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  Uwe Lammla

Die Säule an der Rothenburg

An Bismarcks Geburtstag schlagen kurz nach Einbruch der Dunkelheit acht bis zehn Meter hohe Flammen aus einer Schale über dem 21 Meter hohen Kuppelbau in den Himmel. Der von elf Adlerplastiken geschirmte Bau aus unregelmäßigen, roten Kyffhäuser-Sandsteinblöcken wird zusätzlich mit rotem bengalischem Licht illuminiert. Auf den neu geebnetem Platz vor der Säule stehen Studenten aus allen deutschen Gauen und singen das Lob des Allmächtigen und die Freiheit des Vaterlandes.
Die Rede ist nicht vom Jahr 2015, sondern von 1910, als von den Kosten des Bauwerks noch ein Drittel als Darlehen der Tilgung harrte. Was nach Bismarcks Tod durch deutsche Studenten angeregt, durch die Schwarzburger Regierung durch Bauplatz- und Steinbruchüberlassung gefördert und 1905 auf einer Verbandstagung in Kelbra beschlossen worden war, hatte Gestalt angenommen. Bei der offiziellen Einweihung im Sommer 2006 konnte die Flammenschale noch nicht Betrieb genommen werden. Nun erstrahlte die Fackel über den ganzen Nordhang des Kyffhäusergebirges und auch in den Ruinen Reichsburg Kyffhäusen wurde es mondhell.
Der dem Dresdner Neubarock nahestehende Architekt Wilhelm Kreis, übrigens ein Lehrer von Arno Breker, mit dem ihn lebenslange Freundschaft verband, entwarf die Bismarcksäule im Gegensatz zu anderen berühmtem Bismarcktürmen nicht im Standard-Modell Götterdämmerung, sondern als elfeckigen Rundbau mit einem nicht besteigbarem, verjüngtem Oberturm über der geräumigen Halle. 1924 fand dort eine Jünglingsstatue des Bildhausers Arthur Zweiliger Platz, die der vielen im Weltkrieg gefallenen deutschen Studenten gedenkt, 1936 deponierten weiterhin alle deutschen Studenten ihre Bundesfahnen hier. 1945 plünderten US-amerianische Truppen den Ort, entwendeten die Fahnen und warfen die Statue in eine Schlucht, wo sie vier Jahre später von Deutschen gefunden und als Buntmetallschrott verwertet wurde. 1951 wurde der Studentenverband enteignet, ab 1956 wurde die Rothenburg ein Ferienheim für Offiziere der NVA. Nach der Wende ging die Bismarcksäule an die Bundeswehr, war einige Jahre wieder zugänglich und wurde auch für Verbandstreffen der Vereine deutscher Studenten genutzt. Allerdings überstiegen nicht nur notwendige Erhaltunsmaßnahmen deren finanzielle Mittel, dem wachsenden Vandalismus mußte schließlich der Fremdenverkehrverband mit schweren Eisengittern wehren, die jede Besichtigung unmöglich machten. Mit Beginn der Schröder-Zeit erfaßte der allgemeine Ausverkauf des Gemeineigentums auch diesen Ort, seither wechselte er mehrfach den Privatbesitzer und ist heute weiträumig umzäunt und von einem Sicherheitsdienst bewacht.
Volker Ullrich fragt in der ZEIT am 5. Dezember 2014 rhetorisch, ob Bismarck mit den Ereignissen von 1989/90 eine neue, fast bedrängende Aktualität gewonnen hätte, wie manche Auguren damals gemeint hätten, und verneint dies, wie er meint, souverän. Wenn er sich da mal nicht irrt! Sicher, die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber man kann von Bismarck lernen, wie in einer Kultur der Erbsenzählerei Geschichte gemacht werden kann, wenn man sich auf einen festen Glauben stürzt. Und das Leuchtfeuer am Nordhang des Kyffhäusers verweist auf eine ältere Glut, und diese ist der Grund, warum die Studenten den Ort wählten. Den schlafenden Staufer halten die wohlbestallten Transatlantiker wohl für ein frommes Märchen. Aber den Leuten, die schon von ein paar tausend besorgten Bürgern in Dresden und Erfurt in Hysterie und Panik versetzt werden, sei gesagt, daß dies nur die äußerste Schicht des furor teutonicus ist. Bald wird man wieder Pech und Petroleum in die Schale der Bismarcksäule gießen. Und auch dies ist nur eine Vorhut. Denn für den Kanzler gilt wie für Johannes den Täufer, er verweist auf einen, der größer ist als er.