Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Idäisches Licht - Erstes Buch

Ob es auf anderen Planeten
auch ein Mittelmeer gibt? –

– Ernst Jünger

Vers 10531 bis 10578:

Mittelmeer

Wenn es still wird in der Seele,
Fraglos wird, wofür wir stehn,
Glaub nicht, daß dein Auge fehle,
Inseln grün und weiß zu sehn.
Wenn zu scheiden Leid und Lachen,
Uns das Licht, zu hell, zu hehr,
Wenn uns eins wird Schlaf und Wachen,
Rauscht im Herz das Mittelmeer.

Wo die Götter sichtbar schritten,
Unverschont von Wahn und Weh,
Zeichen in den Ölbaum schnitten,
Die uns leuchten auf der See,
Wo sie Sterblichen sich mischten
Und im Traum der Wiederkehr
Ihre Fremdheit ganz verwischten,
Thront der Schaum im Mittelmeer.

Offen und begrenzt wie keines,
Was im Licht des Helios treibt,
Hort des Schreckens, Gold des Scheines,
Den erringt, wer Sieger bleibt,
Urbaß der Tragödien-Chöre,
Schlick und Tang, von Zeiten schwer,
Wenn der Himmel uns verlöre,
Führt uns heim das Mittelmeer.

Herrlich das Geschlecht der Mannen,
Herrlicher der Sehnsucht Pfeil,
Denn das Glück, das sie ersannen,
Galt nicht einem fremden Heil,
Tranken sie den dunkelroten
Wein, gestützt auf ihren Speer,
Dann erzählten ihre Toten
Von der Fahrt im Mittelmeer.

Zeitlos muß das Muster gelten,
Das mit dieser See gelang,
Selbst ein Schöpfer ferner Welten
Beugte sich vor diesem Rang.
Trüg ein Wesen Maß und Laune
Seiner Tat wie wir so sehr,
Gliche es wie wir dem Faune
Und sein Reich dem Mittelmeer.

Kommst du spät und aus der Ferne,
Gib dich hin und gib dich ganz,
Wie das Volk in der Taverne
Lieb den Leichtsinn und den Tanz,
Daß der Strom der Zeit sich wende,
Trag nicht Hoffnung noch Begehr,
Denn dein Licht ist die Legende
Und dein Traum das Mittelmeer.

Vers 10579 bis 10622:

Erigeneia

I

Früh erwachen darf sie an den Quellen
Ozeans noch vor des Bruders Nachen,
Daß die Götter und die Spielgesellen
Früh erwachen.

Früh ists leicht, gelockt und rein zu lachen,
Früh stehn Luft und Land im Bann der Wellen,
Frei, die Glut auf Wangen zu entfachen.

Aber die im Frühen und im Hellen,
Sind bedroht vom Tiefen wie vom Flachen,
Müssen, hab der Strom auch böse Schnellen,
Früh erwachen.

II

Wer geboren hat die vier, die Winde,
Jedem ist in gleicher Weis verschworen,
Schuf die Kräfte, daß sich niemals binde,
Wer geboren.

Denn es gibt kein loseres Gesinde,
Keine Schnitter, die geschärfter schoren,
Als die Wechsel, dir geschenkt im Kinde.

Leicht, daß dich die nächste Liebe finde,
Aber du bist keiner Treu erkoren,
Darum sagt, daß dein Begehren schinde,
Wer geboren.

III

Rosenfarben -- ob vor Scham, vor Segen?
Wissen es die Knaben, die verdarben?
Wo ist Halt, wenn sich die Lippen regen
Rosenfarben?

Reißt der Wind vom Feld die goldnen Garben
Oder wird er nur ein bißchen fegen?
Alles steht im Wind, was wir erwarben.

Wem gelingts, der Weisheit Kern zu pflegen?
Die nicht sterben oder die schon starben?
Welcher wird zuletzt den Morgen legen
Rosenfarben?

IV

Morgenschimmer treibt uns auf die Meere,
Und ein solches Leuchten ruft uns immer,
Wer die Nacht durchwacht, tuts, daß ihn ehre
Morgenschimmer.

Nicht in Büchern, im gelehrten Zimmer
Hoffe, daß das Urteil sich verkehre,
Denn im Offnen wirkt der Saitenstimmer.

Laß dich ein, und brechen alle Wehre,
So erheisch die Prüfung nur noch schlimmer,
Denn du hoffst allein, daß dich begehre
Morgenschimmer.

Vers 10623 bis 10662:

Aquarellkunst

Göttliche Leichte, dem Wort des chinesischen Weisen
Folgend, daß Weichstes die härtesten Dinge besiegt,
Wer dies beherzigt, der folge nicht Schienen von Eisen,
Sondern dem Traum, der uns anrührt und dabei verfliegt.

Tupfend, lavierend im Reich der verfließenden Wasser,
Marderhaar, das seine Kräfte aufs äußerste zähmt,
Stellt er sich zwischen den Täter und den Unterlasser,
Daß alles Trotzen am Ende mit Reinheit beschämt.

Nichts ist berechenbar, aber es gelten Gesetze,
Drin sich das Licht in der Abfolge jeder Lasur
Spaltet und mischt, daß der Spinne im eigenen Netze
Gleicht der Demiurg, dem der Wille geriet zur Natur.

Lehrt den Titan so die Demut die Allmutter Erde,
Weiß doch der Sieger, der jegliche Willkür verschweigt,
Selbst das Mißglückte, die ungewollt rasche Gebärde
Zeigt sich als Pfad in dem Garten, der alle verzweigt.

Träume, die also verschachtelt sind unter den Tönen,
Dunkles und Leuchtendes, das ihm die Farbe erschließt,
Sollen sich Reinheit und Mischung im Wasser versöhnen,
Frühstes im Späteren aufscheint und wieder verfließt.

Ob die Gestalter der Augenlust farbenfroh schmeicheln,
Durchscheint gewiß, was man anfänglich vorsichtig zog,
Sichtbar verborgen, so wie in den trockenen Eicheln
Ganz ist der Gott, der die wispernden Baumwipfel bog.

Alles ist Anfang, es gibt kein Zurück, wo das Fließen
Feuchtester Balz seinen Sinn und sein Hoffen gewann,
Mag sich der Denker dem Randübergreifen verschließen,
Tritt doch der Zeichner stets keck an die Gorgo heran.

Wer den versteinernden Blick allen Schreckens beraubte,
Wer seinen Willen der Härte des Marmorblocks stellt,
Fordert die Faser so lind, wie die Schlange verstaubte
Tempel durchgleitet als Königin über der Welt.

Leicht ist sein Strich in Erwartung von gröberem Walten,
Er, der sich spielerisch Statuen in seinem Geist
Nähert im Feuchten, wie Leben die ersten Gestalten
Zeugt, noch bevor es dem Himmel die Ehre erweist.

Hart ist die Sonne und jäh der Triumph jeden Morgen
In einer Welt, wo sie alles mit Schwertschärfe trennt,
Bis sie im Wasser, vom Pinsel mit Sanftheit geborgen,
Weich und verweiblicht den glücklichen Meister erkennt.

Vers 10663 bis 10724:

Dichterlos

I

Der Dichter ist allein dem Gott zu willen,
Der mit dem Schmerz den Traum verflicht zu Welt,
Er kann das Blut der Schöpfungswunde stillen,
Wenn er die eigne Wunde offenhält.

Er opfert sich den schroffen und den schrillen
Orakeln, daß der Reim dem Ohr gefällt,
Doch was ihn bannt und ihn ins Offne stellt,
Das hält das Volk für Eitelkeit und Grillen.

Drum klag er nicht und wage keine Rüge,
Denn Tröster sind allein die Vogelzüge
Mit Mustern, die der Traum vorhergeschaut.

Und wenn Homer sein großes Werk zerschlüge,
So walte, daß dein Geist es wieder füge
Im Maß, das dir der Idaberg vertraut.

II

Den Dichter tragen Engel, nicht Motoren,
Er spielt noch mit bei Wachs und Segeltuch,
Daß einen Stahl beherrsch, benennt er Fluch,
Wer dies nicht merkt, der ist für ihn verloren.

Denn alle die bequemen Ketzereien
Des Geists, der alles Volk mit Vorteil narrt,
Sind Diener, die sich Zins und Tilgung hart
Verschaffen und sofort aufs neue leihen.

Und wenn Quixote mit Mühlenflügeln streitet,
So ist dies eine Tat, die Schmerz bereitet,
Weil er der Mensch ist im Lemurenstaat.

Doch wenn der Dichter wilde Xenien reitet,
So hegt er Hoffnung nicht, daß er verleitet,
Die Marionette brech den Führungsdraht.

III

Der Dichter ist von Herkunft frei und Hoffen,
Er schämt sich, seinen Namen hinzusetzten,
Was andre schmähn und wieder andre schätzen,
Ist nur geliehn, und ob im Recht ist offen.

Will er verschenken, nennt man dies bestechen,
Und wenn er schweigt, so pönt man diese Grille
Ihm sind Gedichte sogar Wunsch und Wille,
Drum ist er wehrlos allem Haun und Stechen.

