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  Uwe Lammla
WIDER DEN ÄSTHETIZISMUS

Es ging mir als junger Mensch wie vielen anderen: Man glaubt über die Dinge der Welt frei zu urteilen und merkt dabei nicht, wie man sehr viele Urteile unkontrolliert von Autoritäten übernimmt. Immer wieder geschieht es, daß man solche Urteile bemerkt, hinterfragt und schließlich verwirft. Wenn man sich geistig weiterentwickelt, endet dieser Prozeß erst mit dem Tode. Oft ist darüber gestritten worden, ob die Erfahrung, das fortwährende Prüfen, das Entdecken und Verwerfen von Vorurteilen im Lebenslauf zu einer Radikalisierung der Weltsicht oder zu einer Relativierung führe. Ich glaube nicht, daß sich dafür eine allgemeine Regel aufstellen ließe. Ich glaube auch nicht, daß dies einzig eine Frage des Naturells des Urteilenden ist. Vielmehr glaube ich, daß die Zeiten sowohl in ihren Haupt- als auch in ihren Nebentendenzen, also die Leiter der Jahrhunderte wie der Jahrzehnte grundsätzlich verschieden zu beurteilen seien. Ein Urteil, das diesen Namen verdient, wird zunehmend nicht vom Wesen des Urteilenden, sondern vom Wesen des Gegenstandes bestimmt sein.
Bis vor zwei Jahren gehörte ein Satz zu meinen Lieblingszitaten, ich nutzte ihn gern und häufig im Gespräch. Er lautet: »Die Welt war immer ungerecht, aber sie war niemals so häßlich wie heute.« Vielleicht hat mich die große Zustimmung, die ich mit diesem Satze fand, mißtrauisch gemacht. Es sei wie es sei, ich lehne die Aussage dieses Satzes heute unbedingt ab.
Der Satz hat die Tendenz, die moralische Frage dahingestellt zu lassen und dem Verteidiger der Moderne in diesem Punkte wenigstens teilweise recht zu geben, um die ästhetische Ablehnung der Moderne zu behaupten. Es wurde auch schon behauptet, die ästhetische Revolte sei fundamentaler als jede moralische, im übrigen sei sie minder illusionär.
Ich möchte zunächst auf die Frage der Illusion und Realitätsgerechtheit eingehen. Daß der Mensch zwar einen unbestechlichen Sinn für das Schöne, jedoch nicht für das Gute habe, ist zwiefach falsch. Zum einen gibt es sehr wohl einen menschengemäßen Sinn für das Gute, zum anderen ist auch der Sinn für das Schöne sehr wohl korrumpierbar.
Die moralische Frage ist universell für den Menschen. Gerade die Philosophie Friedrich Nietzsches, die Ästheten immer wieder für sich bemühen, unterscheidet sich dadurch von den Erbsenzählern des 19. Jahrhunderts, daß im Zentrum eine Ethik steht. Die Grundfrage der Philosophie lautet: Wie soll ich leben? Deshalb sind die Aussagen der Philosophie immer imperativisch. Nietzsches Wille zur Macht ist ein Streben nach maximaler Entfaltung alles Seienden. Dies ist aber nicht das Bühnenbild des Parsifal und auch nicht der identitätsauslöschende Rausch des Tristan. Der Eindruck von Widersprüchlichkeit ergibt sich immer daraus, daß Nietzsche zum einen das konsequent Einzelne preist, das seine gesteigerte Identität gerade dem Absehen von allem anderen verdankt, aber zugleich dem Anderen rechtgibt, das in diesem Einzelnen notwendig eine Verirrung und Schrulle erblicken muß. Maximale Entfaltung des Seienden heißt eben auch maximaler Widerspruch. Um den Erscheinungen von einer höheren Warte gerecht zu werden, muß man einen Standpunkt »jenseits von Gut und Böse« einnehmen, das heißt, jenseits von dem eigenen Gut und Böse. Es ist ja gerade die Leistung Nietzsches, daß er immer wieder zeigt, daß der Philosoph und auch er selbst, keineswegs so frei von eigenen Interessen ist, wie er sich den Anschein gibt.
