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  Uwe Lammla
FORM UND INHALT IM GEDICHT

Ich wurde gebeten, über Zweck und Bedeutung der Form im deutschen Gedicht zu referieren. Da es kein Geheinis ist, daß ich die klassische Form hochschätze, gehe ich davon aus, daß von mir eine Streitschrift wider die moderne Formlosigkeit erwartet wird. Es ist jedoch ebenfalls kein Geheimnis, daß ich den Gegner niemals in einer erbarmungswürdigen Verfassung stelle, sondern den Irrtum stets bei den größten Geistern und Autoritäten suche. So war es mir immer ein Greuel, wenn jemand den Marxismus oder auch nur die Staatlichkeit der DDR am Beispiel eines moralisch verkommenen Parteifunktionärs kritisierte. Wer es sich auf solche Weise leicht macht, vermag vielleicht zu brillieren oder gar einen Saal zu Begeistungsstürmen hinzureisen, bleibt aber immer im Vorhof der geistigen Welt.
Die Formlosigkeit ist ein polemischer Begriff. Alles in der Welt hat Form, ist nur durch Form faßlich. Das gilt auch für Vermutungen, Imaginationen und reine Phantastik. Also auch das Gekrakel eines Geisteskranken oder das Lallen eines Betrunkenen. Wenn wir von Form im engeren Sinne sprechen, meinen wir im allgemeinen die erkennbare Form, also die Struktur. Ein literarischer Text erfüllt seine Funktion in der Übermittlung einer Botschaft vom Schreiber zum Leser. Welche Struktur der Autor seinem Text einverleibte, ist belanglos, wenn kein Leser diese erkennen kann. Natürlich ist die Kompetenz des Lesers vielfach gestuft, man sehe hier auf der einen Seite den Analphabeten, auf der anderen den Weisen.
Wenn man die Literaturrezeption der Neuzeit betrachtet, die sich im Vers als der ältesten und dichtesten literarischen Form wie in einem Brennpunkt ballt, so findet man merkwürdige Übereinstimmungen im Urteil von bildungsfernen Schichten und Geistern, die sich in examplarischer Weise der Durchdringung solcher Inhalte verschrieben haben, auf der einen Seite und, diesem konträrlaufend, eine sogenannte »öffentliche Meinung«, die von Zeitungslesern, Lehrern und Pfarrern, ja dem ganzen Troß der Etablierten gepflegt wird. Im Unterschied zu all den weltläufigen Wiederholern des Zeitgeistes stehen Analphabeten und Weise nicht im Banne der Propaganda. Die Propaganda ist die Summe aller Rechtfertigungsüberzeugungen, die eine bestimmte Gesellschaft braucht, um zu funktionieren. Genauer betrachtet gruppieren sich alle Gedanken und Verknüpfungen dieser Propaganda historisch immer um eine gewisse Anzahl von Tabus, also Entitäten, die als unhinterfragbar das Gesamtgeflecht tragen.
Seit dem Geniekult des »Sturm und Drang« ist es der Literatur zum Bedürfnis geworden, Tabus aufzuspüren, zu entlarven, zu überwinden. Im allgemeinen greifen jedoch die Autoren, und ganz besonders die jungen Autoren, wie noch zu zeigen ist, entschieden zu kurz. Denn ihr Göttersturz erweist sich eine Generation später keineswegs als Revolution, also als Umkehr der gesellschaftlichen Zielrichtung, sondern als Bestätigung, ja, als Beschleunigung der immanenten Tendenzen des Zeitgeistes. Wir erleben das gegenwärtig bei den sogenannten 68ern, welche die Modernisierungsbemühungen eines Hitler oder eines Adenauer keineswegs in ihr Gegenteil verkehrt haben, sondern zu einem einmaligen Triumph führten.
