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  Uwe Lammla

Was ist ein guter Text?

Ein guter Text ist einer, der als guter Text empfunden wird. Diese Antwort klingt tautologisch. Wenn man jedoch in Rechnung stellt, daß Texte der Verständigung dienen, so scheint einleuchtend, daß der Wert einer Botschaft mit der Wahrnehmung dieser zu tun hat. In einer extrem verkürzten Interpretation dieser Aussage, würde man meinen, »Ja« und »Nein« seien die besten Texte. Aber die Welt ist keine digitale Matrix. Wir beobachten nicht nur, daß der Computer mit seinem Versuch, Sachverhalte in sein Strom-ein-Strom-aus-Muster zu zwingen, höchst umständlich vorgeht und regelmäßig an paradoxe Grenzen stößt, auch im Alltag ist uns das »Jein« eine Vokabel, die uns oft auf den Lippen und noch öfter im Herzen liegt.
Wenn die Welt komplex oder gar geheimnisvoll ist, so ist jede Aussage der Versuch einer Annäherung. Die Mittel, mit denen diese Annäherung versucht wird, sind selber komplex und geheimnisvoll, und die Theorien dazu sind Thema der Philosophie. Im Gang der Geschichte zeigt sich, daß die Modelle der Weisen aller Zeiten und Länder widerlegt sind, gleichwohl aber damit nicht erledigt. Denn die Philosphie läßt sich nicht auf den blinden Fleck im Auge des Philosophen reduzieren.
Die Literatur berührt sich regelmäßig mit der Philosphie, aber sie hat einen anderen Ansatz. Sie sucht Einwände nicht zu entkräften, sondern vergessen zu machen. Sie ist darum in besonderer Weise darauf angewiesen, daß der Hörer, der Leser, der Wiedererzähler »mitspielt«, dem Autor also vor der vollständigen Wahrnehmung eines Werkes den Bonus einräumt, der Aufwand der Wahrnehmung und Prüfung lohne sich. Ist der Autor bereits etabliert, wird dieser Bonus von Umständen bewirkt, die außerhalb des Textes liegen, ist er unbekannt, muß vom Text selbst die Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Ein Text, der nach wenigen Zeilen aus der Hand gelegt wird, hat sein Ziel verfehlt. Zwei Kunststücke muß der Text also bereits im Anfang realisieren, er muß glaubwürdig dartun, er habe einen beachtlichen Inhalt, und außerdem versprechen, die Form der Mitteilung sei für den Wahrnehmenen eine Freude. Wobei Freude natürlich im weiten Sinne zu verstehen ist, weil wir Freude auch an Erkenntnis oder an Anteilnahme bei freudlosen Dingen empfinden können. Ein schlechter Text ist oft ein falsches Versprechen, anfängliche Lust weicht einer bitteren Enttäuschung. Dies ist zum Bespiel der Fall, wenn einer spannenden Schilderung eine plumpe oder unglaubwürdige Konstruktion zugrunde liegt.
Im Zeitalter der Massengesellschaft gelten zwei Arten von Texten als gut, zum einen jene, die auf eine maximal große Zahl von Individuuen als »gut« wirken, zum anderen solche, die ein Kreis von Experten so einstuft. Ich halte dies für zwei Seiten einer Medaille, Trivialität hier und Esoterik dort. Der wirklich gute Text aber durchkreuzt die gesellschaftlichen Muster seiner Zeit. Er wendet sich an den Schuster wie an den Professoren, aber nicht an jedermann. Daß er viele Leute verfehlt, liegt an seiner forderten Haltung. Er lehnt es ab, dem Wahrnehmenden übermäßig zu schmeicheln, und verachtet die Rezepte, die sich oft als wirksam erwiesen haben. Dies bedeutet freilich nicht, daß es der gute Text darauf anlegt zu brüskieren. Er besteht auf einer bestimmten Schicht des Bewußtseins, er stellt die Resonanz (ein sehr passendes Bild aus der Wellenlehre) nicht mit Oberflächlichkeiten her.
Oberflächlichkeiten oder Gemeinplätze sind Erfahrungen und Ansichten, die in einer bestimmten Zeit und Kultur sehr allgemein sind. Diese sind nicht identisch mit dem Allgemeinmenschlichen. Zum Verfassen guter Texte gehört also zuerst die Einsicht, daß das Allgemeinmenschliche in jeder Kultur mit Masken auftritt, die von ihrem Hintergrund sorglich zu scheiden sind. Dies bedeutet nicht, daß der Verfasser guter Texte ein Thema, eine Örtlichkeit oder einen Charakter zu meiden habe. Gerade die Selbstverständlichkeiten einer Kultur werden geheimnisvoll, wenn sich der Autor von der Selbstverständlichkeit löst.
Der gute Text ist eine subtile Angelegenheit. Es gibt kaum Gewürze, die grundsätzlich verboten sind, aber sehr viele, die bei Überdosierung zerstören. Wichtig erscheint mir vor allem, daß der Autor Klarheit über seine Absichten und sein Publikum hat. Die Naivität ist eine große Macht, aber die Herstellung dieser hat mit einer überlegenen Position zu tun. Ebenso ist es mit den Gefühlen, die Darstellung von Gefühlen erwächst wiederholter Reflexion und keineswegs dem augenblicklichen Ergriffensein. Der gute Autor ist ein scharfer Beobachter und ein guter Zuhörer. Nichts ist banaler als die Schutzbehauptung, man müsse sich gegen fremde Einflüsse wehren. Der Verfasser guter Texte greift den Stier bei den Hörnern.
Ein guter Text wird nicht nur »verschlungen«, sondern bei Versen auswendig gelernt und einsam oder vor Freunden rezitiert, bei Prosa regelmäßig aus dem Regal gezogen und studiert oder gegebenenfalls zur Grundlage weiterer Texte verwandt. Ein guter Text besteht für sich und nicht durch den Anlaß, der ihn hervorbrachte. Dies bedeutet freilich nicht, daß der Anlaß bedeutungslos sei. Große und kleine Anlässe haben mythische Dimensionen, und es ist das Gütezeichen des Textes, daß er diese Dimensionen erlebbar macht. Der Text ist umso dauerhafter, je vielfältiger die Ebenen sind, auf denen er zu verstehen und zu genießen ist. Damit ist der gute Text auch ein Spiegel für den Leser, er findet, wie er selbst seit der letzten Lektüre gewachsen ist. Das ist ein großes Glück. Und ein Text, dem solches gelingt, wird noch von vielen Generationen als »gut« eingestuft werden, welche Mittel er auch immer für diesen Effekt verwendet.