Er steht nicht nur im Widerspruch zum Wollen,
Er weiß dies und bedauert das Vertrackte,
Das ihn vereinsamt läßt im Sehnsuchtsvollen.

Doch wenn ihn einmal Zorn und Hoffahrt packte,
Läßt er wie keiner rings die Köpfe rollen,
Bis das Entsetzen aller Welt das nackte.

IV

Was wären Dichter, trüg die Lebenswelle,
Die ihnen Sprache gab, Gesicht und Mut,
Was ihnen hell war nicht erneuter Helle
Durch stygisches Gestein bis an die Quelle,
Da einer fühlt, es ist sein eignes Gut?

Was könnte uns Vergangenes berichten,
Wär einer nicht, der in Triumph und Leid
Sich fänd und fern von seinen Lebenspflichten
Am Traumgeweb des Dichters fortzudichten,
Geheiligt ist durch seine Einsamkeit?

Vielleicht, daß Götter sie zusammenschauen
In andrer Ordnung als Geschichte spinnt,
Doch das Gewähn aus Zweifel und Vertrauen
Weiß sich in einem Rhythmus aufzubauen,
Dem auch die Götter nicht gewachsen sind.

Drum hüte dich, den Eintritt zu verwehren
Dem Toren, der die Glockenblume hegt,
Vielleicht fällt alles, was wir stolz verehren,
In dieses Blau, das namenlos zu mehren,
Wir stehn, von Traum und Himmelsblau bewegt.

Vers 10725 bis 10738:

Lebensalter

Wer Rechenschaft und Ordnung weiß zu schätzen,
Die Jahre mit Periodenreihen ziert,
Der Dreischritt ist beliebt, die vier tradiert,
Und auch die sieben strebt nach ganzen Sätzen.

Doch was wir auch entwerfen, es verliert,
Sich rasch an Muster, die das Bild verletzen,
Ob wir gemach gehn oder furchtbar hetzen,
Kein Sterblicher ersinnt, was noch passiert.

Drum mag die letzte Ordnung keiner gleichen,
Die wir uns in der Vogelschau erschleichen,
Und unser Erbe lächelt drob gemein,

Doch ist die Müh mit Rhythmen und mit Zeichen,
Ein Segel, dran wir manchen Port erreichen,
Und Teil des Spiels ist auch sein Widerschein.

Vers 10739 bis 10778:

Jugend

Ob Mohn, ob Seim,
Gefahr, Gedicht,
Sie ruft dich heim,
Was sie verspricht,
Ist alt, so alt
Wie nur die Welt,
Und es verhallt
Erst, wenn sie fällt.

Die Götter stehn
In ihrer Schuld,
Und wenn sie gehn,
So rückt der Kult
Vom Gipfelschnee,
Den sie nicht braucht,
In jede See,
Daraus sie taucht.

Ob sie das Heil
Im Flug begreift,
Als Sonnenpfeil
Durch Wolken schweift,
Ob sie ihn freit
Und sich vertauscht,
Ihr ist die Zeit
Ein Meer, das rauscht.

Sie krönt das Haupt
Wie Wogen Schaum,
Und wer ihr glaubt,
Agiert im Traum,
Der ihn umspielt
Und ihm nicht sagt,
Wohin er zielt
Und wann es tagt.

Doch wer ihr traut,
Hat ohne Groll
Auf Sand gebaut,
Und Glaubens voll,
Daß nicht ein Scherz
Die Karten leg,
Weiß er ins Herz
Den Königsweg.

Vers 10779 bis 10802:

Einsamkeit

Du spürst sie früh, und schon in Kindertagen
Hat dich ihr Doppel-Angesicht umkreist,
Sie gilt als eine von den sieben Plagen,
Doch auch als Wunder, das der Dichter preist.

Du wirst, solang du lebst, kein Urteil wagen.
Sie ist die Schlange, die sich selbst verspeist.
Die blinde Sucht, mit der sie dich geschlagen,
Ist alles, was du wirklich von ihr weißt.

Sie treibt das Herz und sie verwirrt den Magen,
Sie trübt den Blick und sie verzückt den Geist,
Wer sie nicht liebt, versucht sie zu verjagen,
Doch kommt sie wieder, rächt sie sich zumeist.

Sie nährt den Traum und spinnt das Garn der Sagen,
Sie ist der Spiegel, drin die Sehnsucht gleißt.
Will ihre Laune sich mit dir vertragen,
Gibt sie sich zweisam und betrügt dich dreist.

Wenn sie dir schenkt, so hast du nichts zu klagen,
Doch winde aus dem Hort, wenn du sie freist,
Kein Gran zu viel, sonst packt sie dich am Kragen
Wie einen jungen Hund die Mutter beißt.

Sie steht und weiß die Zeiten zu durchragen
Als Fels, der Mut und Hinterlist verschleißt,
Doch manchmal reicht sie ohne alle Fragen
Den Schlüssel, daß du ihr die Welt entleihst.

Vers 10803 bis 10816:

Erntezeit

Wenn ausgeträumt die Insel der Atlanter
Und Pfingsten sich vermischt dem Idalicht,
Wenn aus dem Tann der Reim der Väter bricht,
Wird dir dein Schatz ein seltsam urverwandter.

Jetzt zeigt sich neuer Sinn in frühster Schicht,
Und fürchtet nimmer, daß sie ächt der Ganter,
Nicht Ritters Trauer zeigst du als Gebannter,
Denn wahre Liebe hellt dein Angesicht.

Die Engel hast du früh und oft bedichtet,
Doch spät hat sie dein Auge erst gesichtet,
Und da dich einer wählte, warst du frei,

Und schaust, wie sich der Hain von Sparta lichtet,
Und reifes Obst ist für dich aufgeschichtet,
Daß weiter nun der Kreis der Ernte sei.

Vers 10817 bis 10836:

Tag der Toten

Ich weiß nicht, was ihr wart und was ihr schuft,
Doch spür ich eure große Gegenwart,
Wenn mich im Wald die erste Lerche ruft
Und wenn der Nachmittag die Wolken schart.

Der Morgen ist die Erstgeburt der Nacht,
Die wie der Rahm auf ihren Tiefen schäumt,
Wir sind aus Staub und einem Hauch gemacht,
Der nachther weht und unsre Wege träumt.

Was wirkt, was wirklich, ruht in eurer Hand --
Wie kann der Tag, den ihr verwunden habt
Und den ihr bunt in eurem Fächer spannt,
Enthalten, was ihr ihm nicht selber gabt?

Ihr schweigt, und dies, ein kostbares Gefäß,
Hat Raum für unser Mühn, euch zu erneun,
Und wer die Schrift, die ihm entleuchtet, läs,
Fänd Muße, sich der Wiederkehr zu freun.

Denn eurer Zeit ist unsre abgezweigt,
Und euer Schatten, der mein Auge traf,
Hat mich, wenn eines Tags die Lerche schweigt,
Geduld gelehrt für einen langen Schlaf.

Vers 10837 bis 10861:

Philoktet

Fern steht dir die Macht zu künden,
Wie der Freie nicht die Fron
Weiß, so wird, wer schaut, nicht gründen,
Denn die Quelle kann nicht münden,
Und Apoll hat keinen Sohn.

Was in Träumen und in Taten
Sich entfaltet und erzählt,
Sagt der Spur, in die wir traten,
Ob sie menschlich wohlgeraten
Oder göttlich auserwählt.

Ob uns schwanke Schemen treiben,
Oder ob der Blitz das Haar
Flammend färbte, wir verleiben
Nur das Urteil, ders dich schreiben
Hieß, braucht keinen Archivar.

Was er einst mir dir gepflogen,
Birgt kein Sterbenswort davon,
Ob der Dunkle dir gewogen,
Aber ohne deinen Bogen
Schleift sein Heer nicht Ilion.

Rüste dich, in See zu stechen,
Ohne Kehr, von Herkunft frei,
Nichts zu dulden, nichts zu rächen,
Sei dein Los und dein Verbrechen,
Was auch je gescheh und sei.

Vers 10862 bis 10947:

Faunisches Wort

Für Wolfgang Schühly

I

Es träumt, bewacht von Stachel, Dornicht, Panzer,
Verwunschnes Herz, allein von Ahndung wund,
Von Wandlungen zu ungeteilter ganzer
Erfüllung aus dem eignen Muttergrund.

Das ungeprägte Gold gab noch kein Stanzer
Zu Wechsel frei, zu Irrung, Joch und Schwund,
Doch Wind, der Jäger mit dem Schmeichlermund,
Ist nicht nur Schnitter, sondern auch der Pflanzer.

Er ist bedenkenlos und ist Erglüher,
Der Flammenschläger aus dem Funken früher
Gefährdung, die das Herz nicht missen mag.

Und ruft der Lenz den großen Gold-Versprüher,
So wechsle von Diogenes zu Blüher
Und ohne Waffen opfere dem Tag.

