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  Uwe Lammla

Dein Reich komme

Meditationen zum Vaterunser

I

Wir leben in einer Zeit der Kleingläubigkeit. Dies nicht so sehr, weil es an Philosophen und Mystikern mangelt. Wesentlicher ist, daß den meisten Menschen die elementarsten Glaubenswahrheiten abhanden gekommen sind. Ein Beispiel soll das illustrieren. Jedes Kind, daß vom Teufel und seinen Schrecken hört, stellt seinen Eltern die Frage, warum denn Gott, der doch allmächtig sei, den Teufel nicht einfach vernichte. Darauf wissen die Eltern keine Antwort und wenn sie überhaupt etwas erwidern, dann etwa in der Art, daß Gottes Wege unerforschlich seien und die Vernichtung des Bösen erst für das Ende der Zeiten vorgehen sei. Vielleicht fällt ihnen noch ein, der Teufel sei als Versucher Garant der Willensfreiheit des Menschen. Das Kind ist mit Recht unzufrieden, denn ein liebender Vater, der seine Geschöpfe solchen unnützen und dabei gräßlichen Prüfungen aussetzt, kann ja wohl nicht recht liebend sein. Oder nicht recht allmächtig? Dabei wäre die Antwort ganz einfach. In der Welt ist der Kampf zwischen Himmel und Hölle der Kampf zwischen Leben und Tod. Dabei meint Leben die Vielfalt der Schöpfung, Tod den Schatten des Mechanischen, Virtuellen, Schöpfungsfeindlichen. Die Mächte des so verstandenen Todes streben danach, alles Leben in ihre Abhängigkeit zu bringen und letztlich zu vernichten. Das Leben ist jedoch immer ein lebendiger Widerspruch. Es braucht den Tod und auch die Versuchung, um die Vielfalt und Fülle zu entwickeln, die ihm gemäß ist. Würde der Teufel vernichtet, fehlte dem Leben der Maßstab für sich selbst. Also kann ein Dasein ohne Versuchung nur in Spären bestehen, die wir erahnden aber erst wirklich erfassen können, wenn wir selbst den Tod überwunden haben, weil der Herr uns auferstehen läßt.
Die Kinderfrage ist die Frage der Theodizee. Man kennt Voltaires Satire, in der er sich über die Leibnizsche Vorstellung der besten aller möglichen Welten lustig macht. Er tut es gekonnt und mit Recht. Denn die Welt ist ein Irrenhaus, wird sie an den Maßstäben der Philosophie gemessen. Im Umkehrschluß kann man nun die Philosophie als Irrsinn betrachten. Man kommt freilich an der Erkenntnis nicht vorbei, daß die Welt und die Philosophie sind wie sie sind und zwar notwendig nicht nur mit dem jeweils anderem im Widerspruch, sondern mit sich selbst. Man kann die Kartoffel säen oder essen. Esse ich sie, kann sie sich nicht vermehren und ich werde Hunger leiden. Esse ich sie nicht, bin ich verhungert, bis die Saat aufgeht. In dieser Art kann man sich in allerlei Absurditäten versteigen. Gleichwohl bleibt feststellen: Unvorstellbar viel Zeit ist vergangen, aber wir sind da und kommen auf irgendeine Weise mit unserem Denken und mit der Welt aus. Dies allein ist bereits ein sehr mächtiger Gottesbeweis.
Leibniz und Voltaire stehen im Bann der Diskussion, die nach dem Erdbeben von Lissabon aufkam. Dieser Schrecken stellte das gewohnte Unheil in den Schatten und Gottes Güte gleich mit. Die neuere Theologie meint mit Auschwitz das heilsgeschichtliche Hauptereignis ausgemacht zu haben. Jüngst fiel mir ein Buch in die Hände, in dem der Autor das Theodizee-Problem dadurch angehen will, daß er von der schlechtesten aller möglichen Welten ausgeht. Keine Utopie ist so abseitig, daß sie nicht ihre Anhänger fände. Dabei gibt es überhaupt keine Notwendigkeit für Utopien, wenn man Christ ist. Denn das Heil ist bereits in der Welt, und es nennt sich die Frohe Botschaft.
