,
Die es bescheiden wandeln ließ.
Dem Roten Fingerhut verwandt,
Sind die Essenzen, die es braut,
Das Herz liegt in der kleinsten Hand,
Drum acht es mehr als Haar und Haut.
Kopernikus, der Astronom,
Ließ maln sich nicht mit Stern und Rohr,
Das Glöckchen mit dem Mai-Arom
Stand dem Beruf der Heilkunst vor.
Von Eichendorff, der waldesstill,
Dem Lenzling eine Hymne webt,
Und auch von Fallersleben will,
Daß dieser Duft im Deutschen lebt.
Es ragt die Sprache dieser Blum
Vom Minnegärtlein bis ins Heut,
Bezeugt wird hier ein Königtum,
Das Hörner und Posaunen scheut.
So glaube mir bei unserm Herrn,
Ein jeder gelte mir als Schuft,
Der hat nicht Maienglöckchen gern
Und der nicht träumt bei ihrem Duft.
Vers 5626 bis 5730:
Nach einem Fragment von Wolf von Aichelburg
Wächter, sag an, was entdeckst du im Tal?
Neunmalscharf weißt du die Zeichen zu scharen,
Sind sie uns günstig und heilig die Zahl,
Oder gebrauchst du das Horn der Gefahren? --
Höre, ich sehe, was war und was kommt,
Morgenrot blutet am Wall gegen Osten,
Aber der Wächter, dem schlafen nicht frommt,
Stand schon bei Nacht auf erhobenem Posten,
Steigender Nebel behindert die Sicht,
Aber geschärft sind die wachenden Ohren,
Um zu erraten, denn Täuschung ists nicht,
Grimmigen Feind vor den hölzernen Toren.
Nahend mit gradem, mit dröhnendem Schritt,
Schwingen sie Eisen und blutrote Fahnen,
Schleppen sie Werkzeug zur Folterung mit,
Weh, nicht zu denken, nicht einmal zu ahnen.
Wo sie vorbeikommen, wächst nicht das Korn,
Wo sie sich Platz schaffen, wuchert die Wüste,
Steinhülle, Sandhölle, Staubspur und Dorn
Wachsen im Tal, das mich sonst hier begrüßte. --
Wächter, sag an, was ersiehst du uns noch?
Nirgends noch höre ich Dröhnen und Schreiten.
Sprich, denn ich sehe den Adler nur hoch
Schweigend die mächtigen Flügel ausbreiten. –
Höre, der Vogel, den Schnabel am Eis
Wetzt er und nährt sich von Sturm und Gewitter,
Tränen, gefroren, er frißt sie und weiß
Qualen unnennbar, für Worte zu bitter.
Sie, die die Wüste den Erben verrät,
Zählen und teilen und wägen und messen
Alles, was Gott in die Erde gesät,
Allen, und keiner wird dabei vergessen,
Schneiden quadratisch das heilige Brot,
Karg, doch für alle, und tuns mit den Worten:
Siehe, so tilgten wir jegliche Not
Hier, und so tun wir an jeglichen Orten.
Aber der Steinbock auf glitzerndem Firn
Springt, und kein Bolzen wird je ihn erreichen,
Er senkt die drohenden Hörner der Stirn,
Dort aber lodert ein heiliges Zeichen. --
Wächter, sagt an, die dort drunten versorgt,
Will ihnen Brot ohne Segen noch munden,
Wissen sie nicht, daß die Erde uns borgt,
Ungestraft nie noch geschmäht und geschunden? --
Höre, sie nennen gerecht ihren Streit,
Was sie sich antun, Gesetz der Geschichte,
Höheres Menschtum, das Herkunft-befreit
Gottlos ein menschliches Weltreich errichte.
Aber ich seh sie in Reihe und Glied,
Peitschenknall ordnet den Zug der Vernichter,
Nur wer dem Wahn seine Wahrheit verriet,
Leidet nicht, aber die meisten Gesichter
Hungern, obwohl man den Hunger verbot,
Spüren die Fäulnis in Galle und Magen,
Doch wer verkündet, die Welt sei im Lot,
Geht ohne Last, seine Wegzehrung tragen
Dumpfere, blicklos, sie sprechen kein Wort,
Gleichgültig gegen sich selbst und die Lehren,
Schleppen sich klaglos und hoffnungslos fort,
Alle im Takt, und kein Held wird es wehren. --
Wächter, sag an, ist der Pfad uns geraubt,
Den wir vorzeiten im Tale gegangen?
Schwinden die Gipfel und was wir geglaubt,
Stürzen die Himmel und sind wir gefangen? --
Frage den Falken, denn nur bis zum Wald
Dehnt sich die Flur, die der äugende Wächter
Einfängt, ich weiß nicht, ob solcherart Halt
Hoffnung verhehl oder schlimmere Schlächter.
Aber, nun hör, was den Blick mir begrenzt,
Heiliger Hain, wo die Wege uns enden,
Brennt, und mein Herz, das du, Auge, verbrennst,
Faßt nicht das Wahnwerk von frevelnden Händen.
Feuer -- o hör, wo einst Birke und Buchs
Sommerlang streichelten Augen und Ohren,
Wo wir die Eichen von mächtigem Wuchs,
Ahorn und Esche zu Göttern erkoren,
Wo uns die Nymphen die Liebe gelehrt,
Wo uns berauschte das Seltne und Hohe,
Dort sind die Runen des Lebens verkehrt,
Dorten herrscht einsam die letzte, die Lohe. --
Wächter, sag an, kann der Wald nicht bestehn,
Fallen die Fichten, die Lärchen und Linden,
Werden sie uns, die wir schwindelfrei gehn
Gratwege, doch in der Felswohnung finden? --
Höre, der Untergang reicht an das Meer,
Willkür umklammert, was Götter besaßen,
Äcker, geschnitten gerade und quer,
Ebne, bezwungen von künstlichen Maßen,
Landräuber suchen nach Wildwuchs, der Brand
Muß bald am Unmaß der Flamme ersticken,
Dem, der sich selber zum Landvogt ernannt,
Wird sich das Glück und die Ernte nicht schicken.
Nichts mehr zu teilen vermag die Vernunft,
Will das Gesetz auch die Waage betrügen,
Einzelne fliehn und die ruchlose Zunft
Sucht einen Ausweg in reicheren Lügen.
Andere wissen, daß alles zerstört,
Suchen vergessene, heilige Worte,
Einer gar wußte von uns, und gehört
Hat es die Menge und steht vor der Pforte. --
Wächter, nun schweig, denn dem Volke nun sprich,
Möge der kargeste Felsen sie lehren,
Ich aber geh und verlasse auch dich,
Die ist mein Tag und ich werde nicht kehren.
Vers 5731 bis 5778:
Sommer hat dich aufgerufen,
Seinem Lob dich einzureihn,
Und mit fessellosen Hufen
Möchtest du das Einhorn sein.
Wie die Träume, die dich schufen,
Nennst du, was dich wachrief, dein,
Aber auf den Tempelstufen
Fordert dich das Haupt von Stein.
Oft schon hast du es vermutet,
Doch du warst im Labyrinth,
Wie der Fluß den Fels umflutet,
Spieler stets, der hoch gewinnt.
Daß ihr nicht beisammen ruhtet,
Trug dein Wolkenherz aus Wind,
Doch die Wunde, die nicht blutet,
Wacht im Stein und fordert blind.
Allen dein Geschenk zu bringen,
Ziehst du, wenn der Traum dich ließ,
Und mit deinen Schritten singen
Feld und Wiese, Sand und Kies.
Jenen, die sich jäh verfingen,
Werde-Kreis und nichts als dies,
Singst du Land und dein Gelingen,
Doch der Stein dich schweigen hieß.
Mächte, die verborgen lenken,
Zögern. Doch die keiner zwingt,
Fragst du, ob sie dein gedenken,
Bist du nur der Gott, der singt?
Selig ist es, frei zu schenken,
Bitter, wer geschlagen bringt,
Wind mag ihn im Sand versenken,
Doch der Stein wacht unbedingt.
Oft betrachtest du die Waden,
Ob du endlich Hermes bist,
Willst dich in den Wassern baden,
Wo der Mensch den Mensch vergißt,
Doch der Ariadnefaden,
Der dich leitet und bemißt,
Hat dein Herz zum Streit geladen
Mit dem Stein, der blinder ist.
Rechter Hand vernarbte Stellen,
Doch die Wunde blutet links.
Weißt du nun, wo deine Quellen?
Ists das eigne Blut, so trinks.
Nicht die Winde, nicht die Wellen,
Nich Apoll gelaßnen Winks:
Niemand wir ein Urteil fällen,
Aber steinern wacht die Sphinx.
Vers 5779 bis 5794:
Die Nacht steigt aus dem Buchenwald,
Der Weg am Ufer schimmert kalt,
Und alles scheint vertan, versäumt,
Dort wo die Natter taglang träumt.
Du wanderst, wo dein Herz schon weiß,
Gebannt bist du im kleinsten Kreis
So wie der Pilz an sein Myzel
Und wehrlos vor dem Marschbefehl.
