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  Uwe Lammla

Bis hierhin hat mich Gott gebracht

Vorwort zu einer nicht erschienenen russischen Ausgabe meiner Gedichte und Dramen

Es ist ungewöhnlich, daß ein Dichter seine Werke in eine fremde Sprache übersetzen läßt, bevor er in seiner Heimat eine gewisse Bekanntheit gefunden hat. Der alte Spruch, daß der Prophet im eigenen Lande nichts gelte, ist wohlfeil, und es gibt auch kaum einen Dichter, der nicht meinte, ihm stünde viel mehr Aufmerksamkeit zu, als er tatsächlich findet. Dieser Einwände bin ich mir bewußt. Nachdem ich aber seit vierzig Jahren unverdrossen dichte und mir nicht wenige Prominente im Gespräch oder im privaten Brief große Anerkennung aussprechen, öffentlich aber schweigen, muß ich kein Verschwörungstheoretiker sein, um hinter meinem Nichtgehörtwerden eine planvolle Verschweigung zu vermuten. Ich bin keineswegs ein Eremit, bin als Verleger und Buchhändler erfolgreich, korrespondiere mit vielen Kultur- und Medienleuten, gleichwohl ernte ich einmütiges Schweigen, sobald die Rede auf meine eigene Literatur kommt.
Ich könnte mit mancherlei Anekdoten aufwarten, aber es geht mir nicht um die Verhältnisse in Deutschland, sondern um das russische Publikum, das ich mit dieser Buchausgabe zu erreichen hoffe. Zunächst einmal wird deutsche Dichtung traditionaler Ausrichtung in Rußland seit langem viel stärker rezipiert als in den deutschsprachigen Ländern. Der Dichter Rilke etwa erreicht zwei Zehnerpotenzen höhere Auflagen in Rußland. Zum anderen sind die Russen durch leidvolle Erfahrungen mit der Verwestlichung in den neunziger Jahren viel offener für andere Geschichtsdeutungen und Freiheitsbegriffe als der wohlstandsgezähmte Westen. Zum dritten, und dies ist der entscheidende Punkt für mein Wagnis, hat es der bolschewistische Terror nicht vermocht, den Russen ihren grundsätzlichen Glaubensmut zu nehmen, der Volksbegriff ist weiterhin sakral, und ebenso ist es das Empfinden für die Kunst. Obwohl ich neben dem Volkslied das Kirchenlied als wesentliche Quelle meiner Dichtung betrachte, wende ich mich durchaus nicht überwiegend an ein kirchliches Publikum. Es ist aber so, daß die Heiterkeit, die einem tiefen Gottvertraun entspringt, eine wesentliche Voraussetzung bleibt, in meinen Versen und Szenen nicht Ärger, sondern Freude zu finden.
Der Dichter sollte sich hüten, seine eigenen Werke zu interpretieren. Gleichwohl folge ich der Bitte des Verlegers um ein ausführliches Vorwort, um die Absichten offenzulegen, die mich bei dieser Veröffentlichung und auch ganz konkret bei der Auswahl der Texte leiteten. Zum ersten gilt es, das Bild von der deutschen Literatur zu korrigieren, das die westliche Kulturindustrie verbreitet und welches von westlich orientierten russischen Intellektuellen willig reproduziert wird. Es gibt ein »geheimes« Deutschland, es gibt eine ganze Reihe von Dichtern, die sich den staatlichen und zivilgesellschaftlichen Vorgaben in Thematik und Form nicht beugen und die Nische von Freundeskreisen der Welt der Großverlage und der Literaturpreise vorziehen. Als ich im Jahre 1986 den Arnshaugk Verlag gründete, steckte