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  Uwe Lammla

Erlkönig

Ballade und Mythos

I

Wenn man im Harz den gewaltigen Fußabdruck der Roßtrappe betrachtet, in dem die Wissenschaft Verwitterungsreste eines germanischen Opferbeckens vermutet, wird man mit der Sage, die da erzählt wird, nicht froh. Eine Königstochter soll vor einem Riesen geflohen sein, und ihr Pferd überwand in einem gewaltigen Sprung das Bodetal. Warum das Pferd der Prinzessin einen so gewaltigen Abdruck hinterlassen haben soll, wäre allenfalls begreiflich, wenn sie selber eine Riesin gewesen wäre und ihr Pferd dementsprechend. Davon ist jedoch keine Rede. Die Prinzessin ist eine brave Christin, und der Riese ein schrecklicher Heide. Und der Abdruck stammt selbstverständlich von der glücklichen Flucht und nicht etwa von dem Verfolger.
Man ist versucht, den Abdruck anders zu deuten, gern als Huf, aber dann doch als Huf eines Riesenpferdes mit angemessenem Reiter. Rasch kommt man auf Odin, von immer wieder gesagt wird, daß er durch die Lande unterwegs ist, und von dessen Mähre der Schmied Oluf auf Helgoland eine gewaltige Hufeisengröße berichtet. Dies trifft sich auch mit dem vermuteten Opferbecken. Denn das Opfer ist der Königsweg, die Nähe zu den Göttern zu suchen.
Solche Umdeutungen fallen einem ganz unwillkürlich ein, wenn man im deutschen Land abseits der Autobahnen unterwegs ist. Jahrtausende haben daran gearbeitet, die Spuren unserer Ahnen zu tilgen. Gleichwohl kann man sie kaum ignorieren. Mancher hält dies für einen Unsterblichkeitsbeweis.
Mir geht es hier um etwas anderes. Was man hier so unwillkürlich einfängt, kann man auch gezielt suchen, aber man wird es nicht in Stonehenge oder an den Externsteinen finden, sondern in der Dichtung. Denn die Dichtung, die dem ursprünglichen Wesen und der ursprünglichen Macht von Worten nachspürt, sammelt geradezu Roßtrappen. Von den germanischen Göttern wissen wir durch die Edda, von den griechischen durch Ilias und Odyssee. Auch die Mythologien anderer Völker kamen durch Dichtungen zu uns, was nicht dahingehend mißverstanden werden darf, daß diese Dichtung eine willkürliche Fabulierkunst und Phantasie sei. Dies ist echte Dichtung nie. Sie bezieht ihren ureigenen Auftrag nicht aus dem Dichter, sondern aus der Sprache. Sich als Dichter begreifen, heißt, die Macht des Mythischen zu spüren. Als Dichter reifen, bedeutet, das Mythische konkret zu benennen.
Unter deutschen Gedichten ist eines ganz besonders populär, und zwar nicht nur im Volk, sondern auch unter den Gebildeten, es ist dies der Erlkönig von Goethe. Zahllose Vertonungen, aber auch Verballhornungen geben Zeugnis für die Wirkmächtigkeit dieses Gedichts. Ähnlich bekannt sind von Goethe allenfalls einige Passagen des Faust und der Zauberlehrling, diese Dinge werden jedoch als einsichtig empfunden und nicht etwa dunkel wie der Erlkönig. Wo man auch fragt, keiner traut sich recht zu, den Erlkönig zu deuten, gleichwohl ist jedermann fasziniert. Die Psychoanalyse sieht in einem solchen Verhalten den Ausdruck verdängter Wünsche. Aber abgesehen davon, daß diese Wünsche nirgends im Gedicht zu finden sind, ist der Erlkönig als Figur und Vorstellung in keiner Weise tabuisiert. Zumindest in der Form, in der er im Gedicht erscheint. Den Wald, die wilde Natur auf einem stürmischen Ritt, darf nicht nur ein fieberndes Kind, dies darf auch der gute Christ dämonisieren. Wo soll da ein Tabu sein?
Man weiß, daß Goethe, einmal zur Institution geworden, jüngeren Künstlern nicht gerade einfühlend und fördernd begegnet ist. Bei Schiller hat es viele Jahre gedauert, bis Goethe ihn akzeptierte, dann allerdings so, daß Herder eifersüchtig wurde. Hölderlin und Kleist hat er abgelehnt, die Romantiker unisono. Als ihm Franz Schubert seine Vertonung des Erlkönigs schickte, wurde diese kommentarlos zurückgesandt. Auch Carl Loewe konnte mit seiner Erkönig-Vertonung bei Goethe nicht punkten. Interessanterweise hat er kurz darauf »Herr Oluf« vertont, Herders Übersetzung aus dem Dänischen, die Goethe als Vorlage zum Erlkönig diente. Später vertont er auch »Odins Meeresritt« von Aloys Schreiber, wo der Name Oluf andeutet, daß diese Ballade auf die nämliche Quelle zurückgeht, auch der sich auch Herders Überstzung speist.
Legt man die drei Balladen nebeneinander, leuchtet einem auch ohne weitere Quellenforschung ein, daß »Odins Meeresritt« am nächsten bei den Quellen liegt. Hier wird der Ase beim Namen genannt und nicht ein flatterhaftes Albenwesen, von dem man nichts genaueres weiß. Darauf werde ich noch zurückkommen. Zunächst sei einer weiteren Veränderung des Stoffes gedacht, der Tod trifft bei Goethe nicht einen erwachsenen Mann, der als Schmied auch noch ein Symbol für Kraft und Gesundheit ist, sondern einen fiebernden Knaben. Damit erreicht er zweierlei, und dies wurde ausschlaggebend für den Erfolg seiner Version: Zum einen sind Fieberträume von Kindern nichts, was der Aufklärung zuwider ist, das Mythische wird gewisserweise auf das Maß verkleinert, das dem bürgerlichen Haushalt akzeptabel erscheint. Zum anderen wird mit dem Kindesmotiv ein großes Ressovoir von kollektiven Ängsten angesprochen, die sich um Mißbrauch und Raub konzentrieren. Michel Tournier macht aus diesem Kunstgriff einen ganzen Roman. Deutungen des Erlkönig-Gedicht setzen im allgemeinen genau bei diesem Motiv an und verfolgen es bis zu Lilith, der verstoßenen Frau Adams. Man weiß ja auch, daß der Kindermord zu Bethlehem eine der populärsten Geschichten der Bibel ist, obwohl kein Zweifel bestehen kann, daß es sich dabei um eine verleumderische Erfindung handelt.