II

Es herrscht der Mond der Sommersonnenwende,
Wenn Pan im falarsanischen Gestein
Erwacht und Faune sich im Fels-Gelände
Ergehen und im lichtdurchtränkten Hain.

Doch sag, wer säng das Maienlied zu Ende
Und höb das Haupt und blieb im Herzen rein --
Wer wagte sich dem neuen Herrn zu weihn
Und weigerte dem linderen die Spende?

Er bleibt dem Zug des Jahres der Entgleiser,
Sein Wind, der sanft entfernt und noch viel leiser
Zusammenführt und viel zu viel verspricht.

Wir stehn in seiner Hut, wenn wir die Reiser
Entflammen und der weiseste der Weiser
Die Tat verlangt und einen Traum zerbricht.

III

Ob Worte galoppieren, ob sie schleichen,
Ob einer meißle, schmied, mit Zungen red,
Ist für den Gott, der solche Siegeszeichen
Erobert, so, als ob der Wind sich dreht.

Doch wir, die nur mäanderwegs erreichen
Das Glück, daß unser einsamstes Gebet
Die Form vollbringt, die an das Alphabet
Der Götter rührt, verzehren uns nach Gleichen.

Denn Gleicher unter Gleichen sein ist heute,
Da Gleichheit absank zur Hyänenbeute,
Zur Augenweide, die am Markt verdirbt,

Mehr Opfer noch als Privileg, und scheute
Der Pöbel, wär doch einer da, die Meute
Zu hetzen, daß der neue Orpheus stirbt.

IV

Glaub nicht, ich sei gefaßt und in mir gäre
Kein Frühling liebestoll und fahrtenfroh,
Ich reiste selbst mit Charons schwarzer Fähre,
Mich bremst Megaira nicht, noch Alekto.

Als Alchymist, der sich auf die Chimäre
Versteht und zwiespricht mit Homunculo,
Setzt du den Zauberspruch und reimst ihn so,
Daß selbst die Argo ohne Steuer wäre.

Doch solltst du lieber selbst die Flügel breiten,
Bereit, den Stier der Kreter zuzureiten,
Daß dich nicht schreck der Herr des Labyrinths.

Nur wenn du überfliegst die Macht der Zeiten,
Erglüht im Lied, im Sommernacht-befreiten,
Die grüne Fee des pontischen Absinths.

V

Die Welt ist faunisch wie die Menschenseele,
Die ihre Größe nur dem Drang verdankt,
Daß Blut sich mische und die Lust nicht fehle,
Ob auch das Aug in Selbst und Fremdheit schwankt.

Drum faunisch sei das Lied aus deiner Kehle
Als sei der Wein, den ihr am Ölbaum trankt,
Ein Mittler, der das große Los entschrankt,
Daß Scham, was Zeus gemäß ist, nicht verhehle.

Das Lied, das Kretas Größe faßt, zu finden,
Mit Aquarellen leuchtend einzubinden
In Ziegenhaut als Wiegenlied des Zeus,

Hast du gewagt, bevor die Bilder schwinden
Und nur den Traum der Götter froh umwinden,
Das Licht des Ida sei dir frei, erneus.

VI

Der Faun ist ganz in Griechenland zuhause,
Nur wo die Quelle, Baum und Felsgestein
Beseelt sind, kann ein solches Wesen sein,
Es wäre sonst nur eine Dichterflause.

Er stellt sich nicht in einem Garten ein,
Der fürchtet, daß die Sinnlichkeit ihm grause,
Er lebt und liebt und macht da niemals Pause,
Was manchen schreckt, das ist ihm noch zu klein.

Ihm ist der Tod kein gräßliches Gerippe,
Er nimmt die Götter gern mal auf die Schippe,
Denn auch der letzte Odem ist ein Kuß.

Drum lausch dem Meer auf einer spitzen Klippe,
Ob auch dein Mund am Schaum nur wenig nippe,
Erfährst du doch, daß alles wahr sein muß.

Vers 10948 bis 11213:

Hyperboräische Briefe

I

Wo das Licht noch ungebrochen
Herrscht, wenn meins schon rot verfahlt,
Ist ein Feuer ausgebrochen,
Das mir tief ins Nachtherz strahlt.

Stärker noch als Helios’ Erbe
Ist der nächtige Apoll,
Daß er alle Macht erwerbe,
Wird der Geist verrückt und toll.

Sag, wer könnte widerstehen,
Wenn der Gott den holden Wahn
Uns befiehlt, und nicht vergehen,
Eh der Pfeil auf seiner Bahn?

Sollen wir wie Knaben beten,
Solln wir küssen Stein und Wind?
Unterm Sturm des Musageten
Wird der Harscheste zum Kind.

Und vom Pythischen gerüttelt,
Will ich selbst der Apfel sein,
Vom Erkenntnisbaum geschüttelt
Als die Botschaft: Du bist mein.

II

Mancher, den das Glück betrogen
Unterm Joch der Gegenwart,
Flucht das Aug, das ihm gelogen,
Und das Ohr, das ihn genarrt.

Doch der Weise wird ihn schelten,
Weil aus ihm der Undank spricht:
Was du schaust, das soll dir gelten,
Doch dich selber schaust du nicht.

Schau den eignen Geist, der allen
Wegen Licht und Klang erhält,
Denn der Geist tappt nur in Fallen,
Die er selber aufgestellt.

Nicht die Taktik, die verfeinert,
Zwingt das Schicksal, das dir grollt,
Wen ihr Antlitz nicht versteinert,
Sieht Medusen jung und hold.

Drum vertrau der Traum-Devise,
Schau nach Segeln, die sich von
Osten mit dem Goldnen Vliese
Steuern auf Heraklion.

Schon in Bälde dich zu treffen,
Der Ägäis froh und nah,
Magst als Lotse für mich reffen
Stolzen Tags die goldne Rah.

III

Mein Kreter, durstig auf Laudanum-Reime,
Solang dein Magen würgt, dein Schädel birst,
Such ich Kamillensud und Haferschleime
Zu würzen, daß du heil und heiter wirst.

Wohl hat, was sonst dem Leib die Lebensfreude
Zurückgab, türkisch Bad, Balsam und Duft,
Und alles, was der Schlemmer gern vergeude,
Enttäuscht und ist als wirkungslos verpufft.

Es kann wohl sein, daß dir in dieser Grube
Ein Bote spricht und dir ein Warnwort raunt,
Daß eingesperrt in Schlafgemach und Stube
Das Kind in deinem Herzen horcht und staunt.

Hast du den Schmetterling in deinen Träumen
Vergessen und den Glanz, den er entfacht?
Und hast du selbst das köstlichste, sein Säumen,
Der Sorge und der Tagesmüh vermacht?

Die Liebe weiß von fürchterlichen Leiden,
Und mancher meint, daß sie selbst Krankheit sei,
Doch wer sie flieht, der wird nicht mehr entscheiden,
Ob sie dem Leib die seligste Arznei.

Mög sie im Dunkel, das dich heimsucht, keimen,
Um dich zu sehn, der hell und heilig spricht:
Ich komme, um ein neues Lied zu reimen,
Und alles, was ich tu, sei dein Gedicht.

IV

Wenn ich träume, leicht und lauter,
See, die Tang und Salze blies,
Sag, Geliebter, ungeschauter,
Ob du ruhst auf Goldnem Vlies.

Sterne wandeln, alte Zeichen
Tauschend, und wer weiß, ob eins
Uns erlaubt, uns zu erreichen --
Dies verraten wird uns keins.

Früher Himmel deckt mein Amen
Und mein Menschenmund verwaist,
Du Geliebter ohne Namen
Kannst ermessen, was das heißt.

Wem Apoll im Mai gewogen,
Trägt den Fall des Jahres hart,
Doch der Pfeil von seinem Bogen
Schnellt in jede Gegenwart.

Nicht der Wunde, die der Panther
Schlägt, geb ich den Odem hin,
Du Geliebter, unbekannter,
Wirst erfahren, wer ich bin.

V

Steigt der Nebel aus dem Ried
Morgenhin, durchwachter Nacht
Deutend, daß sie jählings flieht,
Müd das Herz und traurig macht.

Zeigt sich Sonne, einem Drachen
Ähnlich, macht in Reim und Gruß
Dein Gedicht mein Haus zum Nachen
Und beflügelt Herz und Fuß.

Daß mich Pflichten von dir trennen,
Krampft die Brust und ballt die Faust,
Doch ich glaube dich zu kennen,
Daß du wachst und mir vertraust.

Also will ich dich erreichen,
Wo mein Blick im Dämmer frägt,
Denn der Leib ist selbst ein Zeichen
Für die Seele, die ihn trägt.

Seit wir uns im Geist berührten,
Fehlt vom Himmelsrund ein Stück,
Doch die Sterne, die uns führten,
Fragen nicht nach Leid und Glück.

Was ihr Strahl uns aufgetragen,
Deutet nur der Mund, der singt,
Und ich will es mit dir wagen,
Bis Saturn die Sense schwingt.