meine eigene Dichtung noch in den Kinderschuhen, es ging mir damals um ein alternatives Forum im allgemeinen Gleichklang. Seit den späten siebziger Jahren war ich in literarischen Zirkeln in Merseburg, Eisenach, Potsdam, Leipzig und schließlich Nordhausen aktiv. Allerdings teilte ich damals den weitverbreiteten Irrtum, die Unterdrückung einer originär deutschen Literatur verdanke sich nur der Herrschaft der Partei im kommunistischen Mitteldeutschland, als ich 1984 nach München wechselte, fand einen noch katastrophaleren Zustand vor. Während die Kommunisten nur nationale, mythische und religiöse Inhalte tabuisierten, hatte sich der »freie Westen« unisono dem amerikanischen Diktat gebeugt, die klassische Form sei an sich totalitär und zu bekämpfen. Der Reim, die prägende Formel und überhaupt jeder Ansatz einer Hochsprache jenseits des Alltags wurden nur dem sentimentalen Bereich, etwa dem Schlager, oder komödiantischen, etwa dem Ulk und der Parodie, gestattet, in Werken, die ernstgenommen werden wollten, durften derlei Anachronismen nicht vorkommen. Zwar wurde das Reimverbot nach der Jahrtausendwende etwas gelockert, aber dies geschah nur, weil dem Publikum das Gefühl für Rhythmus und Wohlklang so gründlich abhanden gekommen war, daß ein Wiedererwachen des Volksliedes oder der Freude an tradierter Gestaltung notwendig ein Nischenphänomen bleiben mußte. Sollte ich mit diesem Buch eine nennenswerte Leserschaft erreichen, so stehen Übersetzer bereit, dem russischen Leser eine ganze Reihe von deutschen Autoren zu präsentieren, von denen sich mancher nichts träumen ließ. Ich bin insofern Vorposten einer Bewegung.
Das zweite Motiv dieser Ausgabe betrifft das Verhältnis von deutschem und russischem Volk. Es wurde ja schon amerikanischen Politikern ausgeplaudert, daß Feindschaft zwischen Deutschen und Russen seit Bismarcks Zeiten ein Grundanliegen amerikanischer Politik ist, wobei Amerika in die Fußstapfen Englands tritt. Bismarck als preußischer Patriot hat Deutschland verostet, so wie der Preußenfeind Adenauer es verwestlicht hat. Man darf schon aus den Umständen, daß kein deutsches Land so viele Dichter hervorgebracht hat wie Schlesien und daß Königsberg den Denker-Gegensatz Kant und Hamann zusammenbringt, schlußfolgern, daß deutscher Geist wesentlich kontinental und ostisch und niemals atlantisch ist. Bismarcks Nähe zu Rußland, von der wir aus seinen Erinnerungen aus St. Petersburg wissen, verdankt sich also nicht nur der Taktik, Frankreich auf Distanz zu halten, sondern einer ganz grundsätzlichen Mentalität. Längst wissen wir, daß der Herdersche Begriff der Slawen auf ein reines Sprachphänomen abzielte, das bloß der Biologismus des 19. Jahrhunderts rassisch deutete. Wenn wir die vorchristliche Mythologie der Wenden und anderer Stämme im östlichen Europa studieren, erkennen wir deutlich den Gleichklang zu germanischen Überlieferungen. Ich bin überzeugt, daß uns die Russen im Blute viel näher stehen als etwa die Franzosen. Es geht also nicht nur um Frieden über die von Raumfremden geschaffene Front hinweg, sondern um das Innewerden einer Zusammengehörigkeit, die sogar älter ist als unser Christentum.
