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Aus »Orpheus. Tragödie«.   Vers 53274 bis 53486

ZWEITER AUFZUG. FÜNFTE SZENE


Orpheus, Hades, Persephone, Hermes.

HERMES: Da kommt er her, ich hab euch schon berichtet,
Doch gibts inzwischen weitres nachzuzusagen,
Er fühlt sich keinen Göttern mehr verpflichtet,
Gefällt sich in entsetzlichem Betragen.
Erst hat er unterm Stein die Wasserschlange,
Die dämmerte und nur zuzeiten stöhnte,
So eingelullt mit seinem Leiersange,
Daß sie ihm seinen Taxusstab verschönte.
Mit diesem Weiser hielt ihn keine Klippe,
Dem Acheron mit forschem Schritt zu nahen,
Dort hat riskiert er so die große Lippe,
Daß in Alarm, die diesen Hetzer sahen.
Der Fährmann drohte alles aufzugeben,
Hätt ich ihn nicht beschwichtigt mit Obolen,
Selbst was die Spinnen uns an Netzen weben,
Will dieser Räuber aus dem Reiche holen.
Und schließlich hat gehetzt er die Zypressen,
Sie mögen diesen Thron mit Macht zerschlagen,
Soll Kerberos den Unverschämten fressen,
Ich glaub, es gibt zur Sach nichts mehr zu sagen.

PERSEPHONE: Laß uns den so Beklagten erst vernehmen,
Zum Urteil hats gewißlich keine Eile,
Er scheint mir seltsam frisch vor all den Schemen
Und lief doch ohne Rast so manche Meile.

ORPHEUS: Ich grüß den Herrn der Nachtwelt und die Schöne
An seiner Seite, deren Weisheit preisen
Die Wurzeln wie die Wipfel, und die Söhne
Des Himmels weihn ihr ihres Schwertes Eisen.

HADES: Der Brauch will, daß ein Sterblicher gestorben
Erst trete her und Hermes ihn geleite,
Drum frage ich, was uns den Gast geworben.
Kommst du im Frieden oder her im Streite?

ORPHEUS (langsam und bestimmt):
Wo ich geboren bin und aufgewachsen,
Ists Brauch, daß Klagen man dem König bringe,
Wenn Richter trifft Verdacht des allzu Laxen,
Und Hochgebornen drohen Beil und Schlinge.
Weil das beklagte Unrecht so geschritten,
Daß einzig Hades kann es revidieren,
Hab ich die Vorinstanzen abgeschnitten,
Um Zeit nicht bei Vasallen zu verlieren.

HADES: So klag zuerst, wir prüfen dann die Klagen
Die wider dein Gebaren sind erhoben,
Wir wollen nicht die Einzelheiten fragen,
Weshalb wir einen runden Vortrag loben.
Sag uns, woher du kommst und welche Zeugen
Die Widerrede der Verleumder bannen,
Wir wollen uns allein der Weisheit beugen,
Denn nur die Torheit schilt uns als Tyrannen.