Die Grille und der Kauz, der schreit,
Sie finden keine Heiterkeit
In deinem Ohr, das wandern muß
Vom Fluß zum Wald, vom Wald zum Fluß.
Und auch die Sterne zählen nicht,
Wie oft dein Fuß die Spur zerbricht,
Und ihre Ordnung zeigt dir nur
Die Nacht und deine eigne Spur.
Vers 5795 bis 6010:
I
Wo der Schnee erst spät zu tauen
Anfängt, steht dein Zelt gepflockt,
Nicht im Kreis der weisen Frauen
Hast du stumm am Herd gehockt.
Doch in den Mäander-Gauen,
Als berührt dein Atem stockt,
Nahm die Gärtnerin der blauen
Blume Brot, in Milch gebrockt.
Wenn die Otter-Brüder fischen,
Räumtest du schon lang das Feld,
Deine frische Spur verwischen
Schweine, denen Schlamm gefällt.
Sonnenreichen, regnerischen
Tagen bleibt dein Fuß gesellt,
Immer stehst du bloß dazwischen,
Niemals ganz von dieser Welt.
Wo der Echs wie eine Spange
Einen Sonnenflecken ehrt,
Sah die Lenkerin euch lange
Zweisam nicht einander wert.
Was als Blut in Hirn und Wange
Kreist und dich mit Traum beschwert,
Ist der unsichtbaren Schlange
Aura, die dich ganz begehrt.
Niemand wird ihr Wort entsiegeln,
Aber wenn die Wasser blank,
Sagen ihr, verlorn in Spiegeln,
Alle Bilder lob und dank.
Füchse werden dich entigeln,
Wie Narziß am Quell ertrank,
Aber sie, nicht aufzuwiegeln,
Hortet, was dem Tag entsank.
Welchem Strom sie Wehr und Buhne,
Welchen Wolken sie der Wind?
Acht löscht ihre neunte Rune,
Wer sie rät, von vorn beginnt.
Nicht den Rhythmus der Monsune
Darfst du wissen, zeitlos blind,
Denn die Minnemacht-Immune
Hat den reinen Tor geminnt.
Sagt sie dir, im Herzgrund Schwimmer,
Wer dir je begegnen darf?
Knirschend in Granit und Glimmer
Stößt das Schwert, für Herzen scharf.
Selbst Walküren, Mannheit immer
Freund und Waffenklangs Geharf,
Schaudern, weil den Speer dein grimmer
Arm ins Unbemeßne warf.
Daß dich Übermut erfreue,
Duldet sie, die dunkle, nicht,
Einsam unter Himmelsbläue
Stehst du waffenlos im Licht.
Was du birgst in heimatscheue
Schweigsamkeit, hat kein Gewicht
Hier, doch steht die ganze Treue
Dir als Narbe im Gesicht.
Mancher sieht den Nachtgesandten,
Zögling aus dem Reich der Hel,
Andre, daß im Abgewandten
Feuer, das herabfällt, schwel,
Doch die Kunst des Unerkannten
Schürft aus deiner Haut Befehl
Nur den blauen Diamanten,
Bösen Blickes Kronjuwel.
Deinen frühsten Traum zu schauen,
Hast du manches Zelt gepfählt,
Sturm verheerte Forst und Auen,
Sonne hat die Haut geschält.
Doch wo Otter spielend bauen,
Juni-Tag dein Herz erwählt,
Hat die Gärtnerin der blauen
Blume dir dein Los erzählt.
II
Ritter, der die sieben Pfähle
Auf dem Schilde, blau und blank,
Führt im Schwertwald und durch Säle,
Wo man prunkt mit Vers und Schwank,
Deine Weiberlisten zähle
Und des Teufels »Gott sei Dank«,
Daß die Natter dich erwähle
Und dein Lindenholz umrank.
Wo sich Laut und Strich verbünden,
Liturgie Magie erlaubt,
Flüchte in Gelächtermünden,
Weil Merkur die Waffen raubt,
Wo der Übermut die Sünden
Zahllos macht und keiner glaubt,
Daß die Runen Unheil künden,
Heb den Trank und stolz das Haupt.
Narr bist du im Kreis der Raben,
Tod dem Schwan, der dir verfiel,
Die nur ein Arkanum haben,
Reizen nicht zum zweiten Spiel.
Dem die Bienen Stock und Waben
Willig lassen, weiß das Ziel,
Doch er hat sein Herz vergraben
Vor der Frau am Roten Hiel.
Sie, Onyx und Alabaster,
Ebenholz und Elfenbein,
Kennt die Tugend nicht, das Laster,
Nicht das Glück und nicht die Pein,
Sie, die Bildnerin verblaßter
Träume, die im dunklen Wein
Leuchten, doch in grobem Raster,
Läßt in ihren keinen ein.
Dir ist andres aufgetragen,
Leuchtend, doch nur dem gewahr,
Der entkam der Burg der Klagen
Und der Festung der Gefahr.
Wer sich selbst als Pilz im Hagen
Aufaß, schaut im Dunkel klar
Und im Sold vergeßner Sagen
Deine Stirn von Adolar.
Wachse mit des Mondes Helle,
Werde selbst zum Horn und ruf
Nachgeschatt und weih die Stelle,
Die zertrat des Einhorns Huf.
Daß das Zeichen reif und quelle,
Daß ein Tropfen Blut erschuf,
Sei dein Hierophant die Welle
Und ihr Gleichnis dein Beruf.
Milchweiß und mit blauem Schimmer
Sei Delphin im Nacht-Geleucht,
Der, sobald er auftaucht, immer
Wie in höchster Wollust keucht,
Öffnet Uranus sein Zimmer
Überm Wind, der Wolken scheucht,
Ist der Stern der beßre Schwimmer,
Doch das Leben atmet feucht.
Lösch vor Tag den Lebensfunken,
Daß die Maya sich gestalt,
Zwar läßt alles, was versunken
Und was kehrt, die Götter kalt,
Doch ein Zauber macht sie trunken,
Der im Reim des Werdens hallt,
Du, sein Dichter, hast gewunken,
Wenn der Aar den Hirten krallt.
Ritter du der sieben Pfähle,
Doch von weiter kommst du her,
Durch der Mythen Blut-Kanäle
Trägst von Weib und Mann die Wehr.
Traum um Traum vom Schatten schäle
Und zuletzt den Kern verzehr,
Daß die Natter dich erwähle,
Daß sie heim zu Soma kehr.
III
Wie du anfingst, wirst du enden,
Was am ersten Tag tabu,
Führn die Götter, die dich blenden,
Auch dem letzten Tag nicht zu.
Deine Zeichen auszusenden,
Dienten Gift und Flügelschuh,
Doch du wirst den Spruch nicht wenden,
Das Orakel: Das bist du.
Als wir an der Weide lehnten,
War der Tag uns kaum erwacht,
Aber wir, die Schlaf ersehnten,
Sprachen Hymnen an die Nacht,
Schwermut, die wir sorgsam dehnten,
Blieb an Farbe arm und Fracht,
Doch Apoll erließ den Zehnten
Und Saturn die ganze Pacht.
Nicht zu herrschen, nicht zu hüten,
Wies der Engel uns den Gral,
Und am Saum der Wandlungsmythen
Reizten nicht Figur und Zahl.
Wo die Sehnsucht, drin wir glühten,
Todeslust und Lebensqual,
Rief der Duft der Fliederblüten
Heim zum letzten Abendmahl.
Als die Sonne höher rückte,
Fiel der Stolzeste im Ried,
Daß das Blut, das dich bezückte,
Dich zum zweiten Schritt beschied:
Heller als sein Kranz dich schmückte,
Flog dem Falken gleich das Lied
Aus der Blindheit, die dir glückte,
Aus dem Aug, das tiefer sieht.
Weiht der Stern dein Herz zum Krieger,
Rune spricht aus Stein und Bast,
Fand das Holz in dir den Bieger,
Bist du nicht mehr fremd, noch Gast.
Doch in die Figur der Flieger
Lies die Botschaft eingefaßt:
Nach dem Engel kommt der Tiger,
Der dich schlägt im Mittagsglast.
Seine Opfer zu verschmerzen,
Bist du dennoch ausersehn,
Deine Jugend auszumerzen,
Wird Merkur im Dämmer stehn.
Siebenarmig trägt er Kerzen
Und der Schwerter stößt er zehn
In den Leib, der deinem Herzen
Wonnen schuf, die nicht vergehn.
So beraubt von Lust und Zielen,
Geh allein und sei verschrien,
Du vermutest ihn in vielen,
Doch in keinem fandst du ihn.
Nur die Narben, nur die Schwielen
Wissen, wie die Sonne schien,
Nur der Gaukler weiß zu spielen,
Wenn die andern sich verziehn.
Er lehnt spät noch an der Weide,
Bernsteinring und Silberstift
Siegeln ihm den Quell und Eide
Wie der Pfeil, der jeden trifft,
Wenn der Otter grüßt, sind beide
Eins und, bis das Horn der Hift
Tönt, gehüllt in dunke Seide
Und gesalbt mit Schlangengift.