Die Frohe Botschaft ist das fundamentale Gegenteil zu jedem verstiegenen Determinismus. Was sie verkündet, kennt jeder Mensch, er lebe in einem Palast oder in einer verfallenen Kate, es ist die Liebe. Die Liebe ist den Ordnungen der Welt nicht entgegengesetzt, aber sie durchkreuzt sie. Die Frohe Botschaft lautet, daß gerade dieser Macht, die niemand bei sich und anderen beherrschen kann, zu vertrauen sei und daß sie der Schlüssel zum Heil sei. Dies wird man gern als fröhlich akzeptieren. Auch wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Liebe schreckliche Leiden verursachen kann (und mancher wird sagen: muß), bleibt der freudige Aspekt dominant. Dies ist nicht anders als bei einer Pflanze, die sich mit Verrenkungen dem Licht zuwendet, dann aber doch mit ihrer Blüte die Sonne rein und vollkommen preist. Der Schmerz ist vergessen. Es ist Ostertag.
Die neuzeitliche Theologie und erst recht die »nach Auschwitz« starrt gebannt auf den Schrecken. Doch Eichmann tut nichts anderes als Pilatus. Jesus ist nicht in die Welt gekommen, daß der Mensch vor dem Unmaß seiner Sünden erschrecke. Im Gegenteil: jede, auch wirklich jede, Untat kann vergeben werden, hier werden nicht etwa Krieg und Massenmord ausgenommen. Abgesehen davon, daß Jesus damit zu allen Zeiten als »politisch inkorrekt« einzustufen ist, sind seine Verheißungen eine krasse Absage an jeden Determinismus. Der Weg zum Heil führt nicht durch Buße, Wiedergutmachung und Bewährung, sondern durch die Liebe im Herzen, also etwas, was jeder Realpolitiker als läppisch einstuft. Dies ist die eigentliche Umwertung, nicht das Sündenregister, die Verfehlungen, der Schrecken bestimmt das Entscheidende, sondern etwas immer und jedem möglich ist, der lebt. Dies ist keine Lebensverneinung, sondern die höchste Lebensbejahung. Das Leben kennt keine vertanen Chancen, sondern hat immer, und sei es auf dem Sterbebette, die volle Möglichkeit, sich für das Heil zu entscheiden.
Die Liebe erblühen lassen ist geradezu das Gegenteil einer Aufarbeitung und Vergegenwärtigung des Schrecklichen und Unvollkommenen, der Erbsünde etwa. Dies ist ein gewaltiges Instrument des Handelns. Denn es kommt nicht auf das an, was sich an Verfehltem und Widerwärtigem aufgetürmt hat, wir sind sofort frei, daß Reich Gottes aufleben zu lassen. Wesentlich ist einzig der Glaube. Diese Lehre setzt dem Menschen eine Krone auf.
Schon in der Steinzeit hat man immer wieder beobachtet, daß Tiere zwar die Wärme des Feuers schätzen, aber, obgleich sie sonst den Menschen in vielfältiger Weise nachzunahmen verstehen, niemals den Versuch wagen, ein Feuer zu nähren, selbst wenn ihnen dieses, etwa durch bereitliegendes Holz, besonders leicht gemacht wird. Die Menschen sahen in ihren Mythen und ältesten Überlieferungen in dieser Passivität ein übernatürliches Gebot. In der Tat zeigt das Feuer eine ontologische Differenz zwischen Mensch und Tier an, mag auch mancher Tierfreund das Wahlrecht für Schoßhündchen fordern. Nicht nur die germanische Götterdämmerung sieht im Feuer das Prinzip der Endgültigkeit, der absoluten Verneinung, die im Gegensatz zu jeder relativen Verneinung steht.