ORPHEUS: Ich komm aus Thrakien und des Flußgott-Fürsten,
Bin zweiter Sohn ich und des Thrones Erbe,
Die Haine der Rhodopenberge dürsten
Nach meinem Lied, in dem ich steh und sterbe.
Wer Demeter zur Mutter hat, wird kennen
Kalliope, die den Adonis-Hader
Geschlichtet, und sie meine Mutter nennen,
Darf ich und spürs in jeder roten Ader.
Ihr Griffel steht für herbe Elegien,
Drum wurde mein Gesang nicht der des Hahnes.
Ich spüre eine Macht zu Prophetien,
Was kommen wird und was sich neigt, ich ahn es.
Im Haine stieg Eurydike vom Baume,
Sie spürte, daß sie mein Gesang erfülle,
Ich kannte sie aus meinem frühsten Traume,
Sie ließ für mich des Hages Laubicht-Hülle.
In dieses Glück brach Hermes unverzüglich,
Mich in den Krieg um Kolchis fortzutragen,
Der Anspruch und der Feldherr schienen trüglich,
Doch fronte ich und wagte keine Klagen.
Die Jahre rannen, doch mein Herzblut wachte
Auf Leierklang, der spricht mein Wiederkehren,
Als es geschah, der ganze Hofstaat brachte
Dem Paare Gruß und allerhöchste Ehren.
Doch als nun Frieden lockte mit Gedeihen,
Den König hoffen ließ auf seinen Enkel,
Kam Aristaios, die Moral von Haien
Im Sack und suchte Kurzweil und Geplänkel.
Eurydike, zu schwach, um sich zu wehren
Sah Heil im Fliehn, der Tritt nach dem Reptile
Gab der Moira Grund, das Garn zu scheren,
Doch war es eine Falle, daß sie fiele.
Denn daß der Schutz der Ehrbarkeit sich mische
Mit solcher Fahr spricht wider alle Sitte,
Noch eben saß sie heiter an dem Tische,
Kabalenhaft die Flucht aus unsrer Mitte.
Drum bitt ich das Gebieterpaar der Schatten
Des Freispruchs für die Oread zu walten,
Eurydike zu einen mit dem Gatten,
Den Königsstamm der Thraker zu erhalten.

HADES: Das Schicksal rührt mich sehr, obgleich die Würde
Des Totengottes niemand neid um Kunde
Von Härte, Leid, Verzweiflung, Furcht und Bürde,
Hier klagt das Sieche laut wie das Gesunde.
Als Frevler klag ich an den geilen Gecken,
Und Nemesis wird die Beschmutzung sühnen,
Auch jenen, die solch dreiste Schlingen strecken,
Droh einst das gleiche Los im tückisch Grünen.
Allein Geschehnes ungeschehn zu machen,
Hab ich kein Recht, denn sieh, würd ich gestatten
Eurydike in deinem Arm zu lachen,
So trägt die Erd gar viel betrogne Gatten.
Und kämen alle her, um zu verlangen,
Daß ich das Unrecht beßre und entschulde,
Ich müßte für die Treppenstufen bangen,
Und niemand weiß, wie lang ich dies erdulde.
Auch könnten dann die Toten, was vergessen
Zurück sich holn, denn alle Weltgeschichte
Bewahren, und ich weiß dies wohl, Zypressen
In ihres Holzes ungeheurer Dichte.
Nicht nur, daß praktisch keiner es bewältigt,
Rückwirkend allem Unheil zu entgehen,
Denn wie sich zwar der Frevel vervielfältigt,
Auf seinem Grund auch neue Rechte stehen.
So bringt der Eingriff in die Weltgesetze
Nur Wirrnis und macht so das Recht nicht besser,
Ein Gott zu sein, bedeutet: nicht verletze,
Denn tiefer schneidet deiner Willkür Messer.
Ich weiß, daß diese allgemeinen Fragen
Den Bittenden nicht trösten, ihm nicht nützen.
Doch glaube mir, wir alle müssen tragen
Und was wir tragen vor uns selber schützen.

