Der Dichter Uwe Lammla

(1961–2024)

Idäisches Licht - Zweites Buch

Eine Welt in einem Licht, das oft beschrieben ist. Es ist Morgen, der Nordwind hat sich erhoben, der die Barken Athens nach den Zykladen treibt, und das Meer nimmt, wie bei Homer, die Farben des Weins und der Veilchen an, gegen die verrosteten Felsen schlägt es sanft, alles ist durchsichtig, jedenfalls in Attika, alles hat Farben, auch die Olympischen, Pallas, die Weiße, und Poseidon, der Azurgott. Ja durchsichtig, das ist das Wort, was aus der Hand der Griechen geht, das ist räumlich da, stark belichtet, Plastik, reiner Gegenstand, seine Jahrhunderte bereicherten den Peloponnes, stellten die Hügel und Inseln voll, lagerten etwas über die Weideflächen, erhöhten sie geographisch über den Meeresspiegel, und zwar mit etwas, was Ausdruck gewonnen hatte; Gelebtes, gekerbt vom Willen und den Erfahrungen der Rasse; Porphyr, bearbeitet von Traum, Kritik und höchster Vernunft; Ton und darauf die Linien menschlicher Bewegung, seiner Handlungsweisen, seiner Gesten, seines räumlichen Gefüges.

– Gottfried Benn

Vers 11990 bis 12053:

Amalthea

Wo die Bienen golden
Aus dem Überfluß
Safranfarbner Dolden
Im Begattungskuß
Scharenweise ernten,
Was sie nicht gesät,
Zeiten sich, entfernten,
Noch dein Glanz verrät.

Wo die Tauben tragen
Wein und Mistelzweig,
Nymphe hegt und Sagen
Säuseln Waldgeschweig,
Darf die Fülle prunken,
Milch und Honig fließt,
Bis der Knabe trunken
Seine Augen schließt.

Wo die Erde weise
Über aller List
Sicherheit und Speise
Ihrem Liebling ist,
Dem erwählten Gotte,
Ihrer Tochter Sohn,
Birgt die Bergesgrotte
Fruchtbarkeit und Mohn.

Wo der Traum in Räuschen
Weiß Triumph und Sieg,
Und Saturn zu täuschen,
Im Kuretenkrieg
Kupferschilde klirren,
Erz im Sonnenstrahl,
Dürfen Bienen schwirren,
Doch zum letzten Mal.

Wo den goldnen Reichen
Wächst das reinste Gold,
Ist im Himmelszeichen
Helios weit gerollt,
Schwermut des Titanen,
Der nicht deuten kann,
Wie im Glanz der Bahnen
Höchster Glanz zerrann.

Wo zur Abschiedsstunde
Reichste Ernte glückt,
Ist am Knabenmunde
Welt in eins gerückt,
Wo die Nymphen Falter,
Wind und Wald Gesang,
Preist das goldne Alter
Seinen Untergang.

Wo das Maß im Kampfe,
Stahl die Stiere bannt,
Daß der Widder stampfe,
Bist du ausgesandt,

Daß dein Füllhorn prange
Hell am Sphärenschild,
Unten nur die Schlange
Kenn dein Spiegelbild.

Wo der Salamander
Dein Geheimnis weiß,
Helios weiterwander
Durch den Zeichenkreis,
Blasen wir die Hörner
Hochgemut und hehr,
Sän wir Samenkörner
Deiner Wiederkehr.

Vers 12054 bis 12093:

Der Diskos von Phaistos

Wo, nach dem Doppelhorn des Ida strebend,
Ein Traum sich hob und formte zum Palast,
Der leicht wie jene, die vorüberschwebend
Ihn ehrten, da sie gern und oft zu Gast,
Wo Priester Kunst und Wissenschaften hegten
In Schlössern, die nur der Geweihte bricht,
Kam wie ein Schatz, dem wir im Traum begegnen,
Handspannengroß das Labyrinth ans Licht.

Die Scheibe, drein in doppelter Spirale
Bildzeichen scharf und sparsam eingeprägt,
Ist wie ein Spiegel, der dich tausend Male
Daran gemahnt, wie kurz dein Geist dich trägt,
Der Forscher, der Präludien seiner Reife
Erwartet, wo sich früher Himmel spannt,
Sieht im Gesetz von Faden, Spur und Schleife
Nichts als den Kampf um Weib und Ackerland.

Es führt kein Weg zum Heiligen vom Schlichten,
Als bloßer Nimbus, Ritual und Macht,
Kannst du die Zahl als Eigenheit gewichten,
Daß sie vor einer Flut von Bildern wacht,
Dann mag es dir ergehn wie dem, der Saiten
Zu stimmen weiß, so wie das Ohr gestimmt,
Im Gleichklang des Verschiedenen zu leiten
Das Maß der Fülle, das sich gibt und nimmt.

Die Alten, die den Wandel der Gestirne
Im Wechselspiel zu aller Weisheit sahn,
Sie beugten sich dem Gipfeleis der Firne
Und hießen nichts gelöst und abgetan,
Für sie war das Geheimnis Lohn der Mühe,
Und Rätsel boten Heimlichkeit und Halt
Im Spüren, daß der Geist im Raum der Frühe
Verbürgt blieb in der menschlichen Gestalt.

In ihrem Spiel sei deines Muts Verschwender,
Begreif die Zeit als Stier, der deiner harrt,
Denn löst du ihre Wirbel als Kalender,
Erfüllt die Schale dich mit Gegenwart,
Die durch das Labyrinth der Himmelszeichen
Nur den zu Schrecken und Verderben führt,
Der von der Harmonie in ihren Reichen
Kein Gran in seinem dumpfen Herzen spürt.

Vers 12094 bis 12197:

Epimenides

I

Sucher nach Unschuld im Schatten
Diktäischer Höhle, wo Zeus
Blendungfrei augentrost-matten
Farben beläßt sein Gehäus,
Was sich die Otter im glatten
Gleiten aus Netzen und Reus
Raubt, ist ihm gleich, zu begatten
Nymphen im Gold des Gebläus.

Winters träumend, sommers sinnend,
Fiel die Zeit und Herrschaft hin,
Die, im Aufruhr sich beginnend,
Strafte den Gedächtnis-Sinn,
Im Exil die Mythen spinnend,
Urgroßvater, steig und minn,
Was die andern, blind verrinnend,
Sahn, und Strategie gewinn.

Der du deinen Geistverwandten
Sprache, Blitz und Dreizack raubst
Und zitierend mit Folianten
Auch zugleich den Gott entstaubst,
Sei gewiß, daß im Erkannten
Du dir selbst den Weg erlaubst
Und den Menschenmund-benannten
Zeus allein als menschlich glaubst.

Wer das Wort in seine Rechte
Einsetzt und am rechten Ort,
Stammt aus stolzestem Geschlechte,
Pflanzt sich nicht mit Weibern fort,
Daß der Erbe sein gedächte,
Wenn der letzte Stamm verdorrt,
Rief, der frech mit Knaben zechte,
Auch den Gott zurück ins Wort.

Wort, das anfangs war und wieder
Anfang wird, wenn du die Schar
Schwarzer Zeichen, starr und bieder,
Weckst zum Geist, der sie gebar,
Zeus im schützenden Gefieder,
Für dein Aug des Schreckens bar,
Nennt dich Ganymed und nieder
Schwingt er sich und macht sich wahr.

Einmal darfst du ihn erschauen,
Doch wenn du nicht warten kannst,
Wird der Nebel dir zum Grauen
Und die Lust zum Schmerz im Wanst,
Seinen Zeichen zu vertrauen,
Bis du dich zur Schau ermannst,
Kam er, um dich aufzutauen,
Bis dein Leib als Lohe tanzt.

Und du sagst: Wenn ihr doch wüßtet,
Daß ihr mit dem Zeichen fallt,
Weil, was uns nach euch gelüstet,
Bleibt in euern Herzen kalt.

Alle Freiheit, die dich rüstet,
Macht zum Heil erst die Gestalt,
Wer sich mit der Willkür brüstet,
Macht vor keiner Willkür halt.

Abgeschiedenheit zu üben,
Deinen Sinn an Wurzeln eich,
Drüben oft und manchmal hüben,
Sei wie Wasser flink und weich,
Laß dich nicht von Farben trüben
Und verharr im Zwischenreich.
Pilze recken sich in Schüben,
Und der Geist tuts ihnen gleich.