Es ist also Vorsicht geboten, wenn jemand den »Zeitgeist« angreift. Steht er tatsächlich jenseits der gängigen Überzeugungen oder fordert er einfach sein Stück vom Kuchen, die er zweifelsfrei für genießbar hält? Es geht hier nicht um Zynismus, sondern um eine Rebellion, die sich über die eigenen Motive im Unklaren ist. Nicht nur das Evangelium lehrt uns, daß die breite Straße zum Abgrund führt. Die meisten Weisheiten sind verkleidete Narrheiten. Der willigste Gehilfe des Teufels ist unser eigener Hochmut, unser Stolz, unsere Eitelkeit. Sie sind das ärgste Hindernis, unverfälscht die Wahrheit zu erkennen, und deshalb ist das christliche Gebot der Bescheidenheit in der Konsequenz die größte Unbescheidenheit, die denkbar ist. Denn sie lehnt die Rechthaberei ab, weil sie weiß, daß ein solcher Betrug immer vor allem Betrug an sich selbst ist, das Errichten einer Mauer, die wirkliche Weisheit verhindert. Sokrates Mut, seine Unwissenheit einzugestehen, ist ganz gewiß keine Bescheidung, sondern dem Wunsch geschuldet, sich dem Göttlichen zu nähern.
Für den Autor bedeutet dies, daß die Zustimmung der Propaganda, also von Leuten, die Banne der Propaganda stehen, die ärgste Gefahr auf dem Wege zu geistiger Größe und damit wirklicher Produktivität darstellt. Das Urteil eines Weisen ist freilich schwer zu bekommen, den das Wissen, wer denn ein Weiser sei, setzt bereits Weisheit voraus. Leichter sind die bildungsfernen Schichten zu finden. Die Römer behaupteten, daß sich im Volk die Götter offenbarten. Auch diese Wahrheit wurde von Volksfetischisten bis zur Unkenntlichkeit entstellt und geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Der Schlichte ist nicht der Trottel oder der Faulpelz. Wenn Intellektuelle meinen, bei Prostituierten, Stadtstreichern oder Asylanten die Weisheit zu finden, gehen sie in die Irre. Der Schlichte ist einer, der in einem bescheidenen Bereich nach Vollkommenheit trachtet, nicht etwa, weil er mit hochtrabenden Begriffen wie Vollkommenheit, Göttlichkeit oder Effizienz schwadroniert, sondern weil ihn die geradzu instinkthafte Überzeugung leitet, man müsse seine Sache »ordentlich« machen. Ein Schreiner, der uns einen Schlafzimmerschrank baut, den wir bis zu unserem Tode benutzen werden, die Frauen, die das Heu auf unserer Wiese verladen, um es im Winter ans Vieh zu verfüttern, sie sind gereignetere Rezipienten für unser Gedicht als die hohe Schule der Einbildung, die Universität.
Natürlich führt ein Test dieser Maxime mit recht hoher Wahrscheinlichkeit zu einem verständnislosen Kopfschütteln. Aber die Verweigerung eines Urteils ist kein Fehlurteil und also gefahrlos. Die Wiedererweckung der vox populi ist ein Weg voller Frustrationen, aber auch in der heutigen Zeit keineswegs unmöglich. Es unterschätze keiner die Stimme derer, die keine Stimme haben. Man hört Verse von Conrad Ferdinand Meyer oder Stefan George an Orten, wo man sie am wenigsten erwartet. Die Wege des Herrn sind unerforschlich.
Leute, die keine höhere Schule besucht haben, sind deshalb keineswegs ohne Bildung. Alles Wissen wird mit Vergessen erkauft, und das Fehlen von Gehirnwäsche bringt manchmal verloren geglaubte Schätze zum Leuchten. Der schlichte Mensch bezieht seine Bildung aus den Notwendigkeiten des Alltags. Je näher dieser an der Natur und an den tradierten Überlebensstrategien siedelt, umso propagandafreier ist sein Urteil. Ja, es hat einen Hauch von Ewigkeit.
Das Ewige ist ja nicht das zeitlich Überdehnte, sondern das in jedem Augenblick wahrhaft Gültige im Gegensatz zum alles vernebelnden Schein. Nach dem Gültigen zu streben, ist das Ziel jeder Literatur, unabhängig davon, wie weit die Ambition des Autors geht. Es ist dabei vollkommen gleichgültig, ob ein Gefühl, eine Empfindung oder eine Weltsicht Gestalt annehmen soll. Die erste Liebe ist ein so unendliches Thema wie das Faustische oder die Theogonie. Der Rang eines literarischen Werkes bestimmt sich durch die Meisterschaft der Gestaltung, und diese ist zuallererst durch die Kompetenz des Autors bei seinem Ggenstand bestimmt. Es schreibe also keiner über den Schlafzimmerschrank, der eine Raspel mit einem Hobel verwechselt.
