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  Uwe Lammla

Bahnwärter Thing

Es war halb fünf in der Frühe, und die Schicht würde gleich beginnen. Wohl dem, der wenige Gehminuten zu Arbeit hat. Andere fuhren eine dreiviertel Stunde mit dem Zug in die Maxhütte. Das waren immer die längsten Personenzüge am Tage. Natürlich mit Güterzügen nicht zu vergleichen. Die Schienen waren schlecht, und das Tempo wurde von Jahr zu Jahr gedrosselt. Es ging das Gerücht um, im Verkehrsmuseum in Dresden hätte man die alten Fahrpläne entfernt, um zu verschleiern, daß die Züge immer langsamer wurden. Damit mochte es sich verhalten, wie es wolle. Ein Bahnwärter findet ein maßvolles Tempo gut und will nicht die grad gefegte Stube mit Staub zugewirbelt sehen. Außerdem konnte man so die Ladung der Wagen studieren, und das war grad wie das Lesen in einer Illustrierten, von den fest verriegelten aus der Druckerei, in denen manche pornographische Hefte für Schweden vermuteten, bis zu den gewaltigen Stahlträgern und dem Erz aus dem Ural.
Der Kollege machte es wie immer kurz und war rasch verschwunden. Es gebe kein Vorkommnisse, nur ein Päckchen sei abgegeben worden, von der Buchhandlung. Parteiliteratur. Er sei doch bei dem Verein. Ein schiefes Grinsen. Und die Rechnung gleich zahlen, hätte man gesagt.
Nun, das hatte bestimmt keiner gesagt. Im übrigen waren es doch nur ein paar Pfennige. Aber Gelegenheit zum Spott wurde selten ausgelassen. Früher hatte er den nur von seiner Lene gekriegt. Die rechnete ihm jeden Monat vor, wieviel Beitrag er nutzlos ausgab. Das war ziemlich albern. Das von ihr gewünschte Auto hätte er damit nicht zusammensparen können. Freilich wußte er schon damals nicht so recht, warum er immer noch bei dem Verein war. Eine Gruppe gab es hier nicht, und die Leute vom Stellwerk sah er auch nur ein paar Mal im Jahr. Aber warum sollte man Dinge ändern, die nun einmal Gewohnheit waren wie das tägliche Blumengießen. Seine Rosen waren sein ganzer Stolz. Sie rankten neben dem Wärterhäuschen und verdeckten die häßliche Mauer dahinter fest vollständig. Gleichwohl war ihm die Mauer nicht unangenehm. Sein Wärterhäuschen lag nicht in der Pampa. Gleich dahinter ein kleiner Lebensmittelladen und Wohnungen. Manchmal versammelten sich Leute auf dem hölzernen Balkon, vor allem in der Spätschicht. Es wurde getrunken und gescherzt, na, wie die jungen Leute eben sind.
Der Fernmelder blieb ruhig und er kümmerte sich um seine Bultblume, welche die aufgehende Sonne noch rötlicher machte, als sie ohnehin war. Bloß nicht zu viel Wasser! Und das überschüssige im Untersetzer nach einer halben Stunde abgießen. Daß bloß keine Läuse und Pilze kommen und vor allem keine Schnecken. Schnecken gab es immer viele, und die mochte er nicht leiden. Dabei war ihm durchaus bewußt, daß sein Wärterhäuschen eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schneckenhaus hatte. Ironie des Schicksals, pflegte er dies zu nennen.
Die Partei nannte seine Blumenwelt Kultur am Arbeitsplatz. Der etwas jüngere Kollege hatte an seinem Spind Aktphotographien angebracht. Die hatten ihm früher mißfallen, aber inzwischen ähnelten sie durch Staub und Sonne vergilbten Tapeten. Wie doch die Zeit das Krasse und Provokative entschärfte!
Ein Güterzug. Er ging nach draußen, um die Schranken herunterzukurbeln. Wenn die Stahlseile gut geölt wurden, ging das ganz leicht. Diese Technik war lange vor seiner Zeit errichtet worden, vor dem Krieg, und wohl gar vor dem ersten. Es grenzte an ein Wunder, daß sie so wartungsarm und beständig war. Aber das war er auch, und Lene hatte grad dies immer mißfallen. Er müsse doch etwas ehrgeiziger sein. Ein Auto und Urlaub an der Ostsee. Nun, er hatte gewiß nichts gegen das Meer und sein träumerisches Rauschen. Aber so wichtig war das nun auch wieder nicht.