Wenn der Schattenfürstin Garten
Dich begrüßt, sag lob und sing,
Nur verlassene Standarten
Künden, was das Los verhing.
Wer betrügt, hat schlechte Karten,
Daß der große Wurf geling.
Du sollst Prüfungen erwarten,
Bis du aussteigst aus dem Ring.

II

Letzter des traumhin versunkenen Zeus der Kureten,
Priester, geheim unter sinkenden Himmeln geweiht,
Was aus der Vorsehung dich überhäuft mit Gebeten,
Waltet im Heilen, vergißt es die achtlose Zeit.

Wo sich dein Raten in Feldern des Ares verkehrte,
Wählst du das Rätsel und steigst in das Höhlen-Exil,
Schlaf, den die Nähe des Göttlichen innig begehrte,
Kehrt wie ein Schatten im Wort und im geistigen Spiel

Aller, die meinen, die Fessel der Seele im Spiegel
Zu überwinden, daß Weisheit sie frei und erfreu.
Im Paradox, das dich bannt wie olympische Siegel,
Teilst du das Los der Titanen und bleibst ihnen treu.

Was du erlesen hast, was du hinzufügst den Schriften,
Bleibt dir allein, nur das wenige in deinem Grab
Wird man benutzen, den Himmel des Zeus zu vergiften,
Wartet das Feuer auf unechter Nachkommen Stab.

Daß es wem fromme und daß es ermuntre den Weisen,
Hast du zu hoffen und auch zu erflehn nicht gewagt,
Nacht hat zu folgen wie Kupfer beerben wird Eisen,
Und das Vergessen ist Antwort der Stimme, die sagt.

Was aber Winden getrotzt hat und jeglichen Wettern,
Wird unterm Zeichen der Fische im gnostischen Wahn
Trunkene Meute in großer Empörung zerschmettern,
Tönt auf den Wogen die Botschaft vom Tode des Pan.

Spuren, die Liebende manchmal und unverhofft finden,
Dauern im Schutt, bis die Stunde des Einklanges naht,
Eh nicht die Götter die Augen vom Flore entbinden,
Sei dir der Trauer und auch der Verzweiflung zu schad.

Immerfort dichtet das All an der Weltengeschichte,
Und die Gewichte verteilen sich anders und neu,
Was dir erschienen, auf daß es dich ewig verpflichte,
Wird auch erscheinen, daß wer deines Wortes sich freu.

Vers 12198 bis 12270:

Einsiedelei im Gebirg

Für Uwe Nolte

Dorne, die sich fest verwinden,
Labyrinthe ziern und sperrn,
Die Verheißung, zu verschwinden
Wie der helle Morgenstern,
Schlangenkörper, jählings schnellend,
Wie ihr euch geschmeidig bogt,
Nie geschaute Himmel hellend
Überm Grund, der dich umwogt.

Was im Schutz der Dornbuschhecke
Dämmert, muß verwunschen sein,
Ob das Wild, ob, ders zur Strecke
Brachte, weiß der Gott allein,
Der im Äther, der umnachtet,
In Gestalt der Nymphen wacht,
Und das Herz, das er verpachtet,
Seinem Himmelslicht vermacht.

Wenn du einkehrst in die Hütte,
Weißt du, eh der Riegel fällt,
Nur, daß sich dein Geist zerrütte,
Hat ein Traum sie aufgestellt,
Daß du aus dem Schädel tränkest,
Blutig rot auf schlankem Pfahl,
Und dich seiner Wandlung schenkest,
Glüht er lila, grün und fahl.

Hast das Bild du nicht verstanden,
Wie die Schlange, die entglitt,
Deiner Kunst so sehr abhanden,
Daß sie für den Gegner stritt?
Da das Haupt die Lippe rührte,
Ward es fleischlich auf dem Pflock
Herr und herrlich und es führte
Deinen Tanz als geiler Bock.

Zwar der Hund blieb knurrend sitzen,
Doch der Klausner, der hier haust,
Will das Blut dir nicht verspritzen,
Da du zitternd nach ihm schaust.
Will das Ritual nicht enden,
Bleibt es offen als Symbol,
Soll das Haupt in deinen Händen
Wieder schweigen, starr und hohl?

Zeichen, die im Irrlicht harren,
Neckisch, leicht, lasziv und kaum
Faßlich im Geviert der Sparren,
Folgen einem andern Traum.
Bist du vor der Zeit gekommen,
Hat ein Trick die tausend Jahr
Überspielt, um dir zu frommen,
Und was scheint, ist nirgends wahr?

Tiefer Schlaf ist dein Vermächtnis,
Den der Milan hoch bewacht,
Nicht nach Tagen und Gedächtnis
Fragt, wer neunfach front der Nacht,

Was die Höhlen dir vertrauten,
Sprich nicht aus bei Mahl und Rat:
Kein Verweilen im Erschauten
Nimmt dem Vlies die Drachensaat.

Auch das Haus, das Zeus im Garten
Wappnet mit dem Krautgesträuch,
Weiß den Südwind abzuwarten
Und der Nymphen Klag-Geräuch.
Bilder steigen, weiß umnachtet,
Aus der Silberspur: Ich bin.
Nur wer sie zu bannen trachtet,
Weiß um ihren Hintersinn.

Wenn sie schmerzen, wenn sie sehren,
Steigt ein tiefres dir zum Heil,
Nimmt, den Göttern im Begehren
Gleich, an den Gelagen teil,
Überm Traum von Diptamdosten,
Schwerer noch als schwarzer Wein,
Hüllt ein trockner Wind von Osten
Auge und Gedächtnis ein.

Vers 12271 bis 12286:

Rosmarin

Tau des Meeres, Rosmarin,
Welche Sonne, die dir schien,
Hat dir solche Macht verliehn,
Ganz mein Herz in Bann zu ziehn?

Welcher Wind, der grollt und buhlt,
Hat sich im Gesträuch gesuhlt,
Jede Faser hold geschult,
Daß sie meine Träume spult?

Welche Wasser, Gischt und Glanz,
Lockten dich zu Spiel und Tanz,
Welche Kinderei des Manns
Wohnt in dir und weiß mich ganz?

Welchen Gottes sanfter Spleen
Spricht aus dir, und läßt nur ihn
Gelten, wenn die Wolken ziehn,
Tau des Meeres, Rosmarin?

Vers 12287 bis 12334:

Diptamdost

Am Waldsaum, schattig-warm, bei Busch und Strauch,
Gekräut, das kalkig helle Erde liebt,
Ins Dornicht auf der Pinien-Lichtung tauch
Die Nase, der sich hier ein Wunder gibt.

Das Kraut, das traubig seine Blüten stellt
Und sommers laut den reifen Pollen stäubt,
Das weiß und rosa, lila gar die Welt
Des Grüns verzückt und dich mit Duft betäubt,

Mußt du nicht suchen, denn es lockt im Mai
Mit Ölen, die sublim und feurig quelln,
Den Kiffer, der den Rausch erhofft, herbei,
Mit Dictamnin den Geist ihm aufzuhelln.

Vanille und Zitrone wagen hier
Nicht den Vergleich, was aus den Drüsen rinnt,
Ist reich und regsam, daß selbst Wein und Bier
Verzagen vor dem traumigen Absinth.

Tritt aus dem Wald und gib dich ihrem Rausch,
Mit Bitterstoffen würze Mark und Milz,
Dem Wort der Göttin, die hier nistet, lausch,
Ihr gleichzutun und ihrer Fülle, gilts.

Sie weiß zu werben und dir wird bewußt,
Daß solche Propaganda wäre not
Für all die Götter, die du hüten mußt,
In Zeiten, die dem Dichter nicht kommod.

Bei ihr, auf Kreta unverborgen, weil,
Wo Honig sich vergärt zu Met und Most,
Und werde froh und werde wieder heil
Im Schoß der Göttin, die verströmt im Dost.

Sie heilt dein Leiden, das venerisch schwärt,
Nicht modrig, sondern trocknen Elements,
Wo Eros straft und seine Gunst entehrt,
Trifft sie sein Pfeilgift, ächtets und verbrennts.

Sie lehrt dich unterm Himmelslicht des Zeus,
Daß alles, was hier keimt und wächst und blüht,
Lobsingt und preist sein herrliches Gehäus,
Ihm eigen und sein göttliches Gemüt.

Doch wenn der Juni Flur und Klippen sengt,
Die Tropfen ihres Öls zum Brennglas macht,
Wird sie zum Phoenix, der sich selbst verschenkt,
Weil sie das Opferfeuer selbst entfacht.

Und wenn der Busch, der sich vor dir entflammt
Und lodernd Äther und Arom verzehrt,
Siehst du im Feuer den, daher er stammt,
Den Himmelsvater, mit dem Blitz bewehrt.

