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  Uwe Lammla
DIE LUST DES SOKRATES

I
Jüngst übte ich in einem elekronischen Lexikon Kritik an dem Artikel über »Homosexualität«, worauf ich gebeten wurde, einen besseren Artikel zu schreiben. Nach einigem Überlegen entsagte ich dieser Aufgabe. Maßgeblich waren dafür zwei grundsätzliche Bedenken. Ich zweifle sowohl an der Sinnträchtigkeit des Begriffes als auch an der Möglichkeit, lexikalisch, also objektiv, über die mit diesem Begriff angesprochenen Phänomene zu berichten. Ich nutze hier die essayistische Form, mich einem Konglomerat von Abgrenzungsbemühungen, halbbewußten Chiffren, Verheißungen und Enttäuschungen anzunähern.
Dem Aufkommen dieses neuen Wortes im späten 19. Jahrhundert folgten zahllose Versuche, die Ursache dieses Phänomens zu ergründen. Sie wurden von verschiedensten Seiten und mit den verschiedensten Absichten unternommen, und können ausnahmslos als wissenschaftlich gescheitert angesehen werden. Dies scheint mir mit Definitionsproblemen zusammenzuhängen. Im Mittelpunkt der Forschung standen im allgemeinen Männer, die sich auf der Suche nach geeigneten Partnern an einschlägigen Orten herumtrieben, also Leute von soziologischem und kriminalwissenschaftlichem Interesse. Wenn schon Mangus Hirschfeld bedauert, der Begriff betone mit »sexuell« Handlungen und vernachlässige das Begehren, so muß man ihm entgegnen, daß Wünsche für alle, die sie nicht selber hegen, vollkommen bedeutungslos und gleichgültig sind, solange daraus keine Handlungen folgen. Insofern ist es folgerichtig, daß eine öffentliche Diskussion sich immer an reale Vorgänge und nicht an seelische Befindlichkeiten knüpfen wird.
Das Wort entstand nicht im luftleeren Raum, sondern in der Zeit der Industrialisierung und der allgemeinen Verstädterung. Immer mehr Leute lebten in einer gänzlich andersgearteten Kultur als ihre Vorfahren. In einer Zeit, als es aufkam, »um die Häuser zu ziehen«, fiel auf, daß einige dies mit anderen Absichten machten als die Masse der Zerstreuungsbedürftigen.
Aus diesen Beobachtungen hat man dann auf die ganze Weltgeschichte zurückgeschlossen. Das ist ein Verfahren, wie es Marx unternimmt, wenn er aus den Arbeitskämpfen in den Fabriken Londons die Theorie entwickelt, daß die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Klassenkämpfe sei und die Revolutionen die Lokomotiven der Geschichte. Der Typus des Homosexuellen, wie er allgemein bekannt ist und in der Literatur beschrieben wird, steht und fällt mit der Industriegesellschaft. Will man von diesem absehen und etwas Außergeschichtliches in der menschlichen Natur erkennen, ist dieser Begriff schon ein methodisch fataler Einstieg.
Weiterhin ist einzuwenden, daß ein großer Teil der »Homosexuellen« keineswegs das begehrt, was er selber ist, also nicht das »Gleiche«. Die Pädophilie wird durch den Begriff eher verwischt als eingeschlossen. Auch wenn ein junger Mann eine Vaterfigur sucht und meint, er könne diese nur sexuell finden, wird er in eine Rubrik gebracht, die mißverständlich ist. Männer, die in eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle verliebt sind, gelten als homosexuell, solang die Operation der Partnerin keine gesetzliche Personenstandsänderung gebracht hat. Danach gelten sie als heterosexuell.
Ich erlaube mir hier einen kurzen Einschub zur Transsexualität, die im öffentlichen Bewußtsein vor allem durch das Auftreten von Transvestiten mit gänzlich anderen Erscheinungen vermischt ist. Hier geht es um die sehr seltene Erscheinung, die Mediziner eine »Geschlechtsidentitätsstörung« nennen. Der oder die Betroffene meint im falschen Körper zu leben, es besteht ein Konflikt zwischen seelischem Geschlechtsempfinden und körperlichem Wuchs. Diese Normabweichung hat eigentlich wenig mit der Sexualität zu tun, und die meisten Betroffenen haben auch eher eine verkümmerte Sexualität. Was der Ignorant für den gleichen »Schweinkram« wie andere Abweichungen hält, wurde jedoch kulturell völlig anders gehandhabt. Von den Indianern wird berichtet, daß sie eine Entscheidung gegen das körperliche Geschlecht für legitim nahmen. Wer freilich als Mann eine Frau sein wollte und sich von Jagd und Kriegsdienst suspendieren ließ, mußte ohne Klage alle weiblichen Pflichten erfüllen. Eine moderne Toleranz, es dürfe sich jemand von überall die Rosinen aus dem Kuchen suchen, gab es bei Naturvölkern nicht. Als aktuelles Beispiel ist erwähnenswert, daß im Iran, wo homosexuelle Umtriebe mit der Todesstrafe verfolgt werden, die Transsexualität nicht nur gestattet, sondern nach Thailand auch weltweit am meisten verbreitet ist. Die Mullahs gehen offenbar von der Ansicht aus, daß Transsexualität zwar den Betroffenen von der Fortpflanzung ausschließt, aber im übrigen die Gesellschaft der Geschlechter nicht stört oder durcheinanderbringt.
Ich komme zum Thema zurück und erhebe einen dritten Einwand wider die Begrifflichkeit: der Begriffsschöpfer hat eine Ideologie in seinen Neogrecolatinismus gepackt. Für Karl Maria Kertbeny zerfällt die Menschheit in »Homosexuelle« und »Heterosexuelle«. Hier ist unschwer zu erkennen, daß es dem Wortschöpfer auf die Gleichwertigkeit der Begriffe ankam, also letztlich eine Gleichstellung von Schwulenkultur mit Ehe und Familie. Wer also meint, die immer unverschämteren Forderungen der Schwulenlobby seien nachträgliche Auswüchse, der muß erkennen, daß das gesamte Programm schon in der Begrifflichkeit angelegt war. Insofern mag für die Ideologie der Eingang ihrer Wortschöpfung in offizielle Dokumente wie etwa das Strafgesetzbuch zwar von unbeabsichtigten Konsequenzen sein, muß aber als wesentlicher Schritt zur Definitionshoheit gewertet werden. Wer sich auf die Begrifflichkeit einläßt, ist schon recht tief im Netz des Schöpfers dieser Begrifflichkeit.
