Willkommen

Lebenslauf

Aktuell

Werke

Publikationen

Video

Leserstimmen

Verweise

Besucherbuch

Impressum
  Uwe Lammla
NÄCHSTENLIEBE UND FERNSTENLIEBE

Recht allgemein trifft man die Auffassung an, unsere Zukunft würde durch Überbevölkerung bedroht. Die Informationskänale zeichnen mit Hochrechungen ein apokalyptisches Bild und überschütten uns mit Bildern unvorstellbarer Menschenmassen, daraus resultierender Not und Freveln an den natürlichen Lebensgrundlagen. Der Europäer schüttelt mit dem Kopf, daß sich die Segnungen der Medizin und der gesteigerten Produktivität in ihr Gegenteil verkehren, weil die Menschen in den armen Länden so viele Kinder in die Welt setzen. Meist verdrängt er, daß er sich dabei anerkennend auf die eigene Schulter klopft. Denn der aufgeklärte Europäer macht bei diesem irren Treiben natürlich nicht mit. Seine Frau nimmt die Pille, und wenn sie es einmal vergißt, so gibt es ja den zwar nicht unbedingt schönen, aber gleichwohl unumgänglichen Eingriff, auf den selbstbestimmte Frauen einen Rechtsanspruch haben. Für den Europäer kann der Ausweg nur darin liegen, daß seine Ethik weltweit durchgesetzt wird, mit welchen Mitteln auch immer. Dabei verdrängt er wirksam, daß schon die derzeitige Weltbevölkerung bei einer Übernahme der westlichen Lebensart Probleme produzieren würde, die ein solches Szenarium von vornherein ausschließen.
Oft wird behauptet, der Planet verkrafte nur eine bestimmte Anzahl Bewohner. Ich halte diese These für wissenschaftlich nicht haltbar. Rein materiell betrachtet, ist die Erde groß genug, ein vielfaches unserer Artgenossen zu ernähren. Daß die Hektarerträge in den meisten Weltgegenden nur einen Bruchteil derer des mittleren Westens der USA ausmachen, hat keine natürlichen, sondern gesellschaftliche Gründe. Aber auch ohne große Flächen lassen sich große Mengen Nahrungsmittel produzieren. Denken wir nur mal daran, daß das kleine Holland ganz Europa mit Tomaten versorgt. Man halte die modernen Methoden der Nahrungsmittelgewinnung und Nährwertsteigerung für gut oder nicht, sind sind jedenfalls geeignet, Hunger für Milliarden zu vermeiden. Nicht anders sieht es mit dem Siedlungsraum aus. Bei einer Bevölkerungsdichte wie in München, einer Stadt, die immerhin ohne Hochhäuser auskommt, hätte die gesamte heutige Menschheit auf dem kleinsten Kontinent, nämlich Australien, Platz. Mit einer materialistischen Argumentation wird man auch hundert Milliarden Menschen auf Erden für möglich halten.
Der Grundfehler jedes Materialismus besteht darin, daß er die Dinge zählt und nicht gewichtet. Für ihn sind alle Menschen gleich, weil über 99% der Gene übereinstimmen. Er setzt auf die Statistik, die alle Qualitäten auf Quantitäten zurückführt. Verdrängt wird, daß die dabei abgefragten und selbstreferenziell sich verstärkenden Muster nicht ideologiefrei sind. Wer untersucht, wieviele von tausend Leuten sich täglich die Zähne putzen, setzt eine Gesellschaft mit Angeboten an Zahnpasta, Furcht vor Karies und mit finanziellen Mitteln, die Substanz zu erwerben, voraus. Wenn er daraus schlußfolgert, Kulturen ohne solche Volkskosmetika seien unmenschlich, erliegt er einem Zirkelschluß.
Die Frage, was denn nun der Mensch wirklich brauche, führt sehr schnell zu Absurditäten. Leo Tolstoi vertritt in seiner Schrift »Wieviel Erde braucht der Mensch?« die zurecht verlachte These, der Mensch brauche nicht mehr Raum als ein Leichnam. Diese Gedankenspiele zeigen an, daß es absurd ist, vom Menschen als solchen zu reden und daß es so etwas wie eine »artgerechte Haltung« bei Menschen wie bei Tieren nicht gibt und nicht geben kann. Was ein konkreter Mensch braucht, hängt von seinen Möglichkeiten ab, seinen inneren und äußeren, die sich erst mit dem Ende eines Lebens vollständig offenbaren und darum gewichten lassen. Niemand, am wenigsten er selbst, kann im Vorfeld diese Möglichkeiten schätzen. Da es aber schon völlig unmöglich ist, auch nur eines einzigen Menschen Chancen zu einem gelingenden Leben auszuloten, ist es eine üble Hybris, von Dingen wie »Chancengleichheit« zu sprechen. Solche Vokabeln sind die Anmaßung einer überzeitlichen, göttlichen Perspektive.