Die Herrschaft über das Feuer, das Einpferchen der Zerstörungsmacht in ein wohltätiges Maßhalten, wird zum Beginn der Kultur. Die Notwendigkeit, das Feuer zu hüten und zu erhalten, schafft die erste Arbeitsteilung. Feuer und Wasser werden im allgemeinen als Antagonismus genannt, aber die Kochkunst ist gerade die Vereinigung dieser beiden Elemente. Später treten Öl und Salz hinzu. Mit dieser Kunst wird die Verdauung des Körpers entscheidend entlastet. Dies verlängert nicht nur das Leben, es erhöht auch die Leistung. Bald beginnt man Ton zu brennen und Vorratswirtschaft zu betreiben. Es wird selbstverständlich, daß das Kind nicht mehr in reiner Natur, sondern in einer vorgeprägten und gestalteten Umwelt aufwächst. Es entsteht Geschichte.
Das Feuer schafft die Seßhaftigkeit, es entstehen Konflikte mit Nomaden, die heftiger sind als die der Nomaden untereinander. Noch ist der Weg zu den Feuerwaffen weit. Aber das Feuer ist beim Krieg von Anfang an dabei. Mit dem Niederbrennen der Dörfer und Felder sollen die Lebensgrundlagen des Feindes zerstört werden. Auch der Gedanke der Gleichheit ist dem Feuer abgeschaut. Dabei empfindet der Steinzeitjäger ebenso wie der kultivierte Bürger der antiken Hochkulturen das Feuer in all seinen Segen mit Frevel behaftet. Zahllose Mythen handeln vom Raub des Feuers. Die Kultur sieht sich im Gegensatz zur natürlichen Ordnung.
Die Evangelien sprechen vom Feuer der Liebe. Dies erscheint zunächst als eine gefühlstrunkene Metapher. Ich möchte jedoch dartun, daß es sich hier nicht um die üblichen Übertreibungen der Werbung handelt. Gemeinsam ist dem Feuer und der Liebe das Unbedingte. Unbedingt in zweifacher Hinsicht: ein Feuer kann bei Nacht aus großer Entfernung gesehen werden, es zeichnet aus, unmißverständlich. Ebenso ist es mit der Eindeutigkeit der Liebe. Zum anderen ist das Feuer wahllos in den Dingen, die es seinem Glanze opfert. Ebenso der Liebende: er achtetet alle Dinge gleich gering in Bezug auf sein Gefühl. Dies kommt nach ältester Vorstellung in der Sonne zusammen. Die Sonne kann ein sengendes Unheil sein, das Länder in Wüsten verwandelt. Aber sie bedingt auch den Regen und die Vielgestaltigkeit der Welt. Und sie ist von unermüdlicher Treue. Jeder, der einmal eine Nacht durchfroren hat, weiß wie herrlich der Körper die ersten Sonnenstahlen spürt. In der Sonne gewinnt Gott für den Menschen erste Gestalt. Vom Sonnenlicht weiß er sich bedingt und gehegt.
Ich tat bereits dar, daß das Feuer am Anfang der Geschichte steht. Die Geschichtsmächtigkeit wird jedoch vom frühen Menschen als illegitim empfunden. Die christliche Botschaft, die mit dem Feuer der Liebe die Sonne vom Himmel in die Menschenseele pflanzt, legitimiert die Geschichtsmächtigkeit. Das Feuer ist nicht mehr vom Himmel geraubt, sondern im Herzen entzündet. Der Mensch ist berufen, die Welt zu gestalten.
Die Liebe ist unbedingt und eindeutig wie der Drang der Pflanze zum Licht. Aber, auch dies wissen die Mythen aller Völker, sie wird schon in frühester Zeit pervertiert. Dafür steht das Symbol des Goldes. Wenn das Gold aufhört, unschuldiges Abbild des Sonnensegens zu sein, und zur Knechtung benutzt wird, offenbart sich die Nachtseite des schönsten Engels. Die Liebe wendet sich gegen das Leben, Habgier, Geiz, Prunksucht und Despotie. Die Macht des Goldes geht einher mit seiner Verzweckung. Dies ist ein Feuer, das den Herd verlassen hat und den Weltbrand begehrt. Dies ist die konsequente Verkehrung der Liebe. Denn die Liebe ist zwar maßlos in ihrem Wunsche zu leuchten, aber niemals maßlos in ihrem Gegenstande. Der ist gerade hier und heute und stets konkret.