Er ließ auf der noch ganz einsamen Straße die Schranken herunter und meldete den Vollzug an den Bahnhof. Seit dem schrecklichen Unglück von Langenweddingen war das Prozedere recht umständlich, und die Schranken blieben lange Zeit geschlossen. Das war ihm nicht unangenehm, denn so konnte er an diesem stillen Ort Gesprächen der Wartenden lauschen oder gar mitschwätzen. Besondere Freude war ihm, daß zweimal am Tage die schöne Minna mit ihrem Tobias im Kinderwagen vor der Schranke stand. Und wenn die beiden davon auch vielleicht gar nichts ahnten, so waren sie ihm doch seine Familie, nachdem Lene ihn mit seinem Sohn verlassen hatte, um im großen Berlin ihr Glück zu versuchen. Vielleicht war Minna sogar der entscheidende Grund, daß er dem Drängen seines Chefs, trotz Rentenalter noch eine Weile Dienst zu tun, immer wieder nach einigem Zieren nachgab. Das Geld war ihm jedenfalls nicht wichtig, auch wenn die Rente bescheiden war. Hart war die Arbeit nicht.
Obwohl das Eisenbahnunglück schon lang zurücklag, wurde es als Ursache der langen Wartezeiten vor der Schranke immer mal wieder diskutiert. Der Schrankenbaum hatte sich in einer von der Post provisorisch verlegten Überlandleitung verfangen und konnte nicht geschlossen werden. Statt das Einfahrsignal auf Halt zu setzen, versuchte der Fahrdienstleiter des Stellwerkes erfolglos die Schranken zu schließen. Ein Tanklastzug mit Leichtbenzin explodierte beim Aufprall auf den Personenzug, daß dieser und der halbe Bahnhof abbrannten. Es starben fast hundert Menschen, darunter sehr viele Kinder, die auf dem Weg ins Ferienlager gewesen waren.
Eisenbahnunglücke sind immer sehr spektakulär. An seiner Strecke hatte sich seit Menschengedenken nichts dergleichen ereignet, hingegen waren tödliche Autounfälle laufende Nachrichten. Vor allem eine tückische Kurve, welche die Teure genannt wurde, riß immer wieder Raser und Entgegenkommende in den Tod. Auf dieser Höhe mußte sich der gemeldete Zug gerade befinden. Er fuhr dann mit einem Pfeifton in den Tunnel. Thing rückte seinen Schemel ins Freie und stopfte sich ein Pfeifchen. Es war ja schon am frühen Morgen so lau, bald würden sich Leute an der Schranke einfinden und schwatzen, und Minna würde den Kleinen in die Krippe bringen.
Der Zug kam und der Lokführer winkte Thing zu. Ja, er war in einer großen Gemeinschaft. Als Bahner konnte er an die Ostsee oder nach Berlin kostenfrei reisen. Aber was wollte er dort? Lene würde ihn nur widerwillig seinen Sohn sehen lassen und etwas vom schlechten Einfluß brabbeln. Und der Junge würde von Westautos schwärmen und von Superhelden aus dem Fernsehen. Es war ja nicht so, daß er anderen ihre Steckenpferde nicht gönnte. Aber er konnte schlecht verheimlichen, daß er in diesen Dingen gar nicht kompetent war. Und zur Schiene hatte der Junge eigentlich nur ein ein Thema, nämlich, daß die Untergrundbahn von Pankow nicht zum Zoo und zum Kurfüstendamm durchfuhr. Er mußte dann immer wieder erzählen, daß er während der Weltfestspiele einmal heimlich im Kaufhaus des Westens war. Dabei war das eine ganz unbedeutende Geschichte gewesen.
Inzwischen war es fast hell und der Verkehr auf der Straße nahm zu. Es wurde auch schon wieder geschimpft. Eine Frau beklagte, am Vortrag bei Fleischer zu spät gekommen zu sein. Überhaupt sei das Einkaufen eine Zumutung. Eine andere äußerte, daß man mittlerweile sogar beim Delikatladen nach dem Wareneingang Schlange stehen müsse. Woher die Leute nur alle das Geld hätten? Sogar im Intershop sei es immer voll.
Eine größere Traube Schüler stand auf der anderen Seite, als sich auf seiner Seite die Hilfsschüler der Schranke näherten. Die Hilfsschule war in einer einstigen Villa auf der Anhöhe untergebracht, so hatten diese die umgekehrte Richtung. Sie galten als Raufbolde, obleich sie vielleicht nicht ärger waren als die anderen Jungen. Die Begegnung an der Schranke war ein beliebter Ort für Schmähungen und Kraftprotzerei, grad so, als ob sich Ritter an einer Brücke treffen. Allerdings ging es weniger darum, daß die eigene Geliebte die schönere sei, dazu waren die Streitenden zu jung. Wenn sich die Schranke dann öffnete, gab es nur sehr selten ein wirkliches Gerangel, denn beide Seiten hatten nun keine Zeit mehr, ihr Ziel zu versäumen. Aber das Ritual brachte immer wieder Sprüche, wo sich Thing doch fragte, wo sie das nun wieder herhätten.