Zur Verschiedenheit von Mann und Frau gehört es, zumindest in Zeiten vor der massenhaften Verbreitung der Pille, daß sich die Frau im Sexus viel stärker der Konsequenzen für Familie und Generationenfolge bewußt ist und sich kaum Laxheiten im Umgang mit der Lust leisten kann. Der Mann meint sich das in viel größerem Umfange erlauben zu dürfen und in der tradierten Welt waren ja Berufsgruppen bekannt, für die geschlechtliche Lust in der Regel frei von persönlichen Konsequenzen blieb. Diese Ungleichheit der Geschlechter führt bei Männern zu der weitverbreiten Vorstellung, man würde ja gern viel mehr Frauen beglücken, wenn diese nicht so entsetzlich spröde wären. Allerdings zeigt uns die islamische Kultur, wo Polygamie in dem Rahmen erlaubt ist, wie der Mann die Frauen ernähren und unterhalten kann, daß von dieser Möglichkeit sehr viel weniger Gebrauch gemacht wird, als man nach den Inhalten von Männergesprächen am Biertisch vermuten sollte. Kurzum: die meiste Sexualität findet in der Phantasie statt, und dies ist auch gut so. Von den Theorien einer Menschwerdung aus dem Tierreich, deren Glaubwürdigkeit hier mal dahingestellt bleiben sollte, hat mich am ehesten der Ansatz überzeugt, das übergroße menschliche Gehirn habe sexuelle Ursachen.
Die sexuelle Phantasie – das ist nicht nur die Welt der Partner, Praktiken und Stellungen. Nur das Hirn eines äußerst dumpfen Charakters ist mit einem pornographischen Kino vergleichbar. Kultur hat mit Wahl und Geschmack zu tun, und die ganze Ästhetik basiert auf der Lust. Die Differenziertheit und damit Eigenheit steigert sich mit der Subtilität. Dabei kann es zu Brüchen kommen und der Gipfel der Subtilität in einer ausgesprochenen Grobheit bestehen. Aber auch die moralische Welt durchkreuzt die ästhetische. Lust an der guten Tat ist kein Widerspruch. Und wenn ein tüchtiger Mann, der sie und die Kinder gut ernähren wird, einer Frau als »schön« erscheint, ist dies keine Korrumpierung des ästhetischen Sinnes. Unsere Schönheitsvorstellungen sind immer Chiffren für Hoffnungen. Und die Hoffnung setzt nicht nur die Kirche der Liebe als Heilsweg zur Seite. Dazu kommt für die Kirche der Glaube, in die Welt der Liebe übertragen, heißt dies Treue. Kein Mensch denkt wirklich gering von der Treue, er betone auch noch so lautstark, er schätze die Unverbindlichkeit über alles. Gerade die Hilflosigkeit, die Menschenkinder so offensichtlich von beispielsweise neugeborenen Hunden unterscheidet, macht den Menschen »konservativ«, und dem Machtanspruch der Linken steht am stärksten der Umstand entgegen, daß es ihnen noch nicht gelang, die Schwangerschaft durch Maschinen zu ersetzen.
Treue ist immer in der Mutterzuwendung begründet und deshalb immer persönlich, nur einem personalen Gott kann man treu sein, nur einem Reich mit König, nur einer Partei mit Führer, nur einem ganz realen Mann oder einer ganz realen Frau. Man kann nicht etwa einem Geschlecht treu sein, weder dem eigenen, noch dem anderen. Weil Liebe immer die Lust der Wahl meint, nicht einer freien Wahl, aber einer unbedingten, stehen ihr immer Hoffnung und Treue zur Seite. Wenn Hoffnung und Treue zu Schreckgespenstern werden, ist die Liebe selbst ein Dämon.
Wenn der Mensch viele Dinge, die er nicht tut, träumt oder spielerisch in seiner Phantasie inszeniert, so macht er sich natürlich auch seine Gedanken, wie es wohl in der Wunsch- und Angstwelt anderer Menschen aussehen möge. Wenn nun Männer mit der romantischen Vorstellung von Lust ohne Pflichten, Spaß ohne Konsequenzen, Freiheit ohne Gebundenheit spielen, entwickeln sie oft den neidischen Aberglauben, anderen Menschen gelinge solches ganz vorzüglich, nur ihnen selbst fehle solch eine glückliche Hand. Der Einsicht, daß dies aus gutem Grunde und zu jedermanns Heil ausgeschlossen ist, neigt der schwache Charakter davonzulaufen. Der Kulturbruch, der mit der Verstädterung einsetzt, fußt genau auf diesen Schwächen. Da gibt es plötzlich Hoffnungen ohne Treue, Lust ohne Last, Gewinn ohne Opfer. Ich mag die mittelalterlichen Legenden so gern, welche die Verführungskünste des Teufels beschreiben. Mir erscheinen sie so unglaublich heutig. Nicht ohne Grund werden sie in der Romantik wieder entdeckt. Da wird dem Schlemihl angetragen, sich doch von etwas kaum Realen, zumindest Geringwertigem zu trennen und dafür die höchst realen Schätze der Welt zu bekommen. Bei Hauff wird dem armen Köhler erklärt, daß das mitleidige Herz doch nichts als eine Belastung sei und es die Klugheit gebiete, dasselbe in brauchbare Dinge einzutauschen.
Die Toren, die in die Falle tappen, stellen sich eine naheliegende Frage nicht, nämlich: warum wird gerade mir ein Angebot angetragen, das offensichtlich so vorteilhaft ist, daß es jeder mit Freuden annehmen würde? Und wenn sie sich die Frage stellen, geben sie eitle Antworten, etwa, weil andere Menschen so dumm, so ängstlich, kurz, so konservativ seien. Dies ist der Hochmut vor dem Fall. Denn in Wahrheit ist alles ganz anders, sie geben das Wertvollste, was der Mensch besitzt, seine Seele, seine Treue zur Mutter und damit seine Gottkindschaft, für einen wertlosen Plunder, ein Feuerwerk von Surrogaten, das Blendwerk des Teufels.
Nun behauptet die Ideologie der Homosexualität, es gebe bei den »Heterosexuellen« einfältige Leute und Leute von hoher Liebeskultur, und ebenso sei es auch am anderen Ufer. Wenn ein prominentes schwules Paar Eheähnlichkeit zelebriert, jubelt die ganze Szene. Leute, die derlei Dinge nur aus dem Fernsehn kennen, mögen sich täuschen, aber die Realität sieht anders aus. Im Grunde ist die ganze homosexuelle Szene eine Ansammlung von frustrierten Leuten. Der eine, eher unsichtbare Teil flüchtet in Grillen und allerlei Verschrobenheit. Der andere geht offensiv damit um. Man trifft sich in Lokalen, in denen im allgemeinen mindestens zwei Bildschirme mit pornographischen Filmen laufen. Dabei ist im allgemeinen einer der romantische: zwei oder mehrere Jungen, die gerade das legale Alter erreicht haben, entdecken schwärmerisch die Liebe. Auf dem anderen testen einige reifere Männer in einem Folterkeller die Grenzen der Belastbarkeit aus. Hier erscheinen zwei Welten, die letztlich eine Altersfrage scheinen. Neben den Bildschirmen verfügen besser eingerichtete Lokale über ein Andreaskreuz und Aufhängevorrichtungen, in denen man öffentlichen Beischlaf zelebrieren kann. Ebenso enge Labyrinthe, in denen Berührungen kaum zu vermeiden sind, Dunkelzonen und Wände mit einem Loch in der richtigen Höhe, damit man beim Sex den anderen nicht sehen muß. Kurz Hilfsmittel einer völlig entpersönlichten Sexualität. Und um die geht es auch meistens, man richte auch noch so grandiose Ikonen auf. Auch der Blick auf die Geschichte der Schwulenbewegung zeigt anschaulich, daß der Aktivismus nicht von Leuten ausging, die man als kultiviertes Alibi vor sich herträgt, sondern immer von Leuten, die Ausschweifung und Hedonismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Wie jede Revolution, so frißt auch die schwule ihre Kinder. Über Jahrzehnte war das skadalöseste proschwule Buch Hans Blühers »Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft«. Mittlerweile ist dieser Autor aus dem Kanon zugunsten von Magnus Hirschfeld verbannt und gilt den Gutmenschen als »Antisemit«. Wie kam es dazu?
