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  Uwe Lammla

Osterspaziergang

Wenn sich die Freunde der deutschen Dichtung eine Woche nach Ostern treffen – was läge näher als der Gedanke an den »Osterspaziergang«, den Monolog aus dem »Faust«, der als eigenständiges Gedicht Gemeingut des deutschen Volkes geworden ist. Wer am Ostersonntag auf den Beinen ist, kann nicht übersehen, daß der Brauch des Osterspaziergangs noch üppig gepflegt wird. Die Familien verlassen mit Kind und Kegel die Stadt, sind auf Feldwegen unterwegs, erklimmen den Hügel zum Bismarckturm, die Biergärten füllen sich, in Thüringen wird die traditionelle Wurst gebraten, die vom weiten zu schnuppern ist. Die Ambivalenz des Gedichtes ist alljährlich zu spüren, die Wintersmacht ist gebrochen, aber die Nächte sind kalt, und Eisschauer fegen zuzeiten über die noch recht blumenarme Flur. Die Menschen feiern die Auferstehung, weil sie, wie Goethe meint, selber auferstanden seien. Auferstanden aus der Bedrängnis des städtischen Lebens, aus wirtschaftlichen Sorgen und Abhängigkeiten, aus der Erstarrung einer nur als ehrwürdig empfundenen Religion. Nachdem Goethe die Bilder winterlicher Drangsal ausbreitet, schließt der Absatz mit dem Ausruf, die Menschen seien »alle ans Licht gebracht«. Die Lichtmetaphorik nimmt eine Schlüsselstellung in der abendländischen Philosophie ein, man denkt zuerst als Platons Höhlengleichnis, das uns von der Scholastik bis zu Heidegger begleitet. Die Aufklärung, englisch Enlightenment, sah im Licht der Vernunft die Befreiung vom Druck des Überkommenen. Gleichzeitig ist der Lichtträger Venus-Luzifer seit der Antike der Versucher und die Fackel des Todes. Goethe verbindet das Licht mit der Auferstehung. Das scheidet ihn von der Traditionsverwerfung der Aufklärung. Denn ein Licht, das aufersteht, kennt nicht nur die Dunkelheit des Todes, sondern auch ein Leuchten davor. Es handelt sich nicht um ein völlig neues, sondern um ein wiedererwecktes Licht. Außerdem bringt der Topos der Auferstehung ein leibliches Element in die Lichtmetaphorik. Es handelt sich nicht um ein kaltes Licht der Vernunft, sondern um das lebendige Licht der menschlichen Gemeinschaft.
Auf Fausts Feststellung, die Menschen seien ans Licht gebracht, folgt eine Beschwörung des Auges: »Sieh nur, sieh...« Allerdings deutet sich schon in der Wiederholung des Ausrufs ein verlorener Posten an. Der Begleiter Fausts ist Mephistopheles, der Geist der Verneinung, der Anwalt der ewigen Nacht, der den Dichter-Forscher schwärmen läßt und schweigt und dies wohl in der nicht unberechtigten Sicherheit, das albere Pathos werde schon bald sein Ende finden. Und richtig, Faust schwärmt von den geschmückten Menschenscharen, den Bergwanderern, den lustigen Bootsfahrten, aber dies alles zieht wie ein Spielfilm an ihm vorbei, er nimmt nicht teil, er wird nicht eingeladen, er bleibt der intellektuelle Betrachter eines Volkstreibens, das in seinem stilisierenden Wort immer mehr zur Parade wird. Die Menschen feiern, sie feiern die Auferstehung, sie feiern ihre eigene Auferstehung. Was folgt aus alledem? Mephisto grinst in sich hinein: Nichts!
Am Ende des zweiten Teils der Tragödie wird Faust wieder pathetisch monologisieren, diesmal nicht von feiernden, sondern von tätigen Menschen, Menschen, die Deiche errichten und Neuland schaffen. Wieder ist von Freiheit die Rede, von freiem Grund und freiem Volke. Mephisto weißt, daß die Geräusche, die dem erblindeten Faust Arbeiterscharen an den Deichen vorgaukeln, in Wahrheit von den Gräbern seines eigenen Grabes stammen. Der Traum von der besseren Welt ist grotesk gescheitert, aber Mephisto sieht sich am Ende doch um den Triumph betrogen. Obleich er die Nichtigkeit allen Strebens so stringent vorgeführt und bewiesen hat, wird ihm die Seele des Faust entrissen. Am Ende steht nicht die Logik, sondern die Gnade.