Beim nächsten Zug kam Minna, das Ereignis des Tages, weil sie morgens immer auf seiner Seite warten mußte. Am Mittag würde er ihr dann nur über die Schiene zuwinken können. Sie war gut gelaunt und fragte nach der Bultblume. »Prächtig!«, rief er, und legte seine Pfeife ab, um den Topf herbeizubringen. »Gerade der rechte Moment«, setzte er hinzu, als er den orangefarbenen Rasierpinsel vor sich hertrug. »Das zeugt von viel Liebe«, erwiderte Minna, und er brachte den Topf recht schnell in das Häuschen zurück, denn er befüchtete, sein Gesicht sei noch röter als die die gelobte Pflanze. »Und der Kleine?«, fragte er, als er zurückkam. »Ich geh zum Doktor. Ich fürchte, es sind die Masern.« Sie lüftete das Kissen im Wagen ein wenig, daß Thing die geröteten Augen des Kleinen sah, und beschattete sie gleich wieder. »Schon eine Weile heiser und Halsweh, nun tut ihm das Licht in den Augen weh. Auch sind im Mund kleine weiße Flecken«, erzählte sie ausführlich. »Na, das klingt ja ziemlich eindeutig«, sagte Thing. Sie schwiegen einen Augenblick. »Gibt es sonst was Neues?«, fragte Minna schließlich. »Nun, was soll es geben? Es geht seinen sozialistischen Gang.« Thing grinste etwas verkrampft und ärgerte sich gleichzeitig, daß er nichts wirklich Aufregendes auf Lager hatte. »Ich träum hier vor mich hin und rauche mein Pfeifchen. Und ich werde dafür auch noch bezahlt.« - »Nun ja fürs Träumen nicht. Sie müssen doch aufpassen, daß alles seine Ordnung hat.« - »Gewiß! Alles hat seine Ordnung. Ordnung ist das halbe Leben.«
»Ich nehme die andere Hälfte«, mischte sich ein vorlauter Bengel ein. Minna schimpfte: »Das ist doch die Höhe! Das gab es früher nicht.« - »Doch«, widersprach Thing gutmütig, »die Jugend war früher auch frech. Die muß sich doch irgendwie durchsetzen oder zumindest so tun, als könne sie es. Sonst schläft alles ein.« - »Stimmt auch wieder«, gab Minna nach, »ich hatte auch auch immer Streß mit meiner Mutter. Wo bleibt denn der Zug?« »Beim Doktor müssen Sie länger warten«, versuchte Thing zu bremsen, »die Ungeduld ist eine Untugend bei erwachsenen Leuten.«
»Ja«, gab ihm ungefragt eine ältere Dame recht, »überall diese Hektik. Jetzt haben sie sogar den Ostermontag abgeschafft.« Als wäre es ein Signal, daß nun jeder seinen Kommentar abgeben möge, fügte ein daneben stehender Arbeiter mittleren Alters hinzu: »Ja, und den Männertag!« »Da ging doch eh keiner in die Kirche, ihr wollt doch bloß saufen!«, zischte es von hinten. »Samstag frei ist doch ein großer Fortschritt«, sagte begütigend ein Mann mit breitem Gesicht und dem Bonbon am Anzug. Einige Leute murmelten zustimmend.
Thing gefiel es ganz und gar nicht, daß sich sein Schwatz mit Minna in einer allgemeinen Arbeitszeitdiskussion aufgelöst hatte. Die Samstagreglung war für ihn als Eisenbahner mit Schichtdienst ohnehin irrelevant. Was wollten die Leute nur mit den langen Wochenenden? Wenn sie wenigstens Bahnreisen machten! Aber in der Freizeit war die Bahn auf dem Rückzug, und so lange Automobilschlangen hatte es früher hier auch nicht gegeben. Freilich standen immer noch genug Fußgänger herum.