Hans Blüher war am Steglitzer Gymnasium, als die Wandervogel-Bewegung ihren Ausgang nahm. Der Jugendführer Karl Fischer wurde für ihn das Urbild des »Männerhelden« in seinen Büchern. Offenbar war Fischer ein Organisator mit großem Charisma, der viele Knaben in seinen Bann zog. Den meisten wurde dabei nicht bewußt, daß Fischers Neigung zu jungen Männern Motiv seiner Energie und Unermüdlichkeit war. Da die Sache den Nerv der Zeit traf, verselbständigte sich diese, und es entstanden allerorten Wandervogel-Kreise. Ob diese sich nahezu immer, wie Blüher behauptet, um einen »Invertierten«, so Blühers Bezeichnung, bildeten, läßt sich nicht mehr nachprüfen, immerhin muß es häufig genug vorgekommen sein, denn es gab bald einen großen Skandal in der Presse und durchs Volk kursierte der Witz: »Die Wandervögel haben sich getrennt. Die eine Gruppe wandert nur noch.«
Blüher behauptet in seinem Buch, um den »Männerhelden« gruppiere sich die sogenannte »männliche Gesellschaft«, die den Kern aller Männerbünde darstelle. Er macht Männer, für welche die Familie kein Lebensmodell darstellt, als staatstragendes Motiv aus. Seine Theorie von einer mit Abstand vom Zentrum sich immer weiter verdünnenden Homoerotik als tragendes Prinzip des Männerbundes wurde freilich niemals ernsthaft wissenschaftlich diskutiert. Bis in die 60er Jahre wurde das Werk von 1912 außerordentlich gut verkauft. Der von Amerika ausgehenden sexuellen Revolution paßte Blüher jedoch gar nicht Konzept, weil sein Menschenbild strikt aristokratisch war und der Klientel der neuen Befreiung nicht schmeichelte. Personen, die Blüher als »gesunde Vollinvertierte« bezeichnet hätte, kamen in diesem Umfeld nicht vor. Es liegt nahe, daß ihn auf die Idee einer staatstragenden Rolle bestimmter Charaktere die seinerzeitige Diskussion um den »Liebenberger Kreis« gebracht hat. Dieser Kreis stand für eine Gruppe in der Umgebung des Kaisers Wilhelm II., denen Neigungen zum eigenen Geschlecht nachgesagt wurden. Was immer man von Blühers Buch hält, so muß man doch feststellen, daß er in Erscheinungen, die andere lediglich als Dekadenz-Phänomene abtun wollen, Konstruktives zu entdecken und das in diesem Aufsatz thematisierte Problem nicht liberal, sondern preußisch zu lösen suchte.
Blüher berichtet in seinen Memoiren von einem Treffen, zu dem er von Magnus Hirschfeld eingeladen wurde. Er sei in ein Schreckensszenarium geraten. Hirschfeld habe Mißbildungen und Monstrositäten versammelt und ein Panoptikum des Abartigen zusammengestellt. Wie glaubhaft dieser Bericht auch sein mag, als sicher darf angenommen sein, daß Blüher meinte, neben allen krankhaften Erscheinungen »geschlechtlicher Zwischenstufen« (Hirschfeld) und allen Arten von Unzucht gäbe es auch einen Typus des »gesunden Vollinvertierten«. Hirschfeld hingegen wollte mit der Anhäufung von Kuriosem und Abseitigem den Begriff des Gesunden überhaupt in Frage stellen und wie seine erfolgreicheren Erben als Norm abschaffen.
In Blühers Buch ist dem Philosophen Sokrates, den wir nur aus Platons Beschreibung kennen, breiter Raum gewidmet. Zu Platons Zeit erfreute sich die Knabenliebe in Athen so großer Beliebtheit, daß der Staat zur Sicherung der Geburten die erwachsenen Männer gesetzlich zur Ehe verpflichtete. Aus diesem Grunde amüsiert sich die Literatur seit 2000 Jahren über Sokrates' freudlose Ehefrau Xanthippe.
Athen war nicht wie Sparta ein Krieger-, sondern ein Händlerstaat. Wir dürfen uns also unter der Stadt durchaus das moderne oder mondäne Zentrum Griechenlands vorstellen. Gleichwohl ist es völlig verfehlt, zu behaupten, die vorchristliche Antike hätte sexuelle Libertinage im heutigen Sinne gepflegt. Pornographische Vasenmalerien, phallische Stelen und erotomane Kulte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß das gesellschaftliche Leben keineswegs regellos war und nicht beliebige Marotten des einzelnen duldete. Der Umgang älterer Herren mit jungen Athleten war zwar von einer Körperlichkeit, die nördlichere Kulturen als unkeusch empfunden hätten, aber er war keineswegs schrankenlos. Zum Beispiel war für einen freien Jüngling oder Mann der passive Analverkehr absolut tabu.
Platons Schrift »Das Gastmahl« verdankt sich der Begriff der Platonischen Liebe. Selten ist ein Begriff stärker entstellt und mißdeutet worden. Im Gastmahl beklagt sich der junge und allgemein als Schönheit bekannte Feldherr Alkibiades, er sei zu dem Weisen Sokrates ins Bett geschlüpft und habe am Morgen noch so dagelegen wie er sich am Abend hingelegt habe. Sokrates belehrt ihn, daß die höhere Form der Liebe keine körperliche Lust nötig habe. Aus dieser Szene macht nun der moderne Bildungsverhunzer ein Schlagwort, um seine Freundschaften zu beschreiben, bei denen der Freund (oder auch die Freundin) keinen körperlichen Reiz auf ihn ausübt. Etwas lapidar formuliert, die Freunde, die zwar interessant, aber häßlich seien. Das ist aber bei Platon nicht gemeint. Sokrates bestreitet nicht, daß er Alkibiades begehrt, aber er entsagt der Lust für ein Bildungsideal.