Wenn ich im Topos der Auferstehung die Wiedererweckung einer verschüttelten Tradition sah, so zeigt sich dieser Ansatz im »Faust« schon in der Wahl des Helden. Die mittelalterliche Figur mit starken Renaissance-Bezügen, wir Deutschen denken beim Begriff des Faustischen immer an Albrecht Dürer, aber auch an den Dichter-Schuster Hans Sachs, steht zwei Polen völlig fern: dem Rationalismus der Aufklärung, welcher die Welt entpoetisiert, und der Barockdichtung, welche Gefühl und Sitte in einem Wulst von poetischen Zitaten erstickt. Wir denken heute nicht mehr so vernichtend über den Barock wie die Stürmer und Dränger, die Epoche hat so bedeutende Dichter wie Andreas Gryphius und Johann Christian Günther hervorgebracht, und auch »Der abenteuerliche Simplicissimus« von Grimmelshausen ist ein Werk des Barock. Dies ändert aber wenig daran, daß um 1800 Allegorie und Prunk als als lebenserstickende Anti-Poetik galten und Herders Wiederentdeckung des Volksliedes zum Ausgangspunkt der deutschen Klassik werden sollte. Im Grunde befindet sich der Poet immer in einem solchen Zweifrontenkrieg: da sind zum einen diese, die Erbe und Überzeitlichkeit schlechthin leugnen und einem angeblich widerspruchsfreien und beglückenden Fortschritt entgegeneilen, zum anderen jene, denen die Fülle des Überlieferten unproduktiv wird, weil sie ihren eigenen Stand darin nicht finden und darum wie ein Schmetterling im bunten Feld von Zitat zu Zitat gaukeln. Was für die Klassiker Rationalismus und Barock waren, da nennt sich für den Poeten von heute Moderne und Postmoderne.
Die Poesie ist niemals Wiederentdeckung an sich, sondern immer Wiederbelebung im Geist des Eigenen. Auferstehung meint keine Restauration von toten Göttern, sondern immer einen Beweis des Lebendigen. Ich lade den Leser auf einen Osterspaziergang durch unsere dichterische Epoche ein. Sie beginnt, da sind sich Freund und Feind einig, mit dem Zusammenbruch von 1945. Man muß nicht dem Diktum von Adorno, nach Auschwitz dürften keine Gedichte mehr geschrieben werden, anhängen, um anzuerkennen, daß die Kapitulation der Wehrmacht einen nicht zu ignorierenden Riß in der Dichtung hinterließ. Das liegt nicht nur daran, weil in der Folge eine Fülle von antitradionalen Theorien in unser Land strömte. Verdrängt werden kann immer nur das innerlich Morsche. Und es ist offensichtlich, daß bei allen deutschen Dichtern ab 1945 ein eigentümlicher Kraftverlust zu beoachten ist. Dies gilt auch für Dichter, die dem Nationalsozialismus fernstanden und also im Nachkrieg zumindest partiell eine Verbesserung der geistigen Möglichkeiten hätten sehen müssen. Das erste Bild meines Osterspraziergang seien also die Lippoldsberger Dichtertage, wo sich jene versammelten, die der neuen Zeit zu trotzen hofften. Außerhalb des Klosters sieht man den »Fortschritt«, der nun nicht mehr mit roten Fahnen marschiert, sondern mit Automobil, Kühlschrank und Fernsehen. Zwischen »Wirtschaftswunder« und »Wohlstand für alle« kommen die neuen »Leiden des jungen Werther« von Übersee, der zeitgemäße Titel heißt Rock'n'Roll. Die Gitarre wird elektrisch, der Gesang mikrophonverstärkt, im Kloster werden die Fensterläden geschlossen.
Der Aufstieg der Pop-Kultur vollzieht sich zeitgleich mit einzigartigen Niedergang der deutschen Dichtung. Da gibt es einzelne Dichter, die tun, als wäre nichts geschehen, und sie wundern sich, daß sie niemand liest. Da gibt es andere, die meinen Dichtung sei notwendig Protest, und sie protestieren, aber nicht wie weiland Schiller bis zur Erreichung einer gewissen Reife, nein, sie protestieren bis ins Greisenalter und sei es dagegen, daß sie nun so alt sind und niemand sie versteht. Der Kommerz treibt völlig Unbekannte kurzzeitig zu höchstem Ruhm und läßt sie genauso unvermittelt kurz darauf wieder fallen, um einer neuen Mode Platz zu machen. Es entwickeln sich schließlich verschiedene Strömungen der Pop- und Protestkultur, die nicht nur einander folgen, sondern irgendwann gleichzeitig sind und einander überschreien. Die Dichter im Kloster wiederholen, daß früher alles besser gewesen sei und schließen die Fensterläden erneut.