Aus der Gerechtigkeit jenseits von Gut und Böse folgt keineswegs ein Verzicht auf die Moral. Es wird lediglich gezeigt, daß die tradierte Moral persönlich und historisch beschränkt ist und eine universelle Moral gefordert. Eben eine, die dem Wesen der Welt entspricht und nicht dem Wesen des Philosophen.
Wenn die moralische Revolte als illusionär bezeichnet wird, so zielt dies im allgemeinen auf die Sozialutopien der letzten Jahrhunderte. Wenn man freilich den Gemeinplatz dieses Scheiterns genauer hinterfragt, stellt man bald eine große Leere fest. Im Grunde laufen die Abgrenzungsbemühungen darauf hinaus, daß Lenin und Hitler tot sind und immer weniger Anhänger finden. Das läßt sich von beliebigen anderen historischen Personen ebenso sagen. Lenins Behauptung, neue gesellschaftliche Verhältnisse brächten einen neuen Menschen hervor, erscheint mir nicht als widerlegt. Im Gegenteil, es lassen sich Entwicklungen ausmachen, die immer stärker in die biologische Substanz eingreifen. Wenn die Vermischung der Menschen unter anderen Prämissen erfolgt, wenn ein extremer Bevölkerungszuwachs auf der einen Seite einer Gebärverweigerung auf der anderen gegenübersteht, so bleibt dies nicht folgenlos, und man muß einräumen, daß die Urachen für diese Veränderungen durchaus im Leninschen Sinne gesellschaftlich sind. Ebenso ist die Ansicht Hitlers, eine solidarische Gesellschaft sei nur mit strikter Abgrenzung nach außen und einem Streben nach Homogenität im Inneren möglich, in keiner Weise widerlegt. Im Gegenteil: die offensichtliche Entartung der offenen Gesellschaft läßt immer mehr Jugendliche Identität in der Belebung alter Muster suchen.
Das Scheitern der moralischen Revolte wird mit dem Untergang von Staaten und Machtzentren begründet, der eine mangelnde Tragfähigkeit der geistigen Grundlagen offenbart habe. Der Nationalsozialismus ist aber nicht an immanenten Widersprüchen zugrunde gegangen. Im Gegenteil: alle übrigen Machtzentren der Welt haben sich gegen ihn zusammengeschlossen und ihn nach langem und verlustreichem Kampf zunächst militärisch, danach mit strafrechtlichen, wirtschaftlichen und erzieherischen Mitteln systematisch beseitigt. Im Kommunismus hat sich nur die sowjetische Variante zur Kapitulation im Kalten Krieg entschlossen. Die chinesische Variante führt hingegen den Kalten Krieg fort und ist auf dem besten Wege ihn zu gewinnen.
Sinnvoller als das Postulat eines Scheiterns moralischer Revolten, erscheint mir die Frage, wogegen diese historischen Bewegungen eigentlich revoltierten und wie tief sie dabei gingen. Dabei zeigt sich ein eigenwilliger Befund: sie revoltierten gegen Erscheinungen der Moderne wie Entfremdung, Entwurzelung, Klassengegensätze, Arbeitslosigkeit etc., aber sie stellten die Moderne nicht als solche in Frage. Im Gegenteil, sie meinten gerade durch Modernisierung die Gebrechen der Moderne zu überwinden. Dadurch wurden sie zu Spielarten der Moderne, zu Stromstellen der Beschleunigung auf der einen, zu Staudämmen der Potentialanhäufung auf der anderen Seite. Wenn Marx die Revolutionen als Lokomotiven der Weltgeschichte bezeichnet, obwohl in diesen Schlächtereien gerade die Produktivkräfte reihenweis vernichtet werden, die ansonsten für Marx das Zugpferd des Fortschritts sind, sollte uns das zu denken geben. Das Opfer ist die Mutter aller Entwicklung. Die Grundeigenschaft der Moderne ist die fortschreitende Dynamisierung aller beteiligten Identitäten. Da die Ursache aller Beschleunigung im Widerspruche bestimmt liegt, sind in jeder modernen Gesellschaft Abweichler und Gegner notwendige Voraussetzungen zur Fortführung des Programms. Die Moderne zerbricht eben nicht an ihren inneren Widersprüchen, sondern sie lebt geradezu von ihnen.