Sokrates wurde schließlich als Verderber der Jugend zum Tode verurteilt und gilt deshalb als Märtyrer der freien Liebe. Diese Ansicht ist naiv. Sokrates verkehrte mit Politikern und Feldherren. In diesem Milieu wird man nicht wegen Sittenwidrigkeit getötet. Sein Tod hatte natürlich politische Gründe. Die Einzelheiten dazu sind nicht überliefert, aber die Gewohnheit des Sokrates, jungen Männern eine völlig neue Art des Denkens beizubringen, wird ihm nicht nur Freunde gemacht haben. Die Athener hatten in religiösen Dingen eine große Liberalität und der Rahmen der Schicklichkeit war groß. Es war durchaus erlaubt, an diesem oder jenem Gott lächerliche Seiten zu entdecken. Sokrates' Mythenkritik ist jedoch von einer völlig neuen Qualität. Hinzu kommt seine Methode: das voraussetzungslose Fragen. Ich weiß, daß ich nichts weiß, ist die zentrale These. Vom Nichts-Wissen zum Nichts-Glauben ist es jedoch nicht weit, da gähnt der Abgrund der Anarchie. Sokrates hat die Machtfrage gestellt.
Es wird überliefert, Sokrates hätte nach dem Urteil die Möglichkeit zur Flucht gehabt, diese aber verschmäht und den Schierlingsbecher genommen. Dies macht ihn zu einem Heiligen der Vernunft-Gläubigen. Mir erscheinen freilich andere Motive für dieses Sich-drein-Schicken plausibler als der Glaube an die überpersönliche Wahrheit der Philosophie. Sokrates war nicht mehr der jüngste und er hatte sich an ein Leben als Flaneur gewöhnt. In seiner Heimatstadt war er eine Autorität und ein begehrter Gesprächspartner, der in der Oberschicht gehätschelt wurde. Als Flüchtling hätte er nur das nackte Leben retten können, ohne Status und Wohlstand, dafür mit den Sorgen des Alters und der fehlenden Verwandtschaft. Er hat sich für den Tod entschieden.
Gern wird von Freigeistern Sokrates' Schierlingstrank dem angeblich würdelosen Kreuzestod des Jesus von Nazareth gegenübergestellt. Furcht und Zittern des Sokrates' hätte Platon in seiner Apologie gewiß verschwiegen, aber die Evangelien berichten mit ergreifender Deutlichkeit von dem Wunsch des Heilands, der Krug möge an ihm vorübergehen. Er ist gewiß nicht lebensmüde, wie es bei Sokrates durchaus angenommen werden kann. Das entscheidende ist aber etwas anderes: wenn Jesus sein Kreuz auf sich nimmt, dann nicht etwa, weil er meinte, damit ein Zeichen zu setzen, die Kirche zu stiften oder was auch immer, sondern er handelt aus Gehorsam gegenüber dem Vater.
Die trefflichste Unterscheidung zwischen »links« und »rechts« erscheint mir immer der höchste unterschiedliche Glaube, hier an den Bruder, dort an den Vater. Der Bruder ist der Gleiche oder der vermeintlich Gleiche. Der Vater ist die Autorität. Zudem ist das Vater-Sohn-Verhältnis eines der Generationen und ein Schlüssel für das ewige Muster der Identität im Verschiedenen. Zwischen Vater und Sohn steht die Mutter. Die Schwester steht niemals zwischen den Brüdern, sondern immer daneben. An dieser Konstellation sehen wir deutlich daß die rechte Weltsicht der Ordnung der Natur folgt, während die linke dieselbe aufzuheben trachtet.
Leute, die als betont homosexuell in Erscheinung treten, haben meist ein linkes Weltbild. Kinder haben sie keine und zum Vater meist ein gebrochenes Verhältnis. Ihre Gemeinde besteht aus Brüdern. Das wird schon bei Sokrates so gewesen sein, obwohl der natürlich ganz genau wußte, was er seinen Brüdern voraus hatte. Das Beispiel Ernst Röhm wird gern benutzt, um den über- oder gar metapolitischen Charakter der Neigung zu betonen. Aber gerade dieses Beispiel ist wenig stichhaltig. Hitlers Weg zur Macht war ja gerade die Verbindung von linkem und rechtem Denken, daß »Nationalsozialismus« ein reiner Propagandabegriff gewesen sei, wurde erst nach 1945 behauptet. Die SA um Röhm wollte eine zweite Revolution und war damit zweifellos eine Linksopposition. Auch Röhm ist über seinen Griff nach der Macht gestürzt und nicht wegen seiner Orientierung. Seine Neigungen dürften Hitler schon 1923 bekannt gewesen sein.
Als die bekannteste »Schwulenverfolgung« des Mittelalters gilt der Untergang des Templerordens. Die Homosexualität, die den Kriegern in einem, allerdings sehr prächtigen, Mönchsgewand nachgesagt wurde, war dort sicher verbreitet. Es ist jedoch politisch naiv, zu vermuteten, sie sei der tatsächliche Grund der Verfolgung gewesen und nicht lediglich Teil der Propaganda, die Gestürzten im Volk herabzusetzen. Die Templer waren ein bewaffneter Staat im Staat und verwalteten Sie die Finanzen der französischen Krone. Diese Macht war dem König ein Dorn im Auge. Nach der Anklage folgte eine Prozeßlawine in ganz Europa. Während aber in Frankreich alle Prozesse mit Schuldspruch und Todesurteil endeten, gab es in Italien nur wenige Schuldsprüche, in Deutschland und England wurde fast immer auf Freispruch erkannt. Wäre es tatsächlich um Sexualpraktiken gegangen, wären diese Differenzen kaum erklärlich, denn die Moralvorstellungen und Strafgesetze unterschieden sich kaum.
Überhaupt wurden Männerbünde dieser Art schon in der Antike als mögliche Verschwörer verdächtigt, beobachtet und zuzeiten verfolgt. Also häufig bestand die Befürchtung zu Recht. Man weiß auch, daß die Gebrüder Stauffenberg ihrem Idol Stefan George huldigten, der, wobei seine platonische Zurückhaltung nicht infrage gestellt sei, doch der männlichen Jugend außerordentlich zugetan war. Es besteht jedenfalls ein Zusammenhang zwischen Erotik unter Männern und einem politischen Gewaltpotential. Auch der homosexuelle Einzelgänger hat oft große politische Ambitionen. Daß Thomas Mann sein Vaterland und die ganze abendländische Kultur verriet, hat durchaus nicht wenig mit Gustav Aschenbach und seiner todesseligen Knabenliebe zu tun. Bei Thomas Mann lernen wir auch, daß man ein literarisches Genie wird, wenn man die eigene Familie nach Kräften mit Dreck bewirft. Bester Beweis für seine These, daß die Deutsche seit Luthers Zeiten unverbesserliche Nazis seien, ist freilich der Umstand, daß die Deutschen ihn, den großen Emigranten Thomas Mann, nach 1945 gar nicht wiederhaben wollten. Nur wird das heute freilich alles so dargestellt, als mißgönnten die Machthaber ihren Untertanen ein bißchen Spaß im Bett.