VI

Jeder Tag, der dich nicht bringt,
Jeder Atemzug der Bange
Ähnelt einer Riesenschlange,
Die mich würgt und dann verschlingt.

Wenn dein braunes, volles Haar
Nicht an meiner Seite fächelt,
Bin ich nur ein Hund, der hechelt,
Und des Trostes gänzlich bar.

Manche Freude birgt die Welt,
Doch nur deiner Augen Spiegel
Löst der Trübnis Schattensiegel,
Der mich ganz gefangen hält.

Grüßt, wenn ich dem Traum entwach,
Nicht der schlanke, urvertraute
Engel, schenken Harf und Laute
Nichts als Wimmern, Weh und Ach.

Wenn ich an die Trennung denk,
Zähl ich zu den Tantaliden,
Doch die Hoffnung gibt mir Frieden,
Denn den Schmerz schafft ein Geschenk.

VII

Unvergleichlich ist die Stimme,
Die mich streichelt, wenn sie spricht,
Selbst im Bangen und im Grimme
Wollt ich andre Laute nicht.

Unvergleichlich ist der Schatten,
Den du wirfst in Herz und Nest,
Daß die Götter solches hatten,
Glaub ich nicht besonders fest.

Unvergleichlich die Gebärde,
Wenn du eintrittst in den Raum,
Daß mich Stärkeres gefährde,
Fiele mir nicht ein im Traum.

Und es gibt auch kein Erbarmen,
Daß mir frommte ähnlich wie
Dein unsägliches Umarmen,
Drin ich jeden Schmerz verzieh.

Deiner Reize Lob-Bekunder
Sei mein Leben bis zum Schluß,
Doch das größte aller Wunder
Sind dein Atem und dein Kuß.

VIII

Wenn mir nur noch eines bliebe,
Schlöß ein Lied mein Auge zu.
Singen heißt mich meine Liebe,
Denn Musik -- sie ist wie du.

Ihre Anmut gleicht der Welle,
Und sie ist der Seele Kleid,
Ohne Raum und ohne Stelle,
Doch vollkommen in der Zeit.

Du, Akkord, der mich ergründet,
Du, Fanfare, die mich stählt,
Wahrwort, das im Reimklang mündet,
Bleibst du vor der Zeit erwählt.

Da die Götter mich beneiden,
Ist die Rache mir gewiß,
Doch das Reich, das wir beeiden,
Trotzt dem Spruch der Nemesis.

Nicht nach Jahren und nach Tagen
Zählt, wer auf die Wolke setzt.
Unsre Schwinge wird uns tragen,
Bleibt sie von uns unverletzt.

Auf dem Idaberg zu danken,
Soll ein Opfer uns befrein,
Doch den reichsten der Gedanken
Sprich nicht aus und halt ihn rein.

IX

Du weißt, du bist
Von weit gesandt.
Nur der Psalmist
Bleibt dir verwandt.
Wer Ringe reiht
Ins nächste Glied,
Fällt mit der Zeit,
Die ihn erzieht.

Wer wagt und hofft,
Gewinnt das Spiel,
Was prunkt, ist oft
Auch höchst fragil,
Was blendet, meid,
Wenns schmerzt, so scheus,
Denn solches Kleid
Frommt nur dem Zeus.

Erahn noch spät
Das frühe Heil,
Im Kriegsgerät
Den Liebespfeil,
Des Schwans Gebalz,
Des Adlers Tracht,
Wo Sand und Salz
Diktynn bewacht.

So folg der Spur
Zum Idaberg,
Für Asias Flur,
Ein seltner Zwerg,
Doch welthin weiht
Das Leucht-Gefährt
Den, den vor Zeit
Die Ziege nährt.

Ägäisch schau
Poseidons Gischt,
Im Kurs genau
Das Segel zischt,
Ausguck erspäht
Den Zeus im Schlaf,
Der Westwind bläht
Konvex, konkav.

Ob seine Hut
Uns bräutlich weih?
Sein Traum ist gut,
Was auch gedeih.
Wenn sein Beschluß
Verwirft, was war,
Nimm diesen Kuß
Für immerdar.

X

Nicht, daß sich der Wunsch erfülle,
Nicht, daß wahr sei, was er glaubt,
Nicht, daß man sein Los enthülle,
Neigt der Beter fromm das Haupt.

Er vertraut dem Recht der Liebe,
Weiß in ihr den frühsten Traum,
Daß auch Götter zarte Triebe
Sind an ihrem Lebensbaum.

Doch er fleht, er mög es schaffen,
Froh zu sein in Glanz und Mut,
Daß ihm taugen Wehr und Waffen,
Wenn der Gott ihm Großes tut.

Nicht den Geistern, die verneinen,
Hat sein Herz das Ohr geliehn,
Und dem Schicksal im Erscheinen
Betet er, daß ers verdien.

XI

Unergründlich sind die Pfade,
Die wir gehn und die uns drohn,
Was uns fromm und was uns schade,
Welcher krumm und welcher grade,
Ist verhüllt dem Menschensohn.

Ob es uns erlaubt zu naschen
Am Verheißnen, das uns mählt,
Wenn der Gaukler, dich zu haschen,
Dich mit zarten und mit raschen
Flügelschlägen lockt und quält?

Niemand wird es uns verraten,
Doch im Linienspiel der Hand
Stehn Verzicht und stehen Taten,
Was wir hofften und erbaten,
Als Geheimnis eingebrannt.

Und im Auge ruht ein Drache,
Den allein ein Auge weckt.
Wir bemühn uns, daß er wache,
Unter manchem fremden Dache,
Doch er schweigt, bis ers entdeckt.

Seiner Weisheit zu vertrauen,
Werde froh und rüste dich,
Alle Wunder anzuschauen
Und sein Haus dareinzubauen,
Ist er reich und königlich.

Vers 11214 bis 11253:

Urania

Wagst du dich ins Mittelmeer,
Achte die Sterndeuterei,
Sie als Mnemosyne-Kind
Schützt den Fuß vor Schlangenbiß.
Aus dem Nebel kommst du her,
Fändest nie den rechten Kai,
Dreifach taub und dreifach blind,
Blieb dir fremd, was ihr gewiß.

Wird der Himmel Poesie,
Hat das Leben Maß und Takt,
Sind Legenden dort gespannt,
Hast du selbst am Gleichnis teil,
Was zu Bild und Glanz gedieh,
Bleibt nicht ungestalt und nackt,
Und du weißt dich ausgesandt
Von der Heimat und dem Heil.

Drum sei nie darauf erpicht,
Daß die Musen wer verspott,
Das Museion schütze gut,
Daß der Glaube nicht versand,
Daß er ihren Kreis vernicht,
Hofft allein der Münzengott,
Der die Diebe gut beschuht
Und die Länder füllt mit Tand.

Nicht das Wissen zählt zuletzt,
Denn die Kunst, die grundlos spielt,
Waltet weiter, wenn uns längst
Sinne und Gedächtnis schwer,
Drum wer auf die Musen setzt,
Weiter und genauer zielt,
Und die Beute, die du fängst,
Ist vor allen Beuten hehr.

Was der Grieche je gedacht,
Steht am Himmel hell und rein,
Heller noch als alles Licht,
Das der Idaberg uns schenkt,
Diese Weisheit scherzt und lacht
Wie der beste Kreta-Wein
Und es strahlt dein Angesicht,
Wenn dich die Urania lenkt.

Vers 11254 bis 11289:

Pharon

Marke zwischen Land und See,
Lichtpunkt, der den Segler lenkt
Heller als der Gipfelschnee,
Den der Taygetos uns schenkt.

Stiller Adria entglitten,
Drein das Frankenreich uns ließ,
Sah Ionien uns inmitten
Sturms, der wie ein Drache blies.

Mag bewachen die Hellenen,
Was Poseidon gut befand,
Unsre Reise auszudehnen
Nach dem traumverheißnen Land.

Daß wir unsre Seele retten,
Bot erst der Messener Golf,
Wo das Land der Wunderstätten
Noch behaust von Bär und Wolf.

Nicht Odysseus nachzuahmen,
Refften wir die stolze Rah,
Doch wir nannten seinen Namen,
Nah der Insel Ithaka.

Fersengeld gab er den Freiern
Seiner Treue, aber heut
Sind die Schwaben und die Bayern
Durch ihr Geld die Herrschaftsleut.

Landluft macht den Kiel verständig,
Morgen loht mit Möwenschrei,
Und wir rühren eigenhändig
Griechenerde in Pharai.

Wein, der viel zu gut für Norden,
Schläfert fast schon am Kamin,
Doch er soll nicht überborden,
Denn wir wollen weiterziehn.

Mögen ruhen Satz und Letter
Und der Vers, der drein zerfloß,
Bis lakonisch uns das Wetter
Morgen grüßt im Taygetos.

Vers 11290 bis 11353:

Polemos

Er wacht bei den Gießern und Schmieden,
Die Wöchnerin kennt seinen Schritt,
Und ist dir ein Himmel beschieden,
So schürst du am Urfeuer mit.
Wenn lobsingt der Chor im Theater,
So hell, daß der Baumwipfel schweigt,
Verfällt die Geschichte dem Vater
Von allem, was kommt und sich neigt.

