Die Welt wird Prosa mehr und mehr,
Der Glaube selbst ist ohne Wehr,
Was hat das Ewige verschuldet,
Daß man's nur nebenher noch duldet?
– Platen
Vers 7148 bis 7195:
Libelle vibriert im Geflimmer
Der Hitze, von Schemen umringt,
So dünn, wie von Nirgends und Nimmer
Die Grille am Ufersaum singt,
Und niemand, der hold oder grimmer
Gebärde ein Zeichen vollbringt,
Doch hoffst auf Blitze noch immer
Und auf einen Gott, der sie schwingt.
Flußfahrt, unter Himmeln zu reisen,
Figuren, zerklüftet, gezackt --
O Gleichmut in wellenden Kreisen,
Die Furcht und Entsetzen nicht packt --
Ein Lied nicht, wie einst es die Meisen
Im Baum sangen, frühlingsbeflaggt,
Nur einmal im ahndungsweis Leisen
Schaust du noch dich selber und nackt.
Einkehr in die Träume der andern,
Wie Sumpfgas aus Schlicktiefen schnellt,
Mit Einhörnern und Salamandern
Die Spiegel durchschreiten der Welt --
Und doch, auf den sanften Mäandern
Fragt alles, was kommt und verfällt:
Was hilft es durch Herzen zu wandern,
Die morgens ein Lichtstrahl zerschellt.
Dem Leben liegt nichts an den Toten,
Der Atem macht untreu, die Nacht,
Empfänglicher noch für die Boten,
Führt Sorgen und Trümmer als Fracht,
Und löst du geduldig den Knoten,
Das Netz, das den Schweifer verlacht,
Die Flammen der Lippen verlohten,
Und niemand ist frei, der sie facht.
Kehr heim, doch was war, ward zunichte,
Was Wachen und Wehen noch trennt,
Erinnerung oder Geschichte,
Wie sie diese Landschaft nicht kennt,
Verlor die ererbten Gewichte
Und sagt, bis sie taumelnd verbrennt,
Daß sie dich zu nichts mehr verpflichte,
Kein Los deiner Sehnsucht verschwend.
Libelle vibriert in der Hitze,
Und seltsam erleichtert vermißt
Du nicht mehr die göttlichen Blitze,
Als Gast, der du immernoch bist,
Verschließt du entbunden die Ritze
Zu Wechsel, Gestaltung und Frist,
Und löschst wie der Zeichner die Skizze,
Und trinkst aus dem Strom und vergißt.
Vers 7196 bis 7219:
Wer den ersten Stein zu werfen
Wagt, hat sieben im Gepäck,
Um den sechsten Sinn zu schärfen,
Brauchts das siebente Versteck,
Wenn die Babylonier teilen,
Sieht man, ihr System besticht,
Fünf und sechs in Eintracht weilen,
Doch das Siebtel fügt sich nicht.
Sieben Fackeln vor dem Throne,
Sieben Hörner trägt das Lamm,
Sieben Fürsten hausen ohne
Gotteswort im Höllenschlamm,
Sieben Wandelsterne sagen,
Was im Künftigen gedeiht,
Sieben Weise, sieben Plagen,
Vierheit Raum und Dreiheit Zeit.
Dreimal sieben sind die Zeichen,
Drinnen sich der Narr verbirgt,
Sieben Tage mußten reichen,
Daß der Geist die Welt gewirkt.
Sieben Jahr die fetten Zeiten,
Sieben Jahr dann Hirsebrei,
Darum sagt, wer mag bestreiten,
Daß die Sieben göttlich sei?
Vers 7220 bis 7315:
Nenn deinen Namen, Narr, und sei dir nah,
Eh du den Steinkreis schufst, war er schon da,
Eh Aleph sich erhob aus Omega,
Der Speer im Schwan sich schlang zur Algebra,
War er, der nie erschien und nie geschah,
Dem Nichts das Nur, das sich zum Noch ersah,
Als ob der Neid der Nacht befahl: gebier
Die Nacktheit, die zum Namen ward: Nadir.
Er schweigt, doch du, sein munterer Satrap,
Trägst den Anubis-Helm, den Eibenstab,
Insignien, die dir Proteus’ Schwester gab,
Wie auch den Gürtel mit dem Spruch: Ich hab
Die Nacht geträumt. Berühr das Hügelgrab
Und fühl den toten Punkt im Astrolab,
Und eh dein Atem im Kristall gefrier,
Vergiß das sanfte Unwort nicht: Nadir.
Dein Wandeln spricht sich aus im Moosachat,
Sein ist das Wort und dein vielleicht die Tat,
Doch während Holdheit dein Gemach betrat,
Die Nereiden dich umwerben, naht
Auch Adrastea, Schlange, Schale, Rad,
Und ritzt ein Kreuz in den erwählten Pfad.
Wo Un zu Ur einst ward und Gold zu Gier,
Ragt er, der Unbekannte Gott: Nadir.
Du weißt es nicht, woher der Einfall traf,
Daß du den Quart verwirfst und zum Oktav
Die Hieroglyphen drängst, die Schwinge Schlaf,
Die Scheidemünze und das Opferschaf.
Du weißt nicht, ob er lohn und ob er straf,
Nicht wer der Pol und wer der Seismograph,
Nicht, wer der blinde Quell, wer der Menhir,
Nicht, wer der Barde ist und wer Nadir.
Du tagträumst, und die Sonne steigt im Hag,
Najade läßt, da Notos schwelgen mag,
Ihr Haar, und wie die Schnitter schaun Ertrag,
Kränzt Daphnes sprödes Blatt den Nachmittag,
Bis dich, Waidwunder, drin die Mistel stak,
Gewißheit packt, dir sind mit einem Schlag
Jodfarbner Gral und du, sein Juwelier
Kronkolonien der Nabelschnur: Nadir.
Was dich erlöst, macht nur den Magen frei,
Nicht Atem, Adern, nicht den Arm von Blei,
Für Ich und Mich birgt er den Kork der Drei,
Und wo du zuckst, wohnt er gelassen bei.
Er stellt den Kern und schweigt im Todesschrei,
Im Wirbelsturm ist er das Schlangenei,
Und in der Schlacht der Leu auf dem Panier,
Der Schicksalsfuge Kontrapunkt: Nadir.
Ihr ist, was ist und nicht ist, Ritual,
Ihm wird kein Scheitern schwer, kein Leuchten fahl,
Ihn überdacht die Welt, Saturns Opal,
Und Nicht-Welt überwölbt ihn tausendmal.
Des Rittes Aar, des Seglers Admiral
Ist er, und kürst du Lethelicht zum Gral,
So tönt, wenn du im Nachen träumst, am Pier
Die Weisheit des Cusanus noch: Nadir.
Sein Umkreis rötet Sol mit Neid und Scham,
Vor seinem Bogen scheint der Schütze zahm,
Der Himmel blaß und der Olymp infam,
Und Amaltheas Horn entbehrt den Rahm.
Er trägt den Keim, der in dir niederkam,
Das große Einerlei, das Amalgam,
Und hält den Gaukler dunkel im Visier,
Doch du, Narziß, fixierst ihn selbst: Nadir.
Mit Eulenaugen blick und auf den Zahn
Fühl ihm, der außer sich sinistrem Wahn
Alraune bot und den geköpften Hahn.
Seit Abend ist im Reich des großen Pan,
Weiß deine Klinge von Obsidian
Allein, was ungesagt und ungetan,
Und deine Haut benetzt der Opferstier,
Das Blut und das Mysterium: Nadir.
Doch du verfolgst das Tier des Bezoar,
Mohn blich die Lippe und der Mond das Haar.
Wer weist dir noch, was Zeichen ist, was wahr,
Wer trübt den Blick und macht den Spiegel klar?
Mag sein, in deinem Mantel rast der Mahr
Und du bist selbst die Trutzburg der Gefahr,
Der Stein, das Horn und ganz zuletzt das Tier
Dem Jäger, der dich nicht verfehlt: Nadir.