 
II
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, sagt das Sprichwort. In der Tat läßt sich wissenschaftlich nachweisen, daß die Geistesleistung bei Kindern und Jugendlichen besonders hoch ist, im Erwachsenenalter bei den meisten Menschen absinkt und sich nur bei wenigen bis zur Vergreisung relativ konstant hält. Im ersten Lebensjahrsiebent gestaltet sich die Bildung relativ selbsttätig, das Kind erlernt Sprache um Umgangsformen, es lernt sich durchzusetzen und die Dinge zu begreifen, die sein Leben berühren. Wesentlich sind in diesem Alter vor allem moralische Werte, die durch Vorbilder geschaffen werden. Im zweiten Jahrsiebent bricht in Schüben die Sexualität herein, um im dritten oft zum Dauerproblem zu werden. Dieses Zusammentreffen von starker Sexualität und hoher Geistesleistung berührt sich mit dem weiter oben vermuteten entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang. Nun ist aber der Mensch ein Wesen, das in Jahrtausenden seinen animalischen Kern in eine Kultur eingebettet hat, die man allgemein als ein Streben nach Dauerhaftigkeit beschreiben kann. Für spätere Früchte wird auf unmittelbaren Lustgewinn verzichtet. Schon Kinder lernen, daß sich die Vorausschau lohnt. Aber die Sexualität ist eine so große Naturkraft, daß es die Gesellschaft seit unvordenklichen Zeiten für notwendig gehalten hat, mit überindividuellen Vorkehrungen dafür zu sorgen, daß die kurze Lust nicht lange Reue nach sich zieht.
In hierarchischen Gesellschaften behandelt man die Jugendlichen höchst ungleich. Bei jenen, die gesellschaftlich ganz unten stehen, den Knechten (einer sozialen Gruppe, der die Moderne nahezu sämtliche Menschen zuordnen will), wird die Sexualität in keiner Weise gebremst. Sie sollen gerade im Jugendalter für Nachwuchs sorgen, denn eine Frau wird umso mehr Kinder bekommen, je früher sie damit anfängt. Bei den Bauern und im Adel stellte man frühzeitig ein geeignetes Paar zusammen, um nicht nur für Nachwuchs, sondern auch für eine legitime Erbfolge zu sorgen. Anders beim Bürgertum. Hier wurde zumindest versucht, die Sexualität bis zum zwanzigsten Lebensjahre auszuschalten, oft noch viel länger.
Diese Unterdrückung der Sexualität wird in der Moderne als Schändlichkeit gepönt, als Kronzeugen dienen dabei Romane aus der Industrialisierungszeit, in denen eine unerträgliche Spannung in Knabeninternaten geschildert wird. Oft wird in diesen Werken auch der Eindruck erweckt, die Unterbindung der gesunden Sexualität führe zur krankhaften und verderblichen. Die Geschichte spricht aber eine andere Sprache. Ob in der Literatur, der Musik, der Malerei – nirgendwo kann sich die Welt nach dem ersten Weltkriege mit der Zeit davor messen. Aber nicht nur in der Kunst, auch in den Wissenschaften erlebte das christliche Abendland eine Blüte, der ein großer Niedergang folgte.
Die organische Welt unterscheidet sich von der anorganischen dadurch, daß sie Dauer nur durch fortwährende Erneuerung kennt. Jeder Muskel muß trainiert werden. Nicht anders ist es mit dem Gehirn. Die Geistesleistung hat zwei Pole: die Auffassungsgabe und das Gedächtnis. Beide können nur miteinander funktionieren. Ohne die Fähigkeit, Fakten zu gewichten, synthetisch und antithetisch zu verbinden, ist alles Faktenwissen nutzlos. Ebenso erschöpfen sich strukturelle Fähigkeiten ohne angemessenen Inhalt im leeren Spiel. Ich las vor einiger Zeit die zutreffende, wenn auch dort abwertend gemeinte, Einschätzung, die besondere Schulung des Gedächtnisses sei das Kennzeichen reaktionärer Pädagogik. Richtig ist, daß linke Pädagogik auf Spannung und Kritik setzt und von wenigen, dafür umso markanteren, Ausnahmen abgesehen, alles zu hinterfragen lehrt. Man könnte auch zuspitzen: alles zu verdächtigen. In der Konsequenz ist dies eine Dynamisierung, die zum Leerlauf wird oder um wenige klischeehafte Fakten kreist. Die Schulung des Gedächtnisses ist die Basis für ein langes Leben, dessen Gipfel einmal mit Weisheit bezeichnet wurde. Heute haben wir nicht mehr den Weisen, sondern den Intellektuellen, der im Volke nicht ganz zu Unrecht oft den Ruf des Spitzfindigen, Überspannten, Selbstbezogenen hat.
Im Gegensatz zur Auffassung, die viel von dem Spieltrieb profitieren kann, ist für die Schulung des Gedächtnisses Kontinuität erforderlich. Eine solche Pädagogik kann keine Konkurrenten brauchen. Folglich ist es natürlich, daß gerade die »reaktionäre« Pädagogik ein Problem mit der Jugendsexualität hat. Für ein höheres Bildungsniveau ist nicht nur eine Trennung der Geschlechter nötig, sondern geradezu eine Absperrung.
Nun wird behauptet, solche Knabeninternate seien Brutstätten der Homosexualität. Dem ist zu widersprechen, sie sind es genauso wenig wie Gefängnisse und Schiffe. Sicher findet in reinen Männergemeinschaften hie und da Unzucht statt. Aber diese ist recht folgenlos, weil ihr jegliche Kultur fehlt. Kein Werben, kein Zukunftsplanen, keine Vernachlässigung anderer Dinge für das erotische Ziel. Die wenigen Homosexuellen, die Knastromantik für bare Münze nahmen, wurden bitter enttäuscht. Ihr Fazit: dort laufe zwar einiges, aber auf unterstem Niveau. Diese Art von Unzucht bleibt immer Notzucht. Ihr fehlt alle Raffinesse einer Subkultur, die zeigen will, daß sie höhere Lustgewinne erzielen kann als die Verbindung von Mann und Frau. Und weil der Sex in Strafanstalten so dumpf und phantasielos ist, bleibt er auch ohne Konsequenzen für den Sträfling nach seiner Entlassung.
In den Knabeninternaten, wo Sex verpönt ist, aber nur milde bestraft wird, kommen noch weitere entlastende Momente hinzu. Da das Interesse an höherer Bildung allgemein ist, ist auch die Hierarchie von der geistigen Leistung bestimmt. Niemand wird wegen irgendwelcher amurösen Abenteuer in seinem Leistungsstreben gehemmt. Das Leistungsstreben zielt aber auf einen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft. Dieser Platz heißt Ehe und Familie. In den Internaten werden keine Gegenentwürfe entwickelt. Deshalb bleiben gelegentliche Spielereien ohne Folgen.