Er blendet dich, daß du dem Orpheus gleichst,
Und küßt in dir das dritte Auge hell,
Daß du in Lied und Spruch sein Herz erreichst,
Schenkt er dir Honig, Milch und Widderfell.

Vers 12335 bis 12350:

Oregano

Schmuck der Berge, echter Dost,
Kraut, das herb und eigen würzt,
Markenmal der Mittmeer-Kost,
Die belebt und Kummer kürzt.

Die Geburt bringst du in Fluß,
Und dein Öl den Parasit
Tötet, daß der Hexenschuß
Gottlob aus den Gliedern glitt.

Lila Blüte, Wurzelstock
Sind dem Teufel arg und gram,
Böser Nixen Liebgelock
Widersteht, wer dich bekam.

Wenn ich Hochzeit halten will,
Hilfst du mir zu Glück und Ruh,
Denn ich leg die Blüten still
In der Liebe Strauß und Schuh.

Vers 12351 bis 12370:

Wunderbaum

Wunderbaum im Kretalichte
Wasser schätzt und leicht entbehrt,
Schon die biblische Geschichte
Hat den stolzen Wuchs geehrt.

Zeckenförmig sind die Bohnen,
Palmenhaft der Wedelstern,
Die mit dir im Garten wohnen,
Mögen bronzne Blätter gern.

Öl, das die Verstopfung reinigt,
Und des Magiers Künste trifft,
Was der Wunderbaum vereinigt,
Ist beschützt von starkem Gift.

Tödlich ist schon wenig Schale
Für den Menschen, Hund und Laus,
Darum quetsch die ockerfahle
Flüssigkeit nur kalt heraus.

Nur des Bärenspinners Raupe
Frißt sich froh in dieses Fett,
Wenn sie dörrt die Zeckengaupe
Schirmt der Schatten Wandrers Bett.

Vers 12371 bis 12386:

Oleander

Immergrünes Holzgesträuch,
Gelblich, rosa, violett
Grüßen seine Blüten euch,
Die ihr schaut das pralle Fett.

Weich wie Ziegenleder faßt
Sich das Blatt, das bitter schmeckt,
Wenig lädts zu Fraß und Mast,
Dran schon bald das Herz verreckt.

Auch ein Schnitt vom scharfen Grat,
Gibt dir bösen Vorgeschmack
Von dem schnöden Attentat,
Das der Strauch gespeichert hat.

Also faß ihn mit Respekt,
Denn der Schöne wehrt mit Fahr,
Wenn er gelbe Blüten streckt,
Sei dir Mörderabsicht klar.

Vers 12387 bis 12402:

Tamariske

Kleiner Baum, der auf versalznem Boden
Wurzeln kann, weil ihn das Blatt entschlackt,
Vorhut, wo die Wogenkämme roden,
Festlands Pionier und erster Akt.

Wurzeltief mit Schuppenblatt, die Zweige
Dicht bedeckend wie ein Panzerkleid,
Wenn ich meinem Schatz die Blüten zeige,
Bannt ihr Rosa alles Weh und Leid.

Um die Triebe wuchern meistens Gallen,
Mit Tanninen, draus uns grüßt der Wein,
Von der Schildlaus wird der Stock befallen,
Und wir heimsen hier die Manna ein.

Wunderbar das Eins von Tier und Pflanze,
Wunderbarer der Mikroben Werk,
Der botanicus im Jubeltanze
Folgt dir immer gern zum Idaberg.

Vers 12403 bis 12422:

Olivenbaum

Ruhmreichster der Baumeszunft,
Tief und knorrig, breit und krumm,
Runenrat der Wiederkunft,
Den Jahrtausend schmeißt nicht um.

Noah treibt dem Zweige nach,
Dem Peisandros schmückst die Axt,
Dem Odyß ein Ehgemach,
Denn wo ihr, Oliven, wachst,

Sind die Götter niemals fern,
Und im Öl, das labt und heilt,
Hätt der knüppelharte Kern
Gern den Rest der Zeit geweilt.

Trockenheit und Wüstenglut
Steckst du ohne Klage fort,
Aber Frost zerstört den Mut,
Drum du nie gedeihst im Nord.

Doch dein Öl ist dort begehrt
Und im ganzen Erdenkreis,
Weil es uns so köstlich nährt,
Ob es kalt ist oder heiß.

Vers 12423 bis 12446:

Johannisbrot

Wilder Honig, der den Täufer
Wohl genährt im Widderfell,
Brotzeit für den Sonnenläufer,
Süße Frucht und Karamell.

Holz, das standhält den Charybden,
Hart und bruchfest, formstabil,
Schickt im frühesten Ägypten
Schon die Barken auf den Nil.

Von Arabien hergekommen,
Wo ihm taugen Staub und Schrott,
Bleibt ihm ewig wohlgesonnen,
Wer ihn aufnahm, diesen Gott.

Lange Hülsenfrucht sich ringelt
Schlangenhaft um Stamm und Ast,
Wenn das Bockshorn dich umzingelt,
Kennst du nicht des Hunger Last.

Denn Karob hält sich zur Ernte
Die Maschine gänzlich fern,
Und erscheint als der Besternte
Mit dem diamtnen Kern.

Zu den Wundern, die dem Süden,
Feil, ein höchstes Wunder lies,
Denn sie formten sich zu Krügen
Früher als das Paradies.

Vers 12447 bis 12494:

Zypresse

Der Habitus dicht und gedrungen,
Als friere sie, was oft auch stimmt,
In Nebel und Norddämmerungen
Man ungestraft selten sie nimmt,
Im Lichte des Ida gewachsen,
Beschenkt, daß sie grüne und schmück,
Macht sie die Alleen zu Achsen,
Doch spricht sie kein Wörtlein vom Glück.

Ob bräunlich, ob bläulich, ihr Grünen
Im buschigen Selber-Verhülln,
Gemahnt uns an Büßen und Sühnen,
Als wollt ein Gesicht sich zerknülln.
Als sei sie ihr eigener Zapfen,
Ein Aug, das sich duckte ins Hemd,
Ein Fuß, der verwurzelt im Stapfen --
So sagt sie, sie bleibe uns fremd.

Es ist kein Geklag, kein Gegrantel,
Doch Dunkles ist fraglos im Schwang,
Ein Dichterwort sah einen Mantel,
Den über den Degen man schlang,
So tief ist die düstere Pose,
Daß alles Begreifen verstummt,
Und niemand will offen und lose,
Was also bestimmt sich vermummt.

Sie mischt allem Glanz etwas Fades,
Als sei alles Blühen Getu,
So gilt sie als Botin des Hades
Und raunt uns im Kehrreime zu,
In Gärten der Unterwelt grüne
Sie heimisch, dem Lenz wie dem Herbst
Nicht Schaustellerin oder Bühne,
Und nichts, daß die Wangen ihr färbst.

Auch wenn sich die Zweige zerklüften,
Wird doch die Gestalt nicht konkav,
Man schaut eine Vielzahl von Grüften
Vereinigt im ewigen Schlaf,
Sie zeigt eine Neigung zum Starren,
Wie selten das Leben sich müht,
Das Rätsel in ihrem Verharren
Befriedet das hellste Geblüt.

Die Priester des Ida verschollen
Und alle Mysterien verwaist,
Es schweigen, die hoffen und wollen
Den Himmel und Gipfel, vereist,
Doch sei es aus Hochmut und Sünde,
Aus Weisheit, aus Philosophie,
Daß man ihre Trauer ergründe,
Erlaubt die Zypresse uns nie.

Vers 12495 bis 12538:

Weißer Wein

Farbe der Pallas und Banner der gymnischen Spiele,
Wo uns der Wettkampf in Räusche und Taumel versetzt,
Weiß des Olympos und Wellenbekrönung, gar viele
Sagen erdichtend und jede verwerfend zuletzt.

Weiß des idäischen Traums über stygischem Dunkel,
Lammwolle, Busen der Mutter in purpurner Hut,
Weißpfeil Orions, der im Dioskurengefunkel
Ziere den Kiel, und das Ziel deiner Reise wird gut.

Wein, der dem Weisen so nahe in unserer Sprache
Und sich dem Blute so leicht und gefährlich vermischt,
Macht seine Freunde erschauen als Ernte das Brache,
Aber sie sammeln sich auch, wenn er Linien verwischt.

Bakchos, der Griechen der freudige Bringer der Rebe,
Naht nicht allein, wo erwacht der orgiastische Tanz,
Was dir als Mann oder Mutter, als Greis und Ephebe
Fehlt zu den Göttern, ergänzt seine Wandelkraft ganz.