Wer wer, wer wem? wie bald schon wächst das Gras
Darüber, und dir bleibt kein Mindestmaß,
Denn wer den Brand der Asenburg vergaß,
Vergißt den Geier rasch und rasch das Aas.
Dein Talisman bleibt nicht, dein Schild-Topas,
Vielleicht bleibt einzig der Pythagoras
Im ungelösten Streit von Drei und Vier,
Die Pyramide und das Lot: Nadir.
Und dennoch blüht Adon auf goldner Au,
Und Ares haust in dem geschleiften Bau.
Dies wissend, sei getrost, den Augen trau,
Dem Herzen, Meistermann der Vogelschau.
In seiner Hut, im ungetrübten Blau
Wird Wesen Welle und das Wort genau,
Die Reiche Reim und die Zerstörung Zier,
Und alles fließt zurück und wird Nadir.
Vers 7316 bis 7355:
I
Du bist in dieser Welt ein Meteor,
Daß man dich rühm, schieb einen Riegel vor,
Der dir die Zunge löst, will dich allein,
Dein Heil soll Traum und nicht die Nachwelt sein.
Was du dir schenken kannst, gib nicht für Lohn,
Dein ist der Dank, der Teil der Welt ist Hohn,
Du bist der Mund, der keinen Ruhm erwirbt,
Die Seidenraupe, die im Dunkeln stirbt.
Vielleicht, daß einer sich in dir erkennt,
Im gleichen Flammenkreis das Herz verbrennt,
Doch hüte dich, wenn er dir nicht genügt,
Er mordet, was er liebt, was ihn betrügt.
Luchs, Wiesel, Einhorn sind von selbem Wahn,
Kornblume dein, Anis und Baldrian,
Mercurium spricht von dir, noch im Fossil
Entholdet sich das Eins von Maß und Spiel.
Ob Stein, ob Bronze oder Stahlgeflecht,
Es ist nicht spät, du kommst gerade recht,
Du wanderst, was verharrt, bleibt außen vor,
Du bist in jeder Welt ein Meteor.
II
Du leuchtest, wenn die Katastrophe naht,
Es geht hier nicht um Dynastie und Staat,
Bedroht ist eines ganzen Äons Kraft,
Die Kunst, die Sitte und die Wissenschaft.
Die Erde hat schon manchen Brand erlebt,
Ihr Brautkleid manche Male neu gewebt,
Auch ist der Mensch gewiß ein zähes Tier,
Und manche lebten vor den Deutschen hier.
Du brauchst kein Volk, daß es den Spruch versteh,
Doch ohne Sprache sind kein Wohl und Weh,
Gibt dieses Volk sich auf in Zeit und Raum,
Wird auch dein Lied zum blinden Wogenschaum.
So sei dir nicht der Menge Walten gleich,
Nicht ohne sie gewinnst du Gott und Reich,
Du mußt benennen Warte, Feld und Flur,
Denn du bist dieser Sprache Anwalt nur.
So halte alles hoch, was deutsch und frei,
Du bist geborn, daß es bezeichnet sei,
Du bist verdammt zu deiner Dichtertat
Und leuchtest, wenn der Große Mittag naht.
Vers 7356 bis 7379:
Ruhepol im Sturm der Splitter,
Muster, das du nie ersinnst,
Ward der Quell des Lebens bitter,
Sieh in diesem Schlangengitter,
Odins Weisheit wuchs im Zwitter
Von Spirale und Gespinst.
Der umschlugen hält die Garbe,
Ist der Geist, der maßlos schenkt,
Daß sie aufblüh, daß sie darbe,
Liegt beschlossen in der Narbe,
Jede Regenbogenfarbe
Wird aus diesem Tau getränkt.
Sucht der Nordwind auszufegen
Haus und Halle, zerrt am Gurt,
Soll dich nicht sein Grimm bewegen,
Was sich aufbäumt, wird sich legen,
Denn du schwelgst im großen Segen
Honiggelb am Born der Urd.
Dein Refugium, Maß und Weite,
Au und Acker, Feld und Fels,
Runenrat und Opferscheite,
Sieg des Sängers, Sieg im Streite,
Skaldenmet der Osterleite
Ruhn im Herzgrund des Triskells.
Vers 7380 bis 7399:
Walknut, des Walvaters Zeichen
Dreisam geeinigte Drei,
Krieger, die Eschenholz gleichen,
Streiten und tanzen dabei.
Walknut, der Prüfungen neunte,
Schlüssel zu härtestem Los,
Weltbrand und Helnacht für Freunde
Baldurs, am Nachenzaun groß.
Walknut, Geschling und Gestichel,
Mal, das als Wunde dir schwär,
Unter der mondenen Sichel
Wird unsre Rasse zur Mär.
Walknut, der Fafner, den Drachen,
Losläßt in ärgester Not,
Walknut, als Lohengrins Nachen
Weist er das rettende Boot.
Walknut, Uresche und Wappen
Neuer Gemeinschaft im Reich,
Hüter vor Götter-Attrappen,
Schild und Verheißung zugleich.
Vers 7400 bis 7419:
Walte ich im Eichen-Hagen,
Nistest du im Birkengrün,
Lenkst vortrefflich du den Wagen,
Wird dem Feind mein Faustschlag blühn.
Wird mein Speer zum Löwenzwinger,
Schlägt dein Schwert den roten Wurm,
Raubt die Königin der Springer,
Bietet Schach der Bruder-Turm.
Folge ich dem Rausch des Greifen,
Schwebst du in des Falters Traum,
Wird dein Antlitz Hera streifen,
Dann berührt mich Hermes kaum.
Fasse ich des Gauklers Karte,
Ziehst du aus dem Blatt den Tod,
Läßt dein Arm die Zwie-Standarte,
Läßt mein Mut, was Vater bot.
Trinkt mein Mut von Ganymedes,
Wohnt dein Durst den Schatten bei,
Ewig eins und einsam jedes
Schaut der Wanderer die zwei.
Vers 7420 bis 7433:
Im Traum, da ich mir selbst begegnet war,
Da faßte ich ein Herz und sprach mich an:
Wer bist du wohl, du fremd vertrauter Mann,
Und warum ist dein Aug so blau und klar?
Er faßte mich mit warmer Hand, besann
Sich kurz und sprach, der Wind zertrieb sein Haar,
Wer nahm dein Opfer an in Stolz und Fahr,
Da Jove nicht aus Staub erwachen kann?
Wer hortet, was aus deiner Welt entschwindet,
Sumpfdotterblume, die dein Fuß nicht findet,
Der Eichen neun und überm Ried den Aar?
Du selbst -- und ich, der unter dir erblindet
Und dem Vergessen diesen Traum entwindet,
Bring mich in dir für das Verlorne dar.
Vers 7434 bis 7447:
Dem Dichter hat die Muse ausbedungen,
Nur sie zu preisen, sei der Schrein erbrochen,
Doch du Gestirn hast ihn mit Glanz bestochen
Und wirst darob durch alle Zeit besungen.
Schon früh hast du, auch mich zu unterjochen,
Den Trunkenen mit Traum begabt und Zungen,
Und wie dein Meer Ertrinkenden die Lungen
Zersprengt, schien es im Herzen mir zu pochen.
Du liebst die Ungebärdigen, die Jungen,
Und Liebe hast du deinem Sohn versprochen,
Zu viel, als daß ein Minderes bezwungen
Ihn hätte, und er wär mit Haut und Knochen,
Hätt nicht der Tag das Zwiegestirn verschlungen,
Hinauf in deinen hellen Schoß gekrochen.
Vers 7448 bis 7479:
Sturmaug des Schützen, in verbotne Fernen
Dich wagend, eh die Morgenglocke schellt,
Wer auszog, um das Fürchten zu erlernen
Und nachts seziert am Muttermal der Welt,
Der sammelt Blut in löchrigen Zisternen
Und Nebel, der sich zu Figuren stellt,
Und alles, was sich in verschloßnen Kernen
Des Drachen krümmt und ihm zuletzt verfällt.