Das dritte Motiv mag auch recht politisch klingen. Obwohl sich der Dichter unbedingt von der Tagespolitik und der Propaganda der einen wie der anderen Partei fernhalten sollte, so ist doch die Kunst immer auch weltlich und damit den Sehnsüchten des Volkes geschuldet. In meinen Werken ist oft vom »Reich« die Rede, einem ganz zentralen Mythos der Deutschen. Daß Unberufene diesen Begriff inflationär gebrauchten, ist als Argument so wenig stichhaltig, wie es etwa bei »Volk«, »Gefolgschaft«, »Freiheit« oder »Frieden« der Fall ist. Es gibt ein Reich, das nach dem Wort des Heilands nicht von dieser Welt ist, das ist aber hier nicht gemeint. Gleichwohl bleibt festzuhalten, daß die Einung der germanischen Stämme ohne den christlichen Universalismus nicht denkbar ist. Die Vorstellung vom Reich als uni­versal und zugleich deutsch dominiert korrespondiert mit Universalität Gottes und der konkreten Inkarnation zu Nazareth. Zentral für das Reich der Deutschen ist der im Kyffhäuser schlummernde Staufer Rotbart, in dessen Legende sich zwei Kaiser vermischen. Bemerkenswert scheint mir, daß Friedrich II., das Staunen der Welt, der nach dem Kyffhäuser-Mythos des »Reiches Herrlichkeit« mit sich hinabgenommen haben soll, schon 269 Jahre nach der Königswahl Heinrich des Voglers starb. Der weitaus größte Teil der deutschen Geschichte verlief also in dem Bewußtsein, das Beste, die Mitte verloren zu haben. Das verträgt sich wenig mit dem Spenglerschen Bild vom Wachsen, Blühen und Welken der Kulturen. Die deutsche Geschichte wurde nach dieser Vorstellung schon im Jünglingsalter enthauptet, also zu dauernder Unreife verurteilt. Darin liegt natürlich nicht nur Fluch, sondern auch große Fruchtbarkeit.
Die Herrlichkeit des Reiches folgt dem »dunklen Mittelalter«, einer Zeit, von der wir wenige Zeugnisse haben und von der manche Forscher behaupten, sie habe überhaupt nicht existiert. Für diese These sprechen zumindest eine merkwürdige Nähe der Gotik zur spätantiken Romanik in der Architektur und in der Musik und die seltsam einfarbigen Herrscher- und Tatenlisten, die sich nicht adäquat in der Dichtung niederschlagen. Überhaupt sollten Historiker der Kunst ein viel größeres Gewicht zubilligen als den Urkunden, denn im Gegensatz zur Rechtsgeschäften lassen sich diese nicht nachträglich fälschen. Die Stoffe des Nibelungenlieds reichen zwar in die Zeit der Völkerwanderung zurück, aber die uns vorliegende, genial gestaltete Fassung soll aus dem 13. Jahrhundert stammen. Wenn dort vom »Kaiser« die Rede ist, so ist niemals Rom, sondern immer Konstantinopel gemeint, und die Vorstellung von einem irgendwie fortdauernden oder erneuerten Westrom scheint zu dieser Zeit noch nicht allgemein zu sein. Bei allen Unsicherheiten der mittelalterlichen Geschichte bleibt festzuhalten, daß den Wiederaufstieg der Stadt Rom eine Kette von Fälschungen und Intrigen begleitet, wobei im übrigen den Venezianern, den Ahnherren heutigen Geheimdienstwesens eine nicht zu unterschätzende Rolle zukommt.
In jedem Fall war die deutsche Herrlichkeit immer im Konflikt mit Rom, einer rachsüchtigen Instanz, die es Konstantin dem Großen nie verziehen hat, daß er ihr absprach, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Dabei war doch schon im alten Rom Hellas das kulturelle Zentrum, auch das Christentum entstand in der hellenistischen Welt und wurde von Paulus dort verbreitet. Die Plünderung von Konstantinopel im Jahre 1054 und das darauf folgende Schisma sollten nicht »dem Vergessen anheimfallen«, wie das Zweite Vatikanische Konzil meint, sondern als planvolle Schritte zum Aufstieg Roms begriffen werden, den gerade heute der Jesuitenpapst Franziskus zu vollenden hofft. Der Papst trägt ja schon immer den Titel des Pontifex maximus, also des römischen Beamten, der über alle Religionen des Weltreiches gesetzt ist, nun hofft der Jesuit von Wallstreets Gnaden auch Herr über Muselmanen und Buddhisten zu werden. Ich glaube kaum, daß dieser tolle Plan gelingen kann, aber schon die Absicht ist diabolisch.