Natürlich gibt es neben den Männern, die solche Ersatzhandlungen treiben, auch jene, die Blüher als Vollinvertierte bezeichnet und die lebenslang keine Neigung zur Frau empfinden und für die Ehe und Familie undiskutabel sind. Die Ursachenfrage stellt sich bei dieser unter Normalbedingungen sehr kleinen Gruppe ganz anders als bei denen, die erst unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen »auf den Geschmack kommen«. Die Ursachenfrage führt rasch zu dem hochpolitischen: angeboren oder erworben? Im Materialismus unserer Zeit kann »angeboren« nur genetisch determiniert bedeuten, allenfalls stehen noch Einflüsse während der Schwangerschaft im Blick. Der Versuch, ein komplexes Verhaltensschema, daß überdies gesellschaftlich definiert ist, molekular zu verifizieren, erscheint geradezu lächerlich. Da ist ja selbst die astrologische Weltsicht realitätsgerechter, die ja immerhin neben der Zeit noch den Ort als maßgeblich für das Schicksal auffaßt.
Der Ansatz einer erworbenen Neigung, wird allgemein unter dem Schlagwort »Verführungstheorie« zusammengefaßt. Sie gilt heute als gänzlich überholt, aus dem einzigen Grunde, weil sie von der Schwulenbewegung unisono abgelehnt wird. Zunächst in der Absicht, keine strafrechliche Verantwortung zuzulassen. Aber auch unabhängig von solchen Befürchtungen schmeichelt es nun mal einem Erwachsenen wenig, wenn die Ansicht besteht, er sei durch ein für ihn zufälliges Erlebnis zu seiner lebenslangen Praxis gekommen. Da sind ihm die Gene doch lieber.
Die Verführungstheorie ist nicht so abseitig, wie oft wiederholt wird. Wunsch und Erregung haben sehr viel mit inneren Bildern zu tun, mit Konstanten, die wir nicht hinterfragen wollen, aber die doch einen konkreten Eingang in unser Leben gefunden haben. Erlebnisse in der Jugend können eine große Prägekraft entfalten. Gerade in diesem Alter ist die Sexualität heftig, das Schmachten tyrannisch und die Entladung gewaltig. Ausschlaggebend für eine Prägung ist aber nicht das Erlebnis als solches, sondern die Gestimmtheit, die Bereitschaft, sich einen Stempel aufdrücken zu lassen. Gilt es als harmlos, schwul zu sein, dagegen als schimpflich, sein Coming Out nicht absolviert zu haben, wird mancher ein Erlebnis für etwas nehmen, was es gar nicht hätte sein müssen. Die Verführungstheorie lassen übrigens am ehesten Prostituierte gelten, etwa nach dem Motto, man brauche Geld und es würde dann doch etwas an einem hängen bleiben.
Die besten Erfahrungen hat man dort gemacht, wo eine milde Unterdrückung bestand. Jene, die meinen, nicht anders zu können, mußten ein schlechtes Gewissen kompensieren, was mitunter sehr große Leistungen hervorbrachte. Für alle anderen war die verpönte Lebensweise kein Modell. Man muß je auch berücksichtigen, daß unter vormodernen Bedingungen Mann und Frau sehr stark aufeinander angewiesen waren und es der übergroßen Bevölkerungsmehrheit schon wirtschaftlich völlig unmöglich gewesen wäre, auf einen Hausstand zu verzichten. Auch die Versorgung der Alten war früher keine Sache des Staates, sondern der Familie.
Aus dem Gesagten wird deutlich, daß die Lust des Sokrates unter vormodernen Bedingungen kein Problem darstellen kann. Wenn sie in den letzten Jahrzehnten einen immer größeren Raum im öffentlichen Bewußtsein einnimmt, aus einigen Großstädten und natürlich aus der kompletten Medienbranche überhaupt nicht mehr wegzudenken ist, so steckt dahinter eine Ideologie, die dieses Phänomen für ihr Zerstörungswerk nutzt.
Um das ganze Ausmaß dieser Ideologie, ihrer Absichten und Beweggründe, zu erfassen, darf man die Homosexualität nicht isoliert betrachten. Das Projekt der Moderne ist die klassen- und völkerlose Weltgesellschaft. Allen tradierten Werten, Schranken, Tabus wird mit diesem Ziele ein Zweifrontenkrieg aufgezwungen. Eine Front stellen korrumpierte Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien, die andere Front eine sich stetig vermehrende Unterschicht, die auf staatliche Unterhaltszahlungen angewiesen ist und ihr Weltbild aus den Medien bezieht. Also Verräter und Knechte. Die zunehmende Unmündigkeit, die ja vor allem daher resultiert, daß man sich und die seinen nicht mehr aus eigener Kraft ernähren kann, wird durch ein Unterhaltungsprogramm kompensiert, daß aus sich selbst den Mythos kreiert, es sei die Pflicht des Staates, die Langeweile zu vertreiben und die Leute bei Laune zu halten. Wäre dies in der Tat die erste Pflicht des Staates, so müßten wir unsern als einen der besten feiern. Unterhaltung gelingt natürlich am besten, wenn man den Leuten beibringt, wie sie sich zu unterhalten hätten. Das niedrigste Niveau ist ein Garant für höchste Einschaltquoten.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Unterhaltungsmarotte ist die Lehre, die Sexualität sei nicht für die Folge der Generationen, für die Erneuerung des Lebens, den Aufstieg von Völkern und Kulturen und für die Polarität der Geschlechter als einander bedingende Gegensätze in Geist und Leben da, sondern zu Kurzweil und Selbstverwirklichung eines jeglicher Bildungen befreiten Individuums. Die erste Voraussetzung dieser Neubewertung war die preiswerte Omnipräsenz von Schwangerschafts-Verhütungsmitteln. Auf diese Weise konnte breitetsten Schichten deutlich gemacht werden, daß Fortpflanzung und Sexualität doch nur bei den Leuten zusammengehören, die für die Segnungen der modernen Technik einfach zu blöd sind. Im nächsten Schritt wurde die Fötusabtreibung legalisiert und sogar die Kosten für diese Behandlung der Allgemeinheit aufgehalst. Es könne einfach nicht sein, daß es beim verbrieften Recht auf Lust und sexuelle Selbstbestimmung ein Restrisiko gäbe.
