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  Uwe Lammla

Ich würde gerne fernsehen!

Als ich einmal in den 90er Jahren im Zug unterwegs von Ulm nach Schaffhausen war, tastete ich beim Herannahen der Grenze nach meinem Paß, um mich zu vergewissern, daß er Platze sei. Mein Begleiter bemerkte dies und äußerte kopfschüttelnd: »Du hast einen Grenz-Komplex.«
In der Tat ist die Grenze ein Phänomen, daß mich seit der Kindheit beschäftigt und aufwühlt. Eine meiner frühsten Kindheiterinnerungen ist die sogenannte Friedensgrenze, die ich am Strandbad Ahlbeck mit Stacheldraht bis weit ins Meer gezogen sah. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Vater aus Schlesien vertrieben worden war, aber ich spürte, daß man sich unbeliebt machte, wenn man nach diesen Dingen zu hartnäckig fragte. In meiner thüringischen Heimat war das Thema omnipräsent, da gab es Besucher aus dem Grenzgebiet, bei denen kein Gegenbesuch möglich war. Beim Wandern und Schiewandern mußte man achtgeben, nicht in unerlaubte Zonen zu geraten. Als meine Eltern mit mir einen Ausflug zur Wartburg machten, kriegte ich mit, daß auch der Rennsteig im Grenzgebiet beginne. Als wir meine Tante in Berlin besuchten, und auch hier die Grenze war, noch dazu mitten in der Stadt, kam meine kindliche Geographie vollens durcheinander. Ein übriges taten die Kontrollen, die damals auch noch bei der Ein- und Ausreise nach und von Ostberlin durchgeführt wurden, unser Urlaubziel in Gestalt eines Bungalows meiner Tante lag nordöstlich von Berlin. Da die östliche Autobahnumgehung damals noch nicht fertiggestellt war, mußten wir zweimal durch die Kontrolle.
Als ich später Schallplatten von Warschau nach Berlin schmuggelte, lernte ich es, die Nerven in den kritischen Momenten zu behalten. Unvergeßlich ist die Szene, als wir ohne Sitzplatz im Gang standen und der Zöllner meinen Rucksack komplett durchwühlte, aber glücklicherweise nicht anhob. Ab Frankfurt traute sich keiner mehr zu schlafen, denn wir mußten den Zug am Berliner Ostbahnhof verlassen, wenige Kilometer weiter Berlin Friedrichstraße war für uns tabu. Wenn man als Jugendlicher an der Autobahn trempte, erschien nach kurzer Zeit Polizei und fragte, ob wir wüßten, welche Autos wir nicht anhalten dürften. Transitreisende lautete die richtige Antwort, aber auch Westautos wurde akzeptiert. Wer die Antwort nicht wußte, mußte seinen Urlaub wegen einer Schulung verschieben. Beim Bahnfahren nahm ich häufig erhebliche Umwege in Kauf, um nicht über die Hauptstrecke in einen Grenzkreis, das waren in Thüringen die meisten, einzureisen. Auf diese Weise vermied man die Kontrolle mit den inquisitorischen Fragen nach dem Reiseziel. Schulkameraden zu besuchen, von denen man keine Einladung vorweisen konnte, galt als verdächtig. Einmal bin ich in Eisenach wegen einer solch unglaubwürdigen »Ausrede« stundenlang auf der Wache festgehalten worden. Schließlich fuhren mich die Beamten zu der angebenen Anschrift und vergewisserten sich, daß ich klingelte, ins Haus ging und drinblieb. Dummerweise wohnte dort nur die Mutter meines Freundes, er selbst aber bei einem anderen, wo er nicht gemeldet war. Die hätte ziemlich dumm geschaut, wenn ich bei ihr erschienen wäre. So versteckte ich mich eine Stunde im Kohlenkeller, bis ich mir sicher war, daß die Beamten abgezogen seien.