Die Fähigkeit zur Liebe gewinnt der Mensch in seiner frühen Kindheit. Dies ist nicht allein die Mutterliebe. Sie ähnelt der Sonne in der Natur, gerade in ihrer Treue. Aber die Vielheit der Welt entwickelt sich im Wechselspiel der Sonne mit Wasser und Leben. Nicht anders der junge Mensch. Er erobert seine Heimat. Dies sind die Spielgefährten wie die Spielverderber, der Wald, die Bäume, die Tiere, die reißenden Bäche, die Wasserfälle und die sonnige Heide. Im Sandkasten wird die soziale Kompetenz erprobt. Hier liegt der Keim späterer Urteilsfähigkeit, über Begabung, Rolle, Treue. Der Mensch gewinnt Maß für sein Tun und seine Ziele. Es ist kein Zufall, daß sich jene, die nach einer totalen Verzweckung aller Energie streben, die im Gold ihren Ausgang genommen hat, diese natürliche und traditionelle Lebensumwelt systematisch zerstören und den Begriff der Heimat denunzieren. Sie streben danach, den einzelnen berechenbar zu machen und damit konfliktfrei in ihr Spiel einzubinden. Urteilsfähigkeit ist da ein unkalkulierbarer Störfaktor.
Hier sehen wir deutlich, daß die Liebe keine harmlose und erbauliche Sache ist. Jesus wirft im Zorn die Tische der Händler und Geldwechsler um, die den Tempel Gottes verhunzen. Der Weg der Liebe ist von Feinden umstellt. Darum ist es wichtig zu wissen, daß mit unserer Flamme im Herzen der allumfassende Himmel korrespondiert.

II

Im Vaterunser ist schon das erste Wort ein Skandal. In der Anrede des Allumfassenden als »Väterliches« sehen Feministinnen eine Herabsetzung der Frau. Nur der Umstand, daß Jesus selbst diesen Text mit seinen Jüngern gebetet hat, läßt die Theologen vor einer zeitgeistkonformen Umformulierung zurückschrecken. Frühere Zeiten hatten mit mit der Vater-Metapher keine Probleme. Gerade im Gegensatz zur mütterlichen scheint die väterliche Liebe das Gemeinte getreuer zu treffen. Väterliche Liebe ist distanzierter als mütterliche. Kein Vater wird die Intimität erreichen, die eine Mutter beim Stillen vermittelt. In der Liebe zu Gott kommt der Differenz besondere Bedeutung zu.
Außerdem steht das männliche Prinzip für das Schöpfertum. Jahrtausendelang bestand Konsens, daß das Weib das bewahrende Prinzip verkörpert, Hege, Pflege und Erhaltung des Lebens, aber auch Erneuerung und Wiedererweckung. Das Schöpferische meint Fügungen, die nicht Wiederholung oder Erhaltung sind, sondern Niedagewesenes. Es ist der Entwurf, der die Gefahr für das Bestehende hinnimmt. Wenn wir vom Vater sprechen, ist immer der Schöpfer gemeint. Dies ist eine eindeutige Absage an den Darwinismus. Denn eine geschaffene Welt hat ihren Grund außer sich, in einem Prinzip, das sich in jedem Geschöpf offenbart. Wer dieses Prinzip als Überlebens- oder Überstehenswunsch definiert, verkleinert es nicht nur, er streicht das Wesentliche durch. Besonders absurd wird die Konstruktion, wenn der Überlebenstrieb vom Einzelwesen auf die Art oder die Gene ausgeweitet wird. Pflanzen und Tiere wissen von Genen nichts und der Mensch noch nicht allzulange. Die Prinzipien der Wiederkehr und des Schöpferischen, die in ihnen wirken, sind schon in der unbelebten Naur zu beobachten. Der Mensch weiß schon immer, daß er ihnen unterworfen ist. Aber erst, indem Gott Mensch wird, erfährt der Mensch, daß diese Prinzipien in allem Anfang wirkten, um ihn ins Heute und Hier zu stellen.