Jahrhundertleid, blutiger Pfad für weitre,
Die kommen, daß der Sodomiten-Grind
Die Fliegen anlock und das Wundmal eitre,
Dem sie Gesäm und schwarzer Ausfluß sind.
Unstern, gewaltig, wer da aufsteh, scheitre
Am Strick, den eine große Dumpfheit spinnt,
Die Sorge trägt, daß sie das Volk erheitre
Am Schrecken, der des Herdes Platz gewinnt.
Nachtfalter landen auf zernagter Leber,
Am Lager, wo das Kreuz nicht mehr versöhnt,
Zerstampf das Korn der heimgekehrte Eber,
Bis Schnee das Tal mit sanftem Tod verschönt.
In dieser Stunde sei der Hinweisgeber,
Vertraut mit Worten, fährlich und verpönt,
Und sag den Schatz und den verruchten Heber
Im Moder, der den Königsmörder krönt.
Wolfszeit, gewähnt in der gewundnen Schramme
Des Kranken, den dein klarer Blick betört,
Doch wer das Rätsel ausspricht, wird zum Lamme,
Das Schuld und Sühne auf sein Haupt beschwört,
Und dunkler wird die Flut der Anagramme,
Das Wissen, das dir schon nicht mehr gehört,
Denn eh es tag, entsteigt der Kerzenflamme
Der Engel, der dich gnadenlos zerstört.
Vers 7480 bis 7527:
Vier Blätter fielen aus dem Paradiese,
Bewilligt, Adams Blöße zu bedecken,
Das erste schuf der Wurm zum Seidenvliese,
Im zweiten ließ der Moschus sich erwecken,
Das dritte macht dem Bienenvolk die Wiese
Zum Füllhorn, doch die rarsten Wunder stecken
Im vierten, wert, daß es ein Aug erkiese,
Den Herrn zu schaun und seinen ganzen Schrecken.
Man deutet an und redet von Gewürzen
Für Speis und Trank und für den Rest der Tage,
Von Pfaden, Müh und Wanderschaft zu kürzen
In Reiche, gold vom Abendlicht der Sage,
Doch einer weiß, der Obelisk wird stürzen,
Allein das Feuer bleibt der Herr der Lage,
Er sieht Orion sich zum Angriff schürzen
Und zittert weidwund wie der Hirsch im Hage.
Er ist das Tier, das jenes Blatt verzehrte,
Sein Los fragt nicht, ob seine Kraft genüge,
Er dauert im Exil, in das er kehrte
Aus dem Gerausch der unbemeßnen Flüge,
Er hört den Engel, der sich sonst verwehrte,
Und er versteht den Sinn der Vogelzüge,
Er liebt, doch alles, was er je begehrte,
Gemahnt, daß er sich seinem Erbe füge.
Wie allen, die von Göttlichem sich nährten,
Ist ihm ein Fluch die unerhörte Gnade,
Er ist ein Narr dem Volk und den Gefährten,
Und was von Wert ist, ist für ihn zu schade.
Jedoch sein Aug verzaubert Flur und Gärten,
Und monden steigt die Göttin aus dem Bade,
Und wenn die Birken seinen Sinn beschwerten,
Küßt ihn zur Nacht die schlanke Oreade.
Soll er den andern ihre Dumpfheit neiden,
Die bald auch sonst das Göttliche vergessen?
Und doch -- allein auf Sternenwiesen weiden
Und menschenfern die Spanne auszumessen
Des Tags und seine Täuschungen vermeiden:
Das heißt, nur noch das eine Blatt zu essen,
Das Adam half, die Dürftigkeit zu scheiden
Dem Blick, und man ergründet niemals, wessen.
Vier Blätter fielen aus dem Garten Eden,
Daß Gottes Traum der Finder weitersinne,
Und wer, getränkt von solchen Ganymeden,
Das Amt fand, wird der Drachenschluchten inne,
Die unterm Herz den hohen Mut befehden,
Doch Heil verbürgen und den Rausch der Minne,
Und die noch im Zerfall der Himmel jeden
Der Söhne fordern: Nimm den Stab, beginne!
Vers 7528 bis 7551:
Wenn die Tage länger werden,
Tritt in meinen Garten ein,
Wo mit reineren Beschwerden
Distel grüßt und wilder Wein.
Sei noch einmal eingebunden
In den Kreislauf, der so lang
Atem barg und Taumelstunden,
Ahndung, ach, so weit, so bang.
Keine Nymphe aufzuschrecken,
Klag dem Birnbaum, der die Bank
Schattet, nicht die gelben Flecken,
Nicht, was kommt, was rasch versank.
Dein Geschenk als letzter Pilger
Weih dem Wind, der Wandlung liebt,
Dann vernimm den Troß der Tilger,
Der dir keinen Tag mehr gibt.
Laß die Blüten offenbaren,
Was das Wirkliche, was Schein,
Und wenn einmal Götter waren,
Werden immer Götter sein.
Um dein Lebenswerk zu krönen,
Bleibt dir diese Stunde noch,
Doch verzaubert von den Schönen
Trittst du stumm ins Schweigejoch.
Vers 7552 bis 7623:
Zieht der Mai mit bunten Bändern
In das Tal der Herzen ein,
Soll das Spiel mit Los und Pfändern
Schicksal und Versuchung sein,
Du, durch Winter nicht zu ändern,
Vogelherz von Elfenbein
Machst die Heischenden zu Spendern,
Schuld zu Rausch und Gut zu Wein.
Lindenschatten, Lenz der Minne,
Heidnisch unter dünnster Haut,
Wenn ich dieses Spiel gewinne,
Hab ich mir ein Haus gebaut,
Doch verlier ich Geld und Sinne,
Setz ich Seelenheil und Braut:
Woge Glück und Netz der Spinne
Und ein Trunkener, der schaut.
Du, der Schäbigste von allen,
Heilig, aber nicht im Geist,
Darfst den Rest des Abends lallen,
Wenn du mir den Vorschuß leihst,
Mich zum nächsten Spiel bestallen
Sollst, solang der Becher kreist:
Sagst du, wie die Würfel fallen,
Sag ich dir, woher du’s weißt.
Wenn der Ritter fehlt dem Junker,
Wahrt die Regel nur das Spiel:
Fisch auf drei und Schuldenbunker,
Straße, Pasch und Götter-Stil!
Meine letzte Silberklunker,
Die noch nicht der Schur verfiel,
Geh mit Dichtung und Geflunker
Vor mir selbst durchs dunkle Ziel.
Hasenohr und Hundskamille,
Karten wären längst gezinkt,
Jeder Spieler liebt die Stille,
Doch wer recht hat, wird gelinkt,
Auch das Alter liebt die Grille,
Die im Glanz der Würfel blinkt,
Doch der Jugend frommt der Wille,
Der sich keinem Ziel verdingt.
Sieh nur, wie die Würfel rollen,
Dieser Vogel wird mir feist,
Während fern die Wetter grollen,
Liegt die Tafel abgespeist,
Bald sind wir, die aus dem vollen
Schöpfen, einsam wie zumeist:
Sagst du, was die Götter wollen,
Sag ich dir, woher du’s weißt.
Langsam leert sich das Theater,
Ziel für manches Spott-Geschoß,
Sieh hinauf zum Himmelsvater,
Ganymed, sein Bettgenoß,
Fragt uns nicht in diesem Krater
Ohne Wappen, Schild und Roß,
Ob man uns den nächsten Kater
In den leeren Becher goß.
Unsre Augen auszubeuten,
Macht der Würfel sechsfach kund,
Auch geschmückt mit Schlangenhäuten,
Bleibt der Beutel ewig wund,
Ich hab manches zu bedeuten,
Hab zu manchem Schauder Grund,
Aber eh die Glocken läuten,
Muß die Neige in den Schlund.