Einmal freilich ging das Ausweichen von der Grenznähe gründlich schief. Wir wollten zum Kapitelsberg bei Tanne wandern und dazu mit dem Zug von Nordhausen nach Sorge fahren. Wir wußten nicht, daß die Harzquerbahn von Nordhausen-Nord nach Wernigerode zwar frei ist, nicht aber das Aussteigen an den Bahnhöfen Sorge und Elend, da diese im Grenzgebiet lagen. Kritisch wurde die Situation, weil wir erst knapp vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhof Nordhausen-Nord eintrafen. Ich verlangte am Schalter zwei Fahrkarten nach Sorge und erntete die Frage, ob dies ein Witz sein solle. Ich fragte zurück, wie sie denn darauf käme. Weil dies »Grenzgebiet« sei, erwiderte die Dame scharf. Ich war gut gelaunt und an diesem Tage ohne das sonst so verläßliche Mißtrauen. »Oh«, sagte ich, »dann natürlich nicht nach Sorge, mir nehmen eine Station früher.« Ich wußte auch die Namen der Unterwegsbahnhöfe nicht. Die Dame am Schalter zögerte. Währendessen pfiff die Lokomotive, und mein Begleiter, noch sorgloser als ich, meinte, wir würden beim Schaffner lösen, weil uns die Diskussion wohl den Zug verpassen ließe. Im Nachhinein habe ich mir oft überlegt, daß wir genau so aussahen, wie der Schalterangestellten in Schulungen mögliche Grenzverletzer beschrieben worden waren. Es war also nur logisch, daß sie die Behörden verständigte, es bahne sich möglicherweise ein Grenzverletzungsversuch an.
Beim Schaffner hatten wir keine Schwierigkeiten. Der sagte uns auch gleich, daß in Benneckenstein, dem letzten Bahnhof vor Sorge ein Bus nach Tanne bereitstehe, womit wir unserem Ziel deutlich näher kommen würden als mit einer Fahrt nach Sorge. Wir kamen jdoch nie nach Benneckenstein. Schon am Bahnhof Nordhausen-Altentor preschten mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei über die Gleise, der Zug wurde durchkämmt und die beiden Verdächtigen festgenommen.
Das weitere wäre eine eigene Geschichte, aber der mißglückte Fahrkartenkauf führte in letzter Konsequenz dazu, daß ich ein halbes Jahr später auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze stand und mir nach einem weiteren in Westberlin die Sicherungsanlagen der Mauer überaus gründlich ansah. Die sind ja oft beschrieben worden, auch wenn sich heute viele Berliner und erst recht die vielen Besucher der Stadt die Teilung gar nicht mehr vorstellen können. Ich weiß in Berlin immer, in welchem Sektor ich bin, und auch die Unstimmigkeiten im Staßenverlauf, in der Hausnumerierung und andere Folgen der langen Trennung fallen mir stets auf.
Am 9. November 1989 war ich in München und seit wenigen Tagen arbeitslos. Ich hatte als Empfangsportier in einem Ingenieurbüro gearbeitet, das Ölraffinerien in aller Welt errichten ließ, eine Tochterfirma des Linde-Konzerns. Ursprünglich war dies ein Stundentenjob gewesen, nachdem ich mich nicht mehr an der Uni einschrieb, wurde ein befristetes Arbeitsverhältnis daraus, dessen Dauer mehrmals bis auf das Maximum von 18 Monaten verlängert wurde. Die Stelle war sehr angenehm, ich hatte Zeit für die Korrekturen der Werkausgabe Rolf Schillings, die ich seit drei Jahren vorbereitete.
Noch im Sommer hatte ich meinen Bruder in Prag getroffen, der mir die Stimmung in der DDR beschrieb und den Zusammenbruch in naher Zukunft prophezeite. Von da an, las ich etwa ein Jahr lang den »Spiegel« wöchentlich. Mein Nachbar, der 1983 die DDR via Gefängnis verlassen hatte, war ein passionierter Radio-Hörer, er holte mich, als sich die Dinge in Berlin zuspitzten. Als gemeldet wurde, die Demonstranten würden nun auf der Mauer tanzen, rief ich einen Bekannten an, von dem ich wußte, das er ein Fernsehgerät besitzt, und sprach den Satz, den ich für diesen Text als Überschrift gewählt habe. Ich muß dazu sagen, daß ich mit dem Fernseher, ähnlich wie mit dem Auto, seit Kindesbeinen auf Kriegsfuß stehe. Der erste Fernseher meiner Eltern kam genau an die Stelle, an der vorher ein Klavier gestanden hatte und beendete die Zeit der Hausmusik mit Klavier und Flöte. Das habe ich ihm nie verziehen. Wenn ich also niemals solch ein Gerät anschaffte oder besaß, war dies kein Ergebnis einer Überwindung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ich habe auch kein Radio, denn ich möchte nicht, daß mir der Staat oder gar irgendwelche dubiosen Medienkartelle ins traute Heim quatschen.