Als der Personenzug schließlich kam, sah man junge Leute in der Eingangstür sitzen, die ließen die Beine in den Fahrtwind baumeln. »Daß der Schaffner das duldet!«, rief Thing. »Nun, es ist ja ein Tempo zum Blumenpflücken nebenher!«, meine Minna, und die Umstehenden lachten. Der Mann mit dem Bonbon war mit einigen Leuten im Gespräch und wandt der Schranke den Rücken zu, so daß er die Ordnungswidrigkeit und den allgemeinen Beifall nicht bemerkt hatte und keinen Kommentar abgeben mußte. »Wenn der Zug dort am Signal hält«, fügte Thiel seiner Klage über die Disziplinlosigkeit hinzu, kann ich zuschauen, wie sich die Türen öffnen und sich die Leute scharenweis in die Büsche schlagen, weil der Bahnhof nicht in der Innenstadt liegt. Nicht nur gefährlich, sondern auch würdelos.« Er war schon wieder am Hochleiern, und die Leute zerstreuten sich rasch. Das Gespräch mit Minna war heute nicht wirklich befriedigend gewesen.
Das war vielleicht der Grund, daß er zur Mittagszeit, als er Minna vom Arzt zurückerwartete, die Schranke noch früher schloß, als es geboten war. Aber sie kam und kam nicht und auch der Anruf, der ihm das Schließen der Schranke befahl, war überfällig. Es kam weder der Zug noch seine Minna, dafür sammelten sich an der Schranke immer mehr junge Leute, und diskuierten, manche machten es sich sitzend auf der Straße bequem. »Sitzblockade wie im Westen«, grummelte Thing, als er plötzlich seinen Namen hörte. Irgendein jugendlicher Heißsporn faselte etwas von einer Linde, unter der man sich versammelt habe, um die Obliegenheiten der Gemeinde zu beraten. Das klang ja nach Aufruhr. Thing schaute sich hilfesuchend umher, nirgends war jemand von der Partei oder den bewaffneten Organen zu sehen. Und er hatte die Situation durch sein pflichtwidriges Übereilen herbeigeführt. Aber er konnte die Schranke jetzt nicht einfach öffnen. Geschlossene Schranke ganz ohne Zug, das wäre ein Stadtgepräch geworden und Ärger für ihn. Der blöde Zug mußte doch endlich kommen.
Was berieten die dort eigentlich? Er schnappte das Wort »Unterführung« auf. Die wollten ihn abschaffen. Nun, das ließ ihn kalt. Für solch ein verrücktes Unternehmen war gewiß kein Geld da. Hier warteten nur ein paar Laster vom Betonwerk, ansonsten nur Privatleute und Schüler. Naja. Von der Poliklinik kam auch manchmal ein Krankenwagen mit Blaulicht. Aber eine Unterführung? Das kostet doch Millionen.
Dann erzählte jemand von seinem Fast-Namensvetter aus der Literatur. Zu dessen Zeit sei die Eisenbahn noch als bedrohlich empfunden worden. Dies löste Heiterkeit aus. »Etwa so wie heute die langen Haare?«, gab einer zum besten.
Vielleicht lag der Hörer seines Telephons nicht richtig auf, und die Meldung des Bahnhofs konnte ihn nicht errreichen. Das war zwar noch nie passiert, aber als Vorwand, das unangenehme Terrain zu verlassen, nicht ganz unwillkommen. Er rief den Bahnhof an, der Zug war dort gerade eingetroffen, und durch seine Meldung, er habe die Schranke wegen der überfälligen Zeit bereits geschlossen, wurde ein zweiter Anruf gespart. Es war also alles in Ordnung. Er trat befriedigt nach draußen und hatte fast vergessen, daß ihn Minna versetzt hatte. Dabei entging ihm nicht, daß sich die Zahl der Beratenden erheblich vermindert hatte.
Der Grund dafür blieb ihm nicht lange verborgen. Ein Tabu war gebrochen. In den folgenden Wochen sah Thing immer wieder Schatten über die Gleise huschen, welche die Absperrung offenbar bücklings überwunden oder sich durch den Spalt zwischen den Schrankenhälften gezwängt hatten. Zunächst geschah dies nur, wenn er im Haus seinen Anruf machte, dann aber auch, wenn er sprachlos empört dabeistand. Er kapitulierte schließlich, unterließ auch den stummen Vorwurf und zog sich sofort nach dem Schrankenschließen ins Haus zurück. Erst waren es Halbstarke, dann auch Leute, denen man solche Eskapaden nicht zugetraut hätte. Schließlich wurden auch Fahrräder schräg unter der Schranke hindurchgeschoben. Aber einen Stich gab es Thing erst, als er sah, wie Minna ihren Kinderwagen unter der Schranke hindurchgeschob und nach kurzen Blicken in beide Richtungen die Schiene gesetzeswidrig überquerte und ihm stumm bedeutete, daß die Zeit des harmlosen Flirtens für immer Vergangenheit war.
Die Rosenpracht an der Mauer verwilderte langsam, und der Bahnwärter wurde ein Schatten, dessen Namen kaum wer noch kannte.