Horch wie Gottes Mühlen mahlen,
Doch ich raube weitgereist
Einer Zwiebel nicht die Schalen,
Wenn mein Lied die Mitte preist,
Du, mir treu in Lust und Qualen:
Sagst du, wie der Teufel heißt,
Der die Zeche soll bezahlen,
Sag ich dir, woher du’s weißt.
Vers 7624 bis 7671:
Federn an den Schuhn zu tragen,
Weiß der rechte Tunichtgut,
Wenn die Weiser nordwärts ragen,
Fehlt es nicht an Trank und Mut,
Dein Gepäck, von Sang und Sagen
Schwer und hold von Hanf und Mohn,
Steht mit dir und leerem Magen
Wieder an der Zollstation.
Im Gewande des Scholaren,
Der den Meister noch nicht traf,
Bist du ohne Gut und Waren
Für Merkur das schwarze Schaf,
Durch die Auen willst du fahren
Vogelfrei und ohne Fron,
Doch du mußt dich offenbaren
Wieder an der Zollstation.
Ohne Heim und Weibsgezeter
Hat dir Gott den Weg gefügt,
Und du sagst, du seiest Kreter,
Aber jeder Kreter lügt,
Atme frei noch zwanzig Meter,
Für die Kirche und den Thron
Hast du bald den schwarzen Peter
Wieder an der Zollstation.
Sturmgezaust auf Alpengraten,
Sollst vergeßne Tempel sehn,
Und ein Trostgedicht von Platen
Läßt dich manche Stunde gehn,
Stier begnügt sich mit Fermaten,
Doch versteckt erspäht Skorpion
Seinen nächsten Kandidaten
Wieder an der Zollstation.
Ob sie würfeln oder scherzen,
Die im Grenzland wachsam sind,
Sagt dir nicht das Blut im Herzen,
Nicht die Flut und nicht der Wind,
Was dir droh in ihren Schwärzen,
Wußte es der Menschensohn,
Da er sah die Stadt der Schmerzen
Wieder an der Zollstation?
Wisse du, dir folgt ein Dritter,
Dem das Tun der Menschen Tand,
Ohne Riegel, Schloß und Gitter
Rieselt fein der Marmorsand,
Seine Botschaft lautet bitter
Und sie reimt sich wie zum Hohn,
Denn du wartest mit dem Schnitter
Immer an der Zollstation.
Vers 7672 bis 7686:
Stadt Vergessens, Stadt der Wüste,
Die ein sanfter Tod bewacht,
Die kein mindrer Meister grüßte,
Wo im Meer von Sand der frühste
Himmel trieb in späte Nacht.
Unterm Schirm der Säulenstraßen
Schlummern Oktavian und Bel,
Und im Marmorschutt vergaßen
Menschen, was sie einst vermaßen
Unter göttlichem Befehl.
Unbeeindruckt stehn die Horen
Und kein Frevler hemmt den Fluß,
Wieviel mehr ging euch verloren,
Einst zu größerem erkoren,
Konstantin und Romulus!
Vers 7687 bis 7707:
Wenn dich die Bilder überfallen,
Dein Genius Triumphator heißt,
Und wenn sich im Gesang der Geist
Wohllautend und kristallen
Fortpflanzt wie die Korallen,
Erkenn im Honig und im Rahm
Noch ihn, der dir die Jugend nahm.
Er wägt und wahrt in seinen Krügen,
Was du vielleicht zuletzt gewinnst,
Doch feilsche nicht um sein Gespinst,
Er weiß es so zu fügen,
Daß du dich selbst betrügen
Nur würdst, verlangtest du dein Teil,
Denn du weißt nichts von deinem Heil.
Nicht fändest du in seinen Welten
Den Schlüssel, der dir einzig frommt,
Nur wenn er wie ein Windstoß kommt,
Den Maß und Regel schelten,
Wird er dir groß entgelten
Dein Glück und dein verlornes Gut
Und nährt dein Wort mit seinem Blut.
Vers 7708 bis 7731:
Flattern die Wolken vorüber mit leichter Beschwerde,
Weckt mich der Bussard mit heftig gestoßenem Schrei,
Ist mir der Pfingstmond die letzte Versuchung der Erde
Oder dein Auge im Blauen der Wald-Akelei.
Juno, geharnischt, befielt ihre Minner zu Pferde,
Aber was du ihrer Herrschaft zu opfern geruhst,
Läßt seinen Schatten im heimlichen Dunkel der Erde,
Und ich entscheide nicht mehr, ob du träumst oder tust.
Wasser im Kelch und das knisternde Feuer im Herde
Haben erst dich und zuletzt die Legenden gespeist,
Auf der noch immer von Göttern besiedelten Erde
Ruft dich der Traum, der auf frühere Träume verweist.
Daß es das unsre und dadurch das heilige werde,
Reich durch das Blut, das die Mären und Lieder erneut,
Küßt du im Lande der Sehnsucht die offene Erde,
Die nicht Gewitter und dichteste Schwerthimmel scheut.
Ob dich Skorpion, der die Stunde erwartet, gefährde?
Nichts ist gewiß, doch die Stirn offenbart deinen Gruß.
Und er bedeutet: Im Einklang von Himmel und Erde
Darfst du vertraun auf den eignen beflügelten Fuß.
Was von uns bleibt, ist vielleicht nur die eine Gebärde.
Weltwund und weise nach nächtlich verlorenem Ritt
Trägst du gerichtet die härene Kutte der Erde,
Aber ich seh dich noch immer im weißen Habit.
Vers 7732 bis 7751:
Im Jenseitsland, beherrscht von Staub und Krähen,
Vereinte sich mit Christi Mönchsgelübden,
Was brachlag lang im Dämmer der Mithräen,
Und flackerte in Festungen und Krypten.
Der Männerbund, der ritterliche Tugend
Der Armut weiht und dem Apostelstuhle,
War Augenleuchten einer frohen Jugend,
Die mehr verlangte als die Bauernschule.
Hier war ein Pfad, nicht Acker und Familie
Zu weihen alles Lebensglück und Wollen,
Hier bot ein Orden Raum für Gral und Lilie,
Der nicht im Mythendunkel blieb verschollen.
Doch da das Land entrissen Sarazenen,
Zerfiel auch die Kultur dem Ritterorden,
Und als mit Segeln schlafften auch die Sehnen,
Wars leicht die Krieger jählings hinzumorden.
Der König, der in Aragon den Klagen
So gerne glaubte und dem Schmutz, der Schande,
Zog nur den Schlußstrich den geweihten Tagen,
Die fielen mit der Macht im Heilgen Lande.
Vers 7752 bis 7793:
Oktobertag, der rasch erlischt:
Der Dämmer, der sein Kleid füllt, wischt
Die Spuren von den Wegen,
Doch schattenhaft verheißt sein Buch,
Es zu entziffern sei dein Fluch,
Ihm zu vertraun dein Segen.
Der Abend macht die Farben stumm,
Und ohne Hast geht Hypnos um,
Die Astern zu befeuchten,
Doch du gehst weiter durch die Nacht
Großäugig, wo Astarte wacht
Und Mars und Jove leuchten.
Wer kündet, was die Stunde bringt?
Auch unter diesem Himmel singt
Das alte Lied die Weide,
Die Träume fliegen her und hin,
Und selten fängst du ihren Sinn,
Doch einer band euch beide.
Nicht rüstest du zur Himmelfahrt,
Auch den Atlantern falterzart
Hast du nur eins zu geben,
Der Ahne dort im nackten Stein
Holt dich zu jeder Stunde ein
Im Sterben und im Leben.
Sein ist der Weg und sein das Land,
Es liegt allein in seiner Hand,
Die Sonne einzuholen,
Die Bilder, drin dein Wort verhallt,
Umstellen dich mit der Gewalt
Granitner Nekropolen.