Während sich Kompetenz bei praktischen Fertigkeiten in der Ausübung zeigt, ist es mit Gefühlen geradezu umgekehrt. Wer von der Liebe überwältigt wird, stammelt und ist, wie das Wort »Überwältigung« nahelegt, eher Opfer als Meister. Wer im Zustand der Verliebheit gültige Liebesgedichte schreibt, beweist damit, daß diese Liebe gerade nicht seine erste Liebe ist. Zur Erfahrung des Gefühls gehört die Erfahrung des Verlusts. Erst mit dieser kann das Gefühl Gestalt gewinnen. Mit dem Verlust ist natürlich nicht der Verlust des Gegenstandes, sondern das Erlöschen des Gefühls gemeint.
Man mag sich wundern, daß ich hier von allen möglichen Dingen, aber nicht von der Form des Gedichts schreibe. Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn man erkennt, daß Inhalt und Form immer zwei untrennbare Seiten der Literatur sind und gerade im Gedicht als deckungsgleich eingestuft werden müssen. Es offenbart einen anderen Herzschlag, ob im Jambus oder im Daktylus gesprochen wird, die Stimmung ist eine völlig andere, wenn man im liedhaften Vierfüßer oder im getragenen Fünffüßer daherkommt, es ist vom Inhalt nicht zu trennen, ob paarweis oder kreuzweis gereimt wird und ob die Strophe vier oder acht Zeilen umfaßt. In der Struktur eines Gedichtes liegt sein Inhalt, es arbeitet mit bewußter Wiederholung und der Vermeidung von Wiederholung -- und wer wollte die inhaltliche Relevanz bestreiten, ob ein Wort wiederholt, betont, unbetont oder gar unterdrückt sei?
Ich möchte hier keine Metaphysik der Versfüße und Strophenformen wagen. Ich möchte mich hier mit einem Phänomen beschäftigen, daß seit dem »Sturm und Drang« als »freier Rhythmus« durch die Germanistik geistert und sich in zeitgenössischen Veröffentlichungen geradezu als Standard gemausert hat. Der freie Rhythmus bricht nicht nur mit der Opitzschen Poeterey, sondern auch mit dem antiken Dichtungsverständnis. Denn Dichtung war seit je gebundene Rede, in den romanischen Sprachen durch einen regelhaften Wechsel von kurzen und langen Silben, im Deutschen im Wechsel von betonten und unbetonten. In Relativierung des Folgenden möchte ich freilich anmerken, daß die Irrungen des »Sturm und Drang« durch die unerträgliche Plattheit der wuchendern Auswüchse der Barockdichtung verschuldet und entschuldbar sind. Ein Jahrhundert hatte mehr Gedichte hervorgebracht als die fünf Jahrhunderte davor, und dieser Schwulst war ähnlich wie in der Architektur ein verantwortungsloses Spiel mit der Tradition. Überall kuschelten sich laszive Engel, schmetterten Fanfaren, schweben Grazien, wurden Schwerter geschwungen, die vor lauter Zierrat kaum noch gefährlich werden konnten und so weiter und so fort. Mit bombastischem Getöse wurde die Inhaltsarmut übertönt, und es ist weder verwunderlich noch bedauerlich, daß das meiste von diesen Hervorbringungen vergessen ist.