Die sexuelle Revolution erfüllte jedoch die großen Erwartungen nicht. Ob Partnertausch oder Gruppensex, ob legale oder illegale Drogen, es blieb dabei, daß sich über kurz oder lange wieder die Langeweile einstellte, die man doch so wirksam zu bekämpfen versprach. Also wurde eine neue Runde der Liberalisierung nötig. Mit dem Namen Beate Uhse verbindet sich eine ganze Industrie. Die Pornographie kam von den Schmuddelgassen in die großen Geschäftsstraßen. Die Videokassette, der Computer und zuletzt das weltweite Netz der Elektronenrechner wurden von der Gier nach bewegten Bildern finanziert. Virtueller Sex wird als frei vom Ansteckungsrisiko gefeiert. Kannte man früher die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr und Notarzt, so wußte nun bald jeder, mit welchen Nummern man sich, genügend Kleingeld vorausgesetzt, stundenlang von Nymphomaninnen akustisch verwöhnen lassen kann. Die meisten pornographischen Läden nahmen bald auch zusätzlich Sexspielzeug ins Programm, mit dem sich neue Lustzentren entdecken ließen. Da gibt es Gurte mit drei Nachbildungen des männlichen Gliedes, die von Frauen zu tragen sind, zwei Glieder sind nach innen zur vaginalen und analen Selbstbefriedigung, mit dem dritten, größten kann der Mann anal befriedigt werden. Das Sortiment reicht von übers Internet steuerbaren Beischlafautomaten bis zum Andreaskreuz. Hightech grüßt die Steinzeit.
Nachdem man nun die Sexualität vom Kinderkriegen getrennt hatte, die Rollenverteilung der Geschlechter aufbrach und nach neuen Lustzentren suchte, war es nicht besonders verwunderlich, daß auch die Homosexualität in neuem Lichte erschien. Ja, sie eignete sich nicht nur als Garant, nicht in archaische Vorstellung von Generationenverantwortung zurückzufallen, sie bot auch eine Konsumentengruppe von extremer Sprunghaftigkeit und Risikofreudigkeit. In den frühen achtziger Jahren sprach in der Thüringer Provinz noch das ganze Dorf davon, weil sich ein Westberliner mit Ohrring gezeigt hatte. Nicht nur daß die Schwulen Trendsetter wurden, der Wechsel der Moden beschleunigte sich enorm und immer mehr Moden gerieten in den Status sexueller Fetische. Das besondere Konstrukt dieser Stufe ist die sogenannte homosexuelle Identität. Auch wenn Nachrufe in Zeitungen, ein »beispielhafter schwuler Lebenslauf« habe sein Ende gefunden, immer noch die Ausnahme sind, fing eine immer größere Zahl von Leuten in den Großstädten an, eine sogenannte Subkultur aufzubauen und sich durch dieselbe zu definieren.
Das Vorbild dafür ist San Francisco in Kalifornien, wo man nicht nur zum schwulen Friseur und zum schwulen Popsänger geht, sondern auch seine Brötchen beim schwulen Bäcker kauft. Sage einer, dies habe keine politische Relevanz. In einer fast ausschließlich schwulen Gesellschaft wie in Bezirken jener Stadt wird der Konformitätsdruck in einer Weise gesteigert, daß uns Robbespiere als Waisenknabe erscheinen will. Da muß man sich tätowieren lassen und dies nach ein paar Jahren wieder entfernen lassen, weil es inzwischen uncool geworden ist. Da ist man natürlich intimgepierct. Tabak ist out, Dope ist in. Oder besser noch Chems. Und vor allem wird man nicht müde zu betonen, man kenne seinen Marktwert und im übrigen keine Tabus.
Keine Tabus, das meint die Welt der Perversionen, und damit bin ich bei der vierten Stufe der sexuellen Befreiung. Vorher möchte ich aber noch auf das Kunststück eingehen, das mit den Demonstrationen und Liebesparaden gelungen ist. Da wird zunächst gegen eine Verfolgung protestiert, die es zumindest für die meisten der Selbstdarsteller niemals gab. Aber dies ist ja nur der Anlaß zu einer großen Feier. Was feiert man eigentlich? Man feiert, daß man »anders« ist. Anders, das kann vielerlei bedeuten, etwa daß man Latexfetischist, lederschwul oder Tunte, lesbisch, Mann-zu-Frau-transsexuell oder umgekehrt ist, aber auch bisexuell, oder einfach eine Hexe, ein Clown, ein Sammelsurium von Eitelkeiten ist. Es ist ein geradezu geniales politisches Kunststück, lauter tief verfeindete Gruppen mit dem Feindbild der Normalität vereinigt zu haben, und dies in einem Geschrei, das dem letzten Ignoranten beweist, daß wir nicht mehr in der Welt der tradierten Familie leben.
Denn dies ist die Aufgabe der großzügig alimentierten Umzüge: den Beweis antreten, daß nur noch ewig Gestrige bzw. kahlgeschorene Dumpfbacken an einem Menschenbild festhalten, das nicht von Alice Schwarzer oder Calvin-Klein-Unterhosen geprägt ist. An dieser Stelle erlaube ich mir auch die äußerst ketzerische Vermutung, daß die Zunahme von Ausnahmeerscheinungen etwas mit rassischen Veränderungen in Mitteleuropa zu tun habe. Bilder, daß Jungen und Männer aufwendige Frisuren und Schmuck tragen, sind noch verhältnismäßig jung. Im Westen kam dies erst in den siebziger Jahren auf, in Mitteldeutschland erst nach dem Fall der Mauer. Was aber schon vorher geschah, war das Verschwinden eines Frauentypus, der in den Spielfilmen bis 1945 als Schönheitsideal gefeiert wurde. Nun sind Spielfilme ja nicht repräsentativ, das Aussehen beliebter Schauspieler sagt wenig über das Aussehen der Leute im Volk. Im vorigen Jahr sah ich jedoch einen Amateur-Dokumentarfilm von 1938 über das letzte Brunnenfest in meiner Heimatstadt vor dem Krieg. Gerade weil der unbekannte Produzent keinerlei propagandistischen Zweck verfolgte, ist ihm eine kaum zu überbietende Propaganda gelungen. Für das Thema hier interessieren mich nur die jungen Mädchen, die auf dem Marktplatz tanzten. Solche Mädchen gab es in den siebziger Jahren in Mitteldeutschland nicht mehr. Bei älteren Frauen konnte man erkennen, daß sie früher so ausgesehen hatten. Aber hier war offenbar ein früher nicht seltener Typus geradezu ausgestorben. Das hat nichts mit Kleidung oder Kosmetik zu tun, Dinge, die unter realsozialistischen Bedingen eher untergeordnet waren. Eine Erklärung für diesen seltsamen Umstand habe ich nicht, aber ich möchte ihn doch einmal ausgesprochen haben.
