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  Uwe Lammla

Rechts und links

Eine Glosse

Wir sind es gewohnt, die politische Welt im Dualismus von rechts und links zu verorten. Die Linke will Veränderung, die Rechte pocht auf den Wert des Bewährten. Freilich gibt es dabei allerlei Ungereimtheiten, die Ernst Jandl so trefflich mit seinem Gedicht Lechts und rinks durch den Kakao gezogen hat. Diese kommen zunächst einmal daher, daß das einzelne Individuum über manche Fragen links, über andere aber rechts denkt. Daß jemand sowohl in wirtschaftlichen, familiären, religiösen, sexuellen Belangen jeweils immer und eindeutig die eine Seite der Medaille preist, kommt kaum vor. Außerdem verändern wir uns im Laufe unseres Lebens. Während wir in der Jugend dazu neigen, uns gegen unsere Väter zu empören, ganz gleich wie diese nun objektiv zum Geschichtsverlauf stehen, werden wir irgendwann selbst Vätergeneration und müssen uns mit der Empörung der Kinder auseinandersetzen. Besonders verzwickt wird die Sache dadurch, daß die Begriffe links und rechts als Kampfbegriffe eingesetzt werden, um jemanden in seiner Umgebung, Stellung oder Partei herabzusetzen und zu isolieren. Dann können plötzlich Dinge rechts sein, die man gemeinhin eher bei Linken vermutet und umgekehrt. Paradox wird es leicht, wenn eine Oppositionsgewegung zur Macht gelangt, die aber nun nicht mehr passenden Rituale beibehält. Wer sich über Feinde definiert, muß zuletzt welche erfinden, damit sie nicht ausgehen.

Das Problem ist so alt wie die Welt. Die Klöster, die um der Armut willen gegründet wurden, werden schließlich an der Arbeit der befürfnislosen Hände reich. Dann gibt es Austritte und Neugründungen, und das ist gut so. Ernst wird es, wenn die Begriffe verabsolutiert werden und ihre immanente Hinfälligkeit außer Blick gerät. Dann läßt der Mensch sich recht leicht benutzen. Ich finde es immer wieder lächerlich, wenn sich die Autonomen, statt die Banken, Industrie- und Versicherungskonzerne anzugreifen, sich auf einen Feind einschwören lassen, der zum größeren Teil eine Projektion ist und zum kleineren eine pubertäre Peinlichkeit, über die man besser hinwegsehen sollte: ich meine die sog. Neonazis. Die so linken und mutigen jungen Leute merken gar nicht, wie sie sich für die Mächtigen einspannen lassen und außerdem einen Weg des geringsten Widerstandes einschlagen. Denn man kann sich im Kampf mit den Radaubrüdern von der anderen Seite wohl ein paar gebrochene Rippen holen, sicher aber nicht das Ende der Karriere oder eine Pleite für die ganze Familie.

Jenseits dieser Rituale lohnt es sich über die Begriffe rechts und links immer mal wieder philosophisch nachzudenken. Das hat aber auch viel mit der Bereitschaft zur Selbstkritik zu tun. Die ist leider bei den meisten Menschen nicht sonderlich ausgeprägt.