Er ist der Falter, der Falken zu zähmen gewohnte,
Er ist der Falke, der Falter zum Angriff befiehlt,
Er kann die Bilder vertauschen, was fiel und was lohnte,
Ist nur ein Wurf, den er schalkhaft und treffsicher zielt.

Er weiß viel mehr über uns, als wir irgendwann wähnen,
Er hat den Mut für den Rückzug wie den für den Streich,
Frohsinn vergeht und ein Ende wird auch allen Tränen,
Einzig von Ewigkeit ist sein unendliches Reich.

Wer ihm ergeben ist, darf seinen Kräften vertrauen,
Denn seine Macht ist von Mode und Kampfpausen frei,
Was er dir preisgeben will, wird dein Auge erschauen,
Ob es auch trüb und von Pfeilen verunstaltet sei.

Heiß ist der Atem, der aus seiner Kühle dir mundet,
Heiß wird der Wunsch und Erfüllung zum Anfassen nah,
Was dir auch werden kann, er hat es längst überrundet,
Er, der nichts sehn muß, weil alles er längst schon ersah.

Er führt dich überall hin, wo du vorhast zu weilen,
Und er beschleunigt das Tun wie kein Rad oder Schiff,
Aber du weißt, im bedächtigen Tun und im Eilen
Steht doch am Ende der Fahrt ein vernichtendes Riff.

Siehe, er rettet dich nicht, und er ist nicht gekommen,
Daß du vom Staube dich höbest und gleich seist Apoll,
Er mag dem Felsen sogar zur Verwandelung frommen,
Aber er beugt sich dem Herzblut in Liebe und Groll.

Darum verein seine Glut nicht dem Arg und dem Grame,
Sondern der Liebe, die schenkt und sich dabei vermehrt,
Dann sieht der Blinde und tänzerisch waltet der Lahme,
Und sogar Narren erscheint nicht die Weisheit verwehrt.

Vers 12539 bis 12618:

Schwarzer Wein

Wenn die Sonne
Mählich sinkt,
Folg der Wonne,
Die sich trinkt,
Aus dem Leben,
Sieg und Pein,
Wähl die Reben
Schwarzer Wein.

Wenn der Sterne
Dunkelvlies
Aus der Ferne
Fällt, so ließ
Helios’ Nachen
Haugk und Hain,
Aug und Rachen
Schwarzem Wein.

Nichts zu glauben
Als das Blut,
Das aus Trauben
Wonnig tut,
Sag mir, welche
Lust ist dein,
Füllt die Kelche
Schwarzer Wein.

Schein der Kerze,
Schmales Rund,
In die Schwärze
Bis zum Grund
Tauch die Lippen
Schlürfend ein,
Nicht zu nippen
Schwarzen Wein.

Holz der Fässer,
Schwarz und naß,
Doch nicht blässer
Als das Faß
Darf der schwanke
Zecher sein,
Daß er danke
Schwarzem Wein.

Heißsporn, mutig,
Tief und warm,
Frech und blutig
Kracht der Darm,
Reich an Dünsten
Gib dich drein,
Schwarzen Brünsten,
Schwarzem Wein.

Abgestumpftes
Trinkgeprotz,
Dem Triumph des
Rebengotts

Winkend, trüber
Lampenschein,
Weltnacht über
Schwarzem Wein.

Endlos trunken
In der Nacht,
Lischt der Funken,
Der noch wacht,
So verschütte,
Staub und Stein,
In die Hütte
Schwarzen Wein.

Heimgefunden
Hast du nicht,
Doch den Wunden,
Die das Licht
Schlug am Tage
Grob und fein,
Gab die Sage
Schwarzen Wein.

Stürz und funkle,
Frag nicht, wer
Als der Dunkle
Dich verzehr!
Allem Vorher
Schenk Verzeihn,
Schwarzen Lorbeer,
Schwarzen Wein!

Vers 12619 bis 12668:

Oreade

Wenn der Weg, den ich genommen,
Grottenhin die Einkehr zeigt,
Will ich auch dem Brauche frommen,
Daß die Fragerin willkommen,
Die der Einsamkeit entsteigt!

Will die Frucht des Lebens schälen
Und zerschlagen selbst den Kern,
Was ich weiß, will ich erzählen,
Wo ich nichts weiß, gut zu wählen,
Hoffe ich auf meinen Stern.

Fragst du, was mir selber bliebe,
Wenn die Welt mir nichts mehr gibt? --
Allem wird die Zeit zum Diebe,
Doch unsterblich strahlt die Liebe
Dort, wo sie vergeblich liebt.

Fragst du mich, was mein entgrenzter
Geist im Haus der Schatten tut? --
Wohl vertraut sind mir Gespenster,
Und Gehenkten, die am Fenster
Rütteln, geb ich oft mein Blut.

Fragst du, ob mein Aug gespiegelt
Wohlfeil sei für Schild und Troß? --
Seine Tiefen sind versiegelt,
Was das Paradies entriegelt,
Taugt nicht für ein andres Schloß.

Fragst du mich, ob der zum Narren
Wird, der seinem Traume glaubt? --
Sieh, vom Dach nahm ich den Sparren,
Vor Medusen auszuharren,
Die im Land erhebt das Haupt.

Fragst du, ob ich Weitgereister
Sagen kann vom Höllenstrom? --
Im Gewimmel sattsam Feister
Artemis, dem Dunkel Meister,
Orpheus trug zu Heliodrom.

Aber, wo von Finsternissen
Stets die Rede, sei gesagt,
Keine Stunde möcht ich missen
Im Gefährlich-Ungewissen,
Das die Reue nie gewagt.

Soll Verrat der Richter schauen,
Wo der Liebende das Glück
Ahndet, wird das Firneis tauen,
Und der Fön kennt nur Vertrauen,
Und das Herz weiß kein Zurück.

Darum sollst nicht länger fragen,
Denn ich reim allein, was du
Wortlos meinst, wenn du im Hagen
Spät erscheinst, den Geist zu tragen,
Und die Augen fallen zu.

Vers 12669 bis 12733:

Steineiche

Für Christine Bauer

Wo sie steht, um dich zu schonen,
Haut, verletzlich und gespannt,
Darfst du dem Gedanken fronen,
Daß das Heim in ihrer Hand,
Denn das Rauschen solcher Krone
Weiß als lauer Winde Kiel,
Wem willkommen, daß er wohne,
Polemos nicht spielt das Spiel.

Sogar Zeus, einst selber Eiche,
Wird verjüngt von ihrer Huld.
Daß sie all sein Licht erreiche,
Zeigt sie Stolz und Gott-Geduld,
Aber wenn am ungut-sechsten
Schöpfungstag der Mann erscheint,
So entehrt mit Bronze-Äxten
Gaia er, die Quellen weint.

Denn ihr Liebling ist die Holde,
Die den Herrn des Himmels trägt,
Laubgeschmückt in seinem Golde
Schattet, wenn der Wandrer frägt,
In der Vielfalt ihrer Arten
Gilt als einzig ihre Nuß,
Drein der Donnrer seinem Garten
Siegelt göttlichen Beschluß.

Nur das klügste aller Tiere
Tritt in diesen Zauber ein,
Daß den Hunger es verliere,
Ist der Früchte froh das Schwein,
Halt es heilig, Götterspeise,
Cupula, das Eichelfett,
Macht die Mühen jeder Reise
Himmlisch und ambrosisch wett.

Und der Mensch baut Segelschiffe,
Macht den Erdkreis untertan,
Jede Klippe, fernste Riffe,
Ares folgt und seinem Wahn.
Opfre diesem Baum die Lanze,
Keiner Ziege tu zuleid,
Denn du schaust die schattend ganze
Welt des Zeus in Heiterkeit.

Deinen Horizont erweitre
In der Krone reichem Saal,
Daß die Fahrt zuland nicht scheitre,
Deckt sie stolz ihr Areal,
Deinen Dom ihr nachzubauen,
Gilts, dein Dach dem Blatt gezähnt,
Ihr gedenkend, zu vertrauen,
Daß sich Zeus im Walde wähnt.

Doch dem Blitz des großen Blenders
Ist sie schutzlos, Nymphe weich,
Nicht unsterblich, des Verschwenders
Gleichmut Opfer, ist sein Reich,

Nicht ihr letztes, Proserpin,
Der die Stolze wohlgefällt,
Mag sie gern im Garten ziehn,
Fruchtbar in der Unterwelt.