Nach der Homosexualisierung kommen aber noch weitere Stufen der sexuellen Umerziehung. Wenn ich hier von Perversion spreche, so meine ich damit die Neigung zu Urin und Exkrementen, vor allem aber sadistischer Gewalt und masochistischer Unterwerfung. Es ist unmöglich, alle Spielchen von Wachs- und Elektrobehandlung, Stiefelleckereien und anonymer Massenbegattung im Dunkelraum oder mit Masken aufzuzählen. Der Sadomasochismus ist ein theoretisch interessantes Phänomen, das mittlerweile neigungsübergreifend noch weit häufiger als die Homosexualität zu sein scheint. In einer Gesellschaft, wo alle Brüder sind, es angeblich weder Hirt noch Herde gibt, sehnen sich die Leute nach unbedingter Macht und unbedingtem Gehorsam. Allerdings scheinbar. Wer vergewaltigt zu werden wünscht, bleibt Regisseur in dem Spiel, zumindest im ersten Akt. Es muß nach einem Muster laufen. Woher kommt dieses Muster? Nun sage bitte keiner, es käme von Demütigungen im Dritten Reich. Dafür sind die Leute zu jung.
Der Sadomasochismus koppelt den Sexus nicht nur von Hoffnung und Treue ab, dies haben die vorigen Stufen bereits erreicht, er streicht auch endgültig die Liebe durch. An ihre Stelle tritt eine reine Negativität, die übrigens auch schon der kleinste gemeinsame Nenner der Liebesparade war. Wenn die Negation keine gesellschaftlichen Tabus mehr zur Übertretung vorfindet, muß sie sich schließlich gegen die biologische Substanz wenden. Folterinstrumente, bei derem bloßen Zeigen im Mittelalter hartgesottene Verbrecher ein Geständnis ablegten, werden nun vom Delinquenten selbst für teures Geld angeschafft. De Sade hat in seinen Werken unmißverständlich klargemacht, daß die luziferische Übertretungs- und Verneinungssucht erst im Lustmord ihr Ziel findet. Das Objekt der Begierde wird dann nicht mehr künftiger Langeweile überlassen, sondern zerstört. Im allgemeinen gehen die modernen Jünger de Sades nicht so weit. Oft ist in Anzeigen zu lesen, daß bleibende körperliche Schäden das einzige Tabu seien.
Vor einiger Zeit ging ein grauslicher Fall durch die Medien. Ein Kannibale hatte sein williges Opfer, ebenfalls einen Mann, über das Netz gefunden. Der Kanibale verspeiste im Augesicht des Opfers dessen Geschlechtsteil. Danach schlachtete er es, und verspeiste es nahezu vollständig über einen längeren Zeitraum. Er ließ nichts verkommen und war sich keiner Schuld bewußt, da er ja mit ausdrücklicher Einwilligung des Opfers gehandelt habe, das nun eine besonders innige Vereinigung mit ihm eingegangen sei.
Was Fernsehen und Zeitungen nach den polizeilichen Ermittlungen und der Verhaftung des Kannibalen berichteten, war der Gipfel der Heuchelei. Niemand wollte Parallelen zur »einverständlichen« Sexualität sehen, die doch sonst als so hohe Errungenschaft gepriesen wird. Einigen Dichtern unserer Tage ist solche Heuchelei allerdings fremd, einer meint, der ästhetische Betrachter sähe »die tote Geliebte mit weißen Lilien geschmückt auf Meereswogen schreiten«, was zwar völlig dem moralischen Handeln widerspräche. Man dürfe aber über die beiden Welten – das Leben, die Kunst – kein Werturteil fällen, denn zwischen beiden wandere »die Sehnsucht ewig hin und her«. Es überrascht nicht, daß der Autor gleich im nächsten Absatz auf die »Homosexualität« zu sprechen kommt. Die sei die »rein ästhetische Form der Liebe«. Also eine Liebe zum Tode. Er wird auch nicht müde zu betonen, daß die Vollendung der mann-männlichen Liebe im gemeinsamen Freitode läge.
Über die Natur der Liebe stritt man wohl nicht erst beim sagenhaften Sängerkrieg auf der Wartburg, sondern vermutlich schon in der Steinzeit. Der Gedanke einer Vollendung im jugendlichen Tode erscheint mir sehr modern, und es ist wohl kein Zufall, daß dieser Träumer seine Liebesvisionen nicht lebt, sondern kunstvoll in Verse verpackt.
Nachdem Sex mit wechselnden Partnern, Zuschaun beim Sex, Sex mit Technik und Fetischen, Sex mit jedem Geschlecht und Sex mit Gewalt liberalisiert wurden, fehlten eigentlich nur noch zwei Dinge, der gegen Geld und der mit Minderjährigen. Beim ersten wurde im letzten Jahrzehnt ein großer Schritt vollzogen. Prostitution gab es immer, aber bis vor wenigen Jahren war die Zuhälterei verboten und es galt als Minimum an Seriösität, Werbung für kommerziellen Sex keinen Vorschub zu leisten. Das hat sich gründlich geändert. Wer als Gymnasiast zu wenig Taschengeld von den Eltern bekommt, geht für unumgängliche Anschaffungen oder hohe Handyrechnungen auf den Strich. Solange dies nicht hauptberuflich geschieht, ist das überhaupt kein Thema. Das Internet bringt es mit sich, daß man sich nicht mehr im Sperrbezirk herumtreiben und kostbare Zeit vertrödeln muß. Man kann Vorkasse per Paypal verlangen und stellt sich ohne Risiko zum Termin ein, worauf man dann einen Eintrag ins virtuelle Gästebuch bekommt, der neue Klientel anlockt. Um es zusammenzufassen: Mammon kommt auf der ganzen Linie zum Vorschein, und da hätten wir den Gott auch der sexuellen Libertinage. Wenn nämlich das Tabu der Minderjährigkeit noch nicht gefallen ist, dann einfach nur deswegen, weil Kinder kein Geld haben. Sonst hätten sie natürlich auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.
Es geht ums Geld. Und nicht nur um das der Nutten und der Stricher. Nicht nur um Pornokinos und Sexspielzeug. Es geht um den Konsumidioten. Dieser ist ein Mensch ohne jede Identität, er kennt kein Volk und kein Rasse, er kennt kein Geschlecht, er kennt keine Sitte und keine Verpflichtung. Er glaubt an die Lust, die käufliche Lust, und er ist täglich, ja stündlich neu programmierbar, er hegt die konträrsten Wünsche und Neigungen, immer im Wechsel, immer in der Gier auf Neues, immer in der tödlichen Furcht vor der Langeweile. Denn Langeweile ist das Eingeständnis, daß er eine völlig nutzlose Kreatur ist, nicht wert, die Luft zu atmen, die Sonnenstrahlen zu spüren. Er gleicht nicht dem Tier, denn das Tier befolgt sein biologisches Gesetz. Der Mensch kann sein biologisches Gesetz nur befolgen, wenn er sein kulturelles Gesetz befolgt. Dies meint, daß er sich am Ewigen, am Göttlichen orientiert, von dem ihm ein Abglanz in die Seele gegeben ist. Der Konsumidiot verstößt gegen das kulturelle und das biologische Gesetz. Millionen dieser Spezies werden aussterben. Das Kapital, das den kollektiven Selbstmord inszeniert, wird ihn ungerührt anschauen. Es nennt dies Marktbereinigung.