In dieser Lage ist es konsequent deutsch, sich Byzanz zuzuwenden, einem Reich, das in seiner großen Zeit von Germanenheeren getragen wurde. Diese Erkenntnis trifft sich mit jener, daß ein neues Reich substantiell nicht mehr vom deutschen Volk getragen werden kann. Aber vom deutschen und vom russischen Volk könnte ein neues Byzanz getragen werden und zwar mit historisch viel festerem Boden als je ein Deutsch-Römertum. Dieser weitere Entwurf, der im übrigen entgegen dem Landmassen-Unwort »Eurasien« kein materialistischer ist, könnte auch dem deutschen Jüngling ein Feld der Bewährung bringen. Zu meinen Grundüberzeugungen gehört es, daß Gott mit den Deutschen noch Großes vorhat und verlorene Kriege, Besatzung und Dekadenz nur Prüfungen sind. Vielleicht heißt dieses Große Byzanz. Wenn dies kein Grund ist, in Rußland die Stimme zu erheben, dann gibt es wohl keinen.
Warum nun diesen Entwurf nicht als Manifest, sondern als eine Auswahl lyrischer und dramatischer Dichtungen? Hier ist zunächst an Nietzsches Aphorismus zu erinnern, daß Gedanken, welche die Welt verändern, auf »Taubenfüßen« daherkommen. Ich will keinen Politiker und keinen Heerführer schmähen, aber ich bin überzeugt, daß das Wesentliche im Herzen geschieht. Es ist ein großes Unglück, daß die Deutschen aller politischen Lager die Dichtung geringschätzen und für realgeschichtlich irrelevant halten. Ich pflege an dieser Stelle immer zu betonen, daß der Aufstieg der Deutschen im 19. Jahrhundert nicht denkbar gewesen wäre ohne Friedrich Schiller, dessen Werke damals auf jeder Ofenbank lagen. Ich behaupte in keiner Weise, Werke zu fassen, denen eine ähnliche Wirkung beschieden sein könnte, allein ich hoffe, einen Beitrag zu leisten, der junge Talente ermutigen könnte, sich in diesem Felde zu versuchen. Die deutsche Klassik segelte ja auch im Windschatten eines beträchtlichen Vorlaufs, ein Herder konnte nicht wissen, daß ihn der unvergleichliche Goethe beerben würde. Die Wiedererweckung der Dichtung könnte eine ganz andere Elite als in den letzten einhundertfünfzig Jahren hervorbringen. Das moderne Laster, faßliche Wirkungen aller Mühen bereits zu Lebzeiten zu erwarten, ja zu fordern, muß als besonders schwere Sünde begriffen werden. Echte Dichtung hat Ferneres im Blicke als die eigene Lebenspanne.
Meine Dichtungen behandeln die Natur und die Geschichte. In der Naturdichtung knüpfe ich an Dichter der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts an, die genaue Beobachtung und Beschreibung von Tieren und Pflanzen in die Dichtung einbrachten und die Eigengesetzlichkeit alles Lebendigen nicht mehr zu Gleichnissen menschlicher Stimmungen verkleinerten. Darüber hinaus versuche ich den Nachweis zu erbringen, daß nicht nur jedes Lebewesen und jeder Berg oder Stein Gegenstand der Poesie sein kann, sondern auch die Stoffe als chemische Substanzen, und hier nicht nur die natürlichen, sondern auch die Ergebnisse menschlicher Forschung. Überhaupt möchte ich mein »reaktionäres« Weltbild nicht mit dem Vorwurf grundsätzlicher Wissenschaftsfeindschaft belastet sehen. Freilich folge ich dem Goetheschen Ansatz, daß Naturerkenntnis nicht mit der Schraubzwinge erfolgen darf, wie ja überhaupt echte Erkenntnis nur in Liebe und Demut gelingt. Wissenschaftler sind für mich freilich weniger Sterngucker und Teilchenbeschleuniger, sondern Sucher nach heilsamen Dingen. Und es steht für mich fest, daß der Feind Christi auch immer der Feind des Menschen ist.