Daß die Macht der Bilder ein eigenes Thema ist, gehört unbedingt zum Tag des Mauerfalls. Ich habe viel später in einem Einakter das Ereignis so dargestellt, wie man es mit weitestgehender Ausgrenzung von Medien darstellen kann. Historisch war es für mich ein Medien-Ereignis. Ich begnügte mich nicht mit der Nachricht, ich wollte die Bilder, die bewegten Bilder, die uns der Guckkasten präsentiert.
Andere begnügten sich nicht mit solcher Passivität. Ein Freund erfuhr vom Mauerfall im Radio beim Transit nach Berlin, er ließ das Transitabkommen Transitabkommen sein, verließ die Autobahn, besuchte seine Familie im Erzgebirge und machte sich dann mit allen gemeinsam auf nach Berlin. Ein anderer fuhr mit dem Zug von München nach Berlin, um, wie er sagte, »am Brennpunkt der Geschichte« zu sein. Was sie zurückgekehrt erzählten, glich exakt dem, was über das Fernsehen verbreitet wurde. Am Tatort herrschten die gleichen Bilder.
Daß Bilder lügen, erfuhr man am raschesten bei den Szenen der Nacht, wo der Sekt in Strömen floß und sich Unbekannte umarmten. Zum Rausch gehört der Kater. Und der Rausch dieser Nacht war der erste von einer ganzen Reihe von Räuschen und wachsenden Katern. Ich selber gab noch in der Nacht ein Telegramm an meinen Dichter in Nordhausen auf, er solle umgehend nach München kommen. Als er kam, las er aus seinem Tagebuch den Satz: »Man meint, der 2. Weltkrieg gehe zu Ende, 50 Jahre nach seinem Beginn.« Auch dies war eine Illusion.
Die harmloseste aller Illusionen war es noch, die getrennten Brüder und Schwestern in Ost und West würden sich harmonisch zusammenfügen. Fataler jene, wir bekämen Friedensvertrag und Verfassung, die Gräben zwischen Siegern und Besiegten des Krieges würden geschlossen, aus dem Scheitern von Weimar würde tatsächlich etwas gelernt und die Deutschen dürften sich eine Staatlichkeit suchen, die ihnen gemäß ist.
Für mich persönlich brachte der Mauerfall die Illusion, die deutsche Dichtung dürfe mit dem Ende des Weltbürgerkrieges wieder an ihre große Tradition im 19. Jahrhundert anknüpfen. Es scheint mir nicht erforderlich, diese Peinlichkeit zu vertiefen.
Wenn ich aber auf den Tanz auf der Mauer zurückkomme, den ich nach einer längeren U-Bahnfahrt im Fernsehen sah, so erscheint mir die Prägnanz dieses Bildes nur mit einem vergleichbar, nämlich dem 11. September 2001. Abgesehen davon, daß diese Daten eine Steilvorlage für Zahlenmystiker sind, muß schon die Perfektion des Bildes den Verdacht der Gewolltheit nähren. Es riecht nach Hollywood.
Wenn wir den Hintergrund beleuchten, sehen wir den Mauerfall in einem anderen Licht. In der Führungsriege der UdSSR war eine Generation angekommen, die nicht mehr vor dem Umstand die Augen verschließen wollte, daß ihr Land unter dem imperialen Anspruch ausblutete. Das einst reiche Rußland war zu einer Müllkippe verkommen, in der der Aralsee austrocknete, die Früchte auf den Feldern verdorrten und die Kriminalität in den Städten Amerika einzuholen drohte. Die Kehrseite der Gigantomanie hieß Entwurzelung und Gleichgültigkeit. Natürlich haben bei diesen Erkenntnissen die feindlichen Dienste unter Führung der CIA kräftig mitgewirkt, und im Einzelfall kann man nicht immer entscheiden, ob der Machtverzicht der Weisheit oder der Sabotage geschuldet war.
Fakt ist, daß sich die UdSSR aus Osteuropa zurückzuziehen begann, Polen und Ungarn seien hier die Stichworte. Darüber, daß die USA die Ausweitung ihrer Machtsphäre planten, kann kein Zweifel bestehen. Wer meint, die Strategen in Washington seien von der gestotterten Rede Schabowskis überrascht worden, hat keine Ahnung von Politik. Außerdem hat Schabowski mir keiner Silbe gesagt, die Mauer sei jetzt für jedermann offen. Warum sich also kurz darauf Zehntausende an der Bornholmer Straße versammelten, ist unbegreiflich. Wer hat das organisiert? Vielleicht derselbe, der auch schon alle vorangegangenen Demonstrationen organisiert hat und vor allem die Ungeheuerlichkeit, daß die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen von Prag ausrechnet im Dresdner Hauptbahnhof halten mußten? Die Macht dazu hatte das Ministerium für Staatssicherheit, und die seither andauernde Stasi-Hysterie, die aber niemals zu wirklich schmerzhaften Konsequenzen für ehemalige Systemdiener geführt hat, könnte davon ablenken wollen.