Sie sind seit je zum Fest bereit
Und schaun, ob deine Fruchtbarkeit
Den Stein der Vorwelt schwänger,
Damit, beschwert von solcher Last,
Das Sängerwort den Himmel faßt,
Die Erdenbrust den Sänger.
Oktobertag, der rasch versinkt,
In Schauern, die dein Odem trinkt,
Versteinert zu Gebärden:
Du bist Endymion, der träumt,
Die Seele, die ans Ufer schäumt,
Und Atlas sollst du werden.
Vers 7794 bis 7843:
Wohlan denn, Los, so fall, ich will dich tragen,
Spricht Jugend stolz mit ungeschütztem Blick,
Doch mit den Jahren mehren sich die Plagen,
Und wenn die Lungen ihren Dienst versagen,
Springt dir zur Nacht ein Alp auf das Genick.
Von mildem Sinn, der weiß, wie oft du fehltest,
Bist du darob den Jüngeren nicht gram,
Auch daß du manchen Undank dir verhehltest
Und billig, was dir recht erschienen, wähltest,
Sah der sofort, der hell vom Hügel kam.
Wie soll der Knabe durch die Strömung waten,
Nicht gut ist sein Gewand beschmutzt zu sehn!
O atme tief und träum von guten Taten,
Wer den Gesalbten trägt, ist wohlberaten,
Mit kleinen Schritten durch die Flut zu gehn.
Schon wird der Himmel finster und die Welle
Empört sich wider deinen schwanken Schritt,
Der Strom wird breit, der liebliche Geselle
So schwer, daß du nur mühsam von der Stelle
Dich rühren kannst und deine Bürde mit.
Die Kröten spürst du heißes Gift verspritzen,
Getier saugt aus den nackten Waden Blut,
Die Natter selbst will ihren Teil besitzen,
Derweil der Himmel mit gezackten Blitzen
Die Strudel weckt und die Dämonenbrut.
Und wie du stöhnst, gepeinigt und geschunden,
Wächst dir der Knabe zum Koloß und gleicht
Dem Turm zu Babel, der in Höllenstunden
Als Horn und Stachel stößt in deine Wunden
Und anderseits bis in den Himmel reicht.
Nicht späht dein Aug den Dürren mit der Sense,
Den du mit Inbrunst flehst, sofort zu nahn,
Doch so als seien dir noch hundert Lenze
Bewilligt, steigert sich der Schmerz zur Grenze,
Da er sich aufhebt und verströmt im Wahn.
Ein Herzschlag (oder ist es ein Jahrtausend),
Da dir der Leib in Seligkeit zerfloß,
Und du vollführst, durch Wassermassen brausend,
Im Rhythmus deiner tiefsten Wunde hausend,
Den Tanz der Jünger des Dionysos.
Und dann stehst du allein am stillen Wasser,
Der Kuß des Abschieds brennt, ein tiefer Schrei
Nach diesen Lippen, ach, nach dem Verfasser
Des Traums, nach deiner letzten Kraft Verprasser,
Dem Gott, der dir verhehlte, wer er sei.
Ein namenloses Bild, das rasch erblindet,
Was kündet die Legende von der Fahrt?
Ein Spiegel sei, was man im Gleichnis findet:
Der kranke Mann, den sein Gebrechen schindet,
Oder die Säule, die die Welt bewahrt.
Vers 7844 bis 7883:
Herbstgoldne Kühle weht, die Krähen schrein.
Der Abendsonnenschein
Schmückt Felder, die der Schnitter längst vergaß,
Den Efeu und die schlichte Flucht
Der Höfe, welkes Gras,
Bestreut mit Laub und abgefallner Frucht.
Und eine Liebe, die ich einst besaß,
Streift flüchtig mein versunkenes Gemüt.
Die Aster blüht,
Wo sich der Mensch zum Sternenflug vermaß.
Wie oft hat uns der Stein, der Zeichen bar,
In frohgestimmter Schar
Mit wachem Sinn und freiem Mut vereint.
Du birgst dein helles Angesicht,
Das jeden Trost verneint,
Denn was der Jünger sucht, das bist du nicht,
Du willst, ein Leichtfuß und den Gräbern feind,
Den Fels, wo sich die schlanke Natter sonnt.
An dieser Front
Schrak uns das Rätsel, das der Torweg meint.
Nun hat Gesindel, das sich spreizt und reckt,
Den stillen Ort entdeckt,
Hat wohldosiert an biederdeutsche Leut
Aus deinen Schätzen ausgeteilt
Und keine Müh gescheut,
Gereinigt hier, getüncht und dort gefeilt.
So springen die Gedanken, weit gestreut,
Der große Schrecken und das große Glück
Dorthin zurück,
Wo sich der Aar allein der Weisheit freut.
Noch ist es Herbst und abendlich mein Herz,
Nachthin und wälderwärts
Geh ich gefährtenlos mit dünnster Haut.
Am Brunnen, der sich hell ergießt
Mit zaubrisch holdem Laut,
Ist gut zu ruhn, denn meine Seele fließt
Aus ihm zurück, der in das Dunkel schaut,
Mich ehrt, weil seine Augen offen sind,
Und nur dem Wind
Ist alles, was zu sagen ist, vertraut.
Vers 7884 bis 7907:
Sturmnacht, Sturz der Eichenstämme,
Blitzgeflamm und fernes Grollen,
Auf dem Weiher Echsenkämme,
Die in Feld und Garten rollen ...
Sind die Gitter der Giganten
Mürb, verrostet Schloß und Ketten?
Maß und Anmut, die sie bannten,
Flohn entseelte Opferstätten.
Aufruhr einigt Flut und Lohe,
Aber durch die Wiesen schreitet
Eines Unbekannten hohe
Stirn, der Genius, der dich leitet.
Er, gewähnt in Klang und Bildern,
Trägt den Mantel kühn geschwungen,
Seinen großen Wurf zu schildern,
Hat dein Reim seit je gerungen.
Sein Gespür wie sein Versprechen
Gleicht dem Blühn der Herbstzeitlosen,
Sein April wird Eis zerbrechen,
Sein Verwehn verheißt dir Rosen.
Und dein Herz, darein er glaubte,
Schlingt das Zeiten-Joch zur Schleife,
Was die Nacht dem Wandrer raubte,
Bringt sein Stern in dir zur Reife.
Vers 7908 bis 7931:
Was muß ich dich im Nebelland verfehlen,
Wo auch des Ahorns Herrscherkleid verfiel,
Daß Dunst, darein sich die Gesänge stehlen,
Zuletzt an deiner Statt bestimmt den Stil?
Weißt du es noch -- als wir zusammenkamen,
Trug jeder Wink schon des Gedichtes Keim.
Nun quält die Tür und ihren morschen Rahmen
Der Regen und er raunt für dich den Reim.
Mein Versfuß, durch galanten Scherz zu stelzen,
Vergnügte dich so wie Licin Catulls,
Doch Schnee wird unser Minnespiel bepelzen,
Und Pluto pocht in einem andern Puls.
Magie soll dich vor meine Augen bannen!
Sagt, Götter meiner Trunkenheit, sagt: Bin
Ich ganz allein und ist, was wir ersannen,
Verweht, und eine Klinge setzt den Sinn?
Saturn beschloß dem Dichtermut zu schaden,
Weil mich Apoll von deiner Jugend schied,
Doch liebtest du ein Aug, das sich beladen
Verstellte für ein wohlgeformtes Lied?
Mag sein, du nahst, wenn sich in Lerchenkehlen
Lenz kündet und sich leichthin fügt der Kiel,
Doch meine Weisheit schweigt zu Allerseelen
Beredt und schweigsam wie ein Traumfossil.
Vers 7932 bis 7979:
Reif bedeckt die Morgenstunde,
Die dein Warten nicht versteht,
Dieser Tag bringt keine Kunde
Als ein Blatt, herabgeweht,
Schwanke Bilder, welke Funde,
Die kein andrer Himmel braucht
Als der stumme, drein im Grunde
Manches Reisigfeuer raucht.
