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  Uwe Lammla

Der Herr Gevatter

Das Netz ist eine Droge. Es gibt ja zweifellos viele vernüftige Dinge, die man da tun kann. Man holt sich Infomationen aus einem Lexikon, benutzt ein Wörterbuch, stöbert in einer Bibliothek nach Textstellen. Oder man stellt selber Texte und Bilder ein, wirbt für sein Geschäft und seine Autorschaft. Aber das Netz ist grundlos. Ist alles getan, was sich einigermaßen mit Notwendigkeit oder zumindst mit Nützlichkeit rechtfertigen ließ, wird der Rechner doch nicht abgeschaltet. Es beginnt, was man seit den ersten Tagen dieser Technologie "surfen" genant hat, ein Gleiten über die vielen Verweise und Knotenpunkte, eine irrationale Suche nach dem Außergewöhnlichen. Natürlich weiß man, daß hinter all den Verheißungen des Außergewöhnlichen nichts steckt oder eben einzig das Gewöhnliche, aber Hänsel und Gretel wußten auch, daß es im Wald keine Pfefferkuchenhäuser gibt. Außerdem weiß auch das Kind, daß ein Übermaß von Pfefferkuchen höchst unbekömmlich ist, wenn ich nicht schon knapp oberhalb des Limits, das die Erwachsenen gemeinhin verfügen. Es geht auch gar nicht um Pfefferkuchen, und wenn der Erzähler des Märchens den bitteren Hunger der Kinder schildert, ist dies ein Ablenkungsmöver, um den Hörer nicht allzu unvermittelt mit dem Wunderbaren zu konfrontieren. Das Pfefferkuchenhaus ist nicht das Ende von Not und Hunger im Sinne der Ernährung, sondern es ist die Stillung der Sehnsucht nach dem Wunderbaren.
Bildschirm und Rechner sind die Gaukler schlechthin. Sie verblüffen jeden Skeptiker, sie täuschen das Gewissen mit allerlei guten Gaben, und ihr Ziel ist immer das gleiche. Ein kluger Werbestratege sagte einmal, es komme nicht darauf an, ein Produkt zu verkaufen, sondern darauf, die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken. Dies berührt sich mit dem Sprachgebrauch des Wellenreitens. Die bunten Bilder und die kurzen Texte voller Andeutungen wecken die Sehnsucht. Die nach dem Meer oder die nach dem Pfefferkuchenhaus, jedenfalls die nach dem Wunderbaren.
Martin war gegen Mitternacht noch einmal aufgestanden und hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Eigentlich hatte er keine Schlafstörungen, und der Tag war lang genug gewesen, um die Erquickung des Traumes zu suchen. Aber eine unbestimmte Unruhe riß ihn an die Maschine. Natürlich gab es keine neuen Nachrichten und es gab auch keine Ideen zu notieren. Die Unruhe, etwas zu verpassen, war sichtlich unbegründet. Aber genau dies ist der Kern aller Sucht, mit Argumenten ist ihr nicht beizukommen, sie verharrt verstockt in ihrem: "Gleichwohl, es könnte sein."
Das gleißende Licht über dem Arbeitsplatz mag nur schlecht zum finsteren Wald von Hänsel und Gretel passen. Aber der Geist setzt sich souverän darüber hinweg. Wer sich verlaufen will, findet im Netz der vielen, die sich verlaufen, Türchen, Holzwege, Springbäche und Rankengewächse zuhauf. Rasch ist der Ausgangpunkt vergessen, die Fragen verändern sich mit den Anworteten, das Zufällige spielt sich die Bälle zu. Bekanntlich bezeichnen wir mit dem Wort "Zufall" eine Konstellation, deren Kausalität uns verborgen bleibt, eine Summe, deren Glieder wir nicht auflösen können oder wollen. Sich dem Zufall zu überlassen, einer unbekannten Gesetzlichkeit treibend zu vetrauen, dies ist die bewährte Methode, den Intellektus kalt zu stellen und damit auch sein ewiges Nörgeln, es gebe das Wunderbare überhaupt nicht.
Martin war in einem Religionsforum angelangt, wo man auch in verschiedenen Räumen chatten konnte. Das ganze schien auch zu vorgerückter Stunde gut besucht zu sein. Schon an den Nicknamen der Gäste war erkennbar, daß das Christentum hier eher die Ausnahme als die Regel war. Fernöstliches und Esoterisches domierte, auch schienen nicht wenige Zyniker diese Diskussionen zu mögen. Vor dem Betreten eines Raumes konnte man die Liste der darin Weilenden sehen, der Raum mit dem Namen "Die letzten Dinge" erfreute sich besonderen Zuspruchs. Ein Klick, Martin trat ein und begrüßte die Anwesenden mit dem üblichen "Hi".