Kommen wir zum Materialismus zurück. Wenn wir hier der These anhängen, es komme nicht auf das Gleiche am Menschen an, sondern auf das Ungleiche, überhaupt sei das Entscheidende in der Welt nicht das Gemeine, sondern die Differenz, so erscheint dieses, so formuliert, keineswegs unmodern oder antiwestlich. Entscheidend ist aber die Qualität der Differenz und die Behauptung, daß es eine überzeitliche Hierarchie der Differenzen gebe. Tausend verschiedene Haartrachten, Tattoos oder Lieblingsspeisen schaffen nicht die geringste kulturelle Vielfalt. Wirkliche Differenz zeigt sich in den kulturstiftenden und kulturerhaltenden Potenzen. Diese sind in der modernen Welt keine grundsätzlich anderen als in der Steinzeit. Hier erhebt sich einer über den anderen durch die Menge und das Potential der Güter, Tiere und Menschen, die von ihm und seiner Leistungs- und Ordnungskraft abhängig sind. Dies sind zunächst einmal die leiblichen Nachkommen mit ihrer Bildung und ihrem Geschick, selbst einmal die Dinge in die Hand zu nehmen. Reichtum machen weder die Anzahl der Kinder noch der Grundstücke aus. Wohl aber, ob sie gesund, stark, intelligent und leistungsbereit sind, ob die Häuser solide gebaut, wetterfest und wehrhaft sind. Eine Burg ist mehr als zwanzig Bauernhäuser, aber auch eine Hütte ist mehr als zwanzig Eigentumswohnungen und sogar eine solche ist mehr als zwanzig Bewilligungsbescheide vom Amt. Kant sagt zurecht, daß die höchste Geistesleistung das Urteilsvermögen sei. Gerade dieses ist dem modernen Menschen gründlich abhanden gekommen. Deshalb glaubt er an Chimären und hat jeden Begriff von Stärke und Freiheit verloren.
Wenn hier vom Begriff des Starken und seinem Durchsetzungsvermögen die Rede ist, so ist das nicht darwinistisch zu verstehen. Wenn man sagt, es setze sich im Leben das Starke durch und unter Stärke das versteht, was sich durchsetzt, so ist das eine Tautologie. Man müßte also, um überhaupt eine Aussage zu treffen, Stärke unabhängig vom Effekt definieren. Das tut der Darwinist empirisch. Stark ist das, was sich historisch als stark erwiesen hat. Dies ist ein methodischer Fehler. Der Fuchsbau taugt dem Fuchse, aber nicht dem Bären. Es gibt keine Stärke an sich. Es gibt immer nur eine Stärke in bezug auf ganz konkrete Bedingungen. Und diese Bedingungen, die sich unabhängig vom Einzelnen wandeln, aber auch durch ihn gewandelt werden, wehren sich jeder Verifizierung. Die besondere Eigenart des Menschen ist die Vielfalt der materiellen und geistigen Räume, an den er teilhat. Bei einer Annäherung an den Begriff der Stärke ist auch besonders zu betonen, daß es hier gar nicht auf einen Durchschnittswert ankommt, sondern daß ein Pluspunkt im Krisenfall eine im übrigen recht mäßige Ausstattung mehr als wettmachen kann.
Diese Relativierungen von jedermanns Stärke und Leistungsfähigkeit dürfen aber nicht zum Relativismus führen. Mag die Welt auch genügend Beispiele aufweisen, daß den Weg zum heiligen Gral eben nur der reine Tor findet, so muß doch betont werden, daß der Gebildete dem Narren überlegen ist. Das Gemeinsame am Sieg des reinen Toren, aber auch des Klugen, der ein Rätsel löst und sich freimacht, ist die Not, in der beide stehen. Wenn der Mensch seine Möglichkeiten erkennt und ausschöpft, ja wenn er sie vergrößert und zum Heile der Gemeinschaft einsetzt, so stehen dabei immer Nöte am Anfang, Verhängnis, Schmerz und Verzweiflung.