Ich komme zum zweiten Bild meines Osterspaziergangs. In den späten siebziger Jahren schreibt in einem thüringischen Dorf ein junger Mann Gedichte, denen von allen, die sie zur Kenntnis nehmen, bescheinigt wird, sie seien nicht aus dieser Zeit. Richtig ist, daß die literarischen Streitereien seit 1945 in diesem Werk nicht vorkommen. Die Rede ist von Rolf Schilling. Anfang der achtziger Jahre beginnt er in einer Reihe von Reden, die er vor Freunden an mythisch und historisch bedeutsamen Stätten im Harz hält, seine Rolle als Dichter in der Welt zu erläutern. In seinem noch immer beliebtesten Buch »Das Holde Reich« meint er ein neues Reich zu stiften, das er freilich im nächsten Buch in mancherlei Hinsicht auf ein »Geheimes Deutschland« reduziert. Was hat das »Reich« mit der Dichtung zu tun?
Was der Deutsche unter Dichtung versteht, ist anderen Völkern nur selten verständlich. Ein besonderes Kennzeichen der Dichtung ist die Unübersetzbarkeit, gelingt es im Einzelfall in einer andern Sprache ein Gebilde vergleichbaren Rangs nachzudichten, so hat dieses seine Bedeutung durch eine geschickte Kompensation der Übersetzungsverluste. Bei einer Nachdichtung sind Verluste unvermeidlich, der Nachdichter muß also Fremdes hinzufügen, um eine vergleichbare Fülle zu erreichen. Das hat den paradoxen Effekt, daß manche Übersetzungen besser sind als das Original. Oft ist das schwer entscheidbar – und wer könnte in solch einer Frage Objektivität für sich beanspruchen? Dostojewski wird in Deutschland mehr geschätzt als in seiner Heimat, die Russen werfen ihm einen schlechten Stil vor, was die Deutschen gar nicht nachvollziehen können. Sollten beide rechthaben, wertet dies den Übersetzer auf. Shakespeare hat in deutscher Übersetzungen Wirkungen gehabt, die jene in seiner Heimat in den Schatten stellen. Und auch wenn es blasphemisch anmutet, Luthers Bibelübersetzung auch diese Reihe zu stellen, so muß man doch zugeben, daß ohne Luther unsere Vorstellung von der deutschen Dichtung jeder Grundlage entbehrt. Erst von Luther und in seiner Zeit wurde so gedichtet, wie es dann Martin Opitz in der »Deutschen Poeterey« beschrieben hat und wie später Goethe und auch heutige Dichter dichten.
Es lassen sich mancherlei strukturellen Eigenarten in der deutschen Sprache aufzeigen, die es als besondere Gnade erscheinen lassen, als Dichter deutscher Muttersprache zu sein. Die Frage, ob die Sprache den Dichter oder der Dichter die Sprache hervorbrächte, halte ich für falsch gestellt. In beidem bezeugt sich der Genius des Deutschen. Dies korrespondiert mit der Reichsidee, einer ebenso originär deutschen Angelegenheit. Rolf Schilling beginnt sein Buch mit der Betrachtung, daß es die Worte »hold« und »Reich« nur im Deutschen gäbe. Dies ist in der Tat ein merkwürdiger Umstand. Seit 1945 versucht man, das Wort »Reich« zwingend mit Adolf Hitler zu verbinden. Als die Türken vor Wien standen und Luther dichtete, »laß fahren dahin, das Reich muß uns doch bleiben«, kann er freilich kaum an den Braunauer Gefreiten gedacht haben. Was hat es also mit dem Reich auf sich? Das Reich ist eine coincidentia oppositorum des Nikolaus von Kues, es ist diesseitig und jenseitig, es ist volkhaft und universal, es ist konkret und allgemein, männlich und weiblich. Es ist der Widerspruch der Welt, aber auf deutsch geschrieben. Aus diesem deutschen Zentralmythos leiten sich alle Einzelmythen ab, so wie die Weltesche nicht gedacht werden kann ohne den Himmel, den sie trägt.
Im »Holden Reich« beschwört Rolf Schilling neben der Reichsidee zwei weitere Platonische Ideen als tragende Säulen: das Irrationale und das Aristokratische. Es ist hier nicht der Raum für eine explizite Buchkritik. Es sei darum nur angedeutet, daß in diese Ideen bereits die Relativierungen des Deutschen beginnen, die Rolf Schilling schließlich zu Shiva und Indien führten und damit recht weit weg vom Thema dieser Rede.