Die erste Fürbitte im Vaterunser fordert die Heiligung des göttlichen Namens. Dies ist zum einen ein Dank, daß dem Menschen das Göttliche geoffenbart ist, zum anderen eine Mahnung, die Rede von Gott nicht nutzlos zu führen, wie es in den Geboten heißt. Der gläubige Mensch weiß im letzten nicht, warum er glaubt. Der Glaube hat wenig mit Bibelkunde und konfessioneller Erziehung zu tun, er ist eine Grundgestimmtheit, die man in der Kindheit erwirbt. Was ich im esten Absatz zur Kindheitserfahrung schrieb, läßt sich unter dem Stichwort Gottvertrauen zusammenfassen. Dies ist eine große Macht in unserem Herzen, für die wir nichts als Dank sagen können. Es fehlt uns an jeder Begründung, warum wir solcherart gesegnet sind.
Was mit einem nicht unnützen Führen des Namen Gottes gemeint sei, wird unmittelbar darauf konkretisiert. Dein Reich komme, dein Wille geschehe. Und damit keiner meine es gehe hier nur um transzendente Gefilde, folgt der Zusatz: wie im Himmel so auf Erden. Wir beten, daß auf Erden der Wille Gottes geschehe und das Reich Gottes komme. Dreierlei wird angedeutet: zum esten, daß der Wille Gottes auf Erden zumindest nicht vollkommen erfüllt ist und sein Reich nicht in vollendeter Weise besteht, zum zweiten die Zuversicht, daß sich dieses ändern werde, zum dritten das Gelöbnis, daran mitzuwirken. Wohlgemerkt, am Reich Gottes auf Erden. Dies ist ohne Zweifel ein geschichtlicher Auftrag.

III

Das Evangelium enthält zahlreiche Thesen zu sozialen Fragestellungen, und es kann kaum verwundern, daß sich seit den Anfängen der Christenheit immer wieder einzelne und Gruppen hier Stütze und Legitimation gesucht haben. Unverkennbar ist freilich der Widerspruch, daß zwar an vielen Stellen die Reichen geschmäht und die Armen gepriesen werden, Gerechtigkeit gefordert und versprochen wird, gleichzeitig aber eine gewisse Nichtachtung des Sozialen gepredigt wird. Laß dem Kaiser was des Kaisers ist. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Unvermittelt stehen hier Aufforderungen zur Rebellion neben Mahnungen zu Demut und Entsagen.
Was die Evangelisten hier formulieren, ist das Gesetz des Lebens selbst. Das Christentum ist gerade deshalb keine totalitäre Ideologie, weil es keine abstrakten Maximen aufstellt, die allem Leben übergeordnet sind. Die Frohe Botschaft ist die Liebe. Diese wiederum scheint dem Menschenverstand wenig tauglich, um mit einem brutalen und durch und durch lieblosen Feind fertigzuwerden. Also neigt er dazu, entweder einseitig zu interpretieren d.h. von allem abzusehen, was seinen Standpunkt nicht stützt oder aber diese Fragen zu delegieren d.h. Gottes Willen als dem armen Sünder verschlossen zu betrachten und allein der Kirche zu verständiger Auslegung zu überlassen.