Wenn verbrannt das Zeus-Gewitter,
Grün und Leben, steht sie doch,
Zwar entbehrend Schmuck und Flitter,
Pilzreich und geschwärzt im Joch
Aller Zeit, die sie bestaunte,
Ragt sie wie die Hand im Eid
Fest ins Licht, wo Wind uns raunte
Lieder großer Heiterkeit.

Vers 12734 bis 12781:

Kretischer Hirt

Er weiß sich fest und froh in seiner Welt,
Von deren Gipfeln man die Ufer schaut,
Sein Haar ist weiß und Morgendunst-betaut,
Er tut seit Urzeit nur, was ihm gefällt.

Er hegt die Tiere seit der Niederkunft
Und hat für sie manch grimmer Fahr getrotzt,
Sein Frühstück, das von Waldes-Honig strotzt,
Läßt er den Göttern nicht, doch alle Brunft

Von Menschen, Schafen, Ziegen, Federvieh
Erscheint ihm dem Geheimnis abgeschaut,
Das wolkig sich am Horizonte braut.
Zwar gibt es Unterstände da und hie

Und manche haben Krüge starken Weins,
Daß er im warmen Fell der Herde träumt,
Es gibt nichts, was ihn ruft, was er versäumt,
Bis Hermes kommt und macht mit Lethe eins.

Hochebnen, wo er streift und nichts vergaß,
Das Grün ist oft verbrannt und nährt gering,
Am Waldsaum, hin er manche Male ging
Im Juli, wächst das saftigere Gras.

In Senken, wo das krautige Gewächs
Und Gräser aller Arten seiner Schar,
Die, als er jung, noch nicht so zahlreich war,
Wohl munden, weilt er, Souverän und Rex.

Kaum neidet ihm ein Feind das karge Land,
Der Herde wird ein Erbe sein -- wer weiß,
Ob der sie forttreibt oder Pans Geheiß
Ihn an den Ort, der sie geschaffen, bannt.

Der Sturm ist ihm ein Lächeln, doch der Blitz,
Der jäh in rasch verfärbtem Himmel reift,
Erscheint ihm so, als ob ein Gott ihn greift,
So wie des Jungtiers Mutter den Besitz.

Er hat vergessen, wann ein Mann ihn trifft,
Die Fischer kommen selten ins Gebirg,
Und daß ihn eine Nymphe leicht bekirk,
Nimmt er mit Mutwill von den Kräutern Gift.

Er findet Gold aus der Kroniden-Zeit
Und schmückt damit die Bronze-Glocken so,
Daß ers bereut, weil sie nun minder froh
Zur Trift ihn rufen auf die blonde Weid.

Er stirbt gelassen, weil er immer tut,
Was sein muß, und in seiner Sphäre bleibt,
In ihm hat sich ein linder Wind verleibt,
Der schlichten Mutes und im Herzen gut.

Wenn dunkles Blut ihm seine Adern bläht,
Bläst er die Flöte Pans und die Schalmei,
Er weiß nur, daß er Gottes Kind und frei
Und daß es gradso früh ist wie es spät.

Vers 12782 bis 12845:

Letoai

Südlich von Kreta, am Messara-Tal
Schlummern zwei Eiländer, Leto geschenkt,
Darin Zeus Soter des Endes der Qual
Seiner Geliebten auf Delos gedenkt.

Dort darf sein Licht, das das Mittelmeer eint,
Heller erstrahln, wie Dodona es nicht,
Ida noch anderem Heiligtum scheint,
Als das wahrhaft idäische Licht.

Unbewohnt schon seit der Zwillingsgeburt,
Jungfrauen-Inseln, die fremd jedem Vlies,
Nackt wie Orsippos sind, als er den Gurt
Auch in Olympia herabsinken ließ.

Dort ist dem Dorer, der alles perfekt
Plant, der lakonische Tempel geglückt,
Jungfrauen-Chöre, von Eros erweckt,
Haben die Helden der Ilias berückt.

Nackt und bekränzt unter Säulen im Chor,
Herrschaft erwartend, die Artemis bringt,
Grausam und zart wie ein Engel uns kor,
Macht, die sich selbst ihre Götter ersingt.

Nichts ist so sehr wie die Tonkunst sakral,
Spartas Domäne, für Hellas das Maß
Und die Substanz, denn die Künste sind schal,
Fehlt, daß Apollon sich selber vergaß.

Kriegerisch waren die Griechen, wie nie
Einer zuvor, daß Musik dies erreicht,
Weiß, wer der Brandbomben Kreisch-Szenerie
Heutigen Tempeln des Eros vergleicht.

Ist doch der Krieg Ritual und Exzeß
Wie es sonst einzig die Muse vereint,
Bläht ihm die Orgel die Lunge zur Meß,
Hat schon manch Zweifler die Götter beweint.

Nur die Musik kann gewaltsam das Herz
Öffnen wies sonst nur die Waffe vermag,
Augen verschließen vor unwertem Scherz
Kannst du, doch niemals für Töne den Tag.

Fürchtet der Grieche den Ton, doch das Licht
Wird er nicht müde zu preisen, solang
Atem ihm willens und Hermes ihn nicht
Führt auf den letzten verzweifelten Gang.

Tod ist für Griechen ein lichtarmes Los,
Hades der Ort, wo sich unscharf und fahl
Schatten begegnen, wo Spitze und Stoß
Fremde sind so wie der Trunk und das Mahl.

Nie ward das Leben so innig bejaht,
Wie es sich nur dieser Helligkeit bot,
Wo aber Winter regiert und kein Rat
Ohne ihn auskommt, ist dunkel das Brot.

Aber wo Meerwind die Freiheit verheißt,
Hat kein Tyrann eine ruhige Nacht,

Nachtfrost und Nebel die Masse verschweißt,
Aber im Rausch auch die Rache erwacht.

Freiheit im Eros gepaart Disziplin
Gegen den Luxus und gegen den Feind,
Hat Lakedaimon kein Sklave verziehn,
Und daß es rein blieb und Hochmut-geeint.

Aber wer stark war und männlichen Geists,
Hat diese Aura, die Sparta umfing,
Neidisch beargwöhnt, und kleinmütig heißts:
Ohne sie nichts gegen Xerxes geling.

Gleichwohl, in Kreta von dorischem Stamm
Wuchs eine Lebensart, die uns ergreift
Und uns vergessen läßt Kleinmut und Schlamm,
Wenn uns der Seewind des Mittelmeers streift.

Vers 12846 bis 12885:

Amorgos

Stillste der Inseln im Raum der ägäischen Wunder,
Einzig in Hellas, den Göttern gewidmet, die Lärm
Hassen wie unter dem Meere die silberne Flunder
Feuer zu schlagen nicht Jaspis begehrt oder Zunder,
Niemals erhoffend, daß wohlig die Lohe sie wärm,

Schafft dich der Bildhauer neu im unsäglichen Dulden
Weiblicher Torsi, vorklassisch, dem strengeren Stil
Fern, aber reich in der Anmut begehrlicher Mulden,
Daß sich die Dichter vor Eros verstummend verschulden
Und ihre Werke verbrennen am Ufer des Nil.

Groß ist das Reich an Metallen, an Erden und Erzen,
Darin der Meister das Schweigen zur Kore verstofft,
Tempel, darin ihre Haltung uns gehe zu Herzen,
Mag unsern Ahnen begehrlicher sein als die Kerzen,
Darin die Kirche das Heil der Verstorbnen erhofft.

Kargeste Schönheit der Bronze, Granit und Basalten
Nah wie das Weib, das uns alle zu Weltkriegen spornt,
Unter dem Schwert des unendlichen Fundus der Alten
Mag deine Reize der Schläger und Dichter gestalten,
Der sich ein Auge gewinnt und sich eines durchdornt.

Sanfte Kyklade, von Räubern begehrt und in Schäumen
Wogengegerbt als von Stürmen umworbenes Riff,
Polemos mag dir Gedächtnis verwehrn und versäumen,
Aber die Einsamkeit wird ihre Kehr hier erträumen
Wie ein gestrandetes, felsenverwundetes Schiff.

Wuchtig und rundum zerrissen von klaffenden Buchten,
Weiß wer zuhause die Muschel bläst wie für ein Kind,
Maultieren treu, daß dem Dichter die Stille nur fruchten
Wird, wenn er meidet die Ablenkung zahlloser Fluchten,
Die der Versucher für all seine Schwächen ersinnt.