Das klingt natürlich nach Verschwörungstheorie. Nehmen wir also einmal an, die Zehntausenden hätten sich wirklich spontan an der Bornholmer Straße versammelt. Was hat den zuständigen Kommandanten veranlaßt, das Absurdeste zu tun, was in seiner Lage denkbar war, weil er angeblich telephonisch keinen Vorgesetzten erreichen konnte, nämlich Hochverrat zu begehen, worauf nach dem Strafgesetzbuch der DDR die Todesstrafe stand? Seine Aussage, er hatte Blutvergießen vermeiden müssen, überzeugt nicht. Wenn eine Menschensammlung schreit, fließt kein Blut. Einen Sturm auf die Grenze zeichnete sich nicht ab. Und wenn, dann hätte ein Schuß in die Luft gereicht, daß die Leute auseinandergelaufen werden. Es gab also keinen vernünftigen Grund für den Offizier, seinen Kopf zu riskieren.
Natürlich hat der Offizier überhaupt nichts riskiert, weil das alles Theater war und zwar von ganz oben inszeniert. Schabowski mag ahnungslos gewesen sein, aber Mielke wußte vermutlich bescheid, zumindest hatte er keine Illusionen über das Ende der Ära Honecker. Auch daß nun Sündenböcke gebraucht wurden, außerdem war er als Polizistenmörder überführt. So fing er schon 1989 damit an, sich der Öffentlichkeit als verrückt geworden zu präsentieren. Ein Minister, der knüppelnde Polizisten anfeuert und den Volkskammerabgeordneten seine Liebe zu allen Menschen beteuert. Auf die Richter mag das später wenig Eindruck gemacht haben, aber auf die öffentliche Meinung schon.
Wenn die Amerikaner einen regime change veranstalten, versuchen sie immer, einen Teil der alten Eliten mitzunehmen. Auf Deutschland hat das Weiße Haus stets besondere Sorgfalt verwandt. Den Mythos von einer völlig untätigen, vom Kerzenschein der Demonstranten gebannten Stasi kann man getrost vergessen. Eher kam dem MfS eine besondere Rolle zu, den Mythos von der friedlichen Revolution in alle Köpfe einzupflanzen und unhinterfragbar zu machen. Ohne diesen Mythos und das darauf folgende »Ihr habt es doch so gewollt« wären die Zumutungen der Deinstustrialisierung, der Privatisierung des Volksvermögens bis zu Wasser und Strom, die Öffnung der Grenzen für Zuwanderer aller Art, ja die mit dem Stichwort der Globalisierung einhergehende Vernichtung tradierter Lebensweisen in Mitteldeutschland nicht widerstandslos verlaufen.
Als ich zuerst von Tanz auf der Mauer hörte, wunderte ich mich, wie das möglich sein sollte, die Mauer ist im allgemeinen schmal und hat oben einen runden Abschluß, auf dem man unmöglich tanzen kann. Als ich die Bilder im Fernsehen sah, vergaß ich alle Skepsis. Erst später betrachtete ich die Bilder genauer. Die Mauer bestand ja im Grunde aus zwei Mauern, eine beendete die Welt für die Ossis, die andere für die Wessis. Dazwischen befand sich der je nach Gelände schmalere oder breitere Todesstreifen. Die Tanzbilder sind alle vom Westen aus aufgenommen, was man schon daran sieht, daß die Mauer immer von Sprayern gestaltet ist, was auf der Ostseite natürlich nicht vorkam. Warum die West-Mauer hinter dem Brandenburger Tor so breit gemauert war, ist nicht mehr festzustellen, in jedem Falle war diese Normabweichung eine zwingende Voraussetzung für das Jahrhundertphoto. Wenn ich heute auf das Bild schaue, bemerke ich zuerst, daß das Brandenburger Tor von der falschen Seiten aus aufgenommen ist, die Quadriga von hinten, den das alte Berlin endete ja am Tor. Es mag verwegen erscheinen, darin ein Omen zu erblicken, aber -- wer weiß?