Wie du anfingst, war er leise
Und entnahm dem Schrein die Schuh,
Heute dient er dir zur Speise
Und er geht in dir zur Ruh.
Auch das Tagebuch der Reise
Schließt er ganz gemächlich zu,
Und es tönt die alte Weise,
Das Orakel: Das bist du.
Vers 6011 bis 6058:
Unbezwinglich sind die Leichten,
Die nicht zählen und nicht lesen,
Und sie tun, was wir erreichten,
Ab, als wäre nichts gewesen.
Sie bestehn im Folgelosen,
Doch Zerstreutheit, ihrem Alter
Nachzusehn, betaut die Rosen
Und schenkt jedem Jahr die Falter.
Wenn sie unvorsichtig walten,
Ballt ihr Atem sich zur Wolke,
Dürften sie ihn ganz behalten,
Käm kein Dichter aus dem Volke.
Er bemerkt, was sie verloren,
Wenn auch niemand schätzt die Funde,
Fühlt er sich erkannt, erkoren
Und seit Ewigkeit im Bunde.
Seine Opfer und Altäre
Wird kein Himmlischer bemerken,
Selbst wenn er zugegen wäre,
Weiß er nichts von Dienst und Werken.
Doch die Dunkleren, noch blinder
Als die angerufnen Lichten,
Führen auch den Zeichenfinder,
Und das Herz kann nicht verzichten.
Denn die Rose spricht: entfalte,
Und der Falterflügel: schwebe,
Und das vor den Göttern alte
Spricht in alter Weise: webe!
Webe ein Gewand den Fernen
Und laß ein die Unbewußten,
Die den Himmel zu besternen
Erst dein Ja erwarten mußten.
Webe! an den großen Säumen
Soll dein Blut wie Taugold funkeln!
So die Herrin in den Träumen,
Nacht, noch älter als die Dunkeln.
Webe! die dein Garn verfitzen,
Kümmert nicht, ob sie es kleide,
Und sie wollen nichts besitzen,
Keine Schuld und keine Eide.
Frost soll deinen Mut verletzen,
Trauer herrsch in deinen Reichen,
Was du webst, zerfliegt in Fetzen,
Doch es findet deinesgleichen.
Aber du verlorst die Spende
Wie die Götter Staub verloren,
Und erkennst sie, Nacht am Ende,
Unbemerkt aus dir geboren.
Vers 6059 bis 6106:
Die Wege sind dunkel, doch weiter
Als du, und so achte dein Stück,
Fahr wohl oder zaudre und scheiter,
Irrt jemals dein Auge zurück,
Ich wandte den Blick und ich lehre,
Den Zweifel zu lieben, die Nacht,
Die Traum und Gedächtnis und Ehre
Und all deine Götter bewacht.
Die Dunklen, die Blindheit vererben,
Nichtwissen vom Los, das dir fiel,
Sind gut, wenn du kommst mit Verderben,
Doch grausam, verdirbst du das Spiel,
Sie schlafen nicht, aber sie träumen
Wie riesige Spinnen die Zeit,
Sie wachen nicht, doch sie versäumen
Nicht eine, in allen bereit.
Ich schritt und ich ließ einen Faden
Auf Spuren, die blindlings zerwehn,
Wo Winkel und selbst die Geraden
Aus Schlaf und Vergessen bestehn,
Wo Schlünde wie Vipern sich blähen,
Wo Staub haust und Namen nicht sind,
Verhieß mir die Seide Trophäen
Und Heimkunft dem, der sie gewinnt.
Doch alles, was Menschen erringen,
Ist eitel und wendet sich bald,
Die Schlüssel erfährst du als Schlingen,
Was leicht war, wird hart und Gestalt,
Was feind war und Prüfung dem Täter,
Kommt nah und du siehst es genau,
Es scheint dir verwandt und viel später
Erkennst du dich selbst und die Frau.
Ich wollte den Blick erst nicht wenden.
Du standest im Fackelschein, kaum
Erkenntlich, doch hoch in den Händen,
So hieltest den Traum du vom Traum.
Vergiß mich, o leichter Geliebte,
Ich blickte zu nahe, vergib
Das Gold, das aus Sanden ich siebte
Und das mir entrann durch das Sieb.
Es sind nicht die Götter, die trennen,
Nicht Wind, nicht die Segel, die See,
Doch wenn wir uns selber erkennen,
So sind wir verraten seit je,
Wohl dem, der im Kerker der Seele,
Unkundig des Lichtes, verblich,
Dem Blindheit sein Antlitz verhehle,
Den Sieg und die Heimkunft und dich.
Vers 6107 bis 6154:
Du, als Frühling ward, gegangen,
Ostermond, der treibt und weckt,
Hältst das Winterherz gefangen
Und die Hand, die blind vollstreckt,
Was die schwarzen Mauern brüten,
Pilzbesät und blutgetränkt,
Die dein großes Schweigen hüten,
Dem man keine Blumen schenkt.
Krebs und Salamander wohnen,
Wo du Labyrinthe baust,
Wer herabstieg, dir zu fronen,
Trägt die Keule in der Faust.
Muschelhaus und Honigwabe,
Spiegel, Prisma, Astrolab,
Alles meint dich, doch ich habe
Keine Blumen für dein Grab.
Raupe, die dich nicht bekümmert,
Gräbt die Runenspur ins Laub,
Aus dem Schädel, steinzertrümmert,
Flieht statt Herzblut Sporenstaub,
Wo der Tod sein Amt verloren,
Wo das Leben dich nicht fängt,
Wird der Täter dir zum Toren,
Dem man keine Blumen schenkt.
Turm, darin die Stufen scherzen,
Auf und ab, nicht abzusehn,
Wer sich so verlor im Herzen,
Läßt den Tröster achtlos stehn.
Handelnde im Netz der Spinne,
Die nicht weiß, was sie uns gab,
Sind wir dein, doch ich gewinne
Keine Blumen für dein Grab.
Zögest du aus meinen Händen
Eine Karte, wärs die Welt,
Doch du dürftest sie nicht wenden,
Ich nicht sehn, wer recht behält,
Kein Orakel soll uns leiten,
Wo allein das Schweigen lenkt,
Unterm Schwert der Außer-Zeiten,
Dem man keine Blumen schenkt.
Reibt der Traum als Seelenrufer
Lampe Aladins, die blinkt,
Bricht der Schattenfluß sein Ufer,
Daß er schau, wer länger trinkt.
Efeu rankt, und Faune schreien,
Fruchtbar bleibt der Schlangenstab,
Alles wächst, doch mir gedeihen
Keine Blumen für dein Grab.
Vers 6155 bis 6194:
Auch heute träum ich, und ich such zu träumen
Nach deiner Art, den Wein, vermischt mit Tränen,
Zu ahnden, wo in goldenem Verschäumen
Die Stolzen mich umspielen, die Fontänen,
Und würde gern, wie sie, mich netzend, säumen
In meiner Ordnung, sängest du mit Schwänen
Aus einer Stille, die mich tragend blutet,
Wo mich der Glanz, den ich verlor, umflutet.
Auch heute steigt der Brunnen, und die Rosen,
Die, wenn er sich vervielfacht, jäh erhaschen,
Was abfällt von dem Tisch der Sorgenlosen,
Das Gold, darin sie sich noch röter waschen,
Blühn auf, als müßt in dieses Wechsels Tosen
Die Sonne, die ihn salbt, gestürzt veraschen
Und, die sie für vergänglich hielt, erkennen
Als Meister, die aus tieferm Feuer brennen.
Auch heute seh ich dich und deine Braue,
Den Bogen aus verwunschnen Rosen-Schriften,
Der, wechselnd eins, der spielerisch genaue
Torschlüssel, Reiche ohne Maß zu stiften,
Den selbst die Schlange nicht, die neunmalschlaue,
Zu zeichnen wagt, und der die Lust an Giften
In Schatten wob, hellsichtig, wie im Tode
Gesang sich ganz gewann zur Rosen-Ode.
Auch heute treibt ein Haar durch das Getreide,
Und wer es einholt, trägt die Weltenkrone,
Wär Wasser fern und Sonne mied uns beide,
Ob Rosen-Kelch und Blatt das Reich bewohne,
Und wär, daß ich die Götter nicht beneide,
Zu hohes Wort, daß dein Gesang mich schone,
Zu viel, daß Wind und Zeit, die weiterfliegen,
Nicht umhinkönnten, zu verwehn, zu siegen?
Auch heute schlingt dein Mund, der aufgetane,
Wie dieser Brunnen, Traum um Traum, verloren,
Nicht wie die Rose trinkt, die ich erahne,
Die niemals ausspricht, wer ihr Rot erkoren,
Und nicht Fontäne wie im holden Wahne
Mein Puls, noch Treue wird, die wir geschworen,
Und erst verblüht, wenn mir versinkt die Wunde,
Und du verspottest meine Todesstunde.
Vers 6195 bis 6208:
Entflammter Blüher, der mein Auge blendet,
Sag, wohl erfahrn in allen Schlangenkünsten,
Den Gott, der sich in unerhörten Brünsten
Verliert und darin solches Rot verschwendet.