ORPHEUS: Ich danke für den Blick in eure Seele,
Mir war nicht klar, was ich euch zugemutet,
Doch ihr erlaubt, daß ich euch nicht verhehle,
Wie sehr es mir in meinem Herzen blutet.
Wenn ihr gestattet, mög dem hohen Paare
Die Sangeskunst nicht vorenthalten werden,
Seit ich mit Liedern durch die Wälder fahre,
Verlangen dies die Hirten wie die Herden.
(Hades nickt, Orpheus singt):
Ein Baum steht tausend Jahr im Frohgemuten,
Er widersteht den Vögeln, Pilzen, Käfern,
Zu bluten
Bringt rasch den Geist zu Schläfern.
Eurydike war so von höchsten Gnaden
Und lachte grün mit jedem Frühlingstriebe,
Zum Schaden
Warn Opfer ihr und Liebe.
Wenn das Verhängnis ist die Menschenbürde,
So hab ich sie mit meinem Lied erschlagen,
Sie würde
Noch lange Blüten tragen.
Ich habe ihr die Liebeslust versprochen,
Und sie verfiel mir, meinen Wunsch erhörend,
Gebrochen
Hab ich den Eid schon schwörend.
Drum denk ich, ist mit dieser Schand erläutert,
Das Los als großes Unrecht unterm Himmel,
Er meutert
Wie Zunder oder Schimmel.
So will ich nun als Schatten gehn und büßen
Den kleinsten Teil von meinem großen Frevel,
Vom Süßen
Mich kehrn zu Pech und Schwefel.
Und dringt von mir die Kunde je nach oben,
So laute die, man tilg die Gottesgaben,
Das Loben
Soll man ganz tief vergraben.
Der Reim von dieser traurigen Geschichte
Sagt, daß die Kunst uns einzig führt zum Tode.
Vernichte
Die Elegie, die Ode!

HADES:
Unsagbar schön, ich möchte gehn und weinen.
Warum ist alle Traurigkeit so traulich?
Warum will uns der Schmerz das schönste scheinen?
Sag Herz, wie zeigt sich diese Einsicht fraulich!

PERSEPHONE: Der Widerspruch dem Apfel macht die Kerne,
Er schneidet sich durch jeglichen Gedanken,
Wir meinen, daß die Treu ihn halt uns ferne,
Doch nichts macht frei vor den geheimen Schranken.
Im Haupte stehn als Feinde Recht und Treue,
Das Herz will, daß die Lyra nicht verklänge,
Auch wenn ich auch das Gift der Lüge scheue,
Es scheint, als ob es mir die Wahrheit sänge.
Die Wahrheit ist nicht nur die Aktenlage,
Der Weise kennt nicht nur die Bleigewichte,
Tief widersprüchlich ist der Sinn der Sage
Und unsre Stellung in der Weltgeschichte.
Wenn uns Verstand im Stich läßt, muß im Herzen
Ein Stärkres sprechen wider Brauch und Sitte,
Ich möchte eher alle Macht verscherzen,
Bevor ich unerbittlich um sie stritte.
Zu stolz war Aristaios, um zu haschen
Die Fliehende: Gelegenheit gibts weitre!
Nur Orpheus sah das Antlitz falb veraschen,
Und wer die Schlinge legte, daß sie scheitre,
War wohl kein Mensch, es wissen nur die Götter
Vom Paare abgesehn von diesem Tode,
Wie wir entscheiden, hört gewiß kein Spötter
Drum fürchte nicht die Revisionslust-Mode.
Im Einzelfalle das Gesetz zu brechen,
Erscheint mir milder als das Musenende,
Man hüte sich, unmöglich auszusprechen,
Wenn man sich selber bindet seine Hände.

HADES: Dem Manne ists beschieden, daß er liebe,
Die List des Weibes schafft ihm dumpfes Grauen,
Doch ist es eigentümlich seinem Triebe,
Auf dieses Graun sein stolzes Haus zu bauen.
Ich will mich der Natur nicht widersetzen,
Auch wenn ich weiß, ich werd es bitter büßen,
Drum werd ich heute das Gesetz verletzen
Im Rausch am Holden und am Bittersüßen.
Eurydike sei frei, mit Hermes trabe
Sie nach der Sonne hinter deinem Schritte,
Doch höre, was ich dich zu warnen habe,
Denn ich gewähre keine weitre Bitte:
Sieh nie dich um, wenn du die vielen Stufen
Hinaufgehst, eh die Amsel mailich flötet,
Wagst dus, die Unsichtbare anzurufen,
So hast du sie für immer dir getötet.
Ich schließe die Verhandlung und ich gehe.
Ich will nicht hören, was da sonst verbrochen.
Der Tag mit seiner Nacht davor verwehe!
Nun gehet hin! Der König hat gesprochen.