Opferkranz von jeder Sorte,
Wo die letzte Garbe wacht,
Daß die Blüte nicht verdorrte,
Daß die Ernte eingebracht,
Aber du, vom Quell der Worte
Ausgesetzt in Wind und Wahn,
Klagst an der Wacholderpforte,
Daß das Werk des Jahrs getan.
Nicht die Winternacht zu schmücken,
Ward der Sommer zu Gesang,
Nur Verwelkendes zu pflücken,
Gingst du seinen Pfad entlang,
Kein Verweilen will dir glücken,
Wenn du das Verwehn im Herbst,
Ob im Ganzen, ob in Stücken,
Safran oder purpurn färbst.
Du erinnerst dich des blauen
Auges, das du einst begehrt,
Maiennacht und Tag des Pfauen
Waren hold in eins gekehrt,
Und du weiß, dein trunknes Schauen
Hat die Lerche oft verlacht,
Im Novemberwind, im rauhen,
Gibst du auf ihr Schweigen acht.
Kein Gefährte mag dir frommen,
Luftgebilde, Spott und Spuk
Frage, wo du hingekommen
Auf der Woge, die dich trug.
Und du ahndest jäh beklommen,
Daß dein Herz den Federpfeil
Und die Eide ernst genommen,
Daß es pocht auf seinen Teil.
Ach, das Herz kann nicht verzeihen,
Daß dein Mut für Lied und Reim
Alle Wonnen, alle Weihen
Gab, und läßt dich nicht mehr heim,
Fragst du, wo die Götter seien,
Flammt ihr Gold im späten Herbst,
Und im Feld die Krähen schreien,
Was du stumm und einsam erbst.
Vers 7980 bis 8027:
Zweige für den Tag des Lichtes
Schnitt ich an Sankt Barbara,
Aber du des Traum-Gesichtes
Rätsel warst schon gestern da,
Daß du dich so sehr verfrühtest,
Wird mir eben erst bewußt,
Meinen Schmerz, den du behütest,
Überwiegt die dunkle Lust.
Daß du niemals fortgegangen,
Wußte ich und arglos traf
Mich die Woge und gefangen
Sank ich in den tiefren Schlaf,
Eine Stunde nur zu wachen,
Hast du wortelos begehrt,
Aber dem gestillten Drachen
Ist der Himmelsflug verwehrt.
Ist die Blüte mir gediehen,
Keine, der sie sich vergleicht,
Wurde mir ein Maß geliehen,
Das das deine nie erreicht,
Wußte ich den Blick zu meiden
Dieses Strauchs im dünnen Hemd,
Sind die Kreise, die sich schneiden,
Immer noch einander fremd.
Golden ist die Scheitelstunde,
Die das Gift im Samen staut,
Gold verheißt die Schnitterwunde,
Die der Opfernde nicht schaut,
Treiben Sträucher aus dem Felsen,
Deckt die Erde ihre Scham,
Die ich auf dein Haupt zu wälzen
Mittnachts ging und wiederkam.
Ach, ich grüßte dich als Rächer
Einer Kunst, die sinnreich lügt,
Doch du breitetest den Fächer,
Der ein Leben faßt und fügt,
Einen Kelch hast du gehalten,
Dem ich Zuspruch schuldig blieb,
Denn ich muß den Spruch entfalten,
Den ein andrer Dichter schrieb.
Ob wir uns auf seinen Weiden
Wiederfinden, sagt mir nicht
Dieser Zweig, der einst uns beiden
Huldigte wie wir dem Licht,
Daß ich seiner noch gedenke,
Kehrst du zwischen nichts und nichts,
Und dir seine Grüße schenke,
Sei mein Wunsch zum Tag des Lichts.
Vers 8028 bis 8077:
Stolzester Sprößling des goldnen Geschlechts,
Während Saturn sich dem Donnerer beugt,
Nach der von Felsen durchwirbelten Schlacht
Fortging nach West, wo die Sage ihm singt,
Formtest du Schöpfer und Anwalt des Rechts
Älterer Größe, Uranus-gezeugt,
Kunstreich und listig die rächende Macht,
Der, was den Vätern verwehrt blieb, gelingt:
Feuer zu schürn, das die Macht des Bestands
Aufbricht und zeitigt, was eins war und ganz.
Noch wer der Mensch, den der Jahreskreis hegt,
Ohne Verlangen, am Los, das ihm fiel,
Rüttelnd, das Blau, das dem Adler gehört,
Innerst zu wolln und das goldene Seil,
Aber im Opfer, getötet, zerlegt,
Zwangst du den Gegner verdeckt in dein Spiel,
Schmählich vom duftenden Stierfett betör,
Wählte der Gott den geringeren Teil,
Ehe sein Zorn, der die Menschen verletzt,
Zeichen, die er nicht mehr halten kann, setzt.
Daß er das Feuer dem Menschen entzog,
Schuf die Begehrlichkeit, dies Element,
Einst noch gering und ein Stiefkind, wo drei
Wohnung bedeuten für Fisch, Vogel, Tier,
Ward zur Verheißung, und faltergleich bog
Bannend gebannt aus der Spur, die er kennt,
Dunkel der Träumer und wohnte ihm bei,
Zeugend die Sehnsucht, dem Heute und Hier
Abhold, betrat er als Mensch und Titan
Wie ein Komet seine flammende Bahn.
Sieh seine Stunde, der Himmel wird eng
Für die Olympier, um Ausgleich bemüht,
Ruhmlos ergibt sich die Krone dem Pfeil,
Einzig die Schlange, die beides bewacht,
Dauert als Gottheit im Zeichen-Gedräng,
Sie, die was spät wird, verjüngt und verfrüht,
Waltet am Stumpf, wo das rodende Beil
Eichen, die ahndungsbang rauschten, verlacht,
Ihr allein, wahrend an Wandlungen reich,
Gelten Triumph oder Untergang gleich.
Nicht, der die Leben am Kaukasos frißt,
Geier des Himmlischen, schreiend: Verfall,
Wird dich bezwingen, verpfändet der Zeit,
Doch das Gesetz, das den Himmeln zuvor,
Dem du, geblendet von Hochmut und Zwist,
Unbewußt dienst wie der Stimme der Hall,
Webt und zerreißt das geduldige Kleid,
Daß dich umfaßt, und die Schlange am Tor
Singt nicht der Flamme, dir Fürstin und Braut,
Sondern der Erde, die alles verdaut.
Vers 8078 bis 8117:
Besieh dich im Spiegel der Zeit:
Gestalt, mit den Winden im Streit,
Entfaltet die Linie und siegt.
Der Stamm, der das Himmelszelt trägt,
Ergibt seine Wurzel der Nacht,
Doch dort, wo ein Schmetterling fliegt
Im seidigen Traumdämmer, wacht
Der Stein, der die Reiche zerschlägt.
Das Gold, das die Allgegenwart
Der Götter im Kranz offenbart,
Die Sonne im Herrscher verleibt,
Ist anfänglich fraglos und leicht
Zu spüren im reinen Gesicht.
Doch unter der Haut, die es schreibt
Mit Schlüsseln und Ziffern aus Licht,
Erkennst du den Stein, dem es weicht.
Die Priester behüten den Kult,
Bezeichnen mit sanfter Geduld,
Was vordem nicht vieldeutig war.
Ihr Silber, ein Schatten des Tags,
Verschleiert zum Rauschen des Quells
Die Götter mit schneeigem Haar,
Zu halten am bröckelnden Fels
Den Stein, aber keiner vermags.
In tieferen Schichten, geschürft
Im Licht, das der Wappenschild wirft,
Entfremden sich Herrlich und Hold.
Das Erz, das im Schwertgesang tönt,
Und ihn, den der Schrecken erkor,
Verwandelt die Stunde zu Gold
Und Götter-Triumphen, bevor
Der Stein seinen Untergang krönt.
Dann siehst du die Schmiede, berußt,
Das Reich, das im Erdfeuer fußt,
Von Eisen, die Götter sind fern
Und niemand, der jemals sie traf.