Er geizte nicht mit Öl und Liebesdünsten
Und hat sein Fleisch, das in der Lohe endet,
Der Erde, draus die Farbe sprießt, verpfändet,
Wie wir, die Erz mit Traumgebilden münzten.
Doch du bist da, und wenn ich endlich glaube,
Daß dich zu senden, ging der Hochgemute,
So wird es still im Herz und in der Laube,
Und Er spricht selbst und bannt das Absolute
In eines mit dem ungeformten Staube
Zu seinem Fleisch und Blut von seinem Blute.
Vers 6209 bis 6280:
Preis der Stunde, die geschlagen,
Preis der Stunde aller Stunden,
Die das Aug zu öffnen wagen,
Haben Ernten stets gefunden,
Im Kristall der Traumzeit hausend,
Quäl dich nicht mit Nebendingen,
Denn die Speisung der fünftausend
Kann in jeder Nacht gelingen.
Was Sankt Georg dir erlegte,
Kehrt zur rechten Stunde wieder,
Wind, der um die Tennen fegte,
Wird zum Grundbaß deiner Lieder,
Nicht die Schmerzen auszusparen,
Bist du zum Gesang entschlossen,
Denn du weißt, die Wunden waren
Prüfungen und Leitersprossen.
Glanz des Taus und Glanz der Sonne,
Stehst du an der Wasserscheide,
Die verwoben Wahn und Wonne,
Schweigen, sie zu fragen meide.
Wo die Flöte sich der Leier
Mählt, kredenz zu Barsch und Flunder
Für den Echsenmann Tokayer,
Für den Schlangensohn Burgunder.
Preis der Stunde, die dich findet,
Preis den Stunden, die vergangen,
Garn, das dich bedingt und bindet,
Wird sich im Gesang verfangen,
Wäre Echo nur die eine,
Die dich liebte und dich hörte,
Wärst du schon gerettet, keine
Macht blieb, die dich ganz zerstörte.
Was aus dieser Welt geborgen,
Hat im Traum die Spur gefunden,
Wird im Kreis von Nacht und Morgen
Nun vom Manne selbst entbunden.
Lenzgrün im Gerausch der Linden
Wird die Frohtat träumend wachen,
Denn der Schwimmer weiß zu finden
Den Rubin des Wasserdrachen.
Mit dem Hort sich zu vertauschen,
Kennt der Wächter Tor und Pfade,
Wenn er leuchtet, spür im Rauschen,
Was er war, und nenn es Gnade,
Träumt das rechte Aug am Weiher,
Wählt das linke Torf als Zunder,
Labt den Echsenmann Tokayer,
Schlürft der Schlangensohn Burgunder.
Preis der Stunde, die geschlagen,
Preis der Stunde aller Stunden,
Die die Welt zu rühmen wagen,
Haben bald auch Grund gefunden,
Nicht die Liebe pön als Leiden,
Bleibt der Born unangetastet,
Denn im letzten nicht zu scheiden
Ist wer schlemmt von dem der fastet.
Was sich abschied ins Geheime,
Wird sich heller offenbaren,
Mit dem unerlaubten Reime
Wirst du Orpheus’ Ruhm erfahren,
Ob der Flug der Promethiden
Den des Adlers überrage,
Wird zuerst im Traum entschieden
Und bestätigt sich am Tage.
Preise sie, die dich bedeuten
Und wie du nicht wissen dürfen,
Wem zur Ehre sie sich häuten,
Ob sie besser nichts verwürfen,
Kehrt der Speer zur Abschiedsfeier,
Preise das Verjüngungswunder,
Wie der Echsenmann Tokayer,
Wie der Schlangensohn Burgunder.
Vers 6281 bis 6316:
Erst als man sich mit Absicht von der Mitte
Getrennt, ward auch das Altertum benannt,
Es eint die Völker, Staaten, Kult und Sitte,
Eh Sachsen sich zum Christentum bekannt.
Die Zwischenzeit hieß Mitte nicht als Achse,
Um die sich alles windet, dreht und reiht,
Ehr Bergfest, daß man rasch darüberwachse
Im Glauben an die unbemeßne Zeit.
Die Neuzeit aber ist allein Verfallen,
Als Gottessohn und endlich als Geschöpf
Wird Adam unter Rädern zum Vasallen
Und hofft nur, daß ihn der Konvent nicht köpf.
Die Teufelei mit Geistern zu verschleiern,
Gab Darwin Segen dem, was schamlos dreist
Sich durchsetzt, und den Pyrrhussieg zu feiern,
Als Glaubenspflicht er Untertanen heißt.
Die Freiheit ward getauscht in Würfelspiele,
Auch das Geschlecht ward nichts als Kapital,
Die Zahl ward Herr, und als unsagbar viele
Nach Nahrung schrien, so ward auch sie zur Zahl.
Verbrauch von allen Wundern, die Äonen
Geschaffen, heißt des großen Trugs Rezept,
Wer spart, den wird das Leben nicht belohnen,
Wer schlemmt, heißt Visionär und Heilsadept.
Dies kann allein in Schmerz und Klage enden,
Der Teufel täuscht, dies weiß ein jedes Kind,
Wir müssen uns zurück zum Heiland wenden,
Daß uns die Mitte wieder gibt und nimmt.
So mancher faselt von des Reiches Kehre
Und bleibt in seiner Träumerei modern,
Universal wie dies ist nur die Ehre
Des Heilands und der Glaube an den Herrn.
So steht als Tor der Ordnung uns die Buße,
Wer nicht die Götzen und Gespenster läßt,
Der findet nie zurück zu Heil und Muße
Und flieht in Wüsten vor dem Osterfest.
Vers 6317 bis 6352:
Vier Winde hat der Himmel dir geboren,
Ungleiche Brüder, die einander fremd,
Wer sich wie sie der Wanderschaft verschworen,
Spürt einen meist im Haar und auch im Hemd.
Der Leib ist deiner Seele weißes Segel,
Zu fliegen bläht es Wind mit froher Macht,
So braucht sie weder Pilgerpfad noch Regel
Und hat dem Traum die Führerschaft vermacht.
Allein der Aar ist freier in der Weite,
Drum grubst du ihn in Wappen, Siegel, Schild,
Daß sein Geheimnis deine Schritte leite,
Erkennst du dich in seinem Ebenbild.
Auf Hügeln, da die Winde walten, horsten
Die Greife, und auch du stehst auf Arnshaugk,
Hier ist so manches Scheunendach geborsten,
Doch hell bleibt hier die Stimme und das Aug.
Vom Nord ist dir das frühste Heil gekommen,
Wo Raben schrein und Thor die Midgart bannt,
Das Eis hat dir die Kinderfurcht genommen,
Das Herz bewaffnet und den Traum benannt.
Vom West kam dir der Sinn für See und Barke,
Wo Strandgut trägt der Woge weißer Saum,
Im Laub des Leibs umschmeichelt dich der Starke,
Der Ferge durch der Nebelwolken Traum.
Vom Süden ward das Licht und so die Gnade,
Wo Baldur fiel, ergrünt der schwarze Eich,
Daß dich zum Mahl der Auferstandne lade,
Vollendet sich dein Tun im Traum vom Reich.
Was Heil und Gnade nicht, noch Stärke führen,
Zeigt dir der Brüder jüngster aus dem Ost,
Es ist Geduld, sie in der Hand zu spüren,
Sollst wachen du, allein, bei karger Kost.
Sie heißt auch Segen, so wie Kraft die Stärke,
Wie Hoheit Heil, und wie die Gnade Gut,
Daß Gott sich wiederschau in deinem Werke,
Beweis als Segel und als Mitte Mut.
Vers 6353 bis 6388:
Sie weiß, daß Gott nach seinem Ebenbild
Den Menschen schuf, der dies schon lang vergaß,
Was für die meisten sicher ist und gilt,
Nennt sie Betrug und ein verfehltes Maß.
Ihr paßt die ganze Richtung nicht, der Troß,
Der sich beschleunigt und dabei vermehrt,
Ist ihr ein Wein, den Tölpelei vergoß,
Und der sich nicht um seine Herkunft schert.
Einst hat der Garten Eden uns geblüht,
Verfallen sind die Wälle, drum gehäuft,
Der Wächter dieses Landes wurde müd,
Da niemand mehr in diese Richtung läuft.
Sie langweilt sich bei technischem Triumph,
Den neusten Glücken bleibt ihr Herz verstockt,
Die Zukunft ist ihr ein Morast und Sumpf,
Bergab manch Pfad und manche Aue lockt.
Sie stolpern, straucheln ohne Ziel und Maß
Ins Laue, spricht sie über jed Geschlecht,
Und golden nennt die Einfalt Steppengras,
Wenn sie vergaß, was einzig ist und echt.
Wer diesen frohen Zug in Wüstenein
Zu bremsen sucht, der erntet ihren Spott,
Wer eine mied von tausend Teufelein,
Der findet nicht zurück zum Heil und Gott.
Längst ist die Höhe uns im Nebel fern,
Was man berichtet, stammt aus dritter Hand,
Allein die Sonne und der Abendstern
Sind uns noch aus dem Paradies bekannt.