Dieses Ausweichen ist jedoch weder nötig noch christlich. Ich möchte dafür ein Beispiel nehmen: die Prostitution. Nicht nur der Christ weiß, daß diese Warenwirtschaft der Liebe geradezu das Gegenteil der Liebe ist. Der immer mal wieder geführte Streit, ob denn die Hure den Freier betrüge oder umgekehrt, ist reichlich sinnlos. Denn die Sachlage ist sie, daß beide, gerade wenn sie im Einverständnis paktieren, die Liebe betrügen, das göttliche Geschenk, dem schon die Heiden das hohe Lied sangen. Dieser Betrug ist ein Ärgernis - wie soll nun der Christ damit umgehen? Wenn man das Problem durchdenkt, kommt man zu dem Ergebnis, das auch empirisch erzielt wird: eine konsequente Unterdrückung führt zu noch größerer Sünde und Lieblosigkeit als selbst das Gewährenlassen. Da dies heutzutage recht unstrittig ist, möchte ich dies nicht weiter begründen. Interessanter erscheint mir eine andere Frage: Muß und darf aus dem Umstand, daß eine konsequente Unterdrückung nicht als christliches Verhalten gepriesen werden kann, geschlußfolgert werden, daß man dieser Frage keinerlei Aufmerksamkeit schenke? Dies erscheint mir, wie der Volksmund so sagt, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Wer einsieht, daß die Prostitution nicht vollständig aus der Welt zu bannen ist, kann sehr wohl grelle Reklame in den Geschäftsstraßen verbieten, Druckerzeugnisse zensieren und manches mehr. Der Kampf gegen den Teufel verträgt sich sehr wohl mit der Einsicht, daß der Teufel notwendig in der Welt ist und jeder Aufruf zum letzten Gefecht nichts als ein Ausbund des Hochmuts ist.
Das Evangelium bietet uns keine Endlösungen, nichts, was uns vor Sünde, Hochmut und innerer Zerrissenheit feit. Der Mensch bleibt in die Spannung der Welt gestellt, er führt sein Schiff zwischen Skylla und Chabybdis, die da heißen Verlockung und Feigheit. Aber er hat einen Stern, der ihn führt. Dies ist die Liebe in seinem Herzen. Wenn die Welt so ist wie sie ist, so liegt dies daran, daß dieser Liebe im Herzen zu wenig vertraut wird, denn die Macht der Versucher, die man heute so gern Sachzwang nennt, beruht auf dem Mangel an Glauben. Darum soll jeder, der dem Unrecht der Welt die Stirn bieten will, nicht auf die Schätze der Reichen starren noch auf das Elend in den Slums. Er soll sich zuerst und zuletzt um die Flamme in seinem Herzen sorgen und sicher sein, daß diese ihm Mut und Verstand geben wird, das Rechte zu tun.

IV

Während die Gemeinde das Vaterunser herunterleiert, glaubt kaum einer, daß das Reich Gottes auf Erden komme. Und der Pfarrer wird die Gemeinde in seiner Predigt mit diesem Thema verschonen, und wenn er es tatsächlich einmal berührt, so wird es ins Bildhafte und Unverbindliche ausweichen. Christi Kirche hat sich von dem Plan verabschiedet, die Welt im Sinne des Erlösers umzugestalten. Allenfalls mag man sie in seinem Sinne mildern, Trost spenden und im übrigen auf die bessere Welt jenseits des Todes verweisen. Dies hat dem Christentum den Vorwurf der Lebensfeindlichkeit eingetragen. Christus selbst trifft dieser Vorwurf nicht, denn es heißt unmißverständlich: wie im Himmel so auf Erden.
Den geschichlichen Auftrag ernstzunehmen, fehlt es an Mut. Denn die Mächtigen sind gern bereit, vor dem Altare niederzuknieen, wenn dort die Verteilung jenseits des Todes verhandelt wird. Daß ihre Macht an der Schwelle des Todes endet, leuchtet den meisten ein. Anders ist es jedoch »auf Erden«, wer hier an den Machtverhältnissen rüttelt, muß mit aller offenen und verdeckten Gewalt rechnen, die der menschliche Geist auszusinnen imstande ist. Man wird also einsehen, daß sich ein gutversorgter Klerus kaum auf solche Unwägbarkeiten einlassen will und auch die Laien wenig Neigung zeigen, die Herrenworte so zu interpretieren, daß alle Anpassung und Vorsorge wie ein Kartenhaus zusammenbricht.