Der Stein aber, der dies zerstäubt
Zuletzt und sich aufschwingt zum Herrn,
Ein Schmetterling hat ihn betäubt
Mit goldenen Schwingen aus Schlaf.
Vers 8118 bis 8153:
Fels und Vulva, Sporn und Schlund,
Scheide von Es sei und Nicht,
Zwischen Tod und Opferbund
Gab sich Gott ein Angesicht.
Schmerz, dem frühern Glauben fremd,
Zeigt die Stirn am Phryger-Hut,
Daß sein Gut den Guten hemmt,
Zeugt des Himmelsstieres Blut.
Fragen, die seither nicht still,
Schufen sich ein erstes Bild,
Was der Herr der Schöpfung will,
Was ihm unser Trachten gilt.
Die das Denken hob im Stolz,
Beugten sich dem Mysten-Traum,
Unser Tun fügt mürbes Holz,
Unser Mühn ist eitler Schaum.
Nicht die Fruchtbarkeit der Au,
Daß das Wild dem Jäger feil,
Leitet hier die Gottesschau,
Die nun Heimat wird und Heil.
Welt ist Krieg und Opferschmerz,
Doch die Seele soll entfliehn,
Was da gärt im Menschenherz
Sei erlöst und sei verziehn.
Mithras mathematicus
Wird zum Kern der Harmonie
Ehe trifft Orions Schluß,
Alles fällt in Nichts und Nie.
Und der Wandelsterne Licht
Wird zu Rang und Ordnungsmacht,
Vor dem Kosmos steht die Pflicht,
Die Saturnus’ Traum bewacht.
Aus der Stammwelt reifte Rom,
Alt und imperial zugleich,
Miles, Pater, Heliodrom
Fronen nur dem Traum vom Reich.
Vers 8154 bis 8233:
Der Sphärenzahl Sieben,
Der Blutgrube Vier
Hast du dich verschrieben,
Und hörst du das Tier
Des Luzifer krähen,
Erkennst du geweiht
Den Glanz der Mithräen
Am Ende der Zeit.
Eh Neid ihn verschlinge
Mit Schmähung und Spott,
Noch einmal vollbringe
Die Heilstat der Gott,
Der ihre Begehung
Mit Schwermut vereint,
Geheim die Entstehung
Des Lebens beweint.
Die Schlachtmesser blinken
Und wecken den Strom,
Den Perser zur Linken
Und rechts Heliodrom,
Stürzt lodernd im Blute
Der Nachthimmel ein
Und gräbt seine Rute
Ins nackte Gestein.
Haoma soll fließen
Die Stufen hinab,
Die Reben entsprießen
Dem heiligen Grab,
Wenn Lorbeer Zypresse
Zum Beischlaf begehrt,
Herrscht Rauch in der Esse,
Die Flamme im Herd.
Der Gauherr der Gaue,
Der stachelt und stillt,
Schickt Pfeile ins Blaue
Und ruft ins Gefild
Die Spende, die regnend
Die Furchen betaut,
Und macht sich, ihn segnend,
Den Mysten zur Braut.
Im Schwertkampf befeure
Dich Grimm, doch entsag
Dem Kranz und erneure
Den Lehensvertrag
Dem Gott, der dich grüßte,
Und stelle dich nackt
Dem Herren der Wüste,
Von Brunstrausch gepackt.
Die Schlange umgleite
Den Mischkrug, der schäumt,
Dem Weltspiel zur Seite
Saturnus, der träumt --
Ob er dich versöhne,
Frag nicht, eh sein Kuß
Dich himmelhin kröne
Und opfre am Schluß.
Die Stimmen der Raben
Verkünden der Schar,
Den göttlichen Knaben
Der Felsen gebar,
Wer Palme und Feige
Als Ahnen verehrt,
Spürt ihn, der die Zweige
Mit Träumen beschwert.
Du wirst sie ergründen
Nicht mehr in der Zeit,
Von all deinen Bünden
Fiel keiner im Streit,
Fliehn Weiber und Toren
Die Fackel des Manns,
Senkt, Dunklem erkoren,
Sie Hesperus ganz.
Die Fresken zerschlagen,
Die Wächter entmannt,
Der Strahlenkranz-Wagen
Gestürzt und verbrannt,
Doch stirbst du im Gotte
Der Sieben und Vier,
Strömt Licht in die Grotte,
Zu opfern den Stier.
Vers 8234 bis 8273:
Im Untergrund der Mithrasthermen
Erwartet dich das Heiligtum,
Auch wenn nicht mehr die Mannen schwärmen,
Im Kult dem Kaiser gut zu tun,
Kannst du wie meist in diesen Bauten,
Die blühten unter Hadrian,
Erahnden, was die Helionauten
In diesem Grottentempel sahn.
Im Wandrelief, darin der Schlachter
Das Blut des Himmelsherrn vergießt,
Der Schau der Präzession erdachter
Befehl, drin Equinox uns fließt,
Sah Perseus, der Medusen köpfte,
Als Perser und die Opfertat
Als Neugeburt, da sich erschöpfte
Der Äon, den der Stier vertrat.
Die Stufen sind die Weihegrade,
Von Podien ist der Gang beflankt,
Als Abendstern das Tor zum Bade,
Bis ihr im Ost zur Apsis drangt,
Wo der Altar einst den Eleven
Bespritzt, bekränzt und ausgesandt,
Daß er mit dornverletzten Schläfen
Die Weihe trag in Herz und Hand.
Die Stoa, die astralem Glauben
Vertraut, daß er dem Ethos dien,
Sah Tunika und Perserhauben
Als Weg zu Mut und Disziplin,
Da Zahl und Himmel Vorgeschichte
Erläuterten in Harmonie,
Ward jungem Blut in neuer Dichte
Für Leid und Tat Warum und Wie.
Und tiefer als zuvor die Väter
Wagt Jugend sich in Raum und Zeit,
Das große Reich verlangt vom Täter
Ein neues Maß an Heiligkeit.
Wer sich in das Mysterium traute,
Sah sich als höchster Ordnung Teil,
Und was der Sonnenläufer schaute,
Verbürgte Gnade, Ehr und Heil.
Vers 8274 bis 8309:
Wo Kaiserstuhl den Schwarzwald schaut,
War schon der Römer drauf bedacht,
Daß auf den Weg mit Zoll und Maut
Das Siegel der Cäsaren acht.
Und Ziegler, Töpfer, Hütte, Guß
Gesellten sich zu dem Kastell,
Wo Legionäre dem Entschluß
Des Adlers treu mit Schwertern hell.
Ihr Gott war persisch und geheim,
Und männlich waren Dienst und Kult,
Daß er sich den Gestirnen reim,
Gab ihnen Stärke und Geduld.
Das Heiligtum im Boden stak,
Von Holzfach war der Oberbau,
Die Grottenform entzog dem Tag
Und rüstete zur Mysten-Schau.
Ein Grieche schenkte den Altar
Der Warte am Barbaren-Wall,
So fand die hartgeprüfte Schar
Ein weises Stück von Stern und All.
Das Blut des Stiers benetzte heiß
Den Jüngling, der dem Pater schwor,
Und wer sich so gebunden weiß,
Wagt sich in neue Weiten vor.
Die Taufe wird hier früh bemüht,
Erlösungswert der Mensch gedacht,
Wo später Christi Kirche blüht,
Sucht sich der Ausweg aus der Nacht.
Auch diese Stätte rasch verwaist,
Da Cäsar neuen Glauben fand,
Denn was die Schar im Kosmos schweißt,
War stets das Reich und sein Bestand.
So kündet Treue noch der Tod
Des Heiltums, das sich opfert hier,
Wie Mithras folgt dem Sterngebot,
Denn er ist selbst der Opferstier.
Vers 8310 bis 8482:
I
Deus oriens, gepriesen,
Schlangenumschlungener eil
Hell, daß der Tau auf den Wiesen
Habe am Strahlenkranz teil!