Und jedes Leben spricht von dem Verfall,
Die Jugend weiß noch Engel, Tat und Leid,
Dem Rentner ist die Liebe Rauch und Schall,
Die Religion heißt nun Bequemlichkeit.
Ein Spielverderber ist die Reaktion,
Sie nennt Gerümpel, was der Stolz der Zeit,
Und meist hat sie sich aufgegeben schon
Und wundert sich, wenn wer das Ohr ihr leiht.
Vers 6389 bis 6428:
Die deutschfrohe Jugend begreifen,
Bachanten und Burschen, Scholarn,
Von Preußen ins Flämische streifen,
Von Friesland auch Kronstadt erfahrn,
Sollst du, der dem Lausitzer Orden
Als Freier den Treueeid schwurst,
Der Barde erzählt dir vom Norden,
Vom Gartensee auch du erfuhrst.
Die Pilger, die Sucher, die Schwärmer,
Sie sammeln Epheben zur Quest,
Sie machen die Heimat nicht ärmer
Und kehren zum Sonnenwend-Fest
Mit Liedern, die traulich vom Haine
Erzählen, von Feuer und Klampf,
Hier kommt eine Jugend ins Reine
Und rüstet sich härterem Kampf.
Hier trennt man sich von Surrogaten,
Hier gelten nur Auge und Fuß,
Den Wagern, den sonnigen Taten,
Gilt über die Zeiten der Gruß,
Denn jung ist, wer nicht hinter Schemen
Und sturer Gelahrtheit versinkt,
Er läßt sich das Wunder nicht nehmen,
Das hinter dem Hügel schon winkt.
Drum tritt in die Schar der Bachanten
Und beug dich Natur-Hierarchie,
Die solche Gemeinschaft bekannten,
Vergessen das Fahrtenglück nie,
Es ruft in die Zeiten der Neige
Erweckend den blauenden Tag,
Auf daß sich der Menschensohn zeige,
Der starb zwischen Neid und Vertrag.
Ein fruchtbarer Adel vereinigt
Die Heimat mit Glauben und Staat,
Der nicht von Dämonen gepeinigt,
Verwechselt die Ernte der Saat.
Erst wenn Loreley zu vertrauen
Nicht länger ein Scheitern am Stein,
Dann wird auch zum Goldhort-Erschauen
Dem Deutschen das Wachen am Rhein.
Vers 6429 bis 6442:
Im Weiß der Muschel und auf Wolkenhügeln
Ergeht er sich und säumt Saturns Gefilde,
Schweigt dir das Herz, laß ab, ihn auszuklügeln,
Und führ zerbrochnes Sparrenkreuz im Schilde.
Doch ist im Schneckenhaus dir wohl, die Gilde
Der Pilze hold, mag dich sein Spiel beflügeln,
Gelingt es seiner Hand den Blitz zu zügeln,
Schaffst du den Gott nach deinem Ebenbilde.
Nicht Reichen sing, die aus der Zeit gegangen,
Sie gleichen Wachs, wenn die Sirenen singen,
Wer Himmel scheut, die im Geloder prangen,
Dem wird das Gehn auf Wasser nicht gelingen,
Doch der Erwählte sieht die beiden Schlangen
Sich kreuzweis um den Stab des Hermes schlingen.
Vers 6443 bis 6456:
Quell in der Mulde, tief im Waldesschatten:
Um hier zu baden, ging ich manche Stunde,
Doch seh ich, du versammelst in der Runde
Zur Helmschau die Geschuppten und die Glatten.
Mir wird bewußt im unverhofften Funde,
Welch große Herzen mir dies Glück gestatten,
Wenn sich die Augen solchem Reichtum gatten,
Geht niemand, der auf Fahrt sich weiß, zugrunde.
Denn noch verfügten sich ins Unsichtbare
Die Götter nicht, ist auch ihr Reich zerschnitten
Von Pfaden, drauf das Heiligtum erstarb.
Und ihre Dauer, die ich hier erfahre,
Erneuert sich und fährt mit meinen Schritten
In Welten, wo ich sie vergeblich warb.
Vers 6457 bis 6476:
Wo die Wege über Sümpfen schwanken,
Heidekraut verführt und sich die alten
Kiefern mit den Birken unterhalten
Über Träume, die im Moor versanken,
Darf allein das Volk des Zwillings walten.
Dieses Land, im Tierkreis ungedeutet,
Ist an Pilzen reich und seine Mären,
Die aus Dämmer sich und Herbst gebären,
Hat die Schrift des Kreuzes nie erbeutet,
Wie der Schiffer nie bezwingt die Schären.
Daß dem Fremden sich dies Rätsel löse,
Glaube nicht, sieht er im Tun die Laune,
Und das Leiden, wenn sich sagt Alraune,
Denn der Zwilling trennt nicht Gut und Böse,
Drum vergiß den alten Zwist und staune.
Wandre durch das harte Gras und Gräben,
Wo die Kiefer sich vertraut der Birke,
Und begeht in elbische Bezirke,
Daß Apoll dich mit entflammten Stäben
Anrühr und der rote Zaubrer wirke.
Vers 6477 bis 6496:
Wander-Gelbling, Sendling, Gast
Aus der Sonne Jupiters,
Senk dich sanft und ohne Hast
Auf das Gelb in meinem Vers.
Klee, Luzerne, Wicke sahn
Deine Post, bis du im Herbst
Habichtskraut und Löwenzahn
Mit der zweiten Gilbe färbst.
Aus dem Sonnenwagen keck
Nahm, der dich mit dunklem Rand
Schuf, das Licht, den Schuppenfleck,
Drein sich Goldgeäder wandt.
Von April bis Erntedank
Spannst du dich in Hain und Au,
Über Alpenpässe frank
Wanderst du in deutschen Gau.
Selten naht dein helles Kleid,
Wenn ich dich am Nektar merk,
Spür ich, wie das Herz befreit
Joves Gruß vom Idaberg.
Vers 6497 bis 6544:
Des Zephyrs Gesind:
Die Schwelger im Schmand
Durchsegeln den Wind
Als Vierwappen-Stand.
Wo Brache und Weid
Zu Ostern erwacht,
Umschwärmt dich die Maid,
Die Goldene Acht.
Des Gauklers Symbol
Ward hier zum Tattoo.
Auf Kleeblatt und Kohl
Bei Widder und Kuh,
Ruhn Fächer, gespreizt
Zur magischen Tracht,
Wenn Sonne nicht geizt
Der Goldenen Acht.
Mit Flecken besprüht,
Mit Rauten gesäumt,
Von Adern durchglüht,
Der Larve entträumt,
Wo Psyche sich leicht
Die Schwestern erdacht,
Den Liebsten erreicht
Die Goldene Acht.
Der Fühler, für Duft
Und Tasten geprägt,
Krümmt sich in der Luft,
Die bettet und trägt,
Was Lippe und Mund
Ein Saugrohr entlacht,
Bemüht sich im Bund
Der Goldenen Acht.
Facettenaug klart,
Der Saugrüssel schmeckt,
Beschuppt und behaart
Der Tagfalter leckt,
Wie Kinder des Zeus,
Im süßesten Schacht,
Und nennt das Gehäus
Die Goldene Acht.
Sie werden noch sein,
Wenn Widder und Kuh
Weiß nur noch der Wein,
Sie hören ihm zu,
Fuhr unser Geschlecht
In stygische Nacht,
Bleibt Nektar gerecht
Der Goldenen Acht.
Vers 6545 bis 6560:
Rotbrauner Flügler, der Schlangen entrollt,
Geist, der mit Farben und Mächtigkeit bannt,
Grauviolettes Geäader und Gold,
Dreiecke, durchscheinend, magisch entspannt.
Dies ist der Recke, der Berge erhebt,
Unter den Psychen, aus Zartheit geschöpft,
Dies ist der Mantel, zur Krönung gewebt,
Der seinen hungernden Prunkträger köpft.
Kurz ist das Leben, das Nahrung nicht weiß,
Da sich der Puppe unendlicher Traum
Über die Farben von Lohe und Eis
Sichelhaft spannt in den bläulichen Saum.
Aber nicht Dauer allein ist das Glück,
Daß einen Augenblick prunke der Gott
Und sich der Purpur zum Fluge verzück,
Schleppt sich die Raupe als Klumpen und Spott.
Vers 6561 bis 6600:
Eh die ersten Lieder
Wort und Weise spannen,
Schirmten Mohn und Flieder
Was die Brauen sannen,
Federkiel und Tusche
Suchten frühsten Psalter,
Unterm Fliederbusche
Kam der Distelfalter.
Ritter aus Italien,
Die sich hier verpuppen,
Wo Petunien Dahlien
Schaun am Gartenschuppen.
Barfuß und in Locken
Rinnt dein goldnes Alter,
Auf der Nessel trocken
Saß der Distelfalter.
Von den Apfelsinen
Spricht die Flügelfarbe,
Dunkelbraun von Kienen
Zeigt dir manche Narbe,
Wich das Jahr der Scharen
Rarsten Zeichens Halter,
Hast du doch erfahren
Deinen Distelfalter.