Was das Zeitalter der Verzweckung und Ausschlachtung in seinen verschiedenen geistigen Richtungen eint, ist die Ansicht, durch diese Entwicklung werde ein Reichtum geschaffen. Streit besteht lediglich darüber, wie dieser Reichtum verteilt werden solle. Eine wirkliche Absage an die Moderne setzt aber gerade an diesem Punkte an, sie weist darauf hin, daß diese Entwicklung nicht Reichtum, sondern Armut produziert, oder, wie Nietzsche sagt: Die Wüste wächst. Wer aber den Fortschritt zu immer größerem Verbrauch geißelt, tut dies gleichermaßen moralisch und ästhetisch. Dieser Fortschritt schafft nicht nur Ölteppiche und Abraumhalden, er pflanzt dem Menschen einen höchst verderblichen Begriff des Guten ein und läßt sie entsprechend handeln.
Wenn Nietzsche dem Platonismus unterstellt, er konstruiere einen Begriff des Guten, der dem Leben widerspreche, so bestreitet er damit nicht die platonische These, daß Gutes und Schönes im Absoluten zusammenfallen. Gerade daß Nietzsche mit seinem »Willen zur Macht« Monist ist, läßt eine Spaltung von Gut und Schön nicht zu. Ganz anders Schopenhauer, der meint, im interesselosen Anschaun der Kunst werde der Wille der Welt überwunden. Schopenhauers Lehre, die man auch als Bibel des Ästhetizismus bezeichnen könnte, wird von Nietzsche bereits zwingend widerlegt.
Es geht mir jedoch nicht um Schopenhauer oder seine Jünger. Es geht um die weitverbreitete Neigung der Konservativen, das Ästhetische als eine Nische zu benutzen, um einer Frontalkonfrontation mit dem Geist der Moderne auszuweichen. Jüngst las ich die Auffassung, die Niederlage der Deutschen ermögliche mit der Kapitulalition im Reich des Wirklichen eine verstärkte Innerlichkeit und damit ein größeres Schöpfertum in der Kunst. Abgesehen davon, daß dies historisch falsch ist, denn der politischen Niederlage folgten zahllose kulturelle und geistige, ist dieser Versuch, den Feind auf halbem Wege zu treffen, von vornherein zum Scheitern veruteilt. Sollte es richtig sein, daß das deutsche Volk im Kerne moralisch zu verdammen sei, so folgte daraus notwendig, daß auch die deutsche Kunst und Kultur wertlos und fadenscheinig seien. Ein Volk, dem der Haß auf alles andere konstitutiv ist, kann auch niemals geistig-ästhetisch vor Gott bestehen, es sei denn, man meinte, jedes Volk habe andere Götter.
Wer also meint, ästhetisches Gewicht zu beanspruchen und sich dabei um die moralische Frage drücken zu können, folgt dem Selbstverrat des Geistes bei Thomas Mann, der in seinem »Doktor Faustus« den Mythos kreierte, dem deutschen Wesen sei ein Teufelspakt immanent. Es fügt sich vortrefflich in diese Konstellation, daß Thomas Mann ein Anhänger Schopenhauers war und schon aus diesem Grunde zu Nietzsche nur Gemeinplätze produzierte. Wenn vor Thomas Mann vom »Faustischen« die Rede war, dann dachte man dabei vor allem an Albrecht Dürer, der in heroischem Fleiß die Kunst über sich hinausgeführt hat. Seine zahllosen Studien, sein inniges Wichtignehmen eines jeden Details zeigen eine Liebe, in der für einen Widerspruch von Gut und Schön kein Raum ist.
Wer also heute Kunst von Bedeutung schaffen will und sich als Künstler gegen die Moderne wendet, darf sich nicht mit dem Verdikt des Unzeitgemäßen begnügen, er muß auch das Verdikt des Verbrechers fordern. Sonst macht er sein Werk zu einer Schrulle, die man auch schon als »postmodern« bezeichnet hat, zu einer Äußerung ohne Gewicht und Belang.