Bevor ich meine Vorstellung des Reiches Gottes auf Erden näher skizziere, möchte ich einem Einwand entgegnen, der gewiß wider diese Zeilen vorgebracht wird. Das Reich Gottes auf Erden, so wird man sagen, bezeichne einen Topos nach der Rückkunft des Erlösers, also einen Zustand nach dem Jüngsten Gericht und der Auferstehung der Toten. Gewißlich habe dieser Glaubensartikel nichts oder wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun, vor allem sei er keinerlei Aufforderung zu politisch relevantem Handeln. Damit sei offenkund, daß ich fernliegendes in die Herrenworte hineingelegt und sie damit mißbraucht hätte.
Im Vaterunser ist die Anrufung »Dein Reich komme« zwischen die Heiligung des Namens und die Unterwerfung unter den göttlichen Willen eingeschoben. Beides sind unstreitig Forderungen an jedes christliche Leben im historischen Kontext. Dafür, daß dies für die dazwischen liegende Forderung nicht gelten solle, gibt es keinerlei Anhaltspunkt. Das Reich Gottes auf Erden meint eine Ordnung, die es jedem Geschöpf erlaubt, seinem eingebornen Gesetz zu folgen. Die krasseste Verletzung dieses Gebots ist die medizinische Tötung von Ungeborenen, eine Praxis, die im übrigen auch bei den Germanen und bei allen Natur- und Kulturvölkern schärfste Ächtung hervorruft. Dieses massenhafte Verbrechen an Wehrlosen genügte vollauf unsere Zeit als tief antichristlich und verworfen auszumachen. Damit aber nicht genug, die Überlebenden finden eine Welt von Spuk und Gaukelei, die alle Ressourcen von Himmel und Erde einsetzt, um ein natürliches Leben zu verhindern. Wie die »Errungenschaften« des technischen Zeitalters das Echte und Menschliche verhindern und beschädigen, wird von nicht wenigen Geistern dargestellt. Ich möchte das, gemäß meiner Maxime, daß man vor dem Schrecken nicht erstarren solle, nicht unnötig ausbreiten. Diese Dinge sind hinreichend bekannt. Allerdings folgt dann meist der pessimistische Refrain. Die sei eben unser Schicksal, Folge des Fortschritts und der Emanzipation etc. etc.
Diese Dudelei geht mir gewaltig auf die Nerven. Unser Heiland ist nicht am Kreuz gestorben, daß wir uns mit blödsinnigen Phrasen vor der Geschichte drücken. Kleingläubigkeit und Feigheit verhindern nicht nur die Tat, sondern sogar schon das Denken darüber, was getan werden sollte. Aus diesem Grunde erlaube ich mir, hier einige Thesen zur Diskssion zu stellen, die unstreitig eine gewisse Nähe zum »Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation« des Mittelalters aufweisen. Diese Nähe trachte ich keineswegs zu verschleiern, weil der tief gläubige Mensch des Mittelalters der göttlichen Ordnung sehr viel näher stand als meine Zeitgenossen.
Nachdem ich bereits die Nähe des göttlichen Reiches zum mittelalterlichen eingeräumt habe, erlaube ich mir fürderhin einfach vom Reich zu sprechen. Dies hat nicht nur ökonomische Gründe. Wenn man sich einmal klar gemacht hat, daß das Reich Gottes und das Reich des Menschen deckungsgleich sind, wird das Attribut zum wesenlosen Schnörkel. Das Reich ist politisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell vor allem eines: ein Raum, in dem der Mensch gemäß seiner eigenen Natur und der aller Geschöpfe und Zeiten leben kann. Es ist auf der Basis unserer leiblichen und geistigen Existenz aufgebaut. Es besteht aus selbstverwalteten Einheiten, ich nenne sie Gaue, die nicht größer sind als die Strecke, die man zu Fuß von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wandern kann. Die Gaue deligieren nur drei Dinge an eine Zentrale, also das Reich bzw. den Kaiser, dies sind das Militär, die Diplomatie und die Post. Ersteres ist für die Verteidigung zuständig, das zweite für Außenbeziehungen, das dritte für Nachrichtenaustausch, Transport und Verkehr. Aber auch der Gau wird dem Menschen nicht nahezu alle Früchte seiner Arbeit abnehmen, wie es der moderne Staat tut. Die Einheit zur Verwaltung aller Ressourcen ist das, was ich den Hof nenne. Der Hof ist eine Einheit von Lebens- und Arbeitsort. Höfe gibt es auf zweierlei Art, entweder als Familie, also von verschwandtschaftlich verbundenen Menschen, oder als Genossenschaft, von Leuten, die sich frei zusammengeschlossen haben. Wesentlich dabei ist, daß die Zusammenschlüsse nicht rein wirtschaftlich oder sonst zweckhaft erfolgen, sondern den ganzen Menschen einschließen.