Juni-Sonne brannte
Überm Gartenzaune,
Und die Mythe kannte
Einhorn, Phoenix, Faune,
Manchen Freund erträumte
Deines Pfad Gestalter,
Doch der hell Gesäumte
Blieb der Distelfalter.
Mischt das Rot den Wäldern
Ahorn im Oktober,
Sieht in Stoppelfeldern
Dich das Lied als Lober,
Küren Halm und Ähre
Traum zum Sonnenwalter,
Zog zum Mittelmeere
Heim der Distelfalter.
Vers 6601 bis 6628:
I
Falterflügel, Faltersamt,
Sind der zartste Weg ins Licht,
Wem genug die Blüte flammt,
Findet hier sein Angesicht.
Schon seit alters wird die Seel,
Mit der Sonnlust gleichgesetzt,
Duftig ist der Marschbefehl,
Leicht ist dieser Schild verletzt.
Wer die größte Schonung braucht,
Ebenso im Feld agiert,
Wer in Nektarkelche taucht,
Sorgt, daß der kein Blatt verliert.
Wenig braucht, wer innigst spart,
Wer nicht jagt und nichts zerreißt,
Wer sein Mahl im Fluge gart,
Schmetterling und selig heißt.
II
Fliege nicht im Eulenkleid,
Brülle nicht wie Bär und Leu,
Denn du mußt nicht meilenweit,
Daß die Blume dich erfreu.
Schwebe ist nicht Raserei,
Vor dem Rausche steh der Traum,
Was ihn trage, was er sei,
Fühlt der so geformte kaum.
Größten Wagemut gewann,
Wem der Wortsinn kam abhand,
Auf die Flügel kommt es an
Und die Art, wie man sie spannt.
Vers 6629 bis 6642:
Du kehrst aus Fernen, die ich nicht durchdringe,
Du weißt, dein Auge wird mich überlisten.
Du ordnest zu Gesang und Schweigefristen
Die Zeit, daß eins das andere bedinge.
Um deinetwillen bot verrückten Zwisten
Ich Nahrung und mir selber manche Schlinge,
Verleugnete selbst dich und pries die Ringe
Der Schatten, die die schwarze Raute hißten.
Noch weiß ich nicht das rechte Maß zu gliedern,
Nach deiner Art die Arme zu befiedern,
Die rätseln, ob mir solche Weisheit tauge.
Vielleicht erscheinst du mit verhangnen Lidern,
Doch deinem Dunkel muß das Licht erwidern,
Noch vom Nadir das sonnenhafte Auge.
Vers 6643 bis 6740:
I
Verzweiflung tobt, Geschrei, Zerstörungswahn.
Der Pöbel plündert. Ins Gemach bricht Feuer.
Die Erde wankt. Ergebenheit Getreuer
Zerbricht, doch nicht der Schatz aus Sirian.
Ältester Macht entschlüpfen Ungeheuer
Durch Mürbes, das der goldene Titan
Beglüht hat und begrünt der große Pan,
Und hausen, daß der Rat den Göttern teuer.
Dich aber führt in deinem Ring das Steuer,
Dich faßt bei deinem Gang durch Hof und Scheuer
Die Gorgo nicht noch der Charybde Zahn.
Du zahlst der Natter, die dich hegt, die Heuer,
Singst toten Göttern und den Aufbruch neuer,
Und der dich feit, erkennt in dir den Schwan.
II
Wenn Jove und Saturn im letzten Zeichen
Des Winters, hilft kein minderer Granat,
Und wenn das Reich von Papst und Zölibat
Zu büßen hat für die gefällten Eichen,
So sei getrost und Wolf im Hühnerstaat,
Und birg die Meisterwerke durch die Speichen
Der Zeit, der seine Hoheit zu vergleichen
Nicht ansteht dem, der Orpheus dort vertrat.
Für jene, die mit der Potenz von Leichen
Am Quell, für Echtes blind, vorüberschleichen,
Sei das Gelächter des Homer parat.
Doch Plünderer, die sich des Heros Reichen
Zu nahn getraun mit der Moral von Scheichen,
Vertilg der Stein mit Blitz und Attentat.
III
Wenn obere und untre Hydra kosen,
Das Firneis auf den Samenströmen thront,
Wenn Helios Weib wird und im Dunkeln front,
Gähnt die Chimaira aus Pandorens Dosen.
Wenn Hades selbst sein Requiem vertont,
Die Schatten treiben durch Alleen und Gosen,
Wenn sich zur letzten der Metamorphosen
Der Pfeil empörte, dem zu folgen lohnt,
So führ den Pegasos, den fessellosen,
Zum Atlas durch des Okeanos Tosen,
Der wund den Schwan Apollons nicht verschont.
Und decke dich im Marmorgrund mit Moosen,
Wo dich der Omphalos bekränzt mit Rosen
Und sternengleich die blanke Haut bewohnt.
IV
Du bist der Narr der einundzwanzig Pforten,
Der durch die Schale, die das Weltei deckt,
Lautlos hindurchgeht, Hieroglyphen weckt
Und der sie führt als magische Eskorten.
Du hast des Pfauen leichtes Blut geschmeckt,
Du kennst den Winzer und du prüfst die Sorten,
Du trägst im Sack, verziert mit Silberborten,
Den Stein, der selbst des Tigers Mut erschreckt.
Wo Sichel, Dreizack, Krummstab mit verdorrten
Seekräutern, die dir Wind und Wellen horten,
Verschwistert und der Salamander heckt,
Sind Leu und Lilie eins in Zauberworten,
Bevor die Drachensaat an allen Orten
Aufgeht und sie verschlingt im Schlußeffekt.
V
Vertrau der Weisheit, die vom Sandelkiene
Den Raum durchweltet und im feinsten Rauch
Den Göttern frommt und dem Augurenbrauch,
Den Python weckt und die Psilocybine.
Der edle Stein birgt einer Schlange Hauch,
Im Bergkristall die weiße dir erschiene,
Die blaue schuf den Rat der Mandarine,
Und deiner fand sich ein Palladion auch.
Der Narwal spielt im Haar der Melusine,
Wenn Proteus sich mit einer Gauklermiene
Smaragden Augs vermählt onyxnem Bauch.
Doch sie, der was entsteht schon längst Ruine,
Wählt zum Gehäus die Macht der Almandine,
Darein dein Geist gefeit und heiter tauch.
VI
Noch ist es nicht die Zeit, das Floß zu sichten,
Mit dem der letzte von Atlantis stieß,
Der einst im Himmel Lapislazulis
Erscheint, eh sich die Wolken rasch verdichten.
Noch sucht der Argonaut das Goldne Vlies,
Der Narr den Stein zum Mosaik zu schichten,
Und noch versteht den Wipfelsang der Fichten
Die Schlange, die sich sonnt im Silberkies.
Noch fügt sich Klotho den Gesetzespflichten,
Und Atlas steht, ergraut in Sturmgesichten,
Ob Phosphoros auch die Posaune blies,
Und hält, den Elementenzwist zu schlichten,
Im Kern der Vierheit deinen Herzblut-Lichten,
Den großen Schlüssel, der Karfunkel hieß.
VII
Enthüll dein Sakrament der Pyramide,
Den Tag des Gauklers zelebrier und faß,
Vom Blut der Tiere und der Kräuter naß,
Das Los, für das sich Psychopomp entschiede.
An seiner Grenze glüh und glaub nicht, daß
Das Totenbuch in der Phiole siede,
Der Pytholith dein stolzes Herz befriede
Und einer käm, der Liebe tauscht für Haß.
So wandle unter flammender Ägide
Zum Hymnus dir das Heil und das Morbide
Auf Stirnen, vor der Macht des Sängers blaß,
Bis du zuletzt, die Götter leid, im Riede
Den Schwan des Zeus zerfetzt mit erznem Gliede,
Schwert-König stichst mit deinem letzten As.
Vers 6741 bis 6820:
Als noch das Haar des Dachses
Gab Maß für Lied und Buch,
In Feldern blauen Flachses
Wuchs Liebe, Treu und Such,
Als man sich noch mit sachter
Verbeugung an der Linde
Gegrüßt, schrieb ein Erwachter
Joringel und Jorinde.
Und zart sind seine Tupfer,
Verhalten ist sein Ton,
Er zagt als junger Hupfer
In Demut und Passion.
Er wagt mit ihr die Reise,
Schlank wie Vanill und Dingel,
Und so ertönt die Weise:
Jorinde und Joringel.
Doch ist das Böse älter
Als Glück und aller Reim,
Ein jeder tritt die Kelter
Allein und sucht sich heim,
Und ward das Schaf gemolken
Und Spielzeit lacht dem Kinde,
Drohn doch schon dunkle Wolken
Joringel und Jorinde.
Der Mai weiß keinen Hagel,
Der Sauerampfer schmeckt,
Der braune Fingernagel
Hält sich in Scham versteckt,
Doch Neid schaft Pfeil und Bogen,
Daß er das Paar umzingel,
So wird der Lenz betrogen
Jorinde und Joringel.
Der Fluch, der ihn versteinte,
Sie fängt als Vogelsang,
Vernichtet das Vereinte,
Zerreißt im Eulenfang.