Ein Benutzer mit dem seltsamen Namen "Gevatter" ließ die Botschaft "Ich bin dein Tod" auf dem Bildschirm aufleuchten. "Keine sehr freundliche Begrüßung", beschwerte sich Martin sofort. Eine Dame mit dem Namen "Wiccahexe" tröstete ihn: "Das macht der bei jedem. Mach dir nichts draus!" Danach kam erst einmal eine Weile nichts. Seltsam still für einen Raum mit so vielen Leuten.
"Wessen Tod bist du denn? Etwa der von allen hier im Raum?" tippte Martin. Die Antwort kam sofort: "Ich bin der Tod dessen, der zuletzt allein mit mir in diesem Raum sein wird." Das war schon etwas merkwürdig. Im Netz wimmelte es ja von Spinnern aller Art, und Martin war da manches gewöhnt. Es war auch keineswegs wider alle Regel, daß die Motive des Gegenüber völlig schleierhaft blieben. Nicht wenige Leute umgeben sich mit der Aura des Geheimnisvollen, vermutlich solche, die sich sonst nicht Pieps zu sagen getrauen würden, aber durch die Anonymität des Rechners und des Netzes zur Höchstform aufliefen.
Dieses Spiel fand Martin reichlich blöd. Er tippte: "Dann suche ich mit halt einen anderen Raum." Aber es kam gleich eine Antwort: "Dem Henker kann man durch Selbstmord entfliehen. Dem Tod aber nicht." Der Gegenüber war offenbar nicht auf den Mund gefallen und zog sein Spiel knallhart durch. Jemand mit dem Namen "Parzival" gab drein: "Ja, hier geht ganz schön was ab." Martin hatte sich nicht besonders viele Gedanken um seinen Nick gemacht. Aber jetzt überkam ihn ein gewisses Unbehagen bei dem Gedanken, daß er sich mit "ich" angemeldet hatte. Hätte er sich doch Merlin, Irminsul oder Schlange des Schiwa genannt! Irgendwie hatte es der Typ auf ihn abgesehen. Vielleicht sollte er ihn ignorieren.
"Was geht denn ab?" fragte er den Parzival und die Runde. Eine vermutlich weibliche Person mit dem Nick "Grufti" erwiderte: "Ja, einer von uns muß ins Gras beißen". Nun, das war ja auch mal eine Idee, die "Letzten Dinge" als ein Art "Russisch Roulett" zu betrachten. "Da hab ich wohl eine ganze Menge verpaßt?", schrieb Martin. "Nee, es ist noch alles offen", kam von der Wiccahexe und gleich darauf "Zum Glück bin ich dienstlich hier" von einer Person mit dem Namen "Bestatter". "Dies Leute hier einzuschüchtern, ist laut Forumregeln verboten", stellte Martin fest.
"Ja, wir haben schon überlegt, den Admin einzuschalten", sagte jemand mit dem klangvollen Namen "Turmalin", "aber dazu müßte man ja den Raum verlassen, was reichlich unfair gegenüber den anderen ist. Außerdem ist am Wochenende wahrscheinlich eh keiner da." - "Dann schlag ich vor, wir ignorieren den Blödmann, und reden über was Sinnvolles", warf Martin ein.
"Wir haben ausgemacht, daß wir hier bis vier Uhr morgens ausharren. Ist ja mit Flat kein Problem. Dann startet der Server neu und wir fliegen alle gleichzeitig raus. Auf diese Weise ist der Gevatter mit keinem allein." Die Wiccahexe zeigt sich wieder von der verständnisvollen Seite. "Ich glaub, ich bin hier der einzige, dem klar ist, daß es sich nur um einen Verrückten handelt" schrieb Martin etwas kläglich.
"Mei, wir sind schon ein bissel länger hier", kam nun von Turmalin, "wir haben alle gespottet und geblödelt, die kalte Schulter gezeigt und nach Ausweichthemen gesucht. Aber das beeindruckt den Typen nicht im geringsten. Es mag ja sein, wie es will, aber ich finde es das beste, wenn wir bis zum Serverstart ausharren." Eh Martin etwas erwidern konnte, betrat ein Neuling mit dem Namen "Irrlicht" den Raum. Nun war er wenigstens nicht mehr der letzte. Sofort erneute der Gevatter die Botschaft: "Ich bin dein Tod."
Das Irrlicht klickte sich sofort wieder aus dem Raum, es blieb keine Möglichkeit, es davor zu warnen oder ihm ins Gewissen zu reden. "Vielleicht ist jetzt schon einer tot", tippte Martin. Wieder sofort die Antwort des Gevatters: "Nein, der rechte ist immer noch hier."
In diesem Augenblick bemerkte Martin, daß draußen ein Sturm tobte, denn er hatte einen losgerissenen Ast gegen das Fenster geschlagen. Martin blickte für ein paar Sekunden vom Rechner fort. Dann schlug er in die Tasten: "Stürmische Nacht heute."
"Orkanartige Böen wurden angesagt." Parzival meldete sich wieder mal. "Man sollte bei dem Wetter besser spazieren gehen", schlug Martin der Runde vor, und einen Augenblick lang erschien es ihm tatsächlich reizvoll, das Toben des Windes im Gesicht zu spüren.