Wär es dir freigestellt, Herz oder Heil zu verpfänden,
Gäbst du das Heil, daß den Göttern gewährtes Asyl
Blieb unverletzlich, denn ihren Äon zu beenden,
Stehen die Waffen bereit, und geraubte Legenden
Würden dir Seele vergiften, wie Leib und Gefühl.

Hartes Gestein, das die Moose und Flechten verfärben,
Kreta verpflichtet und treu seit minoischer Zeit,
Mögen die Götter sich aufgeben, siechen und sterben,
Tempel geschleift sein und uns die Heroen enterben,
Aber die Insel hält göttliche Träume bereit.

Vers 12886 bis 12921:

Gyaros

Nah der Quelle, nah der Mole
Ahnst du das Terrassendorf,
Mancher Rest vom Weh, vom Wohle,
Staubt im ausgedörrten Schorf.

Eigne Münze der Gemeinde,
Wo man Perlenmuscheln fängt,
Heute hat sie keine Feinde,
Weil sie still im Meere hängt.

Zwischen Andros, Tinos, Kea,
Syros, Kythnos liegt sie schmal,
Wie der Traum Hyperborea
Liegt sie schroff, arid und kahl.

Schon der Cäsar schickt Verbannte
Her, daß ihnen Sehnsucht wachs
Bald zu kehren ins Bekannte
Aus dem Reich von Salm und Lachs.

Dieser Fels hat wenig Meilen,
Die erwandert Doppelstund,
Hier läßt nichts die Schritte eilen,
Und zum Streit besteht kein Grund.

Nur im Sommer kommen Hirten
Mit den Ziegen Syros-her,
Niemand kann den Gast bewirten,
Der nicht selber fischt im Meer.

Wenn in Syros sich am Hafen,
Drängen Handel und Präfekt,
Darfst du hier bei Göttern schlafen,
Wie so manches Goldinsekt.

Noch hat sich der Mensch nicht jede
Erdenscholle einverleibt,
Und die Nymphen tauschen Rede,
Weil hier alles steht und bleibt.

Dem Gewisper traulich lauschen,
Scheint dir holder als Verkehr,
Und dein Herz will nimmer tauschen,
Und der Abschied fällt dir schwer.

Vers 12922 bis 12963:

Ortygia

I

Sie floh in die Gestalt der Wachtelhenne,
Der scheuen, die man nur im Dämmer hört,
Denn Zeus, der alles, was da lebt, betört,
Verlangte, daß er ihren Schoß erkenne.

Zum Adler hat sich seine Gier empört,
Daß er im Licht die Flüchtige berenne,
Das Licht bot keinen Schlupf und keine Tenne,
Bis sie ins Meer, das Nacht und Ruh beschwört,

Als Stein fiel und als Insel sich bewehrte,
Als Sternengöttin und Titanenkind
Die Würde wahrte, die der Greif entehrte.

Dies lehrt den Segler, was die Inseln sind:
Ein harsches Weib, das dem Verführer wehrte,
Wo an den Felsen klagen Flut und Wind.

II

Man schildert Zeus als geil in allen Reichen,
Geerbt hat diese Leidenschaft Apoll,
Doch sein Register ist nicht halb so voll,
Wie das des Vaters, keinem zu vergleichen.

So mag, was uns vom delischen Atoll,
Bekannt ist als ein frühes Namenszeichen,
Auch anderswo auf ein Verzweiflungs-Weichen
Hindeuten wie das Windgeharf in Moll.

Es sind die Inseln Jungfraun, die den Lander
Nur ahnden lassen, was im Innern schwelt,
Und frei vor Xerxes und vor Alexander

Bleibt das Geklüft, umwogt und pfadverfehlt,
Denn wie das Flammenrot dem Salamander,
Das Element das große Tor verhehlt.

III

Um Inseln rangen alle Griechenstämme,
So wie um Helena in Ilion,
Und manche schwammen auf dem Meer davon,
Und fürchteten nicht Sturm und Wogenkämme.

Sie glitzern in der schattenfreien Sonn,
Als Perle und als scharf geschliffne Gemme,
Allein der Frosch bewohnt die Buchtenschlämme,
Und unerweckt bleibt ihrer Tiefen Wonn.

Hephäst werkt oft in ihren Glutentiefen,
Doch ist der Schmied kein Minner und kein Held,
Und Aphrodite lacht ob seinem schiefen

Gehink, das er mit Traumgeschmeid verstellt
Und uns verrät, daß in den Felsarchiven
Wohnt Fruchtbarkeit für manche neue Welt.

Vers 12964 bis 13083:

Delos

Opalenem Dunstkreis enthoben,
Thront Delos idäisch bestrahlt,
Das Auge, das scharfblickt hier oben,
Ahnt kaum, was im Küstensand fahlt --
Wer mag aus der Mitte entscheiden,
Ob nah die Kykladen, ob fern,
Und zweifeln, wenn Griechen beeiden,
Daß Delos ein wandelnder Stern?

Und ist nicht verbürgt und geschrieben,
Daß Heimat Erwählten nicht frei,
Daß der, der herausragt, getrieben,
Im Nebel der Niedrigste sei?
Wo Proteus den Wächterblick schlürfte,
Schuf Zeus uns das herrlichste Paar,
Als er, der mehr kann, als er dürfte,
Sich selber der Heilsbringer war.

Die Zeus und die Weissagung büßte,
Unstet, wenn es nachtet und tagt,
Hat, wo auch die Erde nicht grüßte,
Uralte Uräus gejagt.
Mag Glück auch vergolden die Ketten,
Ihr Los uns das herrlichste sein,
Aus schrecklichsten Nöten zu retten,
Stand Delos, der schwimmende Stein.

Nicht Willkür noch dumpfe Instinkte
Sind Grund für die Götter zu nahn,
Das Traumbuch, in dem einer hinkte,
Verdankt sich nicht eigenem Plan,
Das Dunkle, das sie zum Kadaver
Und Herrn macht und drin sich verleibt,
Weiß, daß der Olymp kein Palaver,
Wie Lukian, der Spötter, uns schreibt.

Die Lust ist ein Auftrag und Waffe,
Der Phallos, der tötet, erzeugt
Den Krieger, bereit, daß er schaffe
Die Macht, der die Liebe sich beugt,
Im Kreislauf von Sinken und Steigen,
Blühn Muster, doch was wir erschaun,
Muß welken im Liebeslust-Reigen
Auf Delos, dem schwimmenden Faun.

Die Mutter führt grün in Ägypten
Papyrus als Staude im Schild,
Als Vulva akkadischer Glypten
Ist sie uns vertraut, bis ins Bild
Homer sie uns heimholt, verletzlich,
Vom Rang ihrer Nachkommen taub,
Vom Schrecken der Hera entsetzlich
Geplagte im All und im Staub.

Der Frau, die ihm groß und sein Leben
Schor Zeus sich sein goldnes Gelock
Und machte sich männlich ans Geben
Und solcherart reif und barock

Die Pfeilkraft des Eros zum Putter,
Den siebenten Tag dem Demiurg
Und zweithin zur Zwillingspaar-Mutter
Auch Delos, die schwimmende Burg.

So wurde, uns Delos und Leto
Zu einen, verschlungen die Zeit,
Zwar wagt die Vernunft hier ein Veto,
Doch weiß sich der Mythos gefeit
Vor allen, die, ihn zu entrechten
Phantastisch den Logos bemühn,
Im Land, das die Zweifler erdächten,
Würd nicht mal die Primel erblühn.

So weihte der Himmelsrund-Ahne
Die Insel vor jeglicher Zeit,
Verbannte das Menschlich-Profane,
Die Liebe, die Lust und das Leid,
Geburt und Bestattung als Makel,
Im Zentrum von Diptam umblaut
Ruht Python, des Sohnes Orakel
Auf Delos, der schwimmenden Braut.

So mag nicht verwundern, daß weither
Die Jungfrauen kamen im Ring,
Die Gnade zu preisen, daß seither
Sie ewig ihr Tanzen umschling,
So wird uns Musik der Kykladen
Erinnert und hell im Idol,
Das weiß aus den Meeresdunst-Schwaden
Steigt wie der Kristall aus der Sol.

Zwar solln diamantene Säulen
Die Insel befestigen seit
Gedämpfter als Speere und Keulen
Verjährt und entschieden der Streit
Des Himmelspaars, doch der Charakter
Der Insel gedieh nicht zum Zwerg
Der Ordnung und Dichters Dreiakter,
Und Delos blieb schwimmender Berg.