Der freie Rhythmus beugt sich keinem tradierten Gesetz, sondern setzt sein Gesetz selbst. Der Autor setzt dabei voraus, daß der Leser ihm gutwillig im Setzen der Zäsuren folgt, sich das Anliegen des Autors zum eigenen macht. Der freie Rhythmus buhlt nicht um die Aufmerksamkeit des Lesers, indem er ihm Lust des Reimes, vertraute Melodien und Zusammenklänge schenkt, sondern er gründet sich auf eine außertextliche Kumpanei. Im »Sturm und Drang« ist diese ziemlich eindeutig: Schreiber und Leser haben die Schnauze voll vom barocken Geklingel. Vor diesem Hintergrund wird die Hochschätzung eines Dichters wie Klopstock begreiflich, der heute immer noch den Klassikern zugerechnet wird, weil ihn der junge Goethe so emphatisch preist. Aber niemand liest Klopstock, und ich kann mir auch kaum einen langweiligeren Text als seinen »Messias« vorstellen. Aber eine ganze Generation wand sich vor Entzücken, eben, weil dieser Dichter nicht abgeklärt und melancholisch wie die Barockdichter, sondern mit grandiosem Pathos daherkam und dies durch die homerische Form unterstrich.
Die Notwendigkeit des Pathos ist beim freien Rhythmus noch stärker als bei Versformen, die dem deutschen Gemüt so wenig entsprechen. Weil diese Unform Gesetzeskraft für sich beansprucht, ist der geringste Verdacht von Willkür für sie tödlich. Den kritischen Verstand auszuschalten, die Nörgler zu Schweigen zu bringen, dies gelingt allein dem Pathos, wie die antiken Redner schon wußten. Nun gehöre ich zwar nicht zu jenen, die Pathos an sich als bedenkliche Angelegenheit ansehen, aber schon die antiken Schriftsteller wußten, daß Pathos immer schwer vom hohlen Pathos unterscheidbar und die Gefahr des Umkippens beständig präsent ist. Longius meint, die Angemessenheit des Pathos könne nur das Genie des Sprechers garantieren. Die Verwendung von Pathos ist also auch immer eine Versuchung, sich selber für ein Genie zu halten.
Ich möchte nun die Bedenklichkeit eines Dichtens in freien Rhythmen an einem Gedicht zeigen, das wir alle aus der Schule kennen, Goethes Hymne »Prometheus«. Der Gedicht wird vom Volksmund gern parodiert, indem man im ersten Vers das große H durch ein großes P ersetzt. Dies verweist auf die große Bekanntheit des Gedichts, was man als Ausweis von epochaler Weisheit deuten könnte. Ich sehe allerdings durch dieses Gedicht die Überzeugung des Volkes bestätigt, daß große Männer auch großer Torheiten fähig sind.
Thema des Gedichts ist der Stolz des genialen Menschen, der sich im titanischen Gewande präsentiert, und sein ungeheurer Mut, den Göttern die Lewiten zu lesen. Beim Dichter war der Mut nicht ganz so groß, sonst hätte er nicht stellvertretend mit dem antiken Zeus, sondern direkt mit dem Christengott abgerechnet. Überhaupt ist die tradierte Deutung eines »Pantheismus« wie schon beim Vorbild Spinoza die reinste Schönrederei, das Gedicht ist natürlich atheistische Propaganda und kam bei allen gut an, die von gebetsmühlenhaften Predigten und sehr durchschaubar weltlichen Motiven des Klerus genug hatten. Leute, die den christlichen Glauben angriffen, kamen sich sehr mutig vor und übersahen dabei geflissentlich, daß jene, die sich im zeitgemäßen Glauben eingerichtet hatten oder ihn gar als Alibi mißbrauchten, keinen Deut gläubiger waren als sie selber und die Empörung der Etablierten die reinste Heuchelei war.
Wenn aber ein Gedicht aus außerliterarischen Gründen so gut ankommt, daß es überall mit dem Schauder höchster Weisheit und Vollkommenheit rezitiert wird, ist es dem Dichter in der Tat gelungen, eine Form zu setzen, jeder Zäsur eherne Notwendigkeit zu verleihen, dann entsteht wirklich der Eindruck, das Setzen einer freien Form sei ein genialerer Akt als das bloße Ausfüllen einer bestehenden. Das ist eine Täuschung. Denn hätte der Dichter auf die Anmaßung verzichtet, seine eigene Form zu setzen, und eine traditionale Form gewählt, so hatte er sich nicht gegen die Erkenntnis wehren können, daß dieses Gedicht aus banalem und absurden Geschwätz besteht. Man nehme allein die Pose, daß der Herr des Himmels dem lyrischen Ich Herd und Hütte nicht nehmen könne. Hat sich der junge Goethe etwa eine Hütte gebaut? Das Gewand eines arkadischen Hirten, der autonom Sturm und Wettern trotzt, paßt dem Jurastudenten aus Frankfurt am Main ganz und gar nicht.