Vor ihm wird der Weltgeist zum Weibe,
Ob Knecht oder Freier -- er dingt.
Er bricht wie die Ketten die Eide,
Wie Kronos die Kinder verschlingt,
Und sucht sich der Mann zu beweisen,
Daß König der Adler dem Lamm,
Schaut er unter Himmeln von Eisen
Zerstörte Gesichter im Schlamm.

Du schaust einen Krieger verwundet
Sich rüsten zu neuem Gefecht,
Kein Traum und kein Trauern bekundet,
Was Nemesis billig und recht,
Doch leuchtet, als gelte im Leben
Nur eins zwischen Abgrund und Licht,
Sein Auge, das Brünsten und Beben
Nicht nachgibt, solang es nicht bricht.

Er weiß, daß die mächtigsten Heere
Zerstieben, verläßt sie der Mann,
Dem gleich ist das Leichte und Schwere
Und auch, ob er muß oder kann,
Und daß die gewaltigsten Waffen
Ein Strohfeuer sind und nur gut,
Kulisse und Bühne zu schaffen
Für den, der den Opfergang tut.

Wohl wissen die Götter im Lichte
Die Brüchigkeit all ihres Glücks
Und bannen den Weg der Geschichte
Im Schwur bei dem schrecklichen Styx,
Du weißt nicht, ob sie dir gewogen
Und ob sie den Feinden nicht viel
Versprachen und beide belogen,
Doch weißt du: sie bleiben im Spiel.

Ob je ihre Herrlichkeit endet,
Ob wiederkehr Chaos und Nacht,
Bleibt offen, das Licht ist verpfändet
Dem Opfer, in Freiheit gebracht.
Es lohnt sich, die Herdstatt zu segnen
Und einzustehn, ausweglos, ganz,
Der Freiheit, dem Gott zu begegnen
Und Waffen zu führen im Glanz.

Die Zeiten, die mutlos und kleinlich
Verleugnen, was Kraft hat und Rang,
Betrachten die Waffe als peinlich
Und ruchlos den Heldengesang.

Die Philosophie der Lakaien
Hat gleichwohl dem Krieg, der sie schreckt,
Samt seltsamen Riten und Weihen
Die furchtbarsten Waffen entdeckt.

Verwahre dein Herz dem Gemeinen
Und halte dein Späheraug blank,
Und hüt dich vor solchen, die meinen,
Sie schuldeten Göttern nicht Dank.
Wo Polemos, Herr über alle,
Verspottet die Treue, den Mut,
Vertraust du: Er ist keine Falle,
Trägst du deine Götter im Blut.

Vers 11354 bis 11377:

Glückliches Lakedaimon

Bergritter, streng, und am strengsten im Stil,
Wo das Gymnasion von Wehrwillen strotzt,
Tempel des Leibes in Ehre und Spiel,
Nur ihr Plateau der Verweichlichung trotzt.

Nichts als Verachtung ist für sie das Meer,
Wo sich auf Inseln die Kaufleut und Geld
Streiten und mauscheln, und blinder Verkehr
Alles vermischt mit den Rassen der Welt.

Hyperboreer, der Wanderung leid,
Hier wo sie Obstgärten schufen, bewacht
Von einem Ringwall aus Bergen, und weit
In einer Höhe, wo Hochmut erwacht.

Hochherzig ist dieses Volk, wo es still
Pflegt seine Reinheit und Händler-Geschwätz
Aussperrt und selbstfroh das Fremde nicht will
Und sich mit Mut unterwirft dem Gesetz.

Weltweit gefürchtet ist nur der Hoplit,
Nackt und gestählt in ephebischer Brunft,
Erst, wenn zurückkehrt, wofür er einst stritt,
Wird dem Olymp eine weitere Kunft.

Wo sich der Stolz in der Nacktheit beweist
Deß, den Pandora nicht trog mit der Büchs,
Wo Gott gesund und Gebärmutter heißt,
Thront der lakonische Tempel des Glücks.

Vers 11378 bis 11397:

Leonidas

Zahlreich die Perser, doch größer das Heer
Schwitzender Knaben, das atemlos lauscht,
Was uns Plutarch, deinem Streite zur Ehr,
Zeichnet, hat Schiller und Nietzsche berauscht.

Du bist die Klinge, die Weltzeit nicht stumpf
Macht, denn zum Liebling im Träumergehäus
Wird nicht der Feldherr in Gold und Triumph,
Sondern wer sank unterm Blitzstrahl des Zeus.

In den Berichten aus hundertster Hand,
Lischt nicht dein Leuchten, es dauert vermehrt,
Selbst wenn das meiste der Preiser erfand,
Seist du noch hundertfach stärker geehrt.

Denn durch dein Opfer, dem Rechner gering,
Heilig dem Erben, der hochherzig denkt,
Hat sich dem Griechen und Abendlands Ring
Herrlich der Mythos von Sparta geschenkt.

Kein Philosoph und kein orphisches Buch
Hat uns das Göttliche holder gesagt
Als das Bestehn vor dem knechtischen Fluch,
Drum der Hoplit das Unmögliche wagt.

Vers 11398 bis 11445:

Tyrtaios

Nicht sing ich dem Manne mit hurtigem Fuß,
Dem siegreichen Ringer, Kyklopenkraft gleich,
Der rascher als Boreas brächte den Gruß,
An Anmut und Wuchs vor dem Tithon noch reich,
Deß Gold selbst dem Midas, dem Kinyras Neid,
Der hehrer als Pelops, des Tantalos Erb,
Wenn ihm zur Bewährung nicht tauglich der Streit
Und Fliehen das Mittel, daß friedlich er sterb.

Allein im Gefecht zeigt sich wacker der Mann,
Der sehenden Auges das Morden erträgt,
Den Mut treibt an feindliche Streiter heran,
Der standhaft in vorderster Schlachtreihe schlägt,
Solch Tugend und Ruhm ist der köstlichste Preis
Dem Jüngling, der Stolz für das Volk und die Stadt,
Wer ausharrt und duldet und Wanken nicht weiß,
Auch für die Gefährten ein Feuerwort hat.

So sei die Musik der Phalanx General,
Daß sklavisch ihr Zeit und dem Schwerte der Raum,
Sie herrsche als Sturmbraut und Sieges Fanal,
Unzwinglich gesetzhaft wie Atem und Traum,
Sie glätte und eine, wo Eigenheit schwand,
Die Kämpfer zu Gleichen, die wogen im Takt,
Sie bündle die Muskeln zu göttlicher Hand
Und bürge für Urkraft im schreitenden Trakt.

Wer hintreibt zum Fliehen die feindliche Reih,
Gewaltigen Arms in der Fuge der Schlacht,
Wer sterbend noch schlägt eine Stoßgasse frei,
Wenn längst ihm der Panzer von Schlägen zerkracht,
Wer einzig der Polis und Vater zur Ehr,
Geborstenen Helmes, durchlöcherten Schilds,
Sich hingibt, dem huldigt kein Tränenaug leer
Von Jungen und Greisen des Heimatgefilds.

Wenn Trauer und Schmerz dem Gefallenen gilt,
Ist Ehre den Kindern, dem Grab, dem Geschlecht,
Auch unter der Erde sein Opfermut gilt,
Wo keiner sich schmähend und spottend erfrecht,
Wenn aber aus Ares gewaltigem Feld
Er siegreich sich naht in das dankbare Land,
Ist jeder ihm Diener und adelt den Held,
Und Hades allein kann mißgönnen den Stand.

Sein Vorrecht ist selbst dem Betagtesten wert,
Drum suche der Kämpfer den rühmlichen Grat,
Nie sinke der Mut, denn vor allem begehrt,
Ist Kriegsmannes Einsatz und herrliche Tat,
Drum sing ich nicht Dingen, die andernorts feil,
Und streite nicht ab, daß entbehrlich ich dächt
Das wundersam Große, weil Freiheit und Heil
Sich einzig beweisen in Krieg und Gefecht.

Vers 11446 bis 11481:

Helena

Griechisches Schicksal der Name schon sagt
Fürsten umwerben dich, Göttinnen stehn
Ratend und streitend, der Wogenschaum klagt:
Welcher der Kämpfer je sollt dich bestehn?

Königin, frei als spartanisches Weib,
Hörst du die Stimmen in Hag und Kamin,
Daß sich in Epen dein schimmernder Leib
Wird duch die Träume und Schlachtreihen ziehn.

Daß Aphorodite der Sitte mißfällt,
Soll dich nicht wundern, sie huldigt dem Zwist,
Ihr ist es lieb, wenn die Ordnung der Welt
Unstet in seltsamsten Wendungen ist.

Paris, der dich aus dem Hochplateau singt,
Hat, was Gymnasion und Chor nicht geschenkt,
Er ist der Leichtsinn, der Musen-beschwingt
Durch die Ägäis das Kaperboot lenkt.