Die Schinderin der Herzen,
Gesalbt mit Ackerwinde,
Schafft Einsamkeit und Schmerzen
Joringel und Jorinde.
Er dient dem Treu-Examen
Als stiller Schäfer gut,
Er bleibt bei seinem Namen
Und rein in Aug und Blut,
Und seinen Tag durchläutet
Die Herde mit Geklingel,
Und der Refrain bedeutet
Jorinde und Joringel.
Der Sommer geht, Oktober
Macht gülden Au und Hag,
Das Heu ist längst im Schober,
Und kürzer wird der Tag,
Es folgen kühle Nächte,
Taub bleibt des Herbsts Gesinde,
Daß es zusammenbrächte
Joringel und Jorinde.
Es weiß ihm mancher besser
Was schicklich und gemein,
Und wie ein Schlachtermesser
Treibt Frost ins Herz hinein,
Daß manche Lippen röter
Und holder, rät ein Schlingel,
Doch wird das Eis nicht Töter
Jorinde und Joringel.
Er träumt die Blume, blutig
In ihren Blütenfarben,
Erfährt, daß viele mutig
Sie suchten und verstarben,
Das Perlen Morgentaues
Bekrönt, die niemand finde,
Er bittet Gott, vertrau es
Joringel und Jorinde.
Neun Nächte und neun Tage
Streift er durch Au und Tann,
Bis er, so weiß die Sage,
Den Wunderblust gewann,
Daß sie befreit sich finden,
Sein Zeh im Sand den Kringel
Vollendet, daß sich binden
Jorinde und Joringel.
Vers 6821 bis 6885:
Für Georg Pfeiffer
Entwaffne dich und schenk das Öl der Narden
Dem Gast, der eine Lanze für dich brach.
Vermute ihn im Sprung des Leoparden,
Im Falter, dem der Speer die Nahrung stach.
Du trägst den dunklen Edelstein der Sarden,
Den Skarabäus, der den Lichtgott sprach,
Doch du vertraust allein dem Rausch der Barden
Und gehst, ein Narr, allein der Nase nach.
Geheime Lust im Sonnenlicht zerbrechlich,
Als ob Dryade saumwund-samten klag,
Gespür, das dir der greise Wind nur schwächlich
Herüberwehn und offenbaren mag ...
Und doch, es macht die Botschaft nebensächlich,
Der große Pan sei tot, der Göttertag
Verlorn. Du weißt, das Auge ist bestechlich,
Und wo ein Reis dich lockt, siehst du den Hag.
Wo soll das enden -- fragen Harm und Hege,
Bei dem, der mich gesandt -- spricht froher Mut,
Der Wille ist ein Grund für Furt und Wege,
Was niemand wägt, das ist dem Wager gut.
Wer pirscht, geht anders als der Marsch-Stratege,
Denn erst im Tun erkennst du, was sich tut,
Und eh dich Alter auf die Bahre lege,
Siehst du im Dickicht stets den Wotansknut.
Du schaust den Weg, den, wenn er aufhört, keiner
Fortführt, den je ein Menschenherz erdacht,
Durchs Rad der Spinx, verhalten kurz ob einer
Speerspitze, die dein Wappen wob zur Tracht.
Für dieses Schiff bist du der rechte Schreiner,
Denn wer sich je erhob zur Kaiserwacht,
Ersehnt allein den Blick, der ihn versteiner,
Wenn ihn die Klamm umzingelt und die Nacht.
Die Weiser, die dich warnen, stehn erhoben,
Der Schleier auf dem Gral verlangt dein Blut,
Das Kreuz, flankiert von unsichtbaren Roben,
Schreckt den, der unerlaubt das deine tut.
Doch du, in seinen stillen Kreis verwoben,
Liebkost Basalt, darin die Vorwelt ruht,
Bis Stauden dich, die mildes Waldlicht loben,
Umwerben als der blaue Fingerhut.
Zuletzt wird dich der weiße überraschen,
Gesprenkelt fein und reif im Julio,
Und du wirst an der Macht des Samens naschen
Den Rausch der Rauhnacht und des Indigo,
Bevor der Hang, durchfurcht und unterwaschen,
Lawinen löst, Gehölz und Gras und wo
Du Halt fandst, wie das Garn verletzten Maschen
Entrinnt und fällt, allein der Tiefe froh.
In welches Reich mag dich der Sturz verpflichten,
Der Schrecken, den du an der Pforte zahlst?
Wird dich der Neid der Götterschar vernichten,
Weil sterblich du von ihrer Tafel stahlst?
Doch holder sind dir noch die tiefren Schichten,
Drin du geschloßnen Augs die Zeichen malst,
Zutiefst beglückt in zärtlichen Gesichten
In Farben, die der Tag nicht kennt, erstrahlst.
Hier erst, befreit vom Wehn der Menschenalter,
Tritt aus der Wolken Groll der volle Mond,
Der Wäger und dein Gast, der Traumverwalter,
Der selber Traum, den frühsten Traum bewohnt.
Daher, wo niemals Raum ist, dringt der Psalter
Zum Fels, darauf das Schwert der Asen thront,
Und du sprichst aus das Wort vom Weißen Falter,
Bevor er auffliegt und dich diesmal schont.
Vers 6886 bis 6915:
Lenk deinen Schritt in seine Acht,
Am Morgen, eh der Tag erwacht,
Macht hohen Sinns die Barke flott,
Miß nicht die Tat, die du vollbracht,
Laß Sorge gehn und sorg der Fracht
Allein für Ritter Lanzelot.
Sei untreu, wenn sein Speer dir winkt,
Cäsaren, und im Stern, der sinkt,
Heisch nicht den dreimalgroßen Thoth,
Ist es dein Blut, das strömend blinkt,
Lausch dem Geräusch, wenn er es trinkt,
Leichthin für Ritter Lanzelot.
In Fahrt und Fahr sei seiner froh,
Nur ihn sieh und das Rechte so,
Gelassen noch auf Feinds Schafott,
Leg dein Gesicht und frag nicht wo
Als letzten Stein im Domino
Milchweiß für Ritter Lanzelot.
Mit ihm hast du das Reich geschaut,
Land, Burg, Alraune, Lerchenlaut,
Als sei sein Teil, was einzig Gott.
So opfre Somas seidne Haut,
Cuprit, mit Wolkenschnee betaut,
Heilsam für Ritter Lanzelot.
Ihm sei das Schwert, das Gott zerbricht,
Lieb mag dir beistehn beim Gericht,
Lust im Gesang und Lust im Spott.
Ich schreib euch beide ins Gedicht,
Nur scheid ich eins vom andern nicht,
Genau wie Ritter Lanzelot.
Vers 6916 bis 6963:
Sag, Seher des Rades, der Schale,
Welch Reich dir im Westen vertraut,
Umklammert dich Ozeans fahle
Traumfarbe im Weltwogen-Laut?
Wenn Apophis, Laichplatz der Aale,
Im Spiegel, der blind bleibt, ergraut,
Gewahre im Grau der Opale
Den Schlund, der die Sonne verdaut.
Der Fahrende, abhold profaner
Ermüdung im Schlingwuchs von Tang,
Erkennt unterm Stier der Iraner
Den Widder mit großem Gesang,
Er tritt durch das Tor der Erahner
Und niemand bestreitet den Gang,
Er bannt den Hermopolitaner
Und nährt sich von magischem Fang.
Sein Spruch ist die goldene Barke,
Sein Auge verkündet: Du weißt.
Kein Uschebti reicht ihm die Harke,
Kein Klagvogel trübt seinen Geist,
Er trinkt von den Bieren das starke,
Das Hirn er des Pavian verspeist
Und herrscherlich setzt er die Marke
Ins Nirgendwem, das ihn umgleißt.
Er trägt seinen Himmel im Herzen
Und Horus entlieh er die Tracht,
Der Messersee wird ihn nicht schmerzen,
Die Schlange besucht ihn bei Nacht,
Sein Kreis ist erleuchtet mit Kerzen,
Von Häuptern, gekrönten, gebracht,
Was duldet, verfällt seinen Scherzen,
Was aufsteht, verfällt seiner Macht.
Er nennt sich der Phoenix, das Gestern,
Er weiß, wen das Morgen zerstört,
Er weiß, was die Sieben verlästern,
Die Trauer der Isis empört,
Er treibt das Gewürm aus den Nestern
Am Ibishang, den er beschwört,
Er macht sich die Schwalben zu Schwestern
Und hat auch dem Falken gehört.
Dies wisse und sag deinen Gästen,
Der Kampfplatz der Götter ist rot,
Nichts blieb von den großen Palästen,
Doch dieser Kampf weiß nichts vom Tod,
Zwar fallen von jeher die Besten,
Und Sang wird von Schweigen bedroht,
Doch steht vor dem Tor gegen Westen
Ein Einzelner aufrecht im Boot.
Vers 6964 bis 7019:
I
Wir bringen Früchte und den Reif der Ähren,
Gegürtet mit dem Rot des Rosenstocks,
Wir ziehn durch Öd und Weil zu Equinox
Und zeigen, was die Felder uns gewähren.