Neben der Natur steht in meinen Gedichten immer die deutsche Geschichte, die auf Wanderungen dauernd meinen Weg kreuzt. Neben dem schon mehrfach erwähnten Goethe ist hier vor allem Martin Luther zu nennen, über dessen Bibelübersetzung Goethe sagt, allenfalls das Zarte darin hätte er selber besser gemacht, wobei hier die Betonung auf das Wort »allenfalls« zu legen ist. Daß Goethe ein Bewunderer Luthers oder auch des Mittelalters blieb, ist – was wunder – wenig bekannt. Aber von Leuten, die Goethes Feindschaft zu Newton verschweigen und etwa das Lob auf eine schneller gewordene Post in Fortschrittsoptimismus umdeuten, ist kein wahres Wort zu erwarten.
Über Luther dürften auch in Rußland abenteuerliche Vorstellungen kursieren. Dafür dürften zwei Grunde maßgeblich sein. Zum einen die unvermindert andauernde katholische Hetze, anderen Ketzern hat Rom verziehen, Luther nicht. Das liegt dran, daß Luther den Finger in die entscheidende Wunde legt. Er spricht der Kirche als Institution die Heiligkeit ab, eine Heiligkeit, die für Rom seit vielen Jahrhunderten einen Geldfluß am Strömen hält und auf den sie nicht verzichten will und kann. Es geht auch nicht um die Heiligkeit der Sakramente oder der Verkündigung, sondern um Heiligkeit als Rechtsanspruch. Das Kirchenrecht ist ja geradezu Roms Markenzeichen, und das römische Recht, daß diese Kirche in die Neuzeit trug, ist ein Sachenrecht. Seine Einführung in deutschen Landen zum Ende des Mittelalters war nicht nur Motor der Bauernkriege, sondern auch der Rom-Feindschaft, die sich in der Reformation entlud. Im Unterschied zum römischen Recht macht das germanische Wiese und Wald, aber auch Knecht, Weib und Kind nicht zu Sachen, sondern zu Mündeln, zu Schutzbefohlenen des freien Mannes. Der vormoderne Deutsche kennt kein Privateigentum mit Freibrief zur Willkür, sondern nur ein Lehen auf Lebenszeit mit Rechenschaftspflicht vor Gott.
An dieser Stelle will ich nicht verschweigen, daß Rom in Reaktion auf Luther und auch den Buchdruck, welcher das vorher praktizierte Geheimhalten der Heiligen Schrift verunmöglichte, der Astronomie besondere Huld erwies und ein neues und antibiblisches Weltbild etablierte, wobei die Jesuiten den Eindruck zu erwecken wußten, dies sei geradezu im Widerstand gegen die Kirche geschehen. Wer aber heute an Kopernikus zweifelt, darf sich noch härterer Bannsprüche sicher sein, als sie dazumal Luther trafen. Ich traue mich zu prophezeien, daß in dieser Sache nicht das letzte Wort gesprochen sei. Der zweite Grund für ein falsches Lutherbild ergibt sich aus der Vermischung des Luthertums mit den Lehren Zwinglis und Calvins, also der reformierten Kirche. Der von mir ansonsten sehr geschätzten Soldatenkönig (im Gegensatz zu seinem Sohn, der Preußen an die Freimaurer und damit an England verriet) hat leider aus familiären Gründen maßgeblich an der Unierung geradezu gegensätzlicher Lehren mitgewirkt. Während Luther zwar der Werkgerechtigkeit Roms widerspricht, aber an dessen Stelle nicht eine Prädestination setzt, sondern diesen Widerspruch als nicht zu lösendes Spannungsverhältnis beschreibt, das eben einer gefallenen Welt entspricht, in der gleichwohl der Heilige Geist waltet, ist im reformierten Glauben der Gute von vornherein gut, und der Böse ebenso. Das führt dann in der Konsequenz zu der amerikanischen Überheblichkeit, die Macht und Reichtum als Beweis für Gottes Beistand ansieht. Mein Eintreten für Luther möchte ich aber nicht in der Weise verstanden wissen, daß die heutigen evangelischen Amtskirchen in irgendeiner Weise der katholischen vorzuziehen seien. in der römischen Kirche gibt es viel mehr Widerstand gegen die One-World-Tendenzen und Transhumanismus als in den völlig vertrottelten Alternativen.