Alle sozialen Bewegungen der letzten Jahrhunderte versprachen, das Leid in der Welt zu tilgen. Abgesehen davon, daß sie es objektiv drastisch vermehrt haben, ist bereits ihre Absicht ein Frevel an unseren Lebensgrundlagen und am göttlichen Gesetz. Denn das Leiden ist nicht nur Schlüssel zu Weisheit und Erlösung, sondern Basis aller Entwicklung und Entfaltung. Der Sozialismus ist ein tief verbrecherischer Angriff auf das Gesetz des Lebens, eine Brunnenvergiftung kosmischen Ausmaßes. Der Unterschied zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten besteht allein darin, daß erstere politische Hitzköpfe waren und den neuen Menschen durch Terror noch zu ihren Lebzeiten kreieren wollten. Die Sozialdemokraten setzten hingegen auf eine allmähliche Bewußtseinsveränderung, auf eine allgemeine Umwertung dessen, was als gut und anständig gilt. Dabei ist es ihnen gelungen, die konservativen Eliten mit ihrem Ideengut zu infizieren, was den Kommunisten niemals gelang. Schon Bismarcks Sozialversicherung verschiebt die gesellschaftlichen Parameter entscheidend zugunsten der Untüchtigen. Kein Wunder, daß er in diesem Punkte immer noch in Ehren gehalten wird.
Mittlerweile sind die Zeiten vorbei, da sich ein gescheiterter Geschäftsmann erschießt. Er wird sich ein Förderprogramm suchen, das ihm eine neue Runde seiner unverantwortlichen Spekulation ermöglicht. Die Medien führen uns skrupellose Narren als gefeierte Stars vor. Wer etwas leistet, ist einfach zu blöd, sich am Tisch des Überflusses zu bedienen.
Wer das Leid in der Welt für notwendig hält, wird mitleidlos und inhuman gescholten. Ihm wird die Verschwendung der Reichen vorgehalten und vorgerechnet, wieviel besser es den Armen ginge, wenn man diesen Reichtum aufteilte. Dabei wird übersehen, daß der Reichtum ja nur existiert, weil man für ihn arbeitet. Hat man sein Auskommen ohne Leistung, dann ist man wenig leistungsbereit, und wenn so die Mehrheit der Leute verfährt, existiert kein Reichtum mehr, den man aufteilen könnte. Dies ist keine Apologie des bestehenden sozialen Gefüges. Aber der Mensch bedarf der Not, sein Gesetz zu erkennen und ihm zu genügen oder, wie man heute sagt, sich selbst zu verwirklichen. Eine Selbstverwirklichung, die diesen Namen verdient, kann niemals eine Art Freizeitbeschäftigung sein, sondern immer nur ein Genügen der inneren und äußeren Not, ja die Einsicht in die Korrespondenz beider Nöte. Früher nannte man dies Weisheit.
Kritiker der Mitleidsmoral, allen voran Friedrich Nietzsche, machen das Christentum für die Umverteilung von den Starken auf die Schwachen verantwortlich. Dies ist ein grobes Mißverständnis. Das Christentum predigt das konkrete Mitleid, die Barmherzigkeit, keineswegs das abstrakte Mitleid, das sich in Gesellschaftsutopien bezeugt. Heutzutage muß sich der konkret Mitleidige, der dem Bettler ein paar Groschen gibt, von dem abstrakt Mitleidigen vorwerfen lassen, er finanziere den Erhalt eines Lasters, dem die gesellschaftlichen Grundlagen entzogen gehören. Ich bin freilich auch kein Freund der Bettelei. Es fiele aber deutlich leichter, die Groschen für sich zu behalten, wenn man wüßte, der Mann könne sich ebensogut, wie er seinen Hut hinhalte, als Erntehelfer verdingen.