"Viel zu gefährlich", meinte Turmalin, "sind schon Leute von Bäumen erschlagen worden. Außerdem können die Oberleitungen heruntergerissen werden." Dem war zwar wenig entgegenzusetzen. Gleichwohl nahm sich diese Lebensklugheit seltsam vor dem Hintergrund aus, daß hier eine Runde vor den Attacken eines Aufschneiders wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrte. Während Martin über diese Dinge nachsann, fiel ihm auf, daß sich die Zahl der Rauminsassen erheblich vermindert hatte. Turmalin, Parzival, der Bestatter, Grufti und Wiccahexe waren zwar noch da, aber sonst außer dem rätselhaften Gevatter nur jemand mit dem wenig appetitlichen Namen "Sodom". Mal schauen, was sich darunter verbarg. "Wie ist denn das Wetter in Sodom?", tippte er.
"Schweflig, schweflig!" Defätismus war offenbar "in" in diesem Religionsforum. Der Interessentenschwund war offenbar auch von den anderen bemerkt worden. Von Grufti war zu erfahren "Tut mir leid, ich habe morgen Klausur, es reicht ja auch, wenn weniger Leut warten", und schon scholz die Zahl der Anwesenden weiter. "Die Ratten verlassen das sinkende Schiff", schrieb Martin. "Beim Krakatau war im Schiff die Überlebenschance am größten." Sodom okakelte düster.
Vielleicht war es besser, den Stier bei den Hörnen zu packen. "Also Gevatter", schrieb Martin, "du hast es auf mich abgesehen. Ist das richtig?" Wie immer, wenn er den Gevatter ansprach, kam umgehend Antwort: "Ich bin der Tod dessen, der zuletzt allein mit mir in diesem Raum sein wird." Obwohl er gewiß nicht mehr als die anderen Anwesenden von sich gegeben hatte, war er gewiß die interessante Person. Lag dies am Inhalt seiner Botschaft oder einfach an der marmonen Form? Man mußte versuchen, den Kerl zum schwätzen zu bringen, er würde sich verraten, sich lächerlich machen. "Nun, Herr Gavatter, darf ich Sie überhaupt duzen?", hub Martin vorsichtig an. - "Es gibt keine Form, wenn ich sie nicht setzte." Der andere verstand seine Rolle.
Es verging wieder eine ganze Weile mit Schweigen. "Ich packs dann auch" verabschiedente sich Parzival und mit "Sodom unter" auch Sodom. Nur Turmalin, der Bestatter und die Wiccahexe standen Martin noch bei. Eine halbe Stunde später war auch die Wiccahexe verschwunden. Und zwar grußlos. "Bestimmt eine Leitungsstörung", meinte Turmalin beschwichtigend, "keine Sorge, ich bin bei Arcor, da kommt so etwas nicht vor. Außerdem bin ich ein Edelstein."
Die Leute waren vernünftig. Er hätte auch schon längst wieder ins Bett schlüpfen sollen. Man unterhielt sich nicht, man belehrte sich nicht, man brütete Stumpfsinn wie in einer Säuferkneipe ohne Schankschluß. Turmalin war auch kein Gesprächspartner, vom Leichengräber ganz zu schweigen. Dieser betonte zu Zeiten, daß ihn die Pflichten seines Berufes nun einmal in die Nähe des Todes gestellt hätten, und jener wiederholte nur immer wortreich, daß er niemanden verlassen würde, daß man sich ganz auf ihn verlassen könne und so weiter und so fort. Der Gevatter hat seit seinem Statement zur Form nichts mehr verlauten lassen.
Schließlich kam Martin auf die Idee, den Gevatter dadurch zu irritieren, daß man ihn kopierte. "Ich bin dein Tod", tippte er ein. "Ich bin dein Ich", kam zurück. Der Schlag ging ins Leere. Aber gut, aufschneiden können wir auch. Er schrieb: "Ich sage das aber nicht nur symbolisch. Ich habe die IP zurückverfolgen lassen. Die Anschrift ist schon sehr weit eingeengt. Ein Schlägertrupp ist schon unterwegs." Die Antwort kam ganz gelassen: "Dann stell schon mal das Hoflicht an. Sonst findet dich womöglich der Schlägertrupp nicht."
Es reichte. Sollte sich Turmalin weiter mit dem Idioten befassen. Martin klickte das Programm weg und schaltete den Rechner aus. Als der Lüfter verstummte, klopfte es gegen die Tür. Ein mächtiger Schreck! Sollte? Ach nein! -
Es war Hilde, sein Hildchen, sie war aufgewacht und ängstigte sich, daß sein Platz im Bett leer war. "Was machst du so spät?" - "Ach, ich hatte so eine Idee", seufzte Martin, und er machte das Licht aus, um gleich mit ihr ins Bett zu kehren.