Aber nicht nur die Reichsidee war neu in der Nachkriegsliteratur. Auch das, was Ernst Jünger die »mythisch-heraldische Grundhaltung« Schillingscher Verse nannte. Wenn man es schlicht sagt, so ist dies der Mut, von großen Dingen groß zu reden. Das hatte in Kleindeutschland nach der Niederlage keiner mehr gewagt. Es ist aber die Grundvoraussetzung, um die Jugend zu begeistern. Und eine Dichtung, die keine Jugend begeistert, ist ohne Zukunft. Auch wenn ich als Autor den Widerredner nicht zu Wort kommen lassen muß, bin ich mit des feixenden Mephistopheles an meiner Seite sehr wohl bewußt. Er kommt nicht als Pudel und auch nicht aus dem Kamin, er hangelt sich durch spezielle Kabel. Mit der bunten Fahne von Mikrosoft macht er den Eckermann für meine Texte und bleibt dabei die Cloud für unsere amerikanischen Freunde. Er erschrickt nicht, wenn ich vom Reich erzähle. Er weiß sich jeder Fahne zu bedienen. Wenn es ihm opportun erscheint, läßt er auch einen neuen deutschen Nationalismus die Krim von dem bösen Putin befreien. Die Speerspitze der Bundeswehr wurde ja schon beschlossen und in der Ukraine wird auch schon geübt. Es ist ja richtig, die kulturzerstörende Wirkung des linken Emazipationswahn anzuprangern. Gefährlich wird es, wenn man übersieht, daß der Linke ein nützlicher Idiot der Wallstreet ist, und dabei selber zu solch einem Idioten wird. Der Feind des Lebendigen ist der Nihilismus, der Glaube an die große Zahl und ihre vielen Nullen, die Hoffnung auf ein übermächtiges Zentrum und den Segen einer effizienten Technologie. Der Feind des Glaubens ist nicht der Irrglaube. Jeder Irrtum kann berichtigt werden. Nicht aber die Behauptung eines umfassenden Relativismus, an dem jede Kritik abperlt. Der meint, jeder Glaube sei eine subjektive Angelegenheit und damit gleich richtig und falsch.
In meinen Osterspaziergang mischt sich ein Bild aus dem Mittelalter. Volker singt zur Harfe von Brunhild in Island, König Gunter, seine Brüder, Hagen und Siegfried lauschen. Daß das Nibelungenlied zu den bedeutendsten Dichtwerken überhaupt zählt, wird niemand bestreiten. Die Stoffe des Minnesangs und der großen Heldenepen speisen sich nur oberflächlich betrachtet aus der höfischen Welt des Mittelalters. Im Hintergrund führen die Mythen Regie, die aus der Völkerwanderungszeit stammen, einer Zeit von Gewalt und Chaos, von Verrat und wechselnden Loyalitäten, von Glaubenseifer und Verblendung, von großen Heerführern und apokalyptischen Stimmungen nebeneinander. Paßt diese Schilderung der Völkerwanderung nicht auf den Wahnwitz des 20. Jahrhunderts? Fehlt also nur eine mittelalterliche Ordnung, diese Stoffe in großen Epen zu bewältigen?
Ich spaziere in die Gegenwart. Eine ganze Reihe von Dichtern verschiedener Altersgruppen versucht sich wieder am deutschen Stoff. Seit ein paar Jahren gibt es eine Zeitschrift, in der auch jene zu Wort kommen, die nur ein Sonett beizutragen haben. Die Zukunft ist ungewiß, denn die Geschichte ist offen. Über das deutsche Wesen wurde schon mancher Unfug verbreitet. Ich erwähnte bereits, daß diese Sprache und diese Dichtung mit einem Genius korrespondiert. Der zeigt sich als Traumverlorenheit, aber auch als Eifer der Pflichterfüllung, in Fleiß und Erfindergeist wie in Treue und Beharrlichkeit. Ich bin überzeugt, daß das deutsche Wesen seine Aufgabe in der Geschichte noch nicht erfüllt hat. Und vielleicht werden künftigen Generationen die Katastrophen alter und unserer Zeit einmal als Prüfungen erscheinen, als notwendige Prüfungen auf der Quest zum heiligen Gral. Was der Gral sei, das sagt sich nicht, heißt es. Aber es ist zu hören, zu hören als Musik und Karfreitagszauber, immer wieder, wenn der deutsche Dichter anhebt zu singen.