Luther hat nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch das deutsche Gefühl für Heiligkeit entscheidend geformt. Seine Reformation war reaktionär, er wollte zurück zur mittelalterlichen Frömmigkeit und weg von der Dekadenz der Renaissancepäpste, die Calvinisten strebten hingegen nach einer Verbürgerlichung der Kirche, salopp gesprochen, hin zu einer Kirche als Dienstleister.
Eine Beschäftigung mit Luther sei auch orthodoxen Chri­sten empfohlen, welche das deutsche Wesen verstehen wollen. Im übrigen glaube ich, daß Luther in Rußland nicht exkommuniziert worden wäre, einen Ablaßhandel gab es ja dort ohnehin nie.
Mein Bekenntnis zu Luther wird gern als kleindeutsch verunglimpft, wohl auch weil Luther kein großer Herr war und gern unter der Linde zechte. Nietzsche meint einmal, Luther habe die Reformation gemacht, weil es ihm nicht erlaubt wurde, mit seinen dreckigen Bauernstiefeln über die feinen Teppiche des Vatikan zu laufen. Das ist schon richtig beobachtet, aber ich bleibe dennoch auf seiten Luthers. Denn es ist für mich weder undeutsch noch unchristlich ein Bauer zu sein. Ich bin zwar nicht als Bauer geboren, aber ich verneige mich vor dem Herrn der Erde, der Wasser in Wein verwandelt und Lehm in Brot. Wahre Aristokratie ekelt sich nicht vor der Ackerkrume, auch nicht an den Stiefeln.
Mein dichterisches Werk ist auch ein fortgesetzten Plädoyer für das Landleben, fern von der Aufgeregtheit der Städte, die vor lauter technischen Blendwerken vergessen, worauf es im Leben ankommt. Hier finden Natur und Geschichte zusammen, hier lebt man mit Tieren zusammen und achtet die Ahnen. Man richtet nicht über ihre Irrtümer, sondern faßt sich an die eigene Nase. Aber man läßt sich auch von der Gefahr des Scheiterns nicht davon abhalten, zu versuchen, was der Mensch immer versucht, nämlich, seinem Maß zu genügen. Das menschliche Maß ist auch das Zentrum aller Poesie. Jeder Gegenstand ist poetisch, wenn er im menschlichen Maß ergriffen wird. Und das muß immer wieder erlernt werden.
Besonders am Herzen liegen mir meine dramatischen Dichtungen, bei denen Kleist und Grabbe meine Sterne sind. Seit deren Zeit ist nur wenig Belangvolles entstanden, und der moderne Niedergang wirkt auch auf kaum eine Kunst so verheerend wie auf das Drama. Das Drama setzt den Kosmos voraus und sein menschliches Pendant die Polis. Die »offene Gesellschaft« kann naturgemäß kein Drama hervorbringen, und das moderne Theater hat weniger mit dem Bildungsanspruch der Klassik zu tun also mit mittelalterlicher Jahrmarktsgaukelei oder, modern gesprochen, mit Rummel und Karneval. Man will dem Zuschauer keine Sprachwerke mehr zumuten, sondern ihn durch allerlei Technik zerstreuen. Unterhaltung und Zerstreuung sind überhaupt die Gegensätze zur früher gesuchten Sammlung und Kontemplation.