Es gibt hier nicht Bauern noch Ammen,
Nur Frösche, die mitleidlos schrein,
Die Stierhörner himmelher stammen,
Sie schließen die Kultstätte ein,
Sie fordern, gereiht zum Quadrate
Verdopplung und Wurzel aus zwei,
Dann würden die Bürger im Staate
Vom Wüten der Beulenpest frei.

Die Krankheit zu bannen, gesetzte,
Vermag nur ein Bruch, wie der Gott
Im Werden die Ehe verletzte,
Die Treue und üblichen Trott,
Daß Ratio der Zahlenwelt fehle,
Sie Selbstüberwindung erfleh,
Schlag links dir das Herz, ob die Seele
Auch treu sei wie sonst nur die See.

Es mag dir der Pythische raten,
Ersangst du dich reif für den Gang,
Du sollst durch die Sumpflandschaft waten,
Daß groß dich der Marmor empfang,

Den Naxos vor Zeiten gespendet,
Daß Reichtum und Glaube bekannt,
Zum Gott, der die Verse dir sendet
Auf Delos, das schwimmende Land.

So schließt sich ein Kreis, den die Wachtel
Vor aller Geschichte begann,
Der Python bewacht eine Schachtel
Mit Perlen, die keiner gewann,
Die auch die Olympier nicht sehen
In heiligster Grotte Gehäus,
Sie werden uns länger bestehen
Als selbst der idäische Zeus.

Vers 13084 bis 13259:

Grotta Pelos

I

In reineren Himmeln der Frühe,
Verloren im Nebel auf je,
Bewölkt nicht von Sorge und Mühe,
Wuchs reinerer Sinn aus der See.
Er dauert in alten Kulturen
Wie Bernstein im rottenden Tang
Und gibt sich dem späten Auguren
Als großer Kykladen-Gesang.

In Grotten gehegt und vergessen,
Der Gnade wie Tantalus fern,
Verbannt aus den Tempeln und Messen,
Gestürzt und geschmäht wie der Stern,
Der Liebe war, Taumeln und Rasen
Und Zwielichts Gespiel Heliodrom,
Bezeugt er die Weisheit der Nasen
Als großes Kykladen-Arom.

Gelaugtes Gestein, das zu nisten
Nicht einlädt, doch jäh dich beschenkt,
Der herkam verrufene Pisten
Von Hügeln, wo Frevler gehenkt
Im Salzwind zerfleddern, gewandelt
Zur edelsten Brutstatt und Pfalz,
Zum Reim, der sein Thema behandelt
Als großes Kykladen-Gebalz.

Gering denkst du all deine Opfer
Im Aug, das verfügt, nach ihm wall
Im Gleißen der Treiber und Tropfer,
In Schlägen von kosmischem Hall,
Wer selber kristallnen Gewandes
Dem Habitus gleicht, der hier wächst
Auf Gräbern des Steins und des Sandes
Kykladisch als Buchstab und Text.

Wie jene, die Blende und Schiefer
Verzaubern, zu Züchtung und Zucht
Entschlossene, wappne dich, liefer
Dein Herzblut den Gnomen der Schlucht,
Im Rhythmus der fallenden Wasser
Erschein, zelebrier ihren Kult,
Und huldige blind dem Verfasser
Der großen Kykladen-Geduld.

Die heimlich in Klippe und Kuppe,
Verschwängert mit Kerbe und Keil,
Die Metamorphose der Puppe
Ersinnen als göttliches Heil --
Sind Kronos, dem Quarze und Glimmer
Nicht taugen, bevor er sich rächt,
Unendliche Garde und immer
Das große Kykladen-Gemächt.

Verfüg dich dem Kern der Kristalle,
Zu Phallen gereckt und gereiht
Dem Zeitgott, der frei über alle
Zeitläufte verfügt und die Zeit,

Die Herbste von flüchtigen Sommern
Laß ganz dem Kalender der Klamm
Und fahr zu den Keimern und Kommern
Als große Kyklade und Lamm.

Was auch sich verding in der Grotte --
Wer weiß, ob es Schleim oder Rahm?
Wer weiß, ob der Hymnus dem Gotte
Genugtuung gab oder nahm?
Die frühesten seiner Adepten
Vergruben die Macht, die sie ficht,
In schlichtesten Kouros-Konzepten
Als großes Kykladen-Gedicht.

Wer weiß, ob einst wiedererwache
Die Kunst und die frühe Musik,
Die immer als Seinsgrund der Sache
Den Opfergang nennt und den Krieg?
Wer nur in den Formen zu forschen
Versteht und im Stil nur die Norm,
Hebt nie auch nur eine aus morschen
Zur großen kykladischen Form.

Von Fahrt und von Heimkehr berichten
Die Stummen, ob Mensch, ob Natur
Sie schuf, und sie wissen von Schichten,
Drein Spaten und Schaufel nicht fuhr,
Vom Kosmos, bevölkert von Kriegern,
Vom Chaos, enthimmelt und hohl,
Von Fallenden und von den Siegern
Als großes Kykladen-Idol.

II

Auf Naxos berückt dich die Mauer
Auf hundert und gut fünfzig Fuß,
Die dreitausend Jahr die Erbauer
Nun ehrt und gediegen sein muß,
Sie trägt flachen Steins die Terrasse
Und stützt für die Gräber das Feld,
Sie zeigt, daß des Lebenden Kasse
Dem Ahn gehört, der ihn erhält.

Gering sind dagegen die Reste
Von Wohnung und Stall im Gebirg,
Das Schilf und von Weiden die Äste
Sind fort und des Grundsteins Gewirk
Ist flach, denn im Schatten der Toten
Verweilten die Pilger nur kurz,
Hier hausten einst keine Zeloten
Und wünschten den Göttern den Sturz.

Die Steinplatten über Verstorbnen,
Mit Reifen, Spriralen, Geblüm,
Sie trotzen im Geister-Umworbnen
Dem Tier und dem dreisten Getüm.
Erst wir, die die Zartheit gewannen,
Da Zorn mit der Tat uns entweicht,
Erfahren, was jene ersannen,
Wenn hell sie das Auge erreicht.

Die Gaben in Schalen und Krügen
Und Pfannen aus Marmor gereicht,
Sind längst schon verbraucht, doch genügen
Uns Spuren, wie einst man geeicht,
Zu wissen, und was einst als Zierde
Gezeichnet von trauernder Hand,
Schafft uns, zu vergleichen, Begierde,
Mit dem was man andernorts fand.

Am stärksten berücken Figuren,
Idole, wie Kreta sie barg,
Bekannt sind die stummen und sturen
Gestalten, die stilhaft und karg
Den Menschen bekennen und schwanger
Die Frau mit der werdenden Frucht,
Sie spreizen den Arm auf dem Anger
Und schlagen den Wolf in die Flucht.

Kein Bilderverbot hat die Alten
Gehindert, als Mitte des Alls
Den Menschen zu sehn, zu gestalten
Im Bann des Triumphs oder Falls.
Was hier mit keramischen Scherben,
Obsidianklinge, Metall
Bezeugt wird, ist niemals das Sterben:
Der Mensch ist das Kind, das den Ball

Hinüberwirft über die Meere,
An Schrecken und Raubtieren reich,
Und festhält, was Würde und Ehre
Gebieten, und niemanden gleich

Dem Zeus übergibt und dem Hammer,
Dem Blitz, der Geheimstes erhellt.
So schaun wir, vergessen vom Jammer,
Die goldene Zeit dieser Welt.

Der Einklang von Wollen und Leiden
Berührt das Titanengeschenk
Des Geistes und Leibes, und beiden
Den Sinn, daß des andern er denk,
So wird uns der Hort, dem Gedächtnis
Gewidmet und Hades geweiht,
Zum Ansporn und auch zum Vermächtnis
Und macht uns zur Traumtat bereit.

Denn was dieser Traum von uns fordert,
Ist mehr als ein Schlummer verträgt,
Aus Schichten kykladisch geordert,
Erfüllt er, erwagt und erwägt
Im Herzen das doppelte Hoffen,
Gesundung, Erkenntnis und Heil --
Daß dies auch, die gleichsam verstoffen,
Die Leiber und Geister, ereil.

Der Dichter, der zwiespricht mit Ahnen,
Verschuldet dem Urtod des Styx,
Schreibt Mohn sich und Rausch auf die Fahnen
Und stets statt Beryll den Onyx,
Er spürt wie die stummen Idole
Berücken mit tiefer Musik,
Daß heim die Erzählung ihn hole
Zu Ruhm und Bewährung im Krieg.