Daß Menelaos mit seinem Geklag
Heerscharen stell, die noch keiner gekannt,
Weißt du nicht, noch, daß am blutigen Tag
Tragen Olympier die Axt in der Hand.

Aber es sei wie es sei, wenn du dies
Einstens gewußt, hättst du dennoch gewählt,
Was dir das Auge des Prinzen verhieß,
Was dir das Meer von Darnellen erzählt.

Daß sich die Männer um Weiber verheern,
Haben die Götter gemacht, und die Frau
Trägt nicht die Schuld, wenn in blutiger Schlacht
Böcke erschlagen den Hahn und den Pfau.

Schau von den Zinnen das harte Gefecht --
Dies ist die Welt und wer wählte sie je?
Krieg wird beweisen noch jedes Geschlecht,
Polemos dringt von dem Scheitel zum Zeh.

Mangel an Gründen hat nie noch dem Krieg
Schranken gesetzt, seit uns Himmel und Meer
Über der Erde als Lebens Gewieg
Freunde und Feind sind im fliegenden Speer.

Vers 11482 bis 11517:

Nireus

Was Ilion schmückt an Anmut und Geschmeid,
Was Agamemnon dingt zum Schwertertanz,
Die Jugendschöne zeigt sich oft und weit,
Doch ihn zuerst schmückt Aphrodites Kranz.

Wir wissen ihm, der Symes Kämpfer führt,
Nur wenig nachzurühmen, und sein Tod
Ist nach dem Preis, der seinem Leib gebührt,
Das einzige, das der Chronist uns bot.

Nicht wie Achilleus, der Patroklos rächt
Mit Hektors Tod, der Memnon niedermacht,
Penthesilea tötet im Gefecht,
Bis Phoibos’ Silberpfeil zur Hades-Nacht

Ihn schickt, an Waffenehre unerreicht
Und schwer im Ruhm wie viele Wägen Golds,
Des Schönsten Ruhmesblatt ist falterleicht
Und schwimmt im Styx grad wie ein Birkenholz.

Und doch ist seine Amnut unbedingt,
Sie sagt sich in Begierde und in Neid,
Und wie Homer allein vom Preiser singt,
So bleibt es frei von aller Eigenheit.

Er gleicht Adon, dem selbst der Name fehlt,
Narkissos, den die Sehnsucht bannt und frißt,
Endymion, den Grottentraum verhehlt,
Und Ganymed, der nur ein Opfer ist.

Das Pflanzenhafte, das bei Hyazinth
Verwandlung fordert, ist des Lieblings Los,
Denn was sein Gehn im Sonnenschein gewinnt,
Ist Sehnsucht im Betrachterauge bloß.

Die Schönheit, die Erwachsensein verbot,
Ist ein Tyrann, der den Charakter merzt,
Wo sie regiert, gedeihn nicht Wein und Brot,
Kein Mut den Träger wandelt und beherzt.

So ist allein dem Tod, der nichts verschmäht,
Die Ernte, wenn die Götter sich verzehrn,
Wer solchen Glanz auf seine Schultern lädt,
Muß alles was dem Menschen frommt entbehrn.

Vers 11518 bis 11577:

Alkibiades in Sparta

In Argos heißts, daß der Gerichtsbeschluß
Auf schuldig und die Todesstraf erkennt,
Doch daß er neu sich profilieren muß,
Ist ihm Bewährungsfeld für sein Talent.

Zwar hat er Sparta übel mitgespielt,
Doch bittend Amnestie und Dienstvertrag,
Hat er zurecht auf den Bedarf gezielt,
Und daß der König solchen Handel wag.

Da er dem Vorteil und dem Ehrgeiz Nutz
Verspricht, an Ränken reich und Tauschgeschick,
Findt er nicht nur vor den Verfolgern Schutz,
Er findet auch zurück zur Politik.

Er schickt es, daß die Flotte von Athen
Vernichtet an Siziliens Fels verwes,
Um gleich in zweiter Front voranzugehn
Im Krieg zu Land auf den Peloponnes.

Als wichtigstes er Dekeleias Wehr
So rüstig macht, daß es dem Feinde graust,
In Lakedaimon sagt der Sperling her,
Daß großes Wohl in diesem Rater haust.

Er schert das Haar sich kahl und badet kalt,
Ißt schwarze Suppe und das Gerstenbrot,
Man traut den Augen kaum ob der Gestalt,
Und hält den früh verwöhnten Snob für tot.

Doch ist die Perfektion im fremden Brauch
Dem Snob ein Spiel, das seinem Ehrgeiz frommt,
Frappiert der erste Maskenwechsel auch,
So schmunzelst du, sobald der nächste kommt.

In Sparta anspruchslos und ein Athlet,
Ionien sieht ihn leicht und liederlich,
In Thrakien ihm der Wein den Kopf verdreht,
Und beim Satrapen übertrifft er sich.

Daß Prunksucht selbst den Perser übertreff,
Schlägt, wie man sagt, dem Faß den Boden aus,
Doch Lakedaimons Diplomatenchef
Ist auch im Orient froh und ganz zuhaus.

Und endlich wandelt er auf Paris’ Spur
Und spannt dem König seine Liebe aus,
Und als ein Sohn geborn wird, meint er nur,
Er dehn die Herrschaft auf den Folger aus.

Doch merkt er bald, wie er den Bogen spannt,
Geht der zu Bruch, er sucht ein neues Spiel,
Dem Perser sind die Griechen unbekannt,
Da nützt ein so Erfahrener ihm viel.

Nun wundert manchen, wie der kommt und geht,
Chamäleon in Glauben und Gestalt,
Doch wer als Demokrat begann die Red,
Der wird nur so mit seinen Schrullen alt.

Er wird noch für die Oligarchen ziehn,
Bald hier, bald da, und stets mit einem Knall,

Er inszeniert sich selbst und daß er dien,
Ist eine Rolle für des Falles Fall.

Sokrates war mit seiner Jugend hart,
Doch zog er selbst die Skepsis Demut vor,
Wenn man vor einen Balg Manieren karrt,
Tritt freilich nicht die Seele durch das Tor.

So ist auch Alkibiades Kind der Zeit,
Vom Glauben abgefalln und ohne Stern,
Dann freilich ist ein Ulk der ganze Streit,
Und gut ist, wer im Wohlstand lebt und gern.

Vers 11578 bis 11673:

Minoischer Traum

I

Welt des Poseidon und Welt des poseidischen Stieres,
Mythenreich dunkel, vom Schutt der Gezeiten verdeckt,
Gold, aber immer im Schatten des prächtigen Tieres,
Ehe noch Theseus das Zeichen des Widders erweckt.

Erst als das Blut fließt, der Faden den Flüchtigen leitet,
Stirbt eine Welt, die uns wenig verrät und vertraut,
Zeichen am Himmel, das jeglicher Deutung entgleitet,
Fremd, labyrinthisch in dunklen Symbolen erschaut.

Drehkraft des Himmels, die doppelte Streitäxte zieren,
Totenkult, der sich in Gängen und Kammern verirrt,
Traumtag, verschachtelt mit toten und lebenden Tieren,
Heimkehr verweigernd, wenn je sich der Faden verwirrt.

Als die Olympischen einst mit der Kraft der Heroen
Himmel und Erde dem Licht und der reinen Gestalt
Ganz übereigneten, durfte die Stierwelt verlohen,
Doch ihre Götter sind heutig und werden nicht alt.

Was sie uns raunen, im Wachsen des Mondes gewaltig,
Treibt uns noch stets in ihr heiliges Traum-Labyrinth,
Was sie uns raten mit Gesten, die Vorwelt-gestaltig,
Weiß, daß wir fiebernd minoische Nachkommen sind.

II

Da die Hyksos schwanden aus Ägypten,
Sank der große Zeichenkreis des Baal,
Eine Stele kündet in den Glypten
Sommerloses Jahr in großer Zahl.

Auf der Insel Thera hatten Beben,
Mensch und Vieh gewarnt von Gäas Groll,
Und die Bauern, die am Nabel leben,
Wußten, daß es Abschied heißen soll.

Als das Eiland unbewohnt verweilte,
Selbst die Mauern schlug man klein und fuhr
Jedes Stück, das so dem Zorn enteilte,
Bis auf Kreta sich verliert die Spur,

Bot ein Vorspiel sich in manchen Monden,
Weiße Asche stob und rosa Bims,
Was die Kräfte erst noch mäßig schonten,
Ward gehüllt in hohen Wall und Sims.

Gase stießen rot-orange Brocken,
Bis zerriß des Berges Krustenvlies,
Und das Wasser durfte Lava schocken,
Daß der Schlot die Welt erzittern ließ.

Blöcke, die verzwölft die Menschengröße,
Bombten durch den Himmel und das Meer,
Und Poseidon seine Fesseln löste,
Daß es jeden flachen Strand verheer.

Was gemahnte an die Schöpfungshimmel,
Da die Argo die Kyklade warf,
Machte des Jahrtausends Flurgewimmel
Zum Gesang, der neu beginnen darf.