II

Goethes Kunstgriff, der seine Ballade in den bürgerlichen Kanon gebracht hat, reicht jedoch nicht hin, um den Erfolg des Gedichtes zu erklären. Ich behaupte deshalb, daß wir in Goethes Versen trotz aller Entstellung und Verniedlichung unbewußt immer noch einen Hauch von Odins Macht und Weisheit spüren. Der Erlkönig ist eine verwitterte Roßtrappe. Odin ist nicht ein Weltenschöpfer oder eine vorsintflutliche Gestalt. Er taucht spät auf wie wir, später als die Megalith-Bauten, weshalb seine Eltern Riesen sind. Er sucht nach der Weisheit wie ein Ritter auf der Quest. Wesentlich für ihn ist das Opfer, er opfert ein Auge für einen Schluck aus Mimirs Quell und er hängt neun Tage und neun Nächte vom eigenen Speer getroffen am Baum, um die Runenkunde zu erwerben. Dies alles erinnert eher an Taufe und Kreuzigung Christi samt Seitenwunde als an Gottvater. Man nennt ihn Walvater, aber das heißt nicht Herr über alles, sondern Herr über Walhall. All sein Mühen geht darin, den Weltuntergang abzuwenden oder aufzuschieben, obwohl er weiß, daß dieser unausweichlich ist und ihn selbst auch vernichten wird.
Der Odin-Mythos, der dem christlichen so ähnlich ist, stellt einen frühen Versuch dar, die Größe und Tragik des Daseins in einer einzigen Gestalt zu fassen. Neben dem Speer möchte ich auf zwei Attribute hinweisen: dies sind die Raben Hugin und Munin, die ihn mit Nachrichten aus der Welt versorgen, und das abgetrennte Haupt des Riesen Mimir, das ihm die Zukunft vorhersagt. Beides verweist auf den walisischen Riesen Bran, der auch der »Rabe« genannt wird.
Zu Bran gelangen wir auch vom Erlkönig. Das dänische Wort Ellerkonge ist verwandt mit Elberich, dem Alberich der Nibelungen. Die Wurzel Alb kommt vom griechischen »alphos« für »weiß«, wie es das Wort »Albino« deutlich macht. Bei Plinius heißen die britischen Inseln noch »Albion«. In England ist Bran jedoch nicht nur »Rabe« sondern auch »König der Erlen«. Darin lebt die walisische Sage von der Schlacht der Bäume fort. Als die Kelten in der Eisenzeit die Insel besetzen, kämpften die Götter beider Parteien als Bäume. Auf diesen uralten Mythos spielt Shakespare am Schluß des »Macbeth« an.
Insofern ist es kein Übersetzungsfehler, wenn Goethe aus dem Elfenkönig einen Erlenkönig gemacht hat. Aber die gewaltigen Mythen vom Kampf der Bäume, von Odins Ritt von Norderney über Helgoland nach Norwegen zu blutigster Schlacht, sind in winzige Andeutungen zusammengesunken.
Bran ist jedoch nicht nur als Rabe und als König der Erlen präsent. Er wird von einem Zauberspeer tödlich verwundet und weist deshalb seine Gefährten an, ihm das Haupt abzutrennen und in London zu vergraben, wo heute der Weiße Turm steht. Das Haupt ist unsterblich und bevor es vergraben wird, spricht es und rät den Getreuen in mancher Weise. Dieses Motiv kehrt in dem Fischerkönig und Gralshüter der Artussage wieder. Außerdem gemahnt es an das neunte Haupt der Hydra, daß Herakles abschlug und vergrub. Und schließlich gemahnt es an das Haupt Mimirs, das Odin die Zukunft verkündet.