In dieser Vorstellung wird das Privateigentum nicht dadurch überwunden, daß die Dinge zentralistisch oder von gesichtslosen Kapitalgesellschaften verwaltet werden, sondern das Eigentum liegt dort, wo auch die ganze Verantwortung liegt, für Kinder, für Alte und Kranke, für die Natur, für die Ahnen, für die Ungeborenen: im Hof. Hier werden Streitfragen von Angesicht zu Angesicht entschieden, hier genügen Blicke, den Faulpelz zu bewegen und den Schlemmer zu stoppen. Hier sind Glück und Not wieder unmittelbar. Man sieht, daß das wesentliche Kennzeichen dieser Ordnung die Verkürzung aller Wege ist. Das Automobil erledigt sich, weil man wieder zu Fuß geht, gelegentlich benutzt man für längere Reisen die Bahn, die sich natürlich wieder, wie einst, an der Kutsche orientiert, nicht wie heute, am Flugzeug. Flugzeuge gibt es nur noch beim Militär.
Bei den Delegierung an eine höhere Einheit möchte ich darauf hinweisen, daß gerade die Energieversorgung nicht dazugehört. Während für den Nachrichtenaustausch ein überregionales Netz sinnvoll ist, sollten Kraft und Leistung möglichst nahe beim Verbrauch gewonnen werden. Bekannt ist, daß sich Energie nur mit großen Verlusten übertragen und speichern läßt. Deshalb ist für jedes Dorf die Mühle wesentlich, wo mit Wind- und Wasserkraft Korn gemahlen, Öl gepreßt, Werkzeuge geschmiedet, Wäsche gewaschen und der Eisschrankblock gefroren wird. Für die Leselampe wird auch Rapsöl reichen, für die technischen Geräte zum Informationsaustausch reicht eine kleine Solareinheit auf dem Dach. Also nicht nur das Automobil, sondern auch die Steckdose sollte verschwinden.
Kritiker dieser Öko-Idylle mögen einwenden, daß solche kleindeutschen Vorstellungen von großer Ignoranz gegenüber der sonstigen Welt geprägt sind. Dem ist leicht zu entgegnen. Wir müssen hier und heute vernünftig und menschlich leben und zeigen, daß dies möglich ist. Anderen kann es Vorbild und Ansporn werden. Möglich, daß andere Kulturen andere Muster entwerfen. Das ist ihr gutes Recht.
Um es zusammenzufassen: Das Reich meint, daß Raum und Zeit wieder zusammengefaßt werden, Freiheit und Verantwortung, Vergangenheit und Zukunft, Mensch und Natur. Wir sind aufgerufen, uns dem Wahn des Kapitalismus zu verweigern und ein Leben im Einklang mit uns selbst und mit Gott zu suchen. Der Weg dahin ist die Heimat, die unmittelbare Erfahrung der Geschöpfe der Welt. Wir müssen uns bewußt werden, daß wir voll und ganz die Verantwortung tragen, und zwar im Angesicht der Ewigkeit. Und in diesem Sinne lohnt es sich, mit Leidenschaft zu beten: Dein Reich komme.