Bald jedoch Autesion, den von Theben
Ein Orakel nach den Dorern bannt,
Sendet seinen Sohn und neues Leben,
Die dem Eiland nahn mit fester Hand.

Mag auch, was minoisch hier, der Kreter
Hüten, schiebt sich doch das Weltgewicht,
Gab sich Amalthea dieser Meter,
Leuchtet uns vom Idaberg das Licht.

III

Schickt es sich dem Sänger, froh zu rühmen,
Was die Herakliden einst vollbracht,
Gleicht jedoch nicht Nacht und Ungetümen,
Was der Stier verlor an Mut und Macht.

Seine Stunde gab nicht nur Bewährung
Den Heroen, die Medusen feind,
Als des Traumes zeichenpralle Gärung
Hat er stets den ganzen Ring gemeint.

Was wir unterm Idalicht gewinnen,
Ist auch eine Wunde und Verlust,
Wenn wir Minos’ Scherbenspur besinnen,
Wird uns seine Vaterschaft bewußt.

Wird wie er auch unser Traum verwehen,
Dürfen Himmel, denen alles eins,
Myriaden Schöpfungslichter sehen,
Aber mancher Zeitenlauf hat keins.

IV

Im Lautenton
Des Mittmeer-Raums,
Bleib Erb und Sohn
Des Minostraums.

Er ließ die Macht
Und wehrt sich nicht,
Jedoch die Nacht
Gebar das Licht.

Was ihm entschwand,
Verwandelt bloß,
Das Meer, das Land,
Das Menschenlos.

Was er dir schenkt,
Nimm dankbar an,
Denn früher fängt
Der Heilsplan an,

Als die Geburt
Uns glauben macht,
Drum heg die Furt
In seine Pracht.

Und jeder Fahrt
Ein goldnes Korn
Sei aufgespart
Aus seinem Born.

Vers 11674 bis 11689:

Rhyton

Opferschwenker, Kultgeschirr,
Einer Hand gehenkelt, schenkt
Deiner Wölbung Glastgeflirr,
Was der Unsichtbaren denkt.

Stier und Widder, Menschenhaupt,
Formen sich im Trankgehäls,
Wer mit solcher Inbrunst glaubt,
Weckt die Flüchtigen im Fels.

Unter Staub, millennienschwer,
Dauert fremd das kleine Stück,
Doch es strahlt gewaltig her
Aus dem ungeborstnen Glück.

Wir, die solches Zeichen sahn,
Schaudern, vor der Strahlkraft blind,
Und erfassen ganz den Wahn,
Darin wir gefangen sind.

Vers 11690 bis 11721:

Androgeos

Lichtgestalt, flammend aus Zeiten, die kaum überliefert,
Dorische Säule im Himmel, von Blitzen durchzackt,
Ader im Mahlstrom der Gaia, in Schichten geschiefert,
Erbe und Traum-Solitär, unbezwinglich und nackt.

Sieg und Triumph bei den Spielen der Panathenäen
Leiten dich, von pallantidischer Garde beflankt,
Aber am Himmel, wo Kraniche kreisen und Krähen,
Zeigt sich das Zeichen, daraus die Legende uns rankt.

Denn was den Dichter zum ewigen Hymnus begeistert,
Ist nur die Schönheit, die dumpfester Niedertracht fällt,
Wo sich vor Abscheu die Sonne verdunkelte, meistert
Er das idäische Licht und errettet die Welt.

Neid schafft die Sage, und Dauer hat nur das verwehrte
Glück, das dem Norden im grausamen Bilde verwandt
Siegfrieds, des golden gelockten, als arg ihn durchspeerte
Laune des Lindenblatts, fallend aus göttlicher Hand.

Minos, der glückliche, muß seinen Sohn überlassen
Samt-schwarzem Mantel, der über die Lanze sich legt,
Hinter Zypressen verliert sich im Lethelicht-nassen
Nebel die Sorge und was wir an Hoffnung gehegt.

Frevel schafft Frevel, und Sühne erweist sich als Makel
Jüngerer, denen das Licht ist und damit das Recht,
Weil es Vergeltung nicht gibt, kann des Gottes Orakel
Ausführen erst ein von Kriegen enterbtes Geschlecht.

Aber ein Name, melodisch, zu Versen Verführer,
Lockt uns noch immer zu Harfen und Waffen der Lust,
Von den Phöniziern bis hin zu den Strömen der Syrer
Machen uns Steine die Tiefe des Traumes bewußt.

Flutwellen tilgen, was eben die Ebbe gestaltet,
Reiche verblassen und rufen die späteren her,
Unter dem Himmel, den niemand verjüngt und veraltet,
Gibt es nur Licht und gelegentlich Säulen am Meer.

Vers 11722 bis 11777:

Ariadne

I

Die Heiligste, der Kreta Fruchtkraft dankte,
Verehrn auch Zypern, Naxos und Athen,
Die Insel Delos, die im Meere schwankte,
Hat auch für sie ein Heiligtum ersehn.

Von Minos kommt sie, der den Flügelwachser
Hieß baun des Minotauros Schreckensstatt,
Den sühnend Mord, die Stadt Athen in laxer
Gewährung füttert, bis er prall und satt.

Doch Theseus führt die Opfer-Jugendlichen,
Sein Aug der Ariadne Herz umflicht,
Ihr Geist ist nie von seiner Hand gewichen,
Ihr Wollknäul und ihr Schwert gewannen Licht.

Er floh mit ihr, jedoch dem Gott der Rebe,
Ließ er, die traulich tief auf Naxos schlief,
Der Wein, der sagt, daß er uns alles gebe,
War stärker als die Braut, die schluchzend rief.

Die Augen, die so hart gelitten haben,
Sind Keimen hold, in karges Land gesät,
Sie mag die Kreter mit den schlichten Gaben,
Und manchmal hängt im Ölbaum ihr Gefäd.

II

Die Minostochter stieg zu höchster Weihe,
Doch Theseus liebt sie noch im hehrsten Stand,
Sie hat sich für den Schatten heiß verwandt,
Und ihr Gemahl entführte ihn ins Freie.

Nur selten weiß die Sage zu berichten,
Daß einer aus dem Hadesdunkel kehr,
Doch wer das Labyrinth verließ im Lichten,
Dem bleibt die Hand auch überm Styx nicht leer.

Sie ist die Kraft, die Tod und Kerkermauer
Bezwingt und den Erwählten stählt und führt,
Wer sie geminnt, den können Horn und Hauer
Nicht letzen, weil ihm alles Heil gebührt.

Sie ist die Treue, die Vergebung breitet
Als Mantel, der uns wärmt und purpurn feit,
Was je erlöst, sie hat es vorbereitet,
Und sie bleibt wirksam noch in später Zeit.

Der Weinberg ist ihr Heim, der manche Jünger
Gesegnet, denen Gott das Ziel der Fahrt,
Wenn etwas wächst, so danke nicht dem Dünger,
Weil sich allein das Opfer offenbart.

III

Der Faden bleibt der Schirmer allen Strebens,
Wer sich bewahrt den schlichten Woll-Patron,
Den leitet durch das Labyrinth des Lebens
Die Nabelschnur von Morgenrot und Mohn.

Die Schlüssel sind uns frei und überliefert,
Doch wer vergißt, was sich mäandrisch sagt,
Steigt in den Ring, der sich mit Trug durchziefert,
Als Narr, der ohne ein Refugium wagt.

Drum dank dem Tag, der dir das Knäul vermachte,
Die Liebe gab es hin mit einem Schwert,
Weß Müh kein Aug mit Liebestränen dachte,
Dem bleiben Sieg und Heimatweg verwehrt.

So schließt sich von der Fruchtbarkeit der Äcker
Zum Heil des Manns ein Kreis im Herzensblut,
Und was uns schickt zu strenger Fahrt und kecker,
Es ist ein Kuß und unsrer Liebsten Gut.

Vers 11778 bis 11837:

Diktynna

Kommst du nach Kreta, Nibelung,
Der Küste, die sich ewig jung
Gestaltet zwischen Licht und Meer,
So glaub nicht, niemand wisse, wer
Du seist, die Burg von Gold und Blut
War dir vor allem Anfang gut.
Drum opfre nicht allein dem Zeus,
Den Hafen in sein Schild-Gehäus
Bewacht mit Walrat feinst bewachst
Die Jungfrau mit der Doppelaxt.

Sie, die den König Minos floh,
Zum Sterblichsein nicht frei noch froh,
Die Nymphe, Frucht des großen Zeus,
Ist dir, ob Fries, ob Sachs, ob Preuß,
Gewogen, denn durch deutsche Zung
Blieb Kreta auch zur Weltnacht jung
Sein Licht, im Traum des Dichters hell,
Des Barden auf dem Bärenfell,
In Herz und Seele selbstgewiß
Der Dienerin der Artemis.