Ölkrüge tragen Esel uns und Ochs,
Urbrauch darf heut im hohen Amte gären,
Es gilt der Rode und den frühen Mären,
Sonst wärs verfehlt wie Gärten ohne Phlox.
Gesungen wird von alten Finsternissen,
Drauf Gottes Tag beruft den Bauernschweiß
Zum Bund, den Macht und Lüge nie zerrissen.
Und heilig sind uns Krume, Halm und Reis,
Die Früchte, die wir mit Fanfaren hissen,
Der Segen, dem wir treu in Dank und Fleiß.
II
Das Gotteshaus beherrscht die Erntekrone,
Der Überfluß, geschichtet und gereiht,
Auf daß sich Tat und Müh des Bauers lohne,
Sei Dank dem Herrn der Erde und der Zeit.
Nicht ist der Mensch vor Hungersnot gefeit,
Nicht vor der Flut, nicht vor der Steppenzone,
Und nicht daß er mit Witz und Weisheit frone,
Bestimmt, daß etwas fruchtet und gedeiht.
Drum sei im Dank das Opfer nie vergessen,
Darin wir dessen Herrlichkeit verehrn,
Den wir im Geist und in der Nahrung essen.
Er wird uns seinen Segen nicht verwehrn,
Denn größer ist sein Herz, als wir ermessen,
Sein Fittich, drunter wir kein Gran entbehrn.
III
Der Erntedank ist Zeit auch für den Sänger,
Hier kehrt zum Volk der Flug durch Au und Tann,
Wie Feld und Himmel rührn sich Weib und Mann,
Als ob der Wind das Abendrot verlänger.
Das Lied, das Mut in Einsamkeit ersann,
Faßt nur die Landschaft und den Kreislauf enger,
Doch jeder Psalm erweist den Wiedergänger
Des Schöpfers, der uns Flur und Flut ersann.
Nicht nur vom März zum Michaelisfeste
Schlug sich ein Kranz, den Winterschlummer sinnt,
Der Kreis des Jahr kreuzt auch des Ritters Queste,
Die vor der Zeit in Monsalvat beginnt,
Und jedes Jahr schaust du die stolzen Gäste,
Wenn Wahn und Wachen Bardenreim umspinnt.
IV
Im Erntedank hat sich der Wind gewendet,
Der Ostern sprach von Schmerzen und Passion,
Die Stoppeln bleichen, wo die Astern schon
Ein Gold begrüßen, das in Stürmen endet.
Wer viel gewann und wer im Rosen-Ton
Geschwelgt in dieser Stunde gern verschwendet
Sein Herz dem Wind, der nichts als Trauer spendet,
Melancholie für Julis Lieblingssohn.
Der Sommer scheint ein Hort der Kindertage,
Kornblumen, blau gezackt, und Mohnenrot
Sind ein verlornes Heil und ohne Frage.
Denn wo das Werk getan, erscheint der Tod,
Wo Jugend tanzt, schleicht sich die Dämmerklage
Zum Sänger, der das Erntedanklied bot.
Vers 7020 bis 7067:
Erkenne meinen Hof und schöpf den Trank
Vom Brunnen, noch bevor der Abend sank.
Du bist erschöpft und deine Seele krank,
So sei gelabt und wasch dein Auge blank.
Hier bist du wohl bewahrt vor Krieg und Zank,
Ich frage nichts, erzähl den Birken schlank
Dein Los, und daß du ruhst auf schlichter Bank,
Sei Ehre mir und meinen Göttern Dank.
Ersteige meinen Horst und faß den Met
Mit beiden Händen, wenn der Westwind weht,
Wer hoch hinaus und stets aufs ganze geht,
Der meidet Gram und weibisches Gered.
Drum schmiede, bis der Runenzauber dreht
Das Schwert, und wenn das Aug nach Trübung fleht,
So sei gewiß, sobald das Füllhorn steht,
Komm ich dem Wunsch zuvor und dem Gebet.
Erfahre meine Halle, schmeck das Bier,
Daß niemand sag, du seiest säumig hier,
Dort wo die Schwarte tropft von Elch und Stier,
Vervollkommnt dich das Faß zum reinen Tier.
Die Rüstung, Helm und Wappenschmuck verlier,
Im Reich der Mütter lösch Gestalt und Gier,
Und was mein Stab dir reimt, das glaube mir
Und träum am Fuß von Eiche und Menhir.
Erinnre meines Heims dich, koste Wein,
Wer mich besucht, muß immer trunken sein.
Das Wunder liegt zutag im Sonnenschein,
Denn flüssig ist das wahre Gold vom Rhein.
Was lebt, das liebt, was lieben kann, ist mein,
So spricht der Becher, wenn die Dichter frein.
Was dichtet, schäumt, drum schenk nicht mäßig ein,
Wer so sich läutert, wird zum Edelstein.
Erobere mein Herz und tausch das Blut,
Ein andrer Trank verdünnt den eignen Sud,
Wenn uns der Rausch nicht reicht, die Augenglut
Das Band zerreißt, dann sind die Zähne gut.
Was sich nicht wehrt, das weckt die nackte Wut,
Daß Eros thront und Ares maßlos tut,
Bis der Olymp sich schloß mit Harm und Hut,
Und gastlich sei mein Haus der großen Flut.
Erwähle meine Huld und laß den Geist
Ausschweifen ins Gedicht, das dich beweist.
Er setzt das Maß, das du dem Schenken leihst,
Doch maßlos ist er selbst und trunken meist.
Er hat die Länder, die du suchst, bereist,
Er sagt dir nicht, wie du zur Mittnacht heißt,
Doch hegt er keinen Zweifel, wer du seist,
Und kennt den Trank, daß du zuletzt verzeihst.
Vers 7068 bis 7107:
Chorus, der die Elemente
In des Dichters Traum vertritt
Und das Wort der Unsichtbaren
Aus dem Nebel tragen mag,
Läßt, bevor der aszendente
Steinbock das Gezelt erstritt,
Alles Gold des Sommers fahren
Für den dunklen Krönungstag.
Wer sich nach des Eisweins Ernte
Fand im Grotten-Turmalin,
Schwimmt forellengleich in freister
Tiefe ganz im Silberglanz,
Alles, was die Haut besternte,
Ist ein Lobgesang für ihn,
Denn der Souverän, der Meister,
Schenkte ihm den Lorbeerkranz.
Sieben Fackeln auszublasen,
Für die Hochzeit, die dir droht,
Mischt dein Atem sich mit Lethe
Und dein Sang mit dem der Flut,
Auf dem Asphodelosrasen
Wahrt allein der Pilz das Rot,
Und das Jahr, das dir verwehte,
Wird das Gift in deinem Blut.
Nichts vermag den Rausch zu dämpfen,
Ist die tiefste Nacht erreicht,
Unterm Schutt der Tempel preisen
Die Gefallenen den Krieg,
Du bist nicht ersehn zu kämpfen,
Denn dein Herz, dein Sinn ist leicht,
Was von Bronze war und Eisen,
Wandelt sich zu Gralsmusik.
Und im Klang der Philomelen,
Siehst du, an Vergessen reich,
Nur die Huldin, die sich häutet,
Was sie singt, verstehst du nicht.
Ihr Gesang kann nichts verhehlen,
Denn im Herzen seid ihr gleich,
Doch bevor dein Haupt es deutet,
Steht ein neues Jahr im Licht.
Vers 7108 bis 7147:
Hör den Schlag vom Glockenturm,
Der vermeint, es sei schon spät,
Dünengras vergaß den Sturm,
Strandgut, was Aurora rät.
Du in Rostbraun, du in Samt,
Geist, der von der Mündung stammt,
Solltest schlafen, doch das Lied
Schläft nicht, wenn dir Schlaf geschieht.
Kobalt-Schild, vom Traum geblaut,
Tod im Leib, dein Schuppenschwanz
Ruft die Nehrung, deine Braut,
Lautlos wach zum Neumond-Tanz.
Wo Bewegung nicht mehr mag,
Wird das Hiersein ganz zur Flucht,
Wird Legende Licht und Tag,
Schlaf Geheimnis, Geist der Bucht.
Heb die Anker aus dem Schlamm,
Ufer, das im Fischdunst west,
Werde ganz vom selben Stamm,
Wenn du dich im Schlaf ergehst.
Sei im Pelz des Hermelin,
Wink, daß Star und Schnepfe ziehn,
Hauch der Mole, ach, das Lied
Weiß nicht, wie dir Schlaf geschieht.
Nebel-Leite, Traum-geküßt,
Zieht die Haut aus Algen straff,
Einkehr herrsch, daß kein Gelüst
Trenn den Geist vom sanften Haff.
Wo kein Bug den Spiegel schnitt,
Ganz nach innen fiel die Sucht,
Spielt auch meine Karte mit,
Die du einfingst, Geist der Bucht.
Spann die Segel ins Gedicht,
Ins Verlorne wirf das Netz,
Alles was du tust, tu nicht,
Was dir nicht gegeben, setz.
Losch das Mal der Stirn, die Spur
Von Vergängnis, Lust, Tortur,
Träumst du silbern, doch das Lied
Hofft nicht, daß dir Schlaf geschieht.