Metalle und Hölzer und Tone --
Sie waren schon vor der Zeit alt,
Und keiner wird träumen, der ohne
Die Stoffe erhofft die Gestalt,
Wer stolz als des Weckrufs Erfasser
Laugt Sterne aus göttlicher Sol,
Verfügt sich nur strenger und krasser
Dem alten Kykladenidol.

Den Kouros zu schaun, zu beleben,
Sei Sinn und Gebot dem sculpteur,
Dann werden die Felsen zu beben
Beginnen und finden Gehör
Beim Herrn der idäischen Himmel
Und fordern dort Recht und Zensur,
Daß bald das Reptiliengewimmel
Bestrahlt Grotta Pelos Kultur.

Vers 13260 bis 13307:

Archilochos

Wenn sich die Woge, die Hellas umspült,
Nicht mehr im Wiegen der Wipfel erlöst,
Wenn sich der Streiter beflügelt im Speer
Und seinen Mut nicht dem Heimatherd weiht,
Sondern im Krieg seine Weltstunde fühlt,
Schwillt ein Gesang an, der himmelhin stößt
Und, überblendend den Vater Homer,
Aufreißt die Sternengewänder der Zeit.

Nicht von den Müttern, vom Strom, der es trägt,
Spricht dieses Lied, aller Wiederkehr feind,
Einsam und grundlos und selbst allem Grund
Ragt es von Erz aus den Träumen hervor,
Die sich in Fesseln, darein es sie schlägt,
Fassen und lauschen, im Zauber geeint,
Der als des Sängers berufener Mund
Stummheit verfügte für Echo und Chor.

Paros, von Kriegern umstellte Kyklad,
Gern hätt der Naxier Oliven und Wein,
Perlen von Silber und tönernen Krug,
Aber die Musen beschirmen den Haugk,
Hüten den Hain, und sie hegen die Saat,
Blenden den Grimmen und lullen ihn ein,
So mag dein Lied, das ins Weltdunkel frug,
Heil sein für Paros, für Atem und Aug.

Tief sind die Wunden, die Ares im Feld
Schlägt, wo die Mannen verschwenderisch jung
Waffenruhm heischend ihm stürzen im Tanz,
Aber den Gott, der das Opfer verschlingt,
Der sich im Blitzen der Bronze gefällt,
Tiefer sich rötend und Feuer im Schwung,
Zeugt erst das Wort, dem die Musen den Kranz
Flochten im Krieg, den der Mut nicht erzwingt.

So zeigt dein Lied, das die Schande nicht schreckt,
Dich auch als Feigling und als Deserteur,
Läßt du dem Salier den Schild, der den Pfeil,
Speere und Streitäxte mütterlich schirmt.
Der dich mit Huld im Gemetzel bedeckt,
Wird auf der Flucht in der Musen Gehör
Lästig und tauschbar wie niemals das Heil
Und seine Himmel, wenn Lethe dich firmt.

Sterblich, doch unter den Musen der Sicht
Teilhaftig jener, die stygischer Schuld
Inne, daß Nacht, die Gestaltung nicht litt,
Trug deinen Pfeil, der dem Bogen der Zeit
Jählings entsprang, daß das Auge ihm nicht
Folge noch Ahndung ihn greif, noch Geduld,
Wacht auf dem All, das sein Leuchten erstritt,
Ob du ihn wiederschaffst, wieder so weit.

Vers 13308 bis 13327:

Limnos

Zwischen Brand- und Blumenwinden
Anker laß der Segelquest,
Grund der Klippenwelt zu finden,
Denk auf Limnos dem Hephäst.

Seine Schmiede schuf die Wunder,
Die dem Schürfer Stolz gebiert,
Und die Reime werden runder
Wenn der Hinker ziseliert.

Hör die Sage einstger Frevel,
Da das Weib die Männer mäht,
Der Vulkan hat, reich an Schwefel,
Schlackenspuren oft genäht.

Philoktet fand hier zu Trauer,
So wie Nietzsche in Turin,
Dieser Berg macht Wiesen sauer
Und du wirst in Kürze ziehn.

Da der Ida dir verschwunden,
Bremst kein Riff und kein Geschmeid,
Wer den Heimweg hat gefunden,
Ist Zerstreuung nur noch leid.

Vers 13328 bis 13351:

Nike von Samothrake

Eh du dich von Hellas wendest,
Sei auch den Kabiren gut,
Denn du weißt nicht, ob du ständest,
Stützten sie nicht deinen Mut.

Ihren sanften Haugk behütet
Nike, die den Sieger krönt,
Wenn auch Sonne schmerzhaft brütet,
Silberweiß der Seewind tönt.

Da der Sieg bei Thermopylen
Halt dem Seleukidentum,
Weiht das Fest bekränzten Bühlen
Hellas’ Freiheit, Spartas Ruhm.

Landend schließt die Göttin beide
Schwanenflügel, Arm und Hand,
Flugwind preßt die dünne Seide,
Kaum verhüllt ihr Hüftgewand.

Ihre Formen zu bewundern,
Steigt sie wie aus einem Bad,
Und die üppigeren, rundern
Strotzen froher Kriegertat.

Als Galionsfigur der Griechen
Hat sie Schiff und Speer geweiht,
Doch du siehst und meinst zu riechen
Den Triumph der Weiblichkeit.

Vers 13352 bis 13367:

Dioskuren

Sparta hold und Samothraken,
Den Etruskern heil und Rom,
Glückgeleucht für Fischers Haken,
Winterstern im Himmelsdom.

Schwanenkinder, Schlachtenretter,
Knaben von erlesnem Wuchs,
Segels Heil bei jedem Wetter,
Eure Gotteskindschaft trugs.

Euch empfehl ich meinen Nachen
Und ich opfre euerm Hort,
Was die Zwillinge bewachen,
Findet Kurs und sichern Port.

Duft steig froh in eure Helle
Meiner Ziegen, Bock und Geiß,
Eure Jugend wahrt die Quelle
Allem, was sich wandernd weiß.

Vers 13368 bis 13407:

Heimsegelnd

Waltend in endloser See und den Himmelsfiguren,
Drin sich der Zeuge verirrt im Gesangsritual,
Sagen verpflichtet und kaum noch erkenntlichen Spuren,
Wo das Vergessen die Manen zerstört zu Lemuren
Und wo versperrt ist der Weg zu der Schlange vom Aal,

Trau, Samothrakes gedenkend, den Dioskuren,
Die offenbarten, wie Gott sich dem Sterblichen mischt,
Kehrst du zur Wolfzeit und zu den Diktaten der Uhren,
Weist sie die Treue dir aus als die rechten Auguren,
Wenn auch der Nebel den sonnigen Himmel verwischt.

Führt dich ihr Schicksal zu Eris’ verderblicher Frage,
Neigt sich die Waage zu Hektor nicht, noch zu Achill,
Ist es dir gleich, ob die Götter Gesang oder Klage
Spenden, gewinnst du die Dauer unsterblicher Sage,
Steht doch der Wurfspeer im Aurum des Opfernden still.

Hymnos ist aller Gesang, der die Tat vor Passionen
Preist und dabei auch die ruchlosen Taten nicht schont,
Er ist ein stärkeres Medium, als wir es bewohnen,
Über der Ode des Siegs und dem Drama der Drohnen
Steht der Gefallne, der über den Schlachtfeldern thront.

Dir ist die Heimat noch bittrer als Tran eines Rochen,
Die dich nicht kennt und sich selber das Opfer verwehrt,
Wer, von Verheißungen, die er nicht zugibt, bestochen,
Erbe verschleudert und sämtliche Eide gebrochen
Hat, wird erkannt, wenn ers frech als vergeblich entehrt.

Letzte Sporaden, die noch von dem Flußmunde trennen,
Gönnten dich Delos, doch nie dem verzichtenden Pfad,
Soll ihr Gesang, die Sirenen verwirrend, berennen,
Wissen sie Heil, das die Sprache nicht wagt, zu benennen,
Eh du tieftraurig erreichst das vertraute Gestad.

Frei nun zu kehren zu Gräbern, Geschwistern und Laren,
Findest du Thrakien geschändet von Steinöl und Pech,
Felder versteppen, die fruchtbar seit zweitausend Jahren
Segneten Griechen und opferten sich den Barbaren,
Die aber tobten noch niemals so sicher und frech.

Ahornrot blutet der Wald, daß das Reich sich erneuer
Und sich das Echo verfänge in Kescher und Reus.
Unbekannt ist dir, wer Anker, Getakel und Steuer
Führt, ob ihn Ida erhell oder Pfingsten befeuer,
Aber im Herzen durchloht dich der Himmel des Zeus.

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