Sie, wehrhaft, souverän und frei,
Prostitution und Kriecherei
Sind ihr verhaßt, wer Waffen trägt,
Darf, daß sie ihm zur Seite schlägt,

Erflehn, von Dikti, Sparta, Rom
Bis hin zum Styx, dem Höllenstrom,
Trägt sie die Fackel, daß der Mann
Erkenne, was er will und kann,
Sie schirmt das Licht und sein Gesetz
Idäisch jung mit Axt und Netz.

Die Heimat, wo der Idaberg
Dem Vater gleicht, der schlafend Werk
Und Taten wägt, ob des Gewichts
Sie würdig seines Himmelslichts.
Sie aber kennt nicht Schlaf noch Lust,
Denn die Gefahr ist ihr bewußt,
Daß man das Recht und Ebenmaß,
Was Schlacke und was Erz, vergaß,
Und steht, daß du das Wort entschlackst,
Als Jungfrau mit der Doppelaxt.

Der Jägerin, die niemals fehlt,
Ist sie, von Leidenschaft beseelt,
So treu, daß sie in Trutz und Wehr
Symbol dem Amazonenheer,
Und hoch zu Roß in wilder Jagd
Hat sie der Mutterschaft entsagt,
Sie schätzt gering den Wert von Gold,
Ihr Dienst erwartet keinen Sold
Für jene, die die Axt zerspliß
Als Dienerin der Artemis.

So tritt in ihren Hafen ein,
Bereit, ihr deinen Vers zu weihn,
Der Mondwelt, die dich nicht betört,
Gibst, was ihr vor der Zeit gehört,
Dann sieh, wie sie dir Stege baut,
Froh, daß auf Kreta deutscher Laut,
Der lutherisch und unmodern
Ehrfürchtig sucht des Wesens Kern
Und hofft, daß ihn die Weisheit schätz
Idäisch jung mit Axt und Netz.

Vers 11838 bis 11909:

Kouros

Für Serge Mangin

Da sich im Klange der Mensch eine eigne Geschichte
Schuf, daß er blinden Naturlaut in Sprache und Schrift
Zu einer Einheit von Formen und Farben verdichte,
Auch man die frühesten Werke der Bilderkunst trifft.

Eh noch der Logos sich zeigt, hat Grammatik gestritten,
Welche die frühsten Kulturen komplex und subtil
Handhabten wie ein Refugium des Geistes inmitten
Bebenden Schreckens, der Ares bekam und gefiel.

Was für die Stunde der Laut, sind im Raume die Steine,
Unbehaun, klobig, von Riesen geschleudert im Grimm,
Aber der Mensch fand im Herzen die Götter, die seine
Kehllaute ordneten, daß ihre Tonleiter stimm.

Er ward erhört und für alle, die Götter bestreiten,
Möge ein Blick in Vergangnes die Theodizee
Endgültig einfach entscheiden, im Anfang der Zeiten
Schliefen die Sorglosen nicht im olympischen Schnee.

Und auch die Muster für bildendes Tun und Gestalten
Zeigte der Kosmos, der fest und dynamisch sich stellt,
Ehe Gesteine die Schwinge des Horus entfalten,
Hetzte Orion mit Eifer den Winter der Welt.

So wie die Stimme die Flöten und Leiern vereinigt,
Weiß auch die älteste Kunst, daß die Mitte des Alls

Menschengestaltig sich aus dem Graniten gereinigt
Findet, verwundbar an Gliedergelenken und Hals.

Spätere, die, was die Frühtage schenkten, zerschlagen,
Tasten nach Sinn, der vom Taumel der Sinne befreit,
Aber was raumlos sich weiß und vom Chaos getragen,
Schafft weder Mythos noch Logos und hat keine Zeit.

Nur wer die Räume begreift als die Zeit-Parallelen,
Weiß, daß das Herz nicht nur Muskel ist wie das Gesäß,
Er reist ins Altertum, um ihm nicht länger zu hehlen,
Daß es für Zeus und das Himmelsgebläu das Gefäß.

Zeiten, die groß waren, dachten sich selber als Schüler
Größerer Meister, von ihnen durch Fesseln getrennt,
Die keine Mühe zerbricht und kein tastender Fühler,
Denn auch im Nektar verweilen die Götter uns nicht.

So wie die Sprache zur Spätzeit mit simpleren Formen
Aufgibt ihr Heil, so versuchen die Künstler abstrakt
Allem Vergleich zu entgehn und den göttlichen Normen,
Darin der Minner steht, aufrecht, verhalten und nackt.

Aber auch diese von Göttern verlassene Stunde,
Hat ihre Meister, die Demut vor Alten nicht scheun
Und, ihnen treu in dem wahrhaft archaischen Bunde,
All ihre Träume in ewigen Mustern erneun.

Wer aber weiß, welche schwindelnde Höhe geboten,
Fragt weder Staat noch die stolze Bohème von Paris,
Und er gestaltet den Jason und nicht die Zeloten,
Der um die Lenden nichts trägt als das Goldene Vlies.

Dir sind die Kouroi auf Kreta und auf den Kykladen,
Vorbild und Ansporn, dein Herzblut auf diesem Altar
Der Aphrodite zu weihen, ob so auch der Faden
Lebens zerrisse, der kleinerer Festigkeit war.

Nichts mehr zu hoffen, erkennst du, daß all unsre Mühen
Wurden vergolten am Tag, da die Weltschöpfung stand,
Auf einer Hutweide stehn wir und gleichen den Kühen,
Denen die Gräser gemäß sind für ihren Verstand.

So ist der Ruhm, den die heutigen oder noch spätre
Spenden, ein Mißgriff, wie Rilke schon sagte, der Wahn
Heutiger Leiden und Freuden ist nichts für den Maître,
Denn alle Zeit, die er göttlicht, ist längst schon vertan.

Früh befiehlt Stil und die Ordnung besetzt die Podeste,
Starrheit, die jeden, der näherkommt, bannt und fixiert,
Täuschung ist alles, was aufbricht und heimelt das Feste,
Denn keine Statue schreitet und schweift im Geviert.

In ihrem Anlitz entdeckst du kein menschliches Eigen,
Wo sich die Rasse noch fürstlich vor jede Person
Stellt und die Würde hat, jegliche Zeit zu verschweigen,
Dort komponierst du archaisch und ganz homophon.

Wenn du die Zeiten verwunden von Irrweg und Lehre,
Stellst du den Kouros ins Licht als den Säulen-Atlant,
Und du erschrickst vor dir selbst und idäischer Ehre,
Weil sich Herakles dir feind seiner Bürde entwand.

Vers 11910 bis 11989:

Idäisches Licht

Blender, Blitz, gewohnt
Minne, unbedingt,
Goldner Schild, der Schaum
Schwängert, weiß und hehr:
Hellen Gleichmuts thront
Gott, der schafft und schlingt,
Idaher der Traum
Überm Mittelmeer.

Zeichner, hart an Land
Marmor, scharf und glatt,
Sanftes Aquarell,
Wenn die Woge fällt.
Selbst der Küstensand,
Aller Farbe satt,
Dient als Widderfell
In der Inselwelt.

Unterm Blitz des Zeus
Stählern oder schwank
Schmerzt der Strahl das Aug,
Bis es traumhin weicht,
Doch im Grün erfreus,
Nährend, stolz und schlank,
Weide, Busch und Haugk,
Drin die Nymphe leicht.

Ihr verströmter Duft,
Den sie selbst entflammt,
Opfernd, im Arom
Zeus, dem Donnrer, nah,
Mischt dem Gold der Luft,
Die als Aleph-Amt
Strömt im Ida-Dom,
Blut als Omega.

Unterm Zeus-Zenit
Wird die Erde reich,
Schlange, die sich sonnt,
Weiß von frühster See,
Und wir feiern mit
Öl und Wein und Eich
An der Wetterfront
Seiner Krone Schnee.

Wer den Himmel rührt,
Steigend nackten Fels,
Wo das Firneis brennt
Im Kroniden-Glast,
Artemis verführt,
Müd des Hundsgebells,
Den, der Sehnsucht kennt,
Die ihr Herz nicht faßt.

Aber drunter gleißt,
Ob sein Kult auch sank,
Bis die Welt vergeh
Ehern heiß das Licht,

Ragt, von Dunst umkreist,
Zeus zu Lob und Dank
Kreta aus der See,
Stolz der Lehenspflicht.

Durch den Dichter sprichts:
Nimm das Opfer an,
Füllhorn meines Traums,
Den du nächtens schreibst,
Erst der Schmerz des Lichts,
Das den Krieg ersann,
Hob aus Meeresschaum
Sie, in der du bleibst.

Nenn sie kretisch grün,
Hoff, dies Eiland sei
Eigen ihr als Leib
Und der See Geschlecht,
Unser Schild-Bemühn
Halt die Furche frei,
Und der Dichter treib
Tief im Traumgeflecht.

Was als Frucht sich hob,
Weih dem Himmelsherrn,
Der die Bilder schuf
Und begabt mit Schau,
Seines Reiches Lob
Gib im Herz und gern,
Denn der Traum-Beruf
Liebt das Himmelsblau.

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