In unsere Zeit reicht der Mythos, daß so lange wie die Raben den Weißen Turm in London, unter dem Brans Haupt vergraben liegt, umkreisen, Britannien nicht von fremden Heeren besetzt werden kann. Die Raben am weißen Turm korrespondieren mit der Kyffhäusersage. Solange vor der Kyffgrotte die Raben kreisen, bleibt Deutschland nicht etwa wie England geschützt, sondern im Gegenteil, so lange kann der Kaiser nicht wiederkehren und das Reich in seinem Glanz aufrichten.
So führen die Mythen der verfeindeten Germanenstämme diesseits und jenseits der Nordsee immer wieder zu Odin. Oluf ist ihm als Mensch begegnet und bezahlt dies mit seinem Leben. Nach germanischer Vorstellung sind die Götter nicht nur schrecklich im Zorn sondern überhaupt. Dies erscheint mir eine tiefe Weisheit. Der Mensch neigt dazu, das Göttliche immer stärker zu vermenschlichen. Sieht man die Gottheiten von Uruk und Babylon, dann in Ägypten, später in Palästina und dann in Griechenland, so ist der Schritt nicht mehr weit bis zu den Göttergesprächen des Lukian. Das Christentum siedelt unmittelbar im menschlichen Raum, es verwundert kaum, daß die Futterkrippe so volkstümlich ist. Aber hier geschieht eine gewaltige Umkehr. Denn hier werden nicht mehr Trankopfer und Feldfrüchte gefordert, sondern ein reines Herz. Dies ist ein Motiv, das den Lauf der Geschichte verläßt. Durch die radikale Innerlichkeit bekommt Gott seine Universalität in der Welt zurück.
Der Mythos steht außerhalb der Geschichte, auch wenn die Form, in der er überliefert wird, immer eine geschichtliche ist. Golgatha und der Schluck aus Mimirs Quell sind Ereignisse, die immer und überall geschehen können und geschehen. Daß wir die Zeichen deuten, hilft uns nicht in der Situation, in der sie sich zeigen. Wir können, wie Odin, den Weltuntergang nicht abwenden. Aber der Weltuntergang ist immer nur das Ende einer Kultur, einer Geschichte, einer Überlieferung, eines Gedächtnisses. Das Heil ist jenseits von all dem. Und die Schlacht der Bäume ist eine Geschichte, die uns gerade heute besonders anrühren muß. Sie steht uns bevor. Denn die Bäume sind nicht etwa Holzlieferanten, wie eine verblödete Zeit meint, sie sind unsere größeren Gefährten, vielleicht unsere Götter, zumindest die tief wissenden Zeugen all unseres Tuns.
Und darum ist es verschmerzbar, daß Goethe den Walvater aus dem Gedicht gestrichen hat. Er wurde ja oft als Heide bezeichnet, weil er den christlichen Themen aus dem Wege ging und auch seine Alltagspraxis nicht gerade konfessionell war. Dies kann natürlich nur jemand behaupten, dem das Wort Heide nicht besonders ernst ist. Goethe ging dem Heidentum genauso aus dem Weg wie dem Christentum. Er hat sich seine menschliche Welt verteidigt, indem er alles ausklammerte, was diese bedrohte. Herder war anders. Aber wir sollten Goethe nicht die Begrenztheit seines Kosmos vorwerfen, sondern ihm lieber danken für das, was er bringt. Beim Erlkönig sind es die Erlen, die Weiden und der Wind in den Kronen. Wenn man dies ernst nimmt, so ist es mehr als Odin samt Roß und Speer. Und also wollen wir es auch mit der Roßtrappe halten. Wir müssen nicht in den Harz pilgern, denn die Raben krächzen auch vor unsrer Haustür.