Uns, die den Licht-Paradiesen
Fern und dem Goldnen Serail,
Die Katastrophen und Krisen
Sahn unterm doppelten Beil,
Wirst du mit dunklen Devisen,
Reckt sich der Palmwedel steil,
Herrlich den Thronfolger kiesen,
Träumte Saturnus das Heil.
II
In der Ordnung der Mithräen
Hat der Pater höchste Ehre,
Doch das Traumgold auszusäen,
Taugt nicht irdischem Verkehre,
Also stehst du Sonnenläufer,
Der am Gipfel der Aktive,
Unverzagt als Stierblut-Träufer,
Daß da kein Gemeiner schliefe.
Wo des Paters Abkunft edel,
Liegt dein Adel in den Taten,
Dir obliegt der Palmenwedel
Und das Amt des Tagespaten,
Dir sind Blut und Dunkelräume
Pulse, die den Arm beflügeln,
Du erlaubst dem Herrn der Träume
Vornehm seine Hand zu zügeln.
Daß der Walter der Symbole
Selbst nicht tauge zum Propheten,
War ein Pfad, der sehr zum Wohle
Lange Fristen ward betreten,
Singen will ich nicht dem Tiefen,
Dem ein Engel ziemt als Preiser,
Sondern dir, dem Offensiven,
Wies gewöhnlich wagt kein Weiser.
Tag und Sonne anzukünden,
Bist du ganz der Stern der Frühe,
Auch wenn wir im Dämmer münden,
Kränzt zuletzt du Mut und Mühe,
Rahmer allem Lichtverschwornen,
Bist du Knospe, Lenz und Morgen,
Daß die Nachtgestad-erkornen
Brauchen sich kein Bild zu borgen.
Zum Gespann, zur Fackellohe
Setz das Attribut der Krüge,
Wer durchmißt das Himmelshohe,
Sorg, daß er das Rechte trüge!
Ob der Tau nach Tränen schmecke,
Fragt der Wäger aller Kosten,
Solches bringt nur den zur Strecke,
Der vergessen Rang und Posten.
Aber du, der Loh und Welle
Uns versöhnt im halben Kreise,
Stehst zu nah an jener Schwelle,
Wo es dunkel wird und leise,
Also möge ein Verkäufer
Preisen, was gehäuft im Lager,
Aber du, der Sonnenläufer
Singst dich immer nur als Wager.
III
Wenn du deines Amtes waltest,
Wenn das Große Werk geschah,
Grüßen dich, die du entfaltest:
Lotosblüte, Swastika.
Echse kriecht aus Felsverstecken,
Falter stößt die Hülle ab,
Säumigeres Volk zu wecken,
Kräht der Hahn des Äskulap.
Aus den Wassern, blind und nächtig,
Drüberhin ein Odem schwebt,
Mit dem Glanz der Sphären mächtig
Atlas seine Schultern hebt.
Schlange, die den Sturz der Väter
Sah, beginnt das alte Spiel,
Helios reitet durch den Äther
Auf dem blauen Krokodil.
Widder führt die Sommerzeichen,
Löwe schreckt das dunkle Heer,
Bis vor dir die Schatten weichen,
Heliodromus Luzifer.
IV
Saturnus träumt und spricht im Schlaf zuweilen,
Und was ihm frommt, errät der Lauscher nicht,
Er hat der Zeit entsagt, um sie zu heilen,
Er läßt sie taumeln und er läßt sie eilen,
Und niemand ist, der je sein Siegel bricht.
Wir stehn, von seiner Heiligkeit geblendet
Und von Verzagtheit, wenn die Stunde schweigt,
Der Schatten ruft und der Haoma spendet,
Auch unser Los, das götterferne, wendet,
Wenn sich im Ost der Sonnenläufer zeigt.
Er hebt die Fackel aus dem Reich der Fische,
Und sein Befehl ist königlich und hold,
Daß Hermes spiel am Pharaonentische,
Gestrenge Muster zeug und träumerische,
Ist sein Gesicht begabt mit Blut und Gold.
Er greift den Staffelstab des Erosknaben,
Der vor der Welt den Bogenschuß geübt,
Dient Ganymed im Federkleid des Raben,
Beschenkt er ihn, bis aus den Bienenwaben
Der Honig quillt, den kein Gedächtnis trübt.
Er wird der Stirn des Träumenden entblühen,
Der uns das Reich in neuem Glanz erkennt,
Und bringt in unser mürb gewordnes Mühen
Auf Falterflügeln, die im Frührot glühen,
Die Lotosblume aus dem Orient.
V
Jedes Jahr, das sich im März
Seine Siegeszeichen wählt,
Hat nach dem, der himmelwärts
Loht, die Bürgen ausgezählt.
Winter macht die Wege hart,
Niemand kennt, was drunter keimt,
Doch es weiß der Himmelswart,
Was sich seinem Leuchten reimt.
Ihn, der Palme zugeneigt,
Rufst du mit gespreizter Hand,
Wenn er dir dein Wappen zeigt,
Hat Saturn das Reich erkannt.
Er regiert, bevor es tagt,
Aber was das Füllhorn birgt,
Rinnt durch ihn, der ungefragt
Allenorts und allzeit wirkt.
Nimm das Los, das er uns warf,
Gold und Blut im dunklen Tann,
Den er überschütten darf,
Heliodromus Wassermann.
VI
Da sich die Weltzeit nach den Fischen färbte,
Und Rom umschloß das ganze Mittelmeer,
Vermischte sich das Volk, und die ererbte
Verehrung einte nicht mehr Reich und Heer.
Der Glaube wandte sich von Stamm und Sippe
Zum Kosmos und zum Einzelnen, beseelt,
Der Orient schien als Schoß und Spenderkrippe
Der Einheit, die dem Dichterwort verhehlt.
So suchten Magier, Weise, Moralisten,
Am Himmel und in Schriften, Scherben, Spurn,
Nach einem Kern in allen Götterlisten,
Dem Völker, Sprachen, Bräuche erst entfuhrn.
Daß Perseus überm Stier am Himmel thronte,
Verstand man als ein Zeichen für die Tat,
Daß er das hehrste Opfertier nicht schonte
Und so bewegt das Fixsternhimmel-Rad.
Die Wandelsterne wurden so zu Stufen
Der Einsicht und der Mann, der so geweiht,
Erlebte sich vom Größerm aufgerufen
Als der Begrenzte in der Väter-Zeit.
Doch waren Stier und Perser nicht die Sieger,
Das Menschenopfer bot ein stärkres Band,
Der neue Gott kam nicht als Wolf und Tiger,
Bei Ochs und Esel arm die Wiege stand.
Er starb verlacht, verhöhnt bei allen Qualen,
Die Bosheit, Neid und blindem Haß gedeihn,
Als Gegenpol zu Pracht und Himmelsstrahlen
Schloß seine Not das Herz des Menschen ein.
Und die ihn liebten, stritten wider alle
Von Ninive, Ägypten, Babel, Ur,
Ererbtes galt nun als Versucher-Falle,
Zu tilgen mit dem Brand und der Tortur.
Auch Mithras ward zum Feind und zum Gebannten,
Die Weihe galt als Unfug und pervers,
Und da die seinen treu zum Kaiser standen,
Verschwand der Kult des Kriegers und des Heers.
Doch Manneszucht, die seine Schar erneute,
Bewahrte der Mithräen Heiligkeit,
Der edle Stand der Ritterschaft erfreute
Den neuen Glauben und die neue Zeit.
So zeigt sich der Iraner neu gewandet
Und steht der keuschen Jungfrau seinen Mann,
Doch da der Fische Weltenstunde strandet,
Spricht Mithras uns erneut im Geiste an.
Wir forschen über Himmel und Geschichte
Nach Ganzheit, die das Leben uns bedacht,
Und niemand weiß, wie einst sich die Gewichte
Verteilen, was verdämmert, was erwacht.