Meine Behauptung, daß die Wahl einer tradierten Form eine Schule der Selbsterkenntnis sei, verdient noch genauere Erläuterung. Auch wenn wir nicht sehr viele Gedichte auswendig können, haben wir ein ziemlich untrügliches Gefühl, ob ein Reim platt, eine Satzkonstruktion verschroben, ein Vers voller nichtssagender Füllsel sei. Wenn wir daraus nicht den irrigen Schluß ziehen, die Form tauge nicht für unsere hohen Gedanken oder sei gar überholt, sondern uns eingestehen, daß ein klarer Duktus und ein affektfreie Redeweise mühelos in Vers und Reim fließen, so erkennen wir, daß das Sperrige unseres Textes inhaltliche Gründe hat. Es ist also Augenwischerei, durch einzelne Silben den Rhythmus zu verbessern, als nach gedanklichen Schwächen zu suchen. Im Falle Goethes besteht die gedankliche Schwäche darin, daß er Wünsche des Publikums als seine eigenen Überzeugungen ansieht. Dies zeigt sich etwa in der Pose des verwirrten Kindes, das auf den Himmel vertraut und bitter enttäuscht wird. Wer die Schilderung von Goethes Kindertagen in seinen autobiographischen Schriften kennt, weiß, daß dieses enttäuschte Kind ein ideologisches Konstrukt und keine Erfahrung ist.
Der Vorwurf an die Götter, sie nährten sich von Opfern und Gebeten, setzt bereits die Überzeugung voraus, sie existierten nur durch ihre Gläubigen, die in grandioser Verkennung der Geschichte auf »Kinder und Bettler« reduziert werden. Allein diese Ausblendung der Kultur, sei es der mittelalterlichen, wenn wir es auf das Christentum beziehen, sei es der griechischen, wenn wir im homerischen Kreis bleiben, kennzeichnet diesen Text als Propaganda reinsten Wassers. Die Losung, Religion sei Opium fürs Volk, faßt die Aussage wesentlich prägnanter und ihr ist zugute zu halten, daß sie diese Ansicht nicht durch hohles Pathos zur Hymne stilisiert.
Die Berührungsfläche zum marxistischen Wahn wird jedoch am Schluß des Gedichtes noch stärker, wenn es da heißt, er »forme Menschen nach seinem Bilde«. Es geht hier weniger um die Selbstvergottung als um den »neuen Menschen«, der hier aufscheint und seit der Aufklärung aus der Literatur und seit 1789 aus der Realpolitik nicht mehr wegzudenken ist. Das »Gespenst«, das am Beginn des »Kommunistischen Manifests« durch Europa geistert, ist der »neue Mensch«, der Kommunismus ist nur eine Spielart davon. Mit dem Ziel eines neuen Menschen wurde die Ausrottung der Kulacken und anderswo gar der Brillenträger betrieben, ersann man die Bannung der »autoritären Matrix« mit Hollywood, LSD-Versuchen und »Gender Mainstreaming« und führt derzeit immer orvellesker einen Dauerkrieg gegen den Terror. Der neue Mensch hat sich als sozialversicherter Konsumidiot entpuppt, den Nietzsche den »letzten Menschen« nennt und dem Konrad Lorenz eine gelungene Verhausschweinung bescheinigt.
Diese Wahnideen sind Dinge, die Goethe fernstanden, wie in seinem weiteren Werk überaus deutlich wird. Die Hudelei eines pubertären Publikums, das sich an der Formel »Sturm und Drang« berauschte, wäre Goethe nicht unterlaufen, hätte er sich nicht dieser Formverachtung bedient. Damit zeige ich, daß die Marotte des freien Rhythmus' schon in seine Anfängen gescheitert ist und nicht erst in ihrer massenhaften Verbreitung unter mühsam alphabetisierten Tunichtguten. Wer aber zum gültigen Wort finden will, der mühe sich um den Kanon der Formen, denn der Mensch braucht zum Leben ein Haus, das aus toten Steinen gebaut ist.