In den hier versammelten Stücken gebe ich bekannten antiken Stoffen eine neue Deutung. Es ist ja bekannt, daß die Engländer besondere Freunde der »Odyssee« sind. Auch viele deutsche Dichter folgen den Engländern in deren Aberglauben, daß der Sieger immer der Gute sei. Da ich mich immer eher als Trojaner sah, habe ich mir erlaubt, mal die Perspektive der Besiegten einzunehmen. Der sizilianische Polyphem ist so wenig ein Menschenfresser wie all die Eingeborenen, von denen die Kolonisten Ihrer Majestät solches behaupteten, um ihnen englische Zivilisation zu bringen. Er will in Ruhe seine Schafe hüten, die er liebt wie jeder unverstellte Mensch die eigene Welt. Aber dann kommt einer, der sich ganz zutreffend »Niemand« nennt, man könnte auch sagen, ein »Anywhere«, der den »Somewhere« das Fürchten lehrt. Assoziationen zur jüngeren deutschen Geschichte sind durchaus im Sinne des Dichters. Auch im Argonautenzug wird die Kolonistenarroganz gezeigt. Übertroffen wird dieser vom Frevel der Medea, die vom Westen träumt und ihr Vaterland verrät. Der antike Schrecken dieser Tragödie wird in der Moderne immer mehr gemildert, schon bei Grillparzer erscheint die Frau als Opfer der Umstände, bei Christa Wolf wird sie gar zu emazipatorischen Heldin. Ich habe mich bemüht, diese Entwicklung umzukehren und den Schrecken auf die Spitze zu treiben, denn unsere Zeit ist viel schrecklicher als die Antike.
Der »Orpheus« ist mein persönliches Lieblingsstück. Sehr bekannt ist bei diesem Stoff, daß sich der Sänger entgegen dem ausdrücklichen Verbot nach der Geliebten umwendet und sie damit für immer verliert. Allerdings fand ich keine Gestaltung des Stoffs, die diesen Mißgriff hinreichend motiviert. Da ist ein Dichter, der Pflanzen und Tiere zu Tränen rührt und sogar das Herz des Totengottes erweichen kann und dann so eine täppische Verfehlung? In meinem Stück hat Orpheus einen mächtigen Gegenspieler, der auch Künstler ist, ich rede von Hermes, dem Götterboten. Dieser Gott hat von allen griechischen Göttern das üppigste Nachleben, sei es nun im Hermaphroditen, in der Hermetik oder der Hermeutik. Höchste Zeit, einmal mit ihm abzurechnen! Hermes ist der Macher, ja vielleicht die künstliche Intelligenz, der das menschliche Herz verachtet. An ihm allein prallt Orpheus’ Leier ab, ja, er verachtet den Musensohn wie ein Mathematiker den romantischen Träumer. Sein Rechtbehalten bleibt aber oberflächlich. Denn Orpheus begreift die Hinfälligkeit des zeitlichen Todes, und seine Mutter sagt ihm die prophetischen Worte, daß bald einer vollenden werde, was er nur versuchte
. Ich versuche in diesen Stücken zu zeigen, daß man erst mit Christus die antiken Mythen verstehen kann, und auch die Absonderlichkeiten in diesem Spiegel klar werden. Denn Weisheit besteht ja darin, in jeder Weisheit die eigentliche zu erkennen.
Das letzte Drama gilt dem Leben der letzten Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt und damit dem 20. Jahrhundert. Es führt vom Streit um Nietzsches Erbe bis in die Niederungen der DDR-Schriftstellerei, die allerdings von einer Grabschändung im wiedervereinigten Deutschland an Gemeinheit noch übertroffen wird. Hier schließt sich auch der Bogen zum Titel des Buches, der einem Gedicht einer Gräfin von Schwarzburg-Rudolstadt entnommen ist. Ich kehre nicht nur von Weltentwürfen und Rollenbestimmungen des Dichters ins Heimatlich-Traute eines winzigen thüringischen Fürstentums, ich mache auch mit der Formel »Bis hierhin hat mich Gott gebracht« das Vorläufige dieser Auswahl deutlich, dies voller Dank für die Gnade, die alles Vollenden geschehen läßt, und mit der freudigen Hoffnung, daß mich der Herr auch weiter walten und weben lassen möge.