Lassen wir also die Bettelei. Aber jemandem konkret in der Not zu helfen und zwar unabhängig davon, wie hoch man nun seine Schuld an seiner Situation veranschlagen mag, gilt zurecht seit alters als christlich. Dabei bezieht sich Nächstenliebe nicht nur auf Nächste im Sinne der eigenen Familie, der Heimat und des Volkes, sondern vor allem auch auf das konkret erfahrene. Wer im Angesicht einer Not hilft, verschenkt sein privates Vermögen. Ganz anders verfährt ein Parlament, das Milliarden für Hilfsprogramme bewilligt. Es handelt nämlich keineswegs mit dem Eigentum der Abgeordneten, sondern es verschenkt Dinge, die ihm überhaupt nicht gehören, die durch diesen Willkürakt erst geraubt werden. Aber hier erweist sich die Wahrheit des Spruches, daß unrecht Gut nicht gedeihe. Denn hier werden nicht nur die Steuerzahler beraubt, sondern auch jene, die in den Genuß der Transferleistungen kommen. Sie werden zu Bettlern gemacht und haben die Folgen zu tragen, daß ihre eigenen Fähigkeiten, Probleme und Krisen zu meistern, verkümmern. Daß Afrika seit Jahrzehnten im Chaos versinkt, hat seine Ursache darin, daß man einen ganzen Kontinent zu Bettlern gemacht hat. Jedes Geschenk zerstörte gewachsene Lebensstrukturen, die Landwirtschaft, den Handel, die allgemeine Moral. Wer in Afrika Kinder in die Welt setzt, hofft darauf, daß diese das System aushielte und auch daß genug für ihn abfiele, seien es nur genügend. Intelligenz und Bildung benötigen diese Kinder nicht, nur die Dreistigkeit und Raffinesse, vom Überfluß des Westens das ihrige einzufordern.
Das Evangelium fordert an keiner Stelle, die Welt »sozial« oder »verteilungsgerecht« zu gestalten. Es gibt Maximen für den persönlichen Umgang des Einzelnen, keine Anleitungen zu sozialen Experimenten. Im Gegenteil, die Ansicht, die Welt sei heilbar, wird als Unglauben ausdrücklich verworfen. Der Christ sucht sein Heil bei der Vergebung seiner persönlichen Schuld, nicht etwa in Verdiensten um fremde Völker, etwa den Kurden oder den Palästinensern.
Ich komme zum Ausgangpunkt meines Aufsatzes zurück. Ist die Überbevölkerung eine Bedrohung der Welt? Ja, sie ist es. Aber nicht der materiellen Welt, sondern der Kultur. Und zwar vor allem deshalb, weil sie das Übergewicht der Quantität über die Qualität, die Kennzeichen unseres Zeitalters ist, weiter verstärkt. Sie tut dies, indem Sie Geburtenförderer und Kondomfetischisten im materialistischen Ansatz vereint. Überbevölkerung und Gebärstreik sind aber zwei Seiten einer Medaille. Nicht die Masse der Menschen macht es, sondern ihr Reichtum an kulturstiftenden und kulturerhaltenden Fähigkeiten und ihr Opfermut, für das Wahre und Echte einzutreten.
Die Mächtigen unserer Zeit haben freilich kein Interesse an Menschen mit Kultur, Begabung und Charakter. Sie wollen keine Pyramiden bauen und auch keine Kathedralen. Sie wollen die allgemeine Verhausschweinung, wie es Konrad Lorenz so treffend gesagt hat. Hamster im Laufrad und Bettler sind gleicherweise erschreckende Vergewaltigungen des menschlichen Wesens, die nur durcheinander möglich sind und sich gegenseitig bedingen und verstärken. Unter den Bedingungen einer solchen Gleichschaltung werden alle natürlichen Stärken zu Behinderungen, und der Stoßtruppführer von einst endet als Heroinopfer in einer Toilette. Man kann nicht oft genug betonen, daß der Feind Christi zugleich auch der Feind des Menschen ist. Wer den Hedonismus predigt und die Transzendenz leugnet, hat es auf die Versklavung von Leib und Seele abgesehen.
Ein vom angloamerikanischen Völkermord-System befreites Europa wird wieder Not und Barmherzigkeit ins rechte Verhältnis setzen. Insbesondere wird sich wieder zeigen, daß die wahre Barmherzigkeit keine Abnahme leiblicher Mühsal sein kann, sondern die Spendung seelischer Befreiung. Diese besteht vor allem im Zeugnis des Glaubens. Der Mensch, der sich vom Heiland getragen weiß, kann niemals völlig »abstürzen«, wie es bei jenen, die in Abhängigkeit von Ämtern und Mehrheitsbeschlüssen leben, die Regel ist. Und der Mensch wird auch wieder zum rechten Verhältnis von Fruchtbarkeit und Enthaltsamkeit finden. Wesentlich bleibt, daß der Einzelne seine Not und die seiner Nachkommen einschätzen kann und sich vor Gott